Was ist im Topf?

Notizen zu Erzählungen, Alltag und der weiten Welt.

 

Irgendwo im Nieselregen liegt zwischen Wildschweinspuren und zerfleddernden Supermarktbroschüren ein kleines, quietschendes Blog. Dieses. Für alle, die sich, warum auch immer, in diese Hütte im Netz verirren.

12.08. 2019 Das letzte lebende Filmgenre

Die Frage klingt schnell wie der ungewöhnlich flaue Witz eines ungewöhnlich faulen Kabarettisten mit lustig aufgerissenen Augen: „Wie kommt es nur, dass Horrorfilme gerade so erfolgreich sind?“ Aber ein bisschen komplizierter ist es dann doch:

Wenn es um die erzählenden Künste geht, wird spätestens seit der Jahrtausendwende immer wieder mal der ein – bis dreistündige, in sich abgeschlossene Spielfilm als Form für tot erklärt. Als einer der Ersten tat sich da Paul Schrader hervor, der trotzdem immer noch relativ unbeirrt Spielfilme dreht. Ohne in diese Debatte an dieser Stelle einzusteigen, trotzt ein klassisches Genre unübersehbar dem Trend: eben der Horrorfilm

In den aktuellen Jahrescharts findet sich weltweit ein einziger Originalstoff unter den beliebtesten Filmen, es ist der fiese, kleine Horrorfilm „Us“/“Wir“ von Jordan Peele. Auf späteren Plätzen folgen dann Stoffe wie „Midsommar“ oder „Ma“.

Wenn es um Franchises geht, kratzt zwar kein Horrorfilm auch nur annähernd an den Monsterhits aus dem Hause Disney, aber ungewöhnlich viele Stoffbiotope, die nach der Jahrtausendwende entstanden sind, gehören zum Genre: vom verdammten „Conjuring – Universum“ (dieses Jahr bisher zwei erfolgreiche Filme) über „Glass“ bis hin zur schnell produzierten Fortsetzung „Happy Dead Day 2 u“. Nur die „Pets“ und die notorischen Klopper aus der „Fast & Furious“ – Welt leiten sich von ähnlich frischen Stoffen ab, verglichen mit den 22 Jahren „Men in Black“ (wenn wir nur die Kinofilme zählen, nicht das zugrundeliegende, sehr andere Comicbook), den 25 Jahren, die „Der König der Löwen“ und „Aladdin“ auf dem Buckel haben, den 57 Jahren, die „Spiderman“ schon unter uns weilt und „Dumbos“ stolzem Alter von 79 Jahren.

Nirgendwo werden Arthousewestern gezeigt, aber Arthouse – Horror („Suspiria“, „The House that Jack built“, „The dead don`t die“) hält Traditionskinos am Leben. Uns fehlen Science  Fiction – Satiren, aber Horrorsatiren wie „The Purge“ oder (wesentlich mehr Witz) „What we do in the shadows“ gehen multimedial in Serie. Und Empowermentfilme ohne Vampyre verblassen gegenüber dem klug schwarzweißen „A girl walks home alone at night“.

Warum ist das unheimliche Genre das einzige, um das wir uns keine Sorgen machen müssen (Superhelden jenseits von Marvel haben keine besonders guten Karten, siehe „Hellboy“, und der klassische Animationsfilm könnte durch neue Formen à la „König der Löwen“ oder „Dumbo“ abgelöst werden)? Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der unheimliche Film, das ewige Stiefkind, in den Kinos das Licht ausmacht, bzw. wieder anknipst? Noch vor dreißig Jahren wurde speziell er durch Home Entertainment, durch verschämtes, kostengünstiges Ausleihen im Pulk am öden Freitagabend am Leben gehalten (hat überhaupt jemals jemand einen „Nightmare on Elmstreet“ – Film im Kino gesehen?).

Nun leben wir, siehe oben, in Zeiten, in denen es an Schocks und alptraumartigen Situationen und Szenarien nicht unbedingt mangelt. Ein Ergebnis davon ist, dass unsere Krimis tendenziell immer brutaler und verworrener werden. Horror (oder, wie viele mittlerweile wieder favorisieren: Grusel) hat den Vorteil, dass das Genre dazu gemacht ist, unmittelbar und ohne rationalisierende Erklärungen von existentiellen Verunsicherungen und die bisherige Realität sprengenden Erfahrungen zu erzählen, die mindestens zum Teil angstbesetzt sind (so würde ich das Genre definieren).

Nur boomt das Genre eben nicht in der Literatur (bzw.: noch nicht wieder, warum auch immer), es berappelt sich lediglich wieder nach gut zwanzigjähriger Flaute, und auch was audiovisuelle Serien angeht, glänzt es gerade einmal mit ein, zwei Hits („American Horror Story“, „Black Mirror“) und ein paar Achtungserfolgen (wie „Spuk in Hill House“). Es gibt deutlich mehr Serien über bspw. die lustigen Erlebnisse von Patchworkfamilien. Ein Boom sieht anders aus.

Nein, es geht um das Kino, um das soziale audiovisuelle Event, das ansonsten mit Förderungen, Sonntagsreden und den von ihnen unterfütterten Festivals am Leben gehalten wird.

Warum?

 

Zum Einen profitiert sicherlich der Horrorfilm besonders deutlich von einer großen Leinwand in einem dunklen Raum. Und vom Ton wollen wir gar nicht erst anfangen. Vor allem aber geht es um die Konzentration in der Summe. Die überreizte, ängstlich detailversessene Wahrnehmung, die das Genre voraussetzt, lässt sich mit Dazwischenplappern und Ablenkungen kaum erzeugen (einer der Gründe, übrigens, warum Horrorfilme früher auf Video so einen Erfolg auch unter ängstlicheren Zuschauern hatten). Cineasten sind, ohne es zu merken, in der Regel mehr als geübt darin, von einem kleinen, unscharfen Bildschirm auf 35mm hochzurechnen, sie bilden sozusagen eine innere Leinwand aus. Bei einem Horrorfilm dagegen geht der sinnliche Eindruck in die Eingeweide – bei den meisten Filmen muss ich nachdenken, in welchem Medium ich sie kenne, bei Horror weiß ich es immer – „Alien“ ist im Kino ein anderer Film, und den Reiz von „Halloween“, der ganze Subgenres begründet hat, habe ich (nach drei Bildschirmsichtungen im Lauf von drei Jahrzehnten) erst bei der Wiederaufführung vor einer Leinwand verstanden.

Damit zusammen hängt die Ohnmacht des Zuschauers. Achterbahnen mit individueller Fernbedienung für die Passagiere würden tagelang auf ihrem höchsten Punkt stehen bleiben, Loopings auslassen oder sich auf halber Strecker immer wieder mal zur Hälfte leeren. Horrorfilme leben davon, dass es nicht in deiner Hand liegt, ob der Film weitergeht, dass das Geschehen sich zuspitzt, auch wenn du das in diesem Moment nicht willst – du kannst hinausgehen oder dir die Augen und Ohren zuhalten, aber die Abgabe der Kontrolle gehört zum Reiz der Erfahrung.

Wenn es nach mir als Kinozuschauer ginge, würde Jack in „The Shining“ niemals die Tür zum Badezimmer öffnen, die grimmige Unausweichlichkeit haben Szene und Film nur im Kinosaal. Und umgekehrt habe nicht nur erst auf dem kleinen Bildschirm in „The House that Jack built“ hineingelinst (und nach der Hälfte ausgeschaltet).

Dazu passt, dass die im Kino reüssierenden unheimlichen Filme vor allem im Vergleich zu unseren Videomutproben mit Lucio Fulci in der Grundschule zu einem verhaltenen Tonfall neigen. Sie sind eine deutliche Abkehr vom Terrorkino der Jahrtausendwende. Damit ist nicht nur der Verzicht auf Splattereffekte gemeint (etwa die Hälfte der hier gemeinten Filme erlaubt sich ein, zwei drastische Szenen – und erreicht selbst damit in dieser Hinsicht häufig nicht einmal „Tatort“ – Niveau), sondern der geradezu gedämpfte, introvertierte Tonfall selbst und gerade bei potentiellen Krachern wie „A quiet place“. Die Horrorfilme der derzeit dominierenden Firmen (siehe unten) sind  in der Regel tatsächlich Werke, die, wie das klassische Programmkinoprogramm, für ein Sofa voll mit Ablenkungen zu ruhig sind. In einem Kinosaal dagegen, und sei er noch so klein, extrem eindrücklich wirken. So sind sie mindestens ideales Kanonenfutter für die Kinos.

Denn die Kinos müssen ihre großen Filme in großen Sälen und zu Stoßzeiten zeigen. Die Verleiher legen ihnen immer schmerzhaftere Daumschrauben an. Wie kann da der übriggebliebene kleine Saal oder die übriggebliebene Vorstellung am späten Abend gefüllt werden? „Avengers: Endgame“ darf dort in den ersten Wochen nicht gezeigt werden, und ist in den späteren Wochen dafür viel zu lang. Aber für einen Horrorfilm sind die drei Sitzreihen um 23.00 ideal.

Nicht umsonst bestehen die neuen Grusler aus relativ kleinen und relativ kurzen Filmen.

Früher hieß es gerne, die optimale Grundlage für einen Spielfilm sei eine Erzählung. Mittlerweile hat sich auch beim Publikum herumgesprochen, dass Romane für eine zweistündige Verfilmung zu lang sind, und zur üblichen filmischen Form für umfangreiche Stoffe mit komplexen Entwicklungen und eindrücklichen Figuren wurde, mit welcher Weisheit auch immer, die Fernsehserie.

Die Begründer des Horrorgenres Poe, M. R. James und Lovecraft, schrieben durch die Bank nicht einen ausgewachsenen Roman, und seine weiteren frühen Vertreter, wie Bierce, Doyle, Le Fanu, Saki schrieben zumindest keine Romane in diesem Genre. Der einzige frühe Querschläger ist „Dracula“, auch wenn er eigentlich (wie „Frankenstein“, „Melmoth“ oder „Die Elixiere des Teufels“) eher zum Schauerroman gehört, und es ist sicher kein Zufall, dass er angeblich der am Häufigsten verfilmte Roman überhaupt ist. Es gibt viele großartige Horrorromane, aber in keinem anderen Genre ist die Herrschaft der Erzählung ähnlich deutlich, und selbst heutigere Größen wie Clive Barker und Neil Gaiman haben ihre Romane im Nachbargenre der Fantasy geschrieben und sich bei ihren literarischen Alpträumen an kürzere Formen gehalten.

Kurz: Das Genre eignet sich hervorragend für kurze, intensive Geschichten, die eine unwirkliche Grenzerfahrung in ihrer emotionalen Tragweite ausloten. Es sind im Kino im Moment extrem filmische Originalgeschichten (häufig um erzählerische Gags gebaut, die in anderen Medien nicht funktionieren würden: „lights out“, „Oculus“).

Und diese Geschichten lassen sich vergleichsweise günstig produzieren. Nicht wirklich günstig nach dem üblichen Sprachgebrauch im Alltag, natürlich, aber günstig nach den Maßstäben der teuersten Kunstform der Geschichte (wenn wir Kathedralen, Pyramiden und Legobausteine aus Diamantensplittern als eine andere Baustelle betrachten).

Es schwirrt hier und da die irrige Annahme herum, Horror bräuchte teure Monster, aber ausgerechnet teure Monster sind das finanziell unzuverlässigste Subgenre des phantastischen Films (fragt Tom Cruise und die Mumie).

Nein, eine romantische Komödie jenseits von Mumblecore kann durch Stars, Sonnenuntergänge über Inselbuchten, riesige Altbaulofts, in denen abgebrannte Singles leben und eine Million Kerzen, die zwischen zwei Szenen in einer regnerischen Nacht ums Bett herum aufgestellt werden sehr teuer werden. Von Kostümepen oder Superhelden ganz zu schweigen.

Das Horrorgenre lebt ganz vom präzisen Einsatz seiner Mittel, und so ist es das einzige Genre, in dem die Klassiker in der Regel Low Budget – Filme sind (hier ein paar unwirkliche Zahlen für diese geisterhafte Welt): von „Carnival of souls“, der 1962 30.000 Dollar gekostet haben soll, bis hin zu dem angeblich 100.000 Dollar teuren „The night oft he living dead“. In jüngerer Zeit, mit gefälschten Dokumentationen auf Video, hat sich der unheimliche Film endgültig zum Traum hechelnder Investoren entwickelt: „The Blair Witch Project“ (1999, 50. 000 Dollar Budget) und „Paranormal Activity“ (2004, 15.000 Dollar) gelten als die lukrativsten Filme, die je gedreht wurden. Und selbst eine prestigeträchtige Hochglanzproduktion wie „The Babadook“ kostet mit 2 Mio Dollar so viel wie 20 Minuten der (großartigen) Fernsehserie „Legion“. Und wenn ich Probleme mit „Get out“ habe, hat er doch  mit 5 Mio Dollar so viel gekostet wie 20  in meinen Augen sehr viel problematischere Minuten der letzten Staffel von „Game of Thrones“ (zum Vergleich: der letzte „Avengers“ wird dagegen auf Kosten von unterm Strich etwa 400 Mio. Dollar geschätzt).

Solche Renditen ziehen schlechte Menschen und schlechte Filemacher an, und so gibt es in keinem Genre (das im vorderen Bereich von Videotheken verliehen wurde) mehr Schund als in der unheimlichen Phantastik. Dafür gibt es in keinem anderen Genre eine ähnliche Dichte an dichten, ästhetisch ökonomischen Spitzen.

Häufig genannte Argumente gegen „Ekel“ (den Film) reichen von Catherine Denevue bis zu Roman Polanski, aber niemand bestreitet, dass es ein äußerst stilbewusst und sorgfältig gearbeiteter Film ist.

Wie ein geduldiges Publikum in diesem Meer aus Schott immer wieder die Perlen findet, lässt einen beinahe an den Markt glauben, oder zumindest an Fankulturen. Tatsächlich ist dieses harmonische Aufspüren der guten Filme seit der Jahrtausendwende durch „Französisches Exzesskino“ und „Torture porn“ so in Mitleidenschaft gezogen worden, dass sich die Zuschauer im Moment eher an einige verlässliche, vielleicht ein wenig gediegene Firmen halten.

 

Die Firmen, die diese bösartig schlummernden Perlen im Moment produzieren, sind die klassischen „Indie“ – Firmen, immer mit einem Bein auf dem „Sundance“ – Festival, neben dem aktuellen Grusler immer auch zeitgleich und zum Teil mit dem gleichen Team mit der nächsten Tragikomödie über jugendliche Außenseiter in der Provinz beschäftigt – das gilt vom trashanfälligen Platzhirsch „Blumhouse“ („Insidious“, „Get out“ und „BlackKklansman“) über den schrägen Kunstsalon A 24 („Hereditary“, „The Witch“ einerseits, andererseits „Moonlight“ und „Ladybird“) bis hin zum Programmkino – Monument Focus Features („Sinister“, „Greta“ und „Phantom Thread“). Was die unseligen Weinsteins einst in zwei Partnerfirmen, „Miramax“ und „Dimension“ aufteilten, in Mainstream an der Grenze zur Filmkunst (oder umgekehrt) und gruseligen Genrestoff, das mischen die heutigen Grenzgänger munter ineinander – wer beim elegischen Experiment „A ghost story“ auf  Spannung hofft, sitzt im falschen Film, aber hat vielleicht trotzdem eine interessante Zeit. Dieses Irrlichtern spiegelt sich bis in die Besetzung hinein: Ethan Hawke und Toni Colette sind nicht gerade Stars für schrille B – Filme. Ein beunruhigtes, anspruchsvolles und ästhetisch aufgeschlossenes Publikum, das grobe Effekte nur in kleinen Dosen akzeptiert, taucht beim Betrachten dieser Filme in milde schlechte Trips ein und denkt über die Welt nach. Das gefällt nicht allen Genreliebhabern- Traditionalisten lästern gerne, die neuen Horrorfilme wären in keiner Hinsicht intelligenter oder künstlerischer als die Klassiker, nur einfach viel, viel langsamer.

 

Beim letzten mindestens untoten Kinogenre geht es mittlerweile weniger um Begeisterungs- oder Entsetzensschreie als um die nachdenkliche Beschäftigung mit ängstlichen Gedanken , gerade sinnlich und süffig und genug, um besser zu sein als Zittern ohne Filme. Wir sehen uns im schönen Schein der schönen Schatten.

21.07. 2019: "unfucktheworld" in Kreuzberg

Hier geht es nicht um fröhlich hämische Polemik: Ich wollte das „Town Hall Meeting“ in der Berliner „Markthalle IX“ am 17.07. mit dem Schwerpunktthema Klimaschutz unter dem Titel „Unfucktheworld“ gut finden und ich will es immer noch, aber es geht halt nicht. Nach tagelangem Grübeln ob und warum ein Blog darüber sein sollte, hier ein paar skizzenhafte Eindrücke:

Die „Markthalle IX“ in Kreuzberg ist eine Markthändler für Delikatesshändler (heute mal kein Binnen – I) zu der eigene, offizielle Wegweiser für Touristen führen. Im Unterschied zu entsprechenden Örtlichkeiten bspw. in München, nennen sich die Gourmets hier „Foodies“ und sind ein bisschen jünger, und die Stände geben sich ein bisschen schnuftiger und nachhaltiger: Preise werden mit bunter Kreide und Blümchenverzierung auf Tafeln geschrieben, über denen auch schon einmal ein schlauer Spruch von Paolo Coelho klebt, Metzgereien und Bäckereien bezeichnen sich als „gläsern“ (d.h.: sie lassen sich auf die Finger schauen, allerdings nicht beim Schlachten) und die meisten Produkte sind entweder bio, fair oder regional (und kommen zum Beispiel aus der Uckermark, der „Toskana des Nordens“). Alle sind von erlesener Qualität und alleine dadurch Teil des Kampfes gegen die Wegwerfgesellschaft (und das stimmt vermutlich). Alle sehen appetitlich aus (auch und vor allem die Brettchen aus Olivenholz) und sind schön und teuer.

Die „Markthalle IX“ hat es vor ein paar Wochen in die bundesweiten Schlagzeilen geschafft, weil zwischen den Kuchenmanufakturen und den Bio- Smoothies sich auch noch eine „Aldi“ – Filiale hält. Anders als in den Nachrichten suggeriert, ist das eine Filiale mit dezentem Neonlicht und mehr Platz zwischen den Regalen als anderswo zwischen Obst und Bier. Ja, es wuseln einige abgerissene Gestalten herum, und ein paar von ihnen sind auch arm, aber deutlich weniger als an anderen Ecken von Berlin und ungleich weniger als zu früheren Zeiten in der Markthalle, als sie noch voll von authentischen Krempelläden war und noch niemand ohne rot zu werden (oder Museen zu meinen) für „kuratierten Käse“ warb. Für den Erhalt des „Aldi“ kämpfen zumindest als Motoren des Widerstands die gehobeneren Kreise, die in den letzten Jahren in den Kiez gezogen sind. Denn sie wollen sich nicht als Snobs fühlen. Und vor allem wollen sie zumindest hier und da bei „Aldi“ die Sachen kaufen, die sie an den Markständen nicht kaufen und dann extra nicht noch einmal los (mit welchem dialektischen Dreh ausgerechnet Discounter für manche  zum nachhaltigen Leben dazugehören, werde ich nie verstehen ).

In jener Markthalle fand vergangenen Mittwoch nun ein „Town Hall Meeting“ statt, also angeblich eine Bürgerversammlung wie bei „Asterix“ oder den „Gilmore Girls“, mit dem in meinen Augen etwas anstrengenden Titel „Unfucktheworld“ (das ist, hoffentlich, richtig geschrieben. So schrieb sich zumindest der alles andere als anstrengende, sehr schöne Song von Angel Olsen aus dem Jahr 2014, ein trauriges Liebeslied. Es gibt auch noch eine vermutlich nicht identische amerikanische Bewegung namens „Unfuck The World“, die „positive local action“ verstärken will), das einladende Logo des Events war konsequenterweise ein gestreckter Mittelfinger. Die Stimmung in der Halle war im Kontrast dazu mehr als gepflegt.

Theoretisch stand zumindest in den Ankündigungen die  Diskussion um den Klimawandel und damit zusammenhängende Themen im Zentrum, und Lisa Neubauer  von „Fridays for Future“ war vor Ort.

Faktisch war das Event eine Ansammlung von kommerziellen und nicht – kommerziellen Ständen, die von start ups oder politischen Gruppen betrieben für nachhaltige Produkte oder Geschlechtergerechtigkeit warben, vergleichbar den Ständen bei einem politischeren Musikfestival oder dem Kirchentag. Diese Stände trugen mottogesättigte Namen wie „Unfuck business“ (soweit ich es verstanden habe der kommerzielle Stand eines Start ups) oder „Unfuck capitalism“ (soweit ich es verstanden habe, der Stand einer politischen Gruppe), über „Unfuck patriarchy“ (womit, mit dem Untertitel „Bye bye, Thomas“ vermutlich eher „Fuck patriarchy“ gemeint war- und wer war dieser Thomas? Piketty?) bis hin zu „Unfuck periods“ (da ging es um neuartige Hygieneartikel, was die Formulierung vermutlich auch nicht besser macht). Jeder Stand war durch aufgespannte Papiere verschönert, auf denen mit Edding spontan ein mögliches „Unfucking“ des jeweiligen Bereichs in Stichworten zusammengeträumt werden sollte (auch am Mittwoch habe ich übrigens einmal mehr niemanden tatsächlich auf diese Papiere schreiben sehen – meiner Erfahrung nach machen das in der Regel die Veranstalter mit variantenreich verstellter Handschrift). Beim Stand mit dem schönen Titel „Unfuck food“ hieß es auf dem Papier (ich glaube in Blockbuchstaben): „Nur noch Biofleisch“, und daneben (ich glaube in Schreibschrift): „Alles nur noch vegan“, was wohl gleichzeitig die allgemeine Stoßrichtung und eine erlaubte Bandbreite umreißen sollte.

Laut „Tagesspiegel“ sollten sich Besucher an den verschiedenen Ständen über die jeweiligen Themen informieren und sich anschließend einen Stempel in Form eines primären Geschlechtsorgans in ein Heft stempeln lassen, das die „Stationen“ des Abends analog zu den Stationen des Jakobswegs zeigen sollte, aber zum Glück war es an den Ständen so voll, dass zumindest ich weder Informationsportionen noch Stempel ausmachen konnte.

Aber im Zentrum der vierstündigen Veranstaltung stand ja das „Town Hall Meeting“, was meint: ein Podium, auf dem die Veranstalter (zwei lustige gekleidete junge Männer, die sich „Das Einhorn“ nennen und sich als Entrepeneure verstehen) Pioniere des Unfucking interviewten und theoretisch zur Diskussion stellten (praktisch kam es jedoch zumindest in keinem von mir beobachteten Fall dazu). Parallel dazu hatten die meisten üblichen Marktstände und der „Aldi“ geöffnet, Zuhörer flippten kurz weg auf einen Cocktail, Diskutanten zeigten bei Problemen mit großen Konzernen auch mal grimmig zum „Aldi“ herüber, was tatsächlich eine kleine Gruppe am Rand zu einem spontanen Einkauf inspirierte, und ich selber landete bei der Suche nach „Unfuck media“ bei portugiesischen Häppchen. Dazu brummte die rappelvolle Halle von einer Fülle an privaten Einzeldiskussionen in der Summe ohrenschädigender Lautstärke.

Die Menschen waren, ob mit oder ohne Cocktail größtenteils interessiert und aufgescheucht und verifizierten einander Informationen über den CO2 Ausstoß von Flugreisen oder Kohlekraftwerken. Ein tatsächliches „Town Hall Meeting“ wäre mehr als drin gewesen.

Die Veranstalter setzten jedoch eher auf die Vorstellung von  BWL- Strategien, Selbstinszenierung und Benimmregeln für die Szene der halbengagierten Hipster, und damit, nicht durch das Durcheinander der Teilnehmer und die Kramlädenstände, haben sie diese potentiell interessante Veranstaltung zumindest für mein Empfinden weitgehend in den Sand gesetzt. Denn trotz bspw. der „Scientists for the future“ die vor allem die aktuellen Klimadiskussionen zusammenfassten und ohne, dass sie es selber zu bemerken schienen, ging es den Veranstaltern vornehmlich nicht um eine neue Umweltpolitik, sondern eher um ein neues Businessideal.

Der alternative Entrepeneur ist in diesem Denken nach wie vor die Heldengestalt der Stunde, auch wenn die Zeichen in Umweltfragen aktuell auf politische Lösungsversuche hindeuten, Ben & Jerry auf die Rente zueisen, und Funny van Dannen schon vor rund 15 Jahren sang: „Baut kleine, geile Firmen auf!“, und danach war eher Katzenjammer.

Die Veranstalter, „Das Einhorn“ (zwei so eitle Akteure, dass ich alleine schon aus Protest bei diesem Sammelnamen bleibe) führten die beiden einvernehmlichsten Gespräche auf der Bühne mit einerseits dem linken Ökonomen Günter Faltin, der würdevoll ergrauten Eminenz der alternativen Wirtschaftswissenschaft, andererseits mit Christian Kroll, dem Gründer der ökologischen Suchmaschine „Ecosia“. Faltin, seit Jahrzehnten selber als Mitproduzent von fairem Tee auch in der Praxis aktiv, beschwor das Publikum, zu Entrepeneuren zu werden. Die logistischen und finanziellen Hürden seien viel kleiner als häufig angenommen, die großen Konzerne würden „nicht mehr sympathisch rüberkommen“, und für jedes problematische Produkt solle ein besseres Gegenprodukt entwickelt werden. Faltin sprach sich dafür aus, auf gute Produkte, nicht auf Marketing und Verschleiß zu setzen. An dieser Stelle widersprach das „Einhorn“ nicht ungönnerhaft: mit social media und nicht zuletzt dem vom „Einhorn“ perfektionierten „Storytelling“ sei Reklame ehrbar geworden und müsse selbstverständlich von neuen Firmen für eine bessere Welt eingesetzt werden. Und spätestens in diesem Moment hatte sich die Richtung der Veranstaltung gedreht, und es ging nicht mehr um Umweltpolitik, sondern um einen allgemeinen gesellschaftlichen Umbruch, der durch eine neue Art von Unternehmertum ausgelöst würde.

Zur weiteren Bestätigung wurde die Bühne an Christian Kroll, denjenigenwelchen von „Ecosia“ übergeben. „Ecosia“ ist eine Suchmaschine, die nicht vom Marktführer betrieben wird, beinahe frei von Anzeigen ist und Bäume pflanzt. Ihr Erfinder wurde nun nicht zu Bäumen oder auch Suchmaschinen befragt, sondern ausschließlich zu seiner Entscheidung, sein Unternehmen NICHT an einen größeren Konkurrenten verkauft, sondern in eine Stiftung überführt zu haben. Kroll, der sehr integer und sympathisch wirkt, ließ sich immer wieder dafür feiern, dass er in seinen jungen, also: mittelalten Jahren nicht die ansonsten angeblich übliche „Exit – Strategie“ der neuen Medien verfolgt hätte,- eben sich aufkaufen zu lassen und dann zur Ruhe zu setzen,- sondern nicht mehr als ein „übliches Gehalt“ in Anspruch zu nehmen und „Ecosia“ wie bisher weiterlaufen zu lassen. Dieses neuartige Stiftungsmodell stand in der Folge im Zentrum des Gesprächs, denn Kroll musste deutlich machen, dass eine Umwandlung zur „Gemeinnützigkeit“ für ihn nicht in Frage käme, denn da käme nie etwas bei rum, und „ich bin ja schließlich Unternehmer“.

Ich als naiver „Ecosia“ – Nutzer seit der ersten Stunde hätte mit portugiesischen Häppchen nach Kroll geworfen, wenn für ihn der Verkauf seiner Suchmaschine ernsthaft in Frage gekommen wäre, schließlich lebt deren Erfolg alleine von ihrer Stellung als Alternative (und von den gepflanzten Bäumen. „Ecosia“ erfüllt den Zweck als Suchmaschine, also: weiterhin klare Empfehlung, ist aber grafisch und von den erweiterten Funktionen her recht lahm). Das ist keine Band, die zu einer größeren Firma wechseln will.

Die anschließenden Diskussionen drehten sich dann vor allem darum, ob das Klima für vor allem weibliche Aktivisten und Gründer (was wiederum elegant in einen Topf geworfen wurde) reichlich rau wäre, wie man mit Shitstorms umgehen solle, oder ob „jemand, der schon etwas richtig macht, gleich alles richtig machen muss“, nach den Maßstäben einer Szene, in den Augen einer Szene, ohne Shitstorms von der Szene in Kauf nehmen zu müssen. Diese Szene der Gleichgesinnten war die weibliche und die gemeinschaftsstiftende Ergänzung zu den genialischen Gründern. Auch hier wurden Diskussionen durch den Appel an Haltung und Benimmregeln ersetzt: benutzt wenig Plastik, heizt keine Shitstorms an. Nichts gegen zu sagen, aber als Ergebnis in meinen Augen auch reichlich mager.

Es lungerten etwa 300 konzentrierte Zuhörer vor dem Podium herum (anwesend in der Halle waren vielleicht noch einmal viermal so viele Menschen). Nach der Logik von Faltin, Kroll und dem gastgebenden Einhorn müssten sie zur Veränderung der Welt 300 Firmen gründen, die nachhaltige Alternativprodukte zu fragwürdigen Marktführern anbieten, sie bis zur Millionengewinnen führen, sie dann nicht zu verkaufen, nicht zugunsten von Rekordrenditen für Shareholder zu zerlegen, sondern einfach weiter ihren guten Zweck vollbringen lassen und damit möglichst vielen Angestellten ein „übliches Gehalt“ ermöglichen. Das nenne ich mal einen einfachen, handlichen, konkreten und zielgerichteten Plan zur Bekämpfung des Klimawandels.

Alleine in der Markthalle IX residieren schon zwei Stände für „handgefertigte Pasta“ – zählen die beispielsweise auch? Ist an konventionell hergestellter Pasta etwas problematisch (zumal, wenn sie auf Eier verzichtet), abgesehen von den Plastikverpackungen, die allerdings auch mindestens einer der angeführten Stände verwendet ? Könnte eine Firma für handgefertigte Pasta Millionenumsätze generieren und anschließend in eine Stiftung überführt werden? Könnte da intelligentes Storytellig auf Instagram helfen? Was wäre dadurch gewonnen? Wie viele Firmen für handgefertigte Pasta könnten in der Markthalle IX nebeneinander überleben? Ich würde eher auf eine CO2- Steuer setzen.

Dass eine engagierte Szene aus dem Gewusel unterschiedlichster Akteure zusammensetzt, dass sie sich eher an ihrem Selbstverständnis als an konkreten Projekten abarbeitet, dass ihre Stars häufig konkurrenzlos eitle Vögel mit monomanischer Agenda sind – das ist alles nichts Neues und spricht gegen nichts und niemanden bei „Unfucktheworld“.

Angesichts des allgemein brennenden Interesses an Umweltfragen und dem aufgeregtem Geplapper im Publikum kommt mir dieses Event aber vor wie eine verpasste Chance. Doch wie Günter Faltin tröstend auf der Bühne angemerkt hat, hat es vom Hambacher Fest bis zum Schweizer Wahlrecht für Frauen 140 Jahre gedauert. Fürs Klima wird das vermutlich ein bisschen knapp, aber vielleicht stimmt das ja an sich in Bezug auf eine weisere Welt (gerne mit handgemachter Pasta).

14. 07. 2019 Die Sollbruchstelle (kurz und schmerzhaft: noch einmal "Game of Thrones")

Es war so heiß, es gab so viel zu tun, alles kracht und zischt, Blogthemen stapeln sich, und wenn es um Fernsehserien geht (falls das überhaupt noch der richtige Begriff ist) schauen sehr viele Menschen (darunter verblüffend viele sehr junge) „Stranger Things“, aber wir haben den Schluss unserer Überlegungen zu „Game of Thrones“ und dem „MCU“ noch nicht beendet, darum: versuchen wir das doch.

Ich bin ja mehr als froh, dass der Spuk von „Game of Thrones“ erst einmal vorbei ist. Ob die Macher es wollten oder nicht (ich denke: sie wollten es nicht ausdrücklich, aber sie haben es in Kauf genommen) hat die Serie (neben Heerscharen wundervoller Fans, wie ich weiß) offensichtlich TONNENWEISE „Bad Fans“ produziert (leider waren es so viele böse Menschen, die sich auf einer Linie mit „Game of Thrones“ wähnten, dass die Serie nicht mehr völlig unabhängig von Hinrichtungsvideos und Gewaltaufrufen gesehen werden kann, die sie zitierten). Gemessen an den ersten Staffeln sind die (sicherlich auch erschrockenen) Macher immer weiter zurückgerudert, was vor allem die Darstellung von sexualisierter Gewalt angeht, aber erst das vielerorts als enttäuschend wahrgenommene Ende hat die Seance beendet und die Vorhänge wieder aufgerissen (was eben auch manchmal sein muss).

Game of Thrones“ war eine Geschichte darüber, wer die Macht in einer kaputten Welt übernimmt, wenn die aktuelle korrupte Herrscherkaste wackelt.

Die Fabel steuerte meiner Ansicht nach dabei von Anfang an sehr genretypisch auf die Pointe „Macht dürfen nur die erhalten, die nicht nach ihr streben“ zu, aber nicht nur böse Menschen haben die mörderische und angesichts einer absolut ungerechten Fantasywelt alles andere als ungerechtfertigte Wut der Zukurzgekommenen, von der die Serie AUCH handelt, als moralischen Kern der Geschichte missverstanden. Dazu wurde die Kaputtheit dieser Welt gleichzeitig so lustvoll ausgemalt und ambivalent abgewatscht, dass hier und da der unangenehme Geifer von Boulevardzeitungen und der unangenehmeren Kolportageliteratur vorherrschte, die Menschenrechte, Demokratie und Rechtstaat nur als Augenwischerei darstellt.

Auch für hochproblematische Gefühle wie „Da draußen sind alle eklig, wollt Ihr mehr darüber hören? Wir müssen unsere Leute bewaffnen!“ findet die Popkultur immer wieder Rahmen, innerhalb derer sie auf ungefährliche, kathartische, reflektierte Art ausgekostet werden können. „Game of Thrones“ hat seine Ansätze in diese Richtung meiner Meinung durch die beim Zuschauer erzeugte permanente Angst vor Gewaltausbrüchen und Vorfreude auf Gewaltausbrüche, durch emotionale und ethische Doppelbotschaften (die ich weniger als komplex, denn als unfair wahrgenommen habe) sabotiert.

Das ist sicher Einschätzungssache und mag an meinen Augen liegen, aber die ironiefreien Artikel über die angeblichen Lehren der Serie und die enttäuschten Essays über das angeblich gebrochene Versprechen der Serie, uns bspw. zu zeigen, wie eine despotische Herrscherin auf gute und gerechte Art ihre Feinde verbrennt (alles geschrieben von Menschen mit Herz und Hirn) legen zumindest nahe, dass bei der Rezeption dieser Geschichte etwas gewaltig schief gelaufen sein könnte.

„Game of Thrones“ wurde von seinen Fans eben nicht als trashiger Spaß gefeiert, sondern als seriöse, kritische, „qualitativ hochwertige“ Auseinandersetzung mit der Welt. Als schmerzhafte Initiation für Feingeister (als virtuelle Erziehung für den Prinzen von Homburg, um mir mal diesen Vergleich zu erlauben).

Natürlich war diese Geschichte ein Spiel mit ernstem Anliegen, wie jede Geschichte (inkl. trashigem Spaß). Natürlich wollte sie etwas Ernstes über unsere Welt lehren wie jede Geschichte. Nur hatte sie genau über Politik nichts zu erzählen, oder zumindest nichts, was nicht unangenehm oder absurd gewesen wäre (in der Fernsehfassung, „Ein Lied von Eis und Feuer“ wäre, soweit ich weiß, noch einmal ein schwierigeres Thema).

Macht wird im Westeros der Fernsehserie durch eine Mischung aus Kriegen, Hofintrigen und Akten privater Grausamkeit verhandelt. Die Serie erklärt zu keinem Zeitpunkt, wie das funktionieren soll. Gesellschaft kommt nicht vor. Es gibt mächtige, meist perverse Herrscher und eine getretene beherrschte Masse (zu der beinahe jeder plötzlich gehören kann). Gesellschaftliche Prozesse existieren nicht, nur konspirative Treffen der immer gleichen Akteure, bei denen nie genau klar wird, wen sie in der Welt drumherum eigentlich repräsentieren oder auf wen sie wie Einfluss nehmen. Informationen über das soziale und wirtschaftliche Leben in Westeros werden in parallel zu Sexszenen weggenuschelten Sätzen versteckt, die keinen Sinn ergeben.

Das ist an sich nichts Schlimmes, solange wir nicht vom Apfelbaum Birnen erwarten, bzw. von der archaisierenden Verschwörungsphantasie über die schlechte Welt Tipps zur politischen Willensbildung. Oder von einer Geschichte über die tribalistische Herrschaft von Königsfamilien, über legitime und illegitime Erben, Familieneigenschaften usw. usf., die auch deswegen hochproblematisch ist, dass NICHT die Familie am Schluss herrscht, die von Anfang an als „gut“ dargestellt wurde.

Eine im Sinne von sozialer Übertragbarkeit befriedigende Geschichte konnte „Game of Thrones“ nie werden, weil die erzählerische Grundlage und der Reiz der Serie eben eine totale Ambivalenz in Bezug auf die Vorstellung einer unheilbar grausamen Welt  war, die nicht zu einem neuen Entwurf führen konnte, sondern im besten Fall konventionelle Vorstellungen von einem Neuanfang unter guter Herrschaft und wiederentdeckter Ethik wiederbeleben.  

Verschieben wir die Gedanken über Marvel in eine unbestimmte Zukunft.

 

08.06. 2019: "Shock Treatment" (immer noch: Rächer, Throne und ausgeleierte Geschichten)

(Kommen wir jemals zurück zu „Game of Thrones“ – von den „Avengers“ ganz zu schweigen? Ja. Und heute gibt es auch wieder mal Gendersternchen)

 

Die Nicht – Fortsetzung von „The Rocky Horror Picture Show“ heißt „Shock Treatment“ (1981) und es gibt sie nur als Film. In diesem Film kehren die Rocky - Überlebenden Janet und Brad in ihre piefige amerikanische Heimatstadt zurück, und die entpuppt sich als Game Show/Werbespot/Simulation/Irrenhaus. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, aber dafür eine kleine, nie näher definierte Subkultur depperter Gameshow – Anhänger*innen, die zum Teil aussehen und klingen wie „Rocky Horror“ – Fans.  

(((Das Ganze hat deutlich mehr Hand und Fuß, pfiffigere Songs und ist dazu noch wesentlich satirischer als „Rocky Horror“, aber selbst ich -kein Fan, keine Zielgruppe, dafür Fan von der neuen Hauptdarstellerin Jessica Harper- habe „Rocky Horror“ mindestens zehnmal gesehen und „Shock Treatment“ nur einmal, vor 28 Jahren, in zwei Anläufen, mit Vorspultaste)))

Macher Richard O`Brien glaubte, im Gegensatz zu seinen Bewunder*innen, offensichtlich nicht an den Ausweg aus dem schlechten Ganzen durch Glam Rock, wilde Parties und fröhlich durcheinandergewürfelte Geschlechtergrenzen und sah diesen Anspruch ähnlich wie die damaligen akademischen Kritiker*innen des Phänomens, die es in der Regel als hohlen Freizeitspaß abtaten (was heute niemand mehr täte).

Ähnlich ging die andere entscheidende Kultfigur, Tim Curry, durchaus geschmeichelt auf größtmögliche Distanz zur Frank`n`Furter – Verehrung und „Don`t dream it, bei t!“. Das erschütterte denn Kult so wenig wie Franks Hinrichtung am Ende des Films.

Die Szenen, Gesten, Kostüme, Lieder, überraschenden Sekunden von „Rocky Horror“ mit all ihren Assoziationen und Möglichkeiten ( bei so einem grellen und lauten Inhalt will ich es nicht „Subtext“ nennen) waren stärker als die Dramaturgie des Drehbuchs und die Selbstaussagen der Macher*innen. Die hatten nur ungewöhnlich hellhörig eingefangen, was popkulturell in der Luft lag und in eine gleichzeitig stimmige und inspirierende wie stabile und bannende Form gegossen. Vielleicht ist das die Aufgabe von Schlüsselwerken der Popkultur.

Anderen gelang das weniger gut: Stanley Kubrick ließ ein paar Jahre früher „A Clockwork Orange“ nach von dem Film beeinflussten Nachahmertaten für Großbritannien sperren, die Rezeption von „Taxi Driver“ durch Skinheads und mindestens einen Attentäter (Anzahl umstritten) in den 1980er Jahren ging der eigenwilligen Umdeutung mancher bitterböser Gangsterfilme in den 2000er Jahren voraus, als „Scarface“ und „Good Fellas“ für eine jüngere Generation offensichtlich als die Heldengeschichten funktionierten, als die sie angeblich  gerade nicht gedacht waren (was nach Meinung mehr oder weniger aller professionellen Kritiker*innen auch außer Frage stand, ob sie die Filme nun mochten oder nicht).

Die tatsächliche ethische Ausrichtung eines Werks ließ sich als durchschaubares Zugeständnis an die bürgerliche Moral der Filmbranche, feige Verwirrung der Filmemacher*innen angesichts der eigenen Erkenntnisse oder als zu vernachlässigende Trägerrakete der Sensibilität gelten, die faktisch gefeiert würde, die faktisch zum Schwelgen auffordere.  

Wer im Film mit den fetischisierten Symbolen und Narrativen einer aggressiven Subkultur spielte oder sie gar (wie unbeabsichtigt auch immer) miterschuf, schuf einen Kultfilm für diese Subkultur, ein bestätigendes Fetischobjekt, auch gegen die explizite Aussage des Drehbuchs.

Kein neues Phänomen, nein. Die meisten Anti – Kriegsfilme sind den meisten Pazifist*innen zu militaristisch, Spätwestern sind nur etwas für Westernfreund*innen. Das ist nicht  so selbstverständlich, wie das in den Zeiten von Streaming – Empfehlungen manchmal wirken mag: Pazifist*innen sind das denkbar dankbarste Publikum für Antikriegsromane, und die Leser*innen von Cormac Mc Carthy schauen eher selten Filme von John Ford.

Film als Form bringt halt einige Besonderheiten mit sich, und zwei davon sind

a)       die tatsächliche Allgegenwart von Kompromissen, weil Filme sich nun mal strukturell immer an mehr Menschen wenden (müssen) als Bücher und gleichzeitig die meiste Zeit ihrer Geschichte wesentlich misstrauischer beäugt wurden

b)      der fetischistische Aspekt bei der Filmrezeption, für den es keine Entsprechung in der Literatur gibt (und der einer der Gründe für das Misstrauen von Elternverbänden usw. ist). Prosa kann bspw. eine rauschende Party sinnlich erfahrbar beschreiben und sich gleichzeitig davon distanzieren, die Party karikieren, sezieren, usw. usf. Theoretisch kann Film das auch, praktisch wird es sehr schnell sowohl extrem manieriert als aufwändig und wurde bei Spielfilmen (Animations- und Experimentalfilme stehen auf einem anderen Blatt) eigentlich immer nur von ein paar versprengten Surrealist*innen und Stilisierungskünstler*innen erfolgreich praktiziert. Ansonsten gilt, in unterschiedlichem Ausmaß, eine stillschweigende Komplizenschaft mit dem Gezeigten (übrigens bis heute häufig auch bei den Stilisierungskünstler*innen wie Wes Anderson, obwohl die Möglichkeiten der Computerbearbeitung theoretisch unauffälligere und günstigere Akzentuierungen bei ambivalenteren Darstellungen als früher ermöglichen).

 

Die Faustregel, dass ein Film immer zumindest auch feiert, was er ausmalt, trifft einerseits also zu. Andererseits ist sie beleidigend flach und erklärt kritische Filme an sich zur Unmöglichkeit.

Nun gibt es aber kritische Filme, Tausende, deren Haltung gegenüber dem gezeigten Gegenstand über schillernde Ambivalenz deutlich hinausgeht. Karikierende, anprangernde, verfremdende, sezierende, „dekonstruierende“ Filme. „Shock Treatment“ ist, sehr bewusst, nur einer von ihnen. Und nicht selten sind es gleichzeitig, wenigstens bis zu einem gewissen Punkt, Filme zum Mitfiebern/Mitsingen: Auch Ablehnung verbindet, und Kritik kann kathartisch und befreiend wirken (Fans von „Die Marx Brothers im Krieg/ Duck soup“ leiden nicht im Moment der Filmrezeption und wollen trotzdem nichts weniger als Rufus T. Firefly als Präsident).

Noch jedes auch nur halbwegs gute gesellschaftliche Klima lässt sich daran ablesen, was auf den Tisch gebracht, gesagt, gezeigt, behandelt werden darf, während noch jede repressive Gesellschaft in der Kultur die eine oder andere Form von zahmer Sentimentalität fordert (für Prosa, Theater und bildende Kunst gilt das sicherlich noch viel stärker, aber auch in der Filmgeschichte zeigen ätzende Bestandsaufnahmen verlässlich beschwingten Aufbruch an).

Und „Game of Thrones“?

(Fortsetzung folgt)

      

 

 

 

01.06. 2019 "Bad Fans" (Rächer, Throne, ausgeleierte Geschichten, IV)

Prima, dass wir unseren beschaulichen Blick auf „Game of Thrones“ trotz der heftigen Konkurrenz an aufwühlenden Themen noch nicht abgeschlossen haben, denn das Finale der Serie wird offensichtlich tatsächlich als richtig oder schiefliegendes Welterklärungsnarrativ wahrgenommen (besonders übrigens angesichts der heftigen Konkurrenz an aufwühlenden Themen), und das Nachbeben geht ja tatsächlich immer noch weiter:

 Zumindest im Internet grollen kluge Menschen (inkl. offenbar Zizek, denn die Welt wird immer unfassbarer) ungebrochen, weil die Moral der blutigen Geschichte so verlässlich und konventionell ausgefallen ist: Die Letzten werden die Ersten sein, Hochmut kommt vor dem Fall, Wer anderen eine Grube gräbt, usw.usf.

Nun tobt es hier und da durchs Netz, den Fans sei etwas ganz anderes, wilderes versprochen worden-

Haben diese Fans recht oder etwas falsch verstanden? Beides, würde ich sagen (und, um das mal voranzuschicken, ich selber bin froh, dass die Serie -wie erwartet - diesen letzten Schwenk noch gemacht hat und denke nicht, dass das von manchen Fans geforderte Ende cleverer, ehrlicher oder gar auf irgendeine Weise progressiver gewesen wäre).

Sind diese Petitionen unterzeichnenden Fans „schlechte Fans“?

Der Begriff „Bad Fan Dynamic“ wird auf die häufig brillante Fernsehkritikerin Emily Nussbaum zurückgeführt, die ihn vor allem in einer ausgewogenen Auslassung über „Breaking Bad“ popularisierte. Nussbaum argumentierte im „New Yorker“, im Gegensatz zu „Breaking Bads“ Eigencharakterisierung als Warnung, bittere Satire oder Schreckmärchen, würde es für nicht wenige seiner Fans als Heldengeschichte funktionieren. Und das sei kein wirklich neues Phänomen, faktisch habe es bereits die Begeisterung für Gangsterfilme in den 1930er Jahren geprägt. 

Während die kreativen Drahtzieher solcher Geschichten es gerne von sich weisen, derartige Fehlinterpretationen zu unterstützen, warf ihnen Nussbaum vor, den „schlechten Fans“ durch ein Zugehen auf die von ihnen im Internet zum Teil lautstark geäußerten Wünsche zu viel Zucker, zu viel Futter zu geben („to cater to the Bad Fan“). Als eindrücklichstes Beispiel führte sie „Breaking Bad“s „Skyler White“ ein, die Frau des Protagonisten, die von manchen Fans so innbrünstig gehasst wurde, dass es die Schauspielerin erschreckte. Serienschöpfer Gilligan verteidigte den Charakter (und seine vielen problematischen Entscheidungen) und bescheinigte den Fans auf die Serie projizierte Probleme  mit Frauen, Nussbaum setzte ein dezentes, aber unerbittliches Fragezeichen hinter seine Rechtfertigungen.

Sobald ich das gelesen hatte, sah ich mir die erste „Breaking Bad“ – Folge noch einmal an (ich hatte gerade ein bisschen Luft und darum ja auch den Artikel lesen können), und Skyler White war nichts als ein weiteres Problem für den gepeinigten Protagonisten, wann sie besorgt und wann herablassend war entsprach keiner anderen Logik als der der größtmöglichen Stresserzeugung. Ihr letzter Auftritt in der Pilotepisode besteht darin, dass sie ihren todkranken Mann, der gerade in Kämpfe gegen das organisierte Verbrechen stolpert, an seinem Geburtstag um Sex betteln lässt und ihm anschließend gönnerhaft den Rücken tätschelt. Bei Skylers Verhalten an sich können die Autoren ihre Hände in Unschuld waschen, sie zeigen ja nur Menschen, aber dramaturgisch ist dieses Verhalten so eindeutig zwischen Gefahr, Verzweiflung und die allgemeine Schrecklichkeit der Welt eingebettet wie schreiende Kinder, bellende Hunde oder ein plötzlich sehr dicker Mann auf dem sehr schmalen teuren Stuhl zwischen Zahnarztbesuch, Regenguss und einem betrunkenen Polizisten in einem Slapstickfilm aus den 1920ern.

In den 1930ern mussten die Macher von Gangsterfilmen (Slapstickfilme waren nicht mehr angesagt) auf Druck hastig eingerichteter Regierungsbehörden dick unterstreichen, dass sich Verbrechen nicht lohne. Das obligatorische katastrophale Ende für die gesetzlosen Anti – Helden gerann allerdings bald zur obligatorischen Konvention, die niemand ernst nahm (am Wenigsten die cleveren Kritiker in den 1960er Jahren, die diesen Filmen ihre anti – idealistischen, anti- bürgerlichen Identifikationsfiguren gutschrieben).

Ganze Genres lebten davon, dass das Publikum es verstand, zwischen den Zeilen zu lesen und mindestens eine ambivalente, wenn nicht gar eine der Fabel entgegenstehende Haltung einzunehmen.

Nicht zuletzt im Horrorgenre wurde eine ironische Mehrfachcodierung im Umgang mit seinen Antihelden gepflegt, nicht, weil die Fans sich in Wahrheit in ihrem Sadismus suhlen wollten (richtiger Sadismus reüssierte erst nach der Jahrtausendwende richtig im Genre und vergraulte tendenziell das Stammpublikum), sondern weil umgekehrt die Monster mindestens nachvollziehbar schrecklich waren. Klar mussten sie am Ende untergehen, das war halt die Strafe, das war der Preis für den Spaß.

Ähnlich waren später andere Genres, die mit für die Gesellschaft unter Umständen problematischen Wünschen spielten, mit einer Art Kindersicherung ausgestattet:  Rachegeschichten endeten mit dem Tod des Protagonisten oder seiner ewigen Einsamkeit, Gaunerkomödien mit dem Gefängnis oder einer unglücklichen Heirat, Erotikkomödien mit Peinlichkeit, Erotikdramen mit Liebeskummer, und wer eine ganze schöne Operettenwelt zerlegte, um ein sehr frühes und sehr verstörendes Beispiel für diese Logik anzuführen, wurde am Ende lebendig gehäutet und klapperte anschließend unglücklich als Skelett herum, zumindest im Fall von Laurel und Hardy.

Nun passten diese dicken Enden längst nicht allen Filmemachern, und sie untergruben sie entsprechend häufig. Besonders beliebt war dieses Spiel wohl bei der Darstellung von offen homosexuellen Charakteren, die sich zwar immer wieder umbringen mussten, aber davor und dafür einem eingeweihten Publikum noch ein ermutigendes Augenzwinkern zustecken oder umgekehrt eine erschütterte Geste des Mitgefühls andeuten konnten.

Diese geheime und widersprüchliche Kultur der ethischen Ambivalenz von und in Filmen wurde Mitte der 1970er mit Wucht ins grelle Tageslicht gespült, als die ironischen Außenseiterfans eines ironischen Außenseiterfilms (über, für und von Monsterfilmfans) unübersehbar wurden und die Fan – Dynamik ins Zentrum des theoretischen Interesses rückten.

Ja, gemeint ist die „Rocky Horror Picture Show“ mit ihren verkleideten, organisierten, den Film mitsprechenden Fans,  die im Kino Reis waren, mit Wasser spritzten und eine offensiv eine erfundene Figur verehrten, die nicht nur ein Mann in Strapsen war, sondern ein gieriger Bisexueller, ein Muskelfetischist mit Reitgerte, ein Mörder und Kannibale mit einer Vorliebe für Makeup und Luftballons, ein Alien, das sich hämisch über Spießbürger amüsierte.

In einem sehr klugen Buch („Der Horror – Film“ von 1987, Heyne) behauptet Norbert Stresau, das Ende dieses Antihelden sei die eigentliche Moral der „Rocky Horror Picture Show“: letztendlich fungiere der von Tim Curry lustvoll dargestellte oben beschriebene Frank`n`Furter als klassischer Filmschurke. Er wird erschossen (von seinen eigenen Leuten, da sein Lebensstil einfach zu dekadent sei), und das jungverheiratete Heldenpaar kehrt zurück in sein geordnetes Leben (nicht unähnlich vieler Horrorehepaare, die vor ihrem stillen Glück eigentümliche Abenteuer erleben, zum Beispiel den Harkers in „Dracula“). Er setzt diesen Verlauf mit der allgemeinen Anpassung an das Realitätsprinzip und die nach Freud notwendige grundsätzliche Bereitschaft zur Verdrängung gleich.

 Stresau unterschätzt zu diesem Zeitpunkt die Sprengkraft des Films und die Entschlossenheit des Publikums, das zehntausend Vorstellungen in Folge Frank`n`Furter huldigt, ihn verkörpert und mit parodistischer Religiosität seinen Namen preist.

Und das, anders als Frank, keine Rocker mit dem Eispickel ermordet und verspeist, weil ihre Motorräder wirklich nerven

Stresau sah (noch einmal: zu diesem Zeitpunkt und in einem trotz vielleicht zu viel Freud extrem findigen Text, Queerculture hatte es noch nicht übers Meer geschafft) den allgemeinen temporären Protest gegen alle Tabus so stark, dass er nicht erkannte, welcher „ernste“ Protest bei diesem Karneval im Zentrum stand und was nun eigentlich Beiwerk, Polemik und Spiel mit Klischees war. 

Diesen Fans stellten sich nach einer Weile, wir befinden uns noch immer im abgerockten New York der mittlerweile späten 1970er, Gegenfans in den Weg, wobei die Literatur widersprüchlich bleibt, ob es sich bei diesen ursprünglich um verfeindete Fangruppen oder um homophobe, reaktionär motivierte Anti – Fans handelte. Das Gemeinste, was diese in den Kultkinos auftauchenden Rüpel taten (und es IST gemein): sie johlten und applaudierten, wenn Frank`n`Furter erschossen wird, was nach der Logik des Drehbuchs, wenn wir es auf Augenhöhe ernst nehmen wollen, ja tatsächlich den Sieg über das Böse darstellt.

Richard O` Brien, der Drehbuch und Lieder und das ursprüngliche Bühnenmusical geschrieben hatte und in der wichtigen Nebenrolle des „Riff Raff“ im Film höchstpersönlich das Urteil über Frank`n`Furter sprach und vollstreckte, unterstützte, was niemanden verwunderte, schließlich öffentlich die „Bad Fans“ mit den schwarzgeschminkten Lippen.

Und dann präsentierte er ihnen eine höhnische, selbstzerstörerische Nicht – Fortsetzung, die ihnen wie eine kalte Dusche vorkommen musste (wird fortgesetzt).    

 

  

 

 

 

 

 

20.05. 2019: Die Unschuld der Fantasy (Rächer, Throne, ausgeleierte Geschichten Teil III)

Game of Thrones“ ist beendet, und der umkämpfte Eisenthron ist, vorsicht: Spoiler!, den Weg des Rings aus dem „Herrn der Ringe“ gegangen. Bei diesem schaurigen Spiel war kein anderes ehrenwertes Ende möglich als der Niedergang aller, die beim Hauen und Stechen begeistert mitgemacht haben, sowie ein Neuanfang mit den vergleichsweise unschuldigen Charakteren der jüngeren Generation (alles relativ, inkl. Massenmörder). Und manche Fans erwachen verwirrt aus einem schrecklichen Traum, denn sie haben die Erzählung der Serie falsch gelesen, die Serie hat allerdings auch eine Menge dazu beigetragen.

Game of Thrones“ wurde zu einem Phänomen, weil es angeblich davon erzählt hat, welche Art von Härte in einer entsetzlichen Welt zum Sieg führt. Diese Lesart hat buchstäblich Tausende von Analysen und Essays inspiriert und wurde von den Machern der Serie aktiv geduldet, wenn nicht hier und da tatsächlich irreführend unterfüttert (wir kommen darauf zurück). Trotzdem hat die Serie ihre grundsätzliche Erzählrichtung von Anfang an unmissverständlich umrissen: die erste Folge beginnt mit einer grausamen, nach dem Gesetz „gerechten“ Hinrichtung und endet damit, dass ein Kind aus dem Fenster geworfen wird. Beide Momente werden als verstörender Schock eingesetzt und nicht etwa als makabrer Scherz.

Die Serie zeigt sich (auf schwer erträglich zwiespältig gestaltete Art, wiederum wir kommen auch darauf zurück) angewidert von Machtmissbrauch und Grausamkeit, positioniert sich auf der Seite der vergleichsweise unschuldig und machtlos bleibenden Überlebenden, deren (deformierte) Art von Integrität Leid, Entbehrungen und sogar den Tod besiegt.

Eine besondere Rolle weist die Serie dabei den Zynikern und Bescheidwissern zu, die die Verlogenheit der Mächtigen durchschauen und sie mit modernem Blick kommentieren. Dies will sicherlich in der Tradition der Narrenfiguren in Shakespeare – Tragödien stehen (die herausstechende Narrenfigur wird von einem Kleinwüchsigen dargestellt, wie die historischen Hofnarren nicht selten Kleinwüchsige waren), bzw. in der englischen Theatertradition in der einem Sprichwort nach „der Teufel immer den besten Text“ erhält. Zumindest ist er kein Heuchler.

Wie viele Geschichten der Fantasy will „Game of Thrones“ offensichtlich an Erzählformen anknüpfen, die älter sind als das Hollywoodkino. In diesen Formen (im Zweifel meint das in der Regel: Heldenmythen, Sagen, Tragödien von Shakespeare,- keine Märchen, keine Naturmythen, keine Komödien von Shakespeare o.ä.) scheitern die charakterlich ursprünglich edlen Figuren, um uns eine Lehre in Demut  zu erteilen,  die anderen Figuren sind keinem deutlichen Gut/Böse – Schema zuzuordnen. Das steht im deutlichen Kontrast zum Hollywoodfilm, der war, wie er war, weil er eben KEINE Shakespearetragödie sein wollte.

Der Hollywoodfilm sollte in seiner Idealform demokratisch sein und an alltägliches Heldentum appellieren, seine Protagonisten waren folgerichtig an sich wenig eindrucksvolle Jedermänner mit gutem Herzen. Der didaktische Ansatz des Hollywoodfilms zeigte sich auch darin, dass er, im Gegensatz zu den genannten älteren Erzählformen, seine Figuren häufig recht deutlich in Gut und Böse gemäß einem alltagspsychologischen Tugendverständnis unterteilte (während es in Heldenmythen von schwer einzusortierenden Gestalten wimmelt).    

Die moderne Fantasy geht nun traditionellerweise einen noch anderen Weg: sie knüpft an die alten Heldengeschichten an-  und lehnt sie ab. Als erstes Beispiel für moderne Fantasy gilt häufig die Artus – Nacherzählung von T.H. White („Das Schwert im Stein“, „Das Buch Merlin“ u.a.), in der die Tragik von Artus darin liegt, überhaupt auf den Thron gestiegen zu sein (ein halbes Jahrhundert später unterstreicht Marion Zimmer Bradley in den „Nebeln von Avalon“ diese Lesart, auch wenn bei ihr weniger die Macht an sich, sondern die Macht von Männern als Erbsünde angesehen wird). Im „Herrn der Ringe“ müssen die wenig heroischen Hobbits den mächtigen Ring zerstören. In der „Ghormenghast“ – Trilogy von Melvyn Peake ist das titelgebende Schloss und Königreich das Böse an sich, Herrschaft verdirbt dort jeden Charakter auf die eine oder andere Art.

Die moderne Fantasy ist nach dem ersten Weltkrieg entstanden und erlebte ihre erste kommerzielle Blüte in der Hippie – Kultur.

Inspiriert von der sogenannten „High Fantasy“, die in ihrer Problematisierung von Macht und Gewalt meist recht deutlich ist, entstanden jedoch auch weniger hohe Formen der Fantasy, die in Heften aus holzhaltigem Papier erschienen, die nach ihrem bröckeligen Material „Pulps“ („Brei“, „Matsche“) genannt wurden. Auf deren Seiten kämpften keine Hobbits, sondern Helden wie Conan, der Barbar, Erniedrigte und Beleidigte, die sich mit fröhlicher Grausamkeit an die Spitze von mittelalterlichen Reichen voller Drachen und Flugsaurier mordeten (und zur Belohnung dekadente Orgien feierten). Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gerieten sie jedoch weitgehend in Vergessenheit. Erst nachdem die „High Fantasy“ salonfähig und erfolgreich geworden war, wurden sie als „Guilty pleasures“ wiederentdeckt und vor allem in kunstvolle, inhaltlich aber meistens nach wie vor sehr derbe Comics überführt (als Gegengewicht dazu entstanden dann wiederum Fantasycomics mit vergleichbar opulenter Optik, die sich gegen die gewalttätigen Pulp – Adaptionen richteten, aber das würde hier nun zu weit führen). Kurze Faustregel also:

Klassische Fantasyromane problematisieren mindestens bis in die 1970er Jahre hinein Gewalt und huldigen umgekehrt Natur und Unschuld (ein neueres, gebrocheneres Beispiel wäre der „Erdsee- Zyklus“ von Ursula K. Le Guin), Fantasypopkultur in Pulp – Tradition zelebriert Gewalt (wenn auch häufig ironisch) und  huldigt einer völlig synthetischen grausamen und dafür bunten Trash – Welt.

In den USA wird die Lage in der Folge unübersichtlicher, nicht zuletzt deswegen, weil in der offiziellen amerikanischen Geschichtsschreibung vergangene Epochen der europäischen Geschichte als blutige und barbarische Zeitalter dargestellt werden. Ein positiver Bezug zu vormodernen Zeiten, wie er  eindrücklich das Werk von bspw. Tolkien prägt, ist amerikanischen Autoren nicht so bruchlos möglich. Und das führt uns zu George R.R. Martin.

George R. R. Martins erste Veröffentlichung war ein Leserbrief an die „Fantastischen Vier“ (das Superheldenheft, nicht die schwäbischen Rapper). Von seinem bizarren Reichtum hat er sich (u.a., nehme ich an) den Wagen aus „Zurück in die Zukunft“ gekauft. Das einzige Buch, das ich von ihm fertiggelesen habe, ist der interessante Horrorroman „Armageddon Rock“ (zuerst im unbeirrbar  tapferen Golkonda - Verlag erschienen, später bei Heyne) aus den 1980er Jahren, in dem Martin ausführlich, wohlfeil und nicht frei von Kitsch (im Rahmen einer guten Gruselgeschichte über eine legendäre Band) das Ende der Hippie – Ära beweint.

Martin offenbart auch in diesem Roman Standpunkte, die noch die Verfilmung von „Game of Thrones“ prägen werden: totale Ambivalenz gegenüber sexueller Libertinage und absolute Abscheu gegenüber dem Quälen und der Korrumpierung von Unschuldigen (inkl. Entsetzen angesichts sexueller Gewalt), die fließend in blutige Fantasien von ambivalent dargestellter Rache und in zwiespältige apokalyptische Tableaus übergeht (wird fortgesetzt).

 

 

 

   

14,05. 2019 Rächer, Throne, ausgeleierte Geschichten (II): Katzenjammer

Jetzt beschweren sie sich, die Fans der aktuell auslaufenden Epen „Game of Thrones“ und „Die Marvelfilme der letzten zehn Jahre“.  Die Fantasywelt sei gar nicht fortschrittlich, die Superheldenabenteuer nicht logisch. Was ist hier geschehen?

Für ein grobes Missverständnis ist dieses Publikum (entweder: hip, kosmopolitisch, mediengewieft, oder: auf irgendeine Art ansonsten grenzwertig anspruchsvoll und skeptisch beim Filmkonsum) zu clever. Darum: Wie konnten (sehr) intelligente Menschen „Game of Thrones“ jemals für „feministisch“ halten, und sei es für einen Wimpernschlag, die Serie, für die der schöne neue (englische/lateinische) Begriff „Sexposition“ geprägt wurde (=dröge Hintergrundinformationen werden durch plötzliche parallele Sexszenen oder unmotivierte Nacktheit aufgepeppt)? Wie konnte eine Serie auch nur im Vorbeigehen je als „erzählerisch innovativ“ und als „progressiv“ gelten, die auf blutige, mühsam gebaute „Archaik“ setzt und ein finsteres Mittelalter so erzählt, wie es sich Fritzchen (bzw: Georgie, der resignierte amerikanische Exhippie) vorstellt?

Und, auf der anderen Seite: wie konnten die Marvel  - Filme der letzten Jahre als gut gebaute erzählerische Wundertüten durchgehen, wenn mir bisher KEIN*E Marvelverfechter*in erklären konnte, was ein „Tessaract“ ist oder kann und wer ihn wann warum aus welcher Dimension eingeschmuggelt hat? Bei jeder sich bietenden Gelegenheit hat das „Marvel Cinematic Universe“ seine Regeln umgeworfen, wer wen wie zu besiegen vermag und wer wie welches magische Artefakt nutzen darf. Und sein Blick auf das Funktionieren der Welt war immer…speziell, völlig unabhängig von Magie und Extrafähigkeiten. Es gibt Schlimmeres, resp. Wichtigeres, aber woher kommt jetzt die Verbitterung über die Logiklöcher? Haben diese Geschichten auf den letzten Metern ihre Versprechungen nicht erfüllt?

Oder wurden die Throne und die Avengers auf andere Art als Squashwand genutzt, gegen die viele Zuschauer*innen ihre eigenen Fragestellungen geschmettert haben?

An dieser Stelle ein kurzer Rückgriff auf den ersten Teil dieser launigen Ausführungen:

Was bisher geschah: „Das Omen“ war als Idee wesentlich gruseliger als als Film, Hulk – Fäuste aus Schaumstoff verkaufen sich deutlich besser als Comichefte über den Hulk.

 

…und der Hulk kriegt auch keine eigenen Kinofilme mehr geschrieben, und in den anderen Marvel – Filmen ist er ein unterbeschäftigter Dauer – Gaststar.

Es lässt sich also nicht behaupten, dass GESCHICHTEN über den Hulk zur Zeit sonderlich erfolgreich wären (ein paar reifere Nerds schwören auf ein paar neure Animationsfilme, aber das sind ein paar reifere Nerds, die von früher populären Comicheften auf diese Spur gebracht worden sind). Trotzdem ist der Hulk aktuell eine der erfolgreichsten Figuren, Ikonen, Marken und wenn man so will IDEEN auf der Welt, wesentlich beliebter und erfolgreicher als bspw. Ethan Hunt, auch wenn die „Mission Impossible“ – Filme so erfolgreich waren wie die „Hulk“ – Filme Reinfälle, Tom Cruise leider um Lichtjahre bekannter ist als der wunderbare Mark Ruffalo, und jeder (außer mir) den Geschichten um Ethan Hunt Tiefe und Stringenz attestiert, während der Hulk im Marvelkino eigentlich nur um sich haut. Jetzt ließe sich natürlich einwenden: der Hulk sei nun einmal Dauergaststar bei den „Avengers“, und deren Geschichten seinen sehr wohl beliebt, aber: stimmt das denn? Sind wirklich Geschichten beliebt, oder schaffen Ikonen, Konzepte und Gesetzmäßigkeiten von erfundenen Welten nicht vielmehr Resonanzräume, die als inspirierend oder herausfordernd wahrgenommen werden können, und in denen sich zumindest Menschen treffen können, um in behaglicher Gemeinschaft über schwierige Themen nachzugrübeln ?

Zur Zeit quillt das Netz also über von wenigstens zum Teil mittelschwer enttäuschten Exegesen, Anmerkungen und Parodien, die sich auf die beiden auslaufenden Über- Erzählungen „The Avengers“ und „Game of Thrones“ beziehen. Der Gang der Ereignisse bei „Game of Thrones“ wird dabei als kohärent, aber unbefriedigend wahrgenommen, während „Avengers: Endgame“ (bricht immer noch Rekorde) als emotional befriedigend, aber auf der Erzählebene mehr und mehr als widersprüchlich und fehlerhaft wahrgenommen wird. Und gleichzeitig scheint beides großen Publikumsschichten, die zu groß sind, um sie als „Fans“ zu bezeichnen, weitgehend egal zu sein. „Avengers“ und „Game of Thrones“ bleiben trotzdem weitgehend allgegenwärtig, werden von immer mehr Menschen angeschaut und erneut angeschaut, analysiert und weitergedacht.

Es wirkt fast, als wären diese Erzählungen Fußballspiele, Songwettbewerbe oder Nachrichten, die kaum jemanden zufrieden stellen, geschweige denn glücklich machen, aber nun mal in der Luft liegen, da sind, verbindende Events. Und ein Verweis auf „Die Gesellschaft des Spektakels“ passt irgendwie auch immer.

Nur sind Hunderte von Millionen von Dollar dafür ausgegeben worden, Zeilen Dutzende von Malen umgeschrieben und Momente umgeschnitten worden, damit diese Fiktionen das Gegenteil eines Sportereignisses oder einer Castingshow sind. Jede Sekunde davon ist offensiv künstlich gestaltet, und schon ein unpassender Kaffeebecher im Fantasy – Setting sorgt für weltweite Schlagzeilen. Die ganzen Schlagworte des Spektakel – Gedankens – Pseudo – Authentizität, Pseudo – Teilhabe, Pseudo – Gleichzeitigkeit usw., treffen absolut nicht auf das Betrachten von hochartifizellen Traumwelten zu. 

Das pseudo - authentische Spektakel sind vielleicht nicht die Geschichten, sondern ist das gemeinsame Erleben der von ihnen kreierten Resonanzräume (und das ist nicht einmal eine abstrakte Erfahrung: viele Zuschauer*innen schauen diese Geschichten als Event in Gruppen).

Die (nennen wir sie doch mal so) Fans sprechen dabei „Game of Thrones“ üblicherweise eine Art „realistische Härte“ zu, einen ungeschminkten, illusionslosen und unverstellten Blick auf die schäbigeren Seiten des Lebens. Besonders auch Menschen, die ansonsten Gewaltdarstellungen bewusst umgehen verteidigen das Übermaß an Grausamkeiten der Serie mit irgendeiner Variation von „Ist nicht schön, aber so ist es halt!“ („Cruel, but very true to life“, wie es früher mal hieß). Der Marvel -Kino- Kosmos dagegen wird von den selben Personen normalerweise als „reine Unterhaltung“ bezeichnet, als Eskapismus, Rambazamba und als U zum E von bspw. „Game of Thrones“. Dabei gehören beide Epen nicht nur unbestreitbar erst einmal gleichermaßen zum großen Meer der vergnüglichen sinnstiftenden Geschichten, sondern sind beides extrem erfolgreiche Premiummodelle der cleveren Popkultur, also der Inbegriff von Erzählungen, die gleichzeitig Eskapismus und grundsätzliche Wertediskussionen betreiben.

Tatsächlich lebt das als ernstes Lehrstück verbrämte „Game of Thrones“ nicht zuletzt von Schauwerten und Budenzauber, während die angeblich so vergnüglichen Marvelfilme von permanenten und ziemlich ernst behandelten Verunsicherungen und Krisen erzählen und häufig wie Tragödien gebaut sind.

Es sind beides Kriegsgeschichten. Der Titel „Game of Thrones“ ist ein ziemlich zynischer Euphemismus für einen blutigen, ausufernden Erbfolgekrieg, wichtige Marvel – Episoden heißen Bürgerkrieg, Endloser Krieg oder Endspiel, womit sich der Kreis wieder schließt.

Beide Großepen werden von ihren Bewunderern für ihre angeblichen Plottwists und überraschenden Figurenentwicklungen gelobt, auch wenn alle ihre Schlüsselfiguren samt hervorstechender Eigenschaften zu jedem Zeitpunkt nach wenigen Sekunden im Dunkeln zu erkennen sind. Das heißt nicht, dass die Fans vernagelt wären, sondern ist Ausdruck eines bedeutungsvollen Begriffschaos: die Hauptfiguren von „Game of Thrones“ und dem „MCU“ werden ausführlich ausformuliert und von verschiedenen Seiten beleuchtet,- und um sie herum passiert natürlich dauernd eine Menge, und einige Nebenfiguren machen im Kontrast zu den vergleichsweise statischen zentralen Charakteren überraschende Wandlungen durch (beispielhaft sei hier Thor genannt, der in dem Moment freier entwickelt und gebrochen werden kann, in dem er auf Wunsch des Darstellers als Heldenfigur aus dem Zentrum tritt) .

Der Reiz beider Welten besteht nicht zuletzt darin, die eigenen immer wiederkehrenden Kehrreime als etwas Neues erscheinen zu lassen, so dass die letztendlich durchbrechenden klassischen Erzählmuster wie eine verblüffende Wendung erscheinen. Um die Sache noch komplizierter zu machen, sind beide Über – Epen auf ihre jeweilige Art dann doch sehr originelle Mischungen.

Konkret (und kurz rein in die Materie): Von der ersten Episode an ist Jon Snow der klassische Held aus Sagen und Legenden, bis hin zu seiner unklaren Herkunft, während Cersei Lannister die klassische Schurkin aus den gleichen Erzählungen ist, bis hin zu Inzest und einem monströsen Sohn. Daenerys als die gebrochene Frau, die mit den Wölfen heult und die Untiere befehligt, die deformiert das Schwert führt und vermutlich dadurch umkommt entspricht  genau so zu den übergroßen rächenden Frauen aus der Welt der Mythen und der (stilisierten) Geschichtsbücher vergangener Zeiten wie die vom Leid geplagten Töchter des Hauses Stark (von denen aber mindestens eine zum Symbol des Neubeginns werden wird, und die rachelustigere wird der Rache abschwören oder ihre Verblendung begreifen müssen, denn so sind Heldengeschichten nun mal). Indische, mittelamerikanische und griechische Mythen haben die bekanntesten Beispiele dafür hervorgebracht, aber auch in den verdammten Nibelungen treiben streng genommen sie die Handlung an. Das Besondere an „Game of Thrones“ ist meiner humpelnden Meinung nach eher, dass ein traditioneller moderner Held fehlt, und dass die klassische Narrenfigur, die zu einem solchen Heldenlied gehört, so düster, so cool und so psychologisch ausfällt:

Dieses Fehlen eines klassischen Hollywood – Helden (oder auch nur eines Bildungsromanhelden) wurde von den Fans als „Jeder kann sterben“ gelesen, oder sogar (siehe oben) als angewandter Feminismus oder wenigstens als Ende des alten weißen Mannes.

Aber, ohne hier spoilern zu wollen, bspw. die schockierende letzte Szene der ersten Staffel korrespondiert ganz traditionell mit der schockierenden ersten Szene und verkündet wie im alten Griechenland: wer sich in der Welt von Westeros für rechtschaffen hält, ist der Hybris verfallen und muss untergehen. Wir werden am Ende der Serie (in wenigen Tagen) entweder  ein zerstörtes Westeros sehen oder einen Neubeginn (vermutlich beides), aber wer lebt und wer stirbt, die Frage, mit der die Serie permanent und penetrant beworben wird, ist im Grunde so unwichtig wie bei jeder klassischen Tragödie.

Und weil dieser Blogeintrag schon wieder zu lang ist und ich auf häufigere und kürzere Einträge hinarbeite, lesen wir uns mit tastenden abschließenden Überlegungen darüber, warum wir uns in diesen Geschichten herumtreiben, erst nach dem Finale von „Game of Thrones“ wieder, das ich NICHT sehen (und erst recht nicht behandeln) werde (Nachtrag am 15.05.: Hier stand gestern trotzdem eine halbe Prognose, die sich offensichtlich unerträglich naseweis las, darum gelöscht).  

Vielleicht besaß die Frage, wer den Kampf um den Eisenthron überlebt, nie wirkliche Brisanz, aber wer diese hochgehandelten Geschichten wie verdaut und was sie wie verdauen, ist vermutlich alles andere als egal (Fortsetzung folgt).

 

30.04. 2019 Rächer, Throne, ausgeleierte Geschichten (I)

Manche Vorschulkinder kennen Freddy Krueger, fast 10 Jahre nach dem letzten (erfolglosen) „Nightmare on Elm Street Film“, 25 Jahre nach dem Abschluss der Originalreihe (bzw. dem letzten guten Film mit Freddy, auch erfolglos).

„Gucken wir Nightmare mit Freddy?“, fragen sie mit herausfordernd blitzenden Augen beim Einlass ins Kleinkinderkino, und natürlich sind es die Jungs, die ihre Freunde schubsen und gleichzeitig dauerverwundet und beifallssüchtig wirken, aber sag ihnen das bloß nicht.

Meine übliche Erwiderung auf die Frage ist ein halb belustigtes, halb strafendes Kopfschütteln und die Bemerkung, ein Film mit Freddy wäre doch zu dumm und zu gruselig, worauf die angehenden Ärgermacher stolz verkünden, sie fänden Freddy toll und gar nicht gruselig. Und dann sind sie friedlich. Ein anderer Kandidat für dieses ermüdende Grenzenaustesten ist „Chucky“ („die Mörderpuppe“), der als frei flottierende grausige Idee schon immer beliebter war als als Filmfigur.

Bei Kindern im Vorschulalter scheinen Freddy und Chucky im Allgemeinen allerdings nicht besonders populär zu sein (zumindest erwähnen sie sie nicht von sich aus, aber ich werde den Teufel tun und nachfragen), doch Teenager kennen sie mehr oder weniger alle. Sie haben in der Regel keinen Film gesehen, sie wissen nicht, wer Wes Craven oder Robert Englund sind, die genauen Prämissen der jeweiligen Filmreihen sind ihnen nicht unbedingt klar und sie würden beide Figuren auch nicht auf Anhieb erkennen. Aber die Ideen leben: tödliche Albträume, die Mörderpuppe. Und passenderweise handelt der letzte und gute Freddyfilm der Originalreihe genau von diesem Phänomen: „Wes Craven`s New Nightmare“ handelt davon, dass die Idee von Freddy zu mächtig geworden ist und in eine kohärente Geschichte mit einem endgültigen Ende überführt werden muss, um keinen Schaden anzurichten.

Ich hatte als Vorschüler Angst vor dem Weißen Hai und vor Damien aus den „Omen“ – Filmen. Und ich kannte von beiden nicht ein Filmbild (allerdings die ordentlich beunruhigenden Kinoplakate). Ich wusste nichts über diese Filme, aber alles, was wichtig war: der weiße Hai war ein riesiger menschenfressender Hai und Damien war ein allmächtiges Kind, das der Teufel war. In ihrer schwammigen Unschärfe und ihren schemenhaften Umrissen konnten diese Ideen beinahe grenzenlosen Terror auslösen. Kindergartengespräche über den Weißen Hai und Damien waren unsinnig und im Grunde egal: irgendein Angeber behauptete, irgendein gruseliges Detail über die Filme zu wissen, die anderen kreischten und hielten sich die Ohren zu. Wir wussten alles, was es zu wissen gab.

Die tatsächlichen Filme wirkten im Kontrast dazu später beinahe beruhigend. Die Wundermaschine des klassischen psychologisierenden Hollywoodfilms präsentierte keine fragmentarischen Alpträume sondern Erlösungsgeschichten auf Augenhöhe, der „Weiße Hai“ handelte von einem sympathisch schlecht gelaunten Strandpolizisten und seinen Mitstreitern gegen das Böse (einer starb, das Gute siegte), das „Omen“ von einem sympathisch überforderten Botschafter und seinen Mitstreitern (alle starben, das Böse siegte). Es waren gut ausgeleuchtete, künstliche und auf etwas zynische Art rührend verantwortungsvolle Filme mit hervorragenden Soundtracks.

Und wenn ich später furchtsame Skeptikerinnen zu dem einen oder anderen Horrorfilm überreden wollte, argumentierte ich meistens damit, dass jede wirr und stümperhaft zusammengewürfelte Geisterbahn verstörender wäre als noch der grausigste Horrorfilm mit seinen liebevoll entwickelten Figuren, Themen, Subtexten, mit seinen verspielten Kameraeinfällen und stilisierten Effekten, mit seinen penibel abgemischten Pauken und Geigen.

 „Der weiße Hai“ handelte IN WIRKLICHKEIT von Polizeichef Brody und „Nightmare“ später vom extrem glaubwürdig genervten Teenagermädchen Nancy. IN WIRKLICHKEIT konnte Batman nicht fliegen und war Spiderman der netteste Nerd, der durch die Popkultur hüpfte, IN WIRKLICHKEIT war Bruce Lee in seinen Filmen keine Mordmaschine, sondern ein bescheidener und strauchelnder Kämpfer für die Kleinen und Schwachen. IN WIRKLICHKEIT war „Krieg der Sterne“ kein Kriegsfilm, sondern eine Sesamstraße im Weltraum mit Luke, Leia und Han, die zu besseren Menschen wurden und keine Soldaten waren, sondern unsichere Abenteurer. IN WIRKLICHKEIT waren James Bond – Filme vor allem witzige Wunschträume. Und wer seinen Mitschülern etwas anderes weiszumachen versuchte, war ein Idiot und Lügner.

Je älter du wurdest, um so mehr schaurige Schatten entpuppten sich als verblüffend freundliche Einladungen, furchtlos an der Welt teilzunehmen. Stephen King war Christine Nöstlinger mit mehr Grusel und konsequenterer Phantastik, Heinrich Böll mit Kraftausdrücken, Splatter, Spannung und mit dem faszinierenden ländlichen Amerika als Schauplatz anstelle des damals dröge erscheinenden Kölns (ein Irrtum). Vertraut den Autorinnen. Das blieb mein Credo mindestens bis zum Start von „you tube“. Wes Craven hätte darüber vielleicht gelacht und dabei wieder einmal Recht gehabt.  

 

IN WIRKLICHKEIT zeigte das Merchandise vom „Weißen Hai“ nämlich nicht Roy Scheider, sondern den Hai. Und das Merchandise war überall (es war die erste systematische und flächendeckende Welle von Begleitprodukten für einen Kinofilm). Die Kinder, die sich im Schwimmbad gegenseitig mit „Unter dir! Der weiße Hai!“ erschreckten waren tatsächlich genauso gewissenhafte Rezipienten des kulturellen Phänomens wie die Cineasten, die den witzigen Dialog zwischen Scheider, Dreyfuss und Shaw als Kern des Films ausmachten und darüber spekulierten, inwieweit er von wem improvisiert worden war. Spidermans Maske ist gruselig, wie schnufte unser Peter (oder Mike. Oder Otto. Oder May. Aber das ist wieder eine ganz andere Diskussion) auch sein mag. Und es scheinen zur Zeit deutlich mehr Masken als Comichefte verkauft zu werden. Auch in den „Disney Stores“ wird nicht ein Marvel – Comic verkauft, dafür gibt es Hulk – Fäuste aus Schaumstoff.

„Ich will den Hulk sehen. Der Hulk tötet alle Bösen!“ erklärt mir ein Vierjähriger (ich sollte mit der Arbeit im Kinderkino vielleicht wirklich aufhören). Der Hulk tötet nie jemanden (außer in Geschichten außerhalb des Kanons). Der Hulk tötet jede Menge unglückliche Gladiatoren vor „Thor: Tag der Entscheidung“, aber das ist doch parodistisch und wird nicht erzählt. Oder bin ich mittlerweile unzureichend informiert?  Wer hat Recht?

Im Nachhinein stellt sich heraus, dass die narrative Popkultur bis vor kurzem auf mehr parallelen Ebenen erzählt wurde, als selbst die postmodernen Semiotiker immer behauptet haben: da gab es nicht nur tiefe  Subtexte oder augenzwinkernde Metaebenen, sondern gleichzeitig Ikonographie und Fabel, bzw.: den beinahe konturlosen durch die Popkultur geisternden „Weißen Hai“ auf der einen Seite, die Geschichte von Polizeichef Brody auf der anderen.

Und vielleicht ist es diese Unterscheidung, die nun mit dem „Endgame“ der Avengers und der letzten Staffel von „Game of Thrones“ endgültig und allgemein sichtbar verschwimmt. Und vielleicht liegt darin das immer wieder behauptete Neuartige dieser sich vor unseren Augen auflösenden Geschichten (wird fortgesetzt).

 

06.04. 2019 Leben ohne Michael Jackson

Vermutlich ist sie mittlerweile fürs Erste halbwegs verdaut (spätere Wellen der Verarbeitung werden folgen), aber nun strahlt Pro 7 am heutigen Samstag Dan Reeds vierstündige Dokumentation „Leaving Neverland“ zum ersten Mal auf Deutsch aus (vermutlich ähnlich der britischen Version gekürzt, damit die Werbung noch Platz hat – aber wer will in diesem Programm welche Werbung schalten?).  Und anschließend wird die Musik von Michael Jackson vermutlich nach und nach aus vielen Playlists, aus einigen Supermärkten und Hochzeitsfeiern verschwinden.

Dan Reeds Film ist, wie der Autor/Regisseur/Interviewer betont, kein Film über Michael Jackson an sich. Es geht nicht um seine Biographie, sein Werk, seinen Werdegang und schon gar nicht um seine Psyche. Statt dessen erzählen zwei Männer, Wade Robson und James Safechuck Jr., davon, wie Michael Jackson vor gut 30 Jahren in ihr Leben trat, welche Rolle er darin spielte, wie er daraus wieder verschwand und wie sie heute mit ihren Erlebnissen umgehen. Dabei wird tatsächlich, wie Kritiker betonen, nicht erwähnt, dass beide mit Schadensersatzklagen gegen die Erben Jacksons (bislang) gescheitert sind und inwieweit beide nach dem Ende ihrer näheren Bekanntschaft mit Jackson direkt (und auch indirekt) finanziell und beruflich von ihrer Verbindung zu Jackson profitiert haben. Der Film beschreibt statt dessen die (zeitlich leicht versetzten) Geschichten von Robson und Safechuck als zwei Varianten eines Musters von systematisch geplantem jahrelangen sexuellen Missbrauch und seiner anschließenden sorgfältigen Vertuschung.  Dabei werden Robson, Safechuck und ihre Familien, ihrer Darstellung nach, zu jedem Zeitpunkt geschickt von Jackson manipuliert. In der Folge wähnen sich beide Männer in einer ungeplant entstandenen, weitgehend exklusiven authentischen Liebesbeziehung mit Jackson, fühlen sich erwählt und verantwortlich für die extrem ambivalent erlebten sexuellen Handlungen. Erst als beide Väter von Söhnen werden, bricht die zurückgedrängte Erschütterung durch den Missbrauch in ihnen auf, womit sie bis heute hadern. Beide zeigen sich trotz aller Ablösungen und Therapien bis heute emotional so verstrickt, dass sie die jeweilige Beziehung zu Jackson noch immer widerwillig wie eine romantische Beziehung beschreiben. Die Verwandten, vor allem die Mütter schildern ausführlich, wie sie von Jackson nach eigenen Angaben bestochen,  umschmeichelt und regelrecht umworben wurden, zeigen sich schuldbewusst und hadern mit dem eigenen Anteil an dem Geschehen. Der Film verzichtet nicht nur auf einen Kommentar, sondern auch auf kommentierende Gesprächspartner. Wir, die Zuschauer, sind die einzig für uns sichtbaren Teilnehmer, die von außen die Ähnlichkeit der Geschichten und ihre grauenvollen Gesetzmäßigkeiten begreifen.

Darin liegt der Skandal des Films, und deswegen provoziert er auch zum Teil so heftige Reaktionen (und nicht nur bei entgeisterten Jackson -Fans, die ihn sich niemals anschauen werden). Er erlaubt sich, was viele Kritiker ankreiden, ein paar schwelgerische Orchesterklänge (die meiste Zeit mit böser Ironie eingesetzt), ansonsten versagt er sich beinahe alles Grelle und Einordnende (auch die mehr oder weniger unerträglichen Schilderungen des physischen Missbrauchs beschränken sich auf wenige Minuten). Er erzählt seine Doppelgeschichte von A – bis Z in nahezu therapeutischer Ruhe. Vielleicht können wir nicht nachvollziehen, welchen Reiz die besondere Freundschaft zu einem Priester hat, vielleicht können wir uns nicht vorstellen, dass ein Familienoberhaupt heutzutage jahrzehntelang mit dubiosem Verhalten kokettieren kann, vielleicht sagt uns Jimmy Saville nichts oder zumindest zu wenig, um zu begreifen, wie er so lange davonkommen konnte. Bei Michael Jackson waren wir sozusagen alle dabei, und das macht „Leaving Neverland“ zu einem so exemplarischen und aufwühlenden Film.

 

Die einzige polemische Zuspitzung, die sich „Leaving Neverland“ erlaubt (und die Versuchung muss groß gewesen sein, da ganz andere Haken und Ecken einzubauen), die, wie alle polemischen Zuspitzungen in Dokumentationen ganz unschuldig daherkommt ist, dass wir immer wieder im von der Erzählung ganz naiv passenden Moment ein paar Brocken von Jacksons Liedern mitbekommen: In denen fragt, er denn jetzt böse oder krass ist oder behauptet, dass die Welt das fragt, singt über das aus ihm herausbrechende Monster oder darüber, dass wir vorsichtig sein sollen, wen wir lieben (und der Junge, der aussieht wie er, ist nicht sein Sohn). Wir kennen diese Lieder. Wie wir auch die Bilder von Jackson kannten, der vor Kameras mit Zehnjährigen Händchen hielt. Oder das missglückte, als Comeback geplante Interview von 2005, in dem er einräumt, mit Jungen in einem Bett zu schlafen. Das Interview, das ihm sozusagen das Genick brach, zu seinem letzten Prozess, der mit Freispruch endete, führte. Nach diesem Prozess verschwand er allerdings nach und nach so deutlich wie unauffällig aus den Radios und aus den vorderen Seiten der Popberichterstattung. Erst sein Tod katapultierte ihn posthum wieder in den Olymp und nonstop in die Setlists beinahe aller Parties. Insofern wurde die scheinbar naive Frage, ob eine Welt ohne Dauerbeschallung mit Jacksons Werk überhaupt vorstellbar wäre, schon längst beantwortet: die gab es schon immer, nur die letzten zehn Jahre fallen da aus dem Rahmen.

Als 1982/83 die „Michaelmania“ herrschte, machte Westdeutschland nicht mit. Es gab hierzulande noch kein MTV, dafür aber in Folge der Friedensbewegung massive Kritik an der amerikanischen Politik. Und auf dem Höhepunkt der damit assoziierten Alternativbewegung wurde der Konzernkapitalismus bekämpft. Michael Jackson, der mit dem verhassten Präsident Reagan posierte, Werbung für Pepsi Cola machte, die teuersten Konzerte gab und einzelne Videos von sich zu horrenden Preisen auf den Markt brachte, eignete sich, im Gegensatz zu seinen ewigen Konkurrenten Prince und vor allem, später, Madonna, einfach nicht zum allgemeinverbindlichen Megastar. Das „Thriller“ – Video war zu teuer, zu lang und zu furchteinflößend, um im öffentlich – rechtlichen Fernsehen mehr als einmal (größtenteils) ausgestrahlt zu werden. Meiner Generation ist die Parodie aus „Otto- der Film“ wesentlich vertrauter (und du warst sehr cool, wenn du sie als Parodie erkennen konntest,- und das, ohne „Thriller“ wirklich gesehen zu haben), das Video selber war nur Prä-Text für Analysen und Polemiken. Das erste Mal las ich von Michael Jackson in der „Hörzu“ meiner Oma, und in dem Text ging es nur um die nach Meinung des Autors peinliche Heldenverehrung in Amerika (in einer interessant bizarren und sehr typischen Herablassung herrschte dazu medialer Konsens, dass wir in Deutschland Michael Jackson nicht feiern müssten, da wir keine Rassisten seien). Der Sound der Stunde waren die Neue Deutsche Welle, die New Romantics und, für die ganze Familie, Italo – Pop. „Beat it“ war ein Riesenhit, aber in Radios und auf Rummelplätzen (in Supermärkten herrschten noch James Last oder Stille) nicht annähernd so allgegenwärtig wie „Der Kommissar“ von Falco oder Gianna Nanninis ebenfalls provokantes „Fotoromanza“. Nur im durch G.I.s geprägten Frankfurt am Main hingen meiner Erinnerung nach in den Boutiquen Poster von Jackson. Erst anlässlich von „BAD“, 5 Jahre später, in einer veränderten Medienlandschaft, kam das Gesamtkunstwerk Michael Jackson bei den heimischen Hörern richtig an.

Michael Jacksons Musik gab es nie ohne Performance, Image, Medienwirbel. Statt Texten präsentierte er in seinen Klappcovern Tanzschritte oder seine hingeräkelte Gestalt. Wer Mitte der 1990er seine fulminant paranoide Platte „HIStory“ kaufen wollte, musste, für den vollen Preis, eine „Greatest hits“ dazukaufen und über hochhaushohe Stauen von Michael Jackson hinwegsehen, die der „King of Pop“ temporär weltweit in verschiedenen Großstädten aufstellen ließ. Erste Vorwürfe wegen seines Umgangs mit Kindern dementierte er so vehement wie Gerüchte über später von ihm eingestandene Schönheitsoperationen. Seine Kritiker waren seiner Meinung nach nur hinter Geld her, er und er rief, als „berühmteste Person des Planeten“ zum Kampf gegen sie auf (wir wissen nicht, woher diese manchmal aufblitzende Bezeichnung stammt, aber wissen, dass sein eigenes Management ihn zum „King of Rock, Pop and Soul“ erklärte). Später stellte er (als sehr religiöser Mensch) seine, mittlerweile zugegebenen, „Übernachtungsparties“ in eine Linie mit den Taten von Jesus und verkündete in Zeitungsanzeigen, er wäre auserwählt, für die Kinder der Welt zu kämpfen. Nur über seinen kommerziellen Erfolg redete er möglicherweise noch lieber als über seine angebliche Liebe zu Kindern. Ohne seine Macht und sein Image wäre er nie an Robson und Safechuck herangekommen, hätte sie weder kennen gelernt (Robson war zum Zeitpunkt des Kennenlernens ein Jacksonimitator im Vorschulalter, Safechuck drehte als 10jähriger einen Werbespot mit ihm), noch hätte er ihre Familien umgarnen können, und niemand anderem wurde es quasi von der Öffentlichkeit erlaubt, für Wochen mit Minderjährigen ein Bett zu teilen.  

Eine Ernüchterung, die Reeds Film auslöst, ist das Gefühl, hereingefallen zu sein. Unter angeblich kritischen Menschen war bis vor kurzem ein scheinbar reflektierter Blick auf Jackson üblich: Jackson galt nun als tragischer Weirdo, der sich sicherlich auf etwas unbestimmte Art falsch verhalten hatte, aber als geprügelter, im Grunde asexueller Kindmann und Megastar keine Grenzen kannte und vermutlich nie wusste, was er eigentlich tat. Der Urheber dieser widerwillig mitfühlenden Sicht war natürlich niemand anderes als Jackson, der auch die auf den ersten Blick gebrocheneren Erzählungen über sich kreierte und unterfütterte. Wem das erfolgreichste Album aller Zeiten gelingt, der kann mit den Medien und mit seiner Rolle als Projektionsfläche umgehen. „Leaving Neverland“ legt nahe, dass Jackson vermutlich zwar tatsächlich selber kein Unrechtsbewusstsein hatte und sich zumindest als geradezu wohltätiger und liebevoller Mensch sehen wollte, aber dass er zu jedem Zeitpunkt hochgradig strategisch und ohne erkennbare Skrupel handelte.  Er hatte sogar aus seiner unbestritten tatsächlich traumatischen Kindheit ein Werkzeug und ein Alibi gemacht.

Nun wird hier und da eine differenzierte Sicht auf die Unterschiede zwischen Kunst und Leben gefordert und vor Zensur gewarnt. Und dann wird Jackson vor allem in amerikanischen Medien gerne mit, glaubt es oder nicht, Pablo Picasso verglichen, der gegenüber Frauen ein ziemlicher Mistkerl war. Nicht nur lassen sich die gegen die beiden Männer erhobenen Vorwürfe nun wirklich nicht miteinander vergleichen (ohne zu bestreiten, dass Picassos Verhalten anscheinend zum Teil widerlich war), Picassos Werk besteht nicht aus Bildern, die die gleichberechtigte platonische Liebe zwischen Frauen und Männern feiern oder gar Pablo als Erlöser der Frauen feiern (Parallelen gibt es allerdings darin, dass sich beide Männer immer wieder mit Monstern identifiziert haben, was ihrer Kunst einen Teil ihrer Spannung verleiht). Das Versprechen der Musik Michael Jacksons war ja nicht zuletzt (vor allem in den USA) das, Erotik und Nicht – Erotik auf harmlose Art zu verbinden, gerade obwohl die von ihm ausgesendeten Signale mindestens widersprüchlich waren und dazu Groove und Grusel zur sauberen Familienunterhaltung zu verbinden. Das macht eine Rezeption jenseits der Missbrauchsdebatte nahezu unmöglich.

Auf der anderen Seite ruft aber auch niemand nach Zensur (was in einer Welt, in der, im Moment, immer mehr Länder immer offener Kultur zensieren, noch einmal betont werden muss). Über 100 Millionen physische Tonträger mit Jacksons Musik schwirren durch diese Welt, und weder private Initiativen (wie einst bei den Platten der Beatles) noch Behörden (wie früher bei den Filmen von Jörg Buttgereit) rufen zu ihrer Vernichtung auf. Radiosender und DJs spielen zwangsläufig immer nur einen Bruchteil der verfügbaren Musik und entscheiden dabei nach ästhetischen, ethischen und häufig auch kommerziellen Gesichtspunkten. Die, die offen aus Jacksons Musik verzichten, sind in der absoluten Minderheit, und umgekehrt war Jackson bereits von 1993- 2009 äußerst umstritten und längst nicht überall zu hören. Niemand will seinen Namen aus der Popgeschichte streichen. Die Musik ist immer noch überall.

Und fluffige Plastikbässe, gepresste spitze Schreie, butterweiche Streicher aus dem Synthesizer, sich langsam steigernde Songs ohne erkennbaren Refrain und alle anderen popmusikalischen Innovationen, die sich auf Jackson zurückführen lassen, werden sich auch unabhängig von seinen eigenen Aufnahmen nicht wieder einfangen und aus dem Klangbild herauskürzen lassen, und das will auch niemand. 

 

 

Aber dass das Gesamtpaket Michael Jackson so unverzichtbar, essentiell und im Guten wie im Bösen so unzerstörbar sein soll, wie es vor allem in amerikanischen Qualitätsmedien gerade behauptet wird (die von der Sonne, den Bausteinen, dem Geschenk an sich und der Mahlzeit an sich schreiben, wenn sie Jacksons Werk meinen – siehe bspw. NYTimes, The Atlantic und Slate), halte zumindest ich für eine seltsame Art von Wunschdenken: Wenn ein missionarischer Popmusikkritiker sich persönlich nicht vorstellen kann und will, auf Michael Jackson als innere Richtgröße zu verzichten, behautet er anscheinend lieber, das wäre der ganzen Welt unmöglich oder sie müsste ansonsten allem Schönen entsagen.  Dass gerade in einer Zeit, in der das Spiel mit angeblichen Identitäten und Zuordnungen wieder weniger erlaubt wird, ausgerechnet der ewige Freak und Grenzgänger Michael Jackson in fürchterlicher Eindeutigkeit als zerstörerische und zerstörte Person dasteht, ist mehr als bedauerlich.

Dafür müssen wir uns eben eine bessere Gallionsfigur suchen. 

Zumindest für den Moment ist Michael Jackson zur Fußnote der Geschichte von Robson und Safechuck und dem, was sie bedeutet, geworden. Das ist kein gutgemeinter Kitsch, sondern, wenn wir uns die Stellungnahmen von Psychologen und Pädagogen zu „Leaving Neverland“ anschauen, eine Tatsache. Und so mag Jackson indirekt, in einer bizarren Variante von poetischer Gerechtigkeit, doch noch zum Schutz von Millionen von Kindern beitragen, wie er es angeblich immer wollte.

 

 

 

 

24. 03. 2019 "Wir" und der Horror für Familien

Wer setzt sich bei (in Berlin) herrlichem Wetter sonntagnachmittags ins Kino und schaut sich einen beklemmenden Horrorfilm an? Ich, aber nicht nur ich. „Wir“ von Jordan Peele war voll, und zwar selbst im Schachtelkino von einem größtenteils eher gesetzten Publikum aus nicht mehr blutjungen Paaren. Menschen, die tendenziell miteinander Kinder machen wollen (nicht oder nicht nur im Anschluss an die Vorstellung, sondern längerfristig). Im Vergleich zu den Horden junger Menschen in Superheldenfilmen und den besten Freundinnen, die überwiegend ins Arthousekino gehen ein deutlich anderes Publikum.

Lange habe ich mich gefragt, was die aus den Kinos verschwundenen Liebeskomödien als Datemovies abgelöst hat, seit letztem Jahr begreife ich endlich: Horrorfilme. Und zwar nicht das sexy Zeug (Vampyre, lustvolle Grenzüberschreitungen usw.), sondern Filme über bedrohte Familien.

In den letzten Jahren wird immer mal wieder gerne behauptet, das Genre sei „erwachsen“ geworden oder hätte sich diesen oder jenen sozialen, politischen oder psychologischen Fragestellungen gegenüber „geöffnet“. Ältere Horrorfilme scheinen nach dieser Sicht solche dumpfen Pleiten gewesen zu sein wie das „herkömmliche Waschmittel“, das in der Werbung einfach keine Flecken herauskriegt. Diese Verachtung aber ist unbegründet.

Horror ist das Genre, das praktisch nur aus Subtext besteht, natürlich hat es schon immer und in allen künstlerischen Formen brisante Themen verarbeitet. „Dracula“ verhandelt vergleichsweise unverblümt weibliche Sexualität, Adel gegen neue Bürger, industrielle Revolution und Globalisierung (wenn auch auf ziemlich konservative Weise). Und „Die Körperfresser/Body Snatchers“ (wenn die auch manchmal unter Science Fiction laufen) beschreiben in jeder neuen Verfilmung einen anderen bedrückend dominanten Zeitgeist, der die Integrität und Individualität auslöscht (besonders tragisch in der Philip Kaufman Version von 1978, die das Scheitern der Alternativkultur prophezeit). Menschen haben nach dem Betrachten von (guten) Horrorfilmen nicht deswegen das Gefühl, eine wichtige Konfrontation überstanden zu haben, weil sie blöd sind oder damit rechnen, auf dem Nachhauseweg selber den Kampf gegen Killeraffen, Killerroboter oder den Blob aufnehmen zu müssen.

Die geschätzten und zum Teil auch überschätzten Horrorfilme der letzten Jahre, die bei Kritik und an den Kassen wirklich abräumen konnten, haben, mit zwei Ausnahmen (wir kommen gleich dazu), zwei Dinge gemein: sie bedienen sich einer zeitgenössischen Indie  Ästhetik und sie handeln von bedrohten Familien. Das reicht aus, um sie als etwas Neues behandeln zu können.

Wenn der hotteste Arthousefilmer ein Remake eines der beliebtesten Horrorfilme aller Zeiten dreht, bleiben die Kinos leer und die Kritiken ambivalent („Suspiria“, 2018). Aber der krude, offen mit Aberglauben kokettierende Gespenstermumpitz von „The Conjuring“ (ab 2013) mündete in eine der erfolgreichsten Reihen der Filmgeschichte (mit den Nebenprodukten „Annabelle“ und „The Nun“), und er erzählt in weichen Farben und mit guter Musik von -beinahe -zerbrechenden Familien. In den erfolgreichen aktuellen Horrorfilmen finden wir nichts von dem öden Blau und Stahlgrau der schrottigeren Genreproduktionen, und statt dräuender Orchesterklänge erklingen meistens stilvolle Oldies oder elegante Electronica. Wir treffen auf Familien voll unheimlicher Kinder, ohnmächtiger Väter und, Achtung . Spoiler!, häufig (nicht immer) auf starke Mütter, die zum Einfallstor des Bösen werden. Das kann kein Zufall sein. Ich halte die, auch erfolgreichen, „Insidious“ – Filme (ab 2010) aus der „Conjuring“ – Schmiede (Blumhouse, James Wan et al) für viel gelungener, aber die Frauen im (natürlich muss es heute so genannt werden) „Conjuring- Universum“ sind abgründiger und interessanter, und das zahlt sich unmittelbar aus. Horror war nie ein betont maskulines Genre (beinahe alle erfolgreichen Filme hatten schon immer weibliche Protagonisten), mittlerweile hat es sich von den eher existentialistisch- einsamen Heldinnen (bspw. aus den „Halloween“, „Alien“ oder „Scream“ – Reihen) hin zu Müttern bewegt, die die Aggressionen gegenüber ihren Kindern, zu angehenden Müttern, die ihre Aversionen gegen die Mutterschaft bewältigen müssen und zu Töchtern, die sich von ihren bösen Müttern emanzipieren müssen (und nahezu verschwunden sind die abgerissenen Männer, die in eine unheimliche Welt stolpern, mit denen ich mich nicht nur als Teenager gerne identifiziert habe).

 

Der Trend hin zu Familiengeschichten begann zufällig mit dem Glückstreffer des ersten „Paranormal Activity“ – Films (2007). Eine junge Familie fühlt sich bedroht, der Mann stellt eine Videokamera auf, die das Haus überwachen soll (ihre Aufzeichnungen sind der wenig spektakuläre Film, den wir sehen), hier und da verhalten sich Alltagsgegenstände seltsam, SPOILER: die junge Mutter entpuppt sich als Hexe und bringt ihren Mann um. In der Folge erzählten die Fortsetzungen des Films, die „Sinister“, die „Insidious“, die „Conjuring“- und die „Ouija“ (ab 2014)– Filme ganz ähnliche Geschichten. Die „Purge“ – Reihe verlagerte die Bedrohung aus der Familie in die gesellschaftliche Umgebung, diese vor allem soziale Apokalypse wurde in „It comes at night“ (2017) und „A quiet place“ (2018) bis in die Filmkunst veredelt und lässt eine gute Mutter Gegengewicht zur kalten Welt sein (dann ist auch ein hoffnungsfrohes Ende in einer bescheideneren Welt möglich). Näher an „Paranormal Activity“, aber noch intimer und deutlich bewusster gestaltet waren die mächtigen schrecklichen Mütter von „The Babadook“ (2014), „Pywejacket“ (2017) oder „Hereditary“ (2018). Gemäß dem Trend hätte „Suspiria“, ein Film über eine beinahe allmächtige böse Mutter, eigentlich Publikum und Preise abräumen müssen, aber, alas!, der handelte eben von keiner Kleinfamilie.

Die Apotheose dieser Geschichte in aller Länge, Breite und Melodramatik (ja, die Kleinfamilie ist Einfallstor des Bösen, und ja, das Medium des Bösen ist die Mutter, aber trotz aller Verluste hat niemand Schuld und steht nach durchgestandenen psychologischen Proben am Ende der Neubeginn der geläuterten Familie) gelang Mike Flanagan mit seiner ausufernden und freien (und trotz des Trends zu – hoffentlich- metaphorisch gemeinsam metzelnden Familien gewaltfreien) Verfilmung von „Spuk in Hill House“ für Netflix (2018). Hier scheint am Schluss alles gesagt, aber satt macht es nicht (trotzdem eine extrem interessante Serie). Vielleicht fehlt da ein bisschen die Welt, im Guten wie im Bösen.

Neben Kult- und Randphänomenen (wie dem beinahe fröhlich geschmacklosen „American Horror Story“ oder dem schwer erträglichen „Ghostland“) brechen zwei mit viel Prestige und Preisen geadelte Ausreißer mit diesem Erfolgsmuster: „It follows“ (2014) und „Get out“(2017). „It follows“ erzählt von Teenagern und Sexualität, wie es früher bestimmend für das Genre war (der Film strotzt vor offensiv nostalgischen Anspielungen), aber auf eine andere und verwirrendere Art.

Get out“ passt interessanterweise im Grunde zur Formel, nur, dass hier aus der Sicht eines jungen Mannes erzählt wird, der als Schwiegersohn/Partner der Tochter in eine der mittlerweile beinahe obligatorischen bösen Kleinfamilien mit einer sehr unheimlichen Mutter hineingerät (tatsächlich werden im Lauf der Handlung gleich mehrere Versionen der archetypischen Hexe durchgespielt). „Get out“ erzählt natürlich von einem afroamerikanischen Mann, der erkennt, dass die weiße, liberale Familie seiner Freundin die Körper von Afroamerikanern für sich ausbeutet (die Konstruktion ist selbst für Horrorverhältnisse etwas kompliziert). Es ist nicht der erste Genrefilm, der die amerikanische Rassenproblematik behandelt, und meiner Meinung nach auch kein guter Film (und unterm Strich auch nicht sonderlich sympathisch), aber in den USA gilt er als Politikum und Meilenstein (darum will ich als Außenstehender an dieser Stelle nicht in die Diskussion um vergleichbare Filme einsteigen). Autor und Regisseur Jordan Peele bekam die Neuauflage der legendären Fernsehserie „The Twilight Zone“ anvertraut (läuft in den USA ab dem ersten April) und dazu drehte er noch mit nun etwas größerem Budget seinen Zweitling „Wir“, bzw. „Us“.

 

Wie auch „Get out“ wäre „Wir“ mit seiner guten Idee und seinem etwas durchhängenden Plot als „Twilight Zone“ – Episode (also: sozusagen als pointierter Denkanstoß) fantastisch und sieht fantastisch aus (und der Soundtrack will es erst recht wissen und verspottet sogar beiläufig die Beach Boys). Auf zwei Stunden ist er in meinen Augen wieder deutlich zu langatmig, zu brutal und zu durcheinander geraten (in diesen 116 Minuten wird meiner Ansicht nach eine wirklich spektakuläre halbe Stunde unter brachialer Action begraben). Aber nur in dieser Ausführlichkeit kann er von Familien (und wie sie sich gemeinsam und blutig gegen die Außenwelt verteidigen), von einer Familie und (leichter Spoiler) einer gefährlichen Mutter erzählen und dabei (noch ein leichter Spoiler) das Thema der gesellschaftlichen Ungleichheit anschneiden (ohne es zu vertiefen). Er wird noch viele angehende LebenspartnerInnen in die Kinos locken, in schlaflosen Nächten beschäftigen und, vielleicht, in Familienleben voll grimmiger Hoffnung führen (mit „Luz“ läuft tatsächlich ein mutmaßlich sehr guter deutscher Horrorfilm jenseits dieser Thematik in sehr viel kleineren Kinos, - ich bin beschämenderweise im Sommer dabei eingeschlafen, der Sommer war zu heiß, darum kann ich mir darüber noch kein Urteil erlauben). Der Themenkomplex, den diese Filme angerissen haben, ist noch längst nicht erschöpft, und wir können beinahe unbesorgt weiteren Filmen über Familien in einer unheimlichen Welt entgegenschaudern.

 

  

17.03. 2019 Greta ans Eingemachte

Trotz der ansonsten furchtbaren Nachrichten heute hier ein paar Worte über die „Fridays for future“, die heute ihren bisher massenwirksamsten Tag mit Demonstrationen in, so heißt es, über 100 Ländern hatten (und alleine 20.- 25.000 TeilnehmerInnen in Berlin- heute gendern wir mal, mal schauen, wie es nächste Woche aussieht).

Selbst in den wohlwollenden Medien, und das sind längst nicht alle, werden m. E. einige Aspekte dieser denk- und merkwürdigen Bewegung nach wie vor ziemlich verzerrt dargestellt (es sind genau die wohlwollenden Medien, die trotz ein paar besinnlicher „Hätte ich mehr gegen den Klimawandel tun?“ – Aufsätze, einer launig – halbironischen Hofberichterstattung zu „Greta“ und der täglichen apokalyptischen Umweltmeldungen keine Skrupel haben, scham-, hirn – und zukunftslose Titelgeschichten wie „Reisen zum Ich“ mit massiver Werbung der mutmaßlichen Klimawandelverursacher zu garnieren). Wer solche FreundInnen hat, hat trotzdem andere Probleme. 

Wollen wir die einzelnen Punkte dieser (wg. Ergriffenheit etwas holperigen) Richtigstellung durchnummerieren, so, als wären wir im Internet? Au ja.

1.       Nichts an „Friday for future“ ist bequem

Selbst von solidarischer Seite, von anderer ganz zu schweigen, werden die Demonstrationen für den Klimaschutz während der Schulzeit als eine quietschvergnügte, lässige Teeniekiste für die gute Sache angesehen. Die KommentatorInnen rechnen dabei völlig ungerechtfertigterweise von ihrer eigenen Schulzeit hoch, als sie flirtend im Schulcafé Geschi blau machten und sich alibimäßig einredeten, das wäre eine Aktion gegen bspw. völkerrechtliche Kriege. In den bösartigeren Wortmeldungen heißt es dann auch schon einmal, die Schulstreiks wären eine bequeme Art des Schuleschwänzens.

Nun, nicht entschuldigte Fehlzeiten sind nichtentschuldigte Fehlzeiten und werden durch einen guten Grund nicht bequemer, und Fehlzeiten und schulische Leistungen sind für derzeitige Teenager eine Riesensache und ein riesiges Tabu.

Im Gegensatz zu früheren Generationen verfügen sie, leider, nun über gar keinen Rest mehr an gutmütigem Weltvertrauen bzw. Respektlosigkeit gegenüber Fehlzeiten im Zeugnis. Eine bruchlose Schulkarriere gilt, völlig anders als früher, gerade unter den kritischeren SchülerInnen als Königsweg, um massiven Existenzsorgen, entweder Leben im Elend oder in der Korruption (oder beidem) zu entgehen. Sie kommen dazu häufig aus Elternhäusern, die bei allen möglichen Teenagerkapriolen beinahe grenzenloses Verständnis zeigen, mit Ausnahme von selbstverschuldeten Schulproblemen.

Die SchülerInnen leiden und ringen einsam mit sich und bekakeln tagelang in großen Kleingruppen, ob wer wann wie streikt, wie Klima gegen Karriere aufgerechnet werden soll, usw. Das mag alles in alle Richtungen zwei Nummern zu heftig gehandelt werden, aber es sind Teenager. Jedenfalls haben sie in diesem Punkt keinerlei Ähnlichkeiten mit bspw. uns damals.

 

2.       Klimaschutz hat keine echte Lobby

Vor einigen Wochen deutete die Kanzlerin noch an, hinter den Schulstreiks könnte der Einfluss fremder, übelwollender Mächte stehen (mittlerweile hat sie bei dieser Einschätzung eine Kehrtwende vollzogen, vermutlich hat sie in der Zwischenzeit in irgendeiner offiziösen Meinungsumfrage etwas über die breite Sympathie für Greta gelesen). Ein bisschen unklar bleibt, wer ein Interesse an den Protesten haben könnte: Die bekannten klimaskeptischen Schwergewichte China, Russland (mutmaßlich von der Kanzlerin gemeint) und die USA, die sich eine internationale Klimaschutzbewegung so innig wünschen wie eine Choleraepidemie ? Die SPD, die davor warnt, sich angesichts des Klimawandelns zu wenig mit dem Versprechen auf Arbeitsplätze erpressen zu lassen (und weiter nach rechts müssen wir erst gar nicht gucken)?

Wer, außer den tatsächlichen Umweltschutzverbänden, hatte denn in den letzten Jahren noch den Kampf gegen den Klimawandel und seine Auswirkungen als Chefsache auf dem Zettel? Gut, die Deutsche Bahn, aber die hat trotzdem zeitgleich die abgelegeneren Strecken stillgelegt, Flugreisen verkauft und bei Gewinnspielen Eintrittskarten für Automessen und – ausstellungen ausgelost. Es fallen mir mehrere Städte, im Süden, im Norden und in der Mitte ein, die unbeirrt vom Zeitgeist auf kommunaler Ebene offensiv an ihrem CO2 – Ausstoß geschraubt haben und es damit, mit wenigen Ausnahmen, nicht einmal in die Regionalnachrichten geschafft haben. Ansonsten könnte ich noch eine marktbeherrschende Arthouse – Kinokette in Berlin nennen, die recht lautstark mit ihrer ausschließlichen Nutzung von Ökostrom wirbt.

Ansonsten: niemand da, wo sich früher selbst Bierfirmen als RetterInnen des Regenwaldes aufgespielt haben. Durch die Hinterköpfe der PolemikerInnen spukt bei unklaren Vorwürfen gegen die Bewegung wohl die Erinnerung daran, dass die Friedensbewegung vor etwa 40 Jahren im Westen tatsächlich (auch) vom Osten finanziert wurde. Wie so häufig vernebelt die persönliche Biographie da den Blick auf den aktuellen Moment.

Auch und gerade die GRÜNEN haben den Klimaschutz ausgerechnet in den letzten Jahren zumindest auf Bundesebene als Ziel immer so geschickt vernuschelt zwischen anderen versteckt, dass es die für die Zukunft (nicht nur an Freitagen) als Partnerin ausgeguckte CDU nicht um den Schlaf gebracht hat. In vielen Qualitätsmedien stand bis zum erschütternden Sommer 2018 bis auf dürre Berichte über offizielle Klimagipfel und Glossen über die vielen Aspekte von Donald Trumps Ignoranz jahrelang buchstäblich nichts zum aktuellen Klimawandel. Umweltthemen tauchten nur noch auf, wenn sie nicht aus Interviews mit Leonardo Di Caprio, Thom Yorke oder den Ärzten herausgekürzt wurden.

Denn das Klimathema geht dahin, wo es weh tut:

3.       Es geht ans Eingemachte

Die Diskussion um den menschengemachten Klimawandel verkeilt sich an allen Ecken und Enden mit der aktuellen Vorstellungen davon, welcher Luxus das Leben lebenswert macht: Reisen und Streamen. Als Tourist und als Medienkonsument haben wir unserem Selbstverständnis nach immer das Recht auf den totalen Zugriff auf die Welt, über alle materiellen Grenzen hinweg. Das war immer ein vermessene Idee, die mit der Wirklichkeit streng genommen nichts gemein hatte, aber sie war trotzdem mächtig und half über bspw. sinkende Löhne, steigende Mieten und geschlossene Schwimmbäder in der Nachbarschaft hinweg. Wir waren ja, eigentlich, immer woanders, und da trafen sich Elite und Prekariat.

Auch die SchülerInnen, die nach eigener Einschätzung häufig von Standleitungen zu youtube und die Aussicht auf Ferien am Meer am Leben erhalten werden, schneiden sich auf einer kurzsichtigen und oberflächlichen Ebene hier, wie schon bei den Fehlzeiten, ins eigene Fleisch. Und sie konfrontieren die ökologisch bewussteren Eltern unüberhörbar mit deren Doppelmoral: es gibt Ökos, die nicht per Auto oder Flugzeug verreisen, es gibt welche, die so wenig Strom wie möglich für Rechner u.ä. verbrauchen und es gibt die, die bewusst konsumieren (und von alledem gibt es mehr, als manche Qualitätsmedien mit ihren erschütternden Artikeln über „Ein Jahr ohne Weltreise im Selbstversuch“ oder „Ein Monat ohne Smartphone und trotzdem keine gefährlichen Wucherungen am ganzen Körper“  vermuten lassen). Aber alles zusammen ist sehr, sehr selten.

 

4.       Es geht nicht um Greta Thunberg (und nicht um eine Mode)

…sondern es geht um den letzten Sommer. Vielleicht erinnert sich da ja noch jemand dran. Felder und Wiesen waren bleich und verdorrt, in manchen Supermärkten gab es keine Getränke mehr, in anderen wurden Kurzaufenthalte im Kühlraum verkauft. Hier und da platzten Schienen und Straßen auf. In vielen Häusern ohne Klimaanlage wurde Schlaf zum Problem. Noch mehr Menschen rutschte die Gesundheit weg. Neben mir fiel eine Touristin in der U Bahn um. Ein Viertel weniger Kartoffeln als bei der Ernte davor (unumstritten), dafür mindestens zwei volle Wespen – Zyklen (umstritten). Notfallgelder in Milliardenhöhe. Konkreter geht eigentlich gar nicht.

 

5.       Greta Thunberg verstößt gegen jedes Klischee

 

Ja, Greta sieht aus wie aus den 1980ern, aber da sind wir nicht mehr. Heutzutage sehen selbst WaldorfschülerInnen aus, wie es für Hollywoodstars früher zu grell gewesen wäre. Kosmetikprodukte für junge Jugendliche verkaufen sich 10mal mehr als in der Welt vor „Bibi`s Beauty Palace“ (falsch geschrieben? Na hoffentlich!). Greta dagegen sieht aus, als wüsste sie eventuell nicht einmal, was das Wort „Concealer“ bedeutet.

Dazu ist sie störrisch und wenig diplomatisch. Ja, sie wird verehrt, aber auch das in absolutem Kontrast zu den derzeitigen offiziösen Trends bei medialen Vorbildern. Die beliebteste Sängerin ist für Teenies Ariana Grande, deren derzeit beliebteste Single von Champagnern und Juwelen handelt (und auf interessante Art einen klassischen Oldie zersägt, aber anderes Thema).

 

Wir haben es, mit anderen Worten, bei „Fridays for future“ ohne Wenn und Aber mit einer originären und verwirrend idealistischen politischen Massenbewegung von jungen Menschen zu tun. Und das völlig unabhängig davon, ob sie in den Medien gerade als Sau durchs Dorf gejagt, als heilige Kuh für den Nobelpreis vorgeschlagen oder als Quatsch denunziert wird oder ob wir uns von ihr ertappt, provoziert oder bestätigt fühlen. Das müssen wir erst einmal verdauen.

Es gibt Schlimmeres. Immer. Jeden Tag. Und gerade heute.

22. 02. 2019: "ULfI" - Aus dem Leben der Marionetten (23:45)

Es ist ja ziemlich schwer, in der heutigen Welt und Medienwelt jenseits der Nachrichten noch das Gefühl zu bekommen, einem echten, unverfälschten Desaster beizuwohnen – dafür wurden unsere Hirne und Herzen schon zu weit abgeschliffen, btw. davor sind wir doch für die meiste Zeit in unser individuelles Programm geflüchtet. Insofern könnte eine tatsächlich, unbeabsichtigt und unaufregend vergurkte und vergeigte Sendung mit massenhaft Zuschauern ja beinahe wieder eine eigene Faszination entfalten, wenn es nicht in der Natur der Sache läge, dass eine solche Sendung etwa so faszinierend ist wie ein Kleinwagen beim Einparken. Gerade ist „Unser Lied für Israel“ zu Ende, und das mit Abstand Prickelndste an der ganzen Unternehmung war der spontan einnehmende Hashtag „ULfI“. Interessant war sie dennoch, im schlimmsten Sinn, denn einmal mehr und im Eurovisionsrahmen so deutlich wie nie wurde klar gestellt, dass selbst potentielle „ESC“- Teilnehmer in erster Linie qualvoll mit sich selbst identische Abstrampler sind, deren Weg in den innersten Ring des Konkurrenzkampfs immer das eigentliche Werk ist und die HINTER den Kulissen eventuell sympathische oder sogar originelle Menschen sein können. Konkret: Aus sieben Liedern und acht Menschen, die beim besten Willen nur schwer aus einer beliebigen Masse von bspw. acht Liedern oder neun Menschen herausgefunden werden könnten, wurde im Laufe eines langen, noch länger gezogenen, absolut intransparenten Prozedere der Siegertitel ermittelt. Das Gewinnerlied hob sich durch zwei beinahe problemlos erkennbare Merkmale aus der frischen grauen Masse ab: statt einer schönen jungen Person auf der Bühne waren es hier gleich zwei, und das Lied handelte nicht von Liebe, sondern auf dem Papier von weiblicher Solidarität. „S!sters“ sind, wie schamlos immer wieder ausdrücklich betont wurde, ein frisch und herzlos zusammengecastetes Duo aus Betty und Veronica in zu engen Hosen, die üblicherweise sicher sehr gut singen können, aber irgendetwas stimmte mit dem Knopf im Ohr/ dem Monitor beim ersten Durchlauf offensichtlich nicht (was bei einer weniger abgezirkelten Performance sicherlich auch einen Reiz gehabt hätte). Das Lied beschwor im Text die Abkehr vom Konkurrenzkampf, was selbst nach den dissoziierten Maßstäben von Castingshows (und als das war die sich hinschleppende Veranstaltung vor allem aufgezogen) ziemlich verlogen ist und die abgeschlagenen Konkurrentinnen vermutlich wenig getröstet hat (die sich bei den entsprechenden Zeilen nicht bei den Gewinnerinnen unterhakten durften, sondern geschickt für die Kamera isoliert platziert, gedemütigt und grimassierend grinsen mussten). Der Sieg war S!ster 1 zu viel und sie bekam kaum noch einen Ton heraus, weswegen S!ster 2, um nicht als unangenehm kühler Profi rüberzukommen und also im Vergleich zu versagen, dann auf dem Boden trampelte. Natürlich fließen in das Gestalten und Einüben solcher Reaktionen bei heutigen branchenbewussten Performern sehr viel mehr Liebe, Sorgfalt und Probezeit als bspw. in die Beschäftigung mit Musik, aber, und jetzt wird die Sache komplizierter und noch viel perverser, die entgeisterte Freude (in diesem Fall: das Miteinanderherumzappeln bei der erneuten Darbietung des Siegerlieds am Schluss) hatte tatsächlich Charme und eben den Hauch von Authentizität und unbrechbarer Menschlichkeit, mit dem unsere braven KandidatInnen in allen vergleichbaren Rattenrennen die eigene und die allgemeine Korruption veredeln. Ich war (wie vermutlich das ganze Publikum, sofern es zu diesem Zeitpunkt nicht schon geflohen oder eingeschlafen war) von der schluderigen Nicht – Choreographie begeistert und gerührt, weil die Sängerinnen eben doch Menschen waren und ich eben doch ein Mensch bin, und dank solcher punktueller Epiphanien werden solche Sendungen nicht aus dem Programm gejagt. Das Errechnen der Abstimmungs – und Juryergebnisse dauerte ähnlich lang und war mindestens so unverständlich wie das beim „ESC“ – Finale, denn so geht Weltniveau, und Langeweile, Verwirrung und Müdigkeit sind so verlässliche „ESC“ -Marker für die große weite Welt wie die (auch hier wieder großartige) Stimme von Peter Urban. Kurz: Ein letzter Platz ist definitiv wieder drin. Und warum uns das jucken soll oder zumindest kann, schreibe ich dann zum entsprechenden Termin im Sommer auf, für wen auch immer (ich dachte ja schon manchmal, dass „heterosexueller Spexlesender Grand Prix – Fan“ ein recht guter Projektname wäre, bis mir klar wurde, dass dieses Projekt vermutlich ähnlich beliebt werden würde wie ich, sobald ich mich als solcher oute).  

Zur letztmöglichen Krönung des erschöpfenden Abends wurde Udo Lindenberg wieder einmal wider besseres Wissen als Begründer der deutschsprachigen Popmusik bezeichnet und durfte zum ersten Mal wider alles, was gut und heilig ist, angeblich eine Coverversion von „Walk on the wild side“ singen, mit dem unschlagbaren Titel „Der König von Scheißegalien“. Dieses Stück hatte in Text wie Musik so gut wie nichts mit „Walk on the wild side“ gemein, aber die schöne Refrainzeile „Der König von Scheißegalien“ wurde häufig und  nachdrücklich und dann noch einmal und noch einmal mit Lindenbergs geballter übriggebliebener Verve wiederholt, und kein Gott der Popmusik kam auf die Bühne und machte das Licht aus,- aber das hat er ja schon spätestens bei „Truck Stop“ gemacht, und es stört bis heute niemanden.

15.02. 2019 "Girl in the dark"

Ich dachte ja schon, ich hätte langsam genug neue Psychothriller gelesen, aber die Ankündigung von „Girl in the dark“ (Deutscher Untertitel: „Wer sagt deinem Leben, dass es dein Leben ist?“ von R. T. Firefly (Gemeinschaftspseudonym eines einflussreichen schlaflosen New Yorker Lektorenpärchens und seiner Katze) lässt dann doch aufmerken (nicht zu verwechseln mit H. Z. Hackenbushs „A girl`s girl – vielleicht kennst du sie nicht, vielleicht kennt sie die richtig gut, die du nur so ein bisschen kennst“). Nach einem knallharten Bieterwettstreit mit kübelweise Rohdiamanten um die Verfilmungsrechte soll im Sommer tatsächlich mit der Niederschrift des Romans begonnen werden, und was da steht, ,macht neugierig.

„Alice (43) könnte das perfekte Leben haben: Nach einem wilden Studentinnenleben

a)      a)  mit einem Männergesangsverein

b)      b) in einer Pfütze

c)       c) unter Dosensuppensüchtigen

hat sie endlich das Glück gefunden: ihr Ehemann Adam sieht nicht nur blendend aus, sondern verwöhnt sie auch mit Thermomix, Wasabi- Knabbereien und einem Indoor – Delfinarium mit Blick auf den Central Park. Doch der Schein trügt: Alice

a)       a) spritzt sich Spülmittel

b)      b) versteckt sich bei Geräuschen in den Kühlschrank

c)       c) mag keine Hunde,

weswegen jedes zweite Kapitel

a)       a) rückwärts

b)      b) in Jamben

c)       c) von den Teletubbies

erzählt wird. Könnte das etwas mit dem mysteriösen Geheimnis in ihrer Kindheit zu tun haben, von dem wir immer nur die Erinnerung an einen „sehr, sehr langsamen Ententanz“ mitbekommen?

Aber es kommt noch dicker! Direkt vor Alices Schlafzimmerfenster lungert auf der anderen Straßenseite

a)       a) eine kichernde alte Frau mit Maden im Haar

b)      b) ein wahnsinnig gutaussehender 20jähriger Mann aus purem Gold

c)       c) ein Stück Käse

herum und schreit Tag und Nacht: „Ihr Mann ist doof! Ihr Mann ist doof!“

Alice ist beunruhigt, aber Adam tröstet sie: „Ist doch nur Neid! Keine Sorge, erschieße ich nächsten Montag, trink was!“, und endlich, endlich ist wieder alles, alles gut. Doch schon am nächsten Morgen liegt zu Alices Entsetzen

a)       a) eine abgetrennte Hand

b)      b) ein ausgeweidetes Gürteltier

c)       c) ein Sack blutiger Matsch

auf dem prächtigen Frühstückstisch. „Ach das!“, sagt Adam abwehrend. „Das ist doch nur für die Arbeit!“ Er lächelt so warm, aber kann Alice ihm wirklich noch trauen?

Die geheimnisvolle Gestalt auf der anderen Straßenseite schreit immer lauter und plakatiert die Straße mit diversen Fahndungsplakaten, auf denen unter einem Bild von Adam mit blutverschmiertem Mund in zwei Meter hohen Lettern „Vorsicht! Irrer Mörder!“ steht. Irgendwas will das Alice sagen. Die fremde Person entpuppt sich als

a)       a) Adams angeblich tote Schwester, die in einem Pappkarton im Delfinarium lebt und erzählt, dass er seine Eltern mit dem Beil zerteilt hat

b)      b) Adams angeblich tote erste Ehefrau, die verarmt im Gulli einen Gemischtwarenlanden betrreibt und erzählt, dass er ihre Nachbarn mit dem Beil zerteilt hat

c)       c) Adams angeblich toten besten Freund/Geschäftspartner, der als freischaffender Söldner lebt und erzählt, dass Adam ihm seine Firma und seine Beine gestohlen hat und nie ein Beil besessen hat.

„Mit wem redest du da?“, fragt Adam misstrauisch und lässt seine Maske fallen: Kichernd gesteht er Alice, dass sie gar keine Waise ist (und wir japsen noch erschüttert: Eine Waise? Ach, darum der Ententanz!“), er hat nur ihre Eltern schon früh versteckt, denn er will das Geld ihres Großvaters erben und wartet nur darauf, sie entmündigen zu können. Ihre Krankheit ist seine Schuld und wird in Wahrheit dadurch ausgelöst, dass er ihr dauernd Quark mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum untergejubelt hat. Aus Langeweile hat er dazu mit ihrer Schwester, ihrer besten Freundin, ihrer Therapeutin und mit allen Frauen, die sie in der Tanzschule geärgert haben, vor ihren Augen geschlafen (und sie hielt es für ihr Symptom!). Nun stürzt er mit einer Spritze voller Lobotomie auf sie zu, doch er hat Alice unterschätzt! Sie ist im Waisenhaus viel tougher geworden, als wir alle dachten, hat damals den Plattenspieler verstellt, dass der Ententanz zu langsam war und dabei böse gelacht und sperrt Adam jetzt einfach in den Schrank und wirft den Schlüssel weg. In einer kleinen, fiesen Coda trinkt sie ein Glas Champagner und fragt mit gespielter Unschuld: „Adam? Nie gehört!“, und wir bleiben durchgeschüttelt, adrenalinstrotzend, aber durchaus nachdenklich mit einem Lachen im Hals zurück. Die geplante Miniserie bedeutet entweder das aufregende dritte Comeback von Winona Rider oder ein aufregendes neues Image für Elizabeth Banks, und Daniel Craig spielt einen Flaschenöffner.“

 

 

 

01.02. 2019 Erinnerungen an den Klimawandel

 

Vor über 30 Jahren hielt ich, in „Erdkunde“, ein Referat über den Klimawandel. Der zuständige Lehrer, auf beinahe gutmütige Art proper konservativ, schüttelte mit angespanntem Schmunzeln die ganze Zeit den Kopf und konnte kaum an sich halten.

„Also, was denn nun?“, freute er sich verbissen im Anschluss. Er klang wie Kermit, und das war das Sympathischste an ihm (er las angeblich gerne Poe und spielte mit sympathischen Lehrern Poker aber das waren eher hartnäckige Gerüchte. Wovon er stolz und im Unterricht erzählte war, dass er Bleistifte auf dem Schreibtisch nach Länge sortierte). „Wird es jetzt heiß oder kalt? Kommen jetzt Dürren oder Wirbelstürme?“

„Na ja, alles“, murmelte ich halbwegs tapfer, denn ich hatte meine Hausaufgaben gemacht, ausnahmsweise, resp. alle drei schon damals erhältlichen Bücher zum Thema aus der Stadtbücherei ausgeliehen und gelesen. „Wenn die Pole schmelzen, und der CO2 – Ausstoß…“

Ich verhaspelte mich, bis der Lehrer ein angebliches Einsehen hatte (und er mochte mich sowieso nicht):

„Wir sprechen uns in 20 Jahren wieder“, schlug er gütig glucksend vor, „Und dann hast du entweder Recht gehabt oder kommst dir ganz schön dumm vor.“

Wir haben uns, soweit ich weiß, tatsächlich nie wieder gesprochen, in keinem Zusammenhang (und auf das Referat gab es, glaube ich, eine 3+, was so unfair war wie ohnehin die ganze Welt, inklusive Klimakatastrophe, für einen Teenager).

Zu jener Zeit war ich nicht besonders öko, das waren andere, aber der Klimawandel war als Thema bedrückend allgegenwärtig (zumindest unter kritischen jungen Leuten, und das schreibe ich ohne Selbstgefälligkeit). Wir demonstrierten vor Fastfoodketten und schworen einander, auf Autos und Flugzeuge auch als Erwachsene weitgehend zu verzichten. Viele von uns (ich nicht, aber ich fand die Idee immer anheimelnd) zelebrierten Tage oder zumindest Abende ohne Strom (und am Liebsten nicht alleine).

Selbst in guten Publikationen (selbst die „Titanic“ war sich nicht zu blöd dafür) wurde gewitzelt, ein bisschen wärmere Sommer würden im nasskalten Deutschland ja ganz angenehm klingen, und natürlich hieß es auch damals schon, Klimaverändernungen habe es immer gegeben und gerade in Europa.

Und doch argumentierte der Gegenwind völlig anders als heute, nämlich andersherum. Gegen Fastfood zu demonstrieren wäre Blödsinn, denn die Menschen würden ohnehin immer bewusster und vegetarischer einkaufen und essen. Sich gegen Autos einzusetzen war unsinnig, weil die tollen Katalysatoren in Arbeit wären. Gegen das Fliegen zu predigen wäre ohnehin völlige Zeitverschwendung, weil das ein reines Luxusproblem wäre und keinen Kohl fettmachen würde. Selbst snobbige Ärzte, die mit ihrem Jet Set – Leben angeben mussten, flogen nicht häufiger als alle zwei Jahre. Nur Popstars flogen häufiger als alle zwei Jahre (und David Bowie war unter anderem so cool, weil er angeblich nicht flog, auch wenn das bei ihm eher esoterische Gründe hatte), und die lebten halt in einer eigenen verrückten Welt. Darum wäre es überflüssig, wenn ganze Jahrgänge schicke Reisen (wie die sündhaft teure nach Amerika, die ohnehin nur wenige mitmachten) boykottieren würden, morgen wäre es mit alledem ohnehin vorbei, heute sollten sie diese einmalige Möglichkeit doch noch nutzen. Die Skifreizeit (der ich mich wenigstens als Einzelperson verweigern wollte, wenn ich als Schülervertreter trotz einer anderslautenden Umfrage unter Schülern da nichts ausrichten konnte) würde doch ohnehin bald abgeschafft, in naher Zukunft würde mangels Schnee eh` niemand mehr in die Alpen fahren, aber jetzt hingen da halt noch Arbeitsplätze dran, und sollten denn die armen Almbauern leiden?

In den Supermärkten standen Kühe aus Blech, die gemelkt werden konnten, denn das sparte Verpackung.

Habe ich schon erwähnt, dass damals alle Angst vor einer „Öko – Diktatur“ hatten, die ja quasi vor der Tür stand (und selbst ökologisch Interessierte in düsteren Nächten um den Schlaf brachte)?

Um es kurz zu machen: die Katalysatoren funktionierten, aber die Autos produzierten in der Folge guten Gewissens einfach noch viel mehr Abgase. Der Skitourismus verlegte sich auf Kunstschnee und legte erst so richtig los und entwickelte umgekehrt sogar neue Konzepte wie das Snowboarden. Und das Fliegen…ich kann mir nie merken, um wieviel Tausende von Prozenten es im Vergleich in den vergangenen dreißig Jahren tatsächlich zugelegt hat, das mag seinen Grund in mathematischer Überforderung oder Selbstschutz haben. Aber immerhin verschwanden Styroporverpackungen bis heute aus den Fast Food – Läden (nur in Deutschland. Und das hat höchstens indirekt mit dem Klimaschutz zu tun, aber trotzdem – dagegen war demonstriert worden, und die Demonstrationen hatten Erfolg).

Und schon damals hieß es bald, jetzt hätten wir gesamtgesellschaftlich aber mal genug über das Klima spekuliert, nun müsse aber auch mal Schluss sein, denn wir wollten ja auch Autos und Flugzeuge nicht verteufeln.

(Fortsetzung folgt, aber vielleicht aus mathematischer Überforderung oder Selbstschutz nicht beim nächsten Mal)

25.01. 2019: Serien machen keinen Spaß mehr (III)

Was bisher geschah:

In den Jahren seit der Jahrtausendwende sind in Amerika Fernsehserien zum angesagten popkulturellen Medium geworden und nicht zuletzt zur Arena für gesellschaftliche Debatten. Die stilbildenden Fernsehserien wurden in den ersten Jahren dieses angeblich „Goldenen Fernsehzeitalters“ für den ambitionierten Bezahlsender „HBO“ produziert, der von Abonnenten und Rechten lebt und sich nicht für Quoten an sich interessiert. Auf DVD werden diese Serien gemeinsam  mit einer umfangreichen Backlist von Spielfilmklassikern vom Filmversand „Netflix“ ohne Mahngebühren verliehen. Da die Kinofilme zur gleichen Zeit immer teurer und superheldenlastiger werden, wandert die Nische von anspruchsvolleren Filmen für ein etwas älteres Publikum in der für komplexere Stoffe passenden Form von Serien und Mehrteilern vom Kino in Abonnentensender (nach dem Vorbild von HBO versuchen sich auch andere Kanäle wie FX und Showtime an ähnlichen Modellen). In Deutschland schauen hippere Kreise diese Serien, nur ein paar sehr unglückliche Nerds träumen, absolut vergeblich, von vergleichbaren Projekten in Deutschland. Wir spulen vor und landen im hier und heute.

Noch einmal genauer: hier und heute

So unterschiedliche, in etwas unterschiedlicher Hinsicht  spektakuläre Serien wie „The Path“, „Z“, „sense 8“ und „Gotham“ hätten noch vor 10 Jahren das Internet zum Glühen gebracht, hier und heute werden sie als relative Flops eingestellt. HBO muss sich zum ersten Mal in seiner ruhmreichen Geschichte aufgrund von Druck aus der Teilhaberetage für Einschaltquoten interessieren. Das begeisterte Geplapper über Serien ist aus den Medien beinahe so weitgehend verschwunden wie aus der alltäglichen Konversation. Fast jede schaut Serien, fast jeder schämt sich dafür und erwartet davon nichts weniger als Wunderdinge. Bilderstürmer wie Richard Brody von der Onlineausgabe des „New Yorker“ fordern pure Filme, die sich nicht um die literarisierenden Schwerpunkte auf Figuren, Plot, Thema und Alltagspsychologie scheren, für die Serien mittlerweile bekannt sind. Tatsächlich werden Kinofilme (auch aufgrund des nun wesentlich günstigeren Video als neuem Standart) immer länger und unklarer. Neue Streamingangebote sitzen in den Startlöchern, und es erscheint als ausgemacht, dass alleine von den vermutlich im Lauf des Jahres direkt miteinander konkurrierenden Platzhirschen Netflix, Amazon, Hulu, Showtime, mubi, Disney und Apple mittelfristig nicht alle überleben werden. Unbeirrt propagieren die deutschen Produzenten zeitgleich nach den (internationalen) Achtungserfolgen mit „Babylon Berlin“ und „dark“ bei Netflix ein deutsches Serienwunder.  

Warum das alles nicht hinhaut

Die kleine Revolution von HBO lässt sich aus mehreren Gründen nicht beliebig wiederholen oder verlängern: Sex, Gewalt, Gesellschaftskritik und Bilder in high definition lassen sich halt nur einmal zum ersten Mal ins Fernsehen bringen.  Das europäische und nicht zuletzt das deutsche Fernsehen kannte dagegen schon seit Jahrzehnten Sex, Gewalt und Gesellschaftskritik – und wartete bis zur Jahrtausendwende auch mit einem Bild mit mehr Bildzeilen auf. Auch die mehr oder weniger offen eingestandene politische Agenda der meisten Prestigeserien um die Jahrtausendwende hat sich in gewisser Weise überlebt – damals war es darum gegangen, den zweiten Bush abzulösen, schließlich darum, Obama ins weiße Haus zu kriegen. Die Beschäftigung mit (ja, da müssen wir durch) weißen, alten Anti – Helden hat in den Zeiten von Präsident Trump an Biss und Optimismus verloren. Das plusminus als aktuelle Klammer für Prestigeserien dienende Programm, Geschichten von Identitätskämpfen zu erzählen kann aus den auch sonst mit der Identitätsproblematik zusammenhängenden Fragen (die ich hier jetzt auch nicht mit einem Satz abwatschen will) keinen verbindenden Drive entfalten. Die Qualitätssprünge bei technischen Aspekten lassen sich nicht ganz vom finanziellen Aufwand trennen, es bleibt abzuwarten, wieviel an neuer Ästhetik mit schrumpfenden Budgets möglich sein wird. Die kleinen Quantensprünge beim filmischen Erzählen lassen sich dagegen nicht rückgängig machen und werden vermutlich weiterhin möglich sein, bei einer um sich greifenden zynischen Larifari- Haltung (siehe „Maniac“, „American Horror Story“ oder die späteren Staffeln von „Mr. Robot“ und „Westworld“) verkehren sie sich allerdings in ihr Gegenteil: sie drücken weniger aus und stoßen weniger an als das klassische Hollywooddrehbuch von 1940.

Jetzt stellen kluge Menschen vielleicht die berechtigte Frage:

„Kann es nicht trotzdem weiterhin unter dem ganzen Wust einfach ein paar tolle Serien geben, viel mehr als vor bspw. 20 Jahren? Es erscheinen ja auch Jahr um Jahr Tausende von guten Büchern und hunderte darunter sind innovativ erzählt. Es gibt brillante Hörstücke, berückende und berührende Comics und immer wieder auch ein erschütterndes Videospiel, es gibt auf dieser Welt nun wirklich keinen Mangel an neuen und komplexen Geschichten. Im Gegenteil, wir brauchen sie mehr denn je. Und was eine Fernsehserie kann ist nach schlappen 20 Jahren des halbwegs systematischen Ausprobierens ja nun wirklich noch nicht ausgereizt worden.“

Aber damit landen wir leider wieder beim Geld. Kinofilme sind teurer denn je, und in der Folge sind auch Fernsehserien teurer denn je. Ähnlich wie im Kino setzen Studios, die es sich leisten können, auf astronomische Budgets. Die letzte Staffel von „Game of Thrones“, die angekündigten Serien von „Star Wars“ und „Herr der Ringe“ werden schon jetzt als Rekordproduktionen von nie gekanntem Aufwand gehandelt. Eine Reihe von (hervorragenden) Arthouse – Regisseuren etabliert sich als eine Art Elite unter den Serienregisseuren, was entsprechende Folgen hat, auch wenn der Schwerpunkt bei Serien auf den Autoren liegt (unter denen sich aber auch wenige Starautoren herausschälen). Keine der „klassischen“ Serien der letzten 20 Jahre hat mit echten Filmstars aufgewartet, nun drängeln sie sich in die Neuerscheinungen. Das Korsett bspw. einer Dialogszene in einer Serienfolge (1-5 Minuten, darunter sie sie kurz, darüber lang) lässt sich nicht mit der Freiheit bpw. der Prosa vergleichen (die gleiche Szene kann eine Länge von zwei Sätzen bis zu über 30 Seiten haben, ohne als kurz oder lang aufzufallen), von Cliffhangern, Redundanzen, Running gags und tausend logistischen und materiellen Einschränkungen bei der Fernsehserienproduktion ganz zu schweigen. Kurz: Vermutlich werden Fernsehserien erst einmal nicht mutiger werden, in der nahen Zukunft stärker und vorhersehbarer brav Zielgruppen bedienen als zu ihrer gerade vorbeigegangenen großen Zeit, auch das Publikum wird sich mehr und mehr auf die ihm scheinbar passenden Nischen beschränken. Und das werden voraussichtlich nicht alle Nischen überstehen. Tolle Serien wird es trotzdem weiter geben, aber es gibt ja auch immer noch Konzeptalben in der Popmusik, sie haben nur nicht die Welt und ihre Hirne aus den Angeln gehoben, wie es um 1970 vorausgesagt wurde.

Und zum Dampfablassen nach all den mit Serien verbrachten Stunden hier mein kleines, persönliches worst of der vielversprechenden neuen Serien aus den letzten Jahren (einigermaßen begeistert bin ich, falls es jemanden im Kontrast interessiert, übrigens von den – nicht neuen –  aktuellen Serien „Legion“ und „Crazy Ex- Girlfriend“):

 

Berlin Babylon: Heutigen amerikanischen Serien stehen üblicherweise Drehbuchautoren vor. Berlin Babylon demonstriert, warum: drei nicht unbedingt als Drehbuchschreiber verehrte Regisseure kriegen es als ihre eigenen Autoren und als Diemitdermacht hin, aus einer mehrfach erprobten, grundsoliden Krimi(!)vorlage voller farbiger Figuren irgendetwas hübsch Buntes ohne erkennbare Fabel, ohne Spannung und ohne Charaktere zu zaubern. Wenn das die Zukunft des deutschen Fernsehens ist, brummen bald wieder die Kinos (wäre ja auch was).

Homecoming: Julia Roberts ist klasse, aber das wussten wir ja schon. Eine 25minütige schlappe Twilight Zone – Folge über eine dusselige Regierungsverschwörung, ausgewalzt auf 5 Stunden, besinnungslos gestopft mit einer Masse von Szenen, Einstellungen und Soundtracks aus anderen Werken und darum eigentlich eher ein Filmquiz auf der vergeblichen Suche nach einer Moderation (Julia Roberts?).

Bodyguard: Der stumpfe Gute, die kinky Lady, die Pflicht und die Terroristen – was für das untere Regal einer Videothek in den 90ern, nur länger.

The Romanoffs: Eineinhalbstündige Kurzgeschichten, manchmal sogar mit Pointe, fast wie die alten Episoden mit Carl Heinz Schroth in lang, leider lenkt die tolle Ausstattung ab.

You: Als Buch der beste und böseste Psychothriller diesseits von „Gone Girl“, dabei fragwürdig und von misanthropischer Moral: Alle Menschen sind furchtbar, manche sind gefährlich. Quintessenz der Serie dagegen: Schöne Menschen sind sexy. Und irgendwas mit Mord. Und stalking ist gar nicht so romantisch, wie vielleicht irgendwer gedacht hat.

Forever: Ein glanzlos neurotisches Paar geht sich erst im Diesseits, dann im Jenseits auf die Nerven. Und uns erst.

Maniac: Die Serie mit den virtuellen Realitäten. Das hätte mal gut werden können (wenn nicht müssen). Ein solches Projekt stand längst an (und ich hätte vermutlich einen Arm dafür gegeben, an so etwas mitzuarbeiten). Es ist natürlich schon eine Leistung, Jonah Hill den Witz und Emma Stone den Glam auszutreiben. Macht diese unfröhlich verfranzte, dumpf prätentiöse Strapaze aber auch nicht guckbarer, wirklich nicht.  

The Chilling Adventures of Sabrina: Ein Kindercomic aus den 1950ern, bzw. eine Familysitcom aus den 1980ern neu erzählt mit herausgerissenen Herzen, Häutungen bei lebendigem Leib und bizarr deplatzierten Lippenbekenntnissen zu Feminismus, sowie Trans- und Inter-Empowerment (z. B. werden homophobe Deppen dazu gezwungen, einander zu küssen- und mit den Aufnahmen davon erpresst).  Noch bizarrer als alles im Bild: amerikanische Satanisten haben erfolgreich gegen die ungenehmigte Verwendung eines ihrer religiösen Symbole geklagt und kassieren mittlerweile dafür Lizenzgebühren. Auch lustig: Jeff aus „Coupling“ spielt den Schurken. Weniger lustig (in meinen lahmen Augen/Ohren): Die Hymne von Sabrinas Hexenschule ist die echte Hymne der echten Manson – Family (obwohl meines verschnarchten Wissens nach Mansons Songs trotz des heraufdämmernden Tarrantinofilms zum Thema nach wie vor nirgendwo verwendet werden dürfen). Okay, die letzte „Buffy“ Staffel war damals doch nicht so schlecht.  

 

 

 

 

 

 

 

  

18. 01. 2019 Serien machen keinen Spaß mehr (II)

Was war?

Wir spulen zurück und befinden uns in den Jahren nach dem 11. September. In den USA formiert sich immer deutlicher eine ungewöhnlich nachdenkliche Opposition gegen die Politik des Präsidenten George W. Bush. Sie liest kluge Reflektionen über die Sollbruchstellen des amerikanischen Traums wie „Die Korrekturen“. Sie geht nach dem Mainstreamrutsch der viele Jahre später in Ungnade fallenden Weinsteins kaum noch ins Kino (leider auch nicht in die tollen Filme, die u. a. „focus features“ zu dieser Zeit produzieren), obwohl sie mit den „X Men“ und „Spider Man“ – Filmen nach zum Teil jahrzehntelangem (zumindest behauptetem) Widerstand gegenüber Superhelden über diese Filme (vor allem über den heillos überschätzten „Spider Man 2“) aufgegeben hat. „Bildungsbürger“ ist nicht ganz verkehrt, aber klingt dann doch zu elitär und gesetzt für bspw. die überraschend breite Begeisterung für Green Days punkige Konzeptpolemik „American Idiot“ oder den krachledernen Enthüllungsdrive eines Michael Moore. Zur Kunstform der Stunde, das die inneramerikanische Diskussion (die häufig innerhalb eines einzelnen Kopfes ausgetragen wird) führt und auf eine andere Ebene bringt, avanciert die Fernsehserie. Das hat, wie erwähnt, auch technische Gründe: mit der DVD existiert zum ersten Mal ein Speichermedium für audiovisuelle Inhalte, bei dem die abgerufene Aufnahme mindestens so gut aussieht wie eine Fernsehausstrahlung.  Da die als wichtig wahrgenommenen Serien zum großen Teil im Pay TV ausgestrahlt werden (zu einem großen Teil tatsächlich in einem Abonnentenkanal: HBO) und häufig nicht mehr in deutlich voneinander getrennten Episoden erzählt werden, setzt sich das „Bingewatrching“ auf DVD als verbreitete Rezeptionsweise durch. Das wiederum erleichtert ein neuer Verleihservice namens „Netflix“, der DVDs nach Hause schickt, die zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt gegen neue ausgewählte DVDs umgetauscht werden können. Netflix` Hits sind dabei alte Filme und neue Serien. Kultur aus anderen Ecken der Welt, nicht zuletzt aus Europa, spielt bei diesem amerikanischen Selbstgespräch kaum eine Rolle, und entsprechend amerikanisch werden die neuen Serien: plot – und figurenlastig, psychologisierend, grundsätzlich didaktisch, also in allem das Gegenteil von bspw. Filmkunst aus katholisch geprägten Ländern. Sie erzählten von mehr oder weniger sympathischen Anti – Helden, und warum die nicht anders konnten oder von kleinen Gemeinschaften, die versuchten, anders zu können. Leidlgich eine der als heiß geltenden Serien gab sich damals dabei nicht als (skeptisch, unglücklich) progressiv: das schrille Thrillerexperiment „24“, das sich aber zum einen immer noch als irgendwie kritisch lesen ließ (so missverstand es angeblich auch der Hauptdarsteller), zum anderen aber auch direkt Unterstützung vom Militär bekam und sogar als Speerspitze eines rechtsgerichteten neuen TV – Senders dienen sollte (daraus wurde nichts). Nur in einem kleinen Teil dieser Serien spielten faszinierend kaputte Männer in mittleren Jahren die entscheidende Rolle, aber das waren die, auf die viele Kritiker abfuhren und die besonders ausgiebig besprochen wurden – Rezensionen für einzelne Episoden beliebter Serien setzten sich damals in einigen amerikanischen Printmedien durch (vom Internet ganz zu schweigen). Deutsche Medienmacher schielten neidisch über den großen Teich und mussten sich verbittert eingestehen, dass die Situation in Deutschland eine völlig andere war: die angeblich so günstigen Serien waren nach hiesigem Maßstab immer noch nicht finanzierbar, die beliebten Charakterdarsteller an der Schwelle zum Startum wollten hierzulande in Kinofilmen spielen, und die Zuschauer waren nicht an lange dramaturgische Bögen gewöhnt. Das war sehr frustrierend, da staute sich etwas auf. Und nun, 10- 20 Jahre später, darf es explodieren, ein bisschen, kontrolliert, weil „Netflix“ und die anderen Streamingdiensten nach Programmen aus aller Welt für alle Welt suchen.

Was ist?  

Amerikanische Fernsehserien waren eine sich auftuende Nische, ein Restessen, das zur Delikatesse verfeinert wurde, und das Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung. Vom Hollywooddrehbuch zur Miniserie zum horizontalen Erzählen in Fernsehserien in Verbindung mit Modellen aus der amerikanischen Gegenwartsliteratur war es ein langer, dialektischer Prozess, - und trotzdem sind die neuen Fernsehserien nach nicht einmal zwanzig Jahren schon längst in der Spätphase angekommen und nerven vor allem. In Amerika wird gerade wieder das episodische Erzählen entdeckt, da will in Deutschland endlich auch jemand Sopranos spielen. Und die Serien, die zur Zeit für Hollywood günstiger sind als die kniffligen Superheldenfilme, würden in Deutschland mittlerweile erst recht jedes Budget sprengen. Wenn in Deutschland für „Babylon Berlin“ 40  Millionen zusammengekratzt werden, heißt das, dass dafür 20 Kinofilme nicht gemacht werden, - in den USA bedeutet eine Serie für 40 Millionen, dass das Geld für die Anfangssequenz eines James Bonds statt dessen in 10 Stunden Unterhaltung mit versierteren Autoren, beliebteren Schauspielern und teureren Ausstattern und Kameraleuten gesteckt wird. Entsprechend gegensätzlich sind die Rollen, die Fernsehserien im jeweiligen Kontext spielen: Amerikanische Serien sind spezieller und in inhaltlicher Hinsicht wesentlich ambitionierter als Kinofilme, sie haben zu weiten Teilen die Rolle der Arthouse – Programme übernommen (und machen trotzdem keinen Spaß mehr, aber dazu später). „Babylon Berlin“ und „Das Boot“ dagegen geben sich stolz als die teuersten Produkte der ganzen Branche aus (was nicht einmal stimmen muss), schielen auf die größtmögliche Kommerzialität und den kleinsten gemeinsamen Nenner (ja, natürlich, „Babylon Berlin“ hätte noch gefälliger sein können: die Macher hätten ja auch darauf warten können, das nach den Buchbestsellern, den Hörbucherfolgen und den überdurchschnittlich gut verkauften Comics erst noch eine Videospielserie und ein Musical für Stadtfeste gemacht wird, bevor sie sich an die Verfilmung trauten, und sie hätten aus der zweiten Hauptfigur eine Varietesängerin oder Stripteasetänzerin und Gelegenheitsprostituierte machen können anstatt eine Gelegenheitsprostituierte, die auch gerne mal tanzt und singt, und sie hätten sie von Lotte auch gleich in Lilli, Lolal oder Lulu umbenennen können).  Die deutsche Medienbranche will einfach dabei sein, und wenn das Gebührenerhöhungen, das Einstellen aller anderen Sendungen bis auf  „Tagesschau“ und „Tatort“ und eine Zusammenarbeit zwischen Pro Sieben und dem Kika, Springer und dem „Vorwärts“, Charleys Tante und Schmidts Katze bedeutet. Das ist wie mit weißrussischen Eurovision Song Contest, bei denen für die Bühnenausstattung die eine Hälfte der jährlichen Wirtschaftsleistung verballert wird, für die Kostüme die andere. Das neureiche Kind bringt zum Grillwettbewerb seine zwei Köche mit und bettelt um eine Teilnehmerurkunde. Vor diesem Hintergrund ist die Frage falsch gestellt, ob Fernsehserien aus Deutschland Weltniveau erreichen werden. Wenn der ganze Betrieb mit anschiebt, können sicherlich auch in Zukunft zwei oder drei oder zehn Serien pro Jahr bei „Netflix“ landen, die dort niemanden stören, ein paar Fans und auch mal einen wichtigen internationalen Preis kassieren. Die schrillen Zwanziger sind natürlich nicht ewig melkbar, und „Das Boot“ und „Das Parfüm“, die aktuellen Hypekandidaten, gehen zwar auch ordentlich auf Nummer sicher, aber passen nicht so passgenau zum Zeitgeist. Vielleicht kommt ja auch alles anders und wird ganz toll, aber irgendeine auch nur annähernd mit der Situation in den USA vergleichbare organische Entwicklung und  Neuerfindung der Form kann ich mir im Moment einfach  nicht vorstellen. Ob „4 Blocks“ jetzt gut ist oder nicht (ich mag es nicht), es beschäftigt die medieninteressierten Menschen zumindest nach meiner Erfahrung nicht, sondern sie nehmen es sich vor, damit beschäftigt zu sein, und auch die angeblichen Fans reden lieber über die Bedeutung der Serie für die deutsche Serienlandschaft als über ihren Inhalt. Ich bin kein Sportschauer, aber soweit ich weiß, ist es ein sehr schlechtes Zeichen, wenn die Fans wie Trainer reden. Und ist das überhaupt eine Weltmeisterschaft (und wie werden die Mannschaften eingeteilt)?

(Fortsetzung folgt)

 

11.01. 2019 Serien machen keinen Spaß mehr (I)

„Du willst darüber schreiben, dass der Serienboom vorbei ist?“, pampt mich ein sehr kluger Mensch in meiner Nähe an. „Das wissen doch alle. Schreib` lieber was über deine Vermieter.“

„Und warum tun dann alle noch so als gäbe es bei Serien gerade Neuanfang und Goldgräberstimmung?“

„Pfff. Das sind doch nur die deutschen Produzenten. Die müssen halt auch immer irgendwas behaupten, und das glaubt sowieso keiner.“

Ich bin mir nicht so sicher. Klar, auch in Deutschen Feuilletons wird mittlerweile das Überangebot an Serien (zwischen 450 und 500 neue Staffeln im letzten Jahr) und der heraufziehende Kampf der Streaming – Portale berichtet (Disney und Apple puzzeln derzeit ihre neuen Angebote zusammen). Aber in der Nachbarschaft kämpfen rührige Buchläden und eine legendäre Programmvideothek um ihre Existenz, im repräsentativeren Rest des Landes sterben die Kinos, und kurz vorm Jahresende sprach ich mit einem aufgebenden Videothekar in der Provinz (und kaufte „Ich – einfach unverbesserlich“ zu einem beschämenden Preis).

„2018 war der Einschnitt“, sagte er, „Da war klar: ich halte nicht mehr durch. Und der Grund ist das streaming.“

Und da scheint etwas dran zu sein, zumindest werden anscheinend mittlerweile auch die Romanleser und Theaterabonnenten einerseits, die Privatsenderseher andererseits vom Streamingfieber angesteckt und mitgerissen, und es mischen sich selbst Menschen ins Gespräch ein, die sich früher dabei noch die Ohren zuhielten und trotzig die Namen ihrer Lieblingskinos sangen.

Die Kulturtechnik „Streaming“ ist also in aller Munde, aber die einzelnen Serien sind es nicht. Ich erinnere mich an die stundenlangen Monologe, mit denen mich Menschen früher (erfolglos) für „The Sopranos“ und (erfolgreich) für „The Wire“ begeistern wollten oder mit denen ich umgekehrt erst vor wenigen Jahren andere zu „Bojack Horseman“ und „Les revenants/The returned“ bekehren wollte. Heute dagegen wird irgendwann bei fehlenden Themen oder fehlender Lust zum Streit schlapp in eine lustige Runde gerufen: „Weiß irgendwer noch eine Serie, die sich vielleicht lohnt?“

Und über kaum etwas tauschen Leute sich versöhnlicher aus als über die Erleichterung, wenn eine Serie bis auf „nur noch“ zwei, drei, vier Stunden endlich weggeguckt und abgehakt ist. Begeisterung geht anders, eine kulturelle Revolution eigentlich auch.

Wie war das noch einmal?

Vor dem Beginn des „Goldenen Fernsehzeitalters“ (das amerikanische Kritiker grob etwa mit dem Beginn der „Sopranos“  1999 datieren, auch wenn viele großartige Serien in den Jahren davor entstanden) standen ein paar Grenzverschiebungen bei der Filmproduktion, die das bis dahin gängige Nutzungsverhalten ordentlich durcheinanderwirbelten: Um die Jahrtausendwende stand mit der DVD zum ersten Mal ein Speichermedium für Filme zur Verfügung, das auf der einen Seite handlich war (auf wen jemals ein Regalbrett voller VHS – Kassetten heruntergeprasselt ist, weiß, was ich meine), auf der anderen Seite eine Bildqualität aufwies, die nicht objektiv schauderhaft war (ich habe jahrelang mit dem vergeblichen Versuch zugebracht, die Bildqualität einer guten Fernsehausstrahlung annähernd bei einer Aufnahme auf VHS zu retten- es ging einfach nicht). Mögen viele digitalisierte alte Filme auch gespenstisch clean aussehen, sie ließen sich per Post verschicken, rissen nicht bei Standbild, mussten nicht gespult werden und sahen nicht aus wie eine Ansammlung elektronischer Hüllen in fahlen Farben. Parallel dazu schossen die Herstellungskosten für Kinofilme in astronomische Höhen, und das aus dem gleichen Grund: die Digitalisierung ermöglichte neue Bilder aus dem Computer, die wollten aber nun auch fast alle Produktionsfirmen präsentieren, fast alle Zuschauer sehen, und die Programmierer davon wurden gut bezahlt. Vorbei war die Zeit, als die unterm Strich erfolgreichsten Filme Beziehungskomödien und Psychothriller gewesen waren und auf Spezialeffekte weitestgehend verzichtet hatten. Vorbei auch die Zeit, in der nur alle drei bis fünf Jahre ein potentiell erfolgreicher abendfüllender Animationsfilm erschienen war. Nun drängten sich die „Star Wars“ – Prequels, die „Matrix“ – Filme, „Harry Potter“ und „Der Herr der Ringe“ in den Kinos, „Spider Man“ und die „X Men“, randständigere Superhelden wie „Hellboy“ und „Blade“, und „Disney“/“Pixar“ kämpfte mit den neuen „Dreamworks“ – Studios immer wieder aufs Neue um den neuen „erfolgreichsten Animationsfilm aller Zeiten“. Der dritte Teil von „Spider Man“ galt eine Zeit lang als teuerster Film aller Zeiten: gerüchteweise sollte er zwischen 250 und 300 Millionen Dollar gekostet haben – diese Marke wurde seitdem diverse Male geknackt. Gleichzeitig wurde durch ein schnelleres Internet die Verbreitung von Raubkopien zu einem immer bedrohlicheren Phänomen. Angefangen mit „Star Wars: Die dunkle Bedrohung“ legten Filmstudios in der Folge den Kinos die Daumschrauben an: sie mussten mehr als bisher von den Einnahmen abtreten, mehr Vorstellungen ansetzen, sich faktisch auf mehrere Filme im Paket verpflichten und faktisch wenig von der jeweiligen Konkurrenz spielen (eine Situation, die es zuletzt in den 50er Jahren gegeben hatte und die vom Kartellamt damals verboten worden war). Auch die Filme, die nicht zwangsläufig auf digitale Effekte angewiesen waren, setzten vorsichtshalber darauf, so dass die Filmproduktion auch insgesamt im Zuge der Digitalisierung nicht etwa günstiger, sondern sehr viel teurer wurde. Nur in einigen wenigen Nischen ließ sich nun mit mehr Geld mehr drehen, wie etwa pseudo- dokumentarischen Horrorfilmen, die entsprechend boomten. Für die sogenannten „mittleren“ Filme, aus denen sich Kultfilme und Überraschungshits rekrutieren ließen, die Pretty Women, Dirty Dancings, Basic Instincts usw., war mit einem Mal kein Geld mehr übrig. Ausgerechnet sie galten jetzt als riskant: Originalstoffe ohne auffälligen „Wow“ – Effekte mit jeder Menge teurer Stars, die nach Drehtagen bezahlt wurden, in einer Branche, die für die Filmherstellung immer häufiger Jahre veranschlagte (jahrelange Dreharbeiten sind natürlich eine absolute Seltenheit, außer in der Animation, aber CGI ließ die Grenze zwischen Dreharbeiten und Postproduktion verschwimmen). Nicht zuletzt ließen sich die „mittleren Filme“ zumindest auf den ersten Blick nicht so gut übersetzen und international vermarkten wie die effektlastigen (in meinen Augen ein Trugschluss, aber das ist ein anderes Thema): sie setzten spezifisches kulturelles Wissen beim Publikum voraus. Als Abspielstätten setzten sich auch in Gebieten mit guter Infrastruktur Multiplexe durch, und die waren offensiv Erlebniswelten vor allem für Teenager. Kurz: das klassische Kinopublikum der 70er, 80er, 90er (und seine zeitgenössische junge Entsprechung) kam im Kino für deutlich mehr Geld als früher nicht mehr auf seine Kosten, und das unter johlenden Teenagern. Die Welt war verrückt und gefährlich, wer alt genug dazu war, blieb mehr und mehr zu Hause. Und dort lief im Fernsehen zumindest auf den amerikanischen klassischen Kanälen Reality- Schund.

HBO

In diese Misere preschte nun der ambitionierte Bezahlsender HBO („Home Box Office“). Serielles Erzählen hatte es vermutlich schon immer gegeben, Fernsehserien mauserten sich seit Ende der 80er zu einer immer komplexeren Erzählform. HBO war bereits seit den späten 80ern einem Mix aus Filmen und provokanten Eigenproduktionen aufgefallen. Und nun gab der Sender, während der zweite Bush ein wenig geliebter Präsident war, dem plusminus Bildungsbürgertum ein Zuhause (dieses mehroderweniger Bildungsbürgertum war wesentlich filmaffiner als seine deutsche Entsprechung). Zum Erfolgsrezept gehörten dabei nicht zuletzt Sex und Gewalt. Das herkömmliche amerikanische Fernsehen war vor allem bei Sex, aber auch bei schlechten möglichen Rollenvorbildern viel, viel strenger als bspw. das zeitgleiche deutsche. Bei HBO ging es folgerichtig vergleichsweise derb zur Sache, auch und gerade bei nachdenklichen und anspruchsvollen Serien ,- das Aushängeschild zeigte Folter und nackte weibliche Brüste und parallel dazu auf gebrochene Figure, lange Handlungsstränge, surreal angehauchte Szenen und komplexe Bezüge zwischen den einzelnen Folgen (nein, ich wurde trotzdem nie damit warm und habe nie eine Staffel von A bis Z gesehen). „Six feet under“ die vielleicht literarischste der großen HBO – Serien (dazu das nächste Mal mehr) eröffnete jede Folge mit einem absurden Todesfall und thematisierte in jeder Folge zumindest eine Spielart obsessiver und unkonventioneller Sexualität (auch die von der Serie betont ernsthaft behandelte Homosexualität musste bei aller fortschrittlicher Agenda immer zu dieser höchst ambivalenten Prickelquote beitragen), und manchmal waren Menschen vor der Kamera nackt.

In gewisser Hinsicht war all das nur eine neue Stufe in der Entwicklung der amerikanischen Fernsehserie. Aber trotzdem sprachen Kritiker von einem „Goldenen Fernsehzeitalter“ und machten an einer Handvoll HBO – Serien eine neue Qualität fest, die bspw. wöchentliche Rezensionen und Diskussionen im Internet erforderte. Die Kritiker konzentrierten sich bei ihren ausuferndsten Hymnen dabei auf Variationen einer damals brandaktuellen Geschichte: der Selbstprüfung eines Anti – Helden.    

(Fortsetzung folgt)

 

18.01, 2019 Serien machen keinen Spaß mehr (II)

Was war?

Wir spulen zurück und befinden uns in den Jahren nach dem 11. September. In den USA formiert sich immer deutlicher eine ungewöhnlich nachdenkliche Opposition gegen die Politik des Präsidenten George W. Bush. Sie liest kluge Reflektionen über die Sollbruchstellen des amerikanischen Traums wie „Die Korrekturen“. Sie geht nach dem Mainstreamrutsch der viele Jahre später in Ungnade fallenden Weinsteins kaum noch ins Kino (leider auch nicht in die tollen Filme, die u. a. „focus features“ zu dieser Zeit produzieren), obwohl sie mit den „X Men“ und „Spider Man“ – Filmen nach zum Teil jahrzehntelangem (zumindest behauptetem) Widerstand gegenüber Superhelden über diese Filme (vor allem über den heillos überschätzten „Spider Man 2“) aufgegeben hat. „Bildungsbürger“ ist nicht ganz verkehrt, aber klingt dann doch zu elitär und gesetzt für bspw. die überraschend breite Begeisterung für Green Days punkige Konzeptpolemik „American Idiot“ oder den krachledernen Enthüllungsdrive eines Michael Moore. Zur Kunstform der Stunde, das die inneramerikanische Diskussion (die häufig innerhalb eines einzelnen Kopfes ausgetragen wird) führt und auf eine andere Ebene bringt, avanciert die Fernsehserie. Das hat, wie erwähnt, auch technische Gründe: mit der DVD existiert zum ersten Mal ein Speichermedium für audiovisuelle Inhalte, bei dem die abgerufene Aufnahme mindestens so gut aussieht wie eine Fernsehausstrahlung.  Da die als wichtig wahrgenommenen Serien zum großen Teil im Pay TV ausgestrahlt werden (zu einem großen Teil tatsächlich in einem Abonnentenkanal: HBO) und häufig nicht mehr in deutlich voneinander getrennten Episoden erzählt werden, setzt sich das „Bingewatrching“ auf DVD als verbreitete Rezeptionsweise durch. Das wiederum erleichtert ein neuer Verleihservice namens „Netflix“, der DVDs nach Hause schickt, die zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt gegen neue ausgewählte DVDs umgetauscht werden können. Netflix` Hits sind dabei alte Filme und neue Serien. Kultur aus anderen Ecken der Welt, nicht zuletzt aus Europa, spielt bei diesem amerikanischen Selbstgespräch kaum eine Rolle, und entsprechend amerikanisch werden die neuen Serien: plot – und figurenlastig, psychologisierend, grundsätzlich didaktisch, also in allem das Gegenteil von bspw. Filmkunst aus katholisch geprägten Ländern. Sie erzählten von mehr oder weniger sympathischen Anti – Helden, und warum die nicht anders konnten oder von kleinen Gemeinschaften, die versuchten, anders zu können. Leidlgich eine der als heiß geltenden Serien gab sich damals dabei nicht als (skeptisch, unglücklich) progressiv: das schrille Thrillerexperiment „24“, das sich aber zum einen immer noch als irgendwie kritisch lesen ließ (so missverstand es angeblich auch der Hauptdarsteller), zum anderen aber auch direkt Unterstützung vom Militär bekam und sogar als Speerspitze eines rechtsgerichteten neuen TV – Senders dienen sollte (daraus wurde nichts). Nur in einem kleinen Teil dieser Serien spielten faszinierend kaputte Männer in mittleren Jahren die entscheidende Rolle, aber das waren die, auf die viele Kritiker abfuhren und die besonders ausgiebig besprochen wurden – Rezensionen für einzelne Episoden beliebter Serien setzten sich damals in einigen amerikanischen Printmedien durch (vom Internet ganz zu schweigen). Deutsche Medienmacher schielten neidisch über den großen Teich und mussten sich verbittert eingestehen, dass die Situation in Deutschland eine völlig andere war: die angeblich so günstigen Serien waren nach hiesigem Maßstab immer noch nicht finanzierbar, die beliebten Charakterdarsteller an der Schwelle zum Startum wollten hierzulande in Kinofilmen spielen, und die Zuschauer waren nicht an lange dramaturgische Bögen gewöhnt. Das war sehr frustrierend, da staute sich etwas auf. Und nun, 10- 20 Jahre später, darf es explodieren, ein bisschen, kontrolliert, weil „Netflix“ und die anderen Streamingdiensten nach Programmen aus aller Welt für alle Welt suchen.

Was ist?  

Amerikanische Fernsehserien waren eine sich auftuende Nische, ein Restessen, das zur Delikatesse verfeinert wurde, und das Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung. Vom Hollywooddrehbuch zur Miniserie zum horizontalen Erzählen in Fernsehserien in Verbindung mit Modellen aus der amerikanischen Gegenwartsliteratur war es ein langer, dialektischer Prozess, - und trotzdem sind die neuen Fernsehserien nach nicht einmal zwanzig Jahren schon längst in der Spätphase angekommen und nerven vor allem. In Amerika wird gerade wieder das episodische Erzählen entdeckt, da will in Deutschland endlich auch jemand Sopranos spielen. Und die Serien, die zur Zeit für Hollywood günstiger sind als die kniffligen Superheldenfilme, würden in Deutschland mittlerweile erst recht jedes Budget sprengen. Wenn in Deutschland für „Babylon Berlin“ 40  Millionen zusammengekratzt werden, heißt das, dass dafür 20 Kinofilme nicht gemacht werden, - in den USA bedeutet eine Serie für 40 Millionen, dass das Geld für die Anfangssequenz eines James Bonds statt dessen in 10 Stunden Unterhaltung mit versierteren Autoren, beliebteren Schauspielern und teureren Ausstattern und Kameraleuten gesteckt wird. Entsprechend gegensätzlich sind die Rollen, die Fernsehserien im jeweiligen Kontext spielen: Amerikanische Serien sind spezieller und in inhaltlicher Hinsicht wesentlich ambitionierter als Kinofilme, sie haben zu weiten Teilen die Rolle der Arthouse – Programme übernommen (und machen trotzdem keinen Spaß mehr, aber dazu später). „Babylon Berlin“ und „Das Boot“ dagegen geben sich stolz als die teuersten Produkte der ganzen Branche aus (was nicht einmal stimmen muss), schielen auf die größtmögliche Kommerzialität und den kleinsten gemeinsamen Nenner (ja, natürlich, „Babylon Berlin“ hätte noch gefälliger sein können: die Macher hätten ja auch darauf warten können, das nach den Buchbestsellern, den Hörbucherfolgen und den überdurchschnittlich gut verkauften Comics erst noch eine Videospielserie und ein Musical für Stadtfeste gemacht wird, bevor sie sich an die Verfilmung trauten, und sie hätten aus der zweiten Hauptfigur eine Varietesängerin oder Stripteasetänzerin und Gelegenheitsprostituierte machen können anstatt eine Gelegenheitsprostituierte, die auch gerne mal tanzt und singt, und sie hätten sie von Lotte auch gleich in Lilli, Lolal oder Lulu umbenennen können).  Die deutsche Medienbranche will einfach dabei sein, und wenn das Gebührenerhöhungen, das Einstellen aller anderen Sendungen bis auf  „Tagesschau“ und „Tatort“ und eine Zusammenarbeit zwischen Pro Sieben und dem Kika, Springer und dem „Vorwärts“, Charleys Tante und Schmidts Katze bedeutet. Das ist wie mit weißrussischen Eurovision Song Contest, bei denen für die Bühnenausstattung die eine Hälfte der jährlichen Wirtschaftsleistung verballert wird, für die Kostüme die andere. Das neureiche Kind bringt zum Grillwettbewerb seine zwei Köche mit und bettelt um eine Teilnehmerurkunde. Vor diesem Hintergrund ist die Frage falsch gestellt, ob Fernsehserien aus Deutschland Weltniveau erreichen werden. Wenn der ganze Betrieb mit anschiebt, können sicherlich auch in Zukunft zwei oder drei oder zehn Serien pro Jahr bei „Netflix“ landen, die dort niemanden stören, ein paar Fans und auch mal einen wichtigen internationalen Preis kassieren. Die schrillen Zwanziger sind natürlich nicht ewig melkbar, und „Das Boot“ und „Das Parfüm“, die aktuellen Hypekandidaten, gehen zwar auch ordentlich auf Nummer sicher, aber passen nicht so passgenau zum Zeitgeist. Vielleicht kommt ja auch alles anders und wird ganz toll, aber irgendeine auch nur annähernd mit der Situation in den USA vergleichbare organische Entwicklung und  Neuerfindung der Form kann ich mir im Moment einfach  nicht vorstellen. Ob „4 Blocks“ jetzt gut ist oder nicht (ich mag es nicht), es beschäftigt die medieninteressierten Menschen zumindest nach meiner Erfahrung nicht, sondern sie nehmen es sich vor, damit beschäftigt zu sein, und auch die angeblichen Fans reden lieber über die Bedeutung der Serie für die deutsche Serienlandschaft als über ihren Inhalt. Ich bin kein Sportschauer, aber soweit ich weiß, ist es ein sehr schlechtes Zeichen, wenn die Fans wie Trainer reden. Und ist das überhaupt eine Weltmeisterschaft (und wie werden die Mannschaften eingeteilt)?

04. 01. 2018: "Black Mirror: Bandersnatch" (kreuz und quer durch die Sackgasse)

„Black Mirror: Bandersnatch“ ist der erste interaktive Film der britischen Science Fiction-Horror – Reihe (erst Channel 4, dann Netflix) und, soweit ich weiß, der erste interaktive Film, der jemals offiziell in Deutschland veröffentlicht wurde (der „Cluedo“ – Film „Alle Mörder sind schon da“ von 1985 hat in der Synchronisation anscheinend nie verschiedene Enden zur Auswahl angeboten, - da hat sich die Baronin von Porz im Wintergarten gefreut. Auch das interaktive Musical „Drood!“ hat es nie offiziell nach Deutschland geschafft, aber dafür konnten wir 1991 bei „Mörderische Entscheidung“ zwischen ARD und ZDF hin – und herschalten oder einen begleitenden Comic von der einen oder der anderen Seite lesen, und es erscheinen nach wie vor Rollenspielbücher über bspw. Drachen oder drei Fragezeichen). In dem zwanzigminütigen bis fünfstündigen Film entwickelt ein junger und labil zerstrubbelter Programmierer (Fionn Whitehead als Stefan)  Mitte der 1980er für eine angesagte Londoner Softwarefirma die Idee für ein Computerspiel. Das Spiel, und darüber sollen wir vermutlich klug in uns hineinschmunzeln, beruht auf einem Rollenspielbuch, bzw. interaktiver Prosa eines berüchtigten Autors, der über der Frage nach verschiedenen Realitäten und ihrer Parallelität verrückt und zum Mörder geworden ist.  Buch und Spiel heißen ebenfalls „Bandersnatch“, was ein Ausdruck aus Lewis Carrols immer wieder gerne verwursteten „Jabberwocky“ ist, sowie offensichtlich Gamerslang für ein mythisches und vermutlich nicht existentes Spiel (es existiert auch ein ganzer, extrem faszinierender Zweig von moderner Literatur, der mit der Idee von Geschichten als Spiel spielt. Aber entweder habe ich Mus auf den Augen oder der ansonsten so anspielungssatte Film spielt darauf tatsächlich nie an). An Wendepunkten der Handlung entscheiden wir für unseren schluffigen Anti – Helden Stefan bspw. welche Frühstücksflocken er verputzt und welche Platte er kauft (die prägenden Weggabelungen eines Nerd): Unter dem Film lassen sich zwei unterschiedliche Schlüsselwörter (bspw. „annehmen“ und „ablehnen“) anklicken, während ein  Zeitbalken in sich zusammenschnurrt. Insgesamt über eine Milliarde unterschiedlicher Filmerlebnisse soll dabei möglich sein. Da ich von den Möglichkeiten interaktiver Fiktion mittelschwer besessen bin, hatte ich erwartet, vor Neid und Begeisterung zu sabbern und zu jaulen und wie gebannt auf das Hexenwerk im Fernsehen zu starren. Tatsächlich wischte ich mich parallel zur Sichtung durch Handyspiele, blätterte lustlos in einem alten Krimilexikon und versuchte, anhand von drögen Notizen zu bestimmen, wann ich es endlich durch mehr oder weniger das komplette Filmmaterial geschafft hatte. In einer rudimentär entwickelten Nebenhandlung weiht Stefan ein bewunderter Kollege in das Geheimnis paralleler Universen und unbegrenzter Versuche im Leben nach dem scheinbaren Tod ein. Das destabilisiert Stefan so sehr, dass er sich entweder in verdummende psychiatrische Hilfe begibt oder seinen geheimen Bestimmer (also: uns) anfleht, sich zu erkennen zu geben. Wir können nun das Netflix – Logo auf seinem Bildschirm aufblitzen lassen und ihn mit Informationen über Streaming im Jahr 2018 vollends in den brüllenden Wahn treiben (in der vermutlich verblüffendsten Auswahlmöglichkeit in der Geschichte interaktiver Fiktionen können wir vor seinem besorgt hereinstürmenden Vater entweder kuschen oder ihn mit einem herumstehenden Aschenbecher totprügeln). Nun könnte sich nach und nach eine Architektur von Ursache und Wirkung herausschälen, eine zwingende, vielleicht erhellende Sicht auf Entscheidungen und ihre Konsequenzen. Douglas Adams hat bspw. schon 1984 in einem Textadventure zu „Per Anhalter durch die Galaxis“ seine Sicht auf ein Universum, das von absurden Schmetterlingseffekten beherrscht wird, kongenial in eine Reihe von Umdieeckerätseln gegossen (und damit eine kleine, einflussreiche Tradition von spleenigen Knobelspielen begründet). Im Verlauf von „Bandersnatch“ bleibt dagegen vollkommen unklar, ob bspw. die Entscheidung für „tangerine dream“ im Plattenladen irgendeine andere Auswirkung auf die Fabel hat, außer, dass in der Folge kurz „tangerine dream“ auf der Tonspur läuft (was natürlich auch immer schön ist – aber genau in solchen kulinarischen Schmankerln mit trügerischer Bescheidwissernestwärme  erschöpft sich der Spaß an „Bandersnatch“). Nie können wir auf wirklich bedeutsame Art auf den Verlauf der Geschichte einwirken, und nirgendwo warten „Aha“ – Erlebnisse. Faktisch landen wir immer wieder bei einem frustrierten Menschen vorm Computer und kurz vorm Durchdrehen in einer mitleidlosen Welt, und das ist ein bisschen wenig Kunst und ein bisschen zu nahe am Leben.  Auf verschiedene Art kann Stefan in verschiedenen Enden nun im Gefängnis, aus seiner Existenz oder in das Set von „Black Mirror“ verschwinden, und als wäre das alles nicht schon längst so meta, dass es knirscht, bringt in einer möglichen flauen Schlusspointe die Tochter des ursprünglichen irren Autors Stefans fragmentarisches Spiel in der Zukunft bei „Netflix“ heraus. Je nach Geklicke enthüllt Stefan auch noch eine gebräuchlich tragische Backstory (das mit Abstand beste daran ist der pointierte Einsatz von Laurie Andersons „Oh Superman“ im Fall einer ziemlich schlechten Entscheidung, und wieder sollen wir uns wohl gebauchpinselt fühlen, wenn wir dieses Stück kennen und mögen. Ganz sicher sind dazu tonnenweise für mich unsichtbare „Easter Eggs“, Anspielungen, Miniparodien und Querverweise, in den Ecken versteckt, die nichts mit Musik zu tun haben), manchmal entdeckt er auch, dass seine Therapeutin Teil eines Komplotts ist, aber das mag auch nur eine weitere Wahnvorstellung sein – und tatsächlich macht das für Stimmung und Stimmigkeit so wenig Unterschied wie für Bedeutung der verzweigten Fabel oder das Geschick der hilflosen Figuren.

Einige missmutig wohlwollende Rezensionen haben nun behauptet, bei „Bandersnatch“ würden Form und Inhalt ununterscheidbar ineinanderfallen, jede Kritik an der reichlich dünnen Story ginge an der Sache vorbei, - die interaktive Mechanik mit all ihrer möglichen philosophischen Bedeutung wäre halt der Inhalt, und darin läge die Brillanz. Jede packendere oder pointiertere Handlung wäre da der eine echte Irrweg gewesen. Das ist, mit Verlaub, Blödsinn, denn zum einen haben Dutzende von Computerspielen bei plusminus gleicher Bauart und ähnlichem Reflektionsniveau noch Themen, Einfälle und Gags jenseits der irren eigenen Interaktivität behandelt  (nur ein jüngeres Beispiel: „Timbleweed Park“ ist ein Adventure über Adventures, das zusätzlich eindrücklich von u.a. sterbenden Kleinstädten, Digitalisierung und dem Lebensekel von Zirkusclowns erzählt). Zum anderen besteht „Bandersnatch“ ja auch nicht aus Fußnoten, sondern aus Filmszenen mit Plot und emotionaler Gewichtung. Und die handeln, und nun wird es ein wenig trostlos, angesichts aller Themen auf dieser großen weiten Welt ausgerechnet von Deadlines, Schreibblockaden und Kritikerurteilen. Charlie Brooker, der Autor von „Bandersnatch“ und eben auch derjenige welcher bei allen anderen „Black Mirror“ - Episoden, ist einer der brillantesten, bejubeltsten, beneidenswertesten Autoren der brutalen Medienlandschaft. Durch die begnadete Darstellung fiktiver brutaler Medienlandschaften hat er sich von außen in eine Position scheinbarer totaler künstlerischer Autonomie hochgearbeitet. Und was geht ihm im Kopf rum? Mehrere offensichtlich falsche, unpassende Enden von „Bandersnatch“, so trüb, dass Zuschauer auf jeden Fall zurück an schon einmal genommene Weggabelungen geschickt werden, beschreiben, wie Stefans Spiel im Fernsehen von klugen und gnadenlosen Kritikern schlecht oder mittelgut bewertet wird. In manchen Fällen wird das Spiel nicht einmal veröffentlicht, und der Kurs der Firma stürzt in den Keller. Andersrum sollen offensichtlich Enden als gültig, nicht so schliimm und gerecht gelten, in denen zwar der abgesägte Kopf von Stefans Vater auf dem Regal liegt, das Spiel im Spiel aber von einem Kritiker im Fernsehen fünf von fünf Sternen kassiert. Ganz so, als wäre es ein Film bei Netflix, der von einem dankbaren Zuschauer mit der vollen Punktzahl belohnt wird.  

„Black Mirror: Bandersnatch“, B: Charlie Brooker, R: David Slade; Netflix

11.1. Weltuntergang mit David Bowie

(Ist es peinlich? Monatelang beiße ich mir auf die Zunge und lasse dieses Blog veralten, weil die uns eigentlich umtreibenden Themen nun einmal nichts für 2 schmale Seiten sind, außer man muss, und kaum stirbt David Bowie, greife ich erleichtert zu.)

In den Songs von David Bowie wird entweder der Erzähler verrückt, oder die Welt geht unter. Dann gibt es auch noch Liebes – und Sexlieder, aber die lassen sich in den meisten Fällen einer der beiden oben genannten Kategorien zuschlagen. Die einzigen Ausnahmen von diesem Schema waren seine beiden ursprünglich einzigen Radiohits, die jeweils eine neue Superstarära für ihn einläuteten: „Starman“ (auch wenn der flippige Alien auf der dazugehörigen LP „The rise and falll of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“ natürlich auf einer untergehenden Erde landet und später verrückt wird) und „Let`s dance“ (auch wenn die beißend gutturale Gesangsstimme mindestens den Weltuntergang als Hintergrund für das Getanze einzufordern scheint). Innerhalb dieses Rahmens sind die Variationen allerdings vielschichtig und vielfältig, sowohl musikalisch, als auch textlich. Bowie verzichtete gerne entweder auf eine Strophe – Refrain – Konstruktion (bekanntestes Beispiel: „Heroes“) oder verkomplizierte sie so, dass es auch schon wieder egal  war (bekanntestes Beispiel: „Ashes to Ashes“). Auch wenn seine eigene Melodieführung meistens recht einfach war und sich an dem klassischen funktionsharmonischen „I like the flowers“ -  Lauf orientierte, lebte seine Musik ganz von plötzlich herumflirrenden Hooklines, von einem für ein paar Takte hereinplatzenden Kontrapunkt, von Schnipseln, Störgeräuschen, Ausbrüchen, herumwabernden Ober – und Untertönen. David Bowie – Aufnahmen, auch die schlechten, waren immer hervorragend dazu geeignet, Stereoanlagen, MP3- Player oder Mischpulte  zu testen: wenn es nicht nach einem satten, hypnotisierenden Kaleidoskop klang, waren die Regler falsch eingestellt, das Gerät taugte nichts, oder es war eine Bowie – Platte vor seinem Durchbruch mit „Space oddity“ (1969). Trotz seiner gerne beschriebenen Verwandlungsfähigkeit, was Haarlänge, Jackenfarbe oder provokante Aussagen anging, ist Bowies Werk (wenn wir mal  ganz altmodisch von seinen Alben als seinem Werk ausgehen, was Bowie selber ostentativ nie getan hat) von einer seltenen Geschlossenheit. Immer irren wir über heruntergekommene, fremdartige bekannte und unbekannte Planeten kurz oder nach einer Katastrophe, immer stehen uns schreckhafte Überwesen zur Seite, die sich in diesen Landschaften noch deplatzierter fühlen als wir und nach Sex, spiritueller Erlösung oder manchmal nach Nähe suchen und dabei einen majestätischen Schauder verspüren. Das Bowie – Gefühl ist ein triumphierendes heißkaltes Schwelgen in totaler Entfremdung, die Bowie – Hits sind die Lieder, die es mit einer Einladung an die Hörer verbinden- entweder mit einer Einladung zu einer gemeinsamen Suche nach ein wenig Wärme, oder mit einer Einladung, zu den geilen, durchblickenden Fremdlingen dazugehören zu dürfen (dass diese Einladung häufig bösartig ironisch ist – „we are the goon squad and we´re coming to town- beepbeep“- packt praktischerweise gleich noch die Buße zur Ermächtigung dazu: „You can`t say no to the beauty and the beast, Liebling“) . Wir verzeihen dem häufig ekelhaft arroganten Erzähler (die ganzen Kunstfiguren sind Budenzauber, der Bowie – Erzähler ist immer gut erkennbar) beinahe alles (wie wir Bowie beinahe seinen kurzen, bekoksten, bereuten Flirt mit dem Faschismus verzeihen), weil er so verwundbar ist. Bowie war der erste Emo, aber eben einer, der nicht auf Authentizität, Mitleid und einfache Wahrheiten setzte, und Millionen Teenager haben ihm das gedankt und danken ihm dafür. Bowies letzte Alben lassen den Erzähler weise zur Ruhe kommen und ein beinahe konventionelles Mitgefühl für die Welt entdecken, ohne, dass er seinen verrutschten, pikierten und gierigen Blick auf diese Welt ändern würde, und das ist nicht nur seltsam erhebend, sondern bisher das einzig wirklich überraschende und runde Alterswerk der Popmusik.  Er galt lange Zeit als der Popstar, der mit Sicherheit früh sterben würde (als aussichtsreichste Todesursachen galten Koks, Alkohol, Heroin,  Aids oder Mord), seine im Kontrast beinahe gruselige Langlebigkeit ließ ihn irgendwann unsterblich erscheinen, und nun haben ihn vermutlich doch die Zigaretten umgebracht. Er hat Tapeten entworfen und sich selber an die Börse gebracht, er hat Tesla gespielt und immer wieder sich selber, aber an diesem kalten Januartag hier eine Liste seiner berührendsten Weltuntergänge, beinahe, als wäre dies eine Website, die angeklickt werden soll:

 

3. „Five years“ (1972, Album „The rise and fall of ziggy stardust and the Spiders from Mars“)

 

Schlagzeug, ein Klavierakkord, und dann wird fünf Minuten lang eine kleine Melodie gesungen. Die Welt geht in 5 Jahren unter, das steht in der Zeitung. Die Menschen weinen, ein Mädchen fängt an, kleine Kinder zu schlagen. Der Erzähler sieht u.a. Jungen, Spielzeuge, Bügeleisen, Opernhäuser, und sein Hirn brennt wie ein Warenhaus. Dann sieht er jemanden ein Milkshake trinken und winken, und auf einmal liebt er widerwillig die ganze Welt, und es wird ihm zu viel. All die fettdünnen und kleingroßen Leute, er hätte nie gedacht, dass er sie jemals alle brauchen könnte. Er rettet sich in eine markerschütternde Bowie – Epiphanie: Wir haben nur noch 5 Jahre, das wiederholt er wieder und wieder, und dazu schrillen die Geigen. Danach kam die Weltkarriere.

2.  „When the wind blows“ (1986)

Es konnte kein naheliegenderes Jobangebot für Bowie geben als den Titelsong für einen Zeichentrickfilm über den Atomkrieg. In einer ansonsten künstlerisch flauen Phase legt sich Bowie (gemeinsam mit dem Co – Komponisten Erdal Kizilcay) ordentlich ins Zeug: ein fieses, rumpeliges Riff, danach wird es elegisch: Mach`s gut, mein Kind.  Bowie jault und raunt in seinen besten Stimmen die anklagende Warnung vor der atomaren Vernichtung, die eintreten wird, wenn der Wind weht (und den tödlichen Fallout bringt). Die zickigen Keyboards mit ihrer zerfetzten Rummelplatzmusik verhöhnen das scheinbar unausweichlich voranschreitende Kasperletheater des heranrollenden Atomkriegs. Bowie scheint in den Strophen einmal mehr den grimmig – zufriedenden Untergangspropheten zu geben, doch in der letzten Wiederholung der Schlüsselzeile packt es ihn (wie häufig, wenn es um Kinder geht), und sie wird zur verzweifelten Entschuldigung: Mach`s gut mein Kind, es ist entsetzlich dunkel. Ich habe den dazugehörigen Film im Schrank, aber konnte ihn mir nach 1986 nie ein zweites Mal  ansehen.

  

1.„A better future“ (2001, Album „Heathen“)

Wenn es im Jahr 2001 noch eine echte Musikalbenkultur gegeben hätte, wäre das Alterswerk „Heathen“ meiner Meinung nach als (bis zuletzt) beste Bowie – Platte, Quersumme einer langen Karriere und einfach als fantastische Songsammlung abgefeiert worden. So belebte es immerhin Bowies Karriere neu und das Interesse an seinem früheren Meisterwerk „low“. „Heathen“ verwöhnt uns mit gleich mehreren getragenen Endzeitgesängen, aber den Vogel schießt das flotte, klingelnde Kinderliedchen „A better future“ ab. Eine naive Stimme scheint zunächst von einem anderen Menschen eine bessere Zukunft zu fordern, sonst würde sie nicht mehr lieben und wollen. Erst der aufbrandende dräuende Mittelteil stellt klar, dass hier Gott in die Pflicht genommen wird. Bowie schmeißt sich gegen den Schöpfer in die Waagschale, mit einer betont unschuldig gelispelten Wunschliste, die von Zeile zu Zeile garstiger wird (und wieder, ganz unironisch, die Kinder: „Gib meinen Kindern sonniges Lächeln, gib ihnen Raum und wolkenlose Himmel“). Am Schluss wiederholt er es unverstellt, immer wieder, zu trotzig tirilierenden Gitarren: Ich fordere eine bessere Zukunft. Dafür sollten wir den brillanten, selbstironischen Größenwahnsinnigen lieben (und natürlich auch dafür, dass ausgerechnet er nach Jahrzehnten des kunstvollen Wahnsinns lässig und absolut überzeugend singen konnte: „Ich bin ein blutiger Anfänger, aber geistig völlig gesund.“).

27.10. Es gab nie ein "Sommermärchen"

Es gab nie ein „Sommermärchen“. Und es gibt keine Meta - Ebene. Darum zur Abwechslung einmal ganz plain und persönlich:

Im Sommer 2002 zog ich in eine Stadt, die namenlos bleiben soll, nennen wir sie mal „Laiserskautern“. Die Stadt befand sich in einem langen, mühsamen Schrumpfungs – und Sterbeprozess, Industrie wanderte ab oder wurde zurückgebaut, innerhalb von 10 Jahren verschwanden 10 000 Arbeitsplätze (bei einer Gesamteinwohnerzahl von ca. 90 000).

Beim Einzug waren Strom und Wasser trotz gegenteiliger Versicherungen abgestellt, und an einem Freitagabend um 18.00 ließen sich nirgendwo Kerzen auftreiben. Extrem kultivierte Freunde, die ich im Laufe der Zeit kennenlernte, hatten durch die Bank entweder schon einmal in einem Gerichtsprozess ausgesagt, eine bewaffnete Auseinandersetzung miterlebt oder trugen gleich ganze künstliche Zahnreihen.

Gemildert wurde mein anfängliches Gefühl der Entfremdung im Sommer 2002 durch die malerische „Lange Nacht der Kultur“, auf deren Höhepunkt die Kulturdezernentin verkündete: „Trotz der WM 2006 wird es auch im nächsten Jahr eine „Lange Nacht der Kultur“ geben.“ Der Rest ihrer Rede handelte konsequenterweise dann auch von jener Fußballweltmeisterschaft. Ein paar Spiele des späteren „Sommermärchens“ sollten in der beschaulichen Stadt stattfinden, dazu sollte die australische Mannschaft permanent und die japanische Mannschaft vorübergehend Quartier beziehen. In den nächsten Jahren wurden Plätze begradigt und Brunnen gebaut, und das Stadion wurde erweitert. Es wurde sogar eine Touristenauskunft an einen zentralen Platz gesetzt, und ein paar zweisprachige Hinweisschilder wurden ins Stadtbild eingepflegt. Tatsächlich gab es bald auch den ersten (oder, je nach Definition, zweiten) Stadtführer, der mit ungebremstem Fahrspaß auf den großen Straßen der Stadt warb.

Diese ganzen Maßnahmen hatten natürlich ihren Preis. Diverse soziale Projekte wurden gekippt (zum Beispiel zur Wiedereingliederung straffälliger Jugendlicher), der Ausländerbeauftragte wurde abgeschafft, das Umweltamt auf eine Recyclingtonne eingedampft, und die Stadt kürzte ihre nie exorbitante Förderung der freien Kultur auf Null Euro (später gab es dann doch mal hier und da einen Fuffi an Kulturvereine für die Teilnahme an „Langen Nächten der Kultur“, mittlerweile scheint es ein paar Zuschüsse im dreistelligen Bereich und Sachspenden zu geben). Die WM, um es kurz zu machen, kostete ganz gewaltig, und ein ordentlicher Teil (man sagt: definitiv der größte, aber das kommt auf die Berechnung an) dieser Kosten wurde von der hochverschuldeten Stadt aufgebracht. Trotzdem wurde die WM wie selbstverständlich als wirtschaftlich gewinnbringend gehandelt (und wer das in Frage stellte, galt als mieser Defätist), auch wenn die Einwohner ohnehin wenig hatten, der Fremdenverkehr für ein mögliches Wunder gar nicht ausgebaut genug war, und Spiele von Australien und Japan nicht unbedingt Massenanstürme auslösten.

Der Gewinn war also, wie häufig bei Mammutvorhaben, ein vage ideeller, der gleichzeitig als hypothetisch materieller gedacht und als tatsächlich materieller gehandelt wurde. Genauer: die WM war Chefsache, und zwar die einzige echte Chefsache, satte vier Jahre vor ihrer Austragung. Und satte vier Jahre im Voraus stand auch das Ergebnis der Übung schon fest und wurde verkündet: Deutschland würde ein weltoffenes Land sein, das sich ein wenig gesunden, unverkrampften „Fun – Nationalismus“ (nein, hieß anders, aber kriege ich nie zusammen) gönnen würde. Wie das Motto eben verkündete: „Die Welt zu Gast bei Freunden“ (was wohl hieß, dass Deutschland entweder hinterm Mond lag oder ein paar Alien- Overlords als Gastgeber rekrutieren wollte). Jeder Redner, der in Laiserskautern dem Jubiläum einer Sparkassenfiliale huldigte, wusste es schon, Jahre vor dem spontan über uns hereinbrechenden Sommermärchen: das Ausland würde ein neues, entspanntes und selbstbewusstes Deutschland bestaunen.

Es war der Beginn der Merkelschen Kanzlerschaft, und diese Kanzlerschaft versteht sich auf derlei Inszenierungen (was keinen Millimeter zu auf Pegida et al. meint). Schröder hatte Spießgesellen, Merkel schafft, warum auch immer, ganze blühende, scheinbar nüchterne, Vertrauenslandschaften zwischen sich, den Medien und den Eliten. Ärgerlich vom Ausland angezettelte Diskussionen über „No go areas“ wurden ebenso weggefächelt wie eklatante Sicherheitsmängel in den aufgebretzelten Stadien (nicht zuletzt in Laiserskautern), schließlich wurde das Land mit zu schwenkenden Fähnchen überschwemmt, und wie zufällig hing Sönke Wortmann mit Kamera in den Mannschaftsräumen herum. Kurz: Einige vehemente Multiplikatoren hatten sich schon lange vor dem Anpfiff auf die spätere vorgeblich spontane Euphorie geeinigt, und ein Teil der Bevölkerung verstand und war wild entschlossen, diese Inszenierung als Statisterie zu bekräftigen.

Eine Fußball – Weltmeisterschaft, bei der sich feiernde Gastgeber gleichzeitig der sich feiernde „Weltmeister der Herzen“ ist, ist kein kleiner Image – Coup, und ein unproblematischer schon gar nicht. Ich begriff damals nicht, wieso die ausländische Presse dieses nicht gerade bescheidene Spiel mitspielte – und streng genommen tat sie es auch nicht. Sie übernahm zwar die Bilder und Slogans von der glücklichen Welt zu Gast bei Freunden, aber verbreitete eher selten die Story von der überraschend guten und unwiderstehlich sympathischen Mannschaft. Vor allem aber erschien, entgegen der bis heute in jedem zweiten Leitartikel vorgebrachten Behauptung, so gut wie nie ein Text, der sich ausdrücklich über den „unverkrampften“ deutschen Nationalstolz wunderte und ihn begrüßte. Dass durch die Welt angeblich ein erlöster Seufzer ging, als hupend Deutschlandfähnchen geschwenkt wurden, ist das eigentliche Sommermärchen.

Während der WM, nicht einmal während eines Spiels, landete ich kurz in der Notaufnahme (Kreislaufkollaps – das sind die Gebrechen ganzer Männer) und wunderte mich laut über die Überfüllung durch gebrochene Nasen, ausgerenkte Arme usw. Hieß es nicht, diese Weltmeisterschaft verlaufe faszinierend friedlich? Es könnte viel schlimmer sein, beschied mir der Arzt, vermutlich wäre es bei anderen Weltmeisterschaften anderswo und anderswann auch viel schlimmer. Der herrschende Zustand im Krankenhaus entspreche gerade einmal „Sylvester hoch fünf“ (und die Sylvester in Laiserskautern sind gefährlich).

Noch ein Schlaglicht: Jahre später unterhielt ich mich zufällig in London (das lasse ich stehen, es klingt so weltmännisch) mit einem Wirtschaftslobbyisten der südafrikanischen Regierung. Seine aktuelle Aufgabe war es, der gerade verblichenen dortigen Fußballweltmeisterschaft ein ansprechendes, Unternehmen einladendes Image zu geben. Sein Problem: diese Weltmeisterschaft hatte kein Image und zog darum keine erfreulichen Investitionen oder halbideellle Mehrwertmasse für das Land nach sich. Er bemühte sich aber darum, doch noch eines zusammen zu zimmern (ich weiß nicht genug über Fußball, um einschätzen zu können, ob es ihm und seinesgleichen letztendlich gelungen ist).

Kurz: wer an dieses „Sommermärchen“ geglaubt hat, der mag sich über den Vergabeskandal wundern (was auch immer im Detail jetzt noch enthüllt werden mag).

Genau diesen Sport haben wir verdient und bezahlt, als Chefsache, als hochpreisiges Opium fürs Volk mit erfreulichen Synergieeffekten, als bereits in der Anlage korruptes Repräsentationssystem. Und in Wahrheit weiß es längst jeder Einzelne.

Und die feiernden australischen Fans in Laiserskautern waren trotzdem der Hammer.

 

 

 

Es gab nie ein „Sommermärchen“. Und es gibt keine Meta - Ebene. Darum zur Abwechslung einmal ganz plain und persönlich:

Im Sommer 2002 zog ich in eine Stadt, die namenlos bleiben soll, nennen wir sie mal „Laiserskautern“. Die Stadt befand sich in einem langen, mühsamen Schrumpfungs – und Sterbeprozess, Industrie wanderte ab oder wurde zurückgebaut, innerhalb von 10 Jahren verschwanden 10 000 Arbeitsplätze (bei einer Gesamteinwohnerzahl von ca. 90 000).

Beim Einzug waren Strom und Wasser trotz gegenteiliger Versicherungen abgestellt, und an einem Freitagabend um 18.00 ließen sich nirgendwo Kerzen auftreiben. Extrem kultivierte Freunde, die ich im Laufe der Zeit kennenlernte, hatten durch die Bank entweder schon einmal in einem Gerichtsprozess ausgesagt, eine bewaffnete Auseinandersetzung miterlebt oder trugen gleich ganze künstliche Zahnreihen.

Gemildert wurde mein anfängliches Gefühl der Entfremdung im Sommer 2002 durch die malerische „Lange Nacht der Kultur“, auf deren Höhepunkt die Kulturdezernentin verkündete: „Trotz der WM 2006 wird es auch im nächsten Jahr eine „Lange Nacht der Kultur“ geben.“ Der Rest ihrer Rede handelte konsequenterweise dann auch von jener Fußballweltmeisterschaft. Ein paar Spiele des späteren „Sommermärchens“ sollten in der beschaulichen Stadt stattfinden, dazu sollte die australische Mannschaft permanent und die japanische Mannschaft vorübergehend Quartier beziehen. In den nächsten Jahren wurden Plätze begradigt und Brunnen gebaut, und das Stadion wurde erweitert. Es wurde sogar eine Touristenauskunft an einen zentralen Platz gesetzt, und ein paar zweisprachige Hinweisschilder wurden ins Stadtbild eingepflegt. Tatsächlich gab es bald auch den ersten (oder, je nach Definition, zweiten) Stadtführer, der mit ungebremstem Fahrspaß auf den großen Straßen der Stadt warb.

Diese ganzen Maßnahmen hatten natürlich ihren Preis. Diverse soziale Projekte wurden gekippt (zum Beispiel zur Wiedereingliederung straffälliger Jugendlicher), der Ausländerbeauftragte wurde abgeschafft, das Umweltamt auf eine Recyclingtonne eingedampft, und die Stadt kürzte ihre nie exorbitante Förderung der freien Kultur auf Null Euro (später gab es dann doch mal hier und da einen Fuffi an Kulturvereine für die Teilnahme an „Langen Nächten der Kultur“, mittlerweile scheint es ein paar Zuschüsse im dreistelligen Bereich und Sachspenden zu geben). Die WM, um es kurz zu machen, kostete ganz gewaltig, und ein ordentlicher Teil (man sagt: definitiv der größte, aber das kommt auf die Berechnung an) dieser Kosten wurde von der hochverschuldeten Stadt aufgebracht. Trotzdem wurde die WM wie selbstverständlich als wirtschaftlich gewinnbringend gehandelt (und wer das in Frage stellte, galt als mieser Defätist), auch wenn die Einwohner ohnehin wenig hatten, der Fremdenverkehr für ein mögliches Wunder gar nicht ausgebaut genug war, und Spiele von Australien und Japan nicht unbedingt Massenanstürme auslösten.

Der Gewinn war also, wie häufig bei Mammutvorhaben, ein vage ideeller, der gleichzeitig als hypothetisch materieller gedacht und als tatsächlich materieller gehandelt wurde. Genauer: die WM war Chefsache, und zwar die einzige echte Chefsache, satte vier Jahre vor ihrer Austragung. Und satte vier Jahre im Voraus stand auch das Ergebnis der Übung schon fest und wurde verkündet: Deutschland würde ein weltoffenes Land sein, das sich ein wenig gesunden, unverkrampften „Fun – Nationalismus“ (nein, hieß anders, aber kriege ich nie zusammen) gönnen würde. Wie das Motto eben verkündete: „Die Welt zu Gast bei Freunden“ (was wohl hieß, dass Deutschland entweder hinterm Mond lag oder ein paar Alien- Overlords als Gastgeber rekrutieren wollte). Jeder Redner, der in Laiserskautern dem Jubiläum einer Sparkassenfiliale huldigte, wusste es schon, Jahre vor dem spontan über uns hereinbrechenden Sommermärchen: das Ausland würde ein neues, entspanntes und selbstbewusstes Deutschland bestaunen.

Es war der Beginn der Merkelschen Kanzlerschaft, und diese Kanzlerschaft versteht sich auf derlei Inszenierungen (was keinen Millimeter zu auf Pegida et al. meint). Schröder hatte Spießgesellen, Merkel schafft, warum auch immer, ganze blühende, scheinbar nüchterne, Vertrauenslandschaften zwischen sich, den Medien und den Eliten. Ärgerlich vom Ausland angezettelte Diskussionen über „No go areas“ wurden ebenso weggefächelt wie eklatante Sicherheitsmängel in den aufgebretzelten Stadien (nicht zuletzt in Laiserskautern), schließlich wurde das Land mit zu schwenkenden Fähnchen überschwemmt, und wie zufällig hing Sönke Wortmann mit Kamera in den Mannschaftsräumen herum. Kurz: Einige vehemente Multiplikatoren hatten sich schon lange vor dem Anpfiff auf die spätere vorgeblich spontane Euphorie geeinigt, und ein Teil der Bevölkerung verstand und war wild entschlossen, diese Inszenierung als Statisterie zu bekräftigen.

Eine Fußball – Weltmeisterschaft, bei der sich feiernde Gastgeber gleichzeitig der sich feiernde „Weltmeister der Herzen“ ist, ist kein kleiner Image – Coup, und ein unproblematischer schon gar nicht. Ich begriff damals nicht, wieso die ausländische Presse dieses nicht gerade bescheidene Spiel mitspielte – und streng genommen tat sie es auch nicht. Sie übernahm zwar die Bilder und Slogans von der glücklichen Welt zu Gast bei Freunden, aber verbreitete eher selten die Story von der überraschend guten und unwiderstehlich sympathischen Mannschaft. Vor allem aber erschien, entgegen der bis heute in jedem zweiten Leitartikel vorgebrachten Behauptung, so gut wie nie ein Text, der sich ausdrücklich über den „unverkrampften“ deutschen Nationalstolz wunderte und ihn begrüßte. Dass durch die Welt angeblich ein erlöster Seufzer ging, als hupend Deutschlandfähnchen geschwenkt wurden, ist das eigentliche Sommermärchen.

Während der WM, nicht einmal während eines Spiels, landete ich kurz in der Notaufnahme (Kreislaufkollaps – das sind die Gebrechen ganzer Männer) und wunderte mich laut über die Überfüllung durch gebrochene Nasen, ausgerenkte Arme usw. Hieß es nicht, diese Weltmeisterschaft verlaufe faszinierend friedlich? Es könnte viel schlimmer sein, beschied mir der Arzt, vermutlich wäre es bei anderen Weltmeisterschaften anderswo und anderswann auch viel schlimmer. Der herrschende Zustand im Krankenhaus entspreche gerade einmal „Sylvester hoch fünf“ (und die Sylvester in Laiserskautern sind gefährlich).

Noch ein Schlaglicht: Jahre später unterhielt ich mich zufällig in London (das lasse ich stehen, es klingt so weltmännisch) mit einem Wirtschaftslobbyisten der südafrikanischen Regierung. Seine aktuelle Aufgabe war es, der gerade verblichenen dortigen Fußballweltmeisterschaft ein ansprechendes, Unternehmen einladendes Image zu geben. Sein Problem: diese Weltmeisterschaft hatte kein Image und zog darum keine erfreulichen Investitionen für das Land nach sich. Er bemühte sich aber darum, doch noch eines zusammen zu zimmern (ich weiß nicht genug über Fußball, um einschätzen zu können, ob es ihm und seinesgleichen letztendlich gelungen ist).

Kurz: wer an dieses „Sommermärchen“ geglaubt hat, der mag sich über den Vergabeskandal wundern (was auch immer im Detail jetzt noch enthüllt werden mag).

Genau diesen Sport haben wir verdient und bezahlt, als Chefsache, als hochpreisiges Opium fürs Volk mit erfreulichen Synergieeffekten, als bereits in der Anlage korruptes Repräsentationssystem. Und in Wahrheit weiß es längst jeder Einzelne.

Und die feiernden australischen Fans in Laiserskautern waren trotzdem der Hammer.

 

 

 

12.10. Geständnisse eines "Twin Peaks" - Fans ("Twin Peaks 2017")

Natürlich haben wir alle wichtigere Probleme. Der „Fan“ ist die jämmerlichste Figur der Popkultur. Er wird belächelt (von seinem Umfeld) und gemolken (von der Kulturindustrie), er wird für alles angeblich Gute („Diesen Film hätte es ohne die Fans der alten Serie nie gegeben“) und alles Böse („Wir hätten gerne einen originelleren Film gedreht, doch die Fans hätten protestiert“) verantwortlich gemacht und letztendlich übergangen („Wir haben diesen Film nicht für die paar Fans gemacht, sondern für alle Menschen, die Lust auf zwei Stunden spannendes Actionkino haben“). Der Fan wird immer übergegangen. Seine Helden werden in Remakes, Sequels und Nebenprodukten verfälscht, die ursprüngliche Intention des Originalmaterials wird ins Gegenteil verkehrt, aber er soll sich über die kleinen, ruhigstellenden Anspielungen für ihn, nur für ihn, freuen, das Superheldenkostüm aus den 60ern links hinten in der Ecke, ein paar Takte der Originalmusik, den ungenannten Gastauftritt vom früheren Aushilfs – Bassisten. Der Fan ist ein verwöhntes Kleinkind, das ständig hinters Licht geführt wird und dabei pampig wird. Der Fan wird hinters Licht geführt, damit er ständig neue Produkte kauft, um seinen Seelenfrieden zu bewahren. Spiderman ist tot? Cobain war ein Heuchler? Die erlösende Teilantwort gibt es für einen kleinen Obolus, der nebenbei die sterbende Comicindustrie oder die sterbende Musikindustrie rettet. Die nüchternen Kritiker müssen den Fan verachten und darauf hinweisen, dass ihnen- reifen, verantwortungsvollen Durchblickern-, niemand nach dem Mund redet oder das Händchen hält, sowas ist den Harry Potter – Jüngern vorbehalten (dabei redet niemand dem Fan nach dem Mund, er soll sich nur permanent angesprochen fühlen). Wenn der Rest der Welt seinen Frieden damit gemacht hat, dass bspw. der junge Spock dem alten Spock in einer Höhle begegnet (sie wollten halt auch Leonard Nimoy im Film haben), nervt der Fan mit seinen verbissenen Erklärungsversuchen und verschwendet dabei kostbare Hirnaktivität. Der Fan schreibt sozusagen knospende Liebeslyrik für jemanden, mit dem wir angeblich alle schon irgendwie mal geschlafen haben. Er schreibt Schubladen voll mit hilflosen Exegesen über Anschlussfehler, die aus praktischen Gründen entstanden sind. Er sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht, er kapiert den Witz nicht. Und gleichzeitig, und das ist das Gemeine an der Sache, wird der Fan als Stammpublikum, Multiplikator, unbezahlter PR – Agent nach Strich und Faden benutzt. Mittlerweile erledigt der Fan dazu ehrenamtlich die Arbeit, die die Popkulturwissenschaft nicht mehr erledigt (da sie mittlerweile kommerziell weitgehend tot ist) und bastelt in Eigenbau die Apparate für eine historisch – kritische Rezeption. Dabei verliert der Fan aber leider meist die Fähigkeit zur Kommunikation mit Nicht – Fans. Der Fan ist eine Plage (und das ist er, ich selber hatte schon furchterregende Erlebnisse mit Disney - Jüngern), ein Opfer des Kulturbetriebs, das jederzeit bereit ist, seine zwangsläufige Frustration an dir auszulassen. Der Fan flüchtet vor realen Auseinandersetzungen in Parallelwelten, und natürlich gibt es kein Entrinnen, auf seinem speziellen Spielplatz wird er mit den unschöneren Gesetzmäßigkeiten der Welt nur um so heftiger konfrontiert, und mit den aufwühlenden Themen sowieso – denn ein kulturelles Produkt, das keine aufwühlenden und brennenden Themen verhandelt, hat keine Fans. Scheinbar kann er mit jedem in seiner Alltagsfassade über seine inneren Widersprüche sprechen, in Wahrheit ist er alleine, denn die Obsession wird eben selbst bei größter Popularität doch nicht allgemein geteilt und verrät ihn schnell. Der Fan ist umgeben von einer Kultur voll falscher Freunde, die sich in Wahrheit nicht die Bohne dafür interessiert, wie Wolverine durch seine Erlebnisse in Japan traumatisiert wurde. Wir haben ja wirklich wichtigere Probleme und Besseres zu tun. Es ist eine Situation wie bei den „Körperfressern“, und sie deformiert den Fan sukzessive. Der Fan ist also wie ein Verliebter, und entsprechend hat er im Grunde als Einziger Recht. In all seiner Blödheit kapiert nur er, worum es bei diesem Spiel geht, und genießt und hinterfragt kulturelle Produkte so, wie sie es verdient haben. Und die reifsten Fans (ich arbeite dran) verbinden in bewundernswerter Weise Hingabe mit Distanz. Wer sich über den Fan amüsiert, sollte besser aufpassen, dass das Verdrängte nicht durch die Hintertür kommt, und er selber nicht plötzlich mit einer wirklich destruktiven und albernen Obsession in der Falle sitzt (ich sage nur „True detective“). Wählen wir also weise, von welchem angeblichen Eskapismus wir uns mitreißen lassen und schämen wir uns nicht, wenn wir uns mitreißen lassen.

Ich selber bin Fan von „Twin Peaks“(was für Menschen in meinen Kreisen und meinem Alter etwa eine so überraschende Aussage ist wie „Ich habe früher Blacky Fuchsberger im Fernsehen gesehen“, aber ach, die meisten lügen – nicht bei Blacky Fuchsberger), und für Leute wie mich sind die Zeiten gerade nahezu unerträglich interessant. Ich könnte behaupten, ich sei ein David Lynch – Bewunderer, das bin ich sogar, parallel, und das ist gesellschaftlich allgemein anerkannt, aber das sind zwei Paar Schuhe. Ich mag „Dune“ und „Mulholland drive“ und verehre den ganzen Rest des Ouevres, das natürlich aus „besseren“ Filmen als den „Twin Peaks“ – Episoden besteht. Aber ich hüpfe nicht aufgeregt auf und ab, wenn herausgeschnittene Szenen von „Blue Velvet“ gefunden werden. Dagegen muss ich mich bei Gerüchten, dass David Patrick Kelley doch wieder Jerry Horne spielt (den kein Fan unter auch nur das wichtigste Dutzend von „Twin Peaks“ - Charakteren zählt) erst einmal erschlagen sammeln, bevor ich wieder zurück ins Leben finde.

Gerade wird in Washington an der neuen Staffel gedreht.

Im Zeitraffer: vor rund 25 Jahren war die Detektiv/Horror/Komödien – Soap opera „Twin Peaks“ einen Sommer lang in den USA das heiße Ding. Theoretisch handelte die Serie davon, dass eine Kleinstadt an der kanadischen Grenze durch den brutalen Mord an einer jungen Frau aufgemischt wird. Praktisch handelte sie von rauschenden Wäldern, monströsen Geheimnissen, zitternden Küssen und Gut und Böse. Zum heftigen Abschluss, der Mörder war längst gefunden, erledigte die Reihe ihr verbliebenes Publikum mit einem hinterhältigen Ende. Das Ende sollte die Verantwortlichen beim Sender ABC dazu bewegen, weitere Episoden in Auftrag zu geben, doch das taten sie nicht. Ein anschließender Kinofilm brüskierte die Fans mit einer ehrenwert schonungslosen Darstellung des der Serie zugrunde liegenden Verbrechens und dem Verzicht auf alle wohligen Untertöne, aber ließ den weiteren Fortgang der Geschichte im Unklaren. „Twin Peaks“, eine hypnotische Mischung aus Heimeligem, Unheimlichem, Utopie und hartem, ernst gemeintem Schrecken, traumatisierte ihr Publikum. Zu brisant und vielfältig waren die lässig angerissenen Themen gewesen (u.a. von Missbrauch und dem Ende der Industrie bis hin zu Gnostizismus), zu süß die Darreichungsform und das Versprechen auf eine behaglich neues Bewusstsein (mit der Vergangenheit und der Zukunft als Nebeneinander, Freude an irdischen Freuden und einer westlichen östlichen Spiritualität), zu kompromisslos die Schläge in die Magengrube (und zu verwirrend die Verweise auf ein trotzdem fundamental gutes großes Ganzes). Mit inspirierend gebrochenen Herzen lebten wir alle irgendwie weiter. Vorbereitete mögliche Enden der Geschichte u. a. als Videospiel und Comic, wurden regelmäßig in letzter Sekunde von Lynch per Veto gestoppt. Wir wurden älter und reifer (und konnten uns einige letzte Fragen im Lauf der Zeit aus dem vorliegenden Material und dem Leben zusammenreimen).  Aber die drei ersten synthetischen Basstöne der Titelmelodie, und die Augen werden glasig, und wir fragen uns wieder einmal zusammen mit Julee Cruise, ob wir fallen, fallen, fallen.

Twin Peaks“ besaß utopisches Potential, weil es auf mehreren Ebenen eine neue Welt versprach (darin liegt einer der größten Unterschiede zu all seinen Erben). Es versprach nicht nur, ironisch, einen möglichen Paradigmenwechsel in der westlichen Kultur, sondern es wurde auch von jungen, schönen Menschen mit Zukunft bevölkert („Twin Peaks“ wartete nicht mit Stars auf, sondern mit relativen oder tatsächlichen Newcomern und ein paar wieder ausgegrabenen Kultfiguren), sah aus wie nichts vorher (und klang wie nichts vorher) und versprach erst einmal auch ein anderes, besseres Fernsehen. Die Aufregung über eine Wiederbelebung hat also wenig Nostalgisches—wir wollen das Happyend, das uns einmal versprochen wurde, wir haben lange dafür gelitten, und kein Fan erwartet einen flauschigen Aufguss (dazu haben uns Serie und Film nicht erzogen), jeder erwartet etwas Neues. Nostalgie ist immer vor allem die Sehnsucht nach Möglichkeiten, die sich nie realisiert haben, im Fall von „Twin Peaks“ ist diese Haltung trotz des zukunftsweisenden Charakters von vorneherein in die Geschichte eingearbeitet (die Serie beginnt nun mal mit dem bestialischen Mord an einer jungen Frau, die scheinbar eine große Zukunft vor sich hatte, und ist vom ersten Moment an von Wehmut durchzogen, als würden wir bereits im Moment des ersten Konsums schon die gerade beginnende Serie vermissen) und wurde umgekehrt mit den letzten Momenten der Serie und dem Kinofilm sabotiert. „Twin Peaks“ war also beim ersten Erscheinen schon gleichzeitig utopisch, nostalgisch und ein Ende aller Utopien und jeder Nostalgie. Eine angekündigte Fortsetzung löst an sich bereits also bei aller Begeisterung extrem komplizierte Gefühle beim Fan aus, von der echten Erwartung, etwas wirklich Neues und Bereichenderes zu sehen bis hin zu echter Angst.

Und dann entwickelte sich der weitere Verlauf des Projektes zu einer (bis jetzt) endlosen Achterbahn. Lynch und Co – Schöpfer Frost waren erst versöhnt, dann waren sie es angeblich nicht mehr. Lynch sollte erst die gesamte neue Serie von neun Folgen inszenieren, dann schmiss er hin, dann arrangierte er sich nach zwei verwirrten Monaten voller Appelle und Unterschriftenlisten wieder mit dem finanzierenden Sender Showtime, und mit einem Mal war von "12-18" Folgen die Rede. Der Ausstrahlungstermin (ursprünglich: Herbst 2016) wurde ins Unbestimmte verschoben. Bis auf Kyle MacLachlan als Protagonist Dale Cooper wurde kein einziger Darsteller bestätigt, und selbst MacLachlans Verpflichtung war monatelanges Bangen vorausgegangen. Dafür wurde vehement angedeutet, dass zwei Schlüsselfiguren wieder auftauchen werden, die in der Geschichte seit 25 Jahren unmissverständlich tot sind.

Nun wird seit einem Monat auf beinahe offener Straße gedreht, und nun flippen die Fans wirklich aus. Lynch und Frost weigern sich, verlässliche Informationen herauszugeben. Darsteller der alten Serie hinterlassen kryptische und widersprüchliche Botschaften in sozialen Netzwerken. Ein offiziell für letzte Woche angekündigter Roman von Mark Frost, der die Lücke von 25 Jahren wenigstens zum Teil schließen soll, wurde erst gekippt und dann auf Irgendwann verschoben. Fans erhaschten einen Blick auf einen nackten Cowboy auf einem Pferd und ergingen sich in Spekulationen, doch der Cowboy entpuppte sich als Teil eines Musikvideos, das unabhängig von der Serie in der gleichen Gegend gedreht wird. Gleichzeitig scheint der Dreh mit einem singenden Harry Dean Stanton zur Serie zu gehören (er tauchte kurz in der Parallelwelt des Kinofilms auf). Erschütternde Neuigkeiten verstörten: der tanzende Zwerg wird nicht mehr auftreten! Oder war das nur ein effekthaschender Reklametrick? Drehorte wurden aufgebaut, aber Lynch und Frost bitten vehement um Verschwiegenheit und verbitten sich Fotos. Die Namen von Schauspielern wurden an Trailern gesichtet, aber nicht die entsprechenden Schauspieler. Umgekehrt huschen längst verschollen geglaubte alte Darsteller übers Set, und neu besetzte Stars wurden als Darsteller vorgestellt. Gerüchte über Umbesetzungen (einige Stammgesichter der Serie sind in der Zwischenzeit verstorben, darunter das Gesicht des absoluten Bösen) und Zerwürfnisse schwirren herum. Die Meldung, dass bei den neuen Sets die Farbe Blau verwendet wird, die in der alten Serie verboten war und im Kinofilm auf esoterische Gräuel verweist, wird auf den Fanseiten erregt debattiert, wobei viele meinen, das Blau würde letztendlich nicht auf dem Bildschirm zu sehen sein. Nicht zuletzt sagt bei David Lynch das Filmen an einem bestimmten Ort mit einem bestimmten Schauspieler noch nichts über die spätere Gestaltung einer Szene aus, geschweige denn, ob sie jemals im fertigen Produkt verwendet wird (und das Unterschreiben eines Vertrags noch wenig darüber, ob und wie engagiert der Meister wirklich an Bord bleibt). Und jetzt ist vor zwei Wochen auch noch überraschend die Darstellerin der „Log lady“ gestorben, der verrückten weisen Frau der Serie, ihrem spirituellen Zentrum, und wieder rechnet jeder jede Sekunde mit einem Abblasen des Projekts. Und jetzt könnte man das ganze aufgekratzte Bohei natürlich rechtschaffen dämlich finden, und lustig ist es allemal (bis auf den erwähnten Tod der großartigen Catherine Coulson), aber bei einer Erzählung über Himmel und Hölle, in der bspw. ein blauer Klecks tatsächlich ein Indiz für den Abstieg in die Hölle sein könnte, ist es gemeinerweise angemessen, so lange wir Erzählungen über Himmel und Hölle oder überhaupt Erzählungen noch irgendein Gewicht beimessen wollen. Ich selber halte meinen Umgang mit dem Neuigkeitengewitter für unvergleichlich cool, aber dann weisen mich liebe, wohlmeinende Menschen darauf hin, dass alleine das Hinterherhecheln jede mögliche soziale Norm verlässt und aus mir einen hilflosen Fan macht, der jämmerlichsten Figur der Popkultur.

Der Fan mag meist die falsche Abzweigung nehmen (und gedankenschwer über ein blaues Schild nachgrübeln), doch er weist meist über sich selber hinaus. Ich denke, so wie „Twin Peaks“ einmal die Tür für Fernsehserien aufgemacht hat (und es wurde, außer von Fans, erst Jahrzehnte später in vollem Umfang begriffen), wird es nun die Tür schließen (und wir werden es erst in einigen Jahren wirklich begreifen). Wer erwartet denn von Fernsehserien noch etwas anderes als gutgemachte beinahe – gute beinahe – Filme mit ein paar gewalttätigen Ausrastern und psychosexuellen Untertönen, die vor 25 Jahren Tabus gebrochen hätten? Mehr als ein paar umfassende und kunstvolle Charakterbögen, die nirgendwo anders hinführen als in die wohlfeile Beliebigkeit? Wie gut oder wie schlecht die Wiederbelebung von „Twin Peaks“ ausfallen mag, mit ihr geht eine Ära zu Ende.

Ein sehr lieber und kluger Bekannter, Dr. G., meint, „Twin Peaks“ sei bei aller Liebe eher mittelgut gealtert und die Neuauflage könne nur fürchterlich enttäuschen. Natürlich hat er beinahe mit Sicherheit Recht, aber „Enttäuschung“ ist für einen Fan eine unbrauchbare Kategorie. Es wird auch im schlechtesten und fadesten Fall großartig werden und vermutlich weh tun. Muss wieder eine abgründig unschuldige Frau durch die Hölle gehen? Findet der abgründig unschuldige Held wieder zu sich selber? Gibt es endlich ein paar neue Musikstücke und wieder bessere Witze? Wir Fans sind coole Säue mit heißen, gepanzerten Herzen und Kummer gewöhnt. Don`t let yourself be hurt this time.  

 

 

 

06.10. "Alles steht Kopf - Inside out"

(Das muss Fügung sein, oder angewandte Paranoia: Vor zehn Tagen schickte ich an die Internet – Zeitschrift meines Vertrauens unter verblüffenden Magenschmerzen--wegen Pixar – Lästerung?-- einen langen, wohlwollenden Verriss von „Alles steht Kopf“. Ich habe mich ein wenig über ausbleibendes Feedback der Redaktion gewundert, aber hatte das neu aufgebretzelte Mail – Programm noch nicht vernünftig justiert und offenbar de facto nichts rausgesandt. Jetzt sind schon längst allerorten Kritiken zu dem Film  erschienen und durchgewunken, darum der Text hier nun magenschonend im kleinen Kreis):

Pixar verhebt sich mit „Alles steht Kopf“ an der Erklärung unserer Gehirne. Das ist brillant, ärgerlich – und kaum etwas für Kinder.

Eigentlich ist die Geschichte einfach: Nach dem unfreiwilligen Umzug von Missouri nach San Francisco unterdrückt die 11jährige Riley ihre Trauer und schlittert dadurch in einen Zusammenbruch.

Einfach ist auch die Geschichte hinter der Geschichte: Nach ein paar weniger ruhmreichen Werken will ein Animationsstudio mit einstmals schwindelerregender Reputation die erfolgreiche Konkurrenz dadurch überbieten, dass es wagt, was die nicht wagt: die abstrakte und offensive Darstellung von Konzepten und inneren Welten, eine selten offensiv genutzte Stärke der Animation.

Verkompliziert werden beide Geschichten durch die fünf kleinen Typen im Kopf: Freude (gelb, feenartig, weiblich), Kummer (ein blaues, dickliches Mädchen), Angst (ein lila Fragezeichen, verwirrend unpassend gesprochen von Olaf Schubert), Wut (eine rote, stämmige Dynamitstange, männlich) und Ekel (eine grüne Zicke). Diese fünf Emotionen balgen unter der lockeren Führung von Freude um den Kontrollraum in Rileys Kopf und verwalten ihre Erinnerungen: Murmeln in der Farbe der jeweils beherrschenden Emotion, die nach einer von Riley erlebten Situation in den Kommandoraum auf Regalbretter rollen und von den fünf in den geheimnisvollen Keller des Langzeitgedächtnisses geschickt oder als Unterstützung für Riley konkret abgerufen/abgespielt werden. Die äußere Welt sehen die fünf guten Geister auf einem großen Monitor, der deutlich an die „Enterprise“ erinnert, durch Rileys Augen. Als „Warp – Antrieb“ dieser Kommandozentrale dienen Rileys „Kernerinnerungen“, eine Handvoll golden schimmernder Kugeln in einem handlichen Reaktor. Diese abgeschirmte Chefetage wird über klobige Science – Fiction – Architektur durch  Rileys „Persönlichkeitsinseln“ gestützt, die in einem wüsten, leeren Land voller Nebel liegen. Es sind die Inseln der „Freundschaft“, der „Familie“, der „Fantasie“, der „Ehrlichkeit“, des „Quatschmachens“ und des „Eishockeys“ (und irgendwo da draußen kichert der tote Borges über diese Aufzählung). Die Insel sehen aus wie die voneinander durch Abgründe getrennten Abschnitte eines Freizeitparks  (und tatsächlich thront über der „Insel der Fantasie“ Cinderellas Schloss aus dem „Disneyland“ des Mutterkonzerns).

Weil Kummer die kostbaren Kernerinnerungen begrabbelt, kommt es zum Streit mit Freude, und die beiden stürzen beim Gerangel in die ihnen unbekannten Weiten von Rileys Bewusstsein und müssen sich in einer gefahrvollen Reise wieder zurück an das Schaltpult kämpfen. Dabei passieren sie das Langzeitgedächtnis (eine Bibliothek aus Erinnerungskugeln, in dem sich ein halbvergessener imaginärer Freund von Riley gegen die endgültige Auslöschung durch bürokratische Putzkräfte wehrt), das monströse Unterbewusstsein (in dem ein furchterregender, amoklaufender Riesenclown mit Hammer herumstapft) und die „Traumfabrik“: ein geschäftiges Studio voller aufgeregter Bohnenwesen (sie erinnern ein wenig an die rivalisierenden „Minions“), das mit Hilfe von Erinnerungen und Special effects Rileys Unterhaltung für den Schlaf produziert. Da Kummer und Freude nicht an den Schalthebeln sitzen (sie versuchen, mit dem „Gedankenexpress“ aus der gespenstischen Unterwelt zu fliehen, doch der fährt nachts nicht), stürzen nach und nach Rileys Persönlichkeitsinseln von „Eishockey“, „Freundschaft“ und „Quatschmachen“ ins gähnende Nichts.  Wut, Angst und Ekel verleiten Riley zu schlechten Entscheidungen, die sukzessive auch die Inseln der „Ehrlichkeit“ und der „Familie“ zerbrechen und ins Bodenlose stürzen lassen. Mit der Hilfe von Rileys imaginärem Freund aus Kleinkindertagen (und der Hilfe eines vergessenen erfundenen idealen Boyfriends) kraxeln Kummer und Freude wieder in die Zentrale zurück, gerade rechtzeitig, bevor Riley mit der gestohlenen Kreditkarte ihrer Mutter zurück nach Missouri ausbüxt. Freude erkennt, dass die Unterdrückung von Kummer ein Fehler war, neue Erinnerungen sind ein Gemisch aus Farben und Emotionen, und die Persönlichkeitsinseln steigen schöner und vielfältiger denn je aus dem nichts auf. Im Abspann dürfen wir die fünf kleinen Typen in den Köpfen von Nebenfiguren und einigen Tieren bei der Arbeit beobachten.

Alles steht Kopf“ ist gleichzeitig getragener, derber und atomisierter als bisherige Filme der Firma. Mehr als alles andere ist es ein witziger psychedelischer Horrorfilm. Wer einst die Fahrt mit dem „Yellow submarine“ durch das Meer der Monster goutiert hat und gleichzeitig eine Schwäche für die bizarre Bewusstseinsreise von „Mindgame“ (wenn nicht gar von „Hellbound – Hellraiser II“), kommt bei diesem fulminant und verschwenderisch gestalteten Trip ohne öde Momente auf seine Kosten. Alles schimmert, glitzert, perlt und bitzelt vor Formen, Farben und fließenden Bewegungen. Begleitet von dezenten 3D - Effekten schwelgt der Film in stimmig knallbunten Kaskaden, zu denen es auf der Tonspur satt klingelt und quietscht. Bei dem Errechnen von bspw. flirrenden Lichtpunkten kann sich Pixar so wenig von der Konkurrenz vormachen lassen wie bei dem Entwerfen rührend – glaubhafter, konsequent stilisierter Animationsfiguren: die fünf Emotionen sind, formal und für sich genommen, eine Wucht. Dass sie sich glücklicherweise nicht zu einer allgemeinen Chiffre für unser Erleben entwickeln werden, obwohl sie bei „Skype“ schon seit Monaten zu genau diesem Zweck als Emoticons herumstehen, und obwohl die Merchandising – Industrie bereits auf Hochtouren läuft, liegt an der fragwürdigen Psychologie des Films – innen wie außen, in der Prämisse und in der Umsetzung.

Pixar setzt unterm Strich einmal mehr auf kunstvolles Gezappel gegen die Zeit: in letzter Sekunde über den Abgrund, den letzten Haken um die gefährliche Kurve schlagen, - und das kann Aaardman („Shaun das Schaf“) mit seinen bescheideneren Mitteln nicht nur besser, das läuft auch der ambitionierten psychologischen Aufgabenstellung entgegen. Dass Rileys Glück oder Unglück tatsächlich, auf einer, der dominanten, Ebene des Films buchstäblich von Slapstick – Situationen in ihrem Kopf abhängt, von der Frage, in welcher Millisekunde Freude einem herumpolternden Gesteinsbrocken ausweicht, lässt sich beim besten Willen nicht mehr als Metapher lesen. Da galoppiert die Berufsehre den Animationsfilmern davon, wie einem Heavy Metall – Gitarristen, der mitten in einem  Schlaflied auf seinem zwanzigminütiges Solo beharrt. Immer wieder wird dem cleveren visuellen Einfall die Nachvollziehbarkeit geopfert sowird Rileys Ausreißer zum Fernbus durch ein von Wut gestartetes Selbstzerstörungsprogramm ausgelöst, mit Spezialschlüssel im Kontrollpult und schrillendem Alarm, und wir befinden uns für ein paar Sekunden in einer quietschvergnügten Disney – Version von „Dr. Seltsam“. Auf einer tieferen Ebene unterstreicht dieser Zwang zu fulminantem Suspense, elaborierter Action und ganzen Abfolgen rasanter und kleinteiliger Höhepunkte das Grundproblem der Fabel: Riley ist dem hektischen Budenzauber in ihrem Inneren letztendlich ausgeliefert, sie selber hat keine Repräsentanz in ihrem eigenen Kopf. Und das Unterbewusstsein ist ein alles verschlingender Abgrund, mit ein paar Alpträumen auf halbem Weg in die Tiefe. Ab der Mitte des Films lachen nur noch die Erwachsenen.

Die Ambivalenz des Projekts zeigt sich deutlich in der visuell ansprechendsten, inhaltlich verwirrendsten Sequenz (bei jeweils starker Konkurrenz): auf dem Weg zur Insel der Phantasie nehmen Freude, Kummer und der imaginäre Freund die gefährliche Abkürzung durch den Tunnel des offensichtlich destruktiven „abstrakten Denkens“: dort werden sie kubistisch zerlegt, verflacht und schließlich zu Klecksen und geometrischen Formen verzerrt (die sicherlich nicht zufällig an die Filme des intellektuellen Rivalen UPA aus den 1950er Jahren erinnern, einem Studio, das vor allem als Auffanglager für geschasste und frustrierte Disney – Mitarbeiter diente). Gleichzeitig ist der ganze lange Film um diese spektakuläre Szene herum eine einzige Übung in abstraktem Denken. Dies erscheint wie eine umgekehrte Spiegelung des erklärten Vorbilds, dem Disney – Kurzfilm „Reason  and emotion“ aus dem Jahr 1943, in dem, vor Marcuse, „Emotion“ die Verantwortung für den Faschismus gegeben wird, während der Film trotzdem vor allem auf Nonsense- Humor und Sentimentalität setzt.

Käme der Film nicht mit vagen, aber vehementen psychologischen Handreichungen im Presseheft daher, mit begeisterten medienpädagogischen Empfehlungen als Teil des Werbefeldzugs und einem befriedigend sichtbaren horrendem Budget, wäre es einfacher, ihn für seinen Charme, seinen Mut und seine nie gesehenen Bilder zu lieben. Die rappelvolle, durchaus inspirierende Geisterbahn wäre ein ewiger Anwärter auf den heimlichen Lieblingsfilm, auf das ultimative Kultobjekt. So, als erklärter Grundkurs in Emotionspsychologie, als Kritikerliebling des Jahres und als erster Kinofilm für vermutlich Millionen von Kindern, sind seine Unebenheiten verstörend. Wüsste man nicht, wie in den heiligen Hallen von Pixar monatelang über jede gezeichnete Augenbraue debattiert würde, und wäre das nicht in jeder Augenbraue sichtbar, könnte man schlicht Nachlässigkeit beim Drehbuch vermuten. Einiger der unverfänglicheren Spielverderberfragen: Warum fährt der Gedankenzug nicht nachts (schön wär`s!) und ist in keiner Weise mit der Traumproduktion verbunden (und wiederum: schön wär`s)? Warum sind die Persönlichkeitsinseln so sauber voneinander getrennt (während die Handlung auf dem Zusammenhang zwischen Eishockey, Freundschaft und Quatschmachen verweist) getrennt, frei von kullernden Erinnerungskugeln und, im Unterschied zu den Erinnerungen, nicht durch verschiedene Emotionen einfärbbar? Wer stellt die praktischerweise in Rileys Innenwelt herumliegenden Bedienungsanleitungen für eben diese zur Verfügung (sollen wir uns da eine DNA – Erbse, ein Gesellschaftsmonster oder zurückkugelnde Erinnerungen aus der Familieninsel dazu denken?)? Warum spielt Angst keine Rolle bei der Erschaffung von Alpträumen? Warum ist Ekel gleichzeitig unverzichtbar und ein Mitglied der Bestimmercrew (wofür man evolutionspsychologisch argumentieren könnte) und permanent auf dem Holzweg (Ekel ekelt sich vor einem Haus, für das die meisten von uns morden würden, und ist eindeutig die meiste Zeit ein von Wut und Angst gespeister verzogener Teenager, wobei die Interaktion mit den FIGUREN Wut und Angst im Film rivalisierend bleibt)? Warum wird das Hirn von Rileys scheinbar knuffigem Vater von herumkobolzenden Wut – Männchen beherrscht?

Das Problem liegt nicht darin, dass der Film sein verwickeltes Modell nicht hinterfragen würde, sondern darin, dass er permanent dieses Hinterfragen antäuscht um sich anschließend bruchlos in unverbundenes Halligalli zu retten. Jede anfechtbare harsche Lektion über die Selbständigkeit von Emotionen wird durch Beschwörungen angeblich allgemeiner Werte durchkreuzt, jede Beschwörung allgemeiner Werte durch das menschelnde Herumwuseln seiner Emotions- Figuren, jedes Herumwuseln wiederum durch die strenge, dabei in der allgemeinen Geschwindigkeit unklar bleibende Didaktik. Es ist ein Teufelskreis. Auf dem Papier sind die Zusammenhänge zwischen diesen Ebenen pro forma ganz sicher ausgeklügelt schlüssig, aber das ist das Kleingedruckte. Konkret werden die mitgerissenen Zuschauer mit disparaten Doppel – und Dreifachbotschaften beschossen. Die eindrücklichsten Momente gelingen den Film dann auch mit liebevoll ausgemalten Einfällen abseits dieses Zirkels: mit Wolkenwesen und Traumfabrikwitzen, die sich weder mit seiner Lehrbuchhaftigkeit, noch mit seinem Hymnen auf Familie und Ehrlichkeit oder seiner kleinen Zauberwelt sinnvoll verbinden lassen.

Richard Brody merkte in seinem Blog für den „New Yorker“ an, dass Pixar nicht nur viele kindliche Emotionen nicht personalisieren wolle oder könne (er vermisste unter anderem den „Kritiker“, sein Kollege Anthony Lane räsonierte dagegen über eine Chico Marx – Figur als „Lust“ für Erwachsene), sondern vor allem nicht die, die die eigene Arbeit abbilden würden: Kreativität, Dreistigkeit, laterales Denken, ästhetischen Genuss und das Spiel mit Überlieferungen. Würde der Film in seinem Subtext auch nur einen Funken Leichtigkeit und weiterführende Entdeckerfreude transportieren, wären solche Einwände vielleicht unerheblich. Doch mit grimmiger Konsequenz schildert er unter raunenden Untertönen die ultimative Schreckensvorstellung nicht nur von Kindern: eine totale und fatale Ohnmacht gegenüber den eigenen Emotionen und Erinnerungen.

Der Weg zur finalen Krise führt über verblüffend nonchalant präsentierte Erschütterungen, die zwischen drückendem Ernst und makabrer Spielfreude schwanken: Wunschträume verwandeln sich in Alpträume (der beste Gag des Films ist ein fröhlicher zerschnittener Hund), Freude verwandelt sich in eine verbissene Tyrannin (sie legt aber kein Superverbrechercape an und nennt sich „Manie“), der reizende imaginäre Freund aus der Kindheit muss tatsächlich sterben (die Überspitzung eines alten Topos, der bereits bei „Eliott, das Schmunzelmonster“ nur noch befremdlich wirkte). Und, in einer Folgerichtigkeit, die Kindern wie Eltern die Kehle zuschnüren kann, führen tatsächlich ein schlechter Tag, ein milder Streit am Küchentisch, ein Anflug von Pampigkeit zu vorübergehendem Emotions - , Kontroll- und Persönlichkeitsverlust, zum Diebstahl von Mutters Kreditkarte und zum Ausreißen ins nirgendwo.  Das anschließende Happyend erzählt uns nichts darüber, warum die Persönlichkeitsinseln plötzlich wieder stehen. Es fehlt Riley, es fehlen das Ich, das Selbst, das Bewusstsein. Es fehlen auch die Eindrücke aus der Außenwelt, die nur über die raumgreifenden Kapriolen der Emotionen erfahrbar werden und nicht einmal subjektiv rekapituliert werden können. Und wie wir als Rausschmeißer gezeigt bekommen, rumoren in jedem Kopf von Mann und Maus Variationen von Rileys kleinen heimlichen Herrschern.

Nun ist es nicht so, als würde ein Animationsfilm derartige Themen nicht schlüssig behandeln können, oder als wäre die handverlesene Belegschaft von Pixar nicht in der Lage, einen schlüssigen Film zu produzieren, der auf mehreren Ebenen funktioniert. Das Gegenteil wurde dafür zu oft und zu eindrücklich bewiesen. Das Problem dürfte tatsächlich eher darin liegen, dass Pixar, wohl noch immer das erfolgreichste Studio der Filmgeschichte, wenn man die  Zuschauerzahlen mit der Filmanzahl verrechnet, sich mit Wucht als erste Adresse der Animation wiederempfehlen will. Nach wie vor legitimiert durch die alten Lobpreisungen der Kritiker darüber, was die Firma inhaltlich und technisch ermöglicht hat, sowie durch die unauslöschbaren Verbindungen zu Disney, Apple und George Lucas (dem Popäquivalent zu Goethe, Kant und Schiller), schielt Pixar nun offensichtlich nach der Rolle als Bildungsinstanz der Zukunft. Rivalen punkten mit fröhlichem Quatsch wie den „Minions“, Kritiker konnten sich mit den wenig zwingenden Folgefilmen zu „Cars“ und der „Monster AG“ nicht anfreunden, das Prestige – Projekt „Merida – Brave“ scheiterte als Speerspitze des tiefenpsychologischen und vor allem milde feministischen Trickfilms. Angenagt präsentiert die Firma nun die Ausstellung „Pixar und Naturwissenschaft“, sucht erklärtermaßen den Schulterschluss zu Wirtschaft und Technik, veröffentlicht die Grundlagen seiner Drehbucharbeit im Netz und präsentiert die experimentelle Wundertüte von „Alles steht Kopf“ in den Begleittexten wie eine erfolgreich und akribisch erledigte und zu erledigende Forschungsarbeit.

Es gibt vor allem in der kalifornischen Psychologie den Trend, die Emotionen liebevoll abzuwerten: Du bist nicht deine Affekte. Du kannst nicht verantwortlich für deine psychischen Probleme gemacht werden (die in Amerika mittlerweile durch die Bank ab einem bestimmten Leidensgrad als „Geisteskrankheiten“ bezeichnet werden). Dieser natürlich humanistisch begründete, als Entlastung und Ressourcenquelle gedachte Ansatz, setzt aber eine umfassende Vorstellung von „Persönlichkeit“, oder jungianisch „Selbst“ voraus, eine strukturgebende und erfahrbare Klammer des individuellen Erlebens. Mag sein, dass das Individuum für amerikanische Zuschauer eine so unhinterfragbare und gleichzeitig brisante Größe ist, dass sie sie sich automatisch dazu denken (ganz ähnlich verhält es sich bei vielen amerikanischen Filmen, die für unser Empfinden eine Leerstelle lassen, mit „Gott“). In Amerika, wo der Film die Bestenlisten anführt und sich sogar kurzzeitig beinahe gegen die fröhlicheren und flacheren „Minions“ behaupten konnte (bei uns wurde er wohlweislich um Monate verschoben) ist der Film eingebettet in eine abfedernde psychologische Kultur, kann er als Ergänzung und Bebilderung auch sonst in Kitas und Grundschulen behandelter Fragestellungen gelesen werden. Bei uns schlägt er in ein skeptisches und weitgehend unvorbereitetes Niemandsland, verweist nur auf sich und kommt ohne Bedienungsanleitung daher (dass die nicht plötzlich im inneren Regal herumliegt, will Pixar in seinem disneyfiziertem Positivismus offensichtlich wirklich nicht begreifen). Hier transportiert er vor allem Angst (nicht von Olaf Schubert gesprochen) vor der eigenen Psyche und eine neue, zweifelhafte Kategorisierung des Innenlebens.

Pixar wird erwachsener, als es ohnehin immer schon war, der Poet empfiehlt sich als sozialer Ingenieur und pocht gleichzeitig auf seine Fähigkeiten als Entertainer und Gemeindepfarrer. Das kann funktionieren, führt aber zunächst zu diesem heillos zerrissenen Film, in dem die verschiedenen Rollen einander so abwechselnd vom Kontrollpult boxen wie Angst und Ekel auf der Leinwand.

Mit all seiner Courage, seiner Grandiosität, seinem Einfallsreichtum und seiner technischer Brillanz ist „Alles steht Kopf“ eine meisterhafte Enttäuschung. Diesen Film in richtig gut hätten wir gerade zur Zeit richtig gut gebrauchen können. Zu einem Oscar, ein paar hübschen Stofftieren und einem Eintrag in die Filmgeschichte wird es aber sicher reichen.

 

 

 

29.09. "Ihr macht mir Mut (in dieser Zeit)"

Es gibt kulturelle Hervorbringungen, die einfach nicht zu glauben sind. Es gibt Kulturprodukte, die liegen so überraschend und vielfältig daneben und quer zu allen bisher angenommenen Gesetzmäßigkeiten, sind so ungerührt bizarr, dass sie Tore zu unvermuteten neuen Welten aufstoßen. Bei solchen Produkten handelt es sich häufig um große Kunst oder um Lieder von Dieter Hallervorden. Sein aktueller Internethit „Ihr macht mir Mut (in dieser Zeit)“ ist vermutlich aktuell das schlechteste Lied der Welt (das Titelstück zum neuen Bond schielt dagegen nur fade und ungelenk nach neuen Zielgruppen). Die verhaspelten Neue deutsche Welle – Strophen und der hineingrätschende Kirchentagsrefrain machen in der mutigen Kombination schon sprachlos, bevor sich das Hörerhirn bei der Entschlüsselung des zeitkritischen Textes zerlegt. Das Stück schreit nach einer politischen Auseinandersetzung, die man aber anhand dieses Stücks etwa so sinnbringend führen kann wie anhand von „Du, die Wanne ist voll“. Und vermutlich liegt genau da der Hase im Pfeffer, bzw. Didi im Trend. Und jetzt hat er viele neue Freunde, die er hoffentlich nicht will.

Zum 80. Geburtstag hat Dieter Hallervorden sich und der Welt das Geschenk einer Musiknummer gemacht, eben „Ihr macht mir Mut (in dieser Zeit)“ (Musik von Isaak Herzog und Matt Vandercook , Text von Dieter und Johannes Hallervorden und ebenfalls dem pseudonymen Isaak Herzog). Das Stück ist herausfordernd komplex gebaut: in einer Einleitung zu Klampf- und Jaulgitarre gratuliert ein ungefähr unisono schleppend brabbelnder Chor Hallervorden zum Geburtstag, bevor der würdevoll das Mikrophon an sich reißt und salbungsvoll verkündet, seine schweren Zeiten in dieser „durchgeknallten“ Welt“ („die allein kein Schwein aushält“) habe er nur dank „Euch“/lies: uns/lies: weiß der Kuckuck wem überwunden. Dann werden ein paar Rummelplatz- Keyboards aus den 80ern angeworfen, und Hallervorden feuert mit Verve büttenredenartige Zweizweiler ab, beginnend mit „Aids beherrscht halb Afrika/Gummis sind zu teuer da“. Die Stimme ist die altbekannte Mischung aus schweinchenschlauem Greinen, dick ironischem Nanunanu und sägendem wölfischen Triumph - das Verb „to didi“ gehört schon lange in den internationalen Sprachschatz. Und bereits vor der ersten messerscharfen Pointe des großen Satirikers türmen sich die Fragezeichen: natürlich haben wir alle unser Päckchen zu tragen, und wer weiß, was Hallervorden als Privatmensch hinter sich haben mag, aber wann lag Didi innerhalb der letzten vier Jahrzehnte vor Publikum „am Boden“, wie er es besingt? Als Ende der 1980er seine Filme keine Besucherrekorde mehr brachen? Als er vor drei Jahren für das unsensible „Blackfacing“ bei einer Theaterproduktion überraschend behutsam gerüffelt wurde? Selbst im Vergleich zum ewigen Rivalen Otto steht der stattlich gealterte Hallervorden mit Rauschebart und Honig im Kopf unverrückbar im Scheinwerferlicht. Junge Nostalgiker feiern hingebungsvoll seine alten Dummheiten, seine späte und spezielle Form von Kabarett wird allenthalben als Kabarett bezeichnet, und Berlin liebt seine Original- Prominenz ohnehin beinahe zu Tode. Er ist mehr Filmstar, Theaterpatron und Institution denn je, und selbst zu „Didi und die Rache der Enterbten“ (1985), diesem ambitionierten Großwerk an verhunztem Timing und Missmut (mit Hallervorden u.a. als „Didi Dödel“, „Tante Florentine“ und „Kongo – Otto“), finden sich im Netz nur liebevolle Anmerkungen. Aber, und so wird ein Schuh daraus: auch wenn die Kritiken für die Altersrollen meist begeistert ausfallen, so läuft Hallervorden seit „Nonstop nonsens“ quer zum, palimpalim, intellektuellen Diskurs in den deutschen Medien. Ernsthaft abgearbeitet haben sich Kritiker immer an anderen, die sich viel weniger für die klassische Komödie und den manchmal guten alten Sketch interessierten, und egal, welche breit behandelten heißen Eisen Hallervorden  anpackte, Giftmüll oder Korruption, nie ergaben sich Berührungspunkte. Das muss weh getan haben. Als Komödiant alter Schule und als der selbsternannte kleine Mann in verdrechselten Komödien (wozu zum großen Teil auch noch seine Kabarett- Sketche, ich schreibe mal keine Anführungszeichen, gehören), sowie als hemmungsloser Grimassenschneider füllt Hallervorden eine Lücke, von der viele kluge Menschen bestreiten, dass sie ohne seine Füllung überhaupt bemerkt würde. Würde sie (und was hat das mit dem schauderhaften Song zu tun)?

Kurz das Positive: Hallervorden war/ist der einzige deutsche Slapstickkomiker. Kein anderer hat sich je mit irgendwelchem Erfolg hierzulande an akrobatischer von dem Eimer über den Rechen auf die Kühlerhaube – Choreografie versucht. Das ist nicht nur ein hartes Handwerk, das ist auch eine erhebende ästhetische Form, die viel über den Menschen und die Dinge erzählt. Gewürdigt wird sie in Deutschland selten und wurde sie früher gar nicht. Und wenn Cineasten einmal verhalten von Mack Senett schwärmten, fiel nie der Name Hallervorden. In der Konsequenz gab Hallervorden ab Mitte der 70er den Anti – Intellektuellen jenseits der hippen Kreise (vermutlich spielten auch die damaligen Linksintellektuellen und Hallervordens frühe Flucht aus der DDR dabei eine Rolle). Und auch anschließend bezog er einen einsamen Posten: nicht nur war er zwischen 1970 bis Mitte der 1980er der einzige ausdauernde deutschsprachige Kinokomiker, seine „Didi“ – Figur hat auch nach wie vor einen Ausnahmestatus durch ihren unbeirrbaren Realweltbezug (nur Polts Anti – Helden ab 1984 lassen sich da vergleichen, und die kämpfen sich nicht durch klassische Komödien). „Didi“ ist immer in glaubhaften existentiellen Nöten und verstrickt sich dadurch in seine bösartig karikierte Umwelt. Dieser Ansatz wurde Hallervorden allerdings nie gutgeschrieben, denn zum Zeitpunkt seiner Kinokomödien galt die Komödie an sich weitgehend als untaugliches Mittel zum Erzählen von der harten Welt. Auch wenn die Filme besser gewesen wären, als sie letztendlich waren, hätten sie keine Lorbeeren ernten können (in den USA wurden zeitgleich die Filmkomödien vorübergehend abgeschafft und durch Burt Reynolds – Reifenbrummen ersetzt). So, im luftleeren Raum jenseits der Diskurse und mit nur einer vollständig beschädigten Tradition als Bezugspunkt (die Louis de Funes – und Pierre Richard – Streifen hatten es da leichter), griffen die Filme häufig auf Boulevard und Zote zurück und auf eine vermutete „schweigende Mehrheit“, der man Komödien zum Mitweinen auftischte (in den enthemmtesten Momenten träumt die „Otto“- Figur von Orgien und Schampus, „Didi“ von Rotlichtbars und Curywurst). Mitte der 80er, als sich Otto, Loriot und Polt auf die Leinwand wagten, konnten sie ihre Form der Komik, ihr Publikum und die ihnen wohlgesonnenen Kritiker (zunächst) mitnehmen. Die Lage war entspannter (oder, je nach Sichtweise, resignierter) geworden. Am Katzentisch wurde Hallervorden zum Populisten und ist es bis heute geblieben.

 

Welcher Art war und ist dieser Populismus? In der satirischen (nein, keine Anführungszeichen, wir sind doch nicht im kalten Krieg) Fernsehsendung „Hallervordens Spott-light“ (ein Name voll knackiger Eleganz) waren "die da oben" vor allem doof und gierig. Die Haltung des Satirikers lag vor allem in einer Forderung nach dem (oft besungenen, nie gesehenen) „gesunden Menschenverstand“ und nach Gerechtigkeit gegenüber den (ähnlich mythischen) „kleinen Leuten“ ohne nähere Bestimmung. Man muss dazu sagen, dass in anderen Ländern solche behäbigeren Formen der Satire gang und gäbe sind. Deutschland war satirisch lange Zeit entweder verwöhnt oder Entwicklungsland insofern, als dass sich über Jahrzehnte hinweg nur eine kleine, handverlesene Clique konsequent und unermüdlich an Satire jenseits des klassischen Kabarett wagte –eben die „Neue Frankfurter Schule“ der "Titanic", plus ihr „Pardon“ und später „Mark und Bein“/“Kowalski“ – Umfeld. Zu diesem Umfeld gehörten durch freundschaftliche Beziehungen auch Loriot und Polt, für Otto schrieben Gernhardt/Eilert/Knorr. Die Sozialdemokratie hatte ihr Kabarett, die alternativen Bewegungen Otto (der recht offen mit den „Grünen“ sympathisierte) et al. Die gefürchtete „schweigende Mehrheit“, die verunsicherten Proto – „Wutbürger“ hatten „Ekel Alfred“, aber der war ironisch gemeint und ihnen größtenteils wohl auch zu derb, später kriegten sie Hallervorden. Sein gebremstes Ressentiment passte zu ihrem. Nach einer Zeit als Wahlkampfunterstützer der FDP (die er aus politischen Gründen beendete, er äußerte sich enttäuscht über den mangelnden Mut gegenüber der CDU) sah sich Hallervorden, der vorübergehend ehemalige Filmstar, als unangepasstes Sprachrohr für das Unausgesprochene. Und in dieser Rolle schlägt er in den letzten Jahren immer häufiger ohne Programmatik und Geschmack gegen die „politische Korrektheit“, wo er sie vermutet, und nimmt für sich in Anspruch,  unbequeme Wahrheiten zu sagen, wenn niemand mehr versteht, was er eigentlich gerade sagen will. Manche, denen es ähnlich geht, lieben ihn dafür.

Und dann durfte „Ihr macht mir Mut (in dieser Zeit)“ nicht bei der Sendung „Menschen auf der Flucht – Deutschland hilft“ des (vermutlich wieder einmal vor allem verwirrten) ZDF vorgestellt werden.

Das „am Boden liegen“ aus dem Liedtext von „Ihr macht mir Mut“ ist also vielleicht Ausdruck von Hallervordens im Lauf der Jahre angesammelter Frustration, ganz sicher aber ein Topos (und vielleicht stammt die Zeile auch gar nicht von ihm), eine beliebte allgemeine Leerstelle. Am Boden liegen, trotzdem Mut haben. Es ist ein vor allem bei Rechten beliebter Topos (in deren Liedern liegt eigentlich immer jemand am Boden, vielleicht geht es dabei auch um Alkohol). Der weitere Liedtext geht holterdipolter durch die nonchalant angerissenen Widrigkeiten der Welt, die bei drei nicht auf den Bäumen sind, von der Ölpest in Kanada bis zu „Kiwizucht auf Hiddensee“. Dazu fährt der Jubilar unter der Regie seines Sohnes verschiedene Bötchen, füttert Möven und Hunde, hat ein Spielzeughandy am Ohr oder baut Sandburgen. Jede neue Zeile birgt Rätsel und Wunder: Kriegen auch „Chemietrails“ und „Gammelfleisch ihre fünf Sekunden im Schweinwerferlicht (nein, aber überraschenderweise „Tschernobyl“ und „Automaut“)? Wie wird die NSA wohl mit stumpfer Feder augespießt („Ferkel“ im „Schlafzimmer von Merkel“)? Kommt auch was zum Klimawandel (klar)? Und tatsächlich kriegen auch traditionell links verortete Themen ihren Stoß mit dem Ellenbogen (Trinkwasserhandel, Griechenland, Rüstungsexporte), gleichberechtigt neben Skandaljournalismus und zu vielen Talkshows. Hallervorden spuckt großzügig aus, was immer ihm ins Auge fällt. In der Einleitung zum Refrain heißt es dann, mit Unterstützung durch einen brummelig feixenden Chor (das Brummeln gerät überzeugender als das Feixen): „So steht`s in der Zeitung drin/was glauben die denn, wie blöd ich bin?“ Angesichts des vorangehenden Wortsalats eine interessante Frage, aber auch das, natürlich, ein Anknüpfungspunkt an „Lügenpresse – halt die Fresse“ – Geschrei. Israel plant Mauerbau/SED – Ideenklau“ ist dabei als unverbundener Einschub auf dem verlässlichen Niveau des Restsongs. Nach einem kurzen Exkurs (mit brillanter Treffsicherheit ist jedes Thema entweder mit einem Schlagwort abgewatscht oder schleppt sich wie hier über gleich mehrere verrenkte Sätze) ausgerechnet darüber, dass man keine „Spekulanten kritisieren“ könnte ohne einen „Shitstorm zu riskieren“ folgt dann allerdings die Kernschmelze. Im bei einiger Konkurrenz schlechtesten und unangenehmsten Zweizeiler (das kann kein Zufall sein, auch die Musik hängt hier für ein paar Takte in der Luft) heißt es gleich danach: „Magst du Netanjahu nit/biste gleich Antisemit.“, und es schließen sich wiederum Beschwerden über journalistischen Rufmord an. Dann geht`s, als wäre nichts gewesen, heiter weiter mit der besinnungslosen Nennung vom Berliner Flughafen, „Pflegenot“, „Parteigezank“ und Edward Snowden (u.a. „Nur wer rutscht auf seinen Knien/dem haben die USA verziehen“). Und in einem fassungslos machenden Fazit räsoniert der weise alte Clown leise und salbungsvoll, dass seine Knittelverseexzesse die Welt vielleicht doch nicht retten werden: „Klar allein mit so ´nem Gesang/ ist nichts Großes anzufang.“ Aber bald sind „wir“ alle mehr und machen mehr (ist das eine Drohung? Oder ein Hinweis auf gemeinsames Reimlexikonschlachten? Oder erstmal: Reimlexikonkaufen). „Alt ist`s, sich mit sich bequemen/jung, sich etwas vorzunehmen“- dafür ist die Witwe Bolte wirklich nicht gestorben. Und „100 Prozent“ der Einnahmen von „Dieter und Johannes Hallervorden“ geht an „die Flüchtlingshilfe“. Hallervorden strauchelt abschließend mit aufgerissenen Augen durch Baumreihen.

Das Stück ist, kurz gesagt, unfassbar. Alleine die Vorstellung, das gedidite Sampling wirr herumfuchtelnder Kraut und Rüben – Beschwerden könnte irgendeine Handlungsanleitung zu politischem Engagement sein (oder zu kleinen Schritten hin zu einem freundlicheren Miteinander. Oder zu irgendeinem Gedanken.) macht betroffen. Dass der tapfere Sänger in diesem verquirlten Quark noch eine Hymne oder clevere Generalabrechnung vermutet, ist die zweitbeste Pointe in Hallervordens nicht unbedingt übervoller Laufbahn.

Die beste Pointe ist weniger lustig: Ja, sie haben ihn bereits adoptiert. Die Mahnwachenden, die Verschwörungstheoretiker, die Ken Jebsen – Apologeten. Mit Idiotensicherheit präsentieren sie den unterirdischen  Netanjahu –Zweizeiler und die Absage des ZDF im Netz als Beweis für Hallervordens Rang als „Systemkritiker“, und das meint: als „Kritiker des Zionismus“ (und wieder verblüffen die neuen Rechten mit ihrer offenen Besessenheit, „Israelkritik“ als einen allen Menschen geheimnisvoll innewohnenden Wunsch, Zwang und als Maßstab einer „unzensierten“ Diskussion definieren zu wollen). Dank dieses Einfallstors in Zusammenhang mit richtungsloser USA – und Medienkritik und Geschrammel zum „Mehr zusammen bringen“ hat Hallervorden mit seinem Geburtstags/Flüchtlings/Kein Schwein hält alleine die Welt aus – Lied offensichtlich die fehlende Hymne für Pegida - Deutschland geschrieben. War das beabsichtigt? Gerade hat Hallervorden einen Holocaust – Überlebenden gespielt. Eine tatsächlich von Hallervorden oder, wahrscheinlicher, vom dritten Texter bewusst im Lied platzierte antisemitische Argumentationskette lässt sich nicht völlig ausschließen, aber würde die Angelegenheit angesichts des vorliegenden, ungeordneten Songtextes nur noch bizarrer werden lassen. In „Ihr macht mir Mut“ fehlen, in Einklang mit Hallervordens bisherigem Ouevre, die meisten rechten Themen. Nirgendwo ein Hinweis auf „Fremde“, keine codierten grellen „Kriminellen“, kein Blut und Boden(in den vielen Anspielungen auf die NSA - Affäre fehlt jeder der mittlerweile notorischen Verweise auf ein „besetztes Land“) . Hallervordens „wir“ ist zu keinem Zeitpunkt völkisch konnotiert und versteht sich dezidiert als Gewicht gegen Fremdenhass.  Dass in dieser mythischen „Mitte“ (und damit wäre die Dreifaltigkeit mit „kleinen Leuten“ und „gesundem Menschenverstand“ komplett) bewusst (?) provokante Halbgesagtheiten herumschwirren, die sich so krude von Antisemitismus abgrenzen, dass sie Antisemiten selbstverständlich als Schulterschluss verstehen, ist nichts Neues, aber vielleicht für Hallervorden. Und hier liegen einige Lehren vergraben: wer besinnungs – und gesinnungslos vor der gefürchteten „politischen Korrektheit“ flieht, kann sich seine Freunde schnell nicht mehr aussuchen. Und: nicht jedes Thema lässt sich mit hingeschluderten Karnevalspointen behandeln. Offensichtlich ist keine Aussage flach und konzeptlos genug, um von aufgescheuchten trüben Köpfen nicht als Bestätigung verwertet zu werden. Die Lösung kann nur in weniger flachen und konzeptlosen Aussagen liegen. Dummstellen ist keine Lösung, und wenn die Karriere darauf basiert.  

 

 

 

22.09. "Der begrabene Riese"

Vor über zehn Jahren schrieb Kazuo  Ishiguro „Die traurigste Musik der Welt“, zunächst ein Drehbuch für Guy Maddin , in dem bei einem Wettstreit eben nach der „traurigsten Musik der Welt“ gesucht wurde. Das war unter anderem sicher auch ein wenig heimtückische Selbstironie, denn Ishiguro scheint die traurigsten Romane der Welt schreiben zu wollen. Mit trügerisch heiterer und immer unzweifelhaft warmer Melancholie lockt er Leser in kleine, liebevoll ausgemalte Welten voller wohlwollend aufgespießter menschlicher Schwächen. Auf den ersten Blick, auf den ersten hundert, zweihundert, dreihundert Seiten, scheint er auf lässige und virtuose Art eine eingängige, modernisierte Form von „klassischer“ Literatur aus dem 19. Jahrhundert zu schreiben: ruhig, wortreich und elegant, mit distinguiertem Flair (die tatsächliche klassische Literatur ist dagegen meist viel roher und sperriger). Seine Protagonisten sind unschuldig und sympathisch, rechtschaffene und rührende Naivlinge, intelligent und engagiert, aber unrettbar gefangen in Wertvorstellungen und Träumen, hinter die der Autor mit scheinbar liebevoller Nachsicht diskrete kleine Fragezeichen setzt. Der durchtrieben angenehme Erzählfluss steuert dabei aber unbeirrt auf eine schmerzhaft zuschlagende Pointe hin. Die Hauptfiguren entpuppen sich als brave Kinder (meist in fortgeschrittenem Alter), die ihr Leben durch das Festhalten an veralteten und verlogenen Kodizes und an dünnem Selbstbetrug gehemmt und total verfehlt haben. Und die so verständig beschriebene Welt um die Protagonisten entpuppt sich als Hölle, als ein unrettbares System des Unrechts, in dem das Leben unterdrückt wird, die Unschuldigen geschändet werden und trotz aller Artigkeiten ein grausames Recht des Stärkeren gilt. Ishiguros Geschichten sind keine Tragödien, denn zu einer Tragödie braucht es Drama, Konfrontationen und miteinander ringende Weltanschauungen. Ishiguros Helden hätten dagegen vermutlich auch dann keine Chance zum Aufbegehren, wenn sie klarer sehen könnten. Tatsächlich klammern sie sich auch nach ihrer Desillusionierung an die Reste ihrer falsifizierten Träume, und die markerschütternde, allumfassende, ohnmächtige Traurigkeit am Ende der Fabel bleibt alleine bei uns, den Lesern. Man könnte Ishiguros Literatur als bürgerlich -behagliche Form des Schwelgens in Depression brandmarken (und die Verfilmung seines bekanntesten Romans, „Remains of the day“ will dieser Falle gar nicht  entkommen und steht der Rezeption seiner Romane manchmal im Weg), aber das ginge an Ishiguros blutendem Herzen und seinem klugen Kopf vorbei. Diese Romane wollen die Wahrheit, eine Wahrheit beschreiben, unversöhnlich und präzise, voll messerscharfer Beobachtungen und lyrischer Einsprengsel, sie machen wach und sensibel. Und ihre bitzelnde elegische Ruhe ist keine neutralisierende Sauce auf ihrem Schrecken, sondern Ausdruck einer tiefen Ambivalenz, die sie so faszinierend macht (dass die Welt schlecht ist, ist ein möglicher Standpunkt, aber an sich nicht gerade ein interessanter Ansatz für einen Roman). Verwirrenderweise sind Ishiguros Romane im Grunde eher überlange Novellen, eher Kammerspiele als große Epen. Bei kürzeren Texten gelingen ihm sein spezieller Effekt und die niederschmetternde Epiphanie weniger gut.

Mit dieser Marschroute im Gepäck hat Ishiguro u.a. bereits den historischen Roman, die Künstlerbiographie, den Kriminalroman und die Science – Fiction zerlegt. Sein jüngstes Buch, „Der begrabene Riese“, das seit gut einem Monat auf Deutsch vorliegt, nimmt sich nun die Fantasy vor. In einem ziellosen, von der Zeit vergessenen England vor etwa 1000 Jahren, verlässt ein altes Ehepaar sein unwirtliches Dorf (eher eine Reihe von Erdlöchern, lässt uns der Erzähler wissen, es hätte zwar auch Schlösser und Höfe gegeben, doch in unerreichbarer Ferne) um nach seinem lange nicht gesehenen Sohn zu suchen, den es in einem benachbarten Dorf vermutet. Das Paar schleppt sich über eine unheimliche Ebene, unter der ein Riese begraben sein soll, und trifft auf eigenartige Zufallsbekanntschaften und Wegbegleiter: verschwiegene Fährmänner, müde Ritter, listige Hexen, verstörte Kinder und sich kasteiende Mönche. Ein Nebel liegt über dem Land, und unsere einnehmenden alten Anti – Helden haben Mühe, sich zu erinnern – an ihre gemeinsame Geschichte wie an die Geschehnisse im Land. Die beiden wissen nur, dass sie einander lieben, und dass glücklicherweise alle Bewohner, nicht zuletzt die früher verfeindeten Angeln und Sachsen, durch die Erinnerung an den guten König Arthur vereint sind, der das Land durch seine milde Art der Eroberung geeint hat. Wegen ihrer meist grimmigen Pointen lassen sich Ishiguros Geschichten verblüffenderweise so schlecht nacherzählen wie twistlastige Hollywood – Filme. Darum nur: in sachte aufbrandenden Enthüllungen und kleinteiligen Entwicklungen erfahren wir nach und nach und entlang vieler farbiger Episoden die Wahrheit über die verwunschene Landschaft und die Natur des „begrabenen Riesen“.

Ishiguro bürstet die Fantasy nicht gegen den Strich (wie er es bspw. mit dem Krimi in „When we were orphans“ tut). Eine Welt voller Unsicherheit und fragwürdiger Überlieferungen entspricht dafür seiner Sensibilität zu gut. Menschen, die nicht wissen, ob sich hinter der nächsten Wegbiegung ein Drache, ein feindlicher Soldat oder eine neue Heimat verbergen und die sich deswegen aneinander und an allgemein bekannte Glaubenssätze klammern, sind für ihn perfekte Protagonisten. Seine Form der unauffälligen Poesie findet in sumpfigen Wäldern mit in der Ferne flirrenden Lichtern ihr perfektes Setting. Und die aus vorangegangenen Büchern wiederkehrenden Themen von Mythen über besondere Chancen für Liebende oder verschleppte Mütter finden in der Fabel über eine archaische, besinnungslose Welt voll unklarer Wunder ihre perfekte Form. Bis zur Hälfte des Textes mögen wir uns noch fragen, ob sich der Autor wirklich auf das Spiel mit dem phantastischen Genre einlassen will, doch dann begegnen wir tatsächlich Fabelwesen und Zaubersprüchen. Das melancholische Märchen bricht nicht die Gesetze der Gattung, sondern nimmt sie ernst. Es erzählt von verlorenen romantischen Reichen, von Macht und Schuld und der Frage nach „Magie“,- nur ohne abfedernde Behaglichkeit und ohne beruhigend übereinstimmende Überlieferungen, ohne Mittelaltermarkt aber nicht ohne Feuerschein und Holztische, mit kurzen, wirren Kämpfen und hilflosen Drachen, mit viel Blut und Dreck. Ishiguro betreibt keine abstrakte, naserümpfende Fantasy, er zelebriert die sehnsüchtige, archaische, verzauberte Atmosphäre, nur eben zu seinen Bedingungen (nebenbei: so kann ernsthafte Fantasy aussehen, so fern von „Game of thrones“). Eine überraschender Schwerpunkt liegt dabei auf unheimlichen Elementen- auf geisterhaften Frauen, die bei Gewitter mit irrem Grinsen Kaninchen schlachten, auf Mönchen, die sich an bizarre Opferstätten ketten, auf gespenstischen, unüberquerbaren Flüssen. Dabei verliert der Autor nie sein bewegend hilfloses altes Paar von Wanderern und seine traumatisierten Ritter aus den Augen. Wir mögen diese Figuren, und wir ahnen ein markerschütternd trauriges Ende. Es kommt, natürlich, aber in voller Wucht bleibt es aus. Die Figuren scheitern, natürlich, ihre Siege sind Pyrrhussiege, natürlich, und natürlich halten sie sich selber in berstenden Lügengebäuden gefangen. Doch sie scheitern nicht so fundamental wie Ishiguros vorangegangene Protagonisten, es bleiben Reste von Erlösung, gelebter Zuneigung und Würde, auch mit offenen Augen. Und sie haben dieses eine Mal ihre Gesellschaft verändert, wenn auch vielleicht zum Schlechteren. Vielleicht hat die Phantastik Ishiguro ein etwas spielerischeres Nachdenken über seine nagenden Themen ermöglicht. Vielleicht verschiebt er seinen Fokus ein wenig hin zu den bohrenden Fragen, so brillant und bewegend er gerne erschütternde Antworten gibt. Schön und gut.

     

15.09. "Frank"

(Jedes Jahr das Gleiche in den letzten Jahren: ab Anfang August gilt jede Stunde mit Schlangen vor den Eiskugeln als „der letzte schöne Tag“. Und die Menschen klagen mit Tränen in den Augen darüber, dass die Welt bald wieder grau und bitterkalt sein wird, während sie vor welpengroßen Wespen fliehen und Sturzbäche von Schweiß an ihnen herunterlaufen, die Straßenbeläge unter ihren Füßen schmelzen wie Bilder in den Museen, und Rentner und Kleintiere röchelnd und herztot hinter ihnen zu Boden sinken. Irgendwann kurz nach der Geburtstunde dieses Landes müssen  frei flottierende Eindrücke von Nachkriegswintern und ersten Italienurlauben mit den neuen Ideen des frisch kalten Krieges (aus Sibirien weht immerfort der eisige Grabesatem herüber,wir orientieren uns beim Klima nicht mehr an Riga, sondern an Capri) zu dem zementfesten Mythos vom immerkalten deutschen Wetter verschmolzen sein. Die Folge: selbst Badetemperaturen an Weihnachten führen zu entrücktem Grinsen und nicht zum panischen Beten um die eine oder andere Schneeflocke, und selbst der grimmigste Kommentar dazu endet auf einer beschwingten Note. Vorgestern war Herbst, heute ist wieder Sommer. Das hat natürlich auch seine surreal schönen Seiten, und der Berliner Winter ist zu kalt (unter anderem, weil um die Stadt herum zu wenig steht an Bäumen, Bergen oder Orten) aber beruhigender wären ein schmuddeliger Himmel und eine steife Brise. Und der letzte schöne Tag im Jahr ist im Zweifelsfall immer Sylvester.) .

 

Eigentlich stand nun der „begrabene Riese“ an, aber die betörende britisch – irische Tragikomödie „Frank“ findet ihr Publikum nicht (geschrieben von Jon Ronson und Peter Straughan, inszeniert von Lenny Abrahamson). Möglicherweise ist eine übergroße Pappmachémaske mit starrem Blick doch kein so allgemein überzeugendes Argument für den Kinobesuch wie lange Zeit angenommen. Die puppenhafte Maske auf den Plakaten und in den Foyers scheint für einen grenzensprengenden Undergroundfilm voller Puppen, ungemütlicher schriller Lacher und polymorph perverser erotischer Szenen zu werben. „Frank“ ist ganz und gar nicht dieser Film. Er ist allerdings auch nicht die warmherzige kleine Indie – Komödie, als die er beginnt. So beginnt die Geschichte:  In einer unschlagbar komischen Anfangsszene versucht der junge Musiknerd Jon seine Alltagseindrücke im Kopf zu einem Song zu formen. Jon (Domhnall Gleeson) ist Anfang 20, wohnt bei seinen Eltern und macht irgendeinen Bürojob. Zufall/Schicksal/Persistenz machen ihn plötzlich zum Aushilfs- Keyboarder einer obskuren Avantgarde – Rockband. Das weggetretene Genie der Band heißt Frank (Michael Fassbender) und trägt immer einen Pappmachékopf auf dem Kopf. Jon ist fasziniert von Frank, und auf völlig andere Art von der schnippischen Drummerin Clara (Maggie Gyllenhaal). Nach der Formel des behaglichen kleinen Films müsste die Band nun auf eine katastrophale Tour gehen, zwischen Frank und Jon müsste sich eine heilsame Freundschaft entspinnen, zwischen Clara und Jon eine schüchterne Romanze. Beim melancholischen Ende würde Jon weiser geworden in sein bürgerliches Leben zurückkehren, und wir alle hätten etwas gelernt. Stattdessen bleibt die Freundschaft zwischen Frank und Jon zerstörerisch, die Romanze zwischen Clara und Jon kurz, verachtungsvoll und unpersönlich, und am Schluss bleibt unklar, was wir gelernt haben könnten. Dafür erzählt der Film auf unbequem satirische Art von Wahnsinn und Selbstzerstörung, ohne seine Sensibilität und seine malerischen Bilder von Orten und Landschaften jemals ganz aufzugeben (Kamera: James Mather). Übersetzt in Plot heißt das: die Band bunkert sich ein Jahr lang in einem Gästehaus in Irland ein und versucht vergeblich, ein Album aufzunehmen (Streits, Improvisationen, ein Selbstmord). Jon postet die Versuche in sozialen Netzwerken, leiert einen Gig in Texas an und drängt Frank zu kommerzieller Musik (= seinen eigenen fragmentarischen Songs). Die Band zerbricht, Frank zerbricht, aber Jon führt Frank und seine Band wieder zusammen und zieht sich anschließend schnell und betreten von ihnen zurück. Und Frank legt seine Maske ab.

Frank“ basiert lose auf einigen Sachtexten des Ko – Autoren Jon Ronson . Und die schauderhafte Maske verweist auf einen toten britischen Unterhaltungsmusiker, der darin gebrochene Jahrmarktsmusik und Kinderlieder sang. Doch dieser Hintergrund ist, behaupte ich, für den Filmgenuss unerheblich. Die reale Ereignisse werden nicht übertragen, und „Frank“ will exemplarisch von Musik und Musikern erzählen. Die coole, dabei labile Schlagzeugerin, der ernsthaft existentialistische Bassist, der jüngerartige kaputte Roadie usw. sind liebevoll ausgemalte Klischeefiguren. Die verunglückten Gigs und endlosen Studiosessions sind genauso ewige Witzblattwahrheiten wie die neuen Phänomene des Internet – Erfolgs durch bizarre Unfälle und als Freaks. Wenn der Film greller und lustiger wäre, was sich manche Kritiker wünschen, könnte sich wissende Schadenfreude einstellen. Und die weicheren Momente kämen dann liebenswürdig obendrauf. So werden wir aber nie vom Haken gelassen: die Musik der Band (eine dröhnende Wolke aus wabernden und abgehackten Sounds von u. a. Keyboard, Gitarre und Theremin, Musik: Stephen Rennicks) bleibt befremdlich, aber alles andere als schlecht. Franks gemurmelte oder prophetisch herausgeheulte assoziierende Texte balancieren konsequent auf dem schmalen Grad zwischen komisch ungenießbar, einleuchtend und auch- nicht-schlechter-als- andere- Lyrics. Wenn die Band in seltener Eintracht Naturgeräusche sammelt oder sich in schwelenden Klanggewittern ergeht, kann das mit gleichem Recht als absurd oder als inspirierend gesehen werden.

Die meisten Filme über Kunst, und speziell die über Musik machen uns die Wertung einfach: wenn zu einem lahmen Liedchen Feuerzeuge geschwenkt werden, sollen wir es als gut empfinden, wenn das Publikum flieht und eine Rückkoppelung pfeift, taugt die Musik nichts. „Franks“ große Leistung besteht darin, dass die Frage nach der Qualität so offen gelassen wird wie die nach dem tatsächlichen Ausmaß von Franks Verwirrtheit. Und das mündet nun nicht in Beliebigkeit, sondern in die kompromisslose und unzufriedene Verneigung vor Kunst, bzw. Musik, die sich um eine wie auch immer geartete und möglicherweise sogar fehlgeleitete Integrität bemüht. Bereits die Fähigkeit, Musik zu gestalten wird trotz aller Spitzen so andächtig und verblüfft bestaunt wie die englischen und irischen Küsten und Wälder.

Und der „begrabene Riese“ staunt auch, aber dazu dann halt nächste Woche.

 

08.09. Wimmelbilder gegen Hass

(Ich war eine Weile still, weil ich nichts über die Flüchtlingskrise schreiben wollte, aber auch nicht nicht darüber schreiben wollte. Die Menschen, die das hier lesen, halten Angriffe auf Flüchtlinge und ihre geplanten Unterkünfte ohnehin für das Letzte, andere erreiche ich nicht. Refugees welcome? Aber klar und hallo. Dazu hängt aber an dieser Thematik ein Rattenschwanz von Fragestellungen, die ich in so einem kleinen, bescheidenen, gerade erst wieder auf „Kultur“ getrimmten Blog, das kein Flugblatt ist und alleine aufgrund seiner marginalen Existenz auch nicht als Getrommel taugt, weder umfassend behandeln, noch wegdrücken kann und will. Wenn sich das Hin – und Herschwappen der massenmedialen Meinungen wieder etwas beruhigt hat, gebe ich hier und da etwas komplexeren Senf oder schildere vielleicht, was ich hier und da von der Basis der Flüchtlingshilfe höre. Ich bleibe dran, wie wir alle. Refugees welcome, und vor uns liegen hoffentlich nur die Mühen der Ebene.)

Vor wenigen Wochen feierte der Wimmelbildzeichner Ali Mitgutsch seinen 80. Geburstag, und schon sind wir wieder beim Thema. Mitgutschs Bilder sind unerkannt in die Hinterhirne ganzer Generationen gebrannt. Beim retrospektiven Sichten war ich beinahe überrascht darüber, welche Details der bunten Doppelseiten voll kugelköpfiger Menschen ich immer noch parat hatte: nicht nur die eindrückliche Geisterbahn am Jahrmarkt, sondern auch die Streiche am Strand oder der letzte Hase am Bildrand. Mitgutschs erstes Wimmelbuch erschein 1969, und in den 1970ern waren seine Werke in Westdeutschland diskret allgegenwärtig: in den Kindergärten, den Arztwartezimmern, den Beschäftigungszonen von Kaufhäusern und Sparkassen und überall dort, wo es Bücher gab. Und wo an solchen Plätzen kein Originalband lag, konnte man die Panoramen zumindest als Puzzle zusammensetzen. Ein Wimmelbilderbuch funktioniert immer auch als eine vorsichtig didaktisch vermittelte gesellschaftliche Utopie. In der heißen Phase der engagierten Kinderbücher wurde Mitgutsch hier und da heftig angegriffen, dass er die konfliktreiche Wirklichkeit zu einer idyllischen Puppenstube verkitschen würde. Da ist ein Dieb, da ist ein Polizist, so wunderbar ist es eingerichtet in der Welt. Diese Kritik ist naheliegend und geht so an der Sache vorbei wie die Beschwerde, in Musicals würde zu viel gesungen. Der Sinn eines modernen Wimmelbuchs liegt darin, das meist alltägliche Leben als komplex, erfassbar, reich und gutartig darzustellen (mir selber war als Kleinkind Mitgutschs Modellwelt übrigens bei aller Begeisterung sogar häufig etwas zu derb und doch einen Tick zu soziologisch-  das meint, ich fürchtete mich vor manchen seiner Rabbatzkinder und vermisste manchmal individuellere Figuren). Dazu strotzen Wimmelbücher meist vor satirischen Spitzen, die für Kinder schwer zu entschlüsseln sind (und meist merkt das Kind erst an der Reaktion der Erwachsenen beim Zeigen und Erläutern, welche Information über das Funktionieren der Welt für ernste bare Münze genommen werden können). In der Retrospektive nimmt sich Mitgutschs Werk viel schmaler und ruhiger aus als erwartet- knapp 10 Primärwerke mit überraschend aufgeräumten Doppelseiten. Während ich mich als Kind nach der Betrachtung eines dieser Bücher nach einem steifen Grog und einer Stunde reizarmer Ruhe sehnte (es war ein progressiver Seefahrer – Kindergarten), suche ich heute nach dem titelgebenden Gewimmel. Die Zeiten sind unruhiger geworden, und die Gehirne zumindest kurzfristig aufnahmefähiger. Mitgutschs Welt ist egalitär und einladend. Innen und außen, wir und die kommen nicht vor. Verschiedene Milieus existieren nicht getrennt voneinander, sie werden nur am dezent karikierten Habitus (Zylinder oder Batschkapp) der Figuren und Gruppen deutlich, die in den gemäßigten Slapstick- Szenen aufeinander trennen. Öffentliche und semi – öffentliche Orte spielen eine große Rolle (was keine Selbstverständlichkeit für diese Art von Buch ist auch wenn es dort natürlich besonders schön wimmelt). Mitgutschs Parks und Marktplätze, Häfen und Bahnhöfe appellieren einerseits an die Sehnsucht nach einer idealen Urbanität und bilden andererseits die Wirklichkeit der bundesrepublikanischen 1960er und 1970er Jahre ab, als die Wurst noch beim Metzger gekauft wurde. Genauer: viele Tableaus zeigen offensichtlich die dezent verklärte Innenstadt von München mit vielen Gründerzeitbauten, wenig Fachwerk und so gut wie keiner brutalistischen Architektur. Die zu MItgutschs Hochzeit boomenden Vororte spielen nur selten eine Rolle (auch wenn so moderne Errungenschaften wie Campingwagen und Fernseher gerne eingebaut werden). Und, auch wenn mutmaßliche Südeuropäer deutlich präsent sind, sind so gut wie keine Menschen mit anderer Hautfarbe oder erkennbarer anderer Religion als der christlichen zu sehen.

Das ist nun sicher keine grobe Nachlässigkeit und erst recht keine Botschaft des ausgesprochen weltoffenen Mitgutsch. Es ist eine der Zeit (und in dieser Zeit vielleicht auch dem Respekt und dem Schwabinger Stadtbild) geschuldete Lücke (keine lückenlose Lücke übrigens, aber die weitgehende Lücke bleibt auffällig). Im Grunde lässt sie sich in Gedanken anhand der Bücher problemlos füllen.  Aber vielleicht reicht Dazudenken nicht mehr aus.

Mitgutschs Nachfolgerin in den Herzen und Kindergärten ist Rotraud Susanne Berner (hier fehlen Auslassungen zu u. a. dem herrlichen Richard Scarry und zu Berners aktuellen Kollegen, weil es mir gerade nur um die Utopien im Nervenzentrum der deutschen Kindergärten geht). Ihre offensiv so genannten Wimmelbücher (vier Jahreszeiten und einmal die „Nacht“, dazu diverse Sondereditionen) erzählen Geschichten (die sich jeweils durch ein Buch ziehen) über wiederkehrende Figuren (die sich in allen Büchern finden). Berner schildert in jedem Band die gleiche Stadt, beginnt beim relativ rappelvollen Vorortshaus, führt durch ein Niemandsland mit Äckern und Tankstelle (Fabrik und Hochhaus als Hintergrund in sicherer Ferne), dann über den Bahnhof entlang von Kirche, Kulturzentrum, Marktplatz und Kaufhaus zu einem Park mit Café. Die charmant und treffischer gestalteten Figuren verteilen sich über die luftig und großzügig gestalteten Doppelseiten noch weitaus spärlicher als bei Mitgutsch : Berner zeigt ziemlich exakt entweder 10 (am Anfang des Nachtbuchs), 20, 30 oder 50 Menschen pro Doppelseite, Mitgutsch kommt auf dem gleichen Platz auf ein Personal von bis zu 200 Menschen, scheint aber keine feste Vorgabe zu haben). Beide zeichnen dazu 10-20 Tiere pro Bild. Berners Panoramen sind nicht chaotisch und nicht urban: der Marktplatz entspricht dem einer Kleinstadt oder dem eines abgelegenen Viertels, die meisten Menschen wuseln durch das Kaufhaus. Der abschließende Park ist umgeben von ländlicher Nutzfläche Der Weg von Vorort zum Zentrum spielt eine größere Rolle als das Gewimmel im Zentrum. Ihre Figuren tragen Namen (die Buchrückseite verrät sie und fordert auf, nach ihren kleinen Geschichten Ausschau zu halten). Ihre Gestalten sehen dabei meistens aus, als würden sie, auch wenn ihre Stadt es nicht ermöglicht, Bio kaufen (ich darf das schreiben, ich kaufe selber Bio, soweit meine Stadt es mir ermöglicht). Mittelpunkt der Kinderaktivitäten ist das Kulturzentrum (wir suchen vergeblich nach kleinen Gruppen oder Banden auf dem Bahnhof, dem Marktplatz oder im Kaufhaus). Kurz: Berners Bücher beschreiben die Utopie vom harmonischen Leben im Grüngürtel (der Marktplatz ist eher ein Eventort für Erwachsene) und bilden die reglementierte heutige Kindheit wohlwollend ab (idealisierend ist dabei nicht zuletzt, dass die Kinder trotzdem meist zu Fuß oder auf dem Rad unterwegs sind). Im Gegensatz zu Mitgutsch finden sich dabei auf beinahe jedem ihrer Bilder unauffällig Menschen anderer Hautfarbe oder mit vermutbarem Migrationshintergrund (es sind meistens 2-3, im Kaufhaus können es auch mal 5 sein). In ihren Bildern wird häufiger gelächelt als bei Mitgutsch (bei dem immer wieder Ärger oder Anstrengung gezeigt wird), und ihr Humor ist sanfter. Als beinahe naiver Konsument fehlt mir bei Berners Büchern ein wenig die Entdeckung der großen und verblüffenden weiten Welt (und sei sie noch so klein) und noch mehr Einblick in die Abläufe dieser Welt (die Mitgutsch impliziert oder auf erklärenden Zwischenbildern darlegt) und mich ärgert das Kaufhaus als Hauptspielort. Gleichzeitig ist ihr Stil von formvollendeter Leichtigkeit, ist ihr stilgerechter visueller Einfallsreichtum bei Details ungeschlagen (und bei den Doppelseiten mit Marktplatz muss ich jedes Mal die Tränen zurückhalten). Ohne Naivität bleibt die Frage, ob ihr Werk nicht durch die genau erfasste und bediente Zielgruppe nicht mindestens ebenso gravierende Lücken aufweist wie Mitgutschs durch seine Zeitverbundenheit (wobei sich auch bei Berner die fehlenden Situationen und Lebenswirklichkeiten ähnlich problemlos dazu denken lassen).

Kurz: wir werden neue Wimmelbilderbücher brauchen. Andere Bücher können implizieren, Wimmelbilderbücher stellen für Erstbetrachter grundsätzlich eine Gesellschaft im Zwischenreich von glasklarer Beobachtung und glasklarem wehmütigem Wunsch dar. Und da werden wir Bücher brauchen, die die sich abzeichnende veränderte bundesdeutsche Realität anerkennen und deren inhärente Utopie entdecken und illustrieren. Sie werden die ideelle Muttermilch späterer Kinder sein wie früher die Werke von Mitgutsch und Berner (die mit ergänzenden Bildern daneben im Schrank noch sehr lange Zeit brauchbar bleiben werden). Wie das konkret aussehen wird, was ins Bild genommen, was weggelassen, was milde ironisiert werden wird, und wie idealisiert mitteleuropäisch ein immer noch nostalgischer Marktplatz dann anmuten soll und wird – das werden die Zeichner der Zukunft über Versuch und Irrtum schon herausbekommen.

Soviel zu den Kindern. Was die Erwachsenen wohl brauchen würden….siehe oben. Ich bleibe dran, wie wir alle.

10.08.: "Fantasy Filmfest": "Extraordinary tales", "Pos Eso/Posessed"

Eine gängige Methode zur Sommerbewältigung: viel Alkohol und wenig Kultur. Eine bessere: Wenig Alkohol und viel Kultur. Die Hitze macht schließlich dämmerig und gedankenfrei genug, und auch der Kreislauf hängt schon von alleine in den Seilen (zumindest bei matten, alten Menschen wie mir). Dafür knallt vor allem grelle, leichte und schwer schattenreiche Kultur bei Hitzeflimmern und trägen Abenden besser als sonst in unseren trotz Daueralkohol eher nüchternen Breiten. So wie bspw. Bunuel in seiner Autobiographie die brennende Sonne und die kühlen Keller und Kirchen von Spaniens Süden beschreibt, musste er Surrealist werden, weniger aus einem ästhetischen Temperament heraus, als aus Wetterfühligkeit. Die eindrücklichste Filmerfahrung, die ich bisher erleben durfte, waren „Julia und die Geister“ bei Sommergewitter nachts auf einem eher kleinen Fernseher. Bild und Ton lösten sich immer wieder im Sturm auf, spielten verrückt oder setzten ganz aus. . Dass ich nie jemandem zu diesem leider lustlos umstrittenen Film bekehren konnte, führe ich darauf zurück, dass ich das mit dem begleitenden Gewitter nie wirklich hinbekam.

In eine ähnliche Kerbe schlägt seit den 1990ern das „Fantasy Filmfest“, ein jährlicher Wanderzirkus durch die deutschen Großstädte. Mit einer konkurrenzlosen Mischung aus Experiment, Genrefutter, Trash und Unbeschreibbarem zelebriert es jedes Mal eine Leistungsschau von Filmen der Phantastik (plus Thriller), die zum Teil anschließend nie wieder in Deutschland auftauchen, zum Teil die Arthouse - Kinos aufrollen und zum großen Teil als obskure DVD – Premieren enden. Da die Rezeption des Genre – Kinos gleichzeitig naiver und noch komplizierter funktioniert als die von Cineastenfilmen (von Großproduktionen ganz zu schweigen), lässt sich der weitere Weg dieser Werke kaum vorhersagen (nur einmal, zur Jahrtausendwende, gab es meines Wissens einen Film, über den tagelang wirklich jeder im Foyer sprach, „Memento“). Das Doppelgesicht des Filmfests als gleichzeitig total kommerzialisierte Veranstaltung und als das herausfordernde Lebenswerk von Liebhabern spiegelt den oszillierenden Charakter der vorgestellten Genres, häufig genug den der vorgestellten Filme. Auf der einen Seite zahlen die Zuschauer recht teure Eintrittskarten für Filme, die ohne diesen kuratierten Rahmen selbst Fans nicht einmal als Videothekenschrott ausleihen würden, während in der nächsten Vorstellung ein Geheimtipp läuft, der eine Reise mindestens durch die halbe Republik rechtfertigen würde. Im Lauf der Jahre wurden die beteiligten Kinos größer und klimatisiert, das Gefühl des Speziellen verschwand sukzessive, und das leichte utopische Aufglimmen einer besseren Welt (was das mit der Freude an einem japanischen Monsterfilm zu tun haben kann, lässt sich in der Kürze nicht erklären) erlosch. Dafür ebbte die Post – Tarantino- Flut an cleveren Thrillern beim Festival im neuen Jahrtausend langsam ab, und es gibt und gab mehr und mehr, nun, eben Phantastik zu sehen. Während das Festival in Berlin zum Wochenende hin ausklingt, stehen die Aufführungen in Frankfurt, Hamburg, Stuttgart und Köln noch aus. Hier nur zwei Hinweise auf Animationsfilme, die vermutlich zumindest irgendwann auf 3sat oder arte versendet werden werden (vielleicht sogar bei Gewitter):

Extraordinary tales“ von Raul Garcia, uraufgeführt auf dem „Filmfest München“,  ist eine reichlich überflüssige Anthologie von Kurzfilmen nach E. A. Poe. Gezeigt werden die üblichen Verdächtigen in divergierenden Stilen: „House of Usher“ hat einen hübsch- verspielten Computerspiellook; „The tell tale heart“ präsentiert sich in „Sin city“ – Optik; „The strange case of M. Valdemar“ wird als altes US- Horror – Comicbook gezeigt; „The pit and the pendulum“ sieht dafür wieder aus wie ein Computerspiel, diesmal ein mittelalterlicher Action – Shooter; „The masque of the red dead“ schließlich erinnert an ein aquarelliertes, salon-laszives französisches bande dessinée. Auf der Tonspur röhren und raunen Christopher Lee, Guillermo del Toro, Julian Sands, Roger Corman und (in einer alten Aufnahme) tatsächlich Bela Lugosi um die Wette. In einer unnötigen Rahmenhandlung, deren pointenlos ansprechende Gestaltung eine Kreuzung aus französischen Bilderbüchern und den „Little Big Planet“ – Games ist, spricht, warum auch immer, Cornelia Funke reichlich tonlos den Tod, der den Raben Edgar zum Eingehen in die Sterblichkeit überreden will (auch wenn der doch offenbar als Rabe wiedergeboren wurde und recht glücklich damit ist). Dazu orchestert die Musik schamlos durch alle bekannten Schauerakkorde und grandiosen Finale der (vorletzten) Jahrhundertwende. Die produzierenden Firmen sind sonst für liebevolle und ungewöhnliche Lang – (Melusine) und Kurz(The Big Farm) Filme bekannt.

Der Drang, immer und immer wieder die bekanntesten Kurzgeschichten von Poe zu verfilmen, scheint unausrottbar zu sein und bleibt unerklärlich. Als bewusst moderne, nicht – mythische Geschichten lassen sie sich, anders als viele klassische Horror – Stoffe, kaum variieren. Als Beschreibungen von Geisteszuständen sind sie nicht sonderlich filmisch. Sie lassen sich, speziell als Animation, experimentell erkunden, wild illustrieren und gegen den Strich bürsten, aber das ist mit allen der hier verwendeten Geschichten schon mehrfach und meisterhaft geschehen. Umgekehrt wagt sich kaum jemand an Poes mythischen, filmischen und dankbar grellen Roman „Arthur Gordon Pym“ , an seine makabren Pointengeschichten wie „Berenice“, oder einfach nur an seltener benutztes Gruselmaterial wie „Morella“. Raul Garcias Beitrag zum Kanon sind vor allem die verschiedenen Stile, was seinen Film eher wie eine Visitenkarte aussehen lässt als wie ein geschlossenes Werk. Und die Stile passen nicht unbedingt zu den Stories: Das „Tell tale heart“ im „Sin City“ – Stil ergibt wenig Sinn, denn der ganze Reiz von „Sin city“ besteht darin, dass dort eben niemand wahnhafte Schuldgefühle entwickelt, und der Reiz der Geschichte besteht darin, dass der getriebene Erzähler eben nicht wie ein abgebrühter Kneipenschläger aussehen kann. „The house of Usher“, das ich noch nie verstanden habe (trotz der Lektüre von Interpretationen, danke), wird nicht verständlicher durch üppige Computerspiellandschaften. Nur der „rote Tod“, und den gab es ja auch schon viele Male, gewinnt möglicherweise durch sich elegant flegelnde Schönheiten in venezianischen Masken an Reiz, aber das klingt, zumindest aufgeschrieben, irgendwie nicht nach einem seriösen Qualitätskriterium. Gleichzeitig werden durch (hier) chargierende Erzähler und pompöse Musik die schwächsten, operettenhaftesten Züge von Poes Werk unterstrichen. Zynische Erklärung für das Unterfangen: Englischlehrer lieben Poe – Adaptionen, verlangen nach immer neuen, und speziell nach jenen, die, wie hier, seitenweise Originaltext zitieren. Weniger zynische Erklärung: es ist halt Liebhaberei, und kein Horror – Fan kommt an Poe vorbei. Erst recht keiner, der mühevoll eine verwitterte Tonkonserve von Bela Lugosi ausgräbt. Im Abspann dann die einzige verblüffende Neuigkeit des Films: Bela Lugosi ist ein eingetragenes Warenzeichen von Bela G. Lugosi. Nein, eben.

Eine Überraschung, und eine sehr positive ist dagegen „Pos eso/posessed“ von Sam, eine spanischer Stop Motion- Film, der sich sehr nahe an das Vorbild Aaardman hält, vor allem an „Wallace& Gromit“, und dabei etwas sehr Eigenes erschafft. Statt britischem Unterbiss präsentieren hier die Knetfiguren genauso überzogene iberische Schmolllippen, statt altbackener Marschmusik spielt permanent altbackener Flamenco, statt lispelnder Höflichkeit regiert eine Förmlichkeit mit plötzlichen Temperamentsausbrüchen. Sind bei „Wallace & Gromit“ die Wohnungen vollgestopft mit Teppichen, protzt „Pos eso“ mit zwanzig Variationen von kühlen Kacheln. Macher Sam scheint die Aaardman – Methode regelrecht seziert und sie kleinteilig ins Spanische übersetzt zu haben (das genau so gebrochen klischeehaft daherkommt wie die Englishness von Wallace und Gromit). Auch die Überfülle an eingebauten Filmparodien und schnellen Schnitten verweist auf das Vorbild. Aber Sams Settings sind stylisher und leerer (sicherlich auch aus Budgetgründen), sein Humor ist tragischer und makabrer und, leider, auch viel, viel pubertärer. Die Story: Pater Lenin (seine Mutter, eine wütende Atheistin, hat noch gegen Franco gekämpft) jagt für den korrupten Bischof nach kostbaren Reliquien. Deswegen kann er die Anrufe seiner Mutter nicht entgegennehmen, was ihr fatal das Herz bricht. Unterdes ahnt die jung verwitwete frühere Tanzdiva Trini, dass ihr Sohn Damian vom Teufel besessen sein könnte. Über viele peinliche, peinigende und blutige Umwege finden der zweifelnde Pater und die verstörte Tänzerin zu einem Exorzismus zusammen. Der Film zieht dabei verschiedene Register der Brutalität, von bittersüßem Witz über flotte Satire bis hin zu misanthropischen Zynismen. Dass die Innereien nur aus Plastilin sind, hilft, bei allem visuellen Witz, nicht über alle Szenen hinweg (bspw. das Abschlachten einer Familie durch den vorübergehend besessenen Familienvater stößt sauer auf und ist kaum zu rechtfertigen) . Gleichzeitig bleibt der Film nahe an seinen beschränkten und grundsympathischen Hauptfiguren,- und er bleibt konsequent bei einem magisch – realistischen Subtext, der gut gegen gierig setzt,  Menschen gegen Institutionen, Tanzmagie gegen Monstrositäten. Manche Bauten sind atmosphärische Geniestreiche, und jeder Preis für „Die beste geknetete Seitenstraße in einem romanischen Land“ muss an „Pos eso“ gehen. Es ist tatsächlich ein schönerer und purerer Film als die meisten anderen abendfüllenden Stop motion – Werke. Doch stärker noch als die (kaum missverständlichen, schockierenden) Härten alleine stören in der Kombination die über den Film verteilten blöd- derben Witze (Sam macht aus „Master Card“ „Mastur Bard“ und interessiert sich ein bisschen zu sehr für die verschiedenen Genitalien von Teufeln). Und der abschließende Metall – Song wischt das angedeutete zarte Happy end fort. Vielleicht muss das alles so sein, vielleicht sieht so Integrität aus, aber mit seinen dumpfen Geschmacklosigkeiten als Beigabe zu Melancholie und Komik wird der einfallsreiche und poetische „Pos eso“ wohl kaum die Anerkennung finden, die er verdient hätte. Mit 18 Jahren hätte ich den Film vermutlich als doppelt so bedenklich und zehnmal so gut empfunden (trotz Metall).

Ach, ich wollte, ich wäre 18, und „Julia und die Geister“ liefen im Fernsehen.

 

06.08. "Girl on a train" usw.

Ein schöner Aspekt von Urlaub: Man kann den Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ von Frank Witzel in einem Rutsch lesen (und nicht nur dessen Titel). Ein weniger schöner Aspekt: Es bleibt auch noch genügend Zeit, darüber nachzudenken, ob man ihn in einem Blog rezensieren soll, in dem man schreiben kann, was man möchte. Zumal ich die letzten ca. 150 Seiten tatsächlich nur noch überflogen habe. Nach der Beichte des Erzählers, Brian Jones umgebracht zu haben (und das hatte wieder etwas mit katholischen Heiligen und Rudi Dutschke zu tun), fühlte ich mich als Leser fahl veralbert, und nicht auf die gute Art. Und meine Aversion gegen post-strukturalistische Fiktion ließ sich trotz allen prinzipiellen Respekts vor Frank Witzels ausuferndem Opus nicht länger unterdrücken. Nichts gegen experimentelle Romane, die mutig Wahnsinn, deutsche Zeitgeschichte und Mythologisierungen zusammendenken (und sei es in der mehrschichtigen Beschäftigung mit der verdammten RAF). Nichts gegen Gedanken von Barthes und Foucault et al als Werkzeuge beim Verfassen kluger Sachtexte. Aber ein bewusst dekonstruktivistisch geschriebener Roman bleibt, bis ich endlich mal einen Gegenbeweis in den Händen halte, für mich ein Widerspruch in sich. Aber bevor ich dieses Fass  aufmache und mich als kleiner Stups gönnerhaft über den guten Autor Frank Witzel auslasse, lieber ein paar  bescheidene Gedanken zu „Girl on a train“ von Paula Hawkins.

Girl on a train“ ist eine völlig andere (das meint nicht: bessere) Art von Buch, nämlich der Badetuch – Thriller der Saison. Der Titel schielt offen nach dem Erfolg von „Gone girl“, und im Gegensatz zu dessen titelgebendem verschwundenen/toten/verrückten ewigen Mädchen, sitzt in „Girl on a train“ in Wahrheit eine gestandene, wenn nicht sogar ausgelaugt erwachsene Frau im Zug. Doch ohne Frage gehört „Girl on a train“ dennoch in eine Reihe mit „Gone girl“, „Ich.Darf.Nicht.Schlafen.“ und „You should have known“ und vermutlich einigen Dutzend weiterer Psycho – Thriller (die ich aber nicht gelesen habe). Sie alle erzählen von Frauen, deren Leben bereits vor Einsetzen der Handlung aus der Kurve getragen wurde (ja, wo bleiben die Männer?). Der Reiz der Romane liegt, neben variierender Oberflächenspannung, in der Frage, warum es dazu kommen konnte. Die Protagonistin von „Girl on a train“ ist die geschiedene, alkoholkranke Mittdreißigerin Rachel, die noch vorgibt, einen Job zu haben, und so jeden Tag mit der Bahn durch den Londoner Vorort zockelt, in dem sie einst glücklich verheiratet und beruflich erfolgreich war. Ihr Ex – Mann lebt dort noch mit Frau und Kind, und drei Häuser neben ihm residiert ein strahlendes Paar, das Rachel neidvoll und wehmütig Tag für Tag beim Händchenhalten und Leuchten beobachtet. Eines Tages erhascht Rachel einen Blick auf die fremde Frau mit einem anderen Mann. Kurz darauf ist die verschwunden. Rachel versucht äußert tapsig, das Rätsel  zu lösen und sich an den Abend des Verschwindens zu erinnern, an dem sie selber sturzbetrunken und in der Gegend war. Nach und nach erzählt uns die Verschwundene parallel dazu von ihrem Leben vor dem fraglichen Abend, und wir kriegen die Geschehnisse dazu aus der Perspektive von der neuen Frau von Rachels Ex – Mann geschildert.

Die größte Stärke von „Girl on a train“ sind seine inkompetenten und nicht sonderlich sympathischen Figuren. Zu keinem Zeitpunkt ist Rachel auch nur ansatzweise in der Lage, halbwegs diskrete Nachforschungen anzustellen. Ihre Bitterkeit, ihre Sehnsüchte und ihr Beschädigtsein kommen ihr in jeder Sekunde dazwischen und bringen sie in peinliche Situationen. Auch die anderen Perspektivfiguren, nur scheinbar in besseren Positionen, verhalten sich so selbstbezogen und naiv, dass man ihnen permanent „Pass auf, das Krokodil!“ zuschreien möchte. Nicht, dass die auftauchenden Männer souveräner oder gar ansprechender wären, im Gegenteil. Figuren, die unterhalb ihrer Möglichkeiten agieren, gelten üblicherweise als Fehler. In diesem Fall sind sie jedoch der Kern des Romans und weisen über die Fabel hinaus. Hawkins visiert einen ganz ähnlichen Punkt an wie die Autoren der oben genannten Romane, doch sie trifft ihn nicht durch erzählerische Gimmicks oder kunstvolle Handlungsführungen, sondern durch das unbeirrte Beharren auf der alltäglichen Erbärmlichkeit. Und macht dadurch die gemeinsame Quintessenz der gehypten Psychothriller sichtbar.

Sie alle handeln von gescheiterten Lebensentwürfen, genauer: es ist immer derselbe. Er ist der Traum von der glanzvollen Karriere, dem blangeputztem Heim, der Sicherheit vor den Niederungen der immer bedrohlicher und ärmlicher erscheinenden Welt. In „You should have known“ von Jean Hafff Korelitz, dem schwächsten der hier behandelten Bücher (ab Januar als „Du hättest es wissen können“ auf Deutsch), ist das Leben der Erzählerin, einer Therapeutin in New Yorks besten Kreisen, anfangs perfekt, entpuppt sich aber als Lüge. Im flacheren „Ich.Darf.Nicht.Schlafen.“ von S.J. Watson wurde der berufliche Aufstieg der Erzählerin durch den Verlust des Kurzzeitgedächtnisses verursacht, der dem Thriller seine zunächst bruchstückhafte Struktur verleiht. Wie auch in „Girl on a train“ liegt, soviel sei verraten, der Grund für die geplatzten Träume in beiden Fällen in der unklugen Wahl eines Partners. Biss bekommt diese klassisch melodramatische Konstruktion (die mit Werken wie der „Frau in Weiß“ schon an der Wiege der modernen Gruselliteratur stand) dadurch, dass die dämonischen Liebhaber genau aus der Sehnsucht nach dem schicken und prallem Leben heraus gewählt wurden, und deren Lügen die Lebenslügen der geplagten Protagonistinnen spiegeln. Es ist, als hätten Lucy und Mina in „Dracula“ mitttels einer Kontaktanzeige nach einem reichen und geheimnisvollen Adeligen mit wilden Augen gesucht. Und entsprechend verstecken sich in „You should have known“,“Ich.Darf.Nicht.Schlafen.“ und „Girl on a train“ mehr oder weniger heftige Bestrafungsfantasien (unabhängig vom Geschlecht des jeweiligen Autors). Durch Qualen geläutert dürfen sich die überlebenden Protagonistinnen schließlich an bescheidenere Träume mit mutmaßlich weniger abgründigen Schattenseiten wagen. Als nicht sonderlich erfreuliche Moral dieser Werke bleibt im Grunde die Aufforderung, den Gürtel ein klein bisschen enger zu schnallen und sich viel besser am Riemen zu reißen.

Was „Gone girl“ über dieses Muster hinaushebt, ist vor allem Gillian Flynns böserer und genauerer Blick auf ihre Hauptfiguren und vor allem auf die sie umgebende Welt. Hier haben keine persönlichen Fehler das Herausfallen der Anti – Helden aus der Welt der Gemäßigtreichen und Gepflegtschönen verursacht, sondern ökonomische und kulturelle Verschiebungen. Der Fehler der Protagonisten Nick und Amy liegt in ihren verbissenen Versuchen, dies zu überspielen. Doch ihre wahnhafte, unbescheidene Verbissenheit erweist sich als grausige Stärke und ermöglicht ihnen ein hämisches happy – end. Die anklagende, ätzende und dabei bewusst unbequem verführerische Unmoral von „Gone girl“ lässt sich nicht von Flynns „literarischerem“ Ansatz, ihren Details jenseits der voranschreitenden, hier gebrochenen, Plotmaschine trennen, und so lässt „Gone girl“ das maßgeblich von ihm mitbegründete Subgenre weit hinter sich.

Aber trotzdem hat es etwas Befreiendes, wie „Girl on a train“ der geballten Cleverness anderer Paranoia – Thriller eine wackelige Intrige entgegensetzt, die entsetzlich durchschaubar für die Leser ist, aber nicht für die Figuren, den übermenschlichen Fädenspinnern eine Handvoll verblendeter Deppen, und dem Schick Erbrochenes im Hausflur. Die Wunde, die diese Bücher umkreisen, wird, so steht es zu befürchten, bleiben und noch einige Thrills hervorbringen, hoffentlich auch ein paar über Männer, pardon: Jungen, im Zug.  

 

21.07. Krimis, Milieus, "Abpfiff"

Die Berliner Krimibuchhandlung „Hammett“ hat ihr zwanzigjähriges Bestehen gefeiert, und ich habe beim Jubiläums – Gewinnspiel einen (kleinen) Sack voll Bücher gewonnen (soweit ich weiß, entweder mit der Antwort „Stieg Larsson“ oder „Kästner/Trier“, aber ich habe auch „Jules“ und „Poodle Springs“ gewusst). Dieses Blog ist ungesponstert, unbestechlich und (nur in diesem Sinne) blütenfrisch, und die Leute vom „Hammett“ lesen es ohnehin nicht, aber das war eine große Freude und Weihnachten im Juli. Als ich hechelnd meinen Gewinn abholte, fragte eine Kundin nach einem „spannenden Krimi ohne tote Kinder“, und dem diensthabenden Buchhändler (in seiner Geheimidentität der verdiente und formidable Übersetzer und Lektor Robert) entfuhr es lachend: „Ja, das hören wir häufiger!“

Ein paar Häuser weiter oben in der gleichen Straße residiert eine phantastische Programm – Videothek (die anonym bleiben soll, denn jetzt ist auch mal gut mit dem name – dropping), und dort verlangt die einigermaßen handverlesene Kundschaft angeblich gerne nach „intelligenten Komödien“ und wird zu selten fündig.

In Programmkinos (falls das noch der korrekte Ausdruck für die „Arthouse“ – Schuppen ist) wünschen die Zuschauer dagegen vermehrt „kurze Filme“. Und in Spieleläden, in denen sich die ausufernden Zivilisationsaufbau – Simulationen, dreigleisigen Rollenspiele und Knobelbauten bis unter die Decke stapeln erleben das nostalgisch – schnarchige „Spiel des Lebens“ und, da müssen wir durch, „Risiko“ eine unerwartete Renaissance, während „Monopoly“ schon seit Jahren mit immer neuen Sondereditionen das Feld aufrollt.

Unterm Strich wird da ein Muster erkennbar.

Der brüchig gesetzte Teil des verbleibenden Bildungsbürgertums fürchtet sich vor einer Brachialkultur der unsensiblen Ungewaschenen, bei der in Krimis Kinder geschlachtet werden, Komödien aus Furzwitzen bestehen, quälend öde Pseudo - Epen über die Leinwände flimmern und neumodischer greller Kram am Computer gespielt wird. Die Pointe liegt nun nicht darin, dass diese Angst unbegründet wäre, und ich kann sie selber erschreckend gut nachvollziehen, sondern, dass sie nicht mehr den alten Verwerfungslinien zwischen U und E, Massen – und Galerienkultur usw. folgt, die problematisch genug waren. Marvel – Filme sind nicht dümmer als historische Melodramen (beide sind in meinen Augen wesentlich dümmer als ihre jeweiligen Vorläufer aus den bspw. 8oer Jahren, aber das ist wieder ein anderes Thema), „The Hangover“ ist deutlich komplexer erzählt als französische Wohlfühlkomödien. Und die erbittertsten Verteidiger von absurd harten Krimis voller Tabubrüche sind leise sprechende Akademiker mit esoterischem Literaturwissen. Die Unterschiede liegen anderswo, das Leben ist ein anderes.

Wer um seine Existenz kämpft, oder das zumindest so empfindet und an der Welt verzweifelt, sehnt sich offensichtlich nach dem Thriller als Ausdruck seiner schreienden Wunden und findet Trost im Verweigern von Gesundheits – und Schönheitsidealen, das die derberen Komödien so verbissen durchexerzieren. Der möchte das Kino, in dem er sich einmal unsichtbar und souverän fühlt, gar nicht mehr verlassen und verlangt von ihm Welterklärungen. Der vertieft sich in überkomplexe Spiele als Ersatz für reale Handlungsmöglichkeiten und empfindet es als trotzigen Befreiunggschlag, sich nur dem kommerzialisierten Nerd – Kanon in der Kultur zu unterwerfen, dem dafür aber umso bedinungsloser.

In den Haushalten des beinahe arrivierten bildungsaffinen Milieus geht dagegen sie rasch ins Kino, während er mit wonnig schuldhaft – kichernden Freunden oder den Kindern (die ja auch nicht von der Härte des Lebens ferngehalten werden sollen) eine Partie „Risiko“ zockt (die Männer dieses Milieus halten meist nicht mehr viel vom Kino, außer bei besonderen Pflichtfilmen, technische Entwicklung usw., da könnte man ja auch in der Postkutsche reisen). Anschließend liest sie noch einen nicht allzu grausamen Krimi, während er sich in den Schlaf surft, und am nächsten Abend gibt es bei einem Weinchen eine intelligente Komödie (hier fehlen natürlich u.a. die genrelosen Buchläden, der Umgang mit Musik, der Fahrradladen usw., die das Bild abrunden würden). Sie suchen in der Kultur weder nach den letzten Fragen, noch nach banaler Ablenkung oder Eskapismus, denn für all das haben sie ihren konkreten Lebensentwurf, gerade noch so, und für die aufkommenden nagenden Zweifel gibt es dann den Krimi. Das meine ich nicht einmal sonderlich polemisch, denn ich selber (unversöhnt, eklektisch und kein Budget für Wein) lese und schaue nichts mit toten Kindern, ertrage keine Furzwitze mehr und sehne mich nach einer gepflegten Partie „Spiel des Lebens“, auch wenn das ein mehr als mieses Spiel ist.

 

Zurück zum Gewinnspiel: die größte Entdeckung in der Wundertüte war bislang „Winterknochen“ von Daniel Woodrell , doch das ist leider schon zu alt für eine Rezension (bleiben wir mal bei diesem Begriff). „Winterknochen“ ist ein gigantisches schmales Buch und war die Vorlage für den okayen Durchbruchsfilm von Jennifer Lawrence (seitenlang könnte ich mich darüber auslassen, dass wie zwangsläufig aus einem schellen, barocken Buch mit liebevoller Charakterzeichnung ein langsamer, karger Film mit distanzierter Charakterzeichnung wurde, aber das wäre dann eben seitenlang). Als Enttäuschung entpuppte sich dagegen „Abpfiff“ von Dominique Manotti, aktuell Platz 4 der offiziösen „Krimi – Bestenliste“ in der „Zeit“. „Apfiff“ ist eine Neuerscheinung, stammt aber eigentlich aus dem Jahr 1998. Bei einem stümperhaften Auftragsmord wird neben einer scheinbar unbedeutenden Drogensüchtigen auch ein Polizist erschossen. Die Ermittlungen führen in einen Kleinstadtsumpf aus Korruption und Fußball, und überall ist Chinatown. „Abpfiff“ ist ein guter, harter Krimi, der Einiges will und viel kann, aber er wirkt wie ein Relikt aus der Zeit, in der von einem Krimi weniger Psychologie und weniger Epos (und vermutlich eben auch: weniger Bestialitäten) erwartet wurden als mittlerweile. Sein später Erfolg hierzulande weist entweder auf einen Wunsch nach der Rückkehr zu den Wurzeln hin, oder auf die späte Entdeckung des zumindest mir weitgehend unbekannten Kontinents des französischen „roman policier“ (nachdem Skandinavien, die deutschprachigen Regionen und die südeuropäischen Länder weitgehend erschlossen sein müssten, und die meisten Leser die Darstellung einer typischen amerikanischen Kleinstadt mitsprechen können und beim Einschlafen schon leise „Officer down! Ich wiederhole: Officer down!“ murmeln). Der „roman policier“ ist eine ausufernde Welt aus knapp geschriebenen Tragödien, in denen meiner Vorurteile nach quietschende Stühle, dreckige  Tankstellen im gleißenden Sonnenlicht, prügelnde Bullen und verwirrte, Feinripp tragende Kleinkriminelle namens „Jojo“ oder „Dédé“ entscheidende Rollen spielen. Es ist eine eigene, ehrenwerte Form, wie der Blues, und wie der Blues evoziert sie eine eigene Atmosphäre, die sich individuell nur nuancieren lässt. Die Nuancen in „Abpfiff“ bestehen, soweit ich das beurteilen kann, in einem schwulen Ermittler (einer Serienfigur, die nicht unbedingt das emotionale Zentrum des Romans bildet), einer sehr präzisen Handlungsführung (die, soweit ich weiß, für den „roman policier“ eher ungewöhnlich ist), einem klassisch gesellschaftskritischem Ansatz und der abgründigen Darstellung von Regionalfußball. Die elegant in Handlung übersetzten Insiderinformationen über Spieler und Finanznöte kleiner Clubs mögen den Reiz dieses Romans ausmachen (und Fußball ist für das gehobene Krimipublikum ja mittlerweile ein mindestens so wichtiges Thema wie Wein geworden). Es ist ein ehrenwertes Buch beinahe ohne Humor, ohne Abschweifungen oder schimmernde Details, und für mich schlägt in den kurzen Sätzen voller Kleindealer, Whiskeyflaschen und schlafloser Kommissare emotional zu wenig aus. Ich würde mir von einem begeisterten Leser gerne den Kick, den Traum, den Schrei dieses Romans erklären lassen, gerne bei einem guten Wein und bei einer Partie „Spiel des Lebens“.

Aber noch immer bin ich überglücklich über meine Krimitüte und komme hier vielleicht noch einmal darauf zurück (und träume von Gewinnspielen für Gegenwartsliteratur, Kinderbücher, Phantastik und Comics, aber da käme ich vermutlich mit meinen cleveren Antworten „Kästner/Trier“ und „Stieg Larsson“ nicht weit).

(P.S.: Nachtrag zu letzter Woche: der beeindruckendste Filmauftritt der notorischen Erin Fleming bleibt der nicht zufällig so betitelte „Die letzte Nacht des Boris Gruschenko“ („Love and death“, 1974), einer der ungewöhnlichsten und witzigsten Filme von Woody Allen,- der möglicherweise als ältere intelligente Komödie durchgeht (das hat neulich nicht mehr zum Text gepasst, wie auch:

P.P.S. Sind wir nicht irgendwie alle Zeppo Marx und warten vergeblich auf den Auftritt unser wilden Brüder?)) 

 

14. 07. Augen brauen, Leben wetten

(Letzte Woche stand hier nichts Neues, aufgrund von Hitze, Kälte und Griechenland. Blogeinträge zu diesen Themen liegen bis auf Weiteres im Eisschrank.)

 

Doch wieder was mit Film: Rob Zombie möchte die letzten drei Lebensjahre des großen Groucho Marx (1890- 1977, die ersten 55 Jahre davon mit aufgeschminktem Schnurrbart) verfilmen, die unter Fans des Komikers seit jeher kontrovers diskutiert werden. War der Greis Groucho am Ende ein freier Geist oder einfach senil? War sein Schulterschluss mit der Gegenkultur(u.a. „Die einzige Hoffnung für dieses Land wäre Nixons sofortige Ermordung.“) der letzte Triumph oder die Folge von vertuschten Schlaganfällen? Und, vor allem: hat ihn seine letzte Begleiterin Erin Fleming (seltsam unsterblich geworden durch „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten..“) nun gerettet oder umgebracht? In Zombies Quellenmaterial, „Raised eyebrows“, den Erinnerungen von Grouchos Sekretär Steven Stoliar, und in einem spektakulären Gerichtsprozess, der mit Unterbrechungen von 1977 bis 1983 lief und sich zunächst formal um das Sorgerecht für Groucho, dann um sein Testament drehte, wurde Erin Fleming beschuldigt, den fröhlich verbitterten alten Mann mit der Hilfe von Drogen manipuliert, ausgenommen und gesundheitlich geschwächt zu haben. Letzten Endes sollte sie zumindest 400.000 Dollar an die Bank von Amerika zahlen, wozu es aber mangels Geld nie kam. Allgemein wird angenommen, dass die Bank auf Geheiß von Grouchos entfremdeten Kindern agierte, die im Fall einer Testamentsanfechtung automatisch enterbt worden wären. Der Prozess fraß das Erbe auf. Fleming erschoss sich zwanzig Jahre später, geistig verwirrt und obdachlos.  

Rob Zombie hat mit seiner Musik und seinen Filmen vermutlich mehr Seelen verdorren lassen als jeder Shopping – Kanal. Selbst in Horror – Nachschlagewerken, die frühe Cronenberg- Filme als Spaß für Connaisseure werten, werden seine kunterbunten und ausufernd brutalen Geisterbahnen als „misanthropisch“ gerügt. Bei einer Preview seines Debütfilms „Haus der 1000 Leichen“ hatte ich in keiner Sekunde Angst vor dem Film, aber in jeder Angst vor dem Heimweg. Eigenartigerweise scheint sich Zombie bei seinen Grausamkeitsübungen als Erbe von Groucho Marx zu verstehen: in seinem Werk wimmelt es von Anspielungen, und er selber agiert darin unter von Marx entlehnten Rollennamen wie „Captain Spaulding“ oder „Rufus T. Firefly“. Offensichtlich sieht zumindest er seine Filme als Ausdruck von anarchischem Humor, was sie vollends unerträglich macht. Es ist nur zwangsläufig, dass angesichts von Zombies widerstreitenden Steckenpferden von Menschenhass und Marx – Verehrung ein Film über Erin Flemings Kapriolen wie ein Traumprojekt aussehen muss. Die böse Frau triezt aus Macht – Geld- und Geltungsgier den gealterten Superstar und verliert zur Rache alles. Vermutlich wird er selber Groucho spielen.

Das hat Groucho Marx nicht verdient, dessen Werk einen immer noch und immer mehr durch den Sommer bringen kann. Die Filme der Marx – Brothers und die Autobiographien von Groucho und Harpo seien jedem, der über den Nachrichten leidet, einmal mehr ans Herz gelegt (und nein, das geht absolut nicht gegen Griechenland). Schwieriger wird es bei „You bet your life“, Grouchos immens erfolgreicher Fernsehshow der 1950er Jahre, die bei uns immer noch nahezu unbekannt und nie offiziell veröffentlicht oder ausgestrahlt wurde. „You bet your life“ (im Fernsehen: 1949- 1961) ist eine halbstündige Quizshow mit gelegentlichen Musikeinlagen, in der zusammengewürfelte Kandidatenpaare Fragen beantworten und sich vom Moderator, Groucho Marx, beleidigen lassen. Groucho Marx trägt dabei einen echten Schnurrbart, tanzt nie und gibt sich als brüsker „gesunder Menschenverstand“, das heißt: er flirtet uncharmant und behauptet mit den weiblichen Gästen, amüsiert sich über fremdländisch klingende Namen und scherzt über die Fehler der nervösen Kandidaten. Aus Groucho in den Kinofilmen, einem scheinbar strafendem Über –Ich, das sich beim näheren Hingucken als komplexe Melange aus einem entfesselten August, einem hochmoralischen Satiriker und einem gehemmten sentimentalen Clown entpuppt, ist in der Show tatsächlich das strafende Über – Ich der 1950er geworden. Groucho, ein Schulabbrecher aus phänomenal chaotischen Verhältnissen, mokiert sich über fehlende Allgemeinbildung und dubiose Familienbräuche. Mit dem Instinkt des Außenseiters bestraft er die minimalen Normabweichungen seiner braven Kandidaten und bringt sie so auf den neuesten Stand des gesellschaftlich Erlaubten (hinter den Kulissen ließ der große subversive Liberale seinen Bandleader aufgrund drohender schwammiger Anschuldigungen seitens des Mc Carthy – Ausschusses gehen). Ähnlich, wenn auch milder, bekam Deutschland später in den „großen Samstagabendshows“ die Nachkriegsetikette beigebracht. Groucho wirkt zum ersten Mal in seiner Karriere souverän. All das Scheue, Neurotische und Verzückte ist aus seinem Auftritt verschwunden. Warum ist dann die Show (in Amerika Teil des Retro – Pflichtprogramms) trotzdem so faszinierend?

Zum einen sieht man endlich einmal beinahe ungeschminkt die Farmer aus Ohio und Irinnen aus Brooklyn, die unsereins nur aus Büchern kennt (und die bei „Mad Men“ immer weggelassen werden). Mindestens die sich mühsam zusammenraufende amerikanische Nachkriegskultur wird erlebbar, wenn nicht noch mehr. Zum anderen lässt Marx doch beinahe in jeder Sendung seine Maske fallen, bzw. setzt für ein paar kostbare Sekunden eine andere auf. Mit echten Exzentrikern solidarisiert er sich beinahe immer automatisch und wie gegen seinen Willen, bei Militärangehörigen und Filmleuten schießt er meist auf Autopilot über das Ziel der freundlich – derben Witzelei hinaus. Und dann gibt es doch die Momente, in denen es wieder blitzt und funkelt und der befreite, fröhliche Wahnsinn durchbricht. Nicht in Filmkulissen und gegenüber Mrs. Rittenhouse, sondern zwischen der 50- und der 90 Dollar- Frage und darum umso einprägsamer (David Letterman und Harald Schmidt sollten einen ganz ähnlichen Spagat unter ganz anderen Umständen zu ihrem Style machen).

Steven Stoliars Erinnerungen beschreiben einen verlöschenden Mann zwanzig Jahre und einige kulturelle Umbrüche später, der von seiner plötzlichen Rolle als Ikone der Unangepasstheit geschmeichelt und überfordert ist. Und der sich unzufrieden als grimmigen Menschen sieht, der harte Wahrheiten, gute Witze, alte Lieder und Courage schätzt (und auf Stoliars Anregung versucht er schüchtern eine Versöhnung mit dem geschassten Bandleader). Seelenfrieden und ein gelingendes Leben sind dabei an den bewunderten toten Bruder Harpo delegiert. Die möglichen Abgründe seiner Lebensgefährtin hat Groucho Marx laut Stoliar geahnt, aber demütig wie eine Strafe für ein schiefes Leben mit zu vielen vergraulten Ex – Frauen, Kindern und Freunden hingenommen. Und als normalen Teil einer verrückten Welt, deren größte Freude für den alten Marx anscheinend die „You bet your life“ – Wiederholungen waren. Ingmar Bergmann hätte diesen Stoff verfilmen können, wenn man ihn dazu verpflichtet hätte, die häufig sehr witzigen Gespräche nicht heraus zu kürzen. Und ich hätte gerne eine Wes Anderson- Version mit Bill Murray gesehen. Aber Rob Zombie?

In „Animal crackers“ fordert Chico Marx als Musiker Ravelli von Groucho als Captain Spaulding bei einer Feier 10 Dollar fürs Spielen, 15 Dollar fürs Nichtspielen. Denn, wenn Ravelli nicht spielt, probt er. Und wie teuer käme dann das Nichtproben? „Das können Sie sich nicht leisten!“

 

Eben.

01.07. Warum "Game of thrones"? (Warum??)

(Hier nun nichts zu Griechenland. Man kann ja sonst beinahe überall etwas zu Griechenland lesen, darunter außergewöhnlich gute, zum Teil kontroverse Texte und sogar Diskussionen beim „Guardian“)

Wie angekündigt müssen wir noch einmal über „Game of thrones“ sprechen. Diese trübe Fantasy – Serie entwickelt sich mehr und mehr zum allgemeinen Referenzpunkt und zu einer der großen Geschichten unserer kleinen Kultur. Das meint: hier werden jede Menge brisanter Fragen vor jeder Menge Publikum abgehandelt. Da selbst die glühendsten Verteidiger einräumen, dass das Wort „Spaß“ das schockgebeutelte Weggucken der vielen Stunden halbdunkler Schlachtplatte mit ziselierten Handlungsverschränkungen nur ungenau beschreibt, können wir davon ausgehen, dass „GoT“ seinen Fans etwas Wichtiges mitzuteilen hat.

Um es nicht zu spannend zu machen, denke ich, dass die wichtigste und bindendste Botschaft des Spektakels lautet: Der Nerd überlebt die Bestien in einer bestialischen Welt. Trotz der Heerscharen an plusminus Hauptfiguren hält Peter Dinklage als kleinwüchsiger, intriganter, modern amoralischer Anti – Held Tyrion dieses Panorama voller dumpfer Schurken zusammen. Und trotz aller überraschender Tode im fiktiven Westeros würde sein Ableben das komplizierte Ränkespiel zu Fall bringen. Ein happy end bleibt natürlich auch für diese Figur unwahrscheinlich (da wird es eher irgendwann irgendeine neue, junge, unverdorbene Figur geben, die die Zukunft symbolisiert), aber Tyrion wird uns so lange wie möglich erhalten bleiben und heroisch oder tragisch enden,- oder die Massen laufen in Scharen davon. Eine Sicht auf die Welt, nach der wir das einzige annähernd vernunftbegabte und objektiv benachteiligte Wesen in einem Höllenpfuhl sind, kennen wir alle, und die meisten Leitartikel werden in einer solchen Stimmung verfasst (was wieder ein ganz anderes Problem darstellt). Es steht mir fern, mich über eine solche popkulturelle Wunscherfüllung lustig zu machen, ich selber bin immer wieder hin und weg von einsamen Detektiven und dem Phantom der Oper, und (schreibe ich das eigentlich immer wieder?) für solche Phantasien gibt es die Popkultur.

Aber dieses Element erklärt noch nicht, warum „GoT“ so aussieht, wie es aussieht und offenbar aussehen muss. Die Serie ist dabei nicht das erste Beispiel für „dreckige“ mittelalterliche Phantasie: da gab es vorher „Jabberwocky“ von Terry Gililam, „Lancelot du lac“ von Robert Bresson, „Excalibur“ von John Boorman und den „Drachentöter“ von Matthew Robbins. Alles Filme aus den 70ern/frühen 80ern, alles schlimme Flops, wobei speziell „Excalibur“ als direkter Vorläufer gelten kann. Das waren wütende, de- mythologisierende Filme aus einer wütenden, de- mythologisierenden Zeit. In beinahe allen dieser Filme gibt es jedoch, wie in „Game of thrones“, archaisch – magische Drachen und Magie. Wenn wir andere neue amerikanische Serien als Fortführungen von Trends im amerikanischen Film der 70er Jahre sehen („Nashville“ bekommt JETZT eine Fernsehserie verpasst, die diversen Gangster – und Drogendealer – Epen sind voller Echos auf die Filme der 70er Jahre, und die Krimis haben mit den, zugegebenermaßen nicht – amerikanischen, ersten, bösen „Tatort“- Folgen eine Menge gemein), dann verkünden die neuen Serien unter anderem, dass die 80er Jahre vorbei sind. Die waren, in den USA, popkulturell geprägt von Nostalgie, Patriotismus und ironischem Optimismus. Das war die Kehrtwende nach den unsicheren, selbstkritischeren 70ern. Und so wie die zergrübelten 70er unter anderem durch die Beschäftigung mit dem Vietnamkrieg ausgelöst wurden, so sind „GoT“ und „Breaking bad“ nicht denkbar ohne die Auseinandersetzung mit bspw. Guantamo („24“ wirkt bereits wie ein Relikt und kriegt mit seinem Neustart, soweit ich weiß, kein substantielles Bein auf den Boden). Es geht also um einen kritischen Blick auf das Treiben der Menschen, und damit wird von Verehrern auch eine große Qualität von „GoT“ beschrieben: das Hauen und Stechen in Westeros bilde mit bösem Blick „die Realität“ ab.

Populäre Kultur ist ja unter anderem die (hochartifizielle) Unterseite einer Gesellschaft, das Korrelat zu ihren offiziellen und offiziösen Standpunkten. In den USA spricht diese Unterseite in den Zeiten der Selbstkritik hier und da eine deutliche und etwas verstörende Sprache: Wenn der klassische amerikanische Held nicht mehr der Gute sein kann oder verschwindet, dann ist die Welt ein werteloses Rattennest. Die Selbstkritik kippt wie selbstverständlich in die Apokalypse (das war schon bei „Apocalypse now“ so). Bereits die Idee des Anti – Helden scheint die traditionell idealistische US – Erzählweise zu überfordern: die angeblichen Anti – Helden der neueren Serien entwickeln sich meist schnell zu bösen Helden (u.a.„Breaking bad“, „Mad men“, „The Americans“), die nicht viel anders funktionieren als Superhelden (es gab übrigens auch schon mehrere böse Superhelden) und/oder zu selbstgerecht amoralischen Perspektivfiguren, die uns zeigen sollen, dass in dieser schlimmen Welt jeder des anderen Hund ist. Offensichtlich scheint ein gemäßigter oder alternativer Standpunkt da nicht möglich zu sein (und als skeptischer Liebhaber des amerikanischen Erzählens tut mir das in der Seele weh). Ein kalter Blick auf Politik, Pessimismus, nackte Frauen, das Falsifizieren von jeder Mitmenschlichkeit, die den Namen verdient, und bestialische Morde scheinen untrennbar verbunden und in etwa das Gleiche zu sein: die tabuisierte „Wahrheit“ oder zumindest ein kickendes Spiel mit amerikanischen Tabus. George R.R. Martin kommt nicht zufällig aus dem Superheldenfandom und wartet den Wagen aus „Zurück in die Zukunft“.

Game of thrones“, erklären die Apologeten bei solchen Überlegungen schnell, lebt zu einem nicht unbeträchtlichen Teil von seiner aufwändigen Gestaltung und von seinen Schauwerten (bei diesem Wort wird dann gerne gezwinkert). Tatsächlich ist es die bislang teuerste fortlaufende Serie. Ganze Städte werden aufgebaut und bei Bedarf niedergebrannt, es gibt Drachen und Drachenboote, und der klirrend kalte Winter voll kalt klirrender Rüstungen ist ja auch sehr schick. Fackeln flackern, Gewänder sind handgewebt, und jedes zweite Ausstattungsstück ist handgeschnitzt. Das Feuerwerk an CGI – Effekten kann nerven (mich), aber es ist so gut, wie ein CGI – Feuerwerk im Moment sein kann. Nur bleibt die Frage, warum dieses Spektakel nicht reichhaltiger und erfreulicher sein kann, als es ist. Die verschwenderischen Settings dienen vor allem als Schauplätze für endlose theaterhafte Drohgespräche oder eben für Gewalttaten. Die ambitionierte Figurenzeichnung dient  vor allem als Steilvorlage für Schocks, wer wem was überraschend antut. Und die schönen nackten Menschen erzeugen vor allem Angst vor der nächsten Vergewaltigung (vermutlich würde die Serie prima als Aversionstherapie für angehende Klosterschüler funktionieren). Wie jüngst auch in „Vulture“ stand (würde ich verlinken, würde ich verlinken), wird das Mammutwerk schon alleine durch den völligen Verzicht auf Humor, Lyrik und gelingende Kommunikation immer bizarrer, immer „realitäts“ferner. Die auf den ersten Blick herausfordernden Qualitäten der Reihe schleifen sich dumpf zu einem behaglichen Grauen ohne Nuancen und störende Irritationen ab. Das angespannte Verfolgen der verwickelten Erzählstränge führt immer nur zu der gleichen Erkenntnis: alles Monster oder tot (oder beides). Das konzentrierte Mitdenken führt immer wieder zur beruhigenden Versicherung, dass alles egal ist. Uns Zuschauer treibt der Wunsch nach der ungeschminkten „Wahrheit“ über die Welt, und statt dessen kriegen wir immer nur das Äquivalent zu den Kindergesprächen geliefert, ob wir lieber gehäutet oder von Ameisen gefressen werden würden.

Wenn das alles wäre, wäre die Serie lediglich ein ungewöhnlich drastisches Schwelgen in einer großen, schönen, schwarzen Adorno- Verzweiflung mit mittelalterlich raunenden Schauwerten. Sicherlich fragwürdig, aber muss ja auch mal sein, und solche Gefühle brauchen vermutlich ein Ventil. Was die Sache in meinen Augen (noch) problematischer macht, sind die positiv erfahrbaren Seiten der Fabel, die  (spärlichen) Triumphe und Tyrion. Kurze Euphorie vermittelt „GoT“ immer dann, wenn Drachen ein paar Böse plattmachen oder ein Opfer sich fürchterlich rächt. Ohne etwas zu lösen, ohne den Gewaltzirkel zu unterbrechen. Wenn ich die alte psychoanalytische Definition vom „sadistischen Erleben“ (der Störung, nicht von sexuellen Präferenzen) richtig verstanden habe (was ich vermutlich nicht habe), dann ist dieses über den Zirkel von Ohnmachts- und Machtgefühlen definiert, und die zeitweise eingenommene Opfer – Rolle ist kein Widerspruch zur lebensverneinenden Ermächtigung über andere, sondern deren Bedingung, bzw. Teil des Zirkels. Und so wäre „Game of thrones“ eine lange Übung (vor allem für die Zuschauer) in Sadismus, nicht wegen seiner Drastik, sondern wegen seiner zirkulären Erzähllogik. Die wenigen positiven Figuren lernen im Lauf der Handlung unter großen Opfern das Spiel der Throne zu spielen, ein sadistisches Spiel. Und der Überlebenskünstler Tyrion demonstriert, dass dieses Spiel Bedingung zum Überleben in einer fürchterlichen Welt ist, und am Erfolgreichsten gespielt werden kann, wenn man sich höhnisch nicht als Teil dieser Welt fühlt und sich dabei im Geheimen doch noch ein paar Standpunkte und Gefühle erlaubt (die aber bei den Monstern in der Nachbarschaft nur armselig oder gelogen sein können, und dafür müssen sie büßen). Auch wenn wir schlecht sind, sind wir besser als die, und die sind beinahe alle.

Wo bleibt die Fantasy – Serie mit schattigen Gemäuern, komplexen Plots, Härten, Drachen, Kontinenten und schönen nackten Menschen, die uns etwas Besseres zu sagen hat und den ein oder anderen Scheiterhaufen bspw. durch ein Einhorn auf einer Gartenparty ersetzt?

 

23.06. "Die Toten kommen"

Das „Zentrum für politische Schönheit“ durfte am Sonntag nicht, wie geplant, Särge vor das Kanzleramt tragen und dort beerdigen, wobei bis zuletzt unklar war, ob sich in den Särgen tatsächlich, wie angekündigt, die Leichen von im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen auf dem Weg nach Europa befunden hätten. Es durfte auch kein Bagger vorfahren und Gräber ausheben, stattdessen wurden einige mit Schaufeln gegraben. Die Aktion steht im Zusammenhang mit verschiedenen anderen stattgefundenen und geplanten Aktionen unter dem Gesamttitel „Die Toten kommen“.

Der angestrebte Sinn dieser Aktionen liegt auf der Hand.

Im Vorfeld drehten sich die erhitzten Diskussionen allerdings beinahe ausschließlich um die Fragen, ob in den Särgen tatsächlich echte Leichen liegen würden, echte Tote durch die Straßen getragen würden, und wie lange tote Menschen eigentlich unter welchen Bedingungen gekühlt werden müssten. Viele aufregende Fragen überlagerten also die Tatsache, dass Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer ertrinken, egal, was wann in einem Sarg in Schöneberg liegt. Mit dieser Verschiebung hat das „Zentrum für politische Schönheit“ bewusst gespielt, und natürlich lässt sie sich als Ausdruck von wohlfeiler Doppelmoral lesen: in unserem eigenen Wohnzimmer fragen wir, in dieser Sichtweise, nach dem Willen und der Würde des einzelnen Toten, nach der Obszönität des Todes, nach den Grenzen der Zivilisation, aber solange die Toten fern und im Fernsehen bleiben, suhlen wir uns in Ignoranz. So die Theorie, und genügend besinnungsferne Internetkommentare von Gegnern der Aktion scheinen sie zu verifizieren.

Nun ging die Tabuisierung von Leichen im Zentrum des Alltags allerdings immer mit einer Wertschätzung des Lebens Hand in Hand. Die Vorstellung, die Aufklärung hätte alleine aus furchtsamer Bigotterie nach und nach das Sterben auf der Straße und das wilde Beerdigen bekämpft, ist mindestens so zweifelhaft wie die, dass die Konfrontation mit der physischen Realität eines toten anderen Menschen zwangsläufig zu Empathie führen würde. Es gibt genügend Weltregionen, in denen die Körper frisch verstorbener in den Hauseingängen liegen, und sie sind im Moment nicht bekannt für ihre um sich greifende Mitmenschlichkeit. Und wir sehen in den Nachrichten, auch aus dem Mittelmeer, sehr viel grausigere Bilder als geschmackvolle Särge, und die Internetforen unserer„Qualitätsmedien“ quellen trotzdem derzeit nicht unbedingt über vor verstörten Sympathiebekundungen.

Die Ankündigung, echte Tote in einem Protestevent mitten ins gepflegtere und ins offizielle Berlin zu tragen, bleibt dennoch tatsächlich eine Grenzüberschreitung. Aber wieso sollten Abscheu, Faszination und ein wenig atavistisches Grauen Solidarität schaffen? Schon aus Selbstschutz erklären Menschen Tote gerne zu Fremden. „Die Toten kommen“ erinnert nicht zufällig an die nicht zufällig populäre Serie „The walking dead“, und dort verrammelt man bei einem solchen Aufruf die Fenster und lädt nach. Mir scheint, dass das „Zentrum für politische Schönheit“ hier von einer anderen Zeit und von einer anderen Bewegung her blind hochrechnet, nämlich von der Ära des Vietnamkriegs und von der Tierschutzbewegung.

Wie immer wieder beschrieben, krachte der Vietnamkrieg als erstes blutiges Spektakel inklusive vieler Särge über die Nachrichten in die abgeschotteten Wohnzimmer und löste eine Antikriegsbewegung aus, die schließlich mit zum Abbruch der Kämpfe führte. Spätere Kriegsberichterstattung konzentrierte sich lange darauf, vergleichbare Schocks zu vermeiden und im Gegenteil saubere und verdauliche Bilder zu produzieren. Aber diese Zeiten scheinen mir zum einen vorbei zu sein, und zum anderen haben europäische Nachrichten diese Marschrichtung ohnehin so weit wie möglich verweigert. Wir alle kennen alle Arten von Leichen aus der „Tagesschau“, von Särgen ganz zu schweigen. Die Tierschutzbewegung operiert dagegen mit Tabubrüchen, weil zum einen gequälte Tiere nicht annähernd ein so bekannter Topos und Anblick sind wie gequälte Menschen, und sie zum anderen an Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier als schmerzempfindliche Lebeweisen appellieren. Dass Menschen Menschen sind, muss dagegen nicht mehr bewiesen werden. Wenn dennoch Internetforen (ich erwähne sie zum dritten Mal, was auch eine Überschätzung sein mag) von giftigen und eigenartig gekränkten Auslassungen überquellen, wie völlig anders als wir, selbstschuld und nichtunserproblem Flüchtlinge angeblich sind, spricht das von einer mühsamen und misslingenden Distanzierung. Dass diese durch das Kokettieren mit der archaischen Angst vor Leichen unterlaufen wird, darf bezweifelt werden.

 

Jetzt lässt sich natürlich argumentieren, dass es bei solchen Aktionen eben nicht um das Schaffen von Sensibilität der allgemeinen Bevölkerung (und erst recht nicht der notorischen Forenvollschreiber) gehen soll, sondern um ein markantes Zeichen gegen die offizielle Politik. Ein Leichenzug und ein Bagger vor dem Kanzleramt bringen in Erklärungsnot, setzen auch logistisch unter Zugzwang und fordern zu einer Stellungnahme heraus. Da die Protestaktion mit keiner konkreten Forderung verbunden war (sie hat allerdings als konkretes Anliegen formuliert, den Ertrunkenen durch die öffentliche Beerdigung ihre Würde zurückgeben zu wollen, was anderen einleuchten mag), operierte sie aber selbstverständlich unentschlingbar mit der öffentlichen Meinung: ohne sie kein Event, und erst recht kein aufrüttelndes, und diese Regierung achtet bekanntlich stark auf die öffentliche Meinung und äußerst sich ohne deren Aufkochen eher ungern zu den Zielen ihrer Politik. Und vor diesem Hintergrund grätscht „Die Toten kommen zurück“ meiner ordentlich bescheidenen Meinung nach in den Prozess der Bewusstseinsbildung in diesem Moment eher hinein, anstatt ihn voranzutreiben.

 

Dieser Prozess ist dabei in vollem Gange:  die Stammtische im Netz decken eben nicht alle aufgewühlten Gespräche ab. Über 175.000 Menschen haben alleine die Online – Petition „Europa darf nicht wegschauen, wenn Flüchtlinge an seinen Außengrenzen ertrinken“ mit einer Aufforderung zur Wiederaufnahme des „mare nostrum“ – Programms unterzeichnet, wobei diese konkrete Forderung sogar wohl in allen Kreisen umstritten ist (ich bin dafür, aber halte sie nicht für den entscheidenden Graben zwischen Gut und Böse). Erschütterung wird auch ohne Bagger unterfüttert: Die BBC hat das Computerspiel „Syrian Journey“ veröffentlicht, ein Kriminalroman mit Flüchtlingsproblematik, „Havarie“ von Merle Kröger, entwickelt sich zum nachdenklichen Renner, der Liedermacher „Strom & Wasser“ tritt gemeinsam mit Flüchtlingen auf, Theaterabende nehmen sich des Themas an, auch „Zeit“ und „Faz“ stellen Schicksale vor. Und vielleicht setzen selbst diese weniger morbiden Brücken noch zu sehr auf Distanz. Es geht um ein Problem und eine Veränderung der Gesellschaft, die uns noch eine Weile begleiten werden. Es geht nicht um „Schuld“ (eine Diskussion, in die man sich uferlos verrennen kann), sondern um Verantwortung. Um die tausend konkreten Fragen, die Überlegungen zur Rettung von Flüchtlingen konkret mit sich ziehen, angehen zu können, brauchen wir, denke ich, Empathie, kein Spiel mit Ekel oder Ängsten. Vielleicht sollten wir die Überfahrpassagen in Innensicht aus Julian Barnes` „Geschichte der Welt in 8 ½ Kapiteln“ oder aus Mitchells „Wolkenatlas“ noch einmal lesen und an vor sich hinmurrende Bekannte verschicken, nicht als symbolischer Akt, nicht als Flucht vor Ratlosigkeit, nur zur Stärkung des Mitgefühls. Mitgefühl kann meistens mehr als ambivalenter Abscheu.

 

16.06. "The killing lessons"

Ein sensibler Serienmörderthriller. Sensibel im Umgang mit den Opfern, weniger mit den Tätern. Ein dezent philosophischer Serienmörderthriller. Dezent philosophisch im Umgang mit der Frage, was es bedeutet, Opfer zu sein, nicht beim Bekauen der Frage, ob Menschen sich als Monster selbst erschaffen und dabei auf eine nebulöse höhere Bewusstseinsebene klettern. Brauchen wir so etwas? Aber ja.

Nur will das „The killing lessons“ von Saul Black (d.i. Glen Duncan), vor ein paar Wochen auf Deutsch bei Knaur erschienen, in letzter Konsequenz dann doch nicht sein und verbringt seine zweite Hälfte lieber mit der üblichen Hetzjagd plus Rückblenden in die Killerpsyche und dem üblichem leicht geschmacklosen Spektakel (wie weit muss sich die entführte hochintelligente Studienabbrecherin demütigen, um zu überleben? Und: überlebt sie? Durch welchen Zufall kommt die gebeutelte Ermittlerin auf den Namen des Mörders? In welcher Ferse landet in letzter Sekunde eine Axt? Und: stürzt das Flugzeug ab? Natürlich stürzt das Flugzeug ab). Aber die erste Hälfte dieses Romans ist eine ordentliche Wucht.

Den Serienmörder als exemplarische Spezial – oder angebliche Reinform des Menschseins haben schon viele ambitionierte Autoren behandelt, vom eher naiv austestendem Robert Bloch (meines Wissens dem Begründer des Genres in der Literatur) bis hin zur nachdenklichen Joyce Carol Oates. Tatsächlich ist der Serienmörder als gleichzeitig selbst entworfenes Konstrukt und getriebene und geschundene Nicht – Persönlichkeit zur allgegenwärtigen Metapher für den gleichzeitig entfremdeten und gestaltenden Menschen geworden. Dabei fällt natürlich nach und nach unter den Tisch, dass diese Metapher vorne und hinten nicht hinhaut. Die überbordende Intelligenz von Serientätern ist genauso eine Erfindung von Autoren wie die künstlerische Ader. Doch als Gestalt der Phantastik funktioniert der Serienmörder eben auch nicht, dem stehen dann doch zu viele gut dokumentierte schäbige Serienmorde im Weg (übrigens mehr, seit der Serienmörder in der populären Kultur auftaucht, was aber natürlich auch an genauerem Hingucken liegen mag). Reale Serienmorde scheinen eher eine Form des besinnungslosen Vorsichhinbrabbelns zu sein, bei dem auf entsetzliche Art Menschen getötet zu werden als die elaborierten dramatischen Wetten gegen das blinde Schicksal, die Hannibal Lecter und seine unzähligen Nachahmer zelebrieren. Von allen romantischen Außenseiterfiguren der Fiktion bleibt der überhöhte Serienmörder die problematischste. Aber da er so wunderbar in das Niemandsland zwischen Thriller und Horror passt, das heutige Spannungsgeschichten so gerne bewohnen, und vom Subtext zu einem unauffälligen Hin – und Herpendeln zwischen Gesellschaftskritik und radikaler schwarzer Romantik, wie ihn heutige Spannungsgeschichten lieben, bleibt er uns in seiner bedeutungsheischenden Abgründigkeit erhalten. Und hat sich in den letzten 30 Jahren kaum verändert, auch wenn die entsprechende kriminalistische Forschung anscheinend in genau diesem Zeitraum Riesenschritte gemacht hat.

The killing lessons“ dreht das bekannte Spiel nun zunächst radikal um. Eine Ermittlerin mit den erwartbaren Problemen (trinkt zuviel, trauert ihrem Ex hinterher, wird von ihrem Job langsam aufgefressen und ist zu unbeherrscht) klärt zwar eine Mordserie auf (das muss zur Handlung reichen). Doch Black/Duncan nimmt sein Thema ernst. Und das bedeutet, dass ihn die Täter (Gefühskrüppel ohne Brillanz, deren Besonderheit alleine in ihrer sexualisierten Brutalität liegt) anfangs kaum interessieren (sie sind, genauer gesagt, dem bereits ziemlich sprödem „Henry, Portrait of a serial killer“ von John McNaughton nachgebildet, einem Film, der für sich wiederum nahe an einer schäbigen Realität bleiben wollte). Wir verbringen den Großteil der Seite mit Opfern, überlebenden und möglichen Opfern und der alptraumgebeutelten Heldin. Dabei gräbt  der Roman mit erbarmungslos liebevollem Blick auf die Opfer die Gründe aus, warum wir überhaupt nach solchen Geschichten greifen: weil sie uns auf die Fragen werfen, was es heißt Mensch, Opfer oder einfach auf der Welt zu sein. Wie schnell lässt sich ein Leben unumkehrbar verwirren oder entwerten? Wie würden wir auf das Leben und auf uns in Erwartung eines grässlichen Todes schauen? Wie schauen wir darauf, wenn wir Menschen geschildert bekommen, die genau das durchleiden? Was bleibt von einer Person, von einer Liebe, wenn eine rostige Käfigtür zufällt? Black reißt diese Fragen nicht nur an, sondern widmet ihnen lange, elegant aufgewühlte und aufwühlende Passagen ohne Antworten. Unsere ermittelnde Heldin kämpft darum, endlich von ihrer Arbeit abgestumpft sein zu können, doch sie darf sich das nicht erlauben. Sie muss ein ganzer und empfingungsfähiger Mensch bleiben, wenn sie den Fall knacken will. Black gelingt in der ersten Hälfte des Romans der Spagat, mit diesem Schwerpunkt weder zu trostlos oder pathetisch zu werden, noch seine durch die Bank runden Figuren aus den Augen zu verlieren. „The killing lessons“ ist alles andere als ein Essay. Es gibt charmante Einzelbeobachtungen und sogar ein paar gute Witze. Der Roman ist bunt, anstatt auf die bleichen Genrefarben zu setzen. Und mit einem Mal erscheinen selbst die guten Serienmörderthriller vor ihm wie ein ziemlich fragwürdiger Ulk. Dass das Buch, das sich zunächst mit expliziten Gewaltschilderungen sehr zurückhält, durch die glaubwürdigen Kontraste und den menschenfreundlichen Tonfall wesentlich schwerer zu verdauen ist als seine Genregenossen, liegt dabei in der Natur der Sache.

Ab der Mitte schlägt allerdings das Muster zu und voll durch: tickende Uhren, vergebliche scheinbare Showdowns mehr schlüpfriges und mehr blutiges Grauen, das dennoch im erlaubten Rahmen des gehobenen Genres bleibt. Der Killer denkt in den erprobten Stephen-King-Gedenk-Assoziationsschnipseln, und das Finale in Eis und Schnee bettelt mit seinen überelaborierten Actionszenen nach einer Verfilmung (die vermutlich spannender ausfällt).

Und wir sitzen wieder da mit unseren Fragen: sind solche Romane bedeutungsvolle schlechte Scherze oder irrelevantes Kokettieren mit echten Ängsten? Sind sie einfach die Form geworden, in der spannungsgeladene Aufklärungsgeschichten erzählt werden, die zu düster für klassische Detektiv- und Polizeiserien sind? Und wer soll Christopher Lee ersetzen?

07.06. "sense 8" - the united colours of Netflix

 

Die Frage, ob „Netflix“ die letzten verbliebenen Reste der Filmkultur aufrollt, umordnet und mit innovativen Eigenproduktionen wiederbelebt, ist noch nicht beantwortet. Aber „sense8“, die mit richtungsloser Vorfreude erwartete Originalserie von den Wachowskis und J. Michael Straczynski und Tom Tykwer undundund ist eine kaum glaubliche Enttäuschung, und das hat viel mit dem „Netflix“ – Modell zu tun. Erinnern wir uns: „House of cards“ entstand, angeblich, aus der computergenerierten Erkenntnis heraus, dass Fans von David Fincher und Kevin Spacey( lies: „se7en“) auch gerne die britische Originalserie sahen, weswegen ein Remake als sichere Sache erschien. Mir selber war „House of cards“ immer ein wenig zu glatt und wohlfeil, aber das Ausgangsmaterial war anscheinend stark genug, die Gestaltung hochwertig genug, die Zielgruppe gut genug anvisiert, und meinethalben war auch die Serie einfach gut genug, um die Rechnung aufgehen zu lassen.

 

Mit „sense8“ (nebenbei: der wohl schlimmste Film – und Serientitel, der jenseits von wirr umbenannten Videopremieren denkbar ist) sieht die Sache nun komplizierter aus: Kein wasserdichtes Ausgangsmaterial (was Netflix bei seinen Eigenproduktionen zu bevorzugen scheint, mit Ausnahmen,  u.a. „Orange ist he new black“, die großartige „Kimmy Schmidt“), aber trotzdem ein Package: Offensichtlich überschneiden sich (wenig überraschend) positive Bewertungen von „Matrix“, „V for vendetta“ und „Babylon 5“, und der „Cloud Atlas“ wird von diesem Publikum auch gerne gesehen. Die Liebhaber dieser Filme sind recht jung, recht klug und recht hip, wollen die Welt kennenlernen, mit Menschen verschiedener Generationen im Gras sitzen und mögen die herrschenden Machtsysteme nicht (all das zumindest in Gedanken). Als abstraktes Idealpublikum finden sie böse Konzerne beinahe so furchtbar wie falsch ausgewählte Socken. Und entsprechend sieht so die Serie aus. Ich möchte glauben, dass blinde Marktforschung für die Konzeption von „sense8“ verantwortlich ist, nicht, weil das die Welt zu einem schöneren Ort machen würde, im Gegenteil, aber weil das zumindest erklären würde, warum sie so hohl ausfallen konnte. Acht Menschen sind auf geheimnisvolle Weise miteinander verbunden und erscheinen einander in Visionen: ein junger sexy Cop in Chicago, eine junge sexy Djane in London, eine junge sexy Transperson und Aktivistin in San Francisco, ein junger sexy Einbrecher in Berlin, eine junge sexy Vize- Firmenchefin in Seoul, ein junger sexy Schauspieler in Buenos Aires, eine junge sexy Inderin in Mumbai (Apothekerin, aber beinahe ausschließlich definiert über ihre Familie) und ein junger sexy Afrikaner in Nairobi (Busfahrer, aber ebenfalls definiert über seine Familie, denn merke: so ist das halt in diesen Schwellenländern). Alle diese Figuren kennen wir bereits aus anderen Filmen, Büchern oder Stammtischgesprächen, und die meisten ihrer Dialogsätze wissen wir  lange vor ihnen („Es gibt nur ein Problem, ich liebe ihn nicht.“, „Das war das erste Mal, dass sich jemand für mich eingesetzt hat“). Stell dir eine flotte DJane in London vor. Stell dir einen ehrlichen jungen Cop in Chicago vor. Hab keine Angst, dass ein Klischee gebrochen werden könnte. Sie müssen herausfinden, was sie verbindet und dabei aus den Maschen einer Verschwörung entwischen.

Aus diesen Zutaten sind schon viele hervorragende Geschichten gesponnen worden, und es werden noch viele hervorragende Geschichten daraus gesponnen werden. Der Reiz und die Relevanz einer solchen Erzählung liegen auf der Hand: wir sind alle verbunden, wir müssen Grenzen überwinden, voneinander lernen und den zerstörerischen Kräften in dieser Welt Einhalt gebieten. Daran ist nichts banal, und die Möglichkeiten einer solchen Konstellation sind noch lange nicht ausgeschöpft. Allerdings ist „sense8“ banal und schöpft zumindest in seinen ersten Folgen sehr wenig Möglichkeiten aus (und wie viele Stunden muss man sich mit einem Programm beschäftigen, um sich sagen zu dürfen, dass man nicht hineinfindet und nicht noch mehr Arbeit in den Versuch investieren möchte?). Der Appell an Diversität findet sich nicht in der Ästhetik. Mumbai ist gelb, Chicago grau, ansonsten sieht alles so gleich aus, wie die Protagonisten alle vom gleichen Zeitschriftencover stammen könnten (ein graues Mumbai, ein gelbes Chicago, ein bescheidener Schauspieler und eine egoistische Transperson, .- bereits solche kleinen Brücke hätten das Reiseprospekt – Flair des Projektes verhindern können und die Beschäftigung mit verborgenen Wahrheiten als Thema glaubhafter gemacht). Schöne Wachsgesichter in stylishen Tableaus mit irrwitziger Tiefenschärfe. Man muss sich daran erinnern, dass man keine Werbung für ein Computerbetriebssystem schaut. Sondern eine für Netflix. Ich war nie ein echter Fan, aber die Wachowskis besitzen ein phänomenales Gespür für Bilder und Dramaturgie, und J. Michael Straczynski ein schwer überbietbares Händchen für Dialoge mit Tiefgang und Schmackes und glaubwürdigen Figuren. Alle drei besitzen die seltene Gabe, lässig große Themen in gesalzenes Popcorn zu übersetzen. Haben diese unbestreitbaren turmhohen Fähigkeiten während der Produktion ein Nickerchen gehalten? Oder hat der Wunsch nach einem ansprechenden Design sie gefressen? War zu wenig Zeit da? Zu viel Druck? Was stimmt am Modell „Netflix“ nicht, das in Cannes angeblich zur Zukunft des Filmwesens ausgerufen wurde?

Noch einmal: vielleicht würde eine Kritik nach Sichtung der gesamten Staffel anders ausfallen. Aber in diesen rund 10 Stunden lässt sich mindestens ein Roman von David Mitchell lesen, der nicht nur im „Cloud Atlas“ mit ähnlichen Ideen gespielt hat. Oder zumindest ein gutes Stück von Murakamis „IQ 84“, das ein grob vergleichbares Sujet wesentlich schmissiger behandelt (und das trotz eines dezidiert nicht mal dort nach einer Spannungsdramaturgie operierenden Autors). Usw. Und, wenn es um Filme gehen soll, lassen sich auch die guten Filme der Wachowskis in diesen 10 Stunden noch einmal weggucken.

Natürlich, daraus spricht, wie gesagt, Enttäuschung. Und sei es die Enttäuschung darüber, ganz sicher nie in die von „sense8“ präsentierte Utopie der schönen und einfach okayen Menschen zu passen. Aber vielleicht sind die Heilsbringer unserer Welt ja tatsächlich ein weltweiter exklusiver Club, so ähnlich wie die „Netflix“ – Abonnenten-

 

02.06. "Trailer sind das neue Kino" (II)

(Vielleicht verkehre ich in den falschen Kreisen/ komme zu wenig unter Menschen ( das ganz sicher) und vielleicht schnappe ich zu viel Quatsch auf (ganz bestimmt), aber die kulturellen Konsenstabus dieses späten Frühlings scheinen zumindest in Berlin gerade zu sein: 1. „Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte“ von René Pollesch und Dirk von Lowtzow. 2. Fassbinder. 3. „Game of thrones“. Wer das kritisiert, steht entweder da wie ein naiver Eckensteher aus der Sesamstrasse oder umgekehrt wie ein gewissenloser Besserwisser, der lachend einen Lieblingsteddy unterm Weihnachtsbaum verbrennt. Da Pollesch ja niemandem weh tut, und „Game of thrones“ längere Überlegungen wert ist, hier nur kurz etwas zum Gedenken an R. W. Fassbinder.

Fassbinder wird im Moment als ewig verhasster Außenseiter gehandelt, mit dem sich vielleicht heute endlich mal jemand unerschrocken beschäftigen könnte. Im selben Atemzug wird davon geschwärmt, dass er in 16 Jahren 44 staatlich finanzierte TV – und Kinoproduktionen realisiert hat, einen Kult um sich gesammelt hatte und im In – und Ausland als Stimme eines verwegenen deutschen Films bejubelt wurde. Richtig, es wurde ihm nicht mit 35 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen, und es wurde nicht zu Lebzeiten eine Straße nach ihm benannt. Aber meines Wissens wurde kein anderer europäischer Filmemacher ähnlich in Echtzeit gefeiert und hingebungsvoll rezipiert. Das sagt nun nicht, dass sein Werk nicht sperrig und mutig gewesen wäre, und das spricht nicht gegen die Qualität dieses Werks. Es spricht allerdings gegen das Geraune vom unverstandenen und am Besten noch totgeschwiegenen Fassbinder, der in den letzten Jahrzehnten vielleicht unter anderem auch deswegen nicht mehr so ausführlich behandelt wurde, weil die ganzen Texte ja schon in den 1970ern und 1980ern geschrieben worden waren. Mehr Würdigung und Analyse geht und ging einfach nicht (was nicht heißt, dass sie abgeschlossen wäre, und ist sie ja auch nicht). Wenn der Fall von Fassbinder als öffentlicher Figur bohrende Fragen aufwirft, dann sicher nicht die, warum er zu seiner Zeit so wenig Anerkennung gefunden hat. Umgekehrt wird ein Schuh draus: warum wäre eine solche Karriere im heutigen deutschen Film nicht mehr denkbar? Was ist daran schlecht, was kann daran gut sein (es müssen ja viele gut finden, sonst gäbe es ja einen heutigen Fassbinder)? Und: welche seiner Filme sind in heutigen Augen interessant oder gut und warum? Aber Denkmäler sind natürlich auch etwas Schönes und sorgen für Ordnung auf den Straßen.)

 

Die beliebtesten Filme scheinen aber zur Zeit nach wie vor Trailer zu sein.

Man kann Hitchcock ja nicht für alles die Schuld geben, aber manchmal muss man: Trailer als Meta- und Minifilme sind auf seinem Mist gewachsen, und nun versammeln wir (nein, nicht wir, aber: hypothetisch wir) uns in Kinos, um nach langem Schlangestehen und dümmlichem Rahmenprogramm eine Minute  „Star Wars“ – Vorschau anzustaunen. Und anschließend verlinken, verschicken und rezensieren wir (immer noch hypothetisch wir, aber mittlerweile dicht dran) dann millionenfach Trailer und Teaser. Auf humorigen Frotzel – Seiten, auf die ich hier nicht verlinke, werden Trailer schon zu den „neuen Filmen“ ausgerufen, und so lustig ist das gar nicht.

 

Hitchcock begann in den späten 1950ern persönlich durch die Kinovorschau seiner Werke zu laufen, und sie als lustiger anzupreisen, als sie letztendlich waren. In der Vorschau zum ernsten „Falschen Mann“ raunte er getragen aus dem off, für die Werbung der Nachfolgefilme schob er sich selber vor die Kamera, deutete nervenzerrende Szenen und manchmal sogar Plots an und machte dabei sein beliebtes wollüstig – schockiertes Gesicht eines fiesen Märchenerzählers mit ein paar Assen im Ärmel. Hitchcock war da gerade Fernsehstar geworden und moderierte auf eben diese Art schrullige makabre Kurzfilme in seiner wöchentlichen Serie an. Er war noch nicht Hitchcock, er wurde es erst, und nicht zuletzt auf diese Weise. Bei „Psycho“ rettete er sich durch den andeutungsreichen Trailer („In dieser Dusche passiert etwas Schreckliches“ o.s.ä.) zudem darum herum, etwas von der Filmhandlung zu verraten, was sich bei diesem Stoff zu einer Obsession von ihm entwickelte (wobei der zugrundeliegende Roman von Robert Bloch den gleichen Titel trug und theoretisch überall erhältlich war. Aber es gab noch kein Internet, in Amerika nicht einmal einen schnellen Buchbestellservice, und Zeitungen rezensierten damals offensichtlich keine schrilleren Thriller). Tatsächlich sind Hitchcocks Trailer für so verstörend gelungenes Zeug wie „Die Vögel“ und verstörend weniger gelungenes wie „Marnie“ im Rückblick ungemein tröstlich, ordnen sie doch diese fremdartigen Träume mit dickem Augenzwinkern und schundigen Werbesprüchen in übliches Entertainment – Geplapper ein (was natürlich eine der Aufgaben von Hitchcocks Trailern war). Bei aller Sorgfalt, allem Aufwand wollen und sollen diese Werbefilme aber keine Auskoppelungen aus den Filmen, vergleichbar mit den Singles bei damaligen Langspielplatten, sein, keinen Eigenwert besitzen.

Die meisten alten Trailer sind furchtbar, worin heute auch ihr Reiz liegt. Bei vielen fragt man sich, wie viele fühlende Wesen dadurch vom Kinobesuch abgehalten wurden. Lieblos und unrhythmisch werden angebliche Höhepunkte aneinandergeleimt, die für den Film selten eine Rolle spielen, dazu schwadronieren Erzähler von Sensationen, Gelächter oder Oscarnominierungen.

Das war konkurrenzloses Futter für dankbare Parodisten. Bösartige Filmkritik ließ sich kaum besser und ökonomischer betreiben als durch bezeichnende Trailer zu fiktiven Filmen. Vermutlich wurde auch dieser Dreh fern von unseren Nasen in Wahrheit von Spike Milligan, Peter Sellers o. ä. erfunden wurde, aber das mir bekannte früheste Beispiel findet sich in „Monty Python`s Flying Circus“, mit den Ankündigungen eines nebulös handlungs- und aktionsarmen Actionkrachers namens „The Bishop“.

(wird fortgesetzt)

 

 

 

26.05. "Appartement 23"

Appartement 23“ von Sorel ist auf Deutsch schon im letzten Herbst erschienen, scheint aber kaum rezensiert worden zu sein, und gerade bin ich darüber gestolpert. Der große und dicke Band ist das, was in den 80ern „Comic – Roman“ genannt wurde, was wenig mit dem zu tun hat, was aktuell als „graphic novel“ gilt, darum erst einmal ein kurzer Griff ins Begriffchaos:

„ A graphic novel“ nannte in den 1970ern der Zeichner und Autor Will Eisner seine Sammlung lose miteinander verbundener Kurzcomics „A contract with god“ im Untertitel. Das signalisierte mehr einen vage literarischen Anspruch als dass es eine Form definiert hätte – genauso gut hätte man die „Dubliners“ oder den „Illustrierten Mann“ einen Roman nennen können (und genau das würde man heute auch aus Marketinggründen tun, aber das ist ein anderes Thema). Eisner war der Meinung, „A contract mit god“ wäre prima (ist es auch) und etwas anderes als die damals üblichen „Conan trifft Dracula“ – Heftchen (war es auch), also nannte er es flugs einen Roman.

Ein paar Jahre später schufen europäische Comicschaffende extrem unfangreiche in sich abgeschlossene Werke, meist als Serien, die von Umfang, Handlungsfülle und Komplexität her traditionelle Comics hinter sich ließen, und sie wurden gerne als „roman de b.d.“ oder ähnliches bezeichnet, also: als "Comic – Roman". Als Namensgeber galt damals die historische Serie „Reisende im Wind“ von Francois Bourgeon. Fünf Jahre später banden US – Verlage ihre anspruchsvollsten Superhelden – Miniserien unter dem Label „graphic novel“ auf, während Harvey Pekar seine bösen autobiographischen Comics als Heftchenserie textete und Art Spiegelman den ersten Teil von „Maus“ veröffentlichte. In einer heftigen Begriffsverschiebung wurde ausgerechnet Pekar, der sich lange gegen den Begriff „graphic novel“ sträubte und sein Werk von anderen zeichnen ließ, zum geistigen Vater der heutigen „graphic novels:

meist autobiographischer Autorencomics ohne feste Seitenzahl mit einem subjektiv gebrochenen gesellschaftlichem und politischem Thema, in einer reduzierten modernistischen Grafik, die die Ästhetik alter meist belgischer Funny – Comics mit den verfremdeten Einflüssen von Werbedesign und Piktogrammen verbindet. Aus einer amerikanischen Perspektive ergibt das jede Menge Sinn, denn die neuen „graphic novels“ sind vor allem alles, was Superheldencomics einmal nicht waren (und immer noch selten sind): nicht „realistisch“ gezeichnet, nicht einer klassischen Spannungsdramaturgie unterworfen, nicht angeblich unpolitisch, nicht angeblich asexuell, nicht angeblich unpersönlich, nicht in monatlich erscheindende Heftchen aufgeteilt und formal näher an Europa und Japan als an Hollywoodfilmplakaten. Sie sind betont klar gestaltet und geschrieben in einem völlig überhitzten Markt, der ansonsten von permanenten dritten Weltkriegen zwischen Wolverine und Cyborg – Klonen aus einer Paralleldimension erzählt.

Unter den neuen (seit ca. 10 Jahren hier so genannten) „graphic novels“ gibt es großartige und grässliche, und sie lassen sich auch noch im halbgrässlichen Fall in der Regel wunderbar schmerzfrei lesen: große Themen, kleine Beichten, Aha – Erlebnisse nahe an einer guten Glosse, hier und da ein poetischer Moment, - kein verstörendes Nebenreich der Kultur, sondern nur im knietiefen Wasser entspannt durch Kunst und Psychologie und Politik schnorcheln, mit der Hand auf dem Beckenrand des allgemeinen Mediengeplappers (die guten sind besser, wie gesagt. Das frische letzte Buch von Trondheim, z.B.).

In Europa, und in Deutschland sowieso, wird dabei allerdings mehr und mehr vergessen, dass wir seit über 30 Jahren „Comic – Romane“ lesen können, die völlig anders aussehen und funktionieren. Opulent gestaltete Schwelgereien in halbvollen Geschichten und übervollen Zeichnungen. Statt kleiner Erkenntnisse bieten sie kleine Räusche (die Storys sind dabei nie so gehaltvoll verkürzt, wie sie gerne wären) und fordern eine langsame, intensive und gedankenarme Lektüre. Einer meiner persönlichen Lieblinge ist „Auf der Suche nach Peter Pan“ von Cosey aus den späten 80ern, dessen Plot mir immer wieder entfällt, aber es sitzt ein Typ in einer Sinnkrise und in einer Alpenhütte, und wie er Käse isst, ist ein Genuss. Das Immerwiederlesen dieser Comics ähnelt dem Hören von Lieblingsplatten (deren Texte und – manchmal – Storys ja auch eher exakte Assoziationen evozieren als benennbaren Sinn stiften). Ein Lebensgefühl ist getroffen und wird sogar differenziert beleuchtet, aber ob eine Geschichte erzählt wird, bleibt Ansichtssache. Diese Comics zu lieben, hat etwas von Tapas essen oder Tanztheater schauen, und entsprechend haben sie sich in den inhaltswütigen protestantisch geprägten Ländern nie so recht durchgesetzt, bzw. wurden immer als Vergnügen für Snobs gehandelt.

Und das bringt uns endlich zu „Appartement 23“, einer Apotheose dieses Genres, wenn es denn eines ist. Liebevoll gestrichelte und getuschte Seiten in Sepia voll mit leeren Altbauwohungen über den Dächern von (vermutlich) Paris, geheimnisvoll lächelnden Katzen, verpuffenden Anspielungen auf Märchen und Shakespeare und überflüssigen geschmackvollen Sexszenen. Die junge, liebeskranke Emilie tötet sich in der Badewanne und schwebt anschließend als Geist durch ihr villenartiges Mietshaus (der Urform aller prächtigen französischen Mietshäuser aus Film, Fernsehen und Wunschvorstellungen). Sie entdeckt andere Geister im Haus, schöne und schreckliche Geheimnisse und schließlich ihre Liebe zu einem ruppigen, frisch verlassenen Maler und Hallodri, der um sie trauert, ohne sie zu Lebzeiten gekannt zu haben. Es endet mit der Vereinigung von Geist und Künstler, irgendwo zwischen Sartre und Erotikfilm, und auf jeden Fall auf dem Dach (Einiges erinnert an das viel bessere, überambitionierte „Cages“ von Dave Mc Kean, das aber nie diese sehnsüchtige Süffigkeit erreicht). Schöpfer Sorel setzt dem handgezeichneten, halbrealistischen Comic genauso ein vielleicht letztes Denkmal wie dem Traum von Bücherstapeln auf knarrenden Holzdielen. Beinahe jedes neue Bild lotet eine neue Perspektive aus, wenn das gefilmt wäre, würde die Kamera ruhig herumrasen. Alle Marker für gehobene Boheme werden zelebriert, von Zigaretten über Malkreiden bis hin zu zerwühlten Matratzenbetten. Alle üblichen abgehangenen Verdächtigen für die Poesie der vergessenen Winkel im Eck werden zitiert, von „Alice“ über „1001 Nacht“ bis hin zu E.T.A. Hoffmann. Ein alter Lüstling feiert in seiner teppichverhangenen Wohnung Orgien mit den Geistern literarischer Gestalten. Es gibt etwas Grusel (und auch die obligatorischen hinter Spiegeln verschwundenen Kinder, mit denen ich einige Probleme habe) und viel Geseufze über die raue zeitgenössische Welt, in der wir nicht träumen und tanzen können, außer wir träumen oder tanzen.  Das ist natürlich unfassbar geschmäcklerisch und, ganz beiläufig, etwas sexistisch, es ist die pathetische Erinnerung an die vagesten aller vagen Ideale des vergangenen alternativen Bildungsbürgertums, bevor es sich Autos und modische Sneakers angeschafft hat. Aber schön ist es, und auf etwas altmeisterliche Art meisterhaft. In einer besseren Welt sähe so harmloser Eskapismus aus, hier und heute ist es leider Kunst und herausragend. Und wirft die Frage auf, warum vergleichbare Seiten kaum noch in unserer Kultur angeschlagen, bzw. gezeichnet werden. Ach ja, die raue zeitgenössische Welt, ich vergaß (erschienen bei „Splitter“).

 

17.05. Was wurde aus James Ellroy?

 

1995 war Günther Grass noch am Leben und veröffentlichte bekanntlich einen Roman namens „Ein weites Feld“, für das er sich die Biographie und das Werk von Fontane als Spielmaterial ausborgte,  um von der Wiedervereinigung zu erzählen. Das Buch bezog viel grobe öffentliche Prügel für seine Wiedervereinigungsskepsis, abgesehen davon verstaubt es halbgelesen in hunderttausend Schränken (wie dem hinter mir). Nach den ersten Aufschreien, die im Guten wie im Bösen zum großen Teil wenig mit dem Roman als Roman zu tun hatten, verkündete Walter Jens, er würde das „weite Feld“ parallel zu einer Fontane – Gesamtausgabe lesen und die Anspielungen und entliehenen Zitate aufspüren, und so mache die Lektüre richtig Laune (was zwangsläufig die „Titanic“ dazu brachte, verschiedene andere angebliche Vorschläge von Prominenten zu veröffentlichen, wie man das Buch auch und mit noch mehr Genuss lesen könne).

Wie aber lässt sich „Perfidia“ lesen, der jüngste Roman von James Ellroy, der bei auch nur halbwegs kriminteressierten Menschen ähnliche Leseplfichtgefühle auslöst wie weiland Günther Grass?

950 Seiten abgehackte Sätze voller abgehackter Arme und mühseliger Intrigen. Man kann das zur Meta – und Über – Prosa erklären, und das will es auch sein, doch es bleibt über weite Strecken ein gigantisches Exposé für einen Roman, der nicht stattfindet und als eine abgeschmackte Strapaze. „Perfidia“ schildert drei Wochen um den japanischen Angriff auf Pear Harbour. In dieser Zeit entgleisen, laut Ellroy, die Polizei von Los Angeles und die amerikanische Bevölkerung, und ein paar clevere und skrupellose Drahtzieher nutzen die Gunst der Stunde, die aktuelle Kopflosigkeit, Unsicherheit und vor allem den aufbrechenden Rassismus, um sich zu bereichern und ihre Karrieren voranzutreiben. Dabei kommt es überall zu Gewaltausbrüchen. Vier Perspektivfiguren geben sich die Klinke in die Hand: der aus früheren Werken bekannte mythische böse Cop Dudley Smith, der tatsächliche künftige Polizeichef von Los Angeles Bill Parker auf der Seite des ziemlich Bösen. Auf der Seite des annähernd Guten stehen Kay Lake, die femme fatale aus der „schwarzen Dahlie“, und der Gerichtsmediziner Hideo Ashida, der es in diesem Moment der Geschichte als gefährliches Pech empfindet, aus einer japanischen Familie zu stammen und heimlich schwul zu sein. Smith ist süchtig nach Benzedrin und Macht, Parker nach Alkohol und Intrigen, Lake nach erotischer Anerkennung und Ashida nach seiner Arbeit. Alle sind so süchtig wie James Ellroy nach dem Gefühl von Durchblick und geistiger Überlegenheit. Sie durchschauen die aufgeschreckten Gangster und Politiker um sich herum so klar (auch den japanischen Angriff haben unsere vier Anti – Helden alle geahnt, auch den kommenden kalten Krieg antizipieren sie längst), dass weder für sie, noch für uns die verwickelten Verschwörungen und Intrigen viele Geheimnisse bergen. Nominell sorgt die Aufklärung eines Mehrfachmords im Zusammenhang mit dem Aufkauf japanischer Farmen für Spannung, tatsächlich bemerken alle Hauptfiguren, dass diese vier Toten im allgemeinen Gemetzel kaum einen Unterschied machen. Das könnte nun ein faszinierendes Panorama über die Zusammenhänge zwischen A (beispielsweise Verbrechen) und B (beispielsweise Politik und Ökonomie) und C (beispielsweise Psychologie) sein, ein blutiges und erhellendes Kaleidoskop, doch daran ist Ellroy nicht sonderlich interessiert. Seine Figuren, auch die, die in früheren, später spielenden Werken sorgfältig ausgemalt wurden, sind beinahe durch die Bank blasse Stichwortgeber, die durch die Bank in zynischen Halbsätzen und einer Flut von Rassismen denken und sprechen. Und da die Nebenfiguren kurzsichtig egoistisch und selbstzerstörerisch handeln, die Hauptfiguren lediglich mit einer längerfristigen Perspektive, fällt auch wenig Erkenntnisgewinn ab. Ellroys manisches Beharren auf Details (Kapitel beginnen stereotyp mit einer absurd exakten Uhrzeit: „12, 29“, „17.57“, auch wenn die folgende Passage eine halbe Stunde ohne dramatische Vorkommnisse umfasst; die Besonderheiten eines Schwertgriffs werden mehrfach referiert, ohne, dass in der Geschichte andere Schwerter eine Rolle spielen würden) klärt nichts, sondern evoziert im Gegenteil ein Gefühl des Nebulösen. Sein breit ausgetretener Klatsch über historisch verbürgte Figuren changiert zwischen mühevoll recherchierten relevanten Enthüllungen (Bill Parkers Werdegang), dubiosen Witzen (Cary Grants angebliche Homosexualität) und reiner Phantasie (der erfundene Dudley Smith hat eine Affäre mit Bette Davis), ohne, dass der süffisant – aufgeregte Tonfall dazwischen unterscheiden würde. Kurz: in diesem akribisch geplotteten und kunstvoll mit Tausenden von historischen Details unterfüttertem Roman ist auf den ersten Blick alles egal. Kaputt ist diese Welt schon vom ersten Absatz an, ob sie im Verlauf der Fabel kaputter wird, lässt sich kaum bestimmen. Und obwohl die titelgebende Perfidie des Geschehenes die Perspektivfiguren über ihre moralischen Grenzen treibt, sind die von Anfang an nicht sonderlich fest gezogen, -und: was erwarten sie und wir denn anderes in dieser Höllenvision? Woher rührt nun der Rest an Sogwirkung her, die widerwillige Leser (offensichtlich nicht nur ich) davon abhält, das Ding endgültig in den Schrank, das weite Feld, zu räumen? Es gibt doch viele tolle Bücher, sommerliche Abende und immer was zu zun. Und woher stammt dieses Gefühl der Bedeutung, das das Buch hervorruft (klar, die Kritiken waren größtenteils hervorragend, aber das bringt einen ja nicht durch 900 Seiten)?

In Anlehnung an den seligen Walter Jens möchte ich vorschlagen, „Perfidia“ neben „Blutschatten, The big nowhere“ vom gleichen Autor zu lesen, und am Besten noch mit ein paar Informationen über die von Ellroy beschriebene Polizei und Epoche, und seien sie aus dem Internet. „Blutschatten“ von 1988  (und in meinen Augen Ellroys bestes Buch) spielt neun Jahre später in der gleichen Stadt und unter dem gleichen realen und fiktivem Personal. Die Handlungen der beiden Romane weisen auffällige Ähnlichkeiten auf. Beide Male untersucht ein heimlich homosexueller Polizist einen bizarren Mord und wird dabei vom bösesten Polizisten der Literaturgeschichte, Dudley Smith, an – und irregeführt. Beide Male beschreibt eine umfangreiche Nebenhandlung die Unterwanderung einer (der gleichen) fiktiven Gruppe von Kommunisten in Hollywood. Neben dem heißen Eisen der anti – japanischen Ressentiments liegt der größte Unterschied im Tonfall.

Blutschatten“ entpuppt sich beim Wiederlesen als beinahe rührend humaner Roman (bitte keine Proteste dagegen, einen robusten Millionenautor kurz sachte von der Seite zu betrachten). Die darin enthaltenen Bestialitäten schockieren Protagonisten und Leser. Außer dem hier dämonisch und fern bleibendem Dudley Smith sind die Figuren erschrocken, überfordert und mit einer „runden“ Psychologie ausgestattet. Ellroy ist hier noch ganz der ungewaschene Chandler mit Nervenzusammenbruch, Dramaturgiegenie und historischem Wissen, als der er berühmt wurde. Lange, schwelgerische Sätze von lyrischer Qualität, in der ein melancholisch herumwandernder Autorenblick von plötzlichen und aufrüttelnden brutalen Schlaglichtern durchsetzt ist. Statt der unerbittlichen Zahnräder des Schicksals wird die Geschichte noch von Individuen dominiert, die von ihren eigenen Abgründen geblendet werden und darum ins Verderben tappen. Die Welt um sie herum bleibt schemenhaft, hier und blitzt überklar eine verborgene Wahrheit auf und hilft nicht weiter. Dass Ellroys frühe Helden allesamt zwei Meter groß und breit sind und über einen IQ von 180 verfügen, macht die Sache noch tragischer, im klassischen Sinn. Diese Welt ist nichts für Ellroys Helden und nicht für Ellroy. Der hochbegabte Autor weiß um seine Hochbegabung und seine unüberwindbare Distanz zum linksliberalem Bildungsbürgertum und dessen Literatur. Seine Biographie erlaubt es ihm offensichtlich einfach nicht, aufgeräumter auf die Welt zu schauen, weniger fasziniert von Schmutz und Elend und geilen Schlägereien zu sein und weniger anfällig für rechte Meme (Ellroy inszeniert sich gerne als beinharter Rechter, aber seine Werke halten dem zum Glück nie stand. Offensichtlich ist es ihm lieber, als Feindbild seine Kritiker zu provozieren, als gönnerhaft als „problematisch“ abgestempelt zu werden, was die Sache ziemlich gut trifft). „Blutschattens“ Umgang mit seinen unglücklich stalinistischen Hollywood – Linken entspricht in etwa dem Zugang von „Perfidia“, - eine Mischung aus Verachtung, Ehrfurcht und Schadenfreude. Ellroy und seine Figuren kennen nun mal einfach das „wahre Leben“, seine intellektuellen Widerparts sind schwächliche Heuchler, dabei arbeiten sich Autor und Helden an deren (böse vereinfachten) Weltanschauungen durchaus so ab, dass auch Linksintellektuelle hier und da nicken (sofern sie die historische Jagd auf alle Linksintellektuellen im realen Hollywood  der 40er und 50er Jahre in ihrer Gesamtheit ausblenden können).

Im Unterschied zu „Blutschatten“ werden in „Perfidia“ höhnisch ein paar große Namen aus der Welt der Salons gedropped, nun hampeln auch Brecht und Bernstein lächerlich herum. Die Tragik der eigentlichen Ermittlerfigur wird im neueren Buch gedämpft, auf Distanz gehalten und schraubt sich nicht bis zu einem erschütternden Finale, dafür wird die neue Figur deutlicher in ihren Grundsätzen verbogen. Der symptomatische Unterschied zwischen den Büchern besteht in der Behandlung des Anti – Helden Dudley Smith, der in „Blutschatten“ als ferner unbesiegbarer Schurke des Stücks präsentiert wird und den verzweifelten Hass von Lesern und Helden provoziert, in „Perfidia“ aber als Reiseführer durch den ganzen wilden Ritt fungiert und alleine schon durch seine Coolness zum Anti – Helden avanciert. Und hier nun zeichnen sich Probleme und Reiz des neuen Ellroy deutlich ab:

Der brillante und naive Autor wurde zum Star und in der Folge unzählige Male kopiert. Er hätte nun beim Weiterschreiten entweder die  Feinheiten seines Werks herausarbeiten und seinen Blick öffnen können, oder jeden Ballast von bürgerlichem Humanismus über Bord werfen, sich ganz in sein Spezialwissen verbeißen und sich zum Konzeptkünstler und Anti – Literaten stilisieren können. Ellroy ging konsequent den zweiten Weg, und aus seinen Tragödien wurden Verschwörungsschmöker mit einem nun wirklich allwissenden Autor, der sein Allwissen großzügig mit dem Leser teilt. Es ist ein Gefühl der Ermächtigung, dass den späteren Ellroy – Romanen ihren Kick verleiht, die unheimliche Welt wird dadurch besiegt, dass man ihr unter markigen Worten in die dreckigste Fratze schaut und dabei pessimistisch hochrechnet. Und im Unterschied zu seiner vorangegangenen Roman- Trilogie, die en passant u.a. das Kennedy – Attentat erklärte, geht es in „Perfidia“ um Schrecknisse in nostalgischen Sepiatönen,-wer sich hierzulande mit dem Jahr 1941 beschäftigt, zerbricht sich nicht unbedingt den Kopf über Grundstücksspekulationen in Los Angeles und genießt die Verweise auf Glen Miller – Musik vermutlich als Eskapismus (in Amerika ist die Rezeption offensichtlich ambivalenter und dreht sich stärker um die angeschnittenen Skandalthemen). Die Detailverliebtheit entspricht dabei der von Fantasy – Romanen und ermöglicht ein Gefühl der Kontrolle: solange wir wissen, dass ein Oger 102 Kilo wiegt oder dass Dudley Smith genau um 20:27 Uhr in den Dienstwagen stieg, sind wir nicht ohnmächtig. Wir lachen mit Ellroy (und Dudley Smith) Brecht und Kennedy ins Gesicht und kriegen auch noch Bette Davis ins Bett. Als Preis zahlen wir mit unserer Korrumpierung, und darin liegt die Perfidie, aber wie lässig und gut informiert wir korrupt sind! Und so können sich auch die fortschrittlichen Leser offen an „Perfidia“ erfreuen, die „Blutschatten“ noch heimlich unter der Bettdecke weggeputzt haben, denn das ganze Aufdröseln von herrschenden Machenschaften, kann sich beinahe wie Systemkritik lesen lassen, auch wenn es das Gegenteil ist, eben eine nebulöse Allmachtsphantasie. Immer sind wir in Ellroyland, und alles ist angeblich historisch verbürgt, also können wir uns entspannen und andere Maßstäbe anlegen als bei sonstigen Büchern voll von Polizeifolter und rassistischem Slang. Selten kam ein pechschwarzes„guilty pleasure“ seriöser daher, selten war die Lektüre so harte Arbeit.

Das alles ist jedoch leider kein Anlass, Ellroy abzuhaken und „Perfidia“ wegzulegen. Denn unter all dem monotonen Murks ist ja tatsächlich eine Geschichte verborgen, die bisher noch nie erzählt worden ist, auch nicht von Ellroy (womit weniger der historische Skandal der anti – japanischen Internierungen an sich gemeint ist, als Ellroys Art und Weise, damit von großer und kleiner Korruption zu erzählen, wie skizzenhaft, fragwürdig und repetitiv auch immer). Und immer wieder gibt es dann doch Sätze wie diesen zu heben:

„Uralte Klänge. Heidnische Schändung. Blut, Feuer, angekohlte Ratte am Stiel.“

Eben.                                                                                        

 

 

11.05. GDL - der Film

Amerikanische Prominenz kullert derzeit durch unsere Republik: John Irving weiht ein Mausoleum in Lübeck ein, Bruce Willis verstärkt die berliner Sicherheitskräfte, und wir lernen viel von ihnen. Aber trotzdem fehlt uns schmerzlich das amerikanische know – how beim versöhnenden Umgang mit brisanten Themen, genauer: es fehlt John C. Reilly als Weselsky.

 

Wenn wieder einmal Bahnverbindungen pünktlich zu den Feiertagen ausfallen, weil die Strecke zwischen Berlin und Hamburg noch mal zehn Minuten kürzer muss, oder in Hannover noch nicht genug „Nanu Nana“ – Filialen im Hauptbahnhof stecken, dann plakatiert die Bahn süßsaure Witzchen und Bilder von Comic – Maulwürfen, die uns da abholen sollen, wo wir stehen (nämlich am Bahnsteig und kurz vorm Zähnefletschen). Seit Jahren suche ich nach nur einer Charmeoffensive der GDL oder nach wenigstens einem drögen „Tut uns leid, aber…“. Nirgendwo auf der offiziellen Website der GDL findet sich auch nur eine schlichte Erläuterung der Streikziele für Nichtbahner, dafür gibt es rührend vereinsmeierische Artikel über die Geschichte der deutschen Bahngewerkschaft „bis 1900“ und die üblichen markigen Worte an Gegner und Kollegen. Potentielle Streiksympathisanten müssen sich durch jede Menge Mediengedöns kämpfen und sich mit gestressten Zugbegleitern unterhalten, während ihnen die Toilettentür ins Kreuz schlägt, um sich auch nur einen Überblick über die sehr berechtigten Forderungen und ihre Ursachen zu verschaffen. Nur die Botschaft, dass man hilflos am Bahnsteig steht, und dass das niemanden interessiert, die kommt unmissverständlich an. Am gestrigen Sonntag hat sich der unbeirrbare GDL – Chef endlich einmal mehr oder weniger an die Bahnfahrer gewandt, ohne sich reflexartig am Arbeitgeber festzubeißen, und den geschlauchten Kunden eine „Pause“ im Bewältigen von Streiks versprochen, die haben wir uns jetzt offensichtlich verdient. Und mit dieser gönnerhaften Nachricht fiel meine Solidarität zumindest vorübergehend ins Koma. Ich erwarte ja keine flotten Agit – Prop – Liedchen von der Bahn darüber, dass wir ja alle im gleichen Zug sitzen oder sympathieheischendes Puppentheater (auch wenn ich persönlich vermutlich beides schön fände, aber das ist vermutlich wirklich ein individuelles Problem). Aber ich will als heavy user von Zügen auch nicht als reiner Spieleinsatz oder Kollateralschaden fungieren bei einem Arbeitskampf, bei dem die zu verhandelnde Arbeit wenigstens teilweise darin besteht, Menschen wie mich (und mich!) von A nach B zu transportieren. Und ich kann die Weigerung, bei den Kunden um Verständnis zu buhlen, auch nicht mehr zur altmodischen Geradlinigkeit ohne Geschmuse schönreden, wenn dann doch phrasenhafte, flaue und herablassende Krokodilstränen kommen, sobald ich als Kunde plötzlich angesprochen werde.

Die Welt ist für die GDL in guter alter positivistischer Tradition ein Schachspiel, und der kleine Mann und die riesige Frau fallen dabei vom Brett. Da die Welt nichts weniger braucht als noch mehr Führerscheine und noch weniger Sozialfrieden, wird es Zeit für hastige menschelnde PR – Maßnahmen, und mein Vorschlag lautet: John C. Reilly. Klar, Filme brauchen viel Zeit, zum Drehen, Vor – und Nachproduzieren und vor allem für die Finanzierung und den Gang durch die Gremien. Aber bei „Bibi & Tina 2“ wurde doch erst jüngst ein Geschwindigkeitsrekord aufgestellt, und da ging es nicht einmal um eine Notsituation. Über die Frage Buck oder Fincher kam man ja später diskutieren. Also: John C. Reilly als Weselsky, Emma Stone als Reporterin von der FAZ. Sie hassen sich, sie nähern sich einander an, er redet von seinen schlimmen Kindheitserinnerungen (sein bahnbegeisterter Vater war trotz allem gegen den verstiegenen Berufswunsch Lokomotivführer und hätte ihn lieber als Astronaut gesehen) und gemeinsam besiegen sie Anthony Hopkins als Jasper von Altenbockum und erweichen Donald Sutherland als Rüdiger Grube.

Gemeinsam schippern schließlich Weselsky und die nachdenklich gewordene Reporterin durch die blühenden deutschen Landschaften, und er murmelt verträumt: „Mein Vater hat mir erzählt, was es bedeutet, einen Zug an seinen Bestimmungsort zu bringen.“

Licht fließt durch ihr Haar, und sie legt ihm den Arm in den Nacken: „Und was hat dein Vater dir sonst noch erzählt?“

„Er hat gesagt, trau nie einer Frau, die so lächelt wie du.“

Sie küsst ihn gierig. Der Zug fährt in einen Tunnel.

Etc.

05.05. "Trailer sind das neue Kino" (I)

(Man mag es cheesy, bigott oder kleinbürgerlich .- sentimental nennen, aber letzte Woche war mir angesichts des Erdbebens in Nepal nicht nach einem kleinen Blogeintrag über Trailer. Etwas Wesentliches und dann auch noch Kurzes zu sagen hatte ich zu Nepal aber auch nicht, darum: Schweigen. Anstelle dieses Textes:)

Der Wahnsinn hat seinen bisherigen Höhepunkt meines Wissens mit der vielbesungenen Premiere eines neuen Star Wars – Trailers/Teasers vor drei Wochen erreicht, sowie mit der Präsentation eines neuen Kurzfilms von David Lynch letzte Woche. Zu Letzterem zuerst:

David Lynch sollte letzte Woche den „Tribeca Award“ für „disruptive innovation“ erhalten (eine Formulierung, bei dem man mittlerweile reflexartig an digitale start ups denkt, deren Innovation sich darin erschöpft, irgendwie als lahm empfundene Gesetze zu umgehen, aber hier ging es wohl um die „Transzendentale Meditation“), er lieferte statt Auftritt und Dankesrede einen ca. 5 minütigen Film ab, der bald viral wurde. In diesem Film sieht man rund 4 Minuten nichts anderes als den unscharfen Kopf einer Barbie – Puppe, und dazu belehrt Lynch als Lynch übers Telefon die Puppe „Trixie“ (ebenfalls quäkig von Lynch gesprochen) darüber, was Meditation nicht bedeute (nackt in der Sonne liegen, den Freund treffen oder ins Kino gehen) und was sie bedeute (Transzendentale Meditation, die angeblich positiv und angstfrei macht). Dann kündigen beide eine „Überraschung“ an, und vor einem Vorschlaghammer stehen ein paar „Digibirds“, also fiepende digital gesteuerte Spielzeugvögel, und zwitschern „Bella ciao“. Dazu wird mehrfach emphatisch „thankyou“ eingeblendet. Das Verwirrende ist, dass dieses schlichte Bild mit zusammengekauftem Spielzeug wieder mal purer, aufwühlender Lynch ist (der verwackelte Puppenkopf vorher ist für einen Regisseur dieses Kalibers dagegen ziemlich dreist). Das Beruhigende ist, dass der Mann sich, wie immer, ordentlich zu amüsieren scheint (was dann doch wieder für TM spricht).

Der Wahnsinn setzte ein, sobald Fans umgehend begannen, das Kurzwerk zu interpretieren und es als Hinweis darauf zu lesen, dass Lynch nun doch die „Twin Peaks“ – Fortsetzung inszenieren würde. Furchtbarerweise war ich einer von ihnen, bzw., leuchtete mir die Argumentation unmittelbar ein: eine „Überraschung“ deutet auf eine Neuigkeit hin und erinnert an den Satz“Ich habe Neuigkeiten für dich“ aus „Twin Peaks“, die dort lauten „Dein Lieblingskaugummi kehrt bald in großem Stil zurück“ (in der deutschen Synchronfassung sogar: „deine Lieblingsfernsehserie“) und „Wo wir leben, singen Vögel, und die Luft ist voller Musik“. Wozu die anheimelnd furchteinflößenden digibirds passen würden. Und „thankyou“ könnte sich nicht nur auf den Preis für „disruptive innovation“ beziehen (was immer der konkret sein mag), sondern auf die „Save Twin Peaks“ – Kampagne im Netz (die selber bereits eine beachtliche Reihe an kleinen Fankunstwerken hervorgebracht hat).

Mit dieser Exegese des charmant – wirren 5 Minuten- Films haben wir natürlich den Bereich der Interpretation längst verlassen und nähern uns den Grauzonen der manischen Konstruktionen und besessenen Rationalisierungen (was wir beim Durchkauen von bild –, ton- und inhaltsreichen längeren Lynch – Arbeiten meiner Ansicht nach eben gerade nicht tun). Diese abrutschende Exegese ist aber vermutlich gewollt, genauso gewollt wie das Herumrätseln von „Star Wars“ – Fans, was der jüngste, in großen Kinos als eigenes Spektakel aufgeführte „Star Wars“ – Trailer über die Handlung des neuen Films im Dezember verrät. Man könnte meinen, wir würden in Zeiten filmischer Dürre leben, dass ein paar offensichtlich NICHT als selbständiges Werk funktionierende Minuten so ausufernd kommentiert und durchleuchtet werden. Aber umgekehrt wird ein Schuh draus: Gerade weil wir uns alle die Filmminuten in Dauervöllerei um die Ohren hauen, wird der besondere Kurzfilm zur Preziose. Er lässt sich sharen, verlinken und herunterladen, und dabei werden weder die Festplatte noch das Urheberrecht strapaziert. Wir schmecken endlich wieder die einzelnen Sekunden. Und wir sind endlich wieder einmal als hellwaches und aufgeregt durcheinander plapperndes Publikum gefragt, nicht als Abnicker Hunderter von Filmminuten.

Nach dieser Logik könnten wir uns jetzt natürlich auch alle auf bspw. die Filme von Man Ray oder auf experimentelle Animationen aus Südamerika stürzen, aber das wäre im Rahmen des großen, angeblich verbindenden Netzgebrumms vermutlich zu speziell, zu wenig kommunikativ und zu unvertraut. Der Trailer und seine öffentliche Auswertung sind vielleicht nicht das „neue Kino“ (wie hier und da schon zu lesen), aber möglicherweise für (gerade noch) jüngere Menschen die Entsprechung zur großen Samstagabendshow, immer noch nostalgisch, diesmal interaktiv und mit weniger Musik. Und da gibt es für die Abermillionen eben ein paar Bilder vom neuen „Star Wars“, für die Untermillionen eben die bizarren Dankesworte von David Lynch (auch wenn wir insgeheim vermutlich ganz genau die prosaischen Wahrheiten erahnen: die alten Darsteller werden zumindest im ersten neuen „Star Wars“ – Film kaum auftauchen, Lynch weiß noch nicht, ob er je wieder einen Film oder eine Serie inszenieren wird, und wir sitzen in jedem Fall immer noch auf unseren Schreibtischstühlen und haben kein neues Werk und noch nicht einmal gelungene Werbung gesehen). Wobei das Festklammern an Geschichten, die subjektiv bereits einmal Bedeutung gestiftet haben, für die Minifilmbegeisterung nicht obligatorisch ist (sondern lediglich zu besonders hitziger Aufregung führt): Auch Trailer für von niemandem als relevant empfundene Filme werden immer häufiger als Event, Kostbarkeit, Werk und Rohrschachtest gehandelt. Bald mehr dazu.

20.04. "Batman Eternal" und die Meta - Serie

Ob heimlich oder unheimlich, US – Fernsehserien haben sich zum kleinsten gemeinsamen Nenner unter gebildeten Menschen mindestens unter 50 gemausert, zum wetterfesten Gesprächsthema. Da kommen TTIP, ertrunkene Flüchtlinge und Günther Grass schon lange nicht mehr mit, und sei es aus Angst vor überraschenden Kontroversen (hier fehlen jetzt drei herausgekürzte Absätze, denn wir haben ja alle keine Zeit, und ich probiere das jetzt mal aus mit der Beschränkung auf Rezensionen). Obwohl „Daredevil“ und „Constantine“ durch die Streamingportale kobolzen, „Gotham“, „The Flash“ und „Agents of SHIELD“ durchs Fernsehen; obwohl „Preacher“ gerade prominent produziert wird, und unter uns, die ganze trübe neue Serienherrlichkeit ohne Vorreiter im Comic undenkbar gewesen wäre, bleiben Comicserien immer noch Subkulturlektüre. Jüngst wurde in den USA die Mammut – Serie „Batman Eternal“ mit der 52. wöchentlichen Ausgabe beendet (die deutsche Übersetzung ist, soweit ich weiß, mit ihren Doppelausgaben mittlerweile bei Heft 14, bzw. 7 angelangt),die einmal mehr zeigen sollte, wo der Hammer hängt.

Kurzer Rückblick: In den 1980ern durchlitten die USA unter anderem eine Superheldenkrise, die Postmoderne und ein sich mühsam entzähmendes Fernsehprogramm. X – Men - Hefte mauserten sich zur tonangebenden Seifenoper für entfremdete Teenager, und die Autoren Frank Miller (Sin city) und Alan Moore (V for vendetta, Watchmen) nahmen sich Batman vor und peppten die Figur und ihre Welt in prestigeträchtigen Miniserien und Einzelausgaben durch makabre Abgründigkeit, politische Kommentare, verschachtelte Erzählungen und literarisierende Monologe auf. Innerhalb weniger Jahre waren Dutzende selbstbewusster Künstler an Bord, von Moebius über Kevin Smith bis zu Harlan Ellison haben sich mehr große und einander ausschließende kreative Namen mit US - Bezug an „Batman“ versucht als an jeder anderen Comicfigur. Nur ein paar angeekelte Underground – Vertreter (darunter Crumb, Bagge, Sim und Daniel Clowes) zogen nicht mit, respektive wurden gar nicht um einen Beitrag gebeten. Beinahe alle erdenklichen Experimente, von Paralleldimensionen über alternative Geschichtsschreibungen und verschiedenste psychedelische Traumwelten, von gerasterten Bildern über Strichmännchen bis zu Ölgemälden und Computerpixeln wurden an Batman durchexerziert. Batman wurde zu Dracula und zum Phantom der Oper und traf Houdini. Batman – Comics behandelten Polizeigewalt, anarchistische Theorien und alten Jazz. Ob Ökologie, Waffenhandel oder Kindesmissbrauch – beinahe jedes heiße Topic wurde in den diversen „Bat – Serien“ (so der offizielle Ausdruck) ähnlich umfassend und konsequent aufbereitet wie im „Tatort“, dafür aber eben greller und mit interessanteren Bildern. Nur als der gealterte und weit nach rechts gerückte Frank Miller Batman in den „Krieg gegen Terror“ schicken wollte, schritt DC dankenswerterweise ein. Ansonsten verbat es sich Erotik und ein Verlassen des düsteren Settings zwischen grimmigem Superheldenepos, schwarzer Romantik und „hard boiled“ Detektiverzählung. Batman verbrachte 1999 ein (sehr unerfreuliches) Jahr in einer rechtlosen, von der USA abgesonderten Stadt (was in „The dark night rises“  genauso wieder aufgegriffen wurde wie im „Simpsons“ Kinofilm und „Under the dome“), zeugte diverse Nebenserien über Nebenfiguren und wurde schließlich von dem schottischen Autor Grant Morrison getötet, durch die Zeit geschickt und durch metatextuelle Abenteuer gejagt, in denen er mit seiner eigenen wechselhaften Comicgeschichte und verschiedenen Konzepten von Magie konfrontiert wurde. Immer wieder hieß es dabei schon seit Mitte der 1990er Jahre, nun sei die Figur aber tatsächlich auserzählt. Doch der nächste hungrige Autor rückte nach, Filme und Computerspiele schlugen ein, und der Verlag DC reagierte auf jeden erfolgsversprechenden Impuls mit Tonnen an bedrucktem Papier.

Im Fahrwasser des „Batman“ – Rummels ließ DC vor allem englische Autoren vergleichsweise wilde und persönliche Serien jenseits der Superhelden entwickeln, die das serielle Erzählen um einige neue Modelle und Strategien erweiterten, deren Fortschreibung wir derzeit in beinahe allen akutellen dramatischen amerikanischen Fernsehepisoden erleben können. Es ging und geht dabei um milde narratologische Sperenzchien und unaufgelöste tiefe Subtexte in Verbindung mit einer formalen und vor allem inhaltlichen Erkennbarkeit als Serie für eine verlässlich belieferte Zielgruppe. Denn genau das Serienformat sollte nicht in Frage gestellt, sondern wiederbelebt werden (und sei es in einer Anthologie – oder Miniserie).

(Nachtrag: Inhaltlich und ästhetisch leiten sich die neuen Serien zum Teil deutlich nicht von Comics ab,- wenn auch weit häufiger, als man zunächst denken könnte,- da spielen sicherlich "Twin Peaks", bestimmte Filme und Romane eine entscheidendere Rolle. Ich rede hier von der Anordnung und Präsentation des Materials auf Serien - oder Mehrteilertauglichkeit hin)  

Die Batman- Redaktion, die sich ihrer eigenen Rolle beim Serienrummel mehr als bewusst ist, greift bei „Batman Eternal“ nun die jüngsten Fernsehentwicklungen auf und will sie überbieten: Ein Hauptautor (der von Stephen King eifrig gelobte Scott Snyder) fungiert wie ein „Showrunner“, vier untergeordnete Autoren sind unter seinem Diktat allgemein für unterschiedliche Facetten und Figuren der  Erzählung verantwortlich und sind Hauptgestalter einzelner Episoden, die parallel entstehen. Zeichner (vergleichbar mit Regisseuren) spielen dabei eine untergeordnete Rolle, aber dürfen ihren jeweiligen Stil vorführen, was eine gebremste ästhetische Vielfalt ermöglicht.

Zur Feier des 75. Geburtstags der Batman – Figur sollte „Batman Eternal“ alle beliebten, sonst eher getrennt voneinander behandelten Aspekte dieses synthetischen Mythos präsentieren: es ist gleichzeitig eine Detektiv- , Gangster- , Polizei – und Horrorserie, eine ausgiebig menschelnde Superheldenseifenoper und das Papieräquivalent zu einem apokalyptischen Sommer – Blockbuster. Wenigen neuen Figuren steht eine Hundertschaft bereits eingeführter Charaktere gegenüber, die zum Teil wie frisch geschlüpft neu vorgestellt, zum Teil radikal verändert werden. Theoretisch sollte das alles wohl ohne Vorwissen genießbar sein, praktisch werden sich Neuleser ob dieses selbstverständlichen (aber wohlgeplanten) Durcheinanders und ständiger kleiner Anspielungen wohl am Kopf kratzen (die deutsche Ausgabe bei Panini ist redaktionell begleitet, doch die zur Verfügung stehenden Seiten reichen nicht annähernd aus, um Hintergründe und Vorgeschichten aller Nebencharaktere aufzudröseln). Vermutlich sollte dieses Mammutprojekt allgemeines Pressecho auslösen (was ausblieb) und einen harten, zahlungskräftigen Kern von Fans von cleveren Fernsehserien zurücklocken (für Kinder oder schreckhaftere und spaßsuchende Jugendlichen ist das alles, wie schon länger bei „Batman“, nichts mehr).

 

Es beginnt auf der ersten Seite in der nahen Zukunft: ein demaskierter, angeketteter Batman wird gezwungen, sich seine brennende Stadt anzuschauen. Dann springt die Geschichte zurück, bis sie in Ausgabe 50 nach gut 1000 Seiten wieder die Eingangsszene erreicht. Dazwischen liegt ein elaboriertes Garn über Serienmörder, Unterweltkriege, Geister in der Nervenklinik für Verbrecher und, vor allem, über zwei unterschiedliche Teenager- Mädchen, die zu maskierten Vigilantinnen werden. Es gibt Cliffhanger und Actionszenen, abgetrennte Arme und schnippische Dialoge, und ganz offensichtlich soll das nun alles auf einmal sein, „Buffy“ und „True detective“, „Orphan black“ und „Boardwalk Empire“ und „Amercian horror story“. Und dazu Batman, Catwoman und alle farbenfrohen Schurken (nur der Joker wurde für eine sich anschließende Miniserie aufgespart). Irgendein kohärenter Subtext lässt sich dabei nicht mehr ausmachen: die Story beginnt beispielsweise mit dem guten Polizist Gordon, der aufgrund eines fiesen Hypnosetricks, denn so läuft das ja, auf einen Unbewaffneten schießt, aber direkt im Anschluss wird eine korrupte und vorurteilsbeladene Polizei gezeigt. Und an die mittlerweile obligatorische Problematisierung des Superhelden als das größte Problem der Superheldenwelt schließt natürlich eine Batman – Kampfszene mit allem Krach und Wumm und irren Perspektivwechseln an. Unerlöst rotiert der Comic um seine Themen, ohne noch irgendetwas anderes zu wollen als immer neue Nuancen in immer neuen byzantinischen Nebenhandlungen anzureißen. Die Ideen bleiben dabei erzählerisch und visuell sowieso weit hinter den besten Batman – Comics zurück (von anderen Comics ganz zu schweigen), aber alleine durch den Umfang des Projekts wird das serielle Erzählungen mit all seinen Haken und Überraschungen so durchexerziert wie noch niemals vorher und selber zum eigentlichen Thema. Hinter jedem enttarnten Superschurken versteckt sich ein weiterer Superschurke. Jedes Panel ist ein Hinweis, jede Sprechblase Teil eines Charakterbogens.

 

Während „Batman Eternal“ erschien, brachte DC unbeirrt weiter seine regulären „Batman“, Bat- dies und Bat – das- Reihen heraus, dazu Sonderprojekte, „graphic novels“ und Nachdrucke. Hier sollten keine neuen Leser gewonnen, höchstens umgeschichtet, hier sollte ein Exempel statuiert werden. Wer sich eine ausufernde Superheldenstory in direkter Konkurrenz zu fortlaufenden Reihen mit der gleichen Besetzung ein Jahr lang jede Woche 3 Dollar kosten lässt wie ein kostbares Dessert, der schaut sowieso auch Fernsehserien für Geld und soll hier mit der nouvelle cuisine der Cliffhanger und running gags beliefert werden. Da ich es selber nun keine 150 Euro für „Batman Eternal“ über habe und mich daher an diverse Einzelhefte und die peniblen Zusammenfassungen und Kommentare im Netz halten muss, bin ich wohl, wie wir alle, doch nicht Zielgruppe genug und nicht wirklich in der Lage, zu beurteilen, wie relevant dieses Monsterprojekt für die Zukunft dessen ist, worüber wir reden, wenn wir nicht von TTIP, Flüchtlingen oder Günther Grass reden wollen (und was unsere Gespräche darüber heimlich prägt).

Aber: ist es.

13.04. "Concept"

Von Zeit zu Zeit stolpert man über kulturelle Artefakte, die wie Fundstücke aus einer herrlich naiven fortschrittlichen Zukunft anmuten. Mit einem Mal kann man sich vorstellen, neben einem plappernden Delfin in einem solarbetriebenen Luftschiff über wild begrünte High Tech – Städte ohne Armut zu schweben. Das kleine, energieeffiziente Schlumpfhaus in Metz, in dem das neue Centre Pompidou untergebracht ist, hat, eher von außen, auf mich einen solchen Effekt (das Mutterhaus in Paris hatte ihn sicherlich auf frühere Generationen), und manche Lernsoftware(das utopische Glimmen in weniger repräsentativen, alternativeren Produkten für eine bessere Welt hat noch eine andere Färbung, ist krümeliger und voller Blut, Schweiß und Tränen). Und das französische Brettspiel „Concept“, das nun auch bald seit einem Jahr in Deutschland erhältlich ist, aber dieses Blog hatte ja Sendepause. „Concept“ von Alain Rivollet und Gaetan Beujannot stand auf der Auswahlliste zum „Spiel des Jahres 2014“, aber verlor gegen eines dieser Strategiespiele mit gemäßigter Runenoptik. „Concept“ ist eine majestätisch schlichte, quadratische Schachtel in cremigem Weiß und kleinteiligem Bunt. Darin liegen ein Spielplan mit vielen Bildern, voller  farbiger Ausrufungszeichen (und ein Fragezeichen) aus Plastik, kleine Plastikquadrate, Glühbirnen aus Pappe. Aufgabenkärtchen und Erläuterungen. Es handelt sich um eine „Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst“ – Variante, bei der einmal mehr vorgegebene Begriffe geraten werden sollen. Eine/r zieht eine Karte voller Begriffe und Redewendungen, pickt sich eine Vorgabe davon heraus und legt los. Er/sie verteilt das Plastikfragezeichen, die Ausrufungszeichen und die kleinen Klötze auf dem Spielfeld. Das Spielfeld besteht aus piktogrammartigen, bunten Zeichnungen, die in Zweierreihen zumeist Gegensatzpaare darstellen: Mann/Frau, Tier/Pflanze, klein/groß, Beruf/Freizeit, usw. Es sieht aus wie die schwer moderne Version eines Glasfensters in der Kathedrale, durch das die Erinnerung an hundert Jahre verspielte französische Gebrauchsgrafik spuken. Das Fragezeichen kommt neben die subjektiv wichtigste und allgemeinste Kategorie, die Ausrufungszeichen neben Unteraspekte, die kleinen Klötze dienen zur näheren Beschreibung (steht bspw. ein rotes Ausrufungszeichen neben einer Nase, beziehen sich mit roten Klötzchen markierte Felder auf diese Nase). Bei einem ersten Versuch, suchen beinahe alle nach einem objektiven Code im Spiel, den es natürlich nicht gibt. Der gesuchte Begriff oder Satz lässt sich auf unendlich viele unterschiedliche Arten zergliedern, und die auf den ersten Blick so streng unterscheidenden Felder entpuppen sich als vieldeutig: ein gezeichneter Totenkopf kann alleine laut Anleitung „Tod, böse, Krankheit“ bedeuten, im konkreten Spiel kommen rasch noch „Skelett“, „giftig“ und „Pirat“ dazu, ein Smiley kannn sowohl „lieb“ als auch „vegnügt böse“ oder „zahm“ umschreiben, usw. Verschiedene, eindeutig wertende Begriffe wie klug/dumm oder schön/hässlich fehlen auffällig, dafür gibt es so hilfreiche Kategorien wie „imaginär“, „religiös“, „politisch“ oder „aus Holz“. Nun orientiert sich A vor allem an Formen und Farben (und ein Opernhaus ist in erster Linie groß und rund, was die anderen Spieler verzweifeln lässt), B an theoretischen Unterscheidungen (dann muss der Delfin vor allem ein Säugetier sein, was sich nur unter Mühen darstellen lässt) , C will vor allem ethisch gewichten (und beschreibt Onkel Dagobert erst einmal als böse, was die Raterunde auf die falsche Spur bringt) und D orientiert sich in erster Linie an gemeinsamen Erinnerungen mit A (wobei dann der Eiffelturm zuvorderst durch „Urlaub“ definiert ist). Das scheinbar so digitale Spiel entpuppt sich als hemmungslos analog, wir sehen anderen beim Denken zu und kommunizieren mit ihnen darüber (ich selber neige zu wenigen Unterkategorien, aber gebe mir bei der Reihenfolge der gesetzten Steine große Mühe, was mich häufig unter Rechtfertigungsdruck bringt). Das mag vielleicht alles jetzt klug und blutleer an eine Teerunde auf dem Zauberberg erinnern, aber die Entdeckerfreude an diesem Nicht – Rebus und die ständige fröhliche Panik, nicht – nachvollziehbaren Murks zu legen, sorgt für schrill erhitzte kurze Runden. Und währenddessen evolvieren unsere Hirne wie die der Aliens aus der alten „Star Trek“ – Doppelfolge. Gewinnen lässt sich „Concept“ theoretisch auch, dafür gibt es komplexe Punkteregeln und die Glühbirnen aus Pappe, aber laut eigener Aussage sehen die Macher das als Konzession an die „deutschen Spieler“, die bei einem Spiel Sieg oder Niederlange bräuchten. Die Glühbirnen wandern am Besten sofort in den Giftschrank, wie, nach einer Aufwärmphase, auch die Karten, denn schließlich lassen sich die Grenzen des Spielbretts und des Nach - Denkens mit eigenen Begriffen sehr viel wilder austesten. Vermutlich würden sich auch Beziehungsstreits über „Concept“ luftiger austragen lassen, aber dann sucht man sich vielleicht doch besser eine Paartherapie. Nach etwa einer halben Stunde rauchen bei „Concept“ allerdings die Köpfe und rückt der reichlich nackte und vorsichtig – didaktische Kern des Spiels unübersehbar in den Vordergrund. Also: nichts für lange Spieleabende, besser aufhören, solange der unbegrenzt wiederholbare irre Rausch am De- und Rekonstruieren noch bunt und golden in einer Atmosphäre des gegenseitigen Verständnisses leuchtet. Die neue Welt zieht sich währenddessen hinter dem Vorhang die Schuhe an und scheint für einen Moment ganz nahe. 

Ich selber scheitere, bei den Karten aus dem Giftschrank, allerdings regelmäßig an der unmittelbar verständlichen Umsetzung von „Morgenstund hat Gold im Mund“ (ja, Uhr, Sonne, Geld, Mund, schon klar, hilft nichts), doch das ist ja ohnehin gelogen.

 

 

07.04. "The Babadook" und der allein erziehende Horror

Doch wieder was mit Film: „The Babadook“ (Buch und Regie: Jennifer Kent, mit Essie Davis und Noah Wiseman), ein kleines australisches Horrorstück, kassiert hymnische und perplexe Kritiken und kriecht langsam auch nach Deutschland. Ich wollte ihn mir schon vor dem prasselnden Lob bei der bisher einzigen (!) Aufführung in Berlin anschauen, weil ich durch Titel, Plot und Plakat völlig irreführend angefüttert war, aber kann nicht mit Kalendern umgehen und schmorte darum die letzten Monate in hilfloser Vorfreude. Nun ist zumindest sehr rasch die englische DVD erschienen und in der Videothek aufgetaucht, und es wird synchronisiert. Wenn der Film es auch hierzulande bis zu den seriösen Kritikern schafft, könnte er auch hierzulande ein kleines Phänomen werden. „The Babadook“ handelt theoretisch von einem bösen, makabren Bilderbuch, das ein Eigenleben annimmt und verspricht märchenhaften jungianischen Grusel für die Fan – Meuten von Tim Burton und Neil Gaiman. Tatsächlich ist es eine brillante, freudlose und freudianische Strapaze ohne jedes postmoderne Gewaber. Eine verwitwete alleinerziehende Mutter und ihr schwer verstörter beinahe siebenjähriger Sohn entfremden sich mehr und mehr von ihrer mitleidlosen Umwelt und machen einander das Leben zur Hölle. Dass sie tatsächlich über ein morbides Pop up – Kinderbuch in Edward Gorey – Optik stolpern, das einen lauernden schwarzen Mann freisetzt, macht den Film erträglich. Streng genommen reichlich kindische Schockeffekte mit anonymen Anrufen, Schlägen gegen die Haustür und einem Monster in den Ecken sorgen für ein wenig Entspannung bei dem quälend langsamen Abstieg der Mutter in allumfassende Paranoia. Der ist messerscharf gestaltet: alle Schnitte sind zu schnell, alle Gesichter zu aufgewühlt, alle Töne zu schrill (das Rollen von Bingokugeln in einer Seniorenklinik zerrt an den Nerven wie anderswo nur kratzende Geigen). Amalia, die selbstgerecht gepeinigte Mutter, und Sam, ihr aggressiv verängstigter Sohn, sind hochgradig unangenehme Figuren, wie sie vor uns mit ihren Ticks und Erbärmlichkeiten seziert werden. Jedes Lachen von ihnen ist ein verzerrtes Weinen, in jedem Weinen liegt ein schiefer neurotischer Triumph. Sie fühlen sich unwohl in ihrer Haut und verrenken sich wund vor den Blicken von Lehrern und Nachbarn (fahle und gnadenlose lichtdurchflutetete Gespenster) und uns. Wir wollen nicht, dass Sam seine Cousine aus dem Baumhaus schubst, wenn sie spöttisch über seinen toten Vater redet, aber er tut es. Wir wollen nicht, dass Amalia Sam in Kleidern zu sich in die Badewanne zwingt, um nicht alleine zu sein, und sie tut es natürlich, und Schlimmeres. Optisch spielt „The Babadook“ drinnen in einem heruntergekommenen Ikea – Katalog, zwischen schimmelnden Möbeln im Landhaus – Stil, draußen in einer abweisend hellen Welt ohne Ruhepunkte. Amalia und Sam bannen den „Babadook“ schließlich dadurch in den Keller, dass sie die Erinnerung an Sams toten Vater endlich zulassen. Ohne dieses karge und glaubwürdige Happy end wäre der Film eine reine Tortur (und ein prima Prequel zu „Requiem for a dream“, an den auch Schnitt und Ton erinnern). Da der Genre – Aspekt reichlich uninspiriert und inkonsequent behandelt wird, könnte man fragen, warum „The Babadook“ ein Horrorfilm sein muss. Meine Antwort wäre: weil er einer ist.

 

Einen kleinen Teil der Ostertage verbrachte ich mit Diskussionen über die Definition dieses Genres (der Rest der Feiertage war seltsamer). Eine Bekannte, eine Bühnenbildnerin (nein, keine bekannte Bühnenbildnerin, auch wenn das gerecht wäre), war entgeistert, dass ich „Rosemarys Baby“ und „The shining“ zu den Horrorfilmen zählte, ich war entgeistert, dass sie das nicht tat. Anwesende Freunde versuchten, zu vermitteln, aber wir blieben beide unbelehrbar (ja, so kann man seine Zeit auch verbringen). Die Nachschlagewerke auf meinem E- Reader überzeugten die Bühnenbildnerin achtbarerweise überhaupt nicht: technisch möge man die Filme zum Genre zählen, aber Rezeption, Zielgruppe und Aussage seien nicht die des Horrors. Bei aller Sympathie geht es natürlich dabei einfach auch um Vorurteile: Horrorfilme sind für viele babbisch, dreggisch un`bäh, wie wir Hessen sagen, ein guter Genrefilm kann quasi nicht zum Genre gehören, weswegen u.a. der klassische Grusel mittlerweile auch unter dem Tarnnamen „Mystery“ läuft. Tatsächlich loten viele hervorragende Filme die Grenzen des Genres aus, aber „Rosemarys Baby“ und „The Shining“ mit ihrer sauberen Horrordramaturgie und ihrer unbeirrbaren Horrorthematik gehören nicht dazu. Es bleiben hervorragende Horrorfilme. Das Genre der Komödie reicht z.B. von „Am goldenen See“ (zwei Stunden lang schmunzelt der alte Henry Fonda in sich hinein) bis hin zur „Nackten Kanone“, vom „Epic movie“ bis zu „Sein oder Nichtsein“. In jedem Genre ist, wie Harlan Ellison schrieb, fast alles Mist, nur schreien die Liebhaber von bspw. „Tootsie“ nicht auf, wenn der Begriff „Komödie“ fällt. Ohne mich hier vulgärpsychologisch zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, vermute ich, dass die Schublade „Horror“ die behandelten Ängste in den Augen ihrer Kritiker zu stark relativiert. Und genau das macht das Genre so wertvoll.

Der Horrorfilm operiert deutlicher als andere Genres mit zwei einander ergänzenden Prämissen: 1. Hier geht es um ernste Dinge. 2. Wir behandeln sie mit Hilfe zum Teil sehr greller Metaphern als verrückte Träume. Die absurderen Aspekte von „Pretty woman“ lassen sich (offensichtlich) übersehen, aber dass Rosemary ein New York voller Satanisten erlebt, nicht. Wenn dann auch noch zusätzlich Rosemarys Leidensgeschichte zu den Geisterbahnen gezählt wird, geht das manchen mitfühlenden Zuschauern offensichtlich zu weit. Es werden schließlich echte und brisante Themen behandelt. Natürlich, dafür haben wir ja filmische Geisterbahnen. Für entfremdete Teenager mit unklarem Liebeskummer ist ein guter Slasher (sowas gibt`s) ja auch kein Spaß, sondern eine korrekte Abbildung ihres inneren Erlebens. Ja, eine schwangere Frau kann sich fühlen, als wäre sie vom Teufel vergewaltigt und von ihrem Mann an eine Gesellschaft von Satanisten verkauft worden. Und ihr einziger Trost mag in dem ambivalenten Gefühl liegen, den Antichristen zur Welt zu bringen. Es gibt solche Situationen, und darum gibt es solche Geschichten. Ein klassisches Psychodrama oder ein genrefreies Psychogramm könnte diese Emotionen in all ihrer Schärfe nicht ungebrochen darstellen. Es müsste offensichtlicher und darum vorsichtiger von Eheproblemen erzählen, vom Eiertanz der Heldin in Bezug auf gesellschaftliche Konventionen, der Ausdruck, der Aufschrei, die Angst würden verwässert. Zum Ausgleich für das selbstgerechte Schwelgen in Bedrohungs – und ( vor allem Selbst)Bestrafungsszenarien kommt auch der ernsteste Horrorfilm mit eingebauten Gänsefüßchen daher, und die entscheidenden Gänsefüßchen sind der Begriff „Horror“, und sie sind nötig, nicht obwohl, sondern weil hier mit äußerst realen Ängsten jongliert wird.

„The Babadook“ schildert eine klaustrophobische, hasserfüllte Symbiose zwischen Mutter und Kind, gegen die Verwandte, Freunde und das Jugendamt machtlos sind. Dabei werden Mutter und Kind nicht geschont, wir kriegen gnadenlos vorgeführt, wie sie sich selber in die Isolation zwingen. Doch durch die Konzentration auf den Alptraum der Situation können in diesem Zusammenhang unwichtige Nuancen wie das Jugendschutzgesetz in Australien, die vorwurfsvolle Arroganz der Tante und der Beruf des toten Vaters augeblendet werden (ein Horrorfilm über australische Jugendämter würde entsprechend die verrückte Mutter nur als Nebenthema behandeln, andere Filme könnten zombieartige Tanten oder das Geheimnis des Geistervaters behandeln). Das raunende Monster des „Babadook“ bringt die Mutter beinahe dazu, ihm den Sohn zu opfern und zwingt Mutter und Sohn schließlich zur heilsamen Trauer um den Vater. Ließe sich ein solcher Prozess ohne „Babadook“ und blutige Messer deutlicher und eleganter erzählen? Wann wurden Schwangerschaftsneurosen ohne Teufelsanbeter ähnlich nachvollziehbar geschildert wie in „Rosemary`s Baby“?

 

Dass „The Babadook“ tatsächlich, wie u.a. von Maryann Johannson behauptet, das Horror – Genre neu definieren wird, wage ich allerdings zu bezweifeln. Im Unterschied zur Zeit von „Rosemary`s Baby“ hungern meiner Einschätzung nach gerade weder Feuilleton noch Publikum nach der brutal treffenden Darstellung aktueller und scheinbar hochindividueller Ängste. Die möglicherweise dankbaren Zielgruppen werden entweder von der Grimmigkeit oder vom Label „Horror“ abgeschreckt werden, und im Unterschied zu „Rosemary“ und „The Shining“ haben wir es hier weder mit einer Bestsellerverfilmung, noch mit einem nennenswerten Werbebudget zu tun. Also alles wie immer.

30.03. "High Maintenance" und die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit in Bezug auf "Birdman"

(Dieses Blog war eine Weile stumm, was an Weltwut, Sachtextabstinenz und allgemeiner digitaler Migräne lag. Nach kurzen und wirren Gesprächen mit lieben Lesern darüber, was für Schnipsel an dieser Stelle Sinn ergeben könnten, will ich von nun an etwa einmal die Woche unsortierte und unsachliche Kurzrezensionen einstellen).

 

 

 

Seit etwa einem Monat liegt die neue Staffel der Webserie „High Maintenance“ von Katja Blichfeld (Buch, Regie, Besetzung) und Ben Sinclair (Hauptdarsteller, Buch, Schnitt, mittlerweile auch Regie) nun komplettiert bei „Vimeo“ herum und kostet Geld. Dieses neue Bezahlmodell (vorangegangene Folgen waren kostenlos gewesen) stößt auf meist unwirsche Reaktionen. Sicherlich auch, weil trotz sichtbar höherer Budgets und sorgfältigerer Planung und Machart die neuen Geschichten über aus ihren Leben fallende New – Yorker zwar wieder großartig gewoben sind, aber keinen mit dem Preis vergleichbaren Sprung nach oben machen. Vor allem aber zeigt sich am Unmut wohl einmal mehr, warum die Digitalkultur vermutlich nicht den Weg von u.a. Alternativkultur und Schwulenkultur zu eigenen Ufern gehen wird, sondern zum Teufel: 6 Euro 50 für zwei Stunden erlesenen Films auf der Festplatte sind echtes Geld, aber in den Läden der Zielgruppe gibt`s dafür keine drei Bier und kein halbes T – Shirt. Genauer: Der Besuch eines Programmkinos kommt auch nicht günstiger. Aber vermutlich schadet es „High Maintenance“, dass es weder heißer Hochglanz wie bspw. „Mad Men“, noch ein Garagen – Gebräu ist, das von unserer Insiderliebe leben würde. „High Maintenance“ ist ein (im Guten wie im Bösen) hochprofessionelles Independent- Programm ohne Gimmicks und ohne größere Kompromisse, das keine Szene umgarnt, dafür ernsthafte Fans und Bewunderer sammelt, egal, was du und ich tun, und ohne irgendeine Finanzierung wohl nicht weiterbestehen kann. Beim Biertrinken kann man sich zeigen, mit einem T – Shirt kann man sich zeigen, mit „Mad Men“ – Wissen kann man hier und da, mit Garagen – Wissen vereinzelt und nachhaltig Distinktionspunkte sammeln. Genuss an einer schönen Sache (salopp gesagt: „girls“ ohne Sexszenen, dafür mit Figuren und Geschichten) scheint da im Vergleich zu wenig zu sein. Irgendetwas läuft hier furchtbar falsch.

Ein Schritt zurück: „High Maintenance“ erzählt in 19 ca. 5- ca. 30minütigen Folgen beinahe alltägliche, grob in sich abgeschlossene Tragikomödien aus New York, die an irgendeinem Punkt das Tagwerk eines namenlosen Dealers für Gras (Ben Sinclair) berühren. Eine distinguierte Bildungsbürgerin möchte eine junge, krebskranke Freundin unter Drogen setzen, damit die endlich mal etwas isst. Die religiöse Feier einer heimlich zerstrittenen Familie gerät zur komischen Katastrophe. Ein Bühnenkomiker überlebt ein Massaker. Ein Mann stolpert in eine sehr romantische Affäre mit einer Frau, die ein Geheimnis hat (Inhaltsangaben verraten bei dieser Serie häufig zuviel). Illustriert wird das Ganze durch flirrende Momentaufnahmen einer malerisch zerfallenen Stadt voll farbenfroher Graffiti und schiefer Ecken. Die Schauspieler agieren schamlos und gleichzeitig zurückgenommen. „High Maintenance“ ist ein wahrgewordenes Klischee: die Episoden sind „kleine“, „behutsame“ Filme voll „besonderer Momente“ und „unverwechselbarer Figuren“, bei denen dem Publikum „das Lachen im Halse steckenbleibt“. Irgendwann musste ja mal etwas gedreht werden, auf das diese Standardfloskeln tatsächlich zutreffen. Und zwar mit einem zirpendem und ätherisch knatternden Electro – Folk – Soundtrack.

Die neuen Folgen spinnen ein paar schon einmal gestreifte Schicksale weiter und erzählen vornehmlich von einem New Yorker Kreativ – Milieu in der Dauerkrise: da wälzt ein gesetzter Mann Survival – Überlegungen, da versucht sich ein asexueller Bühnenmagier als Lehrer in einem sozialen Brennpunkt, da zieht ein hippes Paar in die Vorstadt und will sich dabei als Avantgarde fühlen. Alles erscheint noch ein klein wenig geschlossener und schichtenspezifischer als früher, zum Ausgleich stolpert unser Nicht- Held, der „Weed guy“ (bisher meist nur Katalysator, manchmal Shakespeare – Narr) zusätzlich über randständigere Existenzen und darf/muss ein wenig mehr zur eigenständigen Schelmenroman- Figur werden. Die fünfte Staffel ist elektrisierend gut geworden, aber ob sie, siehe oben, wesentlich mehr oder anderes bietet, lässt sich in der Kürze schlecht sagen. Und kann eben nicht die Frage sein.

Nicht nur zum Abgleich habe ich vor ein paar Wochen und nach ein paar Wochen doch noch „Birdman“ im Kino gesehen und überrascht festgestellt, dass es eine regelreche Flucht vor diesem Film gibt. Während viele kluge Menschen das Theaterdrama lautstark feiern, verweigern sich andere heimlich und hartnäckig.

"Vor dem hab ich Angst." bekennt ein lieber Freund gepresst. "Wie schlimm ist es denn?" Eine andere fragt müde: "Stecken da wieder irgendwelche deutschen Fördergelder drin?" Und immer wieder heißt es: "Das kann ich nach diesem Hype nicht sehen." 

Nun hat „Birdman“ ja nicht einfach ein Drumrumgetöse aufgedrückt bekommen, der Hype ist dem Film eingeschrieben (ohne einen bekannten Hauptdarsteller wäre er vermutlich nicht einmal geschrieben worden, geschweige denn produziert), und die Handlung kreist um die Frage nach den jeweiligen Wertigkeiten verschiedener Hypes für ein Kulturprodukt. Obwohl „Birdman“ tolle Kamerafahrten und Schauspieler und Szenen und eine Menge angekauter Motive zu bieten hat, löst er dieses Thema selbstbewusst nicht auf:

Wenn in einem Hollywood - Film ein Theaterregisseur/schauspieler/produzent/autot die Mühen einer Raymond Carver- Inszenierung ausdrücklich nicht für das Publikum, die Kunst, eine große Idee, seine verlorene Liebe oder seinen authentischen Selbstausdruck auf sich nimmt (wie in den klassischen Künstlerfilmen), sondern einzig alleine aus vager, selbsthassender Eitelkeit heraus, und wenn in der Filmhandlung als Ergebnis dieser Strapazen keine Erlösung steht, keine herzensprengede Aufführung o.ä., sondern nur ein kruder, ironisch betrachteter Medienhype, dann ist das natürlich mutig. Aber: was soll`s?

Das weiß auch der Film nicht, und deswegen präsentiert er auch gleich drei (!!!) Variationen des gleichen Endes, ohne zu irgendeinem Abschluss kommen zu können. Ja, es gibt spektakuläre fusselige Bilder ohne Schnitt, malerische Hinterhöfe und verhalten knisternde Szenen. Aber wieso sind plötzlich Menschen interessiert an filmischer Ästhetik, die sonst Fragen nach der Beleuchtung als verstiegen abtun?

Und hier, wo wir unter uns sind, noch ein kleiner Nerdeinwand: In „Birdman“ war Riggan Thomson (Michael Keaton) der Superheld „Birdman“ in drei Filmen, lehnte dann den vierten aus künstlerischer Integrität/Müdigkeit heraus ab, wird von der weiten Welt immer noch als „Birdman“ gesehen und ärgert sich manchmal insgeheim über die verpasste Chance (andere Schauspieler wurden/blieben reich und glücklich als Superhelden).

Der echte Michael Keaton (bekannt als Filmkomiker) stand jedoch 1989 als Besetzung für „Batman“ unter dem Dauerfeuer ätzender Kritik, und heute vertun sich selbst Fans dieses „Batman“ – Films häufig bei der Frage nach dem Hauptdarsteller (Jack Nicholson als Joker, Kim Basinger, Prince und später der Regisseur Tim Burton dominierten Berichterstattung und Fanhingabe). Dieser „Batman“ Film leitete seinen horrenden Erfolg aus der Ausstattung und dem Vorhandensein eines bizarren „Batman“ Kults Ende der 1980er Jahre (aufgrund hervorragender Comics) ab. Beim Dreh der Fortsetzung „Batman returns“ beschwerte sich Keaton zu Recht, er und Batman würden zugunsten der Schurken Michelle Pfeiffer, Danny de Vito und Christopher Walken zu Nebendarstellern degradiert werden, und „Batman returns“ geriet 1992 zu einem solchen Flop, dass weder Keaton noch Burton ein weiterer Film der Franchise anvertraut wurde. Christian Bale dürfte in der Rolle sowohl die Erinnerung an Keaton, als auch an den in „Birdman“ ironisierten Clooney weggewischt haben, niemand will Keaton wieder als „Batman“, und unsterblich (plusminus) bleibt er als „Betelgeuse“/“Beetlejuice“ und als Cop in „Out of sight“. Keaton ist so wenig „Superheld“ wie sein Co – Star Edward Norton (der als „Hulk“ scheiterte), und dafür gibt es jede Menge Gründe, die in „Birdman“ gehört hätten, wenn der Film sich tatsächlich für sein Thema interessiert hätte. Dann wäre auch die Auseinandersetzung mit der grotesk mächtigen arroganten Theaterkritikerin (aus welcher Zeit und welchem Film stammt sie?) pointierter ausgefallen. Und man hätte auf ein paar der (zugegebenermaßen großartigen) Schlagzeugsoli zur Thrillerzeugung verzichten können.  

„Birdman“ bietet eine phänomenale, nuancierte, abstoßende und anziehende Schauspielerperformance, es ist die von Norton. Keaton ist gut, aber meines Erachtens schwächer als in seinen bisherigen Rollen, da er hier grunzt und schnauft und feixt, um die vielen Großaufnahmen mit Leben zu füllen. Es bleiben viele Fragen offen: Sollen die Dialoge Parodien von Theaterdialogen sein (was in einer Szene dankenswerterweise angedeutet wird)? Ist es brillant oder ärgerlich, dass die Subplots (und mit ihnen Edward Norton) nach drei Vierteln des Films verschwinden ? Wie gut soll das beobachtete Theaterstück eigentlich sein (ich denke, genau darum geht es nicht, aber: siehe oben)? Vor diesen Fragen flieht offensichtlich ein an sich interessiertes Publikum verständlicherweise in die verlegene Verweigerung. Aber wer ein verstörendes, sanft aufscheuchendes, selbstironisches Werk voller schwarzer Magie über ungelöste letzte Fragen mit einem überragenden Michael Keaton genießen will, soll sich, auf eigene Gefahr, einen Film anschauen: „Batman returns“.

 

 

19.05. Analoge Sehnsucht (Teil 1)

Oder so: Jüngst war ein Rummel in der Nachbarschaft, und es gab sogar eine Geisterbahn. Die war von außen erstaunlich vulgär und gründlich gestaltet: gleich mehrere Freddy Krueger – Reliefs streckten die Krallenhände von den Plastikmauern, das überlebensgroße Bild einer Vampyrfrau im Fellbikini appellierte an wirre präpubertäre Gefühle, jeder verfügbare Zentimeter der Wände war mit fleischigen Spinnen, Sensenmännern und Gestalten der jüngeren härteren Horrorgeschichte oder der Nachrichten dekoriert. Zwar klappte altmodisch ein Pappmachédracula in einer Vitrine aus seinem Sarg, und aus Lautsprechern huibuhten die üblichen Anreißerparolen. Aber das ganze Ding war in seinem ausladenden Zuviel und Zudumm trotzdem so subtil und stimmig wie eine Folge „American Horror Story“. Wäre ich alleine gewesen, wäre ich sofort hineingesprungen, zumal ich im wirklichen Leben schlaflose Sturmnächte bspw. mit der Frage zubringe, ob ein blaues Schaf in einem Kinderfilm auf einen Sechsjährigen eventuell zu verstörend wirken könnte.

Nun, da stand ein Sechsjähriger vor der Geisterbahn, wand sich in seine Jackenkapuze, wich allen Blicken aus, wisperte unhörbare Proteste. Und ein Mann, vermutlich sein, Vater stand starräugig und weit über den Durst hinaus vor ihm. Kumpel von beiden lungerten unter unsicherem Gekichere um die beiden herum.

„Bist du doch ein Schisser oder was?“, feixte der Vater. Der Junge antwortete unbestimmt. Der Vater legte die Hände an die Ohren, beugte sich zum Kind hinunter und krähte wie ein Serienmörder im TATORT: „Angsthase, Pfeffernase…“usw. Gleich mehrfach, das ganze dumme Lied, das zumindest ich längst für vergessen/verboten/nur noch Helge Schneider – tauglich gehalten hatte.

Ich mischte mich natürlich nicht ein, weil das nur den Jungen gedemütigt/den Vater-Sohn- Ausflug beschädigt/meine Nase gebrochen hätte, aber ich war doch ordentlich baff, dass der Vater offensichtlich noch nie über blaue Schafe nachgedacht hatte.

Nun, kein Anlass zu Bildungsbürgerarroganz. Zum einen drängen auch und gerade Bildungsbürger ihren Nachwuchs häufig zu schrecklichen Dingen (Nachrichten, Filme aus dem Iran, ernsthafte Gespräche über Krankheiten, Trennungen, Ozonloch und Mieten), zum anderen hatte dieser Vater, wer weiß, wie oft er mit seinem Sohn unterwegs ist (dem Anschein nach: eher selten), in seinem alkoholgeschwängerten Schädel offensichtlich die Sehnsucht nach einem gemeinsamen Initiationserlebnis. Und tatsächlich war das genau das, was diese verwucherte Geisterbahn versprach. Er hat dem Kind kein Tablet voll jener Filme, aus deren Versatzstücken die Fassade des Fahrbetriebs zusammengerümpelt war, in die Hand gedrückt, und vermutlich wäre es ihm und seinem Sohn gegen die Ehre gegangen, den Jungen einfach auf eines der unglücklich im Kreis trabenden Ponys zu setzen, und für eine Achterbahn war der Vater einfach eindeutig schon viel zu wackelig auf den Beinen, und all das wird er mit hämmerndem Brummschädel vermutlich der entsetzten Mutter am Abend erzählt haben, falls die Budenbesitzer das seltsame Paar tatsächlich in die Wagen gelassen haben sollten (was ich wirklich nicht hoffe).

Ohne solche Sehnsüchte wären die Rummelplätze leer. Und dass sie es nicht sind, dass Schausteller zwar mies, aber von horrenden Eintrittspreisen leben können, beweist einmal mehr den Drang zum Analogen.

Ein kluger Programmierer, ein schrecklich netter Mensch, witzig und kritisch und mit irrer Bartracht, behauptet im Gespräch immer wieder, das Leben würde immer digitaler werden, und analoge Nischen würden zu Luxuswaren. Zwar würde man auch in naher Zukunft seine Suppe noch immer selber auslöffeln, aber im Netz bestellen, per Klick bezahlen, über Drohnen geliefert bekommen. Und anschließend ginge es wieder an den Rechner, vor das Smart – TV oder in die intelligente und vernetzte Küche. Und nur für Superreiche, so der Programmierer, würde es noch Speisekarten, Beratungsgespräche, schmierige Witze und Gebäckstangen geben. Nur Superreiche würden noch Wolle kaufen, in die sie probeweise reinbeißen könnten, ein Hotelzimmer erst nach dem Blick aus dem Fenster buchen, und beim Kinobesuch noch auf andere Menschen treffen. Und die Roboterärzte für die ungewaschene Masse befänden sich schon in der Probephase.

„Wo ist denn der Widerstand dagegen?“, widerspricht er Einwänden. „Es wird doch für alle bequemer. Ich sehe keine Gegenbewegung.“

Aber sie ist da, vor allem im Angesicht von Geisterbahnen.

Es heißt ja, der Extremsport der 90er Jahre sei eine Reaktion auf die damals durchgesetzte Computerisierung gewesen. Die Hippies, so will es zumindest das Geschichtsbuch, warfen sich gegen das Nachkriegsmaschinenzeitalter in die Waagschale, die folgende Alternativbewegung gegen den Vormarsch der Konsumkultur, und dazu köchelte in verschiedensten Milieus und mit den verschiedensten Begründungen der Do it yourself – Gedanke.

Und heute, mitten in der flachen Welt, wird ohne Fanfaren das Selbstgestrickte zum Massenphänomen. Und selbst die, die nicht siebdrucken, gärtnern oder Topfwärmer aus Kartoffeln schnitzen, schubsen ihre Sprösslinge zum Harterlebten, und sei es zum irrealen Schrecken der wirklichen Welt in Form eines handgesägten Freddy Krueger (der natürlich eine neue, noch „echtere“ Geisterbahn versprach als die liebenswerten Sperrmüllklappereien, an die sich jener Vater vermutlich noch aus der eigenen Kindheit erinnerte, so wie unser Suppengemüse naturbelassener ist als es vom Wochenmarkt kommen kann,- was sich natürlich nicht vergleichen lässt, solange wir nicht nur von dieser analogen Sehnsucht reden. Was wir aber gerade tun).

Mehr dazu bald. Wenn irgend jemand einen Tipp haben sollte, wohin diese himmelsschreiende Geisterbahn weitergezogen ist – das blaue Schaf und ich wären sehr dankbar.

 

 

 

12.05. Muss man über Sheila reden?

Dann wuscheln wir uns mal das „ESC“ – Konfetti aus dem Haar (ich sage jetzt auch: ESC. Denn ich habe dann und wann mit Kindern zu tun, und die brauchen keine nostalgische Ironie, sondern allgemeinverständliche Benennungen. Und die für den grand prix lautet mittlerweile nun mal „ESC“. Ist ja nicht so, als würde sich in dieser uncharmanten Abkürzung historisches Grauen, eine fiese Lüge oder die Entwertung von Menschlichkeit verstecken – zumindest nicht stärker als im Begriff „grand prix“) und schauen wir dem harten Leben ins Gesicht: das wird einen Backlash geben. Und zwar einen gewaltigen. Und zwar nicht nur von oben, von lupenreinen Demokraten nackt zu Pferde, sondern, vor allem von unten, von den verstörten Massen, die sich immer stärker an bspw. ihre Heterosexualität und deren behauptete Weltgeltung klammern (wenn sie heterosexuell sind), als könnte sie das vor dem Meeresbrausen beschützen. Es wird einen hässlichen Backlash geben, und trotzdem wird alles gut und lässt sich der Fortschritt nicht aufhalten. Genug zum ESC (und noch eine Ladung Konfetti ins Haar).

Bücher, über die man spricht, sind ja ein mindestens halb so dummer Hype wie Bücher, die auf Bahnhofsbuchstapeln stapeln, und trotzdem kann man ihnen nicht grußlos vorübergehen (genau so wenig wie an denen auf den Bahnhofsbuchstaplen. Man kann sowieso bedauerlicherweise an beinahe nichts vorübergehen). Will sagen: „Wie sollen wir sein?“, oder noch markiger im Original: „How should a person be?“ von Sheila Heti wird offensichtlich gelesen und mit roten Ohren rezipiert. Und ich würde es gerne gut finden, aber das klappt auch beim wiederholten Lesen nicht. „Wie sollen wir sein?“ hat einen tollen Titel und ist sehr anschmiegsam und wertig aufgemacht, - Atelierästhetik auf dem Cover, usw. Es ist ein sehr solider autobiographischer Roman, gerade experimentell genug gestaltet (unchronologische Erzählweise, Dialoge in Scriptform, essayistische Schlenker), um nicht zu plan wie ein autobiographischer Bericht zu wirken. Die junge, ambitionierte kanadische Autorin Sheila müht sich ab, für ein Theater das Stück „Wie sollen wir sein?“ zu schreiben, während ihre Ehe zerbricht, sie eine demütigende Affäre erlebt und sich in die komplizierte Freundschaft zur Malerin Margaux verstrickt. Derweil denkt sie besessen über dieses und jenes nach, jobbt beim Friseur und kullert über Vernissagen überall auf der Welt (auf denen über noch mehr Vernissagen überall auf der Welt geredet wird). Trotz zwei in meinen müden Augen fantastischer längerer Passagen (dazu gleich mehr) kratze ich mich am Kopf. Natürlich bin ich als Mann nicht die Zielgruppe, aber durchaus ein Sympathisant des Genres und ein Bewunderer von Sylvia Plaths „Glasglocke“, mit der das Genre einst begann.

Wo liegt das Neue und Aufrüttelnde an diesem Werk (das von der Kritik abgefeiert wird, während in allen Buchhandlungen ähnliche Werke in der Einschweißhülle verstauben,- und noch viel mehr auf Manuskriptstapeln und in Schreibtischschubladen)? Die mehr oder wenigen feministischen Polemiken sind weder frisch, noch tiefschürfend (Männer wollen belehren und Oralsex), die Auseinandersetzungen mit dem eigenen Nicht- Judentum auf dem Niveau einer graphic novel (und da hat`s Bilder und anderen Nähr – und Mehrwert). Wie bei vielen plusminus autobiographischen Werken werden die für das Verständnis des Geschehens entscheidenden Informationen schamhaft vorenthalten (sind Sheila und Margaux ein Paar? Ist Sheilas Ehe an Sheilas Verhältnis zu ihrem Liebhaber Israel zerbrochen? Warum heißt er „Israel“? Wie kam Sheila zu dem Auftrag für das Stück, und wieviel Druck steht dahinter? Was passiert, wenn Sheila und Margaux auf Drogen gemeinsam abstürzen, wofür sich beide so schämen? Möchte Sheila ihre Freunde bei ihrem ständigen Geschwätz eigentlich hauen?). Die titelgebende Frage wird, natürlich, nicht nur nicht beantwortet, sondern auch kaum gestellt. Die Erzählerin wollte immer berühmt werden, sagt sie, stichelt ein wenig gegen den Zwang zur Selbstoptimierung und wird von ihrer Therapeutin zum Lockerlassen ermahnt. Am Ende hat sie die obligatorischen Niederlagen, Selbstzweifel und das Spüren- des- eigentlichen- Moments hinter sich, aber will immer noch berühmt werden und betrachtet andere Menschen immer noch als Steigbügelhalter oder Probleme (wenn auch mit schlechterem Gewissen und größerer Sympathie als vorher). Die großen Themen werden gerade einmal angerissen, und nicht einmal die Selbstfindung findet statt (falls Autorin und Erzählerin identisch sind, können wir wenigstens beruhigt sein, dass Sheila doch noch berühmt geworden ist). Sind die beiden unvermittelt ausbrechenden lyrischen Passagen der Grund für den Erfolg?

Kurz etwas zu diesen beiden besten Szenen: Mitten im ansonsten recht spröde- aphoristischem Text jubiliert Sheila über den Sex mit ihrem brunzblöd verrucht posenden Liebhaber. Seitenlang treibt sie das parodistische und bitterernst aufgewühlte Frohlocken hin zu einer gleichzeitig transzendenten und zähnefletschenden Ekstase voller Selbstironie und Selbsthass, zu einer obszönen und anmutigen, dummen und erhabenen Ode. Dieses meisterliche Kabinettstück wirkt in dem Rahmen von galligem Geplätscher beinahe wie ein berserkerhafter Comedy – Einschub (mit dem zusätzlichen running gag „Israel“), was schade ist. Gegen Ende des Textes dreht und hebt unvermutet ein weiterer Abschnitt ab: Nach dem vorübergehenden Zerwürfnis mit Margaux wird Sheila von der Vorstellung einer sadistischen (genauer: passolini – sadistischen) Orgie in der Nachbarschaft ab, während der Frauen Männern zum Opfer fallen. Diese grauenvolle und packende Passage lässt den Rest des Romans im Guten wie im Bösen weit hinter sich und wird auch nicht wirklich eingebunden (weswegen führt Sheilas schlechtes Gewissen gegenüber Margaux zu einer delirierenden Höllenvision über verstümmelnde Männer? Wir können uns das herleiten, natürlich, aber der Text legt nicht einmal indirekt einen Kontext dafür an).

Der Erfolg von „Wo sollen wir sein?“, der Grund, weswegen es nicht nur verhältnismäßig häufig, sondern unverhältnismäßig häufig mit Begeisterung und Engagement gelesen und empfohlen und besprochen wird, könnte, wie so häufig, gerade in den Leerstellen liegen. Es sind ja auch hippe Leerstellen.

Zum einen ist das die zusammengepuzzelte Form, die so trügerisch nach den Zettelkästen mit Papier in einem WG – Zimmer aussieht. Hier ein Fetzen, dort ein Fetzen, nichts von entweder piefiger oder ehrfurchtgebietender Romanhaftigkeit, kein „Kunigunde schritt in den Garten“. Wie zum Selberbauen an einem öden Freitagabend, nur cleverer und mit längerem Atem und, wieder dieses Wort, hipper, „Wie sollen wir sein?“ ist dramaturgisch so stringent wie Regietheater (und ja auch in fünf nicht ganz nachvollziehbare Akte eingeteilt). Die Leerstellen und Fragezeichen im Inhalt der Fabel laden ebenfalls zur Identifizierung ein. Wenn wir bspw. wüssten, dass Sheila und Margaux Sex hätten oder dass sie eben keinen hätten, wäre das problemlose Andocken, das „Es ist ja eigentlich gar kein Roman“ – Eintauchen, der Sprachrohrspaß gehemmt. Viel zu eindeutig. Eindeutig und zwangsläufig bei diesem, jetzt kommt das Wort in Abwandlungen zum dritten und letzten Mal, Hipster – Vergnügen ist dagegen das permanente Name – dropping. Proust und Lynch und (diese Kanadier!!!) verdammtnochmal Werner Herzog und viele, viele andere Große geistern durch die Dialoge mit einer Konsequenz, von der die Frage „Wie sollen wir sein?“ nur träumen kann. Ebenso zieht sich der permanente Tonfallwechsel zwischen amüsierter Gehässigkeit und naiver Anteilnahme gegenüber Ich und Welt durch den Text und ist in dieser Form zwar nicht ganz neuartig (gehört zum Genre spätestens seit „Bonjour, Tristesse“), aber in diesen Extremen und diesem Tempo schon (jetzt komme mir bitte keiner mit Gegenbeispielen aus dem Genre wie „Axolotl roadkill“, die schockieren wollen. Das ist ein anderes Spiel. „Axolotl“ selber weist allerdings tatsächlich eine sehr ähnliche Beziehungsgeschichte als Haupthandlung auf). Vom Elend in Afrika bis zum Vorstadtselbstmord wird von den Figuren wie von der Erzählerin eine Tonne an Topics mit grimmiger und bedeutungsschwangerer Lockerheit angerissen, und alle lösen sich in der Bescheidwisserfreude, der selbstbewussten Borniertheit und dem Selbstekel von Figuren und Erzählerin auf, ohne irgendwelche weiteren Spuren zu hinterlassen. Und das muss ja nun jeden zur Identifikation einladen, der jemals nachts in einer Kneipe war. Die an sich ohrenbetäubenden Lücken sind tatsächlich so kunstvoll und assoziativ in den Text hineingewoben, dass die eigenen Gedanken und Eindrücke nur schwer von denen auf dem Papier zu trennen sind (gilt natürlich immer, aber hier tatsächlich sehr). Auch wenn bei speziell diesem Text unterm Strich dann hier wie dort nichts Wesentliches passiert, ist diese Möglichkeit zur Teilhabe an einem Buch eine Kunst, wenn nicht die Kunst des Romans,- und ein Argument für die Begeisterung über diesen Roman. Dass man das ganze, gut lesbare, pfiffige, hier und sogar schmerzhafte Unterfangen unterm Strich auch als konflitkscheue Kaffeeklatschliteratur für das Borderline – Zeitalter beschreiben könnte, steht auf einem anderen Blatt.

Sheila Heti, Conchita Wurst und uns allen sei mit immer den besten Wünschen das Ende der meiner ignornant – heterosexuellen Meinung nach aufwühlendsten Selbstfindungserzählung (aus dem guten alten psychotischen Zeitalter) ans Herz gelegt, Shirley Jacksons „Der Gehängte“/ „Hangsaman“, in der Übersetzung von Anna Leube und Anette Grube:

„Sie war jetzt allein und erwachsen und mächtig, wie sie es nie zuvor gewesen war, und sie hatte überhaupt keine Angst.“

 „

09. 04 Wo ist mein Wandelgang?

Die Beach Boys sangen einst juchzend, dass wir alle surfen würden, wenn wir alle ein Meer hätten. Das gäbe natürlich sieben  Milliarden Meere anstatt der (gelogenen) sieben, und nirgendwo wäre mehr Platz für das kleinste Schaf, bzw. Reiskorn. So gruselig können selbstbewusst idiotische Fantasien sein (und so großartig. Ohne solche durchgeschossenen Vorstellungen wäre Popmusik ja eine öde Suppe.). Ja, ich weiß, jetzt kommt von kluger Seite vermutlich die Erwiderung, die Beach Boys meinten lediglich, jeder Mensch solle einen ZUGANG zum Meer haben, und mit „Everybody“ seien lediglich die im Rest des Liedes ermüdend ausführlich aufgezählten Landstriche gemeint, die bisher ohne Leute, die teure Bretter spazieren tragen,  auskommen müssen. Aber ich denke, dieser brisante Gedanke wird von der Gruppe des heiteren kalifornischen Familienterrors bewusst augenzwinkernd in der Schwebe gehalten resp. mit knalligem Nonsense zugekleistert. Die Beach Boys testeten als Gruppe wie als Einzelpersonen lautstark so ziemlich jede glitzernde Weltanschauung einmal an, außer irgendeiner sozialen. Die Beach Boys wollen uns vom Surfen überzeugen, aber bis zum Meer lassen sie uns dadurch noch lange nicht.

Böser Kapitalismus? Nicht nur. Ehemalige ostdeutsche Badeseen waren zum Beispiel ebenso abgesperrt und verbaut wie das Meer in Beverly Hills (was aber gerade trotzdem nicht das Thema ist. Und diese kleine, gehaltlose Plauderei handelt auch nicht von der aktuellen Räumung der Flüchtlingszeltstadt in Kreuzberg/ Berlin. Zu diesem wenig heiterem Thema findet sich überall im Netz Berufeneres und Informierteres, als ich hier improvisieren könnte).

Hier stattdessen eine kleine, unvollständige und subjektive Liste von Dingen, die wir nicht alle im Wohnzimmer haben können, weswegen es sie öffentlich zugänglich geben sollte:

1.       Wandelgänge. Quadratische Wege in der frischen Luft, wie sie in Klöstern üblich waren. Viele von uns tigern beim Nachdenken (wenn  sich das mal partout nicht vermeiden lässt) gerne getrieben auf und ab, schmeißen Topfpflanzen, Verstärkerboxen und Kramstapel um, verursachen dabei einen immensen Schaden für die Volkswirtschaft (hier fehlt, wie immer, eine schicke Statistik) und verletzen sich dabei (besonders, wenn sie auf Legosteine treten. Aus Gründen der Peinlichkeit wird gerne darüber geschwiegen, aber kaum etwas ist schmerzhafter als Lego). Beim Radfahren kann man nicht denken, denn da sind Mücken und Autos, und beim Vor – und Zurückhasten auf öffentlichen Straßen und Plätzen verschreckt man die Nachbarn und wird sicherheitshalber fotografiert. Wandelgänge gehören also zu den zivilisatorischen Errungenschaften, die durch das Wogen des blinden Fortschritts ungerechtfertigterweise verschütt gegangen sind. Ich weiß, es GIBT öffentlich zugängliche Wandelgänge – eben in Klöstern und Kirchen, meistens in welchen, die nicht gerade vor residierenden Geistlichen brummen. Doch diese Wanderwege sind, soweit ich weiß, entweder an Museen, Eintrittskarten oder zumindest ans Tageslicht gekoppelt, außer, sie liegen irgendwo südlich von Paris oder östlich von Prag. Und das reicht nicht. Man will ja nicht unbedingt in der rush hour wandeln oder zum Wandeln bis in die Pyrenäen fahren. Wandelhallen sind ein wenig weiter in unseren Breiten verbreitet, aber die hallen, und dafür sehen sie keine Sonne, und es zwitschern keine Vögel hindurch. So reich, dass ich mir einen privaten Wandelgang leisten kann, werde ich nie werden,- und würde ich es werden können, würde ich mein Geld in sinnvollere Dinge stecken. Zum Beispiel in öffentliche Wandelgänge, da kommt doch eine ganz andere Wandelfrequenz zustande. Arm, wie ich bin, kann ich solche Wandelgänge nur fordern. Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass es halböffentliche und neue Wandelgänge gibt – in Werbe- oder Softwarefirmen, denn die sind ja auch nicht blöd, zumindest in diesen Dingen. Es fehlen aber egalitäre und zweckfreie Wandelgänge, deren Benutzung nicht an Zugang zu einer After work – Party oder an steigende Renditen gekoppelt ist. An den Gangwänden könnten dezent inspirierende Plakate hängen, gerne wahllos aus der Welt gefischte und verwirrende Bilder ohne erklärenden Kontext.

2.       Indoor – Lagerfeuer. Ich weiß, alles ist voller Lagerfeuer, mittlerweile. An einem milden Abend bedeuten zwei Studenten drei Lagerfeuer und vier Alu – Grills (die, ich wiederhole mich, zu den schlimmsten Umweltsünden überhaupt gezählt werden müssen). Aber bei diesem inflationären Auftreten löschen sich die Flackerflammen in ihrer besinnlichen Wirkung gegenseitig aus. In die Glut zu starren und den rauchigen Nebel in das Hirn und in die Haare ziehen lassen sollte etwas kontemplativer sein als eine Partie Wasserball. Auch hier gibt es eine schöne alte Tradition wiederzuentdecken: Lagerfeuer im Haus. Früher fanden die natürlich aus Not und Entbehrung statt, und die Menschen hätten sie vermutlich jederzeit gegen Bollerofen und Zentralheizung getauscht. Und natürlich sind Lagerfeuer im Wohnzimmer in unserer modernen Welt etwa so gerne gesehen wie Schweineschlachten in der Küche oder Seebestattungen in der Badewanne. Und das nicht zu Unrecht. In schlechten alten Zeiten mit lustig prasselnden Feuerchen kokelte ständig Mensch und Vieh an, und die Wände waren überzogen mit schlackigen Schlieren. Darum sollten Indoor- Lagerfeuer, wie Parks, mit dem heutigen verbrannten Know how eingerichtet und verwaltet werden (über die kniffeligen Fragen der Indoorlagerfeuerkommerzialisierung, Indoorlagerfeuerselbstverwaltung und Indoorlagerfeuerüberwachung werden wir uns ohnehin beschäftigen müssen, sobald irgendetwas brennt, doch im Moment fehlt mir für solche Hypothesen ein Wandelgang) . Es mag sein, dass es in Berlin längst Innenfeuer gibt, denn in Berlin gibt es angeblich alles, in welcher Form auch immer, zumindest möchte niemand irgendeine Eventmöglichkeit prinzipiell ausschließen („Orgien im Schlumpfkostüm? Ich glaube, da gab es mal so ein Projekt in Moabit…“). Dann fehlen Indoor – Lagerfeuer eben ansonsten, und mir fehlen Adressen in Berlin.

3.       Indoor- Wiesen. Wer wollte das noch nicht? Ein lieber Freund war bereits einmal kurz davor, sich einen giftgrünen, stinkenden Plastikteppich in Rasenform zuzulegen, nur um dem Traum von einer Lampionparty inmitten der alltäglichen Plackerei zumindest etwas näher zu kommen. Das ist natürlich der falsche Weg, auf gegenteilige Art so geschmacklos wie das Hoffen auf Moos in vermodernden Räumen. Es gibt bereits Kneipen, durch die Bäume wachsen, und natürlich gibt es Wintergärten in allen Stadien der allgemeinen Zugänglichkeit. Vermutlich gibt es in Großraumdiskos bereits Lawnparties, wie es Beachpartys gibt (und sei es als Tippfehler von Menschen, die eigentlich Lanparties ausrufen wollten). Doch das geht alles an der Sache vorbei. Allerdings merke ich gerade, dass die Begründung dafür schnell zu heikel wird, resp. elitär klingt. Und es ist ja auch eine tolle Sache, wenn die Menschheit allmählich und dafür mit Wucht und in Massen outdoor – Wiesen entdeckt. Trotzdem: Indoor- Wiesen wären eine gute Sache, vielleicht aber doch eher etwas für die eigenen vier Wände. Ich fange mal mit dem Sparen an.

27.03. Dorfregeln

Irgendwann in irgendeiner deutschen Filmschule: Der (amerikanische) Drehbuchlehrer blaffte seine Schützlinge an: „Wer von Euch hat schon einmal einen kompletten Film von Jean – Luc Godard gesehen?“

Und gegen seine Intention schnappten alle Arme in die Höhe.

„Okay.“, brummte er unzufrieden. „Aber wer von Euch hat sich danach noch einen angetan?“

Bei insgesamt etwa zwanzig Teilnehmern gingen nun etwa zehn Hände nach oben.

Beinahe resigniert fragte er: „Gibt`s hier auch irgendwen, der mehr als zwei Godards gesehen hat?“

Drei oder vier. Nachdem geklärt war, dass „Week end“ und „Eine Frau ist eine Frau“ auch von Godard waren, wurden es fünf oder sechs.

Der Lehrer, ein braver Mann wischte die eigene Umfrage wütend beiseite.

„Aber auch Ihr“, insistierte er mit Pathos, „habt ALLE Filme von Spielberg gesehen, stimmt`s?“

Darauf legte großes Geplapper los. Galt „Zurück in die Zukunft“? Egal, den hatten ja wirklich alle gesehen. Ein paar erklärten, sie hätten um „Indiana Jones“ immer einen weiten Bogen gemacht. Eine aus der Gruppe hatte aus Altersgründen bislang „ET“ verpasst. „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ und „Der Soldat James Ryan“ hatten gut die Hälfte der Teilnehmer noch nicht weggeguckt. Einer hatte sich aus Adornogründen bisher „Schindlers Liste“ verweigert (ich, nebenbei, dafür konnte ich stolz von „Das Reich der Sonne“ berichten, der an den meisten anderen vorbeigeschrammt war). „Amistad“ kannte keiner.

Ich glaube, es war sogar ich, der schließlich entschuldigend erklärte, Spielberg – Filme würden hierzulande nicht unbedingt als Muss gelten.

Das passte dem (sehr sympathischen, sehr fähigen) Lehrer nun überhaupt nicht. Es ginge ja nicht um ein „Müssen“, sondern um die einfache Anerkennung, dass Spielberg nun einmal objektiv die Menschen erreichen und bewegen würde, Godard hingegen nicht. Da ginge es eben nicht um esoterisches Cineastentum, sondern um die selbstverständlichen Grundlagen der zwischenmenschlichen Kommunikation. Und deswegen hätten wir als angehende Drehbuchautoren die Pflicht, jeden Spielberg – Film zu kennen und sollten schleunigst nacharbeiten.  

Er wusste, wie eigentümlich das unterm Strich klang. Er war nicht glücklich. Er spuckte ein paar selbstironische Flüche aus, auf Europa nicht gut genug vorbereitet zu sein. Einem verrückten Erdteil, in dem die unhinterfragbare universelle Macht des Hollywoodkinos nicht begriffen würde.

Der gute Mann wollte natürlich auf etwas aus seiner Sicht absolut Ehrenwertes hinaus – er wollte uns beibringen, dass auch und gerade sperrige Themen packend und emotional anrührend für ein großes Publikum erzählt werden konnten. Ihm ging es um  Tiefenpsychologie, sorgfältige Dramaturgie und Film als emotional verwandelnde Erfahrung. Er hatte sich nur trotzdem die falschen Eckpunkte dafür ausgesucht und schlichtweg ignoriert, dass ein kultureller Kontext prägt, gerade die Vorstellung vom Selbstverständlichen.

Im Folgenden bezeichnete er sich in jedem zweiten Satz als „naiven Amerikaner“.

Einer aus der Gruppe behauptete später, bei der Godardantwort habe mindestens die Hälfte der Teilnehmer gelogen. Ich glaube, dass die Umfrage heute bereits völlig anders ausfallen würde – über Spielberg stolpert man mittlerweile beim ziellosen Zappen, Godard wird praktisch nicht mehr ausgestrahlt (von Kinoaufführungen ganz zu schweigen). Und wenn der Dozent statt einer Umfrage zwei Filme gestartet hätte, sagen wir „ET“ und „Die Kinder von Marx und Coca Cola“, hätten bei Spielberg die meisten geweint und am Ende gejubelt, bei Godard dagegen nicht. Sie hätten es nur vermutlich trotzdem völlig anders gewertet als der Dozent. Godard hat seine Filme ja nicht im luftleeren Raum gedreht, im Gegenteil.

Das Problem, das Universelle mit dem eigenen kulturellen Kontext zu verwechseln, mag typisch amerikanisch sein (so scheint MARVEL nach wie vor unfähig zu sein, den fundamentalen Unterschied zwischen den „X MEN“ und „CAPTAIN AMERICA“ zu begreifen, obwohl der wirklich nicht schwer zu entdecken ist),  das Ausblenden des kulturellen Kontexts ist es nicht.

Und dabei wird der kulturelle Kontext immer massiver. Dass quasi im luftleeren Raum, einem idealisierten Limbo, eine Botschaft, ein Eindruck auf ein frischgewaschenes unschuldiges, „allgemein menschliches“ Ohr trifft, ist nicht nur immer weniger möglich, sondern wird auch immer weniger gewollt. Wer hat denn noch ein Interesse daran, einen freien Raum des Diskurses zu schaffen, in dem Seele und Hirn die Alltagsklamotten ablegen und sich im volleren Besitz ihrer Kräfte ganz dem Moment hingeben? Da weiß man doch gar nicht, welchen Werbespot man dazwischenschalten soll, da weiß man nicht, ob das anschließend in einem Kontext geliket wird, in dem auch über die Anschaffung von Kleinwagen diskutiert wird. Da gibt es zu viele Streuverluste und Unwägbarkeiten. In einer lustigen Runde von frischgebackenen Kleinwagenbesitzern bietet es sich nicht an, plötzlich von einem verstörenden Alptraum zu erzählen, und derzeit finden wir uns alle tendenziell in lustigen Runden von frischgebackenen Kleinwagenbesitzern wieder, irgendeiner Entsprechung dazu.

Jetzt würden klassische Marxisten sagen, anders wäre es nie gewesen, und der ideale Raum des Austauschs für Kultur (oder sagen wir erstmal : Kommunikation, um die Latte nicht zu hoch zu hängen), habe nie existiert, das sei immer nur ein verbrämter bürgerlicher Salon mit eiskalten Interessen gewesen. Sie sind selten geworden, aber Wirtschaftsintellektuelle argumentieren heute munter aus der entgegensetzten Richtung sehr ähnlich: die Frage sei, wie das Spielbergpublikum und das Godardpublikum seinen eigenen sozialen Status einschätze, welche Produkte den jeweiligen Status subjektiv verbessern würden, welche unterschiedlichen Zielgruppen das seien und wie man sie erreichen könne. Eine einengende kulturelle Prägung ist in dieser Sicht ein willkommener Anknüpfungspunkt für Werbestrategen, er muss nur gerade so weit überwunden werden, wie er die Geschäfte stört. Nach dieser Denkrichtung sollten Spielberg und Godard Werbespots für Kleinwagen drehen, oder tun es bereits, sie sind nur so blödsinnig unklar (und gebrochen optimistische Ethik hier, Linksintellektuellentum da sind nur zielgruppengenaue Markenimages).

Und das ja auch ist die große Enttäuschung mit dem Internet:  dass es perspektivisch nur noch aus Clubs und Marktständen bestehen wird. Dass es zu einem nicht geringen Teil dubiose Clubs und entsetzliche Marktstände sind, ändert nichts an der Beschränktheit und Kalkuliertheit der Parzellen, sondern macht die Sache nur schlimmer. Das ist nicht ein großes Dorf, das sind viele kleine Dörfer, die sich größtenteils abschotten, wo sie nur können. Und dadurch wirtschaftlich und politisch wunderbar anvisierbar werden.

Dass kein Raum ein luftleerer ist, ist aber, aus einer an Austausch und neuen Möglichkeiten interessierten Sicht, kein Argument für abgeschottete Dörfer. Dass wir alle mit schmutzigen Schuhen, unterschiedlichem Essen im Magen und vorbereiteten Notizkärtchen in die zugigen, provisorischen Räume treten, in denen wir anderen begegnen, sollten wir immer im Kopf haben, gerade, wenn es um große Fragen geht (wie die, welche Filme gedreht werden sollten. Ich verkneife mir hier ein Smiley, denn so ironisch ist das auch nicht gemeint). Das spricht gegen gar nichts, gegen keine Vorstellung davon, dass mit uns noch etwas Spannenderes passieren kann als dass wir vielleicht morgen von einer Kleinwagenwerbung wirklich bei unseren peinlichsten Abgründen und unseren erhabensten Sehnsüchten gepackt werden.

Und: der gute Dozent hatte mit Spielberg und Godard einfach zwei widersprüchliche Klischees herangezogen, weswegen die ablenkenden kulturellen Prägungen voll zuschlagen konnten. Hätte er einen markigen kleinen Film über einen widerwilligen Streiter für die gute Sache gegen fahle Papierdialoge in einer gelangweilten Berliner Altbauwohnung gesetzt, …wäre es vermutlich aus ähnlichen Gründen ähnlich ausgegangen. Je nun.   

 

 

26.02. Belohnungssucht

(Gerade ist ein stiernackiger, bulliger, nach gebackenen Bohnen und Schnaps stinkender Typ mit Cowboyhut durchs Fenster gestiegen.

„Einen Blog zu schreiben, das ist dein gottverdammter Job.“, raunt er heiser.  „Und wenn du auch nur einen Funken Anstand in deinem verschissenen Schädel hast, schreibst du für deine zwei Leser und die Witwen und Waisen da draußen jetzt sofort den verdammtnochmal besten Blog, den dich der liebe Gott in die Tasten hauen lässt.“

Er duldet keine Widerworte. Er fegt mit seinen Stiefeln Bücherregale von den Wänden. Er frisst mit gierigem Grunzen eine Bibel und schießt unter derben Flüchen in die Luft. Und da wären wir nun.)

Vor einigen Wochen riss ich an dieser Stelle ein Thema an, das zu diesem Zeitpunkt durch die Medien gejagt wurde. Es war das Interesse der Computerspielindustrie an einem guten Ruf. Die Medien haben sich längst brennenderen Themen zugewandt, die Vögel singen, und der Ruf der Computerspielindustrie bleibt im Keller. Es würde sich also eigentlich erübrigen, sich mit dem kleinen Sachbuchbestseller „Reality is broken“ der Game – Designerin Jane McGonigal zu beschäftigen. Warum über dieses Buch schreiben und nicht über andere, bessere? Weil dieses Buch in seiner bizarren Gutgelauntheit beinahe gegen seine Intention spannende Fragen anreißt.

Vor einigen Wochen fragte ich laut, warum Computerspiele überhaupt nach Anerkennung streben sollten. Nützt nicht jedem, kriegt nicht jeder, und die Geschäfte laufen doch gut. Nach längerem Nachdenken sehe ich das mittlerweile anders. Zwar macht die Computerspielindustrie nach wie vor höllischen Umsatz (das fünfte oder sechste Jahr in Folge mehr als die Filmindustrie, je nach Quelle und Berechnung), aber die Warnzeichen mehren sich. Die neuen teuren Spielkonsolen erringen langsamer die Weltherrschaft als gehofft und werden gesamtgesellschaftlich kaum wahrgenommen. Die kleinen Gelegenheitsspiele für Handy und Tablet landen tatsächlich in der Mitte der Gesellschaft aber zittern, wie lange ihre eigenwilligen Bezahlmodelle noch erlaubt sind. Retrogames werden immer beliebter, sie spielen meist kein neues Geld in die Kassen. Die Entwicklungskosten für Spiele und vor allem für Konsolen brennen langsam durch. Unabhängig entwickelte Spiele werden zur Marktmacht (was alle überrumpelt, siehe „Lazy bird“). Mit diesem schwankenden Boden unter den Füßen ist es für die Gamingindustrie durchaus sinnvoll, nach allgemeiner gesellschaftlicher Akzeptanz zu streben. Was alle mögen und mögen dürfen, ist geschützter, kann ohne Proteste gefördert und bewahrt werden, usw. Das Interesse an Parolen wie „Spiele machen schlau!“ (so ein SPIEGEL – Titel) von Industrieseite ist also erklärbar. Und von Gamerseite ohnehin – denen geht es ja ähnlich wie uns verachteten Comiclesern, die sich über jede doppelzüngige Würdigung des Mediums freuen und verbissen auf den Frühling warten. Die Aufnahme von Videogames in den Salon des anerkannten  kulturellen Lebens sehe zumindest ich aber trotzdem nicht am Horizont. Dazu arbeitet, wie neulich betont, die Branche zu vehement an ihrem schlechten Image (wer eine noble Weinhandlung etablieren möchte, sollte nicht Alcopops und Brennspiritus ins Schaufenster stellen). Dazu sind die verschiedenen Spielerfraktionen einander nicht grün genug (Gelegenheitsspieler und Gamer halten voneinander im Normalfall etwa so viel wie Graphic Novel. Leser und Superheldenfans, um bei der schiefen Comic – Analogie zu bleiben). Und dazu ist „Spielen“ bei uns zu zwiespältig besetzt.

Die beiden größten Videospielnationen, Japan und die die USA, sprechen einem Spiel an sich größeren Wert zu (in Japan geht es dabei um Selbstoptimierung, Gemeinschaft und schnelle Regeneration, in den USA um Selbstoptimierung und Konkurrenz). Und sie haben, im Gegensatz zum gemütlicher gestrickten Deutschland, nicht bereits eine anerkannte analoge Nische für den Spieltrieb gefunden: „Brettspiel“ heißt auf Englisch „German spiel“, und es gibt keine wirkliche Entsprechung zum behaglichen Brettspielen in englischsprachigen Ländern (ja, „board game“ ist der technisch korrekte Ausdruck, aber dabei schwingt nicht die deutsche Brettspielkultur mit). Etwas stereotyp formuliert weihen Japaner also eine „Mario Party“ ein, hauen sich amerikanische Buddies mit einem „Medal of honor“ aufs Sofa, wenn in Deutschland eine „Siedler“ – Erweiterung erstanden wird. Bei allem finanziellem Gewinn steht das einer Wertschätzung von Computerspielen im Weg (die Ladenpreise von Game und Brettspiel entsprechen dabei einander auffälligerweise, vom aktuellen Premiumprodukt bis hin zu den Impulskäufen). Wer in unseren Breiten „Spielen“ für eine sinnvolle Beschäftigung hält, kann sich also an Spieleerfinder ohne multinationale Konzerne, Happy Meals und sogar Computer im Nacken halten und sozusagen bio kaufen.

Was aber machen wir hin – und hergerissenen Beobachter aus der Situation? Wir halten uns bspw. an kluge Bücher wie „Reality is broken“. Dieses Werk ist ein Appell, Games als Schlüssel zu einer besseren Welt zu verehren. Und taugt mindestens genauso gut als Argumentationshilfe für den sofortigen Verbot aller Videospiele.

Die Game – Designerin McGonigal setzt auf biochemische, neurologische und soziologische Erkenntnisse, die nahelegen sollen, dass das Zocken in unserer frustrierenden Welt der schnellste Weg zu Gefühlen von Flow, Stolz, Interaktion und Problemlösung sei. Videospiele, so Mc Gonigal, sind „hard fun“, und damit, vor allem anderen „Arbeit“. Mühselig, zeitaufwändig, lebensfressend. Und genau darin liegt nach dieser sehr calvinistischen Herangehensweise ihr Wert. Ausdrücklich stellt Mc Gonigal, ausgerüstet mit unbeirrbarem technokratischen Tunnelblick, das Daddeln über „passive“ Tätigkeiten wie Film – oder Musikgenuss. Das Wippen mit dem Fuß, Däumchendrehen oder ausagiertes ADHS könnte nach dieser Logik eigentlich auch aufgewertet werden, aber da sind nun die Beschränkungen, Hindernisse, Misserfolgserlebnisse, und, ganz wichtig, die Selbstoptimierung, die Konkurrenz und das Punktezählen vor, die für McGonigal ein Game auszeichnen. Das sinnlose Knöpfchendrücken unter selbstgeschaffenem Leistungsdruck macht uns zu kostbareren Menschen, in ihren Augen und führt zu einem „Flow“, der auf keinem anderen Weg so schnell zu erreichen sei. Nun interessiert sich McGonigal für uns als bessere Menschen und unseren erquickenden Flow nur so weit, wie er uns zu „lebenslangen Kunden“ macht, die von Game zu Game hüpfen müssen, weil sie jedes Game irgendwann einmal meistern. Mögliche neue Formen der Intelligenz, die durch Videospiele gefördert werden können, neue soziale Möglichkeiten und Veränderungen in der Gesellschaft interessieren sie als Letztbegründung ihres Berufs, aber noch mehr als Argumente gegen das schlechte Gewissen der Videospieler, ihre Zeit zu vergeuden. Dieses schlechte Gewissen scheint ein riesiges Problem der Branche zu sein, und zum Verscheuchen dieses schlechten Gewissens fordert sie ästhetisch, inhaltlich und sozial gehaltvollere Spiele und schreibt sie letztendlich ihr ganzes, langes Buch: Mach dir keine Sorgen, die Neigung zu exzessivem Jump`n`run – Gesuhle ist dir ins Gehirn geschrieben (und wir Spieleentwickler arbeiten daran, sie noch gezielter anzuvisieren und dir auf diese Methode auch bspw. Molekularbiologie beizubringen). Mach dir keine Sorgen, das ist harte Arbeit, die du dabei leistest (und in dieser fiesen Welt gibt es ohnehin nichts Aussichtsreicheres zu tun. Und falls es doch etwas Aussichtsreicheres zu tun gibt, werden wir dich mit neuen, besseren Spielen darauf stoßen, wenn wir nur ein bisschen mehr gesellschaftliche Unterstützung und Beinfreiheit zugestanden bekommen). Schnapp dir erst einmal eine Konsole oder verlängere dein Abo bei einem Online – Spiel, alles wird gut.

Warum strampelt sich die Gamingindustrie also nach pauschalen höheren Weihen ab? Weil sie auf lebenslange Spieler ohne schlechtes Gewissen angewiesen ist. Und warum strampeln die Spieler? Um mit ihrem schlechten Gewissen klar zu kommen. Und beide Seiten garnieren ihre Bemühungen mit der immer gleichen Erkenntnis, dass uns Games belohnen, und sonst niemand (womit wir uns offensichtlich arrangieren sollten). Und irgendwo glitzert in der Argumentation immer noch das Versprechen auf eine wilde neue Welt, eine bessere Gesellschaft oder wenigstens auf Spiele mit weniger bestialisch dummen Plots herum.

Es wäre aber zu einfach, McGonigals wilde Mischung aus behaviouristischem Zynismus (ihre Beschreibung der Wirkungsweise von Games erinnert an Hitchcocks Traumvorstellung von einem durch elektrische Impulse stimuliertem Publikum) und idealistischem Aufruf zu u.v.a. vernetztem Denken und sozialen Utopien als Eigenwerbung eines Berufsstands oder als kalkuliertes Durcheinander von Fachsimpelei und Überbau abzutun. Bei all seiner fahlen Dauerbegeisterung bietet der Text jede Menge kluger Gedanken, überraschender Informationen und erhellender Detailbeobachtungen (das Buch ist ca. 500 Seiten umfangreicher, als ich es möglicherweise gerade aussehen lasse). Und das Ringen der Gamer in den Medien um eine ernsthafte Beschäftigung mit der Materie reicht weit über eine plane Gewissensberuhigung hinaus.

Es drängt sich eher der Eindruck auf, dass die Videospielindustrie bei ihrer Arbeit über Phänomene stolpert, deren Tragweite sie selber so wenig einschätzen kann wie wir. Und dass die engagierten Gamer versuchen, den Finger auf Fragen zu legen, die ihnen genauso entwischen wie uns verwirrten Gelegenheitsdaddlern.  

Sind Games eine neue Kunstform? Was für neue Formen der Intelligenz provozieren sie? In wie weit prägen sie die Weltwahrnehmung? Was für sonst nicht oder schwer vermittelbares Wissen vermitteln sie?  In wie weit schichten sie soziale Interaktionen und Zusammenhänge um? Und was für Möglichkeiten für unsere zerbrochene Realität ergeben sich daraus? Könnten mit der Hilfe von Pixeln und Polygonen nicht operative Empathie, Solidarität, Kreativität und Transferfähigkeit in einem sonst unbekanntem Ausmaß erlernt werden?

Wir wissen, dass clevere Menschen mit halbwegs reinem Herzen überall auf der Welt genau über diesen Fragen brüten, zum Teil innerhalb von, häufig aber auch gegen Industrie und Fandom. Wir wissen nicht, was genau sie tun und entdecken und in welchem Verhältnis zu Branche und Gamern sie tatsächlich stehen. Wir werden mit Presseerklärungen und „Making of“s abgespeist, mit Jubelprosa und Testberichten. Das Zaudern, Zweifeln, Andenken und Ausprobieren, ja das Stammeln wäre spannender.   

Wenn sie schon freiwillig aus dem Nähkästchen plaudern, sollten uns Insider, Profis wie Liebhaber, in den Topf gucken lassen und uns in die sie umtreibenden Fragen einweihen, ohne von uns vorher einen Klaps auf die Schulter zu erwarten, für alles, was Videospiele je waren, sind oder sein könnten, und am Besten noch den Kauf einer schnieken Konsole, eines brandneuen Tablets und ungefähr aller Apps dieser Welt.

(Zumindest ihm genügt das, und er reitet in den Sonnenuntergang. Puh. Und ich stelle ab jetzt irgendwann im Laufe jeder Woche einen Eintrag ein und freue mich über alle Menschen, die hier hier und da etwas lesen).

 

16.02. Pfannkuchen mit Tabasco, Kapern in Sirup

Wer nach einem geeigneten Film für Kinder sucht (und kein bibeltreuer amerikanischer Christ ist), wird am Schnellsten bei erfolgreichen Arthouse – Filmen der letzten ca. 15 Jahre fündig: da gibt es helle und heile Welten, ausbuchstabierte Konflikte zum Mitschreiben, einfach formulierte gewichtige Botschaften inmitten von kleinen Tieren, leckerem Essen und blühenden Pflanzen.  

Wer sich als Erwachsener nach nervenzerrendem Suspense und nagenden Tiefenthemen sehnt, kann mit „Pixar“ – Produkten und den letzten beiden Disneys nicht viel falsch machen. Wer sich die volle Ladung an verwirrenden, widersprüchlichen und zermürbenden Spielen mit letzten Dingen geben will, kann sich an den diversen unsicheren „Pixar“ – Imitatoren erfreuen. Für Satire und clevere Popkulturanspielungen gibt es „Dreamworks“ – Kinofilme und „Phineas und Ferb“ (hier eine eingefügte Fußnote: „Phineas und Ferb“ gelingt der Spagat zum ausdrücklichen Kinderprogramm trotzdem, vermutlich durch sonnig manische Gutgelauntheit) . Und wer sich fühlen will wie einst bei einem weltanschaulich fragwürdigem, aber irgendwie geilen und irgendwie bedeutsamen Splatter, der studiert die teuren Fantasy – Filme nach internationalen Jugendbuchbestsellern.

Jetzt war gerade Berlinale, und darum kann man sagen: stimmt doch alles gar nicht. „Nymphomaniac“ und „Boyhood“ sind, ob gut oder schlecht, in jeder Hinsicht erwachsene Filme, „Die geheime Mission“ ist ein Film für Kinder. Aber die Berlinale ist ein Filmfestival, und Filmfestivals existieren innerhalb ihrer eigenen Koordinaten, die mit dem Alltagskonsum häufig nur wenig zu tun haben.

Aber gab es nicht in den letzten Monaten auch in den Kinos hibbdebach bspw. „Die andere Heimat“, dribbdebach dagegen „Das Pferd auf dem Balkon“? Klar, aber auch diese Filme wurden von dem Geschmack von Apfelkernen und jeder Menge Eis an den Rand gedrängt. Das Problem, falls es eines gibt, liegt nicht bei den Machern – an komplexen Filmen für Erwachsene mangelt es nicht, und an Kinderfilmen kaum,- sondern beim Publikum.

Was sagen ambitionierte, reflektierte Menschen über Kinderfilme? „Man muss den Kindern auch mal was zumuten. Und heutzutage werden sie ohnehin mit formalen und inhaltlichen Herausforderungen überschüttet.“ Und was sagen sie über Spielfilme für Erwachsene? „Ich muss mir mal einen einfach schönen Film gönnen, um runterzukommen.“ Da liegt mindestens ein Hund begraben.

Kinder sollen Chinesisch lernen, Erwachsene meditieren. Kinder sollen Nachrichten schauen, Erwachsene sollen sie sich mal schenken. Kinder sollen für den allgemeinen Stress fitgemacht werden, von dem und für den sich die Erwachsenen regenerieren. Kinder zittern mit Fiktionen durch apokalyptische letzte Schlachten, ständige Wettbewerbe und durch die Krisenherde dieser Erde, Erwachsene suhlen sich durch schöne Menschen, gutes Essen und Sonnenuntergänge an Orten, die sie schon immer mal bereisen wollten. Gemeinsam laben sie sich an „Family Entertainment“ und „All ages – Fantasy“, die zu hart für die einen, zu schlicht für die anderen sind. Weltversichernde Geschichten sind zum Beruhigungsmittel verkommen, zur Wellness, zum Weinchen, und „glauben“ tun wir sie sowieso nicht.     

Es geht mir nicht darum, ernste Subtexte und sperrige Texte in Kinderfilmen schlecht zu reden, im Gegenteil. Was mich verblüfft, ist der in beiden Segmenten (und erst recht in der „Family“ – und „All ages“ – Mitte) eigentümliche Tonfall – als müssten Kinder permanent unter Strom gesetzt, Erwachsene dagegen sediert werden (nein, umgekehrt wäre es auch nichts). Was für eine Welt (immer noch erfreulicher als die großen Fantasy – Universen dieser Tage, in denen „Star wars“ – Filme wuchtige Tragödien für 6jährige sind, „Star trek“ – Filme in jeder Hinsicht witzlose Weltenden durcheinandererzählen, und wir alle auf den nächsten Superheldenfilm mit kastriertem Politthrillertum, dräuender Küchenpsychologie und augenzwinkernden Kriegswitzen warten).

Die gute Nachricht bleibt: es gibt tolle Filme für alle Augenalter, und sie warten in den Kinos und den Regalen.

(Dieser Eintrag ist, wie immer, viel zu kurz und in dieser Form das Fragment eines langen Artikels, den an dieser Stelle niemand lesen würde. Das bleibt ein Dauerproblem dieses Blogs, und aus verwandten Gründen lag es gerade auch einige Wochen auf Eis. Sehr herzliche Grüße an die handverlesenen Leser, ich arbeite dran, auf bald!)  

eigentlich 26.01. Die kurze Blütezeit der Rodgau Monotones (1984/1985)

Jahrelang habe ich ein Zitat von Kurt Vonnegut gesucht, nun ist es mir wieder über den Weg gelaufen, es versteckt sich im zwiespältigen, sehr lesbaren und sehr lesenswerten Roman „Bluebeard“/ „Blaubart“ von 1988. Bevor ich Urheberrechte verletze oder aus Versehen die schwächeren Sätze zitiere, hier nur die Paraphrase der Passage: 

Es gibt keine lokale Kunst mehr, also müssen sich heutige Künstler gegen die Spitzen behaupten, von denen nur sehr wenige gebraucht werden. Kunsthandwerker, die in früheren Zeiten ihren Platz in irgendeiner Mikro- Gemeinschaft gefunden hätten, sind überflüssig geworden. Vonnegut schreibt das natürlich witziger, dafür wurde der gute Mann bezahlt.

Hat er Recht (das Buch ist von 1988, stammt also aus einer Zeit, in der die Kulturproduktion im Vergleich zu heute faktisch noch kleinteiliger und lokaler funktionierte, - trotz Michael Jackson)? Nicht, wenn es um Krimis, Karneval und Kneipenkunst geht, würde ich sagen, ansonsten: aber hallo. Nur ist die Frage nach der Qualität wesentlich vertrackter, als es Vonneguts bescheidener Erzähler (ein nach eigenem Dafürhalten unwichtiger Maler) einräumt. So wenig es stimmt, dass die „Eiskönigin“ (mein Thema vor drei Wochen) stumpfer Ketchup ist, der die Wundergärten der abendländischen Kultur erstickt, so wenig lässt sich umgekehrt behaupten, dass die „Eiskönigin“ aufgrund seiner Qualität eine so massive Präsenz entfalten konnte. Aufgrund seiner Qualität konnte er vielleicht aus dieser Präsenz Begeisterung, Besucherrekorde und Kritikerlob herausholen, aber die Infrastruktur, das Medieninteresse und das Budget waren schon vorher da. Zu jedem x – beliebigen filmischen Verbrechen finden sich mehr Treffer im Internet als noch zu Vonneguts „Bluebeard“, und Vonnegut war mal ein hipper Bestsellerautor und wird in Schulen gelesen. Und ich habe jüngst eben auf ein (weiteres) angesagtes deutschsprachiges Buch verzichtet und lieber für einen Euro „Bluebeard“ noch einmal als Datei geladen (Nachtrag: ja, schlimm genug und anderes Thema. Noch ein Nachtrag: wo bleibt ein neuer Eintrag? Kommt bald). Wobei das deutschsprachige Buch  auch nicht gerade ein Kartoffeldruck aus der Nachbarschaft ist, sondern ein veritabler allgegenwärtiger Premiumtitel mit eingebauter Relevanz. Und so weiter, wie Vonnegut zu schreiben pflegte. Was Vonnegut noch nicht berücksichtigt hatte, waren Nischen, die zur Zeit eine immer größere Rolle spielen. In zugespitzten Zielgruppen behaupten sich natürlich jede Menge moderne Entsprechungen zu früheren Lokalkünstlern. Nur hat das recht wenig mit dem universellen Kunstbegriff zu tun, von dem Vonnegut ausgeht. Das bringt uns möglicherweise zu den „Rodgau Monotones“.

 

Anfang der 1980er Jahre tappten überall in Westdeutschland mehr oder weniger fusselige Rockbands in die Halböffentlichkeit. Sie sangen deutsch, und dazu noch im Dialekt. Manche waren aus Landkommunen entstanden, andere aus Köln. Sie verbanden die alte Tradition der Tanzmusik mit der neuen der Alternativkultur. Ihre üblichen Auftrittsrahmen waren Stadtteilfeste und die neu gegründeten (damals) wurmstichigen Kulturzentren. Sie konnten als Gegenbewegung zum esoterischen Krautrock, zur elitär- proletarischen Disco andererseits gelten, aber mit beidem hatten sie eigentlich einfach nicht viel zu tun. Sie waren eher Ausdruck davon, dass die klassische Rockmusik der 1960er und 1970er sich auch selbstgemacht nach und nach bis in die Peripherie ausgebreitet hatte. Und ein Auswuchs der Devise „Global denken, lokal handeln“, bzw. damals eher „Small is beautiful“. Sie spielten auf zum Rückzug der 68er in kleinere Einheiten wie Bürgerinitiativen und Lokalpolitik. Und für die etwas Jüngeren, die halbe Generation danach, waren sie Bands vor Ort wie Milchmänner Milchmänner waren (die es gerade nicht mehr gab). Ob diese häufig launig aufspielenden Kapellen von der Blödelwelle beeinflusst waren, oder ob nicht umgekehrt die Blödelwelle der verbogene Ausdruck einer neuen, erdverbundenen Rockheimeligkeit war, die diese Bands viel besser bedienten, sei hier mal dahingestellt. Auf jeden Fall waren die Dialektrocker abgegrenzt gegenüber den strengeren Liedermachekollektiven aus den Jahren zuvor. Und auf jeden Fall hatten sie wenig am Hut mit Punk und Neuer deutscher Welle, diese Phänomene saßen sie einfach aus. Als die „Neue deutsche Welle“ dann etwa 1983 und zu unser aller Unglück schmachvoll verendete, entstand eine Lücke für muttersprachliche Lieder mit Witz und Lebensgefühl. Und bevor die Ärzte und die Toten Hosen in die Bresche sprangen und das kleine Phänomen auf überregionales Niveau brachten (oder zumindest auf ein stilisierteres, ohne soviel Nestwärme), waren die Regionalbands hitparadentauglich. Langfristig und im großen Stil überlebte gerade eine dieser Bands, BAP, die sich aber bereits vorher durch die enge Anbindung an die Friedensdemoszene und die falsche Einsortierung von außen als „Neue deutsche Welle“ durchgesetzt hatten, bevor es für die anderen richtig losging.

In Hessen gab es zwei, drei oder vier Bands, die als Sprachrohr zwischen Kneipe und Karneval geschätzt wurden, Fans hatten wie Popstars und geknuffelt wurden wie Hunde aus der Nachbarschaft. Üblicherweise wurden „Rodgau Monotones“ – „Flatsch“- „Die Crackers“ als Triumvirat betrachtet, manchmal wurden „Hob Goblin“ noch dazu genannt. Die „Crackers“ klangen flott, halbwegs international und sangen über Pickel am Fuß. Heftigere Gefühle blieben üblicherweise „Flatsch“ und den „Rodgau Monotones“ vorbehalten. „Flatsch“ aus Frankfurt, beinahe eine Kabaretttruppe mit Hang zum Absurden, die wie nebenbei noch Funkrock spielte, genossen die größere Street credibility und erschreckten jüngere Hörer mit schwarzer Musik und schwarzem Humor. Dicke böse Männer ätzten über das Leben in der real existierenden Bunderepublik, simulierten Jonglagen und gaben hysterisch Statements ab wie (das berühmte) „Mein Knie stinkt!“. Die „Rodgau Monotones“ aus der Gegend um Frankfurt dagegen waren eine handwerklich saubere Rockband mit zu vielen umotivierten Soli, die WG – Heimeligkeit um sich herum verbreitete und als Begleiter durch den schnöden Alltag geliebt wurde. Die „Rodgaus“ (wie ihre Anhänger sie nannten, weil „Monotones“ ein zu cooler Spitzname für die kumpelige Truppe gewesen wäre) bildeten ihren Mythos der Rockband von nebenan vor allem durch die  ausufernden Innencover ihrer Platten, auf denen neben den Texten Grüße, erläuternde Witze zu den Liedern und launige Band – Interna abgedruckt waren. Kein Witz war, dass diese Randbemerkungen für viele ein Kaufgrund waren, auch wenn sie die Musik schon längst von Freunden auf Kassette überspielt hatten. Kneipe, Karneval, und etwas mehr, vielleicht sogar Kunst. Die Band hatte zwei Leadsinger, das zottelige röhrige Rocktier Peter Osterwold und den schlacksigen, nickelbrilligen, näselnden Henni Nachtsheim, und zwei Haupt – Songschreiber (wie die verdammenswerten Insider wussten, in den credits wurde immer nur kollektiv die ganze Band als Urheber genannt), den Gitarristen Ali Neander und den Saxophonisten Henni Nachtsheim. Die Schnittmenge beider Teams war natürlich Henni Nachtsheim, der recht spät und kurz vor der ersten Platte zur Band gestoßen war und den schluffen, aber pfiffigen Öko um die Ecke verkörperte wie niemand sonst im Land der Gitarren. Der erste größere Achtungserfolg für die Band nach zwei veröffentlichten LPs war die Single „Ei gude wie?“, „Wie geht`s“ mit (natürlich) viel mehr Worten auf Hessisch, die vom Szeneleben und der bösen Welt drumherum erzählt und die eigene ambivalente Nestwärme problematisiert. In der ersten Strophe trifft der Erzähler in der Fußgängerzone (die er nicht mag, er ist da nur, weil er hier wohnt) einen Bekannten, in der zweiten als Sprüher (er wird keinen Tag sprayen, sondern „Keine Startbahn West!“) einen Polizisten. Musikalisch nicht unbedingt interessant, aber textlich ein Glanzstück: „Peinlich, peinlich, was soll man denn sagen, wenn man sich nichts zu sagen hat? Dumme Antwort auf dämliche Fragen, bei Stücker 15 gibt`s Rabatt“, die ironische Lösung liegt in der Beschwörung der gemeinsamen Heimat „Ei gude wie? Wo machst denn hie? Du, ich muss jetzt gehen, es war schön, dich zu sehen, wir telefonieren.“ Damit waren Glanz und Grenze dieser Art von Rock definiert. New Wave erzählte von anderen Welten, diese Stücke betrachteten die Würstchenbude.

In der Folge nahmen die „Rodgau Monotones“ für das kleine, regionale Label „Rockport records“ zwei Alben auf, die sie zum einen in die Charts brachten, zum anderen den gezogenen Radius sorgfältig durchleuchteten. „Volle Lotte!“ (1984) und „Wir seh`n uns vor Gericht“ (1985) bilden zusammen ein kleines Sittengemälde, ein Maulwurfsblickpanorama auf ein Leben im Umkreis der arrivierter werdenden Sponti – Bewegung, „irgendwie links“ und beinahe noch studentisch, auf der Suche nach einem ehrenwerten Marsch durch die Institutionen. Für damalige Schüler, die das studentische Leben soweit mitlebten oder für sich herunterrechneten wie möglich, war das tatsächlich alles noch verständlich und auf den eigenen Alltag übertragbar. Die „Rodgau Monotones“ waren, wie alle Rockstars, virtuelle große Brüder. Konkret wurde das „St. Tropez am Baggersee“ als Alternative zum Portugalurlaub besungen, war „Wenn Bullermann kommt“ die sanftere Alternative zu Extrabreits „Polizisten“, wurde das ständige Engagiertseinmüssen in Beruf, Politik und Beziehungsarbeit in „Ich bin müde“ thematisiert, usw. usf. Dazu kamen natürlich Liebes- und Liebeskummerlieder. Die Besonderheit der Band lag in dem charmant vorgetragenen Gefühl der Überforderung, bis dahin nicht gerade ein übliches Merkmal für Rocktexte. Ein imaginärer Freund ist in „Mein Freund Harvey“ nur noch ein strafendes Über – Ich. Und im kleinen Meisterwerk „Frach misch net“ wird absolut klischeehaft und dadurch glaubwürdig die misslungene Verwandlung vom Szenekumpel zum Softi für die Angebetete beschrieben, die nur dazu führt, dass die sich einem Macho an den Hals wirft. Nach einem drohenden Riff bellt Henni Nachtsheim (der ein schwächerer Sänger als Peter Osterwold war, und genau darum den bekenntnishafteren Stücken ihr Flair verlieh): „Ich hab mir 25 Mark geborgt, Ohropax und Chris De Burgh besorgt – alles wegen dir!“ Das lyrische Ich hat auch einmal SPD gewählt, Sardellen gegessen, Body Building für die Selbsterfahrungsgruppe aufgegeben, sich die Haare schneiden lassen …- „jetzt bist du mit dem Windsurflehrer auf den Malediven. Ohohohohoh – frach misch net, wie`s mer geht!“ Wunderbar.

Doch das Werk der Band hatte eine dunkle Seite, und auch die schien auf ihren plusminus – Leader zurückzugehen: In faszinierend ekligen Stücken beschrieb Nachtsheim zu Jahrmarktsmusik einen Zirkus, dessen Vorstellung die Darsteller tötet oder schäkerte als mordlüsterner Heiratsschwindler. Das war die andere Seite der schnuften Selbstverniedlichung, und zum Tragen kam sie vor allem in den Live – Konzerten, die auch Sketche und Parodien boten. Noch war dieser Abgrund allerdings eingebettet in Schulterklopfen und Mitsingen und Primaklassentreffenlaune, blieb albern, sanft und freundlich und dominierte, anders als bei „Flatsch“, nie die immer griffiger werdende Musik.

 Die Schnittstelle aus Lokaltümelei, schnurriger Ironie und kabarettistischer Galle schlug nur bei einem Stück voll durch, das prompt (und geplant) zu ihrem einzigen echten Hit wurde: „Erbarme, die Hesse komme!“. Bei aller Offensichtlichkeit vielfältig auslegbar, musikalisch ein amibitioniertes Patchwork, bestückt mit Gastsängerin und Gastsänger. Angeblich wurde es durch einen wohlgesonnenen HR – Redakteur in den Rundfunk gedrückt, wo fortan in Hessen mehr oder weniger alle Lieder der „Rodgau Monotones“ in den Morgenprogrammen liefen. Die urigen „Rodgau Monotones“ schafften es fortan in eigene kleine Dokus fürs Fernsehen, in den Rest der Republik und auf den Zettel der Plattenfirmen. Eine Platte und einige beschwingte Tourneen lang ging das noch gut, immerhin etwa drei Jahre, dann ging die Band zur Industrie (wofür sie sich in den üblichen Linernotes natürlich entschuldigte). Wahre Klischees spielten eine Rolle in den Texten der Band, und nun lebte sie eines. Mir zumindest ist kein weiterer Fall einer Band bekannt, die durch den Wechsel zu einem großen Label tatsächlich eindeutig schlechter wurde. Uninspirierte Keyboards kleisterten den mittlerweile beeindruckend verfeinerten Bandsound zu, die Stücke wandten sich ziellos an Teenager und ihre Eltern, sollten zum Lachen oder Tanzen auffordern und erzählten von keiner benennbaren Wirklichkeit mehr. Überzeugen konnten immer noch die Kabarettnummern, aber eine weitere Platte, die beinahe nur noch aus Parodien, humoristischen Ideen und Stimmungsliedern (immer noch mit Biss und Integrität, wenn man wusste, wo man zu suchen hatte, aber wer wollte das noch wissen?) bestand, floppte dann wirklich.

Der manisch wirkende Sänger von „Flatsch“, Gerd Knebel, hatte schon bei den „Hesse“ mitgesungen, und die Bands hatten sich gerne gegenseitig auf der Bühne verstärkt, gegrüßt, angefeuert. Ein kabarettistisches Nebenprojekt der Köpfe von „Flatsch“ und „Rodgau Monotones“ war Eingeweihten bekannt, die gerne etwas von halbgeheimen Auftritten und einer VHS – Kassette raunten. Schließlich löste Knebel „Flatsch“ auf, Nachtsheim quitttierte den Dienst bei den „Rodgau Monotones“. Die beiden nannten sich vollberuflich „Badesalz“, und der Rest ist irgendetwas, vielleicht sogar Geschichte.

     

Die „Rodgau Monotones“ leben noch, als karnevalistische Rockband, die die eigenen Stücke covert, immer wieder mal fremde Stücke parodiert und auf Mundart umdichtet, immer wieder auch neue Lieder schreibt, die zu guter Laune aufrufen. Ergrauende Startbahngegner können mit wissendem Nicken mitgehen, andere feierfreudige Hessen lieben naiver, aber mindestens genauso stolz, die rituellen Auftritte der tapferen Lokalmatadoren. Gute Musiker, ein gute Sänger, ein sympathisches Nischenphänomen. Und dazu haben sie immer ihren schunkeligen Hessen – Hit im Gepäck, der, weil er lustig ist, als nicht zuletzt anachronistischer Fremdkörper immer wieder auf „NDW“ – Samplern auftaucht, aber es essen ja auch Leute Waffeln mit Ketchup.

Aber: wer singt uns jetzt, wie man sich beim Brötchenkaufen fühlt? Niemand, und vielleicht brauchen wir das ja auch nicht. Dafür haben wir Lady Gaga, dafür haben wir Kurt Vonnegut.

 

(Eine interessante gestellte Doku mit animierten Zeichnungen von Chlodwig Poth namens "Rodgau melodies" bietet eine ungewöhnliche Trickfilmästhetik, um nochmal kurz zu  Trickfilmen zu kommen)

Draußen ist es – 11 Grad, drinnen ist die Heizung tot (der Heizlüfter ist nebenan). Ein neuer Eintrag ist beinahe fertig, aber nicht fertig genug, um dafür mal rasch Decken und Badewannen alleine zu lassen. Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs mollig warmen Dank fürs Anklicken, und der Eintrag wird nachgereicht.

19.01. Was blieb vom Pupppenmotel?

Letzte Woche war an dieser Stelle etwas Unfertiges über Computerspiele zu lesen (ist es immer noch, einfach nach unten scrollen, nein, die Probleme dieser Website sind noch lange nicht gelöst), darum ist an dieser Stelle wiederum etwas Unfertiges über Computerspiele zu lesen. Weil das Thema zu umfangreich für einen kleinen Wortsalat ist, hier wenigstens ein paar hingekrümelte Erinnerungen an die jüngere Kulturgeschichte.

Auslöser für meine Einlassungen war der Titel des „Spiegel“ vor einer Woche: „Spiele machen klug“ (nicht etwa „Spielen macht klug“, was den Fokus unnötig abgelenkt hätte), und begleitend flimmerten auch diverse zusätzliche Artikel durch die Online – Ausgabe, die offensichtlich gesellschaftszermalmende Vorurteile gegenüber Computerspielen abbauen wollten. Dabei wurde massiv auf einen kleinen Bestseller angespielt, nämlich „Reality is broken“, ein flammendes Plädoyer für Computerspiele von der umtriebigen Game – Designerin Jane McGonigal.

Erst einmal ein paar naive Statements vorneweg: es gibt fantastische Software und fantastische games. Es könnte noch viel bessere geben, und die könnten tatsächlich eine entscheidende Rolle bei der spannenden Aufgabe spielen, diese Welt am Durchschmoren zu hindern. Solche Programme entstehen noch beinahe ausschließlich jenseits der Computerspielindustrie, sie sind nicht off- Broadway, sondern eher Straßentheater im Nieselregen.

Vor 20 Jahren (um zur vage magischen Zahl zurückzukommen) hatten es Computerspiele in Buchhandlungen und pädagogische Zeitschriften geschafft, und jeder Politiker, der nicht als rühriges Fossil abgeschrieben sein wollte, wollte „Multimedia“ fördern. Dieses schöne Wort pappte damals auf so ziemlich allem außer Streichkäse. Stiftungen und Institute legten sich ins Zeug und produzierten trotz im Vergleich zu heute etwas asthmatischer Technik „Edutainment“ – CD, mit deren Hilfe man sich durch den menschlichen Körper und die Weltmeere klicken konnte, Noten oder Gartenbau lernen, und schließlich erschienen auch die „Encyclopaedia Brittanica“ und das „Lexikon des internationalen Films“ auf CD – ROM, und es war also für fast alles gesorgt. Zur gleichen Zeit wurden Spieleerfinder und – Autoren auch außerhalb Japans und kleiner fanatischer Nerdzirkel zu Kultfiguren, und es waren NICHT die Urheber von Lieblingsspielen aus der Kindheit, sondern ziemlich junge und ziemlich aktive Leute: u.a. Molnyeux, Schafer, Myamoto und dieser Typ von „SIM City“. Douglas Adams (ohne ihn überschätzen zu wollen) schrieb games, anstatt sich auf neue Bücher zu konzentrieren, und wir haben darum heute weniger zu lesen (bei Stephen Kings Outpout fiel die Nebenbaustelle hingegen naturgemäß weniger ins Gewicht). Laurie Anderson (mittlerweile vor allem bekannt als Witwe von Lou Reed) legte das tiefverstörende und rechnerlahmlegende Gesamtkunstwerk „The puppet motel“ hin, und wir haben darum heute weniger zu hören. Peter Gabriel und Harlan Ellison, überhaupt alle salonhauchveredelten Künstler, die irgendwann einmal als a)hip und b)progressiv gelten konnten, schraubten an interaktiver Software mit spieleartigem Inhalt.   Dass Weltwissen, Weltgewandtheit, Weltoffenheit und Weltgestaltung in nahester Zukunft dank der neuen Technologien einen verspielten Quantensprung vollführen würden, war Konsens unter allen Menschen, die überhaupt Computer benutzten (was damals in unseren Breiten noch längst nicht alle waren). Kurz gesagt: der Quantensprung kam nicht. Bis heute vermodern in öffentlichen Bibliotheken hochambitionierte Programme auf dem state oft he art von vorgestern, die uns an diese Zeit erinnern. Ansonsten könnte man meinen, es habe sie nie gegeben. Exakt die gleichen Argumente, die heute für games werben, wurden schon einmal ins Feld geführt, inklusive der unverzichtbaren Spiele für „autistische Kinder“ (die schon zu Anfang der 1990er zu einem solchen Klischee geworden waren, dass sie in „Feld der Träume“ einen vertrauenserweckenden Althippie charakterisieren – er entwirft Computerspiele für autistische Kinder, er ist immer noch einer von uns, keine weiteren Fragen). Was ist in der Zwischenzeit geschehen, dass die Diskussion offensichtlich nicht nur wieder bei Null anfangen muss, sondern, dass dies niemandem so richtig auffällt?

Die banale Antwort lautet: Ego – Shooter. Actionspiele mit subjektiver „Kamera“, in denen jede Menge Monster in die Luft gejagt wurden, rollten die Spieleindustrie ab Mitte der 1990er auf. Ganze Bestsellergenres wie „Point and click – Adventures“, „Arcade games“ und „Interaktive Filme“ starben nach z. T. jahrzehntelanger Begeisterung und trotz anhaltender Perfektionierung beinahe vollständig aus. Andere, namentlich die verschiedensten Simulationen (Städte, Inseln, Fußballvereine) und Fantasy – Rollenspiele, erlebten kurzzeitig Einbrüche und sahen mit avancierterem Gameplay recht schnell wieder Land.  Aber die Ego – Shooter wurden zum Hauptkampfplatz. Die gleiche Erklärung würde weniger primitiv formuliert in etwa lauten: Die Industrie konzentrierte sich auf Ego – Shooter, denn die wurden gekauft. Und dann baute sie immer teurere Ego – Shooter und vernachlässigte andere Segmente, zumal sie als junger, gieriger, skrupelloser Industriezweig weder an Nachhaltigkeit, noch an Mischkalkulationen interessiert war. So ähnlich, würde ich sagen, war es tatsächlich auch. Computerspiele waren zwar im Vergleich zum Film kein in der Herstellung sonderlich teures Medium, im Vergleich zu anderen Artefakten, die man in lichtlosen Garagen herstellen kann (und die meisten der Studios, die heute den Ton angeben, begannen in extrem dunklen und zugigen Garagen), dagegen schon. Wer einen Egoshooter bastelte, sprang zumindest auf einen fahrenden Zug auf.

Das beantwortet aber nicht wirklich die Frage, warum die Industrie nicht trotzdem ein Feuerwerk der abgefahrenen oder didaktischen Videospiele aufbranden ließ, und sei es mit halber Kraft und um Förderungen zu provozieren, sondern sich umgekehrt nach ein paar zögerlichen Versuchen dazu (wie gesagt, vor etwa 20 Jahren) davon mehr oder weniger völlig zurückzog. Die „serious games“ wie die charmanten Spinnereien, die Lernprogramme wie die synästhetischen Trips entstehen beinahe durch die Bank weit weg von den Spielemessen und Elektrogeschäften, zum Teil aus Idealismus oder überbrandender Kreativität heraus, zum Teil im Auftrag öffentlicher Einrichtungen (die Ausnahmen von der Regel, die Neuland betretenden Spiele für am Markt mitmischende Studios, werden entsprechend häufig von Kritikern umraunt und entsprechend selten verkauft).

 

Kurz: die gesellschaftliche Adelung von Videospielen stand schon einmal beinahe bevor, wurde mit einer verblüffend ähnlichen Argumentation vorangetrieben und verpuffte dann doch in dubiose Nischen.  

Damit dieser Blogeintrag nicht zu lange wird, spare ich mir ein paar Erklärungsfragmente in diesem Moment ebenso auf wie eine Rezension von „Reality is broken“, ein paar Zeilen über das jüngste „Zelda“ und über die erwähnten Narratologen und Ludologen. Damit dieses Blog nicht unerträglich öde wird, reiche ich das allerdings alles nicht in einer, sondern erst in zwei oder drei Wochen nach.   

12.1. Narratologen und Ludologen (P.S.: irreführender Titel)

Die Titelgeschichte des neuen „Spiegel“ beschäftigt sich mit dem Schlauwerden durch Computerspiele, aber: warum? Erstmal liest sich das, nach „Spiegel“ – Verhältnissen nach einem Saure Gurken – Thema, während derzeit ja gerade Wellen an süßen Gurken über uns hereinbrechen, aus nachrichtenmagazinlicher Warte. Zum anderen ist ein solch affirmative Headline wie „Spielen macht klug“ ja vergleichsweise untypisch und auch in dieser Verkürzung nicht gerade akkurat, so spannend die Diskussion über Intelligenz und Computerspiele auch ist. Nun lässt sich der „Spiegel“, was immer man über ihn sagen mag, sicher nicht von Nintendo und Microsoft Titelgeschichten kaufen.  Also ist die Wahrheit vermutlich noch wesentlich deprimierender: die neugelaunchten Computerspielkonsolen wühlen eine kritische Masse an „Spiegel“ – Redakteuren und mutmaßlich „Spiegel“ – Lesern so auf, dass die Krisen, Katastrophen und Komödien rechts und links davon überall in der Welt und im Land in die Zweitrangigkeit herunterfallen. Und: es muss nagen, und das bringt uns zur Themenpalette (chaotisch und wohldurchdacht) dieses kleinen Blogs, und hoffentlich riecht das nicht nach sauren Gurken aus zweiter Hand. Die nach wie vor weitgehend einmütige Geringschätzung von Computerspielen im offiziellen Diskurs treibt die Gaming – Industrie ein wenig, die Gamer selber nach wie vor zur Weißglut, und davon handelt die „Spiegel“ – Story. Ausgehend vom Bestseller der amerikanischen Spieledesignerin Jane Mc Gonigal „Reality is broken“ wird, nicht ohne Pathos geschildert, wie durch Computerspiele Depressionen geheilt, Kenntnisse vermittelt, Handlungsoptionen ausprobiert und Hirne verklugt werden. Stolperstein für eine Welt der allgemeinen Intelligenz und Mitmenschlichkeit, in der wir weise mit Krebs umgehen und uns als handlungsmächtige Subjekte  betrachten: die Skepsis, besonders die deutsche, gegenüber Computerspielen. Die unfairen Mediendebatten. Die Verschnarchtheit der akademischen Intelligenz, die sich nicht zu staatlichen Subventionen durchringen kann. Die halten die Gaming – Industrie davon ab, Autismus, Demenz und soziale Kälte zu beseitigen und zwingen sie dazu, neue „Grand theft auto“ – Klone zu produzieren.

Ich habe diese Suche nach Respekt nie nachvollziehen können. Diese Diskussion begann vor etwa zwanzig Jahren in den Mainstream zu rutschen. Innerhalb dieser zwanzig Jahre wurde die Computerspielindustrie finanziell erfolgreicher als die Filmindustrie, schaffte es mit Gehirnjogging – und Fitnessprogrammen in die Mitte der Alltagsakzeptanz, erreichte über Smartphones und Tablets die letzten vormaligen Verweigerer,---und kappte gleichzeitig, wenn wir an die großen Firmen denken, Innovationen, die über neue Serientitel auf dem aktuellen Stand der Technik hinausgingen. Reicht das denn nicht aus? Muss da wirklich noch der Ritterschlag von Kulturkritik, Entwicklungspsychologie und Kognitionsforschung her? Ob ein mulmiges Gefühl oder nicht, die Eltern lassen ihre Kinder doch daddeln. Fundamentalopposition gegen games gibt es faktisch nicht mehr, Rufe nach Zensur sind selten und erfolgen üblicherweise mittlerweile erst bei Inhalten, die bei Filmen oder Fernsehserien zur sofortigen Vernichtung des Negativs führen würden (das war einmal umgekehrt, sicher).  Die moralische Selbstentlastung der Eltern wird auch nicht einfacher, deren Haltung nicht ambivalenter, wenn sie wissen, dass Games klüger machen und ihnen gegenüber ein gewisses Wohlwollen hegen (ich spreche aus Erfahrung). Ja, das Ziehen und Klicken fördert logisches Denken, das Erkennen von Mustern, Problemlösungsstrategien und einfachere Transfers. Und viele Spiele bieten ästhetische Erfahrungen. Es sind keine Vorurteile, die Kindermedieninteressierte davon abhalten, lobpreisend um Joysticks herumhopsen. Zum einen ist es der berechtigte Einwand, dass das Erledigen repetitiver Aufgaben an einem Bildschirm vielleicht doch nicht die absolute Erfüllung eines Kinderlebens oder auch nur  einer – stunde sein kann. Und es ist schon die sich und ihre Großmutter verkaufende, schamlos gierige, spitzelnde, schludernde, stockkonservative, einfallslose, kurzsichtige, sexistische und generell verwegen dümmliche Computerspielindustrie selber. Als einziger Teil der Kulturindustrie wird sie von den dominanten meinungsbildenden Strömungen im Internet nicht grundsätzlich problematisiert, nicht als Auslaufmodell oder Freiwild betrachtet. Wenn die Gaming- Industrie die bornierteren Bildungsbürger von sich überzeugen will, sollte sie vielleicht aufhören, ihnen Bonuslevels, Remakes und den zweiten Weltkrieg in Strapsen zu verkaufen. Sobald ich als (tatsächlich) grundsätzlich gamesaffiner Mensch versuche, Skeptiker von der Schönheit des Computerspiels zu überzeugen, halten sie mir die schundigen Trailer, semikriminellen Geschäftsmodelle und allzu häufig auch schrecklichen Spiele vor, mit denen sie in jüngster Zeit konfrontiert worden sind. Dass Gamer verschämter auftreten als Pornosüchtige (ich will selber reflexartig anmerken, dass ich selten und immer nur kurz spiele, - und jetzt, dass das tatsächlich stimmt) liegt nicht an protestantischer Ethik, linkem Spaßbremsentum und auch nicht an einer Verschwörung fundamentalistischer Thomas Mann – Verehrer, das liegt an den Werbetafeln neben einer beliebigen deutschen Bushaltestelle.

Es gibt, natürlich, hervorragende Spiele, die die Welt zu einem schöneren Ort machen, und dazu gehören sicherlich auch einige, die der „Spiegel“ benennt. Und es gibt auch idiotische oder tiefproblematische Spiele, ohne die die Welt vermutlich auch ein weniger schöner Ort wäre, und sei es, weil sie ihre Spieler davon abhalten, aus Langeweile mit Küchenmessern zu jonglieren oder mangels Ventil auf Küchenmesserverkäufer zu schießen (auch wenn dieser Katharsiseffekt nie verifiziert werden konnte). Aber sie alle miteinander, und zusammen mit den „Sims“, „Candycrush“ und den „Fifa“ - Simularoren in Sippenhaft zu nehmen, um den Respekt vor der Form zu fordern, funktioniert nicht. Die „serious games“ – Macher stehen vor den Toren der großen Softwareschmieden wie die abgezockten Pioniere und die Bilderstürmer, die sich verhoben haben. Im „Spiegel“ – Text wird weder der Aufbau einer ernsthaften Spieleförderung gefordert, noch irgendein Weg aufgezeigt, wie die hilfreichen Spiele in die richtigen Hände gelangen könnten, es wird auch nicht zwischen ignoranter, fundierter und im jeweiligen Langer positiver, negativer und ambivalenter Spielekritik unterschieden (wie es besonders das Anreißen der Gewaltdebatte nahelegen würde)-  es geht um das Anklagen einer kritischen Haltung an und für sich.  Der Erfinder von „Candycrush“ verlangt, laut „Spiegel“, Respekt, weil er finanziell so erfolgreich sind, Problemspiele zum Umgang mit unheilbaren Krankheiten verlangen Respekt, weil sie tun, was sie tun, das ganze Phänomen „Computerspiele“ verlangt Respekt, weil es ein gesamtgesellschaftliches Phänomen geworden ist. Also alles wie immer. Weil sie da sind und kommerziell so eine große Nummer, sollen wir Games respektieren, übrigens tun sie viel Gutes, das konkrete Auswirkungen hat, und das Böse, das sie tun, hat keine konkreten Auswirkungen. Idealisten und Künstler sind irgendwie auch an Bord, und, nur zur Erinnerung, die Branche ist wirklich irre erfolgreich. Das sind mindestens vier Diskussionen durcheinander, und keine wird, im „Spiegel“, halbwegs stringent geführt, weil es ja erst einmal darum geht, die verdammte deutsche Skepsis zu überwinden.

Diese Skepsis wird bleiben. Dass sie innerhalb der letzten 20 Jahre (warum 20 Jahre? Wegen des damals vollzogenen Siegeszugs von PC und „Playstation“) nicht weniger geworden ist, obwohl mittlerweile mehrere Generationen von daddelnden Publizisten die Meisterwerke gewürdigt, die Möglichkeiten aufgezeigt und sich eloquent als Fans und Süchtige geoutet haben,----- das könnte mal ein Thema für den „Spiegel“ sein.

Jetzt ist dieser Blog schon voll, und Narratologen und Ludologen wurden noch so wenig behandelt wie das neue „Zelda“ und eben das Buch von Jane McGonigal. Das nächste Mal, und wieder sonntags.)   

05.01. Die erzählerische Großmacht

„Die Eiskönigin/Frozen“ aus dem Hause Disney ist ein Triumph von beinahe gruseligen Ausmaßen. Vielleicht haben sich Erstbesucher von „Vom Winde verweht“ vor bald 75 Jahren ähnlich durch die Mangel verzaubert gefühlt. Alles ist da, bis auf den leisesten Hauch von Experiment und Kante, alles, was die Kunstform zu bieten hat. Zauberstaub in 3 – D, prächtig, ausgeklügelt, und dabei so beseelt, wie es eine Operation dieses Ausmaßes vermutlich sein kann. Jede Sekunde protzt halbwegs nonchalant mit ihren technischen und tüftlerischen Möglichkeiten, mit ihrer Kunstfertigkeit und ihrem Blick aufs Gesamtwerk. Keine überflüssigen Bilder, dafür der zelebrierte Überfluss. Subtexte, running gags und Schlüsselmomente wie mit Honig gestrickt. Wem das jetzt zu positiv klingt,- so ist es nicht gemeint, oder zumindest nicht nur. Pyramiden und andere Monumente haben immer auch etwas Verstörendes, Pyramiden, die mit herumhopsenden Schneemännern aufwarten, erst recht. Die möglichen Einwände gegen jenen Song oder diese Nebenhandlung, gegen Details des Designs oder der Farbgebung, können zumindest in meinen Augen nicht am betörend schimmernden Lack kratzen. Beinahe 50 Jahre nach dem Rückzug des Firmengründers aus dem Tagegeschäft ist die Walt Disney - Company dort angelangt, wo er immer hinwollte: auf dem Thron des populären Erzählens. Nicht auf einem rührigen Nischenthron oder umraunten Extrathron, sondern mitten auf dem Herrschersessel, von dem vorher nicht einmal bekannt war, dass es ihn gab. Es geht ja nicht nur um diesen Film, von dem vielleicht ein paar Insider (mir ist keiner bekannt) eine Neudefiniton des State of the art erwarteten (und der uns andere damit überraschend erwischt hat).

Vergessen wir mal den Grundbesitz, den Einfluss auf u. a. städtebauliche Maßnahmen in New York, die Retortenstädte, die monströse Schiffsflotte, die Arbeitnehmerzahlen, die Freizeitpark (Disneyland Paris ist angeblich mittlerweile doch zum beliebtesten europäischen Tourismusziel geworden)- und  die Börsengewinne, ja, auch das Mitmischen im Nachrichtengeschäft und in der Popmusik (ohne Disney keine Brittney, keine Miley Cyrus), bleiben wir bei Geschichten.

 Für die nächsten Jahre sind „Star Wars“ – Filme von Disney angekündigt (die Firma kaufte Lucasfilm bekanntlicherweise zum symbolischen Preis von einem Dollar,- nein, es war eine Milliarde, immer diese einstelligen Zahlen), noch mindestens ein weiterer „Fluch der Karibik“, Verfilmungen von Marvel Comics (seit gut zwei Jahren Teil des Konzerns), neue Werke vom endlich ganz eingemeindeten Stiefprinzen Pixar (nach Einnahmen pro Film das bisher erfolgreichste Studio der Filmgeschichte), und ein weiterer Streifen mit den Muppets (seit den frühen 90ern bei Disney) steht ebenso vor der Tür wie ein brandneuer Fernsehkanal, in dem die gezeichneten Klassiker neben den neuen animierten Franchises wie „Phineas und Ferb“ und populärem selbstgebrauten Sitcomfutter wie „Icarly“ ausgestrahlt werden sollen. Zeitgleich wird für alle neuen Spielkonsolen eine digitale Welt zum Sammeln präsentiert, wird die nach dem Abflauen der Manga - Begeisterung wieder erlangte Hegemonie im europäischen Comicmarkt ausgebaut, der Bilderbuchbereich weiter nach Möglichkeit aufgerollt, und die DVD – und Blu Ray- Verkäufe bleiben trotz aller Umbrüche auf Rekordhöhen (in welchem Elektrohandel dominiert Disney – Ware nicht gleichzeitig die Neuerscheinungen und Rabattaktionen, und die Kinderecke sowieso?). Schneewittchen und Pu, der Bär, sind im allgemeinen Bewusstsein genauso Disney – Figuren wie Hercules und der Glöckner von Notre Dame, Aladin (ach nein, natürlich Aladdin) und Pocahontas. Allgegenwärtig und überallhin verflochten lächeln sie von Nahrung, Spielzeug und Hamburgerpackungen herunter. Als das Imperium im Großen und Ganzen noch aus einem meist alten Kinofilm alle zwei Jahre und ein paar Radiergummis und Zahnbürsten mit Mauseohren bestand, wurde in unseren Breiten vor der Disney – Herrschaft gewarnt. Nun aber hat sich das Familienunternehmen innerhalb der letzten zwanzig Jahre über den Zwischenschritt des „kleinsten Majorstudios“ tatsächlich zur erzählerischen Großmacht entwickelt, auch wenn Donald Duck nie wieder so unhinterfragt hip sein wird wie einst im Mai, und es wird kaum zur Kenntnis genommen.

Ich selber habe an sich nichts gegen Disney, im Gegenteil. Abgesehen von dem Tea Party – Propagandafilm avant la lettre „Der König der Löwen“ und des durch und durch dubiosen „Bambi“ hege ich heiße Bewunderung für die animierten Kinofilme, selbst für die mittelmäßigeren. Keine andere Filmfolge steht so deutlich für die Möglichkeit von Studiokunst (im Unterschied zu vereinzelten Meisterwerken und vereinzelten Filmschaffenden), in meinen Augen nicht die „schwarze Serie“ von Warner Brothers, nicht einmal der Outpout von „focus- feautures“.

Der Konzern macht es dem Fan nicht einfach, ihn zu mögen – die Arbeitsbedingungen waren zur Glanzzeit selbst für Chefanimatoren (trotz Aus – und Fortbildung) katastrophal und sind es heute Berichten nach immer noch mindestens für Freizeitparkangestellte. Die politische Haltung der Firma war häufig undurchschaubar, um es sehr wertneutral auszudrücken. Das Ziel einer durchdisneyfizierten Welt inklusive künstlicher Kleinstädte klingt nach sehr, sehr düsterer Science – Fiction, und ein von Merchandising überzogener Alltag wäre selbst dann kein Grund zum Jubeln, wenn es sich um Merchandise vom Grummeltal handeln würde.

Doch das unter klugen Menschen obligatorische Disney – Bashing hat mir nie eingeleuchtet. Natürlich hat die Disney – Ästhetik den ambitionierten Animationsfilm aufgefressen, aber ohne Disney hätte es den ambitionierten Animationsfilm vielleicht eben auch erst siebzig Jahre später gegeben (die teilweise extrem ambitionierten Pioniere vor Disney gingen schnell bankrott, die Messlatte rivalisierender Studios lag bei hüpfenden Tintenklecksen) . So monolithisch und sinnestötend, wie es seine Kritiker behaupten, war der Disney – Stil auch nie, das entscheidende Problem bleibt eher die Rezeption innerhalb der Branche,- wenn sich andere Trickfilmproduzenten nicht von Disney hätten blenden lassen, müssten wir nicht über eine vereinheitlichte Ästhetik reden – und es haben sich eben nicht alle blenden lassen, zu keinem Zeitpunkt. Selbst der unselige „König der Löwen“ nimmt sich in seiner Stoßrichtung harmlos aus gegenüber den meisten Actionfilmen, die bei klugen Menschen unter „gulity pleasures“ laufen. Die meisten Sitcoms und mehr als genug Arthouse – Filme sind, trotz sehr viel mehr Sex, Zeitungsanspielungen und Furzwitzen (gut, das seltener im Arthouse),  süßlicher, biederer und reaktionärer als die dann doch reichlich bitzeligen Filme aus dem Schatten von Onkel Walt (die Propagandafilme aus den 1940ern außen vor, lassen sich lediglich in "Mulan" militaristische und imperialistische Tendenzen finden, und nur in den bereits erwähnten neuren Sitcoms wird Konsumpropaganda betrieben. Im Gegensatz dazu gaben sich u.a. "Pocahontas" oder "Lilo und Stich" progressiver als die meisten skandinavischen Kinderfilme ihrer Zeit. In jedem Johnny Cash - Song finden sich problematischere Untertöne als in einem nach Weltkriegsende animierten Disney - Langfilm, und vermutlich mehr Product placement). Es sind (jenseits der Firma als Firma) die Weihe und die Musicalnummern, die die Verächter zum Brodeln bringen, dieses manchmal klaustrophobische Beharren auf großäugigem Staunen, sense of wonder und einer qualvoll harmonischen Welt. Und bei vielen Kritikern geht es um guten, reinen pubertären Trotz gegen die Kuscheldecke der Kindheit. Das sind alles brauchbare Einwände gegen den Disney- Kanon, und dennoch würde ich sagen, dass nur Animationsfilmhasser oder Menschen, die schon mal von axtschwingenden Menschen im Goofykostüm durch lichtlose Gassen gejagt worden sind, behaupten können, Disney – Produktionen seien nicht beinahe allen anderen Mainstream – Filmen formal und inhaltlich überlegen. Bei ihnen sind wenigstens immer sowohl ästhetische Entscheidungen, als auch die Umsetzung von psychologischen Abgründen und gesellschaftlichen Fragestellungen zu bestaunen,- dass die Endergebnisse dann doch nicht sonderlich wild ausfallen und zu häufig interessantere Konkurrenzprodukte an die Wand drängen, steht auf einem anderen Blatt.  Und wenn Werke von „Pixar“ „Ernest und Celestine“ oder Filme von Ocelot vom Platz fegen, bleibt es grausig, doch wenn die Kritikerpreise und Besucherrekorde an manche hämische Sequels von „Dreamworks“ fallen würden, wäre mir noch wesentlich unwohler. So naiv sich das alles lesen mag, war so in etwa meine Haltung bis zu den oben erwähnten jüngeren Truppenbewegungen von Disney. Und bis zur „Eiskönigin“.

 

 „Die Eiskönigin“ ist das Statement eines Riesen auf dem Höhepunkt seiner Kraft. Alleine für das vereinzelte Zauberfunkeln in 3D  stand ein Budget zur Verfügung, mit dem bei uns ganze Fernsehserien entstehen.  Das ist die unfaire Seite. „Die Eisköngin“ ist aber auch, in meinen Augen, innerhalb seiner ästhetischen Parameter fantastisch gestaltet und, vor allem, phänomenal erzählt. Ich glaube nicht, dass jemals eine geschichtenproduzierende Kraft vergleichbare Macht gehabt hat wie derzeit das Disney – Studio (auch Bibelgeschichten wurden vom Dorfpfarrer variiert und individuell heruntergebrochen). Bleiben wir an diesem Thema dran, wach und skeptisch.

Bis dahin: es läuft ein wirklich großartiger Film im Kino.

 

26.12. Blau wie die Hölle

Weihnachtsgeschichten müssen warten (bis wann? Zu Osteranekdoten taugen sie nicht), denn ich komme gerade relativ frisch aus „Blau ist eine warme Farbe“ und habe mich anschließend durch die Kritiken im Netz gefräst, und jetzt schießt das Adrenalin/klopft Verzweiflung an. Ich will hier nicht rezensieren, obwohl meine lieben 2 ½ Stammleser mich immer wieder ausdrücklich dazu ermuntern, - denn rezensieren tun ja schon andere überall. Aber auf die zwei, drei über den Film hinausweisenden Thematiken will ich mich kurz auslassen, damit ich schlafen kann, ohne die Kissen zu zerbeißen. Fand ich den Film denn so schlecht? Nein, aber nicht annähernd gut genug. „Blau ist eine warme Farbe“ ist ein prima Aufdieuhrguckfilm mit schönem Licht, schönen Menschen und angenehm oberflächlich angerissenen Topics (das weibliche Pärchen in der Reihe hinter mir amüsierte sich die erste Hälfte abwechselnd lustvoll und genervt, dann marschierte es entschlossen aus dem Kino). Er wird für seine Laufzeit von drei Stunden kritisiert und, vor allem, dafür, dass der Filmemacher der Crew während des Drehs das Leben zur Hölle gemacht hat, nicht zuletzt den Hauptdarstellerinnen, die dazu noch sehr nackt zu sehen sind,- und dies im vollen Umfang erst bei der Premiere begriffen (die Nacktheit, die Drangsale hatten sie anscheinend noch farbig im Kopf). Der Film wird dafür gelobt, dass er eine semi – dokumentarische Qualität besitze, lyrische Momente, verblüffende Milieuschilderungen und subtile Charaktersierungen einfange und verwirrend intime Sexszenen präsentiere.  Manchen gefällt auch die etwas ziellos durch den Film gezogene Kritik an einer Gesellschaft, die die Menschen zur Anpassung zwinge. Der Film hat goldene Palmen gewonnen und läuft selbst am Feiertag in gut gefüllten Kinos. Was in den wenigsten Besprechungen erwähnt wird, ist, dass er auf dem in Frankreich sehr erfolgreichen und vielfach prämierten Comic von Julie Maroh fußt, einem ziemlich mutigen Erstlingswerk. „frei nach“ steht im Abspann und auf den Plakaten. Manche Rezensenten machen die Comicvorlage für einige Grobschlächtigkeiten und Leerstellen im Film verantwortlich.

Das ist, Ihr ahnt es schon, Unsinn. Was immer man von der etwas kulleräugigen Graphic novel halten mag, sie ist nuancenreich, punktgenau und behandelt ihre Themen mit reichhaltiger Behutsamkeit und so viel Background, wie es eine vor allem visuell erzählte Geschichte nur erträgt. Der Comic entwickelt zudem eine eigene Ästhetik. Es ist nicht mein Lieblingsstil, aber er ist ohne Frage ein schlüssiger Versuch, eine stilisierte Bildsprache für die behandelten Emotionen, Eindrücke oder eben einfach Story und Thema zu finden. Dazu gehören auch häufige Wechsel der „Einstellungen“, visuelle Markierungen und eine Vorliebe für Details. Das ließe sich alles genauer ausführen, aber kurz gesagt: jedes Bild ist wohldurchdacht, von der Perspektive bis hin zur Hebung einer Augenbraue. Besonders auffällig ist der Einsatz von blauen Farbtupfern in ansonsten meist schwarzweißen Bildern. Texteinschübe in Schreibschrift erläutern das Innenleben der Protagonistin. Die beiden Frauen, die sich im Comic miteinander einlassen, sehen vergleichsweise „männlich“ aus, zumindest bewusst zu keinem Zeitpunkt wie Modells. Die Sexszenen sind schüchtern und gewagt zugleich und setzen sich aus elegant montierten Bildern der Intimität zusammen. Das kann man ja alles betulich finden, aber im Grunde entspricht diese Verarbeitungsweise dem, was speziell Arthouse – Filmliebhaber (und – kritiker!) gerne von der Behandlung eines solchen Themas fordern: es gibt originelle Bildeinfälle, Psychologie und eine ernsthafte, dabei erotische Behandlung mit Sexualität, die extrem sinnlich, vielleicht voyeuristisch, aber sicher nicht sexistisch ist.

Die Veränderung und Neuerfindung von Nebenhandlungen ist nicht das, wofür der Film gelobt wird. Er wird ausdrücklich gelobt für all die Qualitäten, die den Comic ausgezeichnet haben. Während er diese Qualitäten im Unterschied zur Vorlage gar nicht mehr besitzt: der Film verwendet lange und häufig zerfransende (mein Eindruck) Einstellungen ohne visuellen Mehrwert (wo der Comic zehn wohlüberlegte Ausschnitte für eine Szene findet, setzt der Film einen), er lässt die Psychologie unter den Tisch fallen, und die Sexszenen zwischen den modelligen Darstellerinnen sind derb- elegant, sexistisch, schmerz- und überraschungsfrei,- wenn man von der Novität des lesbischen Aspekts absieht, um den es angeblich nicht geht.  Das heißt: der Film lebt davon, dass er echte Menschen vor einer laufenden Kamera zu bieten hat. Die sich ausgebeutet fühlen.

Jetzt könnte man, denke ich, mit einigem Recht sagen, dass Menschen spannend anzuschauen sind, wenn sie genug Emotionen zeigen. Und erst recht, wenn sie nackt und schön sind. Im vorliegenden Fall scheint diese bekannte Attraktion durch Drohungen, allgemeinen Psychoterror und uneingehaltene Absprachen gewährleistet worden zu sein. Worin liegt also der künstlerische Wert dieses Films?

Und nun antwortet die - kluge, sensible, respektverdienende- Filmkritik mit: der Wert liegt in der Authentizität. Welche Authentizität? Dieser Film folgt einer elaborierten Vorlage, in manchen Szenen bildgenau, lediglich unter Weglassung von Feinheiten und Einfällen. In anderen Szenen mussten Cast und Technik tagelang getriezt werden, um das erwünschte Ergebnis zu erzielen, und aus berichteten 750 Stunden Material wurden die vorliegenden drei Stunden zusammengestellt. Nichts vor der Kamera hätte sich ohne die Kamera ereignet, und das noch weniger als bei einem anderen Film (noch einmal: Comicvorlage, Terror, - ich weiß, ich nerve). Man kann ja lange Einstellungen mögen. Und man kann Darstellerleistungen mögen, und das meine ich nicht zynisch, die aus Überforderung und Kontrollverlust resultieren. Und Sexszenen, die uns die möglichen Positionen der lesbischen körperlichen Liebe vorführen. Die Kritiker, die dies vertreten, sind alles andere als böse, höchstens dumm sind sie noch weniger. Aber: greift da der Begriff der „Authentizität“? Nach dieser Logik, weitergedacht, würde jede Bildkomposition veredelt, sobald sie in langen Einstellungen und unter der nur partiellen freiwilligen Einwilligung von Mitwirkenden in entschlackter Form nachgedreht wird. Und dann wären die berücksichtigten Sexfilme vor allem aus den 70ern mit Motiven aus Weltliteratur, Filmgeschichte und auch Comic Filmkunst oder sogar Wegweiser in die Zukunft. Und das kann es nicht sein. Auf der inhaltlichen Seite lauern noch mehr Fußangeln: wird die Charakterisierung von Kleinbürgern durch Spaghettiessen, von Bildungsbürgern durch Austernschlürfen dadurch subtiler, dass diese klischeehaften Szenen sorgfältig ausgeleuchtet sind? Und werden dramaturgische Schwächen, fehlende Entwicklungen und Informationen in dem Moment zu Stärken, in dem wir wissen, dass der Filmemacher besessen vom Einfangen der ungeschminkten Realität ist? Und das bei (ja, jetzt wird es wirklich gebetsmühlenartig, ich gebe es zu) Vorlage und Schauspielerzwang, die das Gegenteil von einer „authentischen“ Szene im dokumentarischen Sinn bedeuten (das Einflechten der Farbe „Blau“ ins Bild, der Einsatz von ausschließlich direkter Musik, das ständige Essen und das goldene Licht haben in der Fülle auf mich einen manierierten, beinahe surrealen Effekt –  fraglos sehr wirkungsvoll, aber alles andere als „dokumentarisch“- und die Kunstwerke, um die es nebenbei geht, würden in unserer Welt nur im Postershop verkauft werden)?

Und, wird das Anprangern gesellschaftlicher Zwänge nicht ein klein wenig unglaubhaft, wenn unbezahlte und gegängelte Techniker wie eingeschüchterte Darsteller nur deswegen nicht vom Set liefen, um nicht unprofessionell ihre berufliche Zukunft in den Sand zu setzen? Welcher stärkere und bedrückendere gesellschaftliche Druck herrscht denn in unseren Breiten als der, aus Existenzangst beruflich alles mitmachen zu müssen? Könnte nicht auch eine Filmkritik, die der Ansicht ist, das Ergebnis rechtfertige die Mühen, darauf beharren, dass es natürlich noch schöner wäre, wenn das eine nicht gegen das andere abgegrenzt werden müsste und für die Zukunft nachdrücklich interessante Filme ohne ein in der Folge offensichtlich in Gänze traumatisiertes und verstricktes Team fordern? Für ein genialisch – getriebenes Werk, dass nur unter solchen Bedingungen entstehen konnte, ist „Blau ist eine warme Farbe“ zumindest in meinen Augen ein zu beiläufiges, flanierendes und offen unentschlossenes Werk, tatsächlich machen diese Eigenschaften für mich den Reiz des Films aus.       

Ich halte den Film absolut nicht für „schlecht“, und ich rufe das alles nur von der Seite heraus ein. Ich halte weder die Sexszenen, die Streitszenen, noch das dramaturgische Beinaheegal, aber doch nicht ganz, an sich für problematisch, sogar für interessant und reizvoll anzuschauen (wenn auch für die meiste Zeit etwas flach. Und die Momente gehen bei der Länge des Films tendenziell unter. Und was ist das überhaupt für eine Laufzeit für diese Geschichte?). Aber wenn die verwickelte Diskussion über diesen Film zu einer sehr gesellschaftskonformen Wiederbelebung von Mitwirkenden als Material und zum Propagieren eines „Naturalismus“ wird, wenn Klischees nicht als okay, sondern als Nichtklischees bezeichnet werden, gelungene, vielleicht etwas unpersönliche erotische Szenen, die vor allem durch ihre Länge und Variationsbreite herausstechen, als die Leinwand durchbrechende Intimität und Stunde der wahren Empfindung gepriesen werden, wenn Glättungen als Brechungen gefeiert werden, und das alles von einigen der klügsten und ehrenwertesten Köpfe, die über Film nachdenken….

….dann halte ich jetzt die Klappe und wünsche mir als beinahe bescheidener Reinrufer, das Ganze wäre  als Animationsfilm umgesetzt worden. Aber das wünsche ich mir ja sowieso.   

 

  

 

19.12. Ausnahmezustand- Geschichten (etwas Gabriel, vor allem Scrooge)

Rechtzeitig zu Weihnachten werden wir endlich wieder regiert, sogar, so heißt es, ordentlich durchregiert. Wochenlang lag die Republik landauf, landab im Standbild vereist wie im Reich von Dornröschen. Jeder neue Gedanke wurde weggewischt, „Nee, besser nicht, die große Koalition steht noch nicht!“, die Bäcker liefen unruhig und erwartungsvoll im Kreis um den Ofen herum, Bürgermeister saßen in schlabberigen Jogginghosen vorm Onlinepoker,  Unternehmen aßen Nutella aus dem Glas und langweilten sich vorm Fernseher, der Wolf lag beim Lamm, und wir fühlten uns mit flauem Gefühl im Magen alle so schrecklich unregiert. Nun ist nach dem Superbowl der Mitgliederbefragung endlich wieder Stimmung in der Bude und alles wieder auf „Play“ geschaltet, und Sigmar Gabriel ist der Hobbit für die politische Berichterstattung. Natürlich behauptet nicht nur Jakob Augstein, nun ginge das Gepenne erst richtig los, aber auch er sieht den Mitgliederentscheid an sich als dynamisches Auftrumpfen von Demokratie und Weltgeist.  Die Katerstimmung in einer großen Koalition wurde noch nie so dynamisch gestaltet wie dieses Jahr, mit Liveticker, Wasserstandsmeldungen, ratlosen Expertenrunden, Klatsch und Tratsch. Das ist das Erbe Gerhard Schröders, es lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: HIER SPIELT DIE MUSIK. Wenn die gesellschaftlichen Entwicklungen, die öffentlichen Diskussionen und zu viele Prozesse jenseits der Postenvergabe der SPD wegzulaufen drohen, wenn der SPD die Selbstkritik droht, dann setzt sie eben flugs ein spannendes Abstimmungs – Event an: eine Vertrauensfrage, eine Neuwahl, einen Mitgliederentscheid. Und angesichts der berüchtigten Parteiräson innerhalb der SPD halten diese fröhlichen Ausnahmezustände zumindest den eigenen Laden zusammen. Das Voting zu spannungssteigernder Musik rettet öde Programme, fast wie im richtigen Leben, also im Primetime – Fernsehen. Soviel Dramatik wie bei einem Showdown zum Anrufen kriegen die kleinen Spartensender, Alternativmedien und das richtige Leben, also: das Nicht – Fernsehen nicht hin, einen solchen Showdown stemmt nur das schwächelnde Traditionsunternehmen. Das nächste Mal sind vielleicht auch noch ein begleitender Song und ein Computerspiel drin. Und nach dem ganzen Zinnober bleibt die vage, nagende Ahnung, benutzt worden zu sein. Ich habe wirklich Mitgefühl mit SPD – Mitgliedern, sowieso und immer. Und der Verdrängungswettbewerb unter Stories legt tatsächlich Tag für Tag noch einen Zahn zu.

Den Wettstreit um die gültige Weihnachtsgeschichte jenseits der doch recht knappen Zeilen im Lukasevangelium behauptet trotz starker Konkurrenz „Das Weihnachtslied“ von Charles Dickens für sich, die außerordentlich griffige, grimmige und inspirierende Geschichte um den verbitterten alten reichen Mann und die drei Geister. Selbst „Ist das Leben nicht schön?“, zumindest im englischsprachigen Raum ein ernst zu nehmender Konkurrent, kann mit seinem magischen Realismus und seiner Feier der besinnlichen Nachbarschaftlichkeit noch als Gegenentwurf gelesen werden. Andere Filmerzählungen setzen eher auf humoristisch – folkloristische Elemente (darunter die Masse an launigen Filmen über die Figur Santa Claus, in gewisser Weise auch „Es ist ein Elch entsprungen“) oder eben auf Alltag/beseelten Realismus („Fröhliche Weihnachten“, „Tatsächlich Liebe“). Satirische und misanthropische Weihnachtsspötterei, die auch der Geschichte von Dickens einen zusätzlichen dialektischen Reiz verleiht, tobt sich hier und da in lauten Komödien und Splatterfilmen aus. Trotz „National Lampoon`s christmas vacation“ und „Silent night…deadly night“ hat es zum halben Klassiker dabei aber höchstens „Gremlins“ gebracht, der überdrehte Horrorkinderfilm von 1984 aus dem Hause Spielberg, in dem eine weihnachtliche Vorstadt von schorfigen Kobolden zerlegt wird, Monstergedärm durchs Lametta fliegt, und in dem die jugendliche Heldin davon erzählt, dass ihr Vater als Weihnachtsmann im Kamin erstickt ist. Am Ende herrscht dann doch kulleräugiger Weihnachtszauber (es ist schwer, sich hier nicht in „Gremlins“ zu verbeißen, der ein Film von berückender Perversität ist. Der legendäre Science – Fiction – Autor Harlan Ellison zerriss ihn mit giftspritzenden Sätzen voll guter Argumente ob seines Zynismus in der Luft und warnte Eltern eindringlich davor, ihre Kinder nicht mit ins Kino zu nehmen. Ich habe den Film tatsächlich als 10jähriger im Parkett eines großen Kinos gesehen, nach der Vorstellung war es dunkel in der Stadt, und anschließend gingen meine Eltern zu einer Party. Es war ein interessanter Abend, es wurden interessante Weihnachten).   

Nein, die ganze Wundertüte von Sentimentalität, letzten Fragen, heidnischem Budenzauber und christlicher Nächstenliebe bietet tatsächlich (bisher) nur das „Weihnachtslied“ aka „Scrooge“, eine der wenigen Geschichten, von denen man kaum glauben möchte, dass sie von einem benennbaren Autor am Schreibtisch zusammengebschraubt wurden,- das „Weihnachtslied“ scheint aus einem Guss vom Himmel gefallen zu sein (und es würde zumindest mich nicht wundern, wenn eines Tages vergleichbare ältere Stoffe gefunden würden, seien es keltische Sagen oder chinesische Märchen, und das spricht nicht gegen Dickens). Trotz unzähliger Verfilmungen, Lesungen, Schultheateraufführungen usw. wird die Geschichte nur selten wirklich neu interpretiert und umerzählt. Vermutlich ist Vorlage schlicht zu gut und zwangsläufig, vom Aufbau über die Figuren bis zur Sprache, so etwas kann vorkommen (kommt es aber sonst nie. Zumindest mir fällt kein einziger anderer Stoff ein, der über einen Zeitraum von 170 Jahren derartig nahe am Original immer und immer wiederverwertet worden wäre). Ob mit  Captain Picard (für Jüngere: Professor X), Onkel Dagobert (im Original: Uncle Scrooge) oder Jim Carrey (für Jüngere: Jim Carrey) in der Hauptrolle, immer knackt zu Beginn zu wenig Holz im Kamin, und am Ende werden die Fenster aufgestoßen, und die Straße singt. Die Geschichte von Scrooge könnte der populärste synthetische Mythos der westlichen Welt sein, eine Story, die beinahe jeder im Herzen trägt, heranzieht und für sich umformt, ohne es unbedingt bewusst zu wissen. Der auf den ersten Blick relativ schlichte Gehalt der Fabel (spendier doch mal einen Gänsebraten) war offensichtlich brisant genug, um eine ganze Kultur umzukrempeln.

Unsere Vorstellung von Weihnachten entstammt der Zeit von Charles Dickens. Für die Geschichte des Festes ist Dickens mindestens die drittwichtigste Figur (nach Jesus und dem Weihnachtsmann, ob das Christkind als eigenständiger Charakter gelten kann, bleibt umstritten). Wenn Scrooge mit seinem armen Angestellten über den Spirit von Weihnachten debattiert, führt er eine Debatte, die 1843 brandaktuell war. Dickens klopfte weniger alte Traditionen fest, als dass er zur Erfindung einer neuen beitrug. Weihnachten spielte für den christlichen Glauben bis dato keine besondere Rolle. In vorchristlicher Zeit war die Wintersonnenwende schon gefeiert worden, im Judentum gab es das Lichterfest, und die Geschichte von der Geburt des Heilands passte mit ihrer Dialektik von Ausgesetzsein und Geborgensein gut in ungemütliches Wetter. Trotzdem trat das Fest erst mit der Industrialisierung aus dem Schatten von Ostern heraus. Weil es ruhig und gemütlich war. Weil die Menschen sich nach einem unproduktiven Zeitpunkt sehnten, und der war und ist ja nur dann möglich, wenn der liebe Gott die ganze Welt in Winterschlaf schickt. Es geht um die Feier des Zerbrechlichen und Utopischen bei gleichzeitiger Flucht vor dem alltäglichen Gebrause, bei gleichzeitiger Selbstprüfung. Darin liegt die Faszination der Scrooge – Geschichte, der verbohrte Geizhals wäre an Mittwoch im August wohl noch weniger bereit, sich auf die Spazierfahrt durch sein früheres Leben und seine aufgegebenen Träume schicken zu lassen. In Sommernächten spuken auch heidnische Geister anders. Es geht eben doch um mehr als einen Braten, sondern um das Gegenmodell des Potlatch angesichts des erbarmungslosen Tauschhandels. Und es geht auf einer mehr oder weniger religiösen Ebene um eine Synthese aus heidnischer Vielgötterei, christlichem Erlösungsgedanken und moderner Gewissensprüfung. Dass Scrooge unterm Strich keine schlimmeren Verbrechen begeht, als ein hartherziger Miesling zu sein und über das Weihnachtsfest zu spotten (das, ich wiederhole mich, zum Zeitpunkt der Niederschrift nicht annähernd so populär war wie in unseren Tagen) ist nicht altmodisch, sondern modern. Der gleiche (und: reiche, das ist kein Widerspruch) Dickens brachte bekanntermaßen England dazu, bspw. Kinderarbeit nicht länger für eine herrliche und selbstverständliche Sache zu halten. Ein Tag ohne Ausbeutung ist ja schon mal besser als keiner.     

Diese sehr zeitgenössische Fabel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts erscheint uns nun als überzeitlich, alt und ewig. Jede zweite länger laufende Fernsehserie präsentiert ihre vergagte Version des Stoffes, doch ausgerechnet diese Fabel, bei der eine ergänzende Neuversion sogar sicher noch im Sinne des Erfinders wäre, hier, wo einmal die ganzen Umschreibereien am Platz wären und den Stoff auf seinem unverrückbaren Podest nicht mehr stören würden, bleiben die Nachdichtungen aus. Vom Musical bis zur Trickfilmversion halten sich die Bearbeitungen, wie erwähnt, schon sklavisch an die Vorlage. Gerade einmal zwei Filme aus der späten Glanzzeit der Postmoderne haben sich erfolgreich an einer behutsamen Ergänzung des Stoffes bemüht. Beide fuhren bei der Erstaufführung ziemlich vernichtende Kritiken ein und laufen natürlich auch heuer im Fernsehen.

Da ist, zum einen, „Scrooged/ Die Geister, die ich rief“ (1988), inszeniert von Richard Donner. Der deutsche Titel schmeißt auch noch Goethe in den Mix, der amerikanische Film dafür Bill Murray als abgeklärten, unglücklichen, cholerischen Unsympath von Fernsehproduzent, der sich am „Weihnachtslied“ vergreifen will (es soll als fette Fernsehshow mit Gewalt und Go Go- Girls inszeniert werden). Dem Produzenten, Frank Cross, der natürlich seinen Dickens intus hat, erscheinen rabbatzige Versionen der berühtem Geister, und am Ende findet er zu seiner wahren Liebe, zu seiner abgeleugneten Vergangenheit als halber Hippie (inkl. Kamasturalektüre) zurück, und das Fernsehen wird zum Medium des spontanen Gemeinsamfeierns. Das ist die Abrechnung mit einer Generation, faktisch auch eine Abrechnung mit jeder nachfolgenden Generation von Medienmachern, und entsprechend frisch kommt der Film immer noch rüber. Dass Scrooge eben kein Schurke, sondern lediglich eine Spaßbremse ist, und eben dadurch seine Selbstprüfung verdient hat, passt perfekt zum gewohnten Understatementchargieren des jüngeren Bill Murray. Dass Frank Cross nicht nur durch Geld, sondern durch seine Medienmacht das Fest verdirbt, ist beinahe subtil und überträgt einen schon von Dickens gemachten Punkt, den viele Verfilmungen unter den Tisch fallen lassen. Viele Kritiker halten den Film für etwas unentschlossen herb (ein Obdachloser erfriert auf der Straße), aber es gelingt ihm, den Stoff mit viel Tamtam und Augenzwinkern in 80er Jahre - Dosierung zu entstauben. Das Ende ist sicherlich zu lang (die Schlussszene hört einfach nicht auf und wird dadurch nicht gerade mitreißender), und es bleibt ein buntes und seltsames Werk, aber der Scrooge – Effekt stellt sich locker ein.

„Die Muppets – Weihnachtsgeschichte“ von 1992 setzt dagegen auf so viel altmodischen Charme, wie das bei Muppets und anachronistischen Witzen möglich ist, also: gerade genug. Hier grummelt Michael Caine ohne Scheu und Scham durch Kunstschnee und Kulissen und beherrscht bravourös den Trick, mit Muppets so ernsthaft und intensiv zu reden, wie sie es verdienen. Auf den ersten Blick scheint Dickens die Muppets so wenig zu brauchen wie die Muppets Dickens. Auf den zweiten Blick radikalisiert das Henson – Gewusel die Stoßrichtung des Stoffes und leitet die ihm innewohnende Sentimentalität in goutierbare postmoderne Bahnen. Mit voller Wucht wird auf die Tränendrüse gedrückt, gleichzeitig wird alles mit Albernheiten verziert. Genau das kann man unerträglich finden (und fanden und finden auch genügend kritische Menschen), genau das macht es wunderbar.

Zwei weiterführende Filme. Das ist ein bisschen wenig, oder? Oder haben wir das verdammte Ding schon so gut im Kopf, mittlerweile, passen wir es derartig individuell an und drehen es in unseren Köpfen herum, dass eine Neuerzählung von außen ohnehin nur enttäuschten könnte, uns schlechtestenfalls innerlich abtöten, bestenfalls kalt lassen würde (oder, das ist ja immer die Angst, kommt bei einer Neuverfilmung, und insgeheim wissen wir das alle, zwangsläufig Til Schweiger als zynischer Frauenheld, der an Heiligabend seine schwangere Geliebte verstößt, um dann von drei mehr oder sexy Geistern…nicht weiterschreiben, dazu bin ich zu abergläubisch, huschhusch, pssst, es war nur ein Alptraum)?  

 

Frohe Weihnachten.

 

5.12.

Letzte Woche ging es in diesem weihnachtlich besinnlichen Lesekreis zu lange um Werbung, um das eigentliche Thema der matten Auslassungen wirklich zu berühren, nämlich

 

Das Leben offline (2 von 2)

 

Aber vorher müssen noch zwei kleine Einwände gegen  das vorwochige Geplapper aus der Welt geräumt werden.

1. hieß es, der letzte Blog sei blöd gewesen, zum 2. hatte die verdienstvolle „Jungle world“ letzte Woche ebenfalls das Thema „Werbung“, und zwar satt. Zu 1: Stimmt nicht. Zu 2: Ich hatte die „Jungle world“ beim letzten Post tatsächlich noch nicht gesehen, denn die braucht von der anderen Straßenseite bis in meinen Briefkasten mittlerweile zwei Tage, weiß der Geier warum. Mich hat dieses Zusammentreffen zumindest derartig in neurotische Abgrenzungsnot getrieben, dass ich die „Jungle world“ nicht einmal aufgeschlagen habe (mache ich dann gleich, endlich) und zu diesem Thema nicht einmal mehr etwas nachtrage, obwohl da vieles nachzutragen wäre.

 

Also, vergessen wir die Werbung mal für einen Moment und wenden wir uns den anderen seelenfressenden Nebenwirkungen der webbasierten Existenz zu, bevor wir dann zu einem launigen Happy  end nach Hause segeln. Der größte Gedankenauflöser dürfte das ständige Nachschlagen im Netz sein. Ich meine nicht das konstruktive Nachschlagen und nicht das Lesen von Inhalten, die außerhalb des Internets gar nicht oder schwer aufzutreiben sind, sondern das destruktive, süchtige, juckreizartige Nachschlagen, die hibbelige,selbstzerstörerische Seinsvergewisserung durch das Aufrufen von Webseiten, die schiere, schamvolle, süchtige Flucht vor der Welt und dem eigenen Kopf. Dass wir alle in vielen Fällen nicht mehr die fünf Schritte zum Regal gehen, um genau die gleichen Informationen genauso schnell auf einem anderen Weg herzuschaffen, mag ja noch drollig sein. Am Computer ist das Nachgucken auf einmal geadelte Arbeit, der Computer ist unsere Nabelschnur und unsere Energiequelle, das ist furchtbar, aber das wächst sich vielleicht doch noch mal aus (wann denn endlich? Das ist eine andere Frage, siehe unten). Bedenklicher finde ich, dass wir auch dann immer seltener die fünf Schritte zum Regal gehen (geschweige denn die Schrittmengen bis zu bspw. einer Bibliothek), wenn wir die verfügbaren Informationen im Netz für indiskutabel für grottig halten, die im Regal (oder der Bibliothek) dagegen für sehr gut. Im Gegensatz zum immer noch andauernden Hype steht eben längst nicht alles im Netz. Und im Gegensatz zum Selbstverständis von Suchmaschinen sind die interessanteren Beiträge dort nicht immer einfach zu finden. Es gibt Suchmaschinen, die weder von Allmachtsfantasien zur Umgestaltung der Welt, noch aufs Derbste mit eiskalten und kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen verknüpft sind, ja. Aber selbst die heldenhaftesten Suchmaschinen sortieren nach undurchschaubaren Parametern, die den individuellen Wünschen beim Nachschlagen eher im Weg stehen.

Noch viel bedenklicher erscheint mir aber der eigentümliche Zwang, wie panisch nach Webbestätigungen für die eigenen Gedanken zu suchen. Konkret: wer plötzlich einen Ohrwurm im Kopf hat, versucht ihn nur allzu häufig, schnell bei youtube aufzurufen. Wenn ein Gespräch auf Wirbelstürme kommt, werden mittlerweile Statistiken und Bilder zu Wirbelstürmen ins Smartphone und ins Gespräch geschaufelt. Neulich saß ich da und dachte, warum auch immer, versonnen über die 80er nach und durchforstete prompt blindwütig das Netz nach Belegmaterial zu Erinnerungen, die ich doch überpräsent im Kopf hatte, und die so schnell mit alter Werbung erschlagen wurden und mir nichts mehr zu sagen hatten.  Kurz: wenn das so weitergeht, gibt es bald kein Innen mehr. Dass jedes Innen mit jeder Menge Außen zusammenhängt,- geschenkt, klar. Und wir müssen auch an dieser Stelle nicht die Idee des autonomen Individuums diskutieren. Aber dass alles Innenleben im Sekundentakt mit einem größtenteils trashigen, allgegenwärtigem allgemeinen Gemischtwarenladengeplapper kurzgeschlossen wird, kann keine gesunde Sache sein. Und es pulverisiert sicherlich Milliarden hegenswerte Pflänzchen an Überlegungen und Gefühlen, die so einfach schnell weggewischt werden. Es geht nicht um die in den digitalen Weiten verbrachte Zeit (die hält sich bei mir selber durchaus im Rahmen), sondern um die Funktion, die diese übernehmen, den eingeschlichenen Missbrauch.

Niemand will das Internet abschaffen, und ich plädiere nicht einmal für netzfreie Tage o.ä.  Aber wir stecken noch mitten in der Fresswelle, und das getriebene Onlinesein ist sicherlich ähnlich hilfreich für Leib und Leben wie das tägliche Vertilgen von Eisbein, wie der automatisierte Griff zum Glas. Ok, welche durch das Netz möglicherweise exzessiv fehlgelebte Bedürfnisse lassen sich wie ersetzen?

 

Planloses Surfen: Als Ersatz fürs Surfen bietet sich das gezielte Verlaufen ofline an (ohnehin immer eine gute Sache). Reich an Eindrücken, die nicht nur zum Zweck des halbwachen Durchklickens da sind, sondern einfach so.

Surfen mit Verstand: Die beste Alternative zum zu gehetzten Abfahren von redaktionellen Seiten, die einem tatsächlich etwas sagen, bildet der blinde Griff ins Regal. Ob in alte Zeitschriftenstapel, unsortierte eigene Bücherregale (da lohnt sich der noch nicht ganz gemeisterte Umzug), ob Streifzüge durch Bibliotheken oder Läden (vorsicht, da besser diskret vorgehen),- der Effekt ist in etwa der Gleiche, es kommt nur mehr bei rum.

Geschicklichkeitsspiele lassen sich durch Jojos, Kartenhäuser, Tischflipper und Zuckerwürfelpyramiden ersetzen, von denen die Vorstellung für Geschicklichkeitsspiele mal her kam. Welterkundende Spiele ebenfalls durch Verlaufen, Verfahren, das bewusste Betreten von fremdartigen oder betont entfremdenden und öden Räumen (vieles Herumlungern in Online – Spielewelten simuliert ja im Grunde das Herumlungern in noch nicht so vertrauten Krankenhäusern, Bahnhöfen, Tankstellen, u. ä.). Dass das Herumlaufen in malerischen Landschaften nur ein äußerst schwacher Ersatz für das Herumlaufen in ungepixelten Landschaften ist, ist so offensichtlich und klingt so altbacken, dass ich es nicht einmal erwähnen will (habe ich hiermit nicht getan). Und zur echten Kommunikation schreibe ich hier auch nichts, denn das ist zu altbacken didaktisch, und man will ja auch nicht immer echte Kommunikation. Gut, dann kann man ja auch Statusmeldungen über die Straße rufen oder Leute nach der Uhrzeit fragen, peinlicher als social media ist das nicht von außen, das ist eine Selbsttäuschung.

Was für ein großartiges verstaubtes Buch, unten im Schrank, und es ploppt darin nicht einmal plötzlich eine Werbung auf! Was für ein irreal leuchtendes fernes Fenster in der Nacht, und es will nicht einmal geliket werden! Was für ein prächtiger fieser Nieselregen im Gesicht, der nicht gesharet wird! Gerade dann, wenn die Welt da draußen kalt, ungemütlich oder sogar orkanig wird (dann die Ratschläge der Feuerwehr beachten. Keine Ursache.), wird der zumindest der sporadische Sturz ins Reale so einleuchtend, gerade, wenn er nicht Grillen oder Sonne auf der Nase oder tolle Augenblicke bedeutet, sondern einfach nur: der ganze Kram in echt. 

Peter Lustig hat einst Millionen von Zuschauer damit verärgert, dass sie auf seinen Befehl ausgerechnet nach seiner verdammten Sendung aber mal die Glotze ausmachen sollten. Meinen wenigen Lesern winke ich darum nur stumm zu, alles andere wäre jämmerlich, eben schlechter Stil.

 

28.11.

Statt „Dokument schützen“ lese ich derzeit immer wieder „Dummheit schützen“ und wundere mich, denn das tut die nun wirklich alleine und ohne Hilfe. Genauer: das Gehrin fermentiert und zerfällt, und so lange noch irgend ein halbwegs brauchbarer Gedanke darin herumkullert, schreibe ich einen anderen hier auf. Immer noch ohne tags und ohne Sysops, denn so will es der liebe Gott (und ja, der Tppfehler bei „Gehirn“ war Absicht, und, nein, sonderlich lustig ist das nicht, genau so wenig wie:).

                          

Das Leben offline (1 von 2)

 

Schlechter Stil: Theateraufführungen und Performances, bei denen die Akteure von der Bühne heruntergellen: „Was wollt Ihr hier?“, oder, am Besten noch: „Ach ja, Ihr geht ins Theater und zu Performances, anstatt etwas Sinnvolles aus Eurem Leben zu machen!“ (das Ganze am Besten noch zunächst am Schreibtisch ausformuliert und hingeschrieben, dann auswendig gelernt und schließlich in arbeitsintensiver schauspielerischer Durchdringung mit artifizieller Spontanität totlackiert). Beinahe schlechter Stil: im Internet über das Surfen zu schreiben. Schön, dass Ihr da seid, aber trotzdem jetzt noch ein bisschen was gegen das Internet, geht nicht gegen Euch und nicht gegen Blogs. Mir fehlen, wie immer, trotz, wie häufig, recht intensiver Recherche ein paar Zahlen,- nämlich die zur Werbebelastung des durchschnittlichen Internetusers. Es gibt Zahlen zu der Anzahl von Werbespots, die ein nordamerikanisches Kind bis zum Erreichen des 12. Lebensjahres gesehen hat, aber zumindest in den frei verfügbaren Quellen finde ich keine Daten zur Anzahl von Spots, Anzeigen und aufgeschreckt startenden Internetspielen im Netz. Zu den ergreifenderen Prognosen von Beginn des allgemeinen Internetzeitalters (das lege ich jetzt mal auf die Jahrtausendwende fest, auch wenn wir natürlich alle schon lange vorher, und die noch viel Cooleren noch viel länger vorher) gehörte die Idee, mit dem Netz würde das Geärgere über Werbung aufhören. Denn: die klassische Werbung würde eingehen, und die Surfer würden sich gezielt die PR – Informationen heraussuchen, die sie wirklich interessieren. Firmen, so hieß es damals, könnten spätestens 2010 ihr Budget für Marktschreierei einschrumpfen und stattdessen richtig gute Websites basteln, die die Zielgruppen mit begeisterter Dankbarkeit millionenfach aufrufen würden.

Wenn die Menschen nur von Produkten hören würden, die sie wirklich interessieren und die für sie einen wie auch immer gearteten Nutzen haben, würde unser Wirtschaftssystem innerhalb von zwei Tagen eingehen, und so hielt sich diese Utopie nicht all zu lange. Vermutlich muss man selber Werber sein, um sich einreden zu können, die allgemeine Bevölkerung würde Werbung nicht als Pest des Alltags sehen. Selbst die (warum auch immer) wirklich beliebten Spots und Anzeigen werden in der wirklichen Welt nicht annähernd so begeistert aufgenommen wie in den entzückt um sich selber herumrollenden Agenturen, selbst die heiß ersehnten Trailer für glanzvolle Filme werden nur von ein paar sehr lauten Fans gefeiert, von der übrigen Masse dagegen augenrollend bis milde amüsiert weggeguckt. Sogar Apple – Apologeten kommen mehrere Tage hintereinander ohne Neuigkeiten über neue Produktpaletten aus (naja, da sind vielleicht kurze Panikanfälle und surreale Momente von Weltverlust unvermeidlich), und auch von den wenigen Firmen, deren Zeug mich tatsächlich interessiert, muss ich nicht jede Woche hören. Tweets gibt es natürlich zu und von allem und jedem, aber das sagt mehr etwas über die Aufmerksamkeitsintervalle der heutigen Zeit aus als über das tatsächliche Interesse an Statusmeldungen im Minutentakt, wie blau das neue Auto der Marke XY wird. Autos machen die derzeitige Misere besonders deutlich. Als Autoverächter habe ich vor dem Internet die obligatorischen Anzeigen (wenn ich mal was mit Autoanzeigen gelesen habe) schnell überblättern können und an den Spots hier und da vorbeisehen. Das war eine leidenschaftslose und einfache Übung für einen Werbe – Realo. Natürlich kamen Werber in die Hölle, aber bis dahin kultivierte ich keinerlei Hass. Vor allem das ständige Wegklicken von irgendwelchen fahrbaren Kästen macht mir klar, wie wenig sich die Beschäftigung mit Werbung heutzutage vermeiden lässt. Was machen Anthroposophen jetzt eigentlich? Radikale Konsumverweigerer, die doch im Netz in Echtzeit verfolgen müssen, wie der Kapitalismus auseinanderfällt? Vermutlich werden die alle zu zynischen Wahrnehmungsfundis, die nicht mehr zwischen Werbung und Nichtwerbung unterscheiden, sondern alles in einen Topf werfen und genießen. Und insgeheim wollen sie dann alle Buddhisten sein und nur noch auf das Wachsen des Lotos schauen und das Prasseln des Regens hören (der Dalai Lama hält es bekanntermaßen für ausgeschlossen, dass Drogendealer, Computerspielprogrammierer und Prostituierte erleuchtet werden können, wegen Illusionen usw. Über Werber hat er sich, soweit ich weiß, noch nicht ausgelassen, aber vielleicht will er einen lukrativen PR – Vertrag auch nur noch nicht endgültig in den Wind schießen).  Ich habe schon junge Leute kennengelernt, die genauso drauf sind und ein Fastfoodgewinnspiel für etwa genau so viel Lotos und Regen halten wie ein gerülpstes Liebeslied oder meinetwegen eine Flugblattwerbung für eine Ausstellung mit selbstgemalten Bildern  (und vermutlich denken, ich schreibe das hier aus einem grünlichen Ohrensessel heraus, auf dessen Lehne sich die Enzyklopädien stapeln, und mit filzigen Pantoffeln an den Füßen), aber das ist ein schwerer Irrtum. Und das meint jetzt nicht unbedingt, dass gerülpste Liebeslieder und Flugblattwerbungen für Ausstellungen mit selbstgemalten Bildern an sich das Wahreguteschöne wären (das müsste man sich genau anschauen, wenn man will), sondern, dass Werbung, also Werbung-Werbung, an sich das pure Falsche und Böse ist. Vielleicht sogar notwendig für den Erhalt der Welt, konkret für dies und das, und dialektisch gut für dieses und jenes, usw., aber trotzdem das pure Falsche und Böse. Und ein Internetuser kann keine zwei Schritte gehen, metaphorisch gesprochen, ohne zugemüllt zu werden. Und er ist angreifbarer und beeinflussbarer als selbst vor dem Fernseher, wenn er mit halber Aufmerksamkeit nach Wichtigem und nach Quatsch sucht und entsprechen aufnahmefähig ist. Er mag die Werbung nicht, die ihm da entgegenspringt und gefunden, vergrößert und weggeklickt werden will, und er muss sie nicht mögen. Sie belegt sein Bewusstsein, sie stiehlt seine Zeit, sie hält ihn überflüssigerweise und zehrend in ständigem Lauerzustand. Der Stil verschmockt, die Gedanken wirr, die Dummheit gesichert,- das kommt von zu viel Netz mit zu viel weggeklickter Werbung. Darum hier erst einmal Schluss.

 

 

21.11. Irgendwo in Deutschland (Teil 1)

Wer möchte jetzt nicht in einer Bretterbude zwischen vereisten Seen unter einem höllenleeren Himmel sitzen und Bratäpfel backen? Viele, sonst würden die randständigen deutschen Orte nicht sukzessive zu Geisterstädten werden. Überall in der deutschen Provinz werden Bus – und Bahnstationen stillgelegt, Supermärkte dicht gemacht und Gastwirtschaften zu Lagerräumen für Satellitenschüsseln umgebaut. Brücken und Strassen würden, so heißt es, hier und da kollabieren, wenn sie nur jemand benutzen würde (was glücklicherweise niemand tut). Wasserleitungssysteme müssen umgeschraubt werden, weil sie zu wenig in Anspruch genommen werden (weswegen u.a. der Druck in den Rohren nicht mehr stimmt, und die Ratten nicht mehr unten gehalten werden). Stromnetze werden straßenweise zurückgebaut. Kirchen stehen ohnehin leer und würden plattgemacht werden, wenn das nicht an unklare gesellschaftliche Tabus rühren würde. Schon denken die zuständigen Kommunenplaner in den deutschen Leitmedien laut über die Zwangsräumung von maroden Wohngebieten nach und hoffen dabei wohl auf wohlwollende Online – Kommentare, die sie ihren Vorgesetzten zur Bekräftigung vorlegen können. Es wird über die mögliche Renaissance von Dorfbrunnen spekuliert, nur diesmal in Hightech, weil sich die Wasserversorgung nicht mehr bezahlen lässt, und aus ähnlichen Grünen über Stromgewinnung im Garten (auf dem Dach sowieso). Es ist keineswegs der ehemalige Osten alleine, der von der Vergeisterung/Entgeisterung betroffen ist, auch Regionen in NRW, in Meernähe und in Nordhessen gehören zu den Problemgemeinden, und selbst im schmucken Schwarzwald sterben die Örtchen. Grob gesagt kämpfen alle Menschenansiedlugen, die weder zu den wenigen Metropolen gehören (verwirrenderweise gilt dieser Tage Freiburg als das zukunftträchtigste Pflaster), noch in der „Landlust“ in Mattglanz präsentiert werden.

Diese Entwicklung verläuft in krassem Kontrast zu zwei Glaubenssätzen, einem alten und einem neuen. Der alte lautet: In Deutschland ist nichts abgelegen. Dieses Land ist nicht Frankreich (eine brummende Riesenstadt plus ein paar Museen, Käsemanufakturen und malerische Hüttchen im nirgendwo), bei uns fährt immer irgendwo eine S – Bahn, gibt es irgendwo einen Kiosk, wird überall Kullenkampf angeschaut (gut, das ist eventuell länger her), lassen sich irgendwo bis zum nächsten Morgen Bücher vom Großhändler bestellen. Nichts und niemand kann in diesem engen Land mit Meldepflicht, Tarifmantelverträgen und Freitagskrimis verschütt gehen. Wilde Großstädte haben die interessanteren Hüte im Schaufenster, noch mehr spannende Filme im Kino und größere alternative Nischen. Aber überall „ist doch alles da“, inklusive vegetarischer Eintöpfe. Selbst und gerade Menschen, die sich nicht sonderlich mit Freitagskrimis identifizieren, genießen und beklagen eine reichlich homogene  Landschaft. Großstädte gibt es bei dieser Sichtweise, grob gesagt, für Subkulturen, Premieren und Delikatessen. Ist einfach alles mehr und größer dort, aber irgendwie doch vor allem die buntere Version der gesamtdeutschen Normalität. Wenn Leute behaupten, sie könnten nur in Metropole A oder B leben, meinen sie, dieser und jener Aspekt ist ihnen existentiell wichtig, aber nicht, dass sie in der Kleinstadt nicht wüssten, wie sie ihr Leben auf die Reihe kriegen sollten. Ausnahmen sind Ostfriesland und Niederbayern, und darüber werden dann ja auch entsprechende öde Witze fabriziert. Soweit der alte Glaube, und nichts daran stimmt (falls es jemals gestimmt hat).

Der neue Glaube ist der an die Globalisierung. Ich sitze auch im Kellerwald quasi in New York am Konferenztisch, so ich das will, präsenter, als früher der New York – Reisende mit schlechten Englischkenntnissen am Konferenztisch saß, der wirklich da saß. Die Welt wächst zusammen, schon früher bekam der amerikanische Präsident keine bessere Cola als der Leiharbeiter, und heute kriegt keiner ein besseres Internet, nur weil er von seinem Arbeitszimmer auf die Bucht von San Francisco runterguckt. Dieser neue Glaube stimmt auch nicht.

Tatsächlich ist die deutsche Provinz abgemalt, wie sie es vermutlich seit Jahrzehnten nicht mehr war. Jahrelang habe ich selber vergeblich versucht, Menschen davon zu überzeugen, dass es in einer pfälzischen Beinahe – Großstadt tatsächlich keine Förderung von freier Kultur gibt, keine Kinderbetreuung, keinen Ausländerbeirat mehr und vorübergehend kein Umweltamt, dass man dort wirklich nirgendwo Retro – T  Shirts, petrolfarbene Schuhe, Bollywood – Filme oder die „Jungle world“ kaufen kann. Und dass die ganzen, kleinen urigen Geschäfte und Kneipen, die der versnobte Großstädter überall in der Pampa vermutet, nirgendwo seltener zu finden sind als eben in jener Pampa. Tante Emma – Läden und Eckkneipen findet man in den Metropolen. Die sterbenden Städte der Peripherie zeichnen sich eher dadurch aus, dass dort die großen Kinofilme früher laufen und die Spielkonsolen dorthin zuerst ausgeliefert werden, dass neue Ladenketten dort ihre ersten Kettenläden lancieren. Natürlich sprechen wir hier darüber, warum wohin welches Geld fließt. Der Gedanke an eine tatsächlich abgehängte Stadt, die aber dringend eine neue Mall braucht, ist letztendlich auch nichts anderes als der Gedanke an tatsächlich abgehängte Menschen, die sich aber gefälligst neue Fernseher zulegen sollen. Als relativ frischgebackener Wiedergroßstädter kann ich sagen, dass die größte Attraktion der heißen Metropole der pittoresk kleinstädtische Alltag ist. Natürlich, kleinstädtisch auf hohem Niveau, mit schicken verwinkelten Läden und  lauter wunderbarem Zeug in Fußnähe. Aber es geht dabei eben auch darum, einen Heizungsentlüftungsschlüssel um die Ecke kaufen zu können, Brot von einem kleinen, unspektakulären Bäcker, darum, Bücher und DVDs auch mal ausleihen zu können. Und im heftigen Widerspruch zum neuen Glauben an die vernetzte Welt geht es sogar um schnelleres Internet und schneller reparierte Computer. Wenn die globale Digitalisierung das Gefälle zwischen den Regionen verwischt, warum eröffnet dann kein „Apple – Store“ am Vogelsberg, warum sitzt da nicht ein Hauptquartier irgendeiner internationalen Firma?

Als Kehrseite davon, und das wird auch nur selten gesehen, ist die Provinz zwangsläufig ziemlich wild. Von der Welt vergessen kann sie als Biotop für bizarre Ideen und Mutationen dienen. In einer Flaniermeile kann nun einmal kein riesiger Laden für Blechspielzeug eröffnen. Im Austausch mit mehr oder weniger Gleichgesinnten entstehen nun mal keine unberechenbaren Eigenbrötler. An einem Ort, der tatsächlich an wirtschaftliche Kreisläufe angekoppelt ist, werden keine Regionalwährungen und umfassende Tauschsysteme ausprobiert. Dass gleichzeitig der Laden für Blechspielzeug, der Eigenbrötler und die Regionalwährung in der Einöde auch mit viel größerer Wahrscheinlichkeit kläglich eingehen als ihre gemäßigteren Pendants in den belebteren und vernetzteren Regionen, das ist die Tragik der Provinz.

Und jetzt lösche ich seit einer Viertelstunde hymnische Sätze über Berlin. Dass diese Stadt toll ist, selbst bei fiesem Wetter und wenig Geld, selbst an einem einsamen Computerabend, wird ja auch viel zu häufig geschrieben. Aber: die zittrigeren Flecken auf der Deutschlandkarte sollten trotzdem nicht ausgeblendet, dürfen weder sich selber, noch bösen Menschen überlassen werden. Und vielleicht schlummern dort doch die eigentlichen Potentiale für Neues, Gutes und Seltsames. Umso mehr, umso stärker sie zur Twilight Zone werden. Nein, ich selber erfreue mich hier an der warmen Heizung und dem schnellen Internet, an Lebenkönnen, geliehenen Büchern und Hinterhoflichtern. Nur ein Bratapfel wäre allerdings schön (Thema wird fortgesetzt, irgendwann).  

 

14.11. Arbeit in Serie

Fernsehserien, schon wieder Fernsehserien? Hoppeln denn keine anderen Themen über diese Erde? Doch, jede Menge, aber dieses Blog macht ja auch nicht nächste Woche dicht (denke ich), und Fernsehserien sind ja immer noch überall. Wenn nicht: mehr denn je. Die Saison beginnt, und die „Wie ist diese Serie?“, „Hast du jene Serie schon mal gesehen?“ jagen durch die Gespräche. Die Filme der nächsten Monate und die Buchneuheiten des Herbstes treten keine vergleichbaren Raunwogen los. Kaum noch jemand hat eine Lieblingsband, eine Lieblingsserie haben alle. Leseerlebnisse sind intim und werden in verschwiegener Laune bei Kerzenschein besprochen, Seriendiskussionen werden durch Kneipen gebrüllt.  Unter kulturell interessierten Menschen ist das Thema Fernsehserien der verlässlichste Eisbrecher und der kürzeste Weg, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen.

Es ist ein vergleichbar neues Phänomen. Noch vor zehn Jahren, als die „Revolution“ der Form, wie sie u.a. Alan Sepinwall in seinem gerade auf deutsch erschienenem Buch nennt, bereits in vollem Gange war, musste bei Nennung von Fernsehserien noch verlegen gekichert werden. Und noch immer sind die ambitionierten Fernsehserien aus dem Ausland bei uns Minderheitenprogramm, wenn nicht Geheimtipp. Aber während der letzten zehn Jahre konnte sich der Austausch über Fernsehserien zur allgemein anerkannten kulturellen Währung des leicht gehobenen Mainstreams mausern. Erfolgreiche Kinofilme von vor zehn Jahren sind vergessen (außer dem „Herrn der Ringe“ oder „Findet Nemo“), aber noch immer beginnen Schöngeister mit dem Weggucken von „Six feet under“, und ich selber arbeite mich gerade endlich durch „The wire“. Ich warte gemütlich ab, wann mir „Gravity“ und „Die andere Heimat“ mal vor die Füße fallen, auch wenn ich mir für „Paycheck“ und „Heimat 3“ (theoretisch eine Fernsehserie) noch die Beine ausgerissen habe, aber in „Dexter“ (ein missratenes Konstrukt, meiner Meinung nach) „musste“ ich mich jüngst mal einsehen, um zu wissen, wovon die Leute dauernd reden. Gehört „The butler“ im Kino auch nur annähernd so zum imaginären Pflichtprogramm wie „Borgen“ oder „House of cards“? Wer jetzt einwendet, „The Butler“ sei ja auch irrelevant, die beiden Serien seien es nicht, beantwortet wenigstens teilweise die Frage nach dem Warum des Ganzen. Würden die Fernsehserien „Traffic“ und „The singing detective“ heute von Hollywood neuverfilmt, würden sie nicht, wie es geschah, auf Biegen und Brechen zu Kinostoffen umgemodelt werden. Vor zehn Jahren prognostizierte Drehbuchlegende und Regieexzentriker Paul Schrader das Ende der Filmära innerhalb der gerade verstrichenen zehn Jahre, und vermutlich hatte er Recht (wenn auch nicht auf jene über-sichtbare Art, wie er es vorhergesagt hatte). Schrader hatte in seiner Brandrede/seinem menetekelnden Essay nicht behauptet, dass der fiktionale Film verschwinden würde. Er hatte lediglich sehr klarsichtig vorausgesehen, dass das „Zeitalter des Kinos“ zum Anfang des dritten Jahrtausends verstreichen würde. Und das ist geschehen.

Es ist schon eigentümlich, dass ausgerechnet Fernsehprogramme die Gewinner der Internet – Umwälzung sind. Schließlich bildet das Klicken und Surfen eine natürliche Konkurrenz zum Zappen und Reinschalten. Aber, wie sieht es aus: Zeitungen und Zeitschriften taumeln kämpfend zu Boden, der Musikindustrie schwimmen die Felle davon, Filme werden zum Spezialistenhobby, die Buchbranche zittert prophylaktisch, und selbst die Computerspielhersteller sehen sich hektisch nach neuen Geschäftsmodellen um,  - aber das schnöde alte Fernsehen, das schnelle Massenmedium der letzten Generation, zu Beginn der flächendeckenden Vernetzung mit viel Häme totgesagt, etabliert sich stärker als Leitmedium denn je. Oder, genauer: seine Programme sind etablierte Leitkultur wie noch nie. Das meint weniger, dass schreckliche Shows in unserer durchfragmentierten Kultur als Spektakel eine vergleichbare Rolle spielen wie früher halbschreckliche Shows, obwohl das verwirrenderweise zutrifft. Das meint vor allem, dass Fernsehserien zumindest bei Mitbürgern unter 50 zum salonfähigen Referenzrahmen für Erfahrungen geworden sind. Wenn du jemandem erklären willst, dass du dich adrenalinsatt ausgebrannt fühlst, verweist du nicht auf die Helden von Franzen oder Murakami und nicht auf Henry Hill aus „Good fellas“, sondern auf Jack Bauer. Diese Entwicklung ausschließlich mit der Qualität der Fernsehserien zu erklären wäre ein bisschen arg idealistisch, - es gibt seit Jahrzehnten hervorragende Comics, und es interessiert in Deutschland immer noch nur ein paar verschreckte Fans und Neugierige, trotz allem sind Romane nicht wirklich schlechter geworden, und die Globalisierung macht Cineasten deutlich, was sie alles noch nicht gesehen haben und mittlerweile plusminus in Reichweite herumschwirrt. Nicht zuletzt ist das Erleben kultureller Veranstaltungen zum Wert an sich geworden, und Events sprießen aus dem Boden. Und vom Musikhören will ich nicht schon wieder anfangen. Warum also ausgerechnet Serien, es gibt doch sonst genug zu genießen?

Ein auffälliges Merkmal der heutigen Seriennutzung ist, dass sie sehr wenig mit dem klassischen Rezeptionsverhalten der vergangenen Jahrzehnte zu tun hat. Früher wurden Serien, grob gesagt, gemeinsam betrachtet, ob bei der Ausstrahlung oder mit Hilfe von Speichermedien. Es gab einen mehr oder weniger verbindlichen äußeren Rahmen für den Konsum. Häufig wurden bestimmte Getränke und Gerichte gereicht, waren ritualisierte soziale Aktivitäten damit verknüpft, usw. Der heutige Seriengucker dagegen ähnelt dem gebannten Romanleser: einsam am Kamin putzt er in subjektiven Happen und Intervallen gierig seine geistige Nahrung weg. Anschließend hofft er auf die Begegnung mit Gleichgesinnten und angeregte Unterhaltungen auf Partys. Gerne verlieht er seine Schätze und begründet auf diese Art auch Rezeptionszirkel in seinem Freundes – oder Bekanntenkreis. Das mit zufallenden Augen zugeklappte Laptop auf dem Kopfkissen entspricht mehr oder weniger dem im Halbschlaf neben das Bett geworfenem Buch. Die Seriengucker wandern nicht von den Nachrichten, nicht von den Fernsehshows und vermutlich nicht einmal von den Spielfilmen ab, sondern von der Literatur. Dazu würde zumindest die Behauptung passen, diese oder jene Reihe (damit sind Dramen gemeint, üblicherweise keine Sitcoms, die trotz oder wegen Dauerausstrahlung eher wieder an Ansehen verlieren) sei „wie ein Roman“. Ja, heutige Serien warten mit komplexen Handlungsbögen auf und sind häufig durch einzelne Autorenpersönlichkeiten geprägt (nicht etwa durch Regisseure, sondern durch Autoren), aber trotzdem ist der Vergleich zumindest ungewöhnlich. Heutige Romane sind (leider) nur selten episodisch, und eine Fernsehfolge unterscheidet sich zusätzlich von bspw. einem Kapitel durch Stilmittel wie die immer neue Einführung der Hauptfiguren, versichernde Redundanzen, running gags und Cliffhanger, die auch bei den ambitionierten Fernsehserien voll ausgespielt werden, wenn auch auf elegantere Art als früher (so wird noch in jede Folge von „Breaking bad“ die gesamte Backstory eingeschmuggelt). Moderne Romane, selbst die Bestseller, sind geprägt von inneren Monologen und lyrischen Elementen, auf die ambitionierten Fernsehserien ganz bewusst nicht setzen. Sie sind viel rationaler und distanzierter als Romane.  Umgekehrt erleben ihre Figuren sehr viel mehr Ortswechsel und Sex als sowohl ihre Entsprechungen in der Literatur als auch und erst recht ihre Entsprechungen im wirklichen Leben (dazu gibt es amüsante Artikel im Netz, die ich hier nicht verlinke, denn verlinken ist ja immer so eine Sache). Dass die Existenz von – guten – Serien praktisch ist, weil man etwas zu gucken hat, auf dessen grundsätzliche Qualität man vertrauen kann, dessen fiktionale Spielregeln nicht jeden Tag neu gelernt werden müssen, ist keine Frage. Auch nicht, dass die Serien von HBO usw. „gut“ sind – sie sind detailreich und teuer gemacht und bieten mit für diesen Rahmen sehr sorgfältigen Drehbüchern und gut gelaunt und schnell aufspielenden Schauspielern genug zu knabbern. Die Schauwerte bleiben allerdings dagegen auch bei aufwändigen Produktionen sehr serienmäßig, konfektioniert und lassen nach der vierten Folge Auge und Ohr taub werden (die filmisch überzeugenden Serien lassen sich nach wie vor an einer Hand abzählen, aber ich will nicht wieder von „Twin Peaks“ anfangen).  Moralische Ambivalenzen, Sozialkritik, Nacktszenen und „schlimme Sprache“ sind wir, anders als das Heimatpublikum von HBO und Konkurrenz, schon seit Jahrzehnten gewöhnt. Warum liegen dann DVD – Stapel mit „kompletten Staffeln“ bei handverlesenen Menschen in den Ecken, die stereotyp behaupten, dass sie keine Zeit finden, um sich noch leidenschaftlich mit Film zu beschäftigen?

Wie leben die meisten serienaffinen Menschen in unseren Breiten heutzutage? Sie sitzen den ganzen Tag vorm Computer und müssen dort lesen und schreiben (durch das Netz und Mails in immer ausgeprägterem Ausmaß). Sie sehen tendenziell eher wenig Menschen und beim heutigen Arbeitsmarkt auch wenig neue Orte. Sie wollen die seltsame Gesellschaft, in der wir leben, begreifen und gegebenenfalls sogar verändern, aber sie finden nicht die Zeit und Kraft dafür. Was tun sie also, wenn sie mit ihrem Tagwerk von Lesen und Schreiben fertig sind? Sie vergessen den Computer als Wortcontainer und schauen sich gute Serien an, in denen Menschen mit aufregenden Leben so detailliert aufgeblättert werden wie die ganze verdammte Gesellschaft. Und beinahe alle diese Menschen arbeiten, sie arbeiten hart. Früher wurde in Serien so gut wie nie gearbeitet. Fern ist die Zukunft von „Star Trek“, der ersten breit von Exegeten abgefeierten und mittlerweile  abgefrühstückten  Fernsehserie der Mediengeschichte, in denen lässig erschütterte Helden Abenteuer in Innen- und Außenwelten erlebten, die nach allem aussahen, nur nicht nach Arbeit. Selbst Polizisten erinnerten damals an Sherlock Holmes, und heute steht umgekehrt auch Sherlock kurz vor dem burnout.  Selbst Märchenfiguren haben bei „Once upon a time“ zwiespältige Pflichtenkataloge wie im mittleren Management. Einige wenige arbeiten hart an ihren Beziehungen („True blood“), die meisten reiben sich auf in zwiespältigen Jobs, und dieser Kampf nimmt einen großen Teil der Sendezeit ein. Stärker als die „Mad Men“, als Frank in „House of cards“, als Jack Bauer, Dexter, Jimmy Mc Nulty und „Nucky“ Thompson, als Walter White und selbst die Gebrüder Fischer kann man sich nicht von seiner Arbeit auffressen lassen. Diese verbissenen Anti – Helden haben eines gemeinsam: sie sind alle psychische Wracks und in ihrem Tun überlebensgroß kompetent wie ein House. Und darin mag ein großer Trost liegen – das Betrachten der häufig zynischen Welten, in denen sich diese und viele, viele andere moderne Sysiphosse herumtreiben, taugen als Flucht aus, wie als Versöhnung mit der eigenen schnöden Wirklichkeit. Und ein wenig von der getriebenen Kompetenz färbt als schmeichelnde Ermutigung heimlich auf den Betrachter ab. Und er weiß, wieder einmal, wie die Welt läuft. Und er hat, wieder einmal, eine anspruchsvolle Serienfolge voller Schocks und Erkenntnisse hinter sich gebracht.

Du bist natürlich nicht gemeint, ich auch nicht. Wir greifen einfach mal gerne nach einer guten Serie, und das sei uns auch gegönnt. Wie alles.

07.11. Noch einmal Amerika

en- beim knapp gescheiterten Volksentscheid am Sonntag in Berlin war die Stimmung gemütlich und erhaben. Es war eine Szene wie aus dem Bilderbuch: eine Grundschule im Dämmerlicht des späten Herbstnachmittags, alte Ehepaare mit Hüten und Hunden und zumindest gedachten Pilzen im Körbchen, alte junge Eltern mit den obligatorischen drei Kindern über Arme, Beine und unlackierte Karren verteilt, Studenten, die aufgeräumt ihr Wahlrecht erkämpften, obwohl sie noch nicht lange genug gemeldet waren. Knorrige Bäume bogen sich vor den Fenstern schwarz im Wind, schmuckloses gelbes Licht erhellte warm und trüb den schmucklosen Raum mit seinen großen Pappkartons, heillos improvisierten Kabinen und Kinderzeichnungen. Die Schlangen vor den Wahlkabinen und den Zettelboxen waren lang und plauderig. Auf den Stimmzetteln wurde einfach und einleuchtend das geplante Gesetz zur De – Privatisierung des Berliner Stroms erklärt. Unter den Anwesenden gab es kaum Diskussionen, obwohl sie offensichtlich dann doch nicht alle für das Gesetz stimmen wollten, wir waren alle high von dem ungewohnten Gefühl des Bürgerseins. Wahlen von Parteien haben ja doch etwas von einer Pflichtübung, besitzen einen eingebauten Katzenjammer. Hier jedoch waren freiwillig die Menschen angetanzt, die über Gestaltung abstimmen wollten, und natürlich waren das viel zu wenige, und entsprechend fiel die Stimmabgabe aus (ob der Gesetzesentwurf nicht noch viel deutlicher gescheitert wäre, wenn die Beteiligung üppiger ausgefallen wäre, lässt sich natürlich endlos abwägen. Ich denke, die Befürworter des Gesetzes hatten einen klaren Wunsch, die Gegner hatten den größtenteils nicht, die Enthalter haben sich weniger aus Faulheit, sondern aus Angst vor der möglichen Zukunft zurückgehalten, weswegen das Ergebnis, so ärgerlich es ist, die Stimmung in der Bevölkerung ziemlich korrekt abbildet).   Ich genoss das lebende Bilderbuch und fragte mich dann, aus welchem Bilderbuch ich so eine Szene eigentlich kannte. Richard Scarry, fiel mir ein—der amerikanische Zeichner von Schweinen und Katzen (und Hunden. Und Mäusen. Und Blattläusen. Undundund), die umtriebig in einer schwer protestantischen Fachwerkstadt permanent tränentreibend faire Geschäfte tätigen und dann und wann über neue Straßen abstimmen. Und nebenbei fallen sie in Torten, Suppen und Eiscreme. Aber noch deutlicher waberte das Bild von James Stewart in meinem Kopf herum, der in Filmen von Frank Capra und John Ford heitere und skeptische Gemeinden und Volksaufläufe bei zivilisierten Bierfesten gegen Korruption oder für Schulunterricht abstimmen lässt, geduldig Skeptiker vom Sinn des Ganzen überzeugt und sich pausenlos am Kopf kratzt. „Pleasantville“ spukte durch mein Hirn, eine kritische Version dieser Urszene, die dennoch schwer fassbares Wohlbehagen mitschwingen lässt. Der sperrige 80stündige Sozialkundeunterricht von „Picket Fences“. Und selbst bei den ziemlich zynischen „Simpsons“ wird die Idee der Stadtversammlung mit Bürgerentscheid regelmäßig so durchgespielt, dass ich trotz aller galliger Seitenwitze in einem solch irreal behaglichen Moment daran denken konnte. Fielen mir denn gar keine europäischen Bilder ein? Ich kramte beim Anstehen verbissen in der Erinnerung herum- „Der Krieg der Knöpfe“? Quatsch, da ging es um Krieg und um Knöpfe. „Don Camillo“? Ach, woher denn, da ging es um endlose Tricks und Finten, und die Entscheidungen traf Jesus am Kreuz. Irgendwas bei Kästner? Iwo, bei Kästner herrscht eine gehobene Meritokratie, da haben die Ungewaschenen und Zukurzgekommenen bis auf Kästners Mutter nie mitzureden. „Asterix“? Nein, das war ja nur in dem Raubdruck mit dem Atomkraftwerk, den Uderzo seit Jahrzehnten mit Flammenwerfer verfolgt, oder? Oder wie war das bei der „Trabantenstadt“? Bei den Galliern liegt der positive Schwerpunkt deutlich auf dem heiteren Verdreschen der überzähligen Feinde, und wer könnte das Goscinny verdenken? Aus ähnlichen Gründen taucht in der demokratiedurchdrungenen Serie „Spirou und Fantasio“ die Gemeinschaft nur als manipulierter Mob auf, führen die zahlreichen Wahlen und Abstimmungen bei den „Schlümpfen“ ausnahmslos zu Diktatur und Bürgerkrieg, solange es nicht darum geht, ob zum Mondfest auch noch ein Kuchen gebacken werden soll. James Krüss? Nein, da erzählen die Menschen einander Geschichten, aber ducken sich mit dem Autor (auf ehrenvollste Art ) vor politischen Fragen weg und kriegen nicht mal ihre Kutterfahrten koordiniert. Neorealismus? Pah, die stehlen unter einem leeren Himmel Fahrräder, aber halten keine Gemeindeversammlungen ab, und noch einmal: wer könnte es ihnen verdenken (nein, „No!“ habe ich leider noch nicht gesehen, aber der Film stammt ja auch nicht aus Europa)?

Heute, ja heute werden in Wissenssendungen für Kinder Erst- und Zweitstimmen ebenso sorgfältig und enthusiastisch erklärt wie Bürgerinitiativen (mit all dem ambivalenten Geschmack im Mund, der durch solche Programmsegmente im öffentlich –rechtlichen Rundfunk für Kinder ausgelöst werden kann). Als ich ein Kind war, handelte die „Sendung mit der Maus“ noch mehr oder weniger ausschließlich von der Schraubenherstellung, und Wahlerklärungen für Kinder gab es nur auf Englisch im, ja genau, Amerikahaus. Als ich das begriff, war ich baff.

Das heißt nun nicht, dass man nicht höllisch genervt sein kann von amerikanischer Nabelschau in ihrer gemeingefährlich patriotischen wie in ihrer aufschürfend selbstkritischen Variante (wie auch von dem Sterben nach Glück, Konsumerismus, Kreationismus, Szientismus, Prüderie, Pornos und den Hunger games). Das heißt nicht, dass Snowden kein Asyl bei uns genießen sollte. Das heißt nicht, dass Feiern in kleinen gallischen Dörfern, europäische Entfremdung, der schonungslos scharfe Blick auf Kuchenbasare und lauschige Sentimentalität in Übersee, die Kritik an Überwachung und Imperiumsallüren, und nicht zuletzt, dass Schlümpfe keine sehr, sehr gute Sache wären.

Aber „Enttäuschung“ über „Amerika“? Nach jahrelanger wohlwollender Zuneigung? Wirklich? Waren denn die Rechten von konservativ gepflegt bis sumpfig in Deutschland nicht immer schon dauerbeleidigt ob der schieren Existenz der USA (von gewonnenem Einfluss und Kriegen ganz zu schweigen)? Und waren die Linken (und das schreibe ich als Linker) seit dem  zweiten Weltkrieg nicht immer schnell bei der Hand mit ihrer Gleichsetzung von Wall Street und Rockwell und Rock`n`roll und Mailer und Disney undundund (und letztendlich immer mit einem besonders perfide getarnten vermuteten Faschismus), nicht zuletzt, weil dieses Abwatschen das eigene häufig zerrissene Demokratieverständnis aus der Schusslinie der Diskussion nahm (was nebenbei auch das Land der Großväter/Väter unauffällig ein ganz klein wenig aus der Schusslinie nahm). Dass die USA als weltanschauliches Gegenmodell ein Reich des Bösen wie des Guten sind, ist offenbar vielen zuviel an Dialektik. Als dialektischer Dreh reicht es Einigen aus, außen gegen Amerika zu wettern, und im stillen Kämmerlein seine Filme, Romane, Computer zu benutzen. Amerika außerhalb der Urlaubszeit NICHT innbrünstig schief zu beäugen erlauben sich hierzulande doch traditionellerweise nur Menschen aus verzweifelten Milieus (Stars und Stripes über dem Schmerbauch), schamlose Manager (Stetson über dem Zweireiher) und Durchunddurchliebhaber des Landes (die keine schnödes Faible haben, sondern gleich einen ganzen Lebensstil aus ihrem Interesse machen, komplett mit Wüstentouren und Nobelweinen). Man muss  Amerika ja auch nicht mögen (und es macht es einem ja auch, so global gesagt, nicht gerade einfach), aber warum dann in regelmäßigen Abständen eine enttäuschte heiße Liebe vorgeben, die niemals bestanden hat?

Besonders in weiten Teilen auch der cleveren Medien sind Finanzkrisen und Kriege ebenso selbstverständlich amerikanisch wie Rassismus. Vielleicht mag das eine notwendige Abgrenzung sein, wenn man die gesamte Freizeit mit selbstquälerischen amerikanischen Fernsehserien auf dem Sofa verbringt. Vielleicht geht es um die Kränkung, vom ehemaligen großen Bruder höchstens noch als Sicherheitsrisiko beachtet zu werden.  Aber in Wahrheit, behaupte ich, beneiden „wir“ „die Amerikaner“ eben doch um kopflosen Schwung und produktiv brodelnde Hassliebe dem eigenen Land gegenüber, vielleicht um undummdidaktische Intellektualität, vermutlich und zu Recht um die Erfindung des modernen Staatsbürgers, die vor der Erfindung des modernen Konsumenten kam. „Staatsbürger“ – auf Deutsch liest sich das wirklich schauderhaft. Stellen wir uns das Wort lieber auf Englisch vor, genäselt von James Stewart (der nebenbei strammer Republikaner war – die Welt bleibt schwierig). Lassen wir diesen Klang nachhallen, und vielleicht gibt es ja doch auch mal  eine Übersetzung ins Europäische.

31.10. Der letzte schöne Tag/ dies und das

Nun werde ich permanent vor dem Berliner Winter gewarnt. Ich war schon in Berlin im Winter, und tatsächlich kann es hier ganz schön kalt werden. Aber die nächste Person, die mir diese Tatsache mit wohlmeinender Herablassung und unheilvollem Raunen als erschütternde geheime Wahrheit der Welt verkauft, riskiert eine obszöne Entgegnung (ja, windelweich formuliert, schon klar, ist aber eben nur eine Möglichkeit).

Wesentlich weniger gereizt, aber dafür etwas ratlos macht mich das im ganzen Land beliebte Gerede vom „letzten schönen Tag“. Jeder Nachmittag mit Sonne nach Ende Mai gilt mittlerweile im allgemeinen Sprachgebrauch als „der letzte schöne Tag“. Dass im Juli Bilder im Museum aus dem Rahmen schmelzen, wie diesen Sommer, dass an Weihnachten T - Shirt - Wetter herrscht, wie letzten Winter, dass die früher bekannte Jahreszeit „Herbst“ faktisch verschwunden ist zwischen einem endlosen Spätsommer mit viel Matsch und ein paar Hitzerekorden, und einem Winter, der abwechselnd klirrt und eist oder eben ins Freibad einlädt, --- all das ändert nichts an der bangen Wehmut, mit der der letzte schöne Tag jede Woche aufs Neue zelebriert wird. So gegen März heißt der letzte schöne Tag dann „der letzte schöne Tag, bevor es wieder kalt wird“. Nun, es stimmt, dass im Januar und Februar Bierzeltwetter nach wie vor in unseren Breiten eher auszuschließen ist. Und dass sich Deutschland auch mit Photoshop - Bearbeitung nicht mit Thailand verwechseln lässt. Aber unterm Strich erinnern mich die immer noch ungebrochenen Klagen über das vernieselte Deutschland an „Wann wird es mal wieder richtig Sommer?“ Diese heitere Schlagergurke mit dem Gesang von Rudi Carell erschien einst, 1975, wenige Wochen vor einem Rekordsommer apokalyptischen Ausmaßes, komplett mit Dürre, Versorgungsknappheit und Weltuntergangsphantasien, obwohl sich 1975 vermutlich noch nicht einmal der Club of Rome mit der Erderwärmung beschäftigte. Es gab nie einen Schlager, der mit ähnlicher Konsequenz danebenging, bzw. die Rache der Natur heraufbeschwor, aber an seiner Stimmtschon - Gültigkeit (von der Schunkellieder ja leben wie von nichts anderem) hat das offensichtlich niemals gekratzt und tut es immer weniger, warum auch immer.

Ja, wir erleben auch plötzliche Hagelschauer, Wirbelstürme, Kälterekorde und abwegigste Unwetterwinde in allen Teilen der Erde. Aber wurde nicht genau das für den Fall einer Klimaveränderung schon vor 25 Jahren vorausgesagt? Zumindest stand das in den Büchern (nicht etwa Flyern), mit deren Hilfe ich vor über 25 Jahren ein heißblütiges Erdkundereferat zum Thema Klimaerwärmung hielt (und nur knapp keine Vier kassierte, wenn ich mich richtig erinnere, denn mein Erdkundelehrer hielt die Klimaerwärmung für Blödsinn).

Sylvester in Sonnencreme und Eisregen im April sind zumindest nicht das öde, spießige, deprimierende deutsche Immerkaltwetter, das beim Gedanken vom „letzten schönen Tag“ seufzend mitschwingt.

 Die Menschen sind halt gerne draußen und nutzen jede Entschuldigung, nicht schon wieder stundenlang am Rechner zu sitzen. Das ist extrem verständlich. Und sie erfreuen sich am Spiel des Lichts im Laub und an Wärme auf der Nase. Recht haben sie, Recht ohne Ende. Wenn die Umweltverschiebungen Kaninchen mit leuchtenden Ohren hervorbringen würden, würde ich mich auch an Kaninchen mit leuchtenden Ohren erfreuen. Würde sich einfach geziemen - wäre eine niedliche Sache (und vermutlich praktisch); und Umarmen des schönen Wahnsinns der Welt, carpe diem usw. sind sicherlich gute Maximen. Und es ist ja auch richtig, nicht immer Endzeiten an die Wand zu malen, auf neue Gleichgewichte zu vertrauen, usw. usf. Aber ich würde mich nicht beschweren, dass Hunde immer noch nicht aus der Nase blinken, oder jammern, dass Kaninchen mit Leuchtohren ja viel zu selten durch die Gegend hoppeln, und wir einfach in einem verrückten Land leben.

Muss es wirklich „der letzte schöne Tag“ sein, als wären entweder (siehe oben) Herbstabende eine irreguläre Gemeinheit, oder als würde morgen irgendeine Bombe fallen?

 

Wie tieftraurig und aufgegeben der Gedanke des schönen Tages klingen kann, hat passenderweise niemand eindrücklicher bewiesen als der jüngst verstorbene Lou Reed (ich dachte wirklich, Lou Reed würde seine ganze Rockstar- Restgeneration überleben, mit 80 Kinderlieder knarzen, mit 90 wortkarge Gedichtbände veröffentlichen, usw.). Das wundervolle, aber abgenudelte „Perfect day“ ist durch den abgenadelten „Trainspotting“ - Soundtrack für meine Generation ja beinahe zu einem peinlichen Lieblingslied geworden, doch pathetischster wurde das Sitzen auf einer Bank eben noch nie als letzte glückliche Sekunde vor der Höllenfahrt gefeiert. „Sunday morning“ mit dem Glockenspielschwelgen in der Ruhe vor dem Sturm lullt und schockiert sicher ähnlich, mein Favorit in der langen Reihe von Lou Reeds unheilvollen Epiphanien bleibt das (nicht von ihm gesungene) „Candy says“, in dem das Anschmachten von fliegenden Vögeln bruchlos in den Suizid überleitet. Wesentlich unbekannter scheint Reeds Edgar Allan Poe - Konzeptalbum „The raven“ zu sein (warum ausgerechnet Reed in den letzten Jahren verstärkt auf Konzeptalben, Songzyklen und Musicals setzte, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben, da er spätestens seit der - großartigen- Platte „New York“ von 1989 ostentativ weitgehend auf Melodien, Leitmotive und abwechslungsreiche Arrangements verzichtete. Aber so war sie, die Moderne, und dafür gebührt ihr Respekt). Auf „The raven“ bringt Reed seine weltflüchtigere Seite mit dem bewegungslosen und wunderschönen „Vanishing act“ auf den Punkt. Damit genug dazu, und auch das nur, weil ja auch Lou Reed nur einmal stirbt, und jetzt schreibe ich halt gerade diesen Blog.

 

An wunderschönen, leuchtenden Herbsttagen zwischen Rekordstürmen und herankriechender Kälte, sollte man sich mit Badewannen, Maronen und alten Kinderserien beschäftigen, wenn man nicht gerade beschwingt über die Felder stolpert. Bücher sind natürlich auch ein heißes Thema/eine heiße Beschäftigung, wenn sie nicht gerade „Ender`s game/ Das große Spiel“ heißen. Ich habe nicht die leistete Absicht, mir die offensichtlich gigantomanische Verfilmung eines der wenigen Werke anzutun, die ich für uneingeschränkt unlesbar halte. Vielleicht erinnet sich jemand an den alten, ausrangierten Zug zwischen Gießen und Köln mit seinen abgeknickten, unabgefederten Plastiksitzen (Vintage - Bahnabteile, wie Nostalgiker sagen), seinem Nichts an Getränkeversorgung (schon die Wasserhähne waren nicht zum Daraustrinken bestimmt und zusätzlich meist defekt), seiner himmelschreiend fahlen Route durch das Siegerland, seinen außerplanmäßigen Halts auf freier Strecke, seinem klaustrophobischen Rumpeln, seiner ziehenden Menschenleere.

In diesem Zug wurden für mich öde Bücher zu sinnlichen Offenbarungen, Banalitäten zu Geistesblitzen, und die Zusatstoffe - Angaben auf „Capri Sonne“ - Tüten zu lohnender Lektüre.

„Ender`s game“ blieb für mich auch dort absolut unlesbar.

Lieber aus dem Fenster gucken. Nach Vögeln (das führte ja selbst bei Lou Reed nicht zum Suizid), nach Flüssen, nach Blumen, an einem schönen Tag.

 

24. 10. Leben ohne Musik

Genau so war`s: Ich fuhr vor einigen Tagen nachts im Auto eines Freundes durch die Pampa, und wir ließen einen jener Musiksender laufen, die man laufen lässt, wenn man sich gerade mal nicht mit Musik beschäftigen will. Und nach einer guten Staustunde krachte plötzlich ein Lied aus den Lautsprechern, das wir beide nicht kannten. Es war ein elektrisierendes und fremdartiges Gefühl. Zunächst gestanden wir einander nicht, dass wir es beide nicht kannten. Dann rätselten wir darüber, wie etwas so Eigenartiges ins und aus dem Radio gekommen war. Das Stück war eine liebevoll verrutschte Rock`n`roll - Parodie mit heiserer Stimme, Sesamstraßen - Gitarren, kopulierenden Keyboards und schlüpfrig schnarrenden Säuselchören. Es musste von Prince sein, es konnte nicht von Prince sein. Der Song davor war „Kiss“ von Prince gewesen. Kein lahmes Formatradio der Welt spielte noch zwei Nummern eines Künstlers hintereinander, außer, der trat gerade nebenan in einem halbleeren Stadion auf. Es war kein halbleeres Stadion in der Nähe, und Prince schon gar nicht. Und kein lahmes Formatradio der Welt spielte Neuerscheinungen in einem Programm, das von den Beatles bis zu den Bee Gees reichte, und dann wieder zurück. Und einen alten Hit von Prince in dieser Größenordnung hätte zumindest einer von uns beiden zumindest flüchtig erkannt- dass Prince Tausende von Aufnahmen vollmusiziert hatte, die nur eingeschworene Fans auseinanderhalten konnten, gehört ja zum allgemeinen Halbwissen, aber das hatte doch nichts damit zu tun, was schwerfällige Radiopgrogramme in der kalten und echten Welt brachten. Das Stück sprang immer wieder aus der Spur, der Gesang schepperte neben den Rhythmus - Instrumenten, das Schlagzeug rockte weiter, während Gitarren zu wirren und abbrechenden Soli hinaufschossen, es war Experimentalfunk, aber eben in einem Rock - Gewand. Fieberhaft überlegte ich, ob es vor ca. 10 Jahren vielleicht eine Prince - Tribute - Band gegeben hätte, von der ein Lied im Soundtrack zu einem mir unbekannten Film gelandet gelandet wäre, oder in einer übersehenen Auto - Werbung.

„Es ist Prince.“, sagte mein Freund, der Fahrer, übrigens Musiker von Beruf. „Eindeutig.“

„Das ergibt keinen Sinn.“, widersprach ich. „Die bringen keine sperrigen Sachen von Prince bei so einem Sender. Und die bringen keine neuen Sachen. Sag mal, Prince ist doch nicht gestorben, oder?“

„Das hätten wir mitgekriegt.“ Wir hatten vorher ausgiebig Nachrichten gehört.

Mein Hirn raste erschöpft herum und suchte nach einer Erklärung. Und das Lied schaffte mich in seiner kruden, lustigen Schlüssigkeit erst recht. Es war ein heftiger Kulturschock nach all den angenehm ausödenden Oldies. Es war einfach ein interessantes und unverbrauchtes Stück Musik, das ein bisschen Leben ins Hirn blies, und so etwas war ich nicht mehr gewöhnt.

Kurz: es war Prince, eine brandneue Single, wie ich ein paar Tage später im Netz heraussuchte.

Aber damit hörten die bizarren inneren Rotationen noch nicht auf. Wenige Jahre früher hätte ich den sexy Schwachsinn, „Screwdriver“, spontan, für 89 Cent erworben und diverse Male gehört. Doch das brachte ich nicht mehr fertig.

Nach vielen dutzend Stunden erbitterter Diskussionen mit jungen Menschen konnte ich nicht mehr unbeschwert einen Track kaufen. Musik kauften zeitgenössische Zeitgenossen nur noch auf 180 Gramm schwerem Vinyl, eingepackt in handgeschöpftes und mundbemaltes Papier. Und man erstand auch nur Lieblingsmusik, die Hunderte von Hördurchgängen unbeschadet überstanden und dabei auch noch geglänzt hatte. Ansonsten war man verblödet, anachronistisch und selberschuld.

Nun ist es mir aus tiefer Überzeugung heraus unmöglich, illegal Musik aus dem Netz zu fischen. Dabei geht es nicht um Gesetze, sondern um Respekt, das ökologische Gleichgewicht unter Kulturschaffenden, die moderne Welt und ihr Entwicklungspotential, usw. Das hatte ich in den erwähnten erbitterten Diskussionen mit jungen Menschen immer hervorgeschmettert, und das hatte sich mit jeder dieser Diskussionen nur verfestigt. Gleichzeitig hatten mich die hasserfüllten Suadas über die verbohrte Musikindustrie, die freie Information und die in Champagner badenden selbstgefälligen Stars weniger unberührt gelassen als gedacht.

Wäre es um eine kanadische Folkband mit zweihundert hingebungsvollen Hörern und einem schrammeligen kleinen Plattenlabel für Walgesänge gegangen, hätte ich vielleicht trotzdem zugeschlagen. Aber es ging um Prince, und der war kein Armer, genauer: der Inbegriff des champagnerbadenden Stars. Ich ertappte mich dabei, noch einmal: es ging um 89 Cent, dass ich Princes selbstloses Engagment für strauchelnde Musiker und die Musik an sich, seine unbestreitbare Brillanz, seinen Kampf gegen Musikkonzerne und sein ganz sicher für irgendwen noch befreiendes Rumjuchzen über Sex gegen seine kolportierten Allüren, seine religiösen Ansichten und seinen vor diesem Hintergrund durchaus zwiespältigen juchzenden Sexismus abwog. Hätte mir jemand in diesem Moment die Steuererklärung von Prince unter die Nase gehalten, hätte ich sie eifrig zur Entscheidungsfindung studiert. Es ging um 89 Cent. 89 Cent sind ein Tringeld im Imbiss, eine verlegene milde Gabe in der U - Bahn, das, was mir bei jedem zweiten Umkleiden aus der Tasche fällt und unter das Regal kullert. 89 Cent sind ein Schokoriegel im Spätkauf, der wochenlang in der Tasche vergammelt, aus der 89 Cent herauskullern. Ich besitze schrankweise Musik. Ich besitze sogar ca. 5 CDs von Prince, ohne jemals ein Fan gewesen zu sein, oder seine Werke zu „meiner Musik“ gemacht zu haben. Ich gebe für Kultur gerne Geld aus, auch für halbgare. Und es ging einfach nicht. Ich saß da, ohne Musik, und hasste Steve Jobbs. Also alles wie immer.

Wenige Jahre zuvor war ich noch musiksüchtig gewesen. Ich hatte immer vergleichsweise wenig Musik tatsächlich besessen, aber mich exzessiv darin gesuhlt. An meinen besten Tagen war ich auf zwei klassische Konzerte (eines davon mit freiwilligem Eintritt, beispielsweise ein Seniorenchor) und drei Stunden Popmusik über Kopfhörer plus Nebenbeigedudel gekommen. Und solche Tage gab es zeitweise einmal die Woche, und in solchen Wochen waren dann noch ein, zwei günstige kleine Popkonzerte und mindestens zwei Stunden Popgeschwelge am Tag dazugekommen. Auch wenn ich gelesen, geschrieben, mich mit anderen Menschen beschäftigt oder vergeblich auf die Stille gelauscht hatte, hatte in meinem Hinterkopf immer irgendwo eine halberinnerte oder - erahnte Musik gespielt. Das war nun nicht mehr so, das ist nicht mehr so. Ich lebe faktisch ohne Musik, und ich denke nicht, dass ich da der Einzige bin.

Musik ist zu etwas geworden, das im Zugabteil herübernervt, Autos verkauft und Grundschülerinnen dazu bringt, Miniröcke anzuziehen. Musik ist Tamtam und Budenzauber zum Aufhübschen grausiger politischer Positionen. Musik ist Identität für Feiglinge und Wannenbad im eigenen Sud für Menschen, die sich in zwei, drei Gefühle einbetonieren wollen. Musik sind die Terrabytes, die Leute auf externen Festplatten bunkern, um sich aufs Leben draufzusetzen und vor ihm zu fliehen. Musik peppt ansonsten grandios emotionslose Filme auf. Und natürlich stimmt das alles nicht, denn Musik ist zum frischen Rosmarin in meinem Leben verblichen, wenn nicht zum „Eigentlich sollte ich am Meer leben“. Und das hat nichts mit Älterwerden zu tun (als Leser habe ich von Musik nie die Rettung der Welt erwartet), und auch nichts mit „zu wenig Zeit“ an sich, respektive „zu vielen“ profunden oder auch nur alltagsrelevanten Themen im Kopf (nächtelang jage ich durch Kritiken zu „Amercian Horror Story“, ja, schlimm). Ich liebe beinahe alle Arten von Musik, aber die unselige und unselig brutal und vernagelt geführte Urheberrechtsdebatte hat, für mich, den Brunnen vergiftet, die Drähte gekappt, und nur noch um die Ecke lasse ich mich von Musik ungeschützt erwischen. Und wenn ich mich unhöre, geht es wirklich vielen Menschen so, auch wenn die meisten lieber etwas vom Älterwerden und von zu wenig Zeit erzählen.

Es war ein reichlich bizarres Phänomen, dass Musik ein paar Jahrzehnte lang als selbstverständlichstes kulturelles Austauschmittel gelten konnte, und wie immer waren die Liebhaber der Sache den Menschen, die die Konvention halt mitmachten, zahlenmäßig weit unterlegen. Aber nun liegen die knallbunten Archive offen, sind die Produktionsmittel erschwinglich, es ist ja auch entspannend, dass die religiöse Verbrämung des Fidelns und Klampfens weitgehend vorrüber ist, und es lassen sich einzelne brandaktuelle Songs für einen Euro erwerben.

Aber: nichts summt. Und schon gar nicht der charmante und brillante neue Stumpfsinn von Prince in meinem Kopfhörer. Genauer: ich kann mich an das Stück schon kaum noch erinnern, vor allem bleiben davon der freudige Schock und der Katzenjammer.

„Ich höre keine Musik mehr.“, behauptet der Freund am Steuer, der von seinen Ohren für Töne lebt und davon, dass er herzzerfetzend aufspielt.

Das kann nicht der Schlussakkord bleiben. Nach dem Moratorium wird der Himmel voller Geigen sein. Und wenn Steve Jobbs aufersteht.

 

 

09.10. Spirou - immer noch 75, und wir verdanken ihm viel

Der 75. Geburtstag von sowohl der Comicfigur, als auch der Zeitschrift „Spirou“ hat bei uns bislang noch keine allzuhohen Wellen geschlagen. Das mag daran liegen, dass die klugen Köpfe, die in deutscher Sprache über Comics schreiben, beinahe durch die Bank Disney - besessen sind (was dazu führt, dass die belgische Konkurrenz in Sachen Kinderprägung respektvoll unterschätzt wird). Zum anderen wissen die hiesigen Schüler „Spirous“ häufig nichts von ihrem eigenen Status, denn die in Frankreich, Belgien und den Niederlanden legendären Zeiten von Zeitschrift und Figur wurden zum großen Teil zunächst im Rahmen von „Fix & Foxi“ übersetzt, der längst verblichenen „Micky Maus“ - Konkurrenz aus München  (deren allgemein anerkannte Coolness irgendwo zwischen Eddi Arendt und den Mainzelmännchen angesiedelt ist). Und so führt der größte zusammenhängende Schatzfund der Comicgeschichte ein Schattendasein.

Woraus besteht dieser Schatz?

Die Abenteuer von „Spirou“, der Figur, liegen auf Deutsch in 51 regulären Alben und 16 Sonderbänden annähernd komplett vor. Spirou ist ein guter Typ im Pagenkostüm, der mit einem launischen Reporterfreund und einem klugen Eichhörnchen rund um die Welt Abenteuer zwischen lustig und nicht so lustig erlebt. Die Serie ist, abgesehen von ein paar Ausreißern, ein großer Batzen unterhaltsamer Comickunst: milde Satiren, Sense of wonder, überbordende Abenteuer, beiläufige Poesie und alberner Slapstick in sprudelnden Zeichnungen. Als Klassiker gelten André Franquins Geschichten aus den 50er und 60er Jahren, als halbwegs hip und wild die Sonderbände der letzten Jahre. Gegen diese Serie gibt es wenig zusagen, dafür gäbe es viel zu sagen, aber sie bildet nicht (alleine) den angesprochenen Schatz.

Vergilbtere Serien aus „Spirou“ erscheinen seit einiger Zeit auch bei uns in prächtigen Gesamtausgaben auf ebenfalls gilbigem feinem Kartonpapier. Dort werden charmant verstaubte Geschichten durch messerscharf reproduzierte Bleistiftskizzen und clevere Fußnoten ergänzt. Manchmal werden auch begleitende Illustrationen aus der Zeitschrift „Spirou“ abgedruckt. Diese Bücher eignen sich hervorragend als Geschenke und als Belohnung fürs Nichtausdemfensterspringen, aber verfehlen unterm Strich genau den Zauber, den sie so entschlossen abfeiern wollen.

Der einfachste Weg, den Spirit von Spirou zu begreifen, bleibt der Griff zu einem beliebigen „Fix & Foxi“ - Sonderheft aus den 70er Jahren (es gab welche zu Weihnachten, Ostern und den Sommerferien - Ausgaben zum Tag der deutschen Einheit waren dagegen nur ein Gerücht). In der Regel stammen alle Comics, in denen nicht die so notorische wie halbvergessene „Fix & Foxi“ - Familie herumfällt, aus den Seiten von „Spirou“. Das Gleiche gilt für Daumenkinos, Zigarettenschachtelkinos, zusammenklebbare Minibücher und Bastelbögen. Trotz irreführenden Bundeswehrhumors in den Übersetzungen, trotz blindknalliger Farben und diverser Verschandelungen lebt und überzeugt diese Wundertüte immer noch auf den ersten Blick.

Die Glanzzeit von „Spirou“ gilt als Ausdruck einer ästhetischen Schule, der „École Marcinelle“, benannt nach dem Vorort von Charleroi, in dem einst die Druckmaschinen standen. Das Problem an diesem schönen Begriff ist, dass er abwechselnd historisch und ästhetisch benutzt wird, was in beide Richtungen permanent Fragen aufwirft. Aber einen „Spirit von Spirou“ gibt es ohne Zweifel, nicht obwohl, sondern weil sich aus dem Sammelsurium der Serien nie eine Einheitlichkeit, schon gar kein „Universum“ formte.

Ästhetisch sind die vielfältigen Figuren dennoch anhand ihrer Nasen (entweder klein und gereckt oder riesenhaft knubbelig) und ihrer Augen (entweder klein und ganz schwarz oder groß, mit viel Weiß und ineinader übergehend, beides auch innerhalb der gleichen Serie möglich) zu erkennen. Hände und Füße sind üblicherweise groß, die Gestik ist ausladend, die Bewegungen sind gummiartig und punktuell extrem karikiert. Dass hier trotzdem so wenig grotesk wirkt, verdankt sich den versonnenen Figurengesichtern, vor allem aber den Dekors. Diese Comics neigen zu idyllischen Wimmelbildern, die gerne in angeschrägter Vogelperspektive um Brunnen herum angeordnet werden. Heterogenes Gewusel bestimmt das Bild, Gebäude und Gegenstände schwanken zwischen Realismus und pittoresker Verkürzung, die durcheinander laufenden Figuren sind sachte überspitzte, betont vielfältige Alltagstypen. Durch viel Tusche,- dicke Umrisslinien, Bewegungslinien und häufig Schraffuren,- wird das Gezeichnete (eben nicht Gemalte) hervorgehoben. Details erscheinen überbetont, Neben -und Hauptfiguren sind nicht zu unterscheiden (was sich auf der inhaltlichen Ebene in den Plots wiederholt). Dinge erscheinen wie als beseelt, Figuren, Umgebung und Gegenstände bilden eine schräge Symbiose. Phantasiefiguren spielen eine entscheidende Rolle - von den populären Marsupilamis und Schlümpfen bis hin zu den weniger bekannten Minimenschen, Zentauren, diversen Hexen und bombenlegenden Vögeln. Der Tonfall im Umgang mit diesen Kreaturen ist dabei immer betont beiläufig, kaum etwas erinnert je an das Genre der Fantasy. Im knallharten Kontrast dazu steht die Vorliebe für Geschichten über Katastrophen, organisierte Kriminalität, Komplotte und politische Umstürze. Der mit liebevoller Ironie gezeigte schräge „Normalzustand“ ist permanent bedroht. Die Bedrohung wird jedoch nie durch apokalyptische Endkämpfe abgewehrt, sondern durch eine Kombination von gutem Willen (bei den Heldenfiguren) und Situations - und Charakterkomik (auf der Schurkenseite). Wirkliche Schurkengestalten sind dabei selten. Heldengestalten geben sich apollinisch, als gute Pfadfinder, treten jedoch im Dienst der guten Sache fröhlich dyonisisches Chaos los (häufig über den Umweg der Phantasiegestalten). Aufgeräumte Pfiffigkeit siegt über bornierte Korruption (die beinahe allgegenwärtig ist) im Modus höflicher Anarchie, die für Fairness kämpft. Viele Bilder und Szenen sind schwärmerisch- lyrisch, aber machen davon nichts her.

Wenn es eine Einzelperson gibt, die diesen sehr speziellen Mix über Atelierfreundschaften zusammengehalten hat, so war dies wohl der Szenarist und zeitweilige „Spirou“ - Chefredakteur Ivan Delporte, Urheber jener Bastelbögen usw., die es sogar bis nach Deutschland schafften.

Jenseits von Stories und Dramaturgie sind es vor allem die frei schwebenden Zeichnungen aus dem Heft zu Weihnachten, zu Ostern, nur zur Werbung für das Magazin, die diese an allen Enden gebrochene heile Welt auf den Punkt bringen. Diese Bilder gibt es leider nicht einmal in alten „Fix & Foxi“ - Sonderheften (dafür hier und da in Fachzeitschriften oder eben jenen Edelausgaben), aber sie wirken noch in jeden kleinen dummen Gag über bspw. verschluckte Miniradios hinein.

Von diesen Comics ausgehend konnten viele Kinder annähernd furchtlos die Welt entdecken (und die verschiedensten Comics ohnehin).

„Spirou“, die Figur und die Zeitschrift, ist immer noch am Leben, gibt sich etwas härter, ein wenig erotischer und manchmal annähernd experimentell (leider punktuell mittlerweile auch zynisch). Und statt ausführlicherer Analyseansätze, ästhetischer und politischer Einordnungen und Verweise (die im Netz ja doch niemand liest), hier nur schnell: ich meine das nicht als Werbung, aber: ich denke, es bitzelt noch.

 P.S.: Die Reihe "Spirou und Fantasio" ist für sich genommen mittlerweile so erfolgreich, wie es ein belgischer Comic in Deutschland ohne Römer vermutlich werden kann. Über entzückte Fans stolpert man trotzdem so selten wie über entfesselte Apologeten (nicht nie), und die Zeitschrift/ das Gesamtphänomen bleibt eine Marotte aus Nachbarländern.

P.P.S.: Ja, auch alte "Fix & Foxi" - Hefte liegen nicht an jeder Ecke herum, und bereits in den 1980ern war mit den Sonderheften und dem frankobelgischen Spaß weitgehend Schluss. Beides bedauerlich, aber da die Bearbeitung nun mal ohnehin reichlich verhunzt war, spricht nichts gegen das Eintauchen in die Fetzen und Bruchstücke des Phänomens, die heutzutage herumtreiben.

P.P.P.S.: Mit einer besseren Welt haben diese Comics nun wirklich viel zu tun, aber das würde an dieser Stelle zu weit ausufern, und das Material wirkt ja doch für sich.

26. 09. Mägen, Wirte, Sachzwänge (GTVa)

So viele spannende Themen auf der Welt, aber wir müssen noch einmal zurück zu letzter Woche und zu „Grand Theft Auto V“. Dieses heitere Kriminalspiel für Konsolen hat seitdem nämlich einerseits (laut eines dieser viralen Gerüchte, die sich zu keiner Public Relations - Agentur zurückverfolgen lassen) angeblich eine MILLIARDE Spieler gefunden, was natürlich Blödsinn ist, und hat es zeitgleich mit einer Folterszene in die allgemeine Diskussion geschafft, was natürlich auch Blödsinn ist, aber anders.

In „GTA V“ (die Abkürzung ist wohl auch deswegen so beliebt, weil der ausgeschriebene Titel so konsequent vermurkst ist) soll der Spieler in einer länglichen interaktiven Sequenz einem virtuellen Menschen Zähne ziehen. Buchstäblich und mit sorgfältigem Planen, Konzentrieren und punktgenauem Tastendrücken.

Die Gamerwelt beruft sich in der aufkochenden Debatte einmal mehr auf Videospiele als Kunstform, heilsame Schocks und bissige Gesellschaftskritik, kurz: sie will diese Sequenz so behandelt sehen wie irgendwas von Schlingensief.

Die sakrosante Referenz für Videospiele als Kunstform und als bewusstseinsveränderndes Erziehungswerkzeug war in den letzten Jahren der Titel „Shadow of the Colossus“, bei dem eine ähnliche Falle zuschnappte.

„Shadow of the Colossus“ war ein extrem kämpferisches Fantasyspiel, in dem der Player einen jungen Helden einige Riesen, die an archaische Mythen erinnerten, umbringen musste, um seine tote Geliebte wiederzubeleben.

90% der Spielzeit bestanden aus verzwickten Taktiken, die Hühnen aufzuspüren und um die Ecke zu bringen. Bereits die ersten Rezensenten raunten etwas über ein verblüffendes, bewegendes und schockierendes Ende. Ich selber habe keine 10 Minuten von „Shadow of the Colossus“ gezockt, aber konnte mir nach den ersten Zeilen der ersten Besprechung die Schlußpointe vorstellen. Und so war sie denn auch (kurz: die toten Kolosse sind umsonst gestorben, ihr Ende hat im Gegenteil dem Bösen zur Macht verholfen). Interessanterweise verrät „Wikipedia“ nonchalant noch jede Schlußwendung jedes Films etwa eine Minute nach seiner Uraufführung, aber bei diesem fanverehrten Videospiel herrschen Vorsicht und Weihe (Filme gehören in der Computerkultur nun einmal tendenziell zum Reich des Bösen, während Games einen Stellenwert haben, der sich nur mit der der Popmusik für die Gegenkultur der 1960er vergleichen lässt).

„Shadow of the Colossus“ ist eine „Tragödie“, so heißt es, und soll beim durchgerüttelten Spieler Katharsis, leise Epiphanien und nachdenkliche Melancholie auslösen. Die Zahnziehszene aus „GTA V“, vermittelt für die gleichen Apologeten dagegen beißende Fragen, Erschrecken über das eigene Handeln und erzieht zur Skepsis gegenüber Videospielregeln wie gegenüber den Spielregeln der Gesellschaft (die Folter entpuppt sich als mindestens genauso sinnlos und fehlgeleitet wie die Totschlägereien von „Shadow“).

Hmpfhmpfhmpf.

Als Jim Morrison davon krakeelte, seinen Vater umzubringen und seine Mutter zu beschlafen, wurden Rocksongs noch nicht im Schulunterricht behandelt. Wer „Hapiness is a warm gun“ von den Beatles als einfaches Anti - Kriegslied beschreibt, lässt die lüsternen Untertöne weg, die weit über reinen Spott hinausgehen (die Sekundärliteratur hat sich mittlerweile darauf geeinigt, dass der Song zumindest auch von bedrogtem Sex mit Yoko Ono handelt). Wir gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass die Musik von The Who, Lou Reed und Jimi Hendrix ebenso wenig gewaltverherrlichend ist, wie es Filme wie „El Topo“ oder „If“ sind, wie es Bücher von Charles Bukowski oder Hunter S. Thompson sind. Wir gestehen Punks einen irgendwie unklar reflektierten Umgang mit faschistischen Symbolen zu, und denken, dass die ersten beiden „Mad Max“ - Filme Unmenschlichkeit nicht zelebrieren, sondern anprangern. Wir verzeihen James Ellroy seine kruden rechtslastigen Ansichten, weil seine Romane so unschuldig schreiend gewalttätig sind.

Und das ist keine Bigotterie.

Aber wir tun das mit einem selbstgefälligem Augenzwinkern. Wir stellen uns ja nicht nur unseren explosiveren Seiten, wir schwelgen auch in ihnen (im geschützten Rahmen der Kultur). Alles andere wäre ja auch verlogene Sonntagsschule, kein mutiges Hineinspringen in komplexe und schaurigschöne Wahrhaftigkeit. Zu jedem kulturellen Aufbruch gehört das Aufbrechen von Grenzen. Zu jeder Redefreiheit gehört das Herausplappern unmöglicher, grässlicher Statements.

Ja, die „GTA V“ - Spieler exerzieren im Kopf den Traum vom kriminellen Leben durch, so wie vorige Generationen mit den Desperados des Italowesterns geträumt und trotzdem mehrheitlich nichts verwechselt haben - nicht den ambivalenten Spaß mit einer Handlungsanleitung fürs tägliche Leben, bspw. Vielleicht sind wir ja nur zu alt, die Sensibilität von GTA V“ zu dechiffrieren, so wie Jüngere Schlingensief nicht kapieren und Ältere nicht die „Simpsons“ (als sie noch gut waren).

Wo liegt das Problem (und ich denke, es gibt eines)?

Ist es die Interaktion? Aktionskünstler haben ihr Publikum schon Schlimmeres simulieren lassen - an lebenden und an virtuellen Objekten. Ist es die gnadenlose Kommerzialität? Computerspiele sind nicht kommerzieller als teure Filme mit gewaltigen Werbekampagnen, sie machen nur derzeit wesentlich mehr Geld und treffen offensichtlich einen empfindlicheren Nerv bei einem jungen Publikum.

Ich denke, das Problem liegt im Kontext und in der Affirmation. Konkret: Jim Morrison war kein freundlicher Hippie und delektierte sich an den Visionen apokalyptischer Schlachten, aber war in die ihn umgebende Hippie - Kultur eingebunden, wurde von ihr hervorgebracht und führte einen Dialog mit ihr. Noch extremer ist das Beispiel von Bukowski, der die Gegenkultur in beinahe jeder Hinsicht konterkarierte, aber ohne sie als verrotzte Stimme Amerikas nicht funktionierte, nicht vorher und nicht hinterher. Sid Vicious mag ein wirrer Depp gewesen sein, die Punkkultur war schlau und hatte eine Richtung. James Ellroy verlor seinen Kultstatus, sobald er ein schick verfilmter Bestsellerautor in einem allgemein brutalisierten Genre war. Der Kontext von „GTA“ sind dagegen verkorkste Nachahmungen einer Drogenkultur, die nur noch in dem Sinne Undergroundstatus für sich beanspruchen kann, dass sie illegal ist (und elend). Die Themen, Figuren, Situationen sind Klischees, und das seit Jahrzehnten. Keine neuen Nachrichten, höchstens ein paar verfeinerte Nuancen. Dass man sich an die Spitze morden muss, aber dabei gleichzeitig seine Seele verliert und sich mit dubiosen WIRKLICH bösen Figuren einlässt, - das dürfte seit ca. 30 Jahren die mindestens zweitgebräuchlichste Erzählung der westlichen Welt sein (der Kontext von „Shadow of the Colossus“ ist die japanische Populärkultur mit ihren folgsamen Helden, weswegen er in deren Rahmen vermutlich besser und anders funktioniert). Auch ästhetisch signalisiert „GTA“ Affirmation - die ausgemalte virtuelle Welt will hyperrealistisch sein, aber ohne jeden Anspruch auf Subversion. Das angestrebte Ziel ist das Gegenteil einer persönlichen Handschrift. Nirgendwo finden sich Anführungszeichen außer in der Übererfüllung der Klischees. Der bissige Anspruch ist da oder auch nicht, und das Praktische ist, dass wir sein Vorhandensein und seine Abwesenheit in jedem Moment gegeneinander ausspielen können, wie es uns gerade passt. „GTA“ gibt sich ästhetisch und inhaltlich NEUTRAL, es ist halt nur ein bisschen schicker, gebrochener und böser als ein Gangstarap - Video (wenn auch nicht schicker, gebrochener und böser als de Palmas „Scarface“).

Affirmation wird auch vom Spieler verlangt, denn wenn er nicht foltern will (beispielsweise, weil er schon gehört hat, dass das nichts bringt), passiert offensichtlich genau das, was in „Shadow of the Colossus“ passiert, sobald der Spieler keine Lust hat, den nächsten Riesen umzubringen: gar nichts. Das Spiel geht nicht weiter. Im Unterschied zu einem herausgepickten Zuschauer einer Zaubervorstellung oder einem Teilnehmer des Millgram - Experiments (ganz zu schweigen von einem Akteur im wirklichen Leben) sitzt er alleine vor einer Maschine, die nicht mehr funktioniert. Wenn 15jährige, die 60 Euro zusammengekratzt, ihren großen Bruder vorgeschickt und ihre Eltern belogen haben, um ein geiles neues Game spielen zu können (dass sie nach all dem Medienrummel und dem Kritikergeraune schon vorab großartig finden mussten), am Fernseher Zähne ziehen oder Monstervögel meucheln, sagt das höchstens etwas über ihre mangelnde Frustrationstoleranz aus. Sie verrenken sich lieber den Magen, als dem Wirt was zu schenken, was immer ein Fehler ist (das könnte natürlich eine lohnende Lektion von „GTA V“ sein). Spannender bleibt da die Frage, was es mit ihnen anstellt, und die ist sicherlich beunruhigender. „GTA V“ wird, auf seine affirmative Art, ganz sicher mit einem Erlösungsplot aufwarten, in dem die befremdliche Erfahrung, selber zu „foltern“ untergeht, bzw. als abgeleistete Mutprobe in Erinnerung bleibt, vielleicht auch mit Stolz. Sie haben etwas über „Sachzwänge“ gelernt und über Schocks, die in gepixelten Strandszenen aufgelöst werden. Alles war eingebettet, alles ergab Sinn, alles musste so sein. Und da liegt das Problem, denke ich, und „Rockstar games“ sollen nicht die verruchten Schlauberger spielen.

Es gibt Spiele, die zu Aktionen zwingen, die als „falsch“ begriffen werden sollen (in denen führt das Bombenschmeißen auf Terroristen zu mehr Terroristen, bspw). Auf diese Art funktionieren viele der vielgelobten „Serious games“ mit ihren verfremdeten (häufig niedlichen) Ästhetiken und ihrer kurzen Spielzeit. Und es könnte amoralische Spiele geben, in denen ausgelebt würde, was in der wirklichen Welt nicht ausgelebt werden kann. Die Frage, ob und wie welche solcher Spiele die Welt zu einem friedlicheren Ort machen könnten (wenn man Leute dazu bringen kann, öde Tutorials in einem Spiel über sich ergehen zu lassen, kann man ihnen auch psychologische Tutorials vorsetzen) ist hochbrisant und hochspannend, aber hat nichts mit den kalkulierten Provokationen von „Rockstar games“ zu tun, die nirgendwo hinwollen und nichts beweisen, was sie von künstlerischen Provokationen unterscheidet.

Die Interaktion mit einer virtuellen Welt bietet faszinierende Möglichkeiten, und ob Videospiele Kunst sind oder sein werden, sie können Erfahrungen bieten, Eindrücke und Einsichten, die in alle Richtungen über billge Tricks hinausgehen. Eben dass Videospiele vielleicht Kunst sein können, dass sie aufwühlen können und eventuell problematische Aktionen ermöglichen sollten, eben dass es verstörende Wahrheiten, und ambivalente Freiräume gibt, macht die Debatte über „GTA V“ so ärgerlich. Aber nicht ärgerlich genug für einen dritten Blogeintrag. Ab nächster Woche geht es dann hoffentlich zu den vielen spannenden Themen.

 

 

19.09. Und die Handgranate im Hinterkopf

„GTA V“ ist gerade draußen (für Glückliche: ein Videospiel), und die Spatzen pfeifen es von den Dächern, genauer: die 13jährigen brüllen es durch die Straßenbahn. Wobei „GTA V“ in Deutschland natürlich eine Freigabe ab 18 Jahren erhalten hat. „Breaking bad“ geht in seine allerletzten Folgen (für die Glücklichen: eine Fernsehserie), und das Internet brummt ob lauter allerletzter Progonosen für den Ausgang der Geschichte.

„Grand theft auto V“, so der voll ausgeschriebene Name (den aber nur die Uneingeweihten benutzen, obacht, bei der Aussprache des Kürzels sind allerdings alle nur denkbaren Varianten sozial akzeptiert) ist ein weiteres abermillionenschweres Konsolenspiel von der britischen Firma „Rockstar games“, in der Spieler mehr oder weniger nach Belieben eine riesenhafte, liebevoll und pingelig ausgearbeitete Stadt erkunden können. „Breaking Bad“ dürfte die erste mehr als 60teilige (genauer: mehr als 26teilige, wenn nicht: mehr als 12teilige) Fernsehserie sein, die tatsächlich EINE kohärente Geschichte erzählt (natürlich trotzdem in Episoden und mit Seitenschlenkern), nicht mehr, nicht weniger. Beide Produkte kassieren Kritikerlob, das sich streckenweise liest wie auf jeder Menge Drogen („GTA V“ definiert zum Beispiel hier und da bereits eine ganze Generation, während „Breaking Bad“ gleichzeitig für manche nicht nur die endgültige Fernsehserie, sondern unterm Strich der einzig gültige amerikanische Roman ist,- was immer das heißen soll, bitte selber zichfach im Netz nachlesen).

Ach ja, und: beide Werke behandeln das organisierte Verbrechen aus Sicht von Menschen, die sich darin an die Spitze morden.

Das wird jetzt in einigen Familien ein schönes Gerangel um den größten verfügbaren Fernseher geben:

„Ich muss jetzt den Großdealer umlegen!“ - „Ich muss jetzt schauen, wie der Großdealer umgelegt wird!“ - da finden die Menschen zusammen.

Beide Epen fordern ihren Konsumenten Einiges an Zeit, Aufmerksamkeit und Intelligenz ab. Beide konfrontieren sie mit moralischen Dilemmata, die nicht von Pappe sind. Beide sind so außerordentlich sorgfältig gestaltet, dass sie beinahe nicht in der ästhetischen Sackgasse von Games/ fünf Jahre laufenden Fernsehserien landen. Beide legen Wert auf komplexe Charakterzeichnungen (so scheint es zumindest. Ich werde einen Teufel tun und „GTA V“ spielen, nein, ich besitze auch keine entsprechende Konsole). Die Qualität beider Produkte ergibt sich nicht aus der kriminellen Handlung an sich - in den GTA - Spielen kann man, wie Verteidiger gerne betonen, tagelang durch die Landschaft zockeln, ohne einen Raubüberfall auszuführen Drogen zu schmuggeln/ einen Passanten umzunieten, genau wie „Breaking bad“ zu einem nicht unerheblichen Teil aus atemberaubenden Landschaftsbildern besteht. Beiden Entwürfen ist jedoch gemein, dass innerhalb der „harmonischen“ oder „schönen“ Momente nichts Entscheidendes passiert,- und dass alles an „Handlung“ (von der auch die GTA - Spiele rappelvoll sind, ohne die sie nie eine ähnliche Akzeptanz erlangt hätten) um kriminelle Akte kreist. Der Unterschied liegt natürlich darin, dass „Breaking bad“ als ein bitteres Lehrstück daherkommt, als schon klassische Tragödie, während die „GTA“ - Spiele offensiv als gulity pleasures vermarktet werden, als eine nicht ganz koschere Möglichkeit, diese und jene unterdrückten Impulse auszuagieren. Natürlich wartet „Breaking bad“ mit meisterlichen und markerschütternden Szenen auf, die den nackten Menschen freilegen, während es bei „GTA V“, wie bei den Vorgängerspielen, vor allem um die Frage gehen wird, ob durch eine geheime Tastenkombination gepixelte nackte Kunstmenschen in spektakulär unerotischen Sexszenen freigelegt werden können.

Aber wird diese Unterscheidung von der Rezeption unterstützt? Bei all dem wilden Herumfahren, - schießen, tun, was der Relilehrerin nicht gefallen würde, wird die Bewältigung der GTA - Spiele von ihren usern nicht nur als eine Art von Arbeit, als Anstrengung und Leistung begriffen, sondern die bitteren moralischen Lektionen des Spielverlaufs (alle sind käuflich, niemandem ist zu trauen) werden durchaus als Belehrung und Konfrontation mit der ungeschminkten Welt aufgefasst. Und umgekehrt erweist sich „Breaking bad“ eben nicht nur als herausfordernde Parabel über die ungeschminkte Welt (alle sind käuflich, niemandem ist zu trauen), sondern als veritables guilty pleasure (in Rezensionen bemühen sich die Fans nicht einmal, ihre lodernde Freude an diesem oder jenem fiesen Dreh des nominell verabscheungswürdigen Protagonisten zu verbergen. Mein eigener Favorit ist der völlig groteske Moment, in dem am Ende der vierten Staffel nach einer Explosion der dämonische Gegenspieler Gus noch ein paar Schritte fassungslos mit halbem Gesicht herumläuft. War sehr erhebend.).

Kurz: es ist beides der reinste Kitsch. Düsterkitsch, aber Kitsch destotrotz. Kitsch wie der Rapper im Radio, der weinerlich davon faselt, dass er es schwer gehabt und schon viel Leid und Blut gesehen habe, aber seinen Weg gehen würde, und wenn es ihn töten würde, ---und dann kommen die blumigen Ausdrücke, auf die ich hier gerade keine Lust habe. Adorno light mit eingeschlagenen Schädeln. Mit 13 waren wir fast alle irgendwann mal so drauf. Es gibt vermutlich nichts Dümmeres und Unreiferes als totale Paranoia plus Allmachtsphantasien (totale Vertrauensseligkeit plus Allmahctsphantasien hat zumindest Charme und etwas dubios Erleuchtetes an und für sich), aber manchmal muss sie sein, und für das Schwelgen in derlei Stimmungen ist Popkultur wohl da. Aber zum allumfassenden „Erwachsenwerden“ von Videospielen resp. TV - Serien braucht es dann doch mehr als das Aufkochen der mittlerweile ordentlich abgegriffenen Metapher von der Welt als Gangwar (kollektiv) bzw. Hustler - Legende (individuell). Zumal Stoff „für Erwachsene“ in Popkulturbezirken eben in der Regel genau dies meint: konzipiert für 13jährige oder wenigstens zur Erinnerung an den inneren 13jährigen. Nun bedeutet das dummerweise nicht, dass wir uns einfach mit müdem Lächeln der Bundestagswahl, Syrien oder Spirou und Fantasio zuwenden können. Millionen der klügsten Köpfe mehrerer Generationen verbringen in diesem Moment dutzendweise Stunden en bloc damit, in strategischen Phantasien darüber zu schwelgen, wem in den Kopf geschossen werden muss, um den nächsten Coup abzusichern. Und die Reich - Ranickis von Videospiel und Fernsehserie beginnen, ihren jeweiligen Kanon darum herum zu bauen (ob sie das bei vergleichbaren Spielen mit anderen Thematiken auch tun würden, ist gar nicht die Frage - sie tun es nicht). Auf einer vulgärsoziologischen und - psychologischen Ebene lassen sich die Ursachen dafür schon nicht mehr analysieren, die liegen flach auf der Hand. Es bleibt nur wieder einmal die Frage nach der Zukunft: was heißt das? Was bewirkt das?

Vermutlich, dass die jetzigen Apologeten dieser beiden Über- Erzählungen später sagen werden: „Ach, Gangsgterboss wollte ich mit dreizehn werden. Jetzt träume ich vom Lokomotivführerschein.“

Na gut.

 

 

 

 

 

04.09. Die Ausbreitung des Grinsens

 

 

Vor den 1980er Jahren stand so gut wie niemand in der alten Bundesrepublik so: Rücken durchgedrückt, Arme herausfordernd nach vorne verschränkt, Daumen ragen steil nach oben, breites Grinsen. Im Laufe des Jahrzehnts präsentierten sich in der Folge in genau dieser Pose Hausmeister, Tankstellenbesitzer, Studienräte und kleine Manager (die in der Regel noch nicht „Manager“ hießen), kurz: alle, die „Dallas“ schauten und so sein wollten wie J. R. Ewing. J.R.`s Haltung war ein Versuch der Sitcom - Legende Larry Hagman, aus einem Bastard einen ambivalenten Sympathieträger zu machen - wer sich so dummdreist und mit der Bitte um Prügel der Welt entgegenstellte, der war kein Schurke, sondern ein frecher Herausforderer der Götter und der Zuschauer, dem auch der dreckige Etappensieg zu gönnen war. Die Hausmeister, Tankstellenbesitzer und Studienräte signalisierten wiederum in ihrer (meist unbewussten) Nachahmung etwas völlig anderes: in ihrer kleinen Welt wollten sie als ausgekocht dastehen, als souverän und ambitioniert. Früher hätten sie vielleicht ein Schild „Warnung vor dem Hunde!“ am Zaun angebracht oder um den Hals getragen. J.R.`s immer etwas unpassend manisches Feixen wucherte in den verschiedensten Variationen für mindestens zwanzig Jahre durch die populäre Kultur und das wirkliche Leben (persönliches Lieblingsbeispiel: Ben Horne in TWIN PEAKS, besonders dann, wenn er dazu an einer Stange Sellerie kaut, verzweifeltetste Variante: der späte Guido Westerwelle), dann verebbte es, bis es schließlich beinahe vollständig verschwand (irgendwo wird es aber sicher noch den Direktor einer Dorfschule geben, der auf diese Art die Abschaffung der kleinen Pausen verkündet). Ersetzt wurde es durch den intensiven Flunsch von Michael Douglas als Gordon Gekko in WALL STREET, durch die hektische Coolness von Tom Cruise und das schmierige Grienen von Alec Baldwin, und die Zukunft wird uns viele Abarten von Marc Zuckerbergs pseudo - verblüffter Schlaubergerignoranz bescheren.

Aktuell, in diesem bereits jetzt unerträglich langen Wahlkampf, prallen uns allerdings zwei Grinsegesichter penetrant entgegen, die noch synthetischer wirken und trotzdem von ihren Trägern offensichtlich für cleveres Kapital gehalten werden. Ich meine die unterschiedlichen Fassungen munterer Arroganz bei Angela Merkel und Jürgen Trittin.

Wir erinnern uns: in ihrern frühen Tagen und ihren ersten Jahren als Spitzenpolitikerin blickte Angela Merkel in die Kameras wie ein geschlachtetes Reh oder eine aus dem Schlaf gerüttelte Taucherglocke. Jürgen Trittin dagegen starrte zum Beginn seiner Bundesministerzeit, noch mit rasierten Seiten und Schnorres, wild und implodierend vor sich hin und nach unten. Er bellte seine Sätze, Merkel krächzte die ihren.

Irgendetwas müssen unsere beiden Helden in der Zwischenzeit durchlebt haben, und vermutlich hat es viel Geld gekostet. Merkel begann bereits bei der leisesten Anbahnung von Kritik ein spitzbübisches Beserwisserschmunzeln aufblitzen zu lassen, als würde der Klassentrottel gerade seine Hausaufgabe vorlesen, und sie hätte alle richtigen Antworten im Heft und käme als anschließend dran. Dazu wippte sie auf ihren Fersen voller Vorfreude hin und her. Trittin, auf der anderen Seite, warf bei jedem mutmaßlich gegnerischem Wortbeitrag den Kopf nach hinten und oben, musterte den anderen mit gesenkten Lidern wie ein Insekt und gab sich, als würde er mühsam fassungslose Kinderfreude ob soviel Dummheit unterdrücken. Beide erlaubten sich in diesen Momenten Seufzer unter der Bürde der eigenen Intelligenz. Und beide dehnten ihre darauffolgenden Anmerkungen, wie ein entnervter Lehrer, der zum dritten Mal in Folge erklären muss, dass Bananenschalen nicht auf die Tafel gehören. So spulen sie ihr Programm bis heute ab, füllen immer mehr unschuldige Fernsehminuten, und wir können nur hoffen, ihre Coaches werden nicht pro absolviertem Auftritt ihrer Schützlinge bezahlt, denn so grauenvoll kann diese Welt nicht sein.

Wer braucht souveräne Politiker? Und wer braucht Politiker, die gegen alle Karten auf dem Tisch unverrückbare Souveränität antäuschen können? Was ist die Botschaft dieses Spiels? Dass sich Spitzenpolitiker überzeugende Berater leisten können? Je nun, sie essen sicherlich auch gut.

Wer ist nun schlimmer? Es ist natürlich schwer, politische Ansischten aus dieser Frage herauszuhalten. Und wer wollte sich einem (mehr oder weniger) seriösen Versuch mit mehrstündigen Sichtungen aussetzen? Merkels pfiffige Aloofness hat sicherlich einen stärker realitätssprengenden Effekt: Breit diskutierte Probleme waren nie welche, heftig geführte Debatten haben längst zu einer eindeutigen Lösung geführt, Jahre des Nachrichtenverfolgens waren nur ein wirrer Traum. Unterm Strich würde ich allerdings für Trittin als das größere Übel plädieren. Selbst wenn er kluge und herausfordernde Sachen sagt, was er in diesem Wahlkampf immer häufiger tut, scheint er mit seiner breit ausgestellten Selbstzufriedenheit jeden narzisstisch beschränkten Bescheidwisser zu channeln, der man selber auf keinen Fall werden wollte oder dem man selber nur mit eiserner Selbstdisziplin keine gescheuert hat.

Kommen sie denn an bei den Zielgruppen, diese Pappmachémasken? Oder werden sie, wie so vieles, nur unter Schmerzen geduldet, für die jeweilige gute Sache oder den jeweiligen Lebensstil? Schlimm wird es werden, sobald diese Inszenierungen in die allgemeine Gesellschaft sickern. Irgendwann werden Verkäufer mit merkelscher Nonchalance oder mit trittineskem kehligem Schnurren erklären, dass sie noch nie geführt haben, was man selber gestern in ihrem Laden erstanden hat. Dann müssen wir uns wohl vor den Fernseher flüchten.

 

29./30.08

 

Dieses bescheidene kulturverdauende Blog steht im Moment scheinbar unter einem schlechten Stern: nachdem der ursprüngliche Eintrag für diese Woche aus persönlichen Skrupeln heraus verworfen wurde (es ging um verwöhnende Eltern, und darüber macht man keine Witze/werden ohnehin zu viele Witze gemacht/ wäre ein bisschen was anderes als auf der Hand liegende flaue Witze wirklich mal nötig) , liest sich der Ersatzeintrag holperig wie eine Übersetzung aus einer Sprache mit vielen langen Sätzen. Falls irgendwo ein Waisenkind die Nacht am Bett der kranken Mutter gekauert haben sollte und Auslassungen über Horror - Anthologien wie den schwachen Schimmer der Morgensonne erwartet hat, soll es sich bitte beschweren und den missglückten Text plus ein paar ernstgemeinte warme Worte einfordern. Alle anderen kriegen ihr Geld zurück, und nächste Woche stehen hier wieder ein paar frischgebackene Zeilen mehr.

Horroranthologien sterben sukzessive aus, obwohl sie eine herrliche Buchform sind, das lässt sich kurz mitteilen. Dafür hat Max Kruse (Sohn von Käthe, Vater von Urmel) nach erwachsener Prosa und einer populärwissenschaftlichen Weltgeschichte (sie war weder das eine, noch das andere, aber ziemlich gut) heuer nach vielen Jahren einen weiteren „Urmel“ -Band vorgelegt, und die vergriffenen „Urmel“ - Bücher werden in Sammelbänden nachgedruckt. Davon könnten sich Horror - Anthologien ja mal eine Scheibe abschneiden.

 

 

22.08. Offene Türen für nichts

In einer parlamentarischen Charme - und Transparenzoffensive lädt die Bundesregierung dieses Wochenende zum „Tag der offenen Tür“. Der einigermaßen bizarre Slogan dazu (man sieht die Köpfe aufgescheuchter Werbetexter vor Enthusiasmus und Aufregung in Leuchtfeuern verbrutzeln) lautet „Einladung zum Staatsbesuch“. Und für die Bürgerinnen und Bürger werden nach eigenen Angaben in den Ämtern und Ministerien„rote Teppiche“ ausgerollt, - vermutlich die abwaschbare Garnitur, oder die abgerockten Teppiche aus dem Lager,, die durch Currysauce und Eisflecken nur gewinnen. Wir dürfen uns alles anschauen und zu unserer Überraschung feststellen, dass in den Toiletten keine Koksreserven und Geldkoffer gebunkert sind und neben den Topfpflanzen keine geheimen Folterkeller versteckt. Quelle surprise, wie der Engländer sagt. Der „Staatsbesuch“ ist ohnehin eine delikate Konstruktion - können die Wähler, mutmaßlich der Souverän, ihren eigenen Staat besuchen? Und stellen Verwaltungsgebäude, Sitzungssäle und Poststellen tatsächlich diesen Staat dar? Und sollten wir die Bundesregierung umgekehrt zum Staatsbesuch auffordern und beispielsweise einen roten Teppich vor der zugigsten Imbissbude in der Nähe des Regierungsviertels auslegen? Oder besser vor einem Möbelladen, einem Automatencasino oder einer Tauschbörse? Vorschläge werden angenommen. Ob es, wie überall, Spongebobluftballons geben wird, wen sie im Zweifelsfall repräsentieren sollen, oder ob heliumgefüllte Merkels verkauft werden, wird erst das Wochenende zeigen. Und sonst nichts.

Es ist eine Öffentlichkeitsvorstellung von vorgestern, die hier simuliert wird (um die architektonische Schönheit der Klotzbauten wird es nicht gehen). Die geheimen wie die entscheidenden Ecken des politischen Betriebs sind der Stuhl der Kanzlerin und der Aufzug zum Finanzministerium. Der Gedanke erinnert an Familienfilme der 1950er Jahre: wenn der Sohn Vati im Büro besucht, die dicken Türen zum Konferenzzimmer bestaunt und die klobigen Telefone schrillen hört, versteht er, wie Vati arbeitet. Und dass Vati arbeitet. Das ist ganz ähnlich wie ein Kindergartenausflug zur Bäckerei, bei der die Backbleche aufgefächert werden.

Jetzt wissen wir nun aber mittlerweile wirklich alle, dass politische Arbeit genau so nicht funktioniert, von politischen Prozessen ganz zu schweigen. Selbst und gerade bei gutbürgerlichen Familienfeiern in Süddeutschland wird das parlamentarische Treiben selbstverständlich in einem Tonfall bekakelt, als ginge es um Tarnorganisationen und verbuddelte Leichen einer satanistischen Gemeinschaft. Verschwörungstheorien sind die neuen Fußballgespräche (vermutlich eine minimale Verbesserung in Sachen Spannung, aber der Preis ist hich). Aber wie sähe denn tatsächlich eine zeitgemäße Form von Selbstdarstellung und gewollter Transparenz aus?

Die „Piraten“ haben bekanntlich, wesentlich zeitgemäßer, auf die Öffentlichmachung von Debatten gesetzt (bis sie sich damit so blamiert haben, dass sie die meisten Türen schnell wieder schlossen). Auch diese Idee erscheint ordentlich naiv, und nicht nur, weil die „echten“ Absprachen ja dann doch nie vor den Ohren der Welt stattfinden. Würde sich tatsächlich irgend etwas in unserem Land ändern, wenn alle geheimen Telefonate der Lobbyisten in Berlin rund um die Uhr im Radio laufen würden? Warum es Lobbyisten gibt, warum sie tun, was sie tun, warum jemand zum Lobbyisten wird, und wie man mit der Tatsache von Lobbyisten umgehen kann oder sollte, würde uns das nicht erklären. Es gibt nun mal, auch wenn es nervt, keine Alternative zum Auseinandersetzen, Zusammendenken und Wollen (außer, es geht darum, ob ein Buchhalter das anvertraute Geld im Süßwarenladen verprasst, aber das ist ja im Falle der Politik nach ladläufiger Meinung längst erwiesen, und die ständigen Forderungen nach neuen Süßwarenladenrecherchen sind ja auch zuvorderst eine Ablenkung, um sich nicht auseinanderzusetzen, nichts zusammendenken und nichts wollen zu müssen).

Was allerdings ein Gewinn zum Verständnis der Politik sein könnte, wäre ein Computerspiel in Echtzeit über das Leben eines hochrangigen Politikers. Eingehende Mails im Sekundentakt, stressgeschwängerte verlogene Gespräche mit Kollegen, schnell noch diese und jene Abmachung diskret beim Bäcker vorantreiben (und sich nicht durch die pittoresken Backbleche ablenken lassen), Wählern ausweichen und sie suchen, Sachbearbeiterhorden disziplinieren,- und der hektische Spielverlauf wird immer wieder von alptraumartigen Flashs aus Angstvorstellungen und politischen Ideen unterbrochen. Das realitätsnah umgesetzt könnte vermutlich tatsächlich zur politischen Willensbildung und zur (entsetzten) Sympathie von Seiten der Bevölkerung führen. Gerade läuft die „gamescom“ in Köln, und es warten genug ehemalige Spitzenpolitiker auf neue Aufgaben. Wir können hoffen.

Dass es überhaupt keinen Erkenntniswert hätte, nachzufühlen, über welche Flure jemand geht, was er beim Blick aus dem Fenster sieht und wo sein Büro steht, will ich übrigens gar nicht behaupten (auch wenn Halligalli und Mitmachaktionen drumherum die Erkenntnis ganz sicher schmälern).

Ich saß einmal illegal auf einem 10. 000 Euro - Fußballersitz am Spielfeldrand und verlor mit einem Schlag jegliches Mitgefühl für die Athleten. Ob sie sich die Beine aus dem Kopf rennen, angeschrieen und bespuckt werden, modern benutzte Gladiatoren sind - sie sitzen in solchen Stühlen. Während der Arbeitszeit.

Im Vergleich dazu werden unsere Regierungspolitiker sicherlich durch die offenen Tage gewinnen (die guten Stühle, falls vorhanden, stehen sicherlich anderswo), deutlich machen, dass es sie wirklich gibt, sie wirklich regieren und dass das keine böse Sache ist.

Und möglicherweise hat das sogar so viel mit Politik zu tun wie ein (himmlischer!) Fußballklappsitz.

 

 

 

15.08. Bequeme Unwahrheiten aus den 40ern

Warnung: Wer sich „Trance“, diese süffig - hornochsige Fingerübung unter der Regie von Danny Boyle, noch anschauen will (und sich dabei wenigstens hier und da in einem angestrengten Gefühl von angeblicher Überraschung suhlen) sollte wohl besser nicht weiterlesen. Allen anderen: Hallo, es macht wirklich keinen Spaß mehr mit den alten Gangsterfilmklischees. Nun, in „Trance“, einem formidabel gestalteten und durchaus für die Hälfte der Laufzeit ganz gut rockendem Arthouse - Blockbuster, besteht das aufzudeckende Geheimnis hinter dem Hin und Her um ein geklautes Bild darin, dass a) der weichliche Protagonist eine Frauenleiche im Keller hat und ein obessiver Irrer ist, b) die weibliche Hauptfigur eine Schlampe ist und unterm Strich nur hinter der Beute her. Klingt das bekannt? Könnte das überhaupt bekannter klingen? Können sich Männer in halbwegs innovativ verschachtelten Mainstreamgeschichten überhaupt als irgendetwas anderes entpuppen als als labile Beziehungstäter? Wann lag das Geheimnis eines ostentaiv gequälten Protagonisten in einem Film mit vielen Nachtszenen schon einmal darin, dass er gerne in Emu - Verkleidung durch den Garten getollt wäre? Und wann haben schöne und kluge Frauen in Filmen mit Pistolen jemals etwas anderes getan, als aus vagen Rachegefühlen mit opponierenden Männern zu schlafen und deren Pläne zu ihrem eigenen hohnlachendem Vorteil zu nutzen? „Riffifi“ und „Psycho“ haben nun auch schon jeweils 50 Jahre auf dem Buckel, und bereits diese Klassiker haben Nachkriegsideen aufbereitet. In den 1940er Jahren trafen in den USA aus dem Krieg heimkehrende Männer auf in ihrer Abwesenheit häufig selbstbewusst und zynisch gewordene Frauen. Um die verrückte psychische Gemengelage, die sich daraus ergab, in Fiktionen zu bannen, brachten Männer und Frauen einander in den Romanen, Filmen und Fernsehsendungen der folgenden Jahre häufig um, waren gemeinsam in verbrecherische Komplotte verstrickt und hassten sich auch dann noch abgründig, wenn das brodelnde Misstrauen gegeneinander unbegründet war („Gilda“). Der jähzornige neurotische Mann und die berechnende traumatisierte Frau waren das Traumpaar der populären Kultur (im Thrillerbereich, wohlgemerkt, der damals noch nicht wirklich als stubenrein galt. In glatteren Hollywoodfilmen stritten Männer und Frauen darum, wer von beiden nun mehr von Sport verstand oder schneller den Ärmelkanal durchschwimmen konnte). Ursprünglich stammten diese Rollenbilder vermutlich aus der Jahrhundertwende, als die Idee des Unbewussten an den verschiedensten Orten und in Wien aufplatzte, unter anderem, weil die moderne Welt neue Männer - und Frauenrollen hervorbrachte, die zunächst nackte Panik auslösten. Wenn Männer auf einmal offiziell Gefühle hatten, und Frauen Erotik und Ambitionen - taten sich da nicht grauenhafte Abgründe auf? Die Beschäftigung mit diesen Abgründen blieb aber eine verhältnismäßig elitäre Angelegenheit. Erst in den 1940er Jahren war das Thema so brennend geworden, dass es sich in immer neuen Versuchsanordnungen in der populären Kultur Bahn brach. Die späten 1940er Jahre waren dabei zumindest in den USA auf dem Papier eine extrem friedliche, sonnige und satte Zeit, mit jeder Menge Gewalt im Hinterkopf und im Untergrund. Fünfzig verwirrende Jahre später wurden diese abgetragenen Erzählmuster mit großem Tamtam in der Thrillerwelle der 90er wiederbelebt, um zu beschreiben, dass sich Männer in der damals scheinbar befriedeten und unter der Oberfläche heftig gewalttätigen neoliberalen Welt in ihre eigenen Abgründe verkrochen, während sich Frauen die neuen Spielregeln mit Klugheit und Härte beibringen wollten (und endlich einmal selbst alle die Fehler begehen, vor denen die Männer in diesen Geschichten spinnert davonliefen). Ob das nun ein besonders spannender oder sympathischer Trend gewesen sein mag oder nicht, er behandelte zumindest eine tatsächliche gesellschaftliche Problemstellung. Aber dann passierte etwas Verheerendes: die Entwicklung blieb stehen. Weil es zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt Sinn ergeben hatte, dass neue Erzählformen zwischen Dosenfutter und Feinkost (und das sind häufig die besten und narhaftesten) von gescheiterten Coups, ermordeten Komplizen und einem Geschlechterkrieg mit Handgranaten handelten, schlossen Filmentscheider falsch, dass Filme über...siehe oben... per se die brauchbarste Form darstellten, um pfiffige Geschichten mit psychologischer Resonanz zu erzählen. Das ist in etwa so wahr wie die Annahme, massentaugliche innovative Musik könne nur auf der Basis von „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ komponiert werden (hmm...wenn ich drüber nachdenke, würde ich solche Musik eigentlich ganz gerne hören).

Ich selber musste zwanzig Jahre alt werden, bis ich begriff, dass ich trotz diverser Frustrationen und Macken in Wahrheit tatsächlich im geheimsten Winkel meines Herzens keinerlei Ambitionen habe, Frauen in Säure aufzulösen oder in bizarren Kostümierungen in Burgverliesen gefangenzuhalten (etwa zur selben Zeit begriff ich, dass ich keine innere Verwandschaft zu Serienmördern besitze, obwohl ich ein kunstinteressierter und entfremdeter Mensch bin, aber die Serienmördermanie ebbte dann immerhin schnell ab). Es war eine große Erkenntnis und eine große Erleichterung. Wäre ich zwanzig Jahre früher geboren worden, hätte ich in diesem Alter vielleicht mit Verblüffung kapiert, dass ich nicht gerne erhitzte Beziehungsdiskussionen auf Schwedisch führe.

Subtexte einer Kultur ändern sich. Die heißen Eisen von gestern sind heute kalter Latte Macchiato. So vieles in uns und in der heutigen Welt taucht unter der Oberfläche, kann nicht im Tageslicht verhandelt werden und würde sich gut in einem Thriller über Hypnose machen (was „Trance“ sein soll. In die Filmgeschichte eingehen wird er allerdings eher als der erste Film, der Schambehaarung zu einem Plotpoint gemacht hat. Was ja immerhin eine historische Aufgabe war). Darum lasst uns das schnell klären: Sind wir nicht alle irgendwo Mobster? Nein. Ist unser Leben nicht irgendwie immer ein großes gegenseitiges Abschlachten bei einem gescheiterten Banküberfall? Nein. Sind nicht alle Männer irgendwo besessene Totschläger mit Gedächtnisverlust und bibbernder Unterlippe? Nein. Sind nicht alle Frauen eigentlich genialische Manipulatorinnen mit schmerzvereistem Herzen? Nein. Gut, dass wir das geklärt haben.

Dann können wir uns ja langsam mal den wirklich brisanten Themen zuwenden.

 

08.08. Und was ist nun mit der Eiskrem?

Vor vielen, vielen Monaten (die Welt war noch jung, Tao lag auf den Wiesen, Eichhörnchen beherrschten die Erde) kündigte ich an dieser Stelle eine kritische Würdigung der Eis - Novitäten 2013 an. Nun, offen gesagt, sie geben nicht sonderlich viel her. Der schlechteste Einfall der beiden Giganten des Kioskeismarktes dürfte der Trend zum „Eis mit Gimmick“ sein: Zu Kindereisen mit Namen wie „Hyper Buzz Monsterklops“ (Name geändert), die wie Berggipfel oder Rennautos geformt sind, nach schockgefrorenem Quensch schmecken und im Mund brennen oder explodieren. Manchmal sind auch Kaugummis oder Gummibärchen in den Kristallwüsten vergraben. Irgend jemand sollte den Eisdesignern die Drogen wegnehmen und die Lebensmittelchemiker zu kalten Duschen überreden.

Eine andere, aber nun schon länger andauernde Entwicklung sind die hochgejazzten neuen und angeblich streng limitierten Versionen von Eisen mit zentnerweise Schokolade drumherum oder jeder Menge Waffel mit mysteriösen oder lasziven Namen und jeder Menge Cocktailsauce. Zwei bis drei sind davon offensichtlich auch dieses Jahr genießbar, die restlichen Sorten sind dumpf gaumenbefremdende Lückenfüller, um auf ein line up von fünf, sieben oder zwölf Varianten (stellvertretend für Erdteile, Wochentage, Sünden oder Tierkreiszeichen) zu kommen. Von denen gibt es auch Komplettpackungen im Supermarkt, und die Vorstellung, dass sie jemand mit seinem letzten Geld ersteht, um sich oder seinen Lieben damit ein wenig Glam, Dekadenz oder wenigstens genug Eiskrem für alle ins Tiefkühlfach zu stellen, gehört zu den traurigsten, die Supermärkte auslösen können (ja, natürlich, ein Masthuhn ist auch nicht von Pappe). Andererseits werden diese kolossalen Kartons in Wahrheit wohl von gutgelaunten Teenagerbanden oder Studi - WGs verputzt, die auf diese Art ein unerschöpfliches Gesprächsthema für einen vergnüglichen beschickterten Sommerabend erstehen. Sowie zwei bis drei genießbare Eise.

Aber die Bewegung hin zum besseren Eis lässt sich nicht aufhalten, und zwar nicht nur bei den Bobos („Bobo“ ist laut Auskunft eines befreundeten Stadtplaners die unter Stadtplanern geläufige Abkürzung für „Bonzen- Bohème“, wenn ich das richtig verstanden habe). Handgerührtes, selbstgemahlenes, faires und hier und da sogar veganes Eis (vermutlich vom Gletscher abgetragen und mit Nüssen verrührt, wie angeblich das Eis unserer Vorfahren) beherrscht mit Macht die Bildfläche jüngerer Flaniermeilen unserer größeren Städte und wird bei uns bleiben. Wir wollen unsere Delikatessen wieder delikat und nicht im Fünferpack, die Massenerzeugung hat ihren letzten Nimbus verloren. Die Sehnsucht nach dem guten Handwerk, dem gesunden Leben und hier und da sogar der gerechten Welt hat seit ein paar Jahren auch den Inbegriff von alltäglichem Luxus erfasst: Eiskrem. Dass sich die schicken, kleinen Eisdielen mit verspulter Optik und selbstkomponierten Geschmäckern gerne „Eismanufakturen“ nennen, ist da nur folgerichtig, auch wenn eine „Manufaktur“ vermutlich nicht einmal bei Wikipedia als „Typ, der Erdbeeren verrührt“ definiert wird. Wir wollen den echten Preis bezahlen (oder zumindest doppelt soviel wie die krisseligen Kugeln im Park kosten), die Bioerdbeere und den Eismann mit Zitronensaft auf der Schürze. Wer hat etwas dagegen? Alle. Selbst die größten Eismanufakturjunkies und Krisselkugelverächter müssen sich in regelmäßigen Abständen mit kleinen, verqueren Witzchen über ihr gehobenes Geschlemme lustig machen. Noch dem humorlosestem Bobo, der sich mit kantigem Kinn zwischen sein Kind und ein „Capri“ schmeißt, entzischt Spott über die Preise. In den porentief reinen Eissalons selber ist die Stimmung andächtig wie unter frisch bekehrten Christen, und bitte kein falsches Wort. Vor der Tür oder eine halbe Stunde später wird die Weihe dann mit dreckigem Lachen in die Tonne getreten.

Schade. Warum Weihe, warum Disse? Wollen wir alle Zyniker werden, nur weil unser Nachbar mit dem Fusselbart jetzt für die Rüstungsindustrie arbeitet und sein Kind „Konrad“ nennt (ein schöner Name, übrigens)? Wollen wir Joschka Fischer soviel Macht zugestehen? Die ersten Besitzer eines WCs waren schlimme Snobs, Bos ohne Bo, und wurden nachweislich ausgelacht. So läuft das mit dem Fortschritt hier und da (ich würde gerne auf einen älteren und erschreckend ähnlichen Beitrag über Biofleisch verlinken, der die sozialen Aspekte dieser Themen immerhin minimalst streift, aber sowas ist immer noch in Arbeit, darum nur: nein, das ist absolut nicht als elitäre Haltung gemeint. Und dazu würde ich Kioskeis als Evolutionsstufe so wenig missen wollen wie im Moment noch am Kiosk,- und in manchen Momenten ganz und gar nicht ). Gemessen an den Menschen in anderen Ländern geben gerade die heftigsten Bobos bei uns nur einen kleckerigen Teil ihres Einkommens für Essen aus. 

Ironie ohne „Dieweltistwiesieist“ gebührt vermutlich den bizarren Eiskreationen, die sich unsere Glaciers aus dem Kühlschränken saugen, um den Kick von abgefahrenem Luxus zu simulieren. Der mutmaßliche aktuelle Renner „Guzimi“ (Gurke, Zitrone und Minze) klingt allerdings sehr einleuchtend (und die Verbrechen von „Pizza“- und „Tomateneis“ wurden, wie so viele, lange vor der ersten Eismanufaktur begangen).

 

(Nachtrag: ich kann nicht nur nicht verlinken, sondern auch keine Fußnoten einbauen, darum hier eine lose Erklärung zu „Quensch“ - „Quensch“ war in der alten BRD ein beliebtes Instantgetränkgranulat mit grellen Farben und vielen Sorten. Geizige Großeltern kauften es in rauen Mengen als Ersatz für Saft, Limonade oder Mineralwasser. Der Name gibt den Geschmack anschaulich wieder. Für immer eingebrannt hat er sich vielen älteren Menschen, weil er eines der wenigen Reimwörter für „Mensch“ darstellte und in dieser Funktion in vielen alten Poesiealben auftaucht.)

 

01.08. Die letzten Lieder dieser Welt

Dieses Blog ist nach Berlin gezogen und war deswegen zwei Wochen nicht da. Nun soll es aber nicht zu einem Blog über Berlin mutieren, die gibt es wie Sonnenbrand am Meer, und wir haben beschäftigen uns hier mit großen Themen. Wie den Songfragmenten aus den letzten Lebensjahren von John Lennon.

Die Geschichte ist ziemlich bekannt: vom frühen 1975 bis zum späten 1980 bunkerte sich John Lennon in einer hochherschaftlichen Zimmerflucht in New York ein, entweder, um a) ein glücklicher Hausmann und Vater zu sein, während Yoko Ono seinen Reichtum mehrte (so die offizielle Version von Ono und Freunden), oder b) um sich depressiv und von Tag zu Tag kauziger zuzukiffen, während Yoko Ono seinen Reichtum für esoterischen Krimskrams und Heroin verballerte (so die Version von Fred Seaman, Lennons schlecht bezahltem Leibeigenen). In beiden Varianten hielt sich Lennon jedoch vom Komponieren fern, bis er Ende 1980 eine ziemlich lahme und zahme Comebackplatte mit Ono vorlegte. Drei Wochen später wurde er erschossen.

„Meine Gitarre hing über dem Bett, und ich glaube, ich nahm sie fünf Jahre lang nicht runter.“, so Lennon kurz vor seinem Tod.

Sowohl Lennon, als auch Ono und Seaman lügen kaltschnäuzig, denn Lennon hat in diesen fünf Jahren an Dutzenden von Songs gefeilt und Ono hat sie nach 1987 nach und nach in die Welt sickern lassen, während es von Seaman heißt, er habe sich ein paar davon unter den Nagel gerissen und eben Ende der 1980er an Ono zurückgegeben.

Die Ono/ Seaman - Kontroverse, mittlerweile durch diverse Gerichtsverfahren und Vergleiche zugunsten von Ono entschieden, ist ein faszinierendes, aber reichlich unmusikalisches Thema. Die Liederskizzen aus Lennons Schweigezeit sind erschütternd und dazu auch noch musikalisch.

Lieblingsplatten? Da nenne ich üblicherweise je nach Laune dies und das Hochwertiges. In Wahrheit jedoch hat mich nie ein anderes Album so gepackt und wird mich wohl auch keines mehr packen wie „The Lost Lennon Tapes Vol. 1“, eine etwas krude, damals sündhaft teure Sammlung von Lennons Demos (es gab insgesamt 22 halblegale Folgen der „Lost Lennon Tapes“, und die meisten lohnen sich nicht einmal für beinharte Fans). Ein schrummeliges Gitarrenlied auf der Platte, dort benannt „Boys and girls“, lässt einen traumverlorenen Lennon hören, der singend, pfeifend und in beiläufiger Ergriffenheit über die Härte der Welt und die Schönheit der Liebe singt. Anschließend wurde das Stück zunächst unter dem Namen „Real love“ von Ono für eine Lennon- Doku freigegeben und bildete später in einer Klavierversion mit anderem Text die Grundlage für die allerletzte (?), zweite posthume Single der Beatles. Der Vorläufer „Free as a bird“ stammt aus der selben Ablage und ist auch der Titel eines Albums, auf dem der Großteil der Liederskizzen eine Zeit lang offiziell erhältlich war. In den offiziellen Biographien und Begleitwerken tauchen die rund 30 abgeschlossenen Stücke (die Zählung ist eine vertrackte Aufgabe, siehe unten) praktisch nicht auf, doch im Internet tummeln sich entgeisterte Fans (und übrigens auch alle dieser einst so raren Aufnahmen).

Was ist an diesen Aufnahmen so eigen - und einzigartig? Die Tonqualität ist miserabel, Lennon verspielt und versingt sich permanent, vergißt den Text oder sucht nach einem Text, pfeift, kichert oder brabbelt Blödsinn. Dramaturgisch taugen die meisten dieser Songs noch nichts (berühmte Ausnahme: eben „Real love“), Lennon ist voll und ganz damit beschäftigt, erst einmal den Kern des Liedes zu suchen und wiederholt in ausgiebiger Selbsthypnose immer und immer wieder Stellen, die ihm bereits gefallen. Das voyeuristische Vergnügen an sich nutzt sich recht schnell ab. Tausende von Musikern haben brillantere Skizzen im Schrank. Aber nicht unbedingt interessantere Songs.

Zum einen ist da die Stimme. Bei seinen Studioveröffentlichungen hat Lennon seine Singstimme gerne bearbeiten lassen, und die Badezimmeraufnahmen zeigen auch warum: es ist eine großartige, aber ordentlich verstörende Stimme. Sägend, nervend, schneidend, hochmelodisch, schon peinlich in ihrer Nacktheit. Sanft und voller Messer. Die immer wieder aufgeworfene Frage, ob Lennon nun ein jähzorniger Narzisst oder ein sanftmütiger Weltliebhaber war, wird durch seinen Nachlass eindeutig beantwortet: er war beides, und beides bis zum Anschlag. Lennon jammert in einen leiernden Walkman „Something`s wrong“, und man möchte ihm alle Kekse und Kuscheltiere dieser Welt zuwerfen und gleichzeitig alle Türen vor ihm verschließen (was, laut Seaman exakt das ist, was Yoko Ono mit ihm in seinen letzten Lebensjahren gemacht hat).

Diese Stimme probiert nun neue Lieder aus, und diese Lieder, sofern sie über kurze Momentaufnahmen hinausgehen, beschreiben beinahe ausschließlich eine Geistesverfassung: die, in der Verzweiflung in Epiphanie umschlägt. Beinahe alle Stücke handeln direkt oder indirekt von Tod und dem Leiden in der Welt, resp. Lennons Wohnküche, beinahe alle werden von Lennon so lange zersungen, bis sie als friedliche und merkwürdig weise Schlaflieder taugen. Man hört, wie sich eine schmerzverzerrte Grimasse in ein Buddha - Lächeln verwandelt. Musikalisch geht es von hämmernden Moll - Akkorden (in den ersten Versionen der Stücke) häufig zu flirrenden, funkelnden Spielereien zwischen Dur und Moll, die den Faden von Lennons „Julia“ (vom weißen Album) oder „Love“ wiederaufnehmen. Die Töne werden umkreist und angetestet, bis sich das passende Changieren zwischen tiefer Nacht und Morgendämmerung auch in den Akkorden niederschlägt. Die Melodien bleiben dabei weitgehend unangetastet, sie erinnern an entschlackte Gospels oder minimalistsiche Kinderlieder. Ähnliches gilt für die Texte: im Fall von „Real love“ (Lennons insgesamt bestem Song, meiner Meinung nach) wird ein wehleidiges „Why must we be alone?“ zu einem vage profunden „Why must they be alone? `Cause it`s real life.“, bis am Ende „No need to be alone. It is real, love, it is real.“ steht.

Da diese Songs zu Lebzeiten nie veröffentlicht wurden, lässt sich diese Entwicklung der an sich meist ordentlich unglücklichen Lieder nicht als Kotau vor Yoko Ono oder als kommerzielle Umarbeitung abtun. Nein, hier geht es schon ums große Ganze, und der manische spirituell suchende Lennon schrammelt und jault (und witzelt) so lange, bis aus einem schlechtgelaunten Tagebucheintrag eine meditative Weltumarmung wird (an Politik und dem täglichen Leben hat der späte Lennon übrigens scheinbar jegliches Interesse verloren). Bei Stücken wie dem schelmischen „Gone from this place“ scheint der Sänger gutgelaunt das Leben hinter sich zu lassen.

Und darin liegt der gespenstische Reiz dieser Tracks. Sie lassen sich als Fortsetzung zu Nick Drakes „Pink Moon“ (das Lennon vermutlich nicht kannte) oder als Vorläufer zu heutigem Avantgarde - Folk (den selbst der nicht kennen konnte) hören. Es sind kristallklare Blicke auf die Welt herunter, und diese Klarheit ist für den Sänger harte Arbeit, für Zuhörer ein so wohliger wie gruseliger Genuss. Einige Demos sind bissiger und rockiger, andere erinnern an Broadwaymelodien, erzählen kleine Geschichten und waren tatsächlich für ein Musical gedacht. Doch auch sie packen den Stier bei den Hörnern und behandeln tänzelnd Selbstbetrug, Entfremdung und die große Vergeblichkeit des Lebens.

Es ist bezeichnend, dass der Künstler selber für seine letzte Platte diese intensiven und ihm offensichtlich wichtigen Fragmente links liegen ließ und lieber ein paar hübsche Statements über seine Frau, seinen Sohn und sein friedliches zurückgezogenes Leben produzierte (wenn auch in dem über Akkordfolgen seufzenden „Wellwell“ vom auch ziemlich universalen „Woman“, ein Echo von Lennons meditativeren Stücken nachhallt). Was das bedeut, darüber sollen doch Yoko Ono und Fred Seaman streiten.

An dem gespenstischen Reiz dieser unvollendeten Songs haben sich übrigens nicht nur die Beatles vergriffen, sondern auch Fans, die im Internet selbstkomplettierte Varianten mit Chören und Gitarrensoli einstellen. Interessant zu hören aber mindestens so daneben wie ein daruntergemischtes Schlagzeug von Ringo Starr. Lennons späte Demos sind Fragmente, können nichts anderes sein, und darin liegt ihre Perfektion (Lieblingsplatte? Natürlich die dritte von Velvet Underground).

 

11.07. Bunte Abende

In früheren Zeitaltern wurden in besseren und besten Kreisen zur Abendunterhaltung Gemälde nachgestellt. Das gehört zu den Wissensbrocken, an denen ich mir in schlaffreien Nächten die Zähne ausbeiße (keine größeren Sorgen? Doch, eben drum). Mögliche Erklärungen für das heitere Treiben: a) die Menschen waren früher von Gemälden wesentlich stärker beeindruckt als heute, b) die Menschen pflegten früher weitaus bescheidenere Unterhaltungsbedürfnisse als heute, c) die Menschen waren früher randvoll mit Drogen, zumindest in besseren und besten Kreisen. Vermutlich sind alle drei Antworten richtig (ja, ich weiß, sie haben zumindest nicht zu fünft mit ihren Smartphones nach dem Originaltext von „The unknown stuntman“ gesucht, und heute sind die Drogen stärker, aber die Idee von Nüchternheit kommt, wie die Idee von sinnvoll genutzter Zeit, vermutlich erst mit dem Bürgertum auf). Wie lange wurden die jeweiligen Gemälde nachgestellt, bevor jemand aus purem Ennui oder Wadenkrampf nassforsch ein Ende forderte? Wurden bevorzugt Gemälde mit dezent frivolem Inhalt oder umgekehrt mit schon durch die Posen erhebender Bedeutung nachgestellt? Grüßten sich perrückte Menschen mit getuschelten Neugikeiten, was die in Versailles schon wieder alles nachstellen? Wer musste den schlafenden Hirten in der Ecke spielen, wurde das über Strohhalme ausgelost? Wer mußte raten, was das ganze Kuddelmuddel vorm Kamin sein sollte? Gab es Schiedsrichter und Choreographen, geheime Gemäldenachstellmeister mit wüsten Einfällen, die zu Feiertagen angekarrt wurden? Finden sich in der populären Kultur noch andere Anspielungen auf den bizarren Brauch als in „Die Marx Brothers im Krieg“, „Viridiana“ und auf dem Cover von „Sgt. Pepper“? Das ließe sich alles noch weiter launig ausführen, aber vielleicht stolpere ich ja irgendwann über eine klärende Doktorarbeit oder ein Infotainment - Segment zum Thema, und vielleicht werde ich eines prachtvollen Tages ja selber mal dabei sein, wenn ein Gemälde (ein Filmposter? Ein Screenshot von einem Computerspiel?) in beschwipstem Kreis nachempfunden wird. Bis dahin warte ich auf die Wiedergeburt der bunten Abende, die sich, soweit ich das sehe, bereits massiv ankündigt.

Während die Menschen auf den Schlössern resp. in den gehobenen Salons erfüllt von herrlicher Unsinnigkeit mit Kapitänsmützen auf dem Kopf und Schwertern in der Hand stundenlang vor sich hin starrten, Briefe in Strumpfbändern versteckten oder an Schönheitsfleckencodes feilten, etablierte sich in den entstehenden Städten die bunte Bühne. Die bunte Bühne war die logische Folge vom Zusammentreffen vieler fremder Menschen aus aller Herren Länder, die nicht in die Theater gelassen wurden. In Kneipen, auf Festen und in bürgerlichen Salons wurden volkstümliche Stücke aufgeführt, die je nachdem, wer hinter dem Vorhang wartete, mit Gesang, Tanz und Akrobatik angereichert wurden. Der Vorteil gegenüber den Programmen geladener Künstler bei anständigen Gesellschaften, lag in der Heterogenität der Mischung (man könnte spekulieren, dass die bunten Bühnen vokstümlicher und weniger bewusst künstlerisch waren, aber Prominente wie Sarah Bernardt und Enrico Caruso wechselten zwischen den Welten hin und her, und wenn man den Äußerungen klassischer Komponisten glauben darf, waren Adelige nicht gerade das konzentriersteste Publikum der Welt). Im Paris des späten 19. Jahrhunderts hieß das „Vaudeville“ und hatte meistens ein Libretto, in Amerika hieß es ebenfalls „Vaudeville“ und hatte in der Regel keines. In England nannte man den Spaß „Music hall“ und gab sich komödiantischer und musiklastiger. In den großen Städten der westlichen Welt zog das kopflose Treiben aus Zelten und Hinterzimmern in ordentliche kleine Theater (und hier und da wurden auch noch Bilder nachgestellt). Dann schwappte die Idee des bunten Abends irgendwann in die Konzeption von Musical, Revue und Varieté. In englischen Seebädern hielt sich der Brauch von Kneipenbelustigung mit Klasse und künstlerischem Anspruch noch weit bis ins letzte Jahrhundert, und die traditionellen Komikprogramme berühmter Unis und Theater zehren bis heute von dieser Tradition. Merkwürdiger Weise verschwand die Institution Vaudeville ausgerechnet in Amerika, nachdem sie dort den Nährboden für Filmkomiker und frühe Popstars abgegeben hatte. Das Vaudeville löste sich in den neuen Massenmedien mehr oder weniger komplett auf, trat seine Stars wie Chaplin, die Marx Brothers, Keaton, W. C. Fields und Mae West genau so ab wie seine prestigeträchtigsten Häuser, die zu Filmtheatern umfunktioniert wurden. Vielleicht lag es daran, dass das Vaudeville in den Vereinigten Staaten Unterhaltung für sonst wenig unterhaltende randständige Städte bot, die mit Kino, Radio, Zeitschriften und später dem Fernsehen genug amsüiert wurden. Nicht zuletzt bieten die populären Gottesdienste in den USA bereits eine Show für eine verschworene Öffentlichkeit.

In Deutschland war wieder einmal alles anders: hier sprach man von „Tingel - Tangel“, die Weimaer Republik stürzte sich in ausufernde Revuen, und erst im Reich des Bösen wurde die bunte Bühne in staatstragender und verklemmter Form als „Wunschkonzert“ und dergleichen populär. Ihr eigentlicher Siegeszug setzte jedoch nach dem Krieg ein, als die Massenmedien und Theater zumindest ansatzweise auf Eis lagen/vom Kopf auf die Füße gestellt wurden, aber kulturelles Leben von den Besatzungsmächten gefördert und vom Publikum gewünscht wurde. In der Folge tingelten unbelastetere Talente wie der große Heinz Erhardt durch die Bürgerhäuser, Stadthallen und neu eröffneten Kabaretts und präsentierten eine ebenso krude wie einleuchtende Mischung aus Gesellschaftsspielen, Monologen, Sketchen und natürlich Musikdarbietungen. Die Form wurde so beliebt, dass sie nicht abstarb, sondern zum deutschen Sonderweg der „großen Unterhaltungsshow“ mutierte und noch mindestens vierzig Jahre lang Gemeinschaft stiftete. Diese Form genoss, trotz vielfältiger Bemühungen, keinerlei street credibility (ich selber sah, wie so viele, mit 13 meine letzte komplette Samstagabendshow, spottete und schaute nie zurück), aber sie funktionierte (Georg Seeßlen leitet die Samstagabendshow weniger von der Trümmergesellschaft, als tatsächlich von der NS - Zeit ab, was sich, wie immer, wirklich nicht abtun, aber hier leider auch nicht ausführen lässt).

Es ist wohl kein Zufall, dass die großen Shows mit der alten, wie auch immer unlauteren „Seid doch nett zueinander“ - Bundesrepublik (ein Slogan, der von der BILD - Zeitung und Heinz Erhardt populär gemacht wurde) sukzessive starben und in Schadenfreude, Angeberei und Wettkämpfen - und schließlich in, Gott sei`s geklagt, castingshows mündeten.

Und jetzt fehlen uns alle bunte Abende (das Einzige, was ich manchmal aus der Schulzeit vermisse). Massenmedial werden sie nicht wiederzubeleben sein - auch wenn sie interessanterweise beim mdr zu funktionieren scheinen, auch wenn in anderen Regionalsendern immer häufiger Ansätze dazu aufblitzen (das jetzt nicht en Detail, sonst wird das ein regelrechter Artikel, und für Artikel fehlt mir zur Zeit die Zeit). Die große Kindergebutstagsgemeinschaft lässt sich im Moment wohl nicht herstellen, was ja auch nicht schlimm ist, denn wir schauen das Zeug ja ohnehin nicht mehr, seit wir 13 sind, usw.

Umso schöner und nötiger, dass zumindest in den großen Städten und den kleinen Kreisen die Idee seit Jahren weiter um sich greift. Hier eine Lesebühne, die nach und nach Musiker aufspielen lässt, dort ein Pub - Quiz, in den sich ein Sketch und Mitsingmomente verirren, allerorten Besucherrekorde bei open stages, und erst vorgestern hörte ich von einem Wohnzimmerprogramm um die Ecke, das sich nach und nach auch Outsidern öffnet.

Der bunte Abend für kleinere Gemeinden ist, im Gegensatz zu seinen großen Brüdern, keine Zeitverschwendung, sondern ein inspirierendes Zusammenschmeißen, dass Menschen davor bewahrt, gemeinsam nach vergessenswerten Songtexten zu surfen, wenn sie nun einmal gemeinsam sein und sich austauschen wollen. Dass solche bunte Abende 2.0.,oder was der korrekte Ausdruck dafür wäre, vermutlich absolut nichts Neues sind, nicht zu häufig stattfinden dürfen und ganz wie die große Samstagabendshow immer das Damoklesschwert des Miefs über sich hängen haben und nicht überschätzt werden sollten, spricht an sich nicht gegen sie. Ich halte die Augen auf. Ich will eines schönen Tages noch einmal bei einem nachgebauten Bild mitwirken (nach Möglichkeit nicht Baselitz).

 

04.07. Sind Daten das neue Egal (und ist dieser Eintrag verschnarcht und fade)?

 

Es ist ja immer wieder verblüffend, wie wenig die öffentliche Diskussion mit Alltagsdiskussionen zu tun haben kann. Ich bin in den letzten Tagen niemandem persönlich (also: lässt sich nicht wegklicken oder leiserdrehen, und sichtbare Nase, in den meisten Fällen) begegnet, der von „Tempora“ und „Prism“ auch nur andeutungsweise überrascht oder schockiert wäre. Nun gut, jetzt lebe ich auch (noch) in einer von Informatikern durchsetzen Stadt, und das färbt ab - wenn die Meldung durch den Ticker/Liveticker käme, dass es eine neue App zum Verwandeln von Metall in Gold durch das Summen eines 8oer Jahre - Oldies gäbe, würde das hier mit beiläufiger Zufriedenheit weggenickt. Und andererseits ist die Idee, dass wir längst sozusagen nackt durchs Netz laufen nur eine zeitgemäße Variation von „Die da oben machen doch ohnehin, was sie wollen (ich krieg noch ein Bier).“ Aber für computeraffine Menschen (und für null computeraffine Menschen in einem computeraffinen Umfeld) sind Spionageprogramme offensichtlich tatsächlich kalter Kaffee und selbstverständlich. Die WIRKLICH besorgniserregenden Entwicklungen laufen nämlich, so heißt es, für teuer Geld und hinter immer noch verschlossenen Türen ab und betreffen intelligente Überwachungskameras und dumme Implantate, das totale und willkürliche Fernhalten punktuell verdächtiger Unschuldiger von Internet, Bürokratie und Geldautomat und, vor allem, lernfähige künstliche Gehirne. Beim Wettrennen um lernfähige künstliche Gehirne, so höre ich, findet das aktuelle Wettrüsten statt: die Bundesregierung schaufele Unsummen in die Forschung, und die USA und Russland hätten beim Zusammenlöten einen riesigen Vorsprung (und China und Indien haben  vermutlich im Geheimen längt zwei). Dass am künstlichen Gehirn, sich selbstständig weiter entwickelnden neuronalen Netzen usw. eifrig gearbeitet wird, ist ja kein Geheimnis, dass wir uns davor fürchten müssen, wissen wir spätestens seit „Donovans Gehirn“, resp. „Per Anhalter durch die Galaxis“. Und die großen Frage nach dem Wesen der Intelligenz, dem Wesen der Wirklichkeit und dem Wesen des Wesens bleiben sicher akut, spannend und wichtig (auch wenn ihre Behandlung mittlerweile vor allem den Zeitpunkt anzeigt, zu dem Autoren von Superheldencomics, populärphilosophischen Büchern, Werbespots und humoristischen Websites alle originelleren Ideen ausgegangen sind).

Aber: was soll das künstliche Gehirn denn können (für das Zusammenstellen ergreifender Playlists  wird es hoffentlich niemand einsetzen)? Warum sollte es, selbst und gerade, wenn es gleichzeitig Bewusstsein besitzt und eine friedlich abgeschottete Reagenzglasexistenz führt, Datenmengen intelligenter auswerten können, als die nicht - künstlichen Gehirne, die trotz wahnwitziger Informationsfluten alleine in der letzten Woche u.a. den Regierungswechsel/Putsch in Ägypten, die aufkochende Asyldebatte in München, das Zittern der europäischen Börsen und das durchmischte Wetter nicht einmal ansatzweise vorausgesagt haben? Sicher, pfiffige Zeitgenossen haben das hier und da alles erahnt, aber aus dem reinen Datensammeln ließ sich das offensichtlich nicht ableiten, nicht einmal mit Gehirnen.

Früher war es altmodischer Trotz, wenn in in Science - Fiction - Filmen unter Geigenklängen behauptet wurde, das menschliche Bewusstsein sei trotz aller seiner Fehler das Wunder der Natur, Einsen und Nullen könnten niemals das Wunder des menschlichen Denkens ersetzen, usw. usf. Die Behauptung, die Übertragung des prallen Lebens in Zahlenreihen sei ganz eitel und ginge an allen relevanten Fragen vorbei, war einmal ein humanistischer Glaubenssatz mit einem Schuss irrer Romantik. Heute liegt das auf der Hand, ob das nun gut oder schlecht ist.

Man kann mit Daten über Menschen Menschen ärgern, drangsalieren, ängstigen, terrorisieren und hier und da prognostizieren, welche Salatsauce sie ordern. Aber die NSA war in all ihrer monolithischen Größe und imposanten Vernetzung nicht einmal in der Lage, den Unmut eines ihrer Geheimnisträger korrekt einzuschätzen, auch wenn der aus seiner Haltung offensichtlich keinen großen Hehl machte. Paranoia und Technokratie weisen anscheinend zuverlässig eine eingebaute Dummheit auf, einen monströsen blinden Fleck. Sie taugen verlässlich dazu, im Nachbarn den Terroristen zu vermuten, in Kritik die Verschwörung, in der eigenen Alarmbereitschaft eine nervöse Souveränität. Aber bei Haltungen, Prozessen, Meinungsbildungen, selbst Bedrohungen versagen sie verlässlich.

Das ist nicht nur schön und bestenfalls ein schwacher Trost, aber immerhin: es ist einer.

 

 

27.06. Tamagotchis wussten alles

 

Es muss Sommer sein, denn sobald ich mich tatsächlich unter Menschen wage, höre ich von bizarren Trends in der angesagten Lebensgestaltung. Tun die das alles wirklich? Dass Moden hier und da ein merkwürdig antizipativer Gedanke zugrunde liegt, beweist das Tamagotchi. Darum, auch wenn an allen Ecken ernste Themen warten, ein kurzer Blick auf seine möglichen Erben.

 

Angeblich der letzte Schrei, vor allem in Übersee, sind „Cronuts“ - Donuts aus Blätterteig, bei denen die Atemkammern (oder wie auch immer der korrekte Ausdruck lauten mag) mit Vanillesoße gefüllt werden. Sieht aus wie ein Windbeutel, krümelt aller Wahrscheinlichkeit nach und schmeckt noch wahrscheinlicher süß und pampig. Das Internet bezeichnet einen Dominque Ansel als Erfinder (ohne die altehrwürdigen Windbeutel auch nur zu erwähnen). Gerüchteweise kosten die Dinger „auf dem Schwarzmarkt“ in New York 40 Dollar, und ein Backwarenschwarzmarkt ist eine Vorstellung, bei der mir die Stirn vollschwitzt. Aus gut unterrichteter Quelle weiß ich, dass Menschen in der Provinz sich demnächst mit halblegalen „Cronuts“ goldene Nasen verdienen wollen. Cronuts sind offensichtlich das Crystal Meth der bröseligen Desserts.

 

Eine andere mir berichtete Zeiterscheinungen sind kritzelige Tätowierungen. War vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis die glamourösen Schlock - Tattoos von brennenden Totenschädeln, vage esoterischen Symbolschlangen und Frauen im Lendenschurz über den Umweg der Skate - Ästhetik schließlich beim gefälschten Do it yourself- Stil angelangten. Ich kenne persönlich einen Trendsetter, der einen Spruch in Grundschulblockschrift mit durchgestrichenem Grammatikfehler auf dem Oberarm herumträgt. Es hat lange gedauert, den stolzen Tätowierer zu dieser Arbeit zu überreden. Mittlerweile sind Krakeltatoos offensichtlich ein großes Geschäft, dabei allerdings aufwändiger für die Hautrittzer als die bewährten brennenden Totenschädel usw. Spezielle und vertrackte Maschinen sind nötig, damit die Bilder aussehen wie selbstgestochen im Jugendheim, nur schicker. Das alles erinnert zumindest mich an die auch schon altehrwürdigen Drumcomputer mit „human touch“ (einprogrammierten Patzern) und an die liebevoll imitierten Materialfehler von Zelluloid in der digitalen Filmbearbeitung. Das Tätowieren tritt nun anscheinend auch in seine moderne Phase und sucht nach archaischen Grundlagen und der zeitgemäßer Reduzierung. Freuen wir uns also auf die Fortsetzung des Sommers mit Strichmännchen und dem Haus vom Nikolaus auf stilbewussten Menschen im Freibad.

 

Rharbarbersaft schwappt dagegen schon eine ganze Weile durch die Gläser dieser Republik, und auch diese Bewegung stammt angeblich aus den USA, diesmal allerdings aus Kalifornien. Darüber könnte man sich viele Gedanken machen (was ist das für ein Saft? Warum wird er ausgerechnet jetzt populär? Gab es früher technische Probleme bei der Massenherstellung oder eine andere Gaumenpalette beim Durchschnittstrinker?), aber zuvorderst ist Rharbaersaft einfach einleuchtend.

 

Das Tamagotchi, das vor rund 15 Jahren ein so beliebtes Accessoire war, dass Prominente in ehrwürdigen Zeitungsbeilagen ihre Haltung dazu schilderten, dass es in jedem zweiten zeitgeistigen Buchtitel auftauchte, hat nie jemandem eingeleuchtet. Es war ein Palstikei mit Digitalanzeige, auf der ein krude animiertes Computertier herumsprang. Einfache Tastenkombinationen ließen es essen und tanzen. Hatte es nach Empfinden seiner Hersteller zu lange nicht mehr gegessen oder getanzt, fiepte es ohrenzerschneidend. Auch sich als clever und ausgeglichen gebende Menschen lebten in ständiger Panik, ihr Tamagotchi könne sterben, unterbrachen Liebesschwüre und Verhandlungen über Leben und Tod, wenn plötzlich das fiese Fiepen einsetzte, kramten aufgewühlt in ihren Taschen und ließen sich erst dann erlöst zurückfallen, wenn sie hektisch die kleinen Plastiktasten gedrückt hatten. Es gab die Empfehlung, Tamagotchis nicht mit ins Auto oder aufs Fahrrad zu nehmen, und angeblich rannten auch schon einmal verzweifelte User versunken auf der Straße ineinander. Natürlich hagelte es Kritik an dem aus Japan stammenden Phänomen, und einige wohlwollendere Experten meinten, zumindest ließe sich anhand der krakeligen virtuellen Freunde (vermutlich tolle Motive für Tatoos) der Umgang mit eigenem Nachwuchs einüben.

 

Wenn wir uns heute umsehen, stellen wir fest, dass das Tamagotchi zumindest eine rudimentäre Vorbereitung auf das Elternleben gewesen wäre. Während frühere Generationen ihre Kinder nur dann wahrnahmen, wenn sie das Haus antzündeten oder lautstark verhungerten (manchmal nicht einmal dann), reagieren heutige Eltern blitzartig und mit dem Schneid eines im Schlaf überraschten Geheimagenten auf jedes kleine Fiepen, oder fühlen sich mies, wenn sie es nicht tun (mit Tastendrücken ist es alllerdings nicht getan). Ist ja auch richtig so, und die Menschheit wird klüger.

Die eigentliche Parallele zu dem scheppen Spielzeug ist allerdings nicht der Nachwuchs.

Mit seltsam prophetischer Wucht bereitete das Tamagotchi seine Besitzer auf die neuen Medien vor. Auf den korrekten Aktionismus beim Erklingen bizarrer digitaler Töne, auf das zielsichere Tastenhauen, die Versunkenheit und das plötzliche punktuelle Nachlassen der Anspannung, auch wenn klar ist, bald wird es wieder Fiepen.

Handys waren damals klobige Klötze für Menschen mit Geld und Paranoia. Sms gab es noch nicht, und statt von social media war noch überall von interaktiven CD - Roms die Rede.

Eben. Trends sind manchmal unheimlich.

 

20.06. Qualitativ hochwertig

Das ist eigentlich eine Nacht zum trägen Dahindämmern unterm Moskitonetz, während freundliche Palmen Luft über den Schreibtisch wedeln, die Eiswürfel im Glas klackern und knisternde Musik aus einem vermoosten Grammophon wabert.

Je nun, aber ich sitze ja nicht zum Spaß hier („warum dann?“, ja, das sind diese kniffligen, zermürbenden Fragen).

 

Als Truffaut Truffaut wurde, pflegte er als junger Filmkritiker einen lodernden Hass auf das, was er „Kino der Qualität“ nannte. Also, in etwa: gediegene, theaterhafte Kleinschinken, sauber und farblos ausgeleuchtet, voll von Pathos und Bauernregeln und tot wie Ottmar Walter. Truffauts Gegengift waren natürlich die Moderne, die Kunst, die Subjektivität, die Authentizität, das Wagnis, usw. usf. In den frühen Filmen der Nouvelle Vague wimmelt es folgerichtig von „Fehlern“ und Brüchen mit der Konvention. Dieses Programm beflügelte Menschen wie u.v.a. den jungen Martin Scorsese, und langsam und mühevoll setzte sich für eine gewisse Zeit auch für die konkurrenzlos teure und aufwändige Kunstform Film ein moderner Kunstbegriff durch.

Literatur, Musik und bildende Kunst hatten schon rund sechzig Jahre früher vergleichbare Neuerfindungen vom Einzelfall zum state of the art werden lassen. Das ließe sich alles im Detail ausführen, aber dafür ist es ja viel zu heiß. Obwohl das modernistische Werkeln und Wirken immer mal wieder als elitärer Schrott beschimpft wurde (und es sich im Einzelfall auch mit viel Freude als Schrott runterputzen lässt), haben mittlerweile alle, wirklich alle die Idee im Hinterkopf, dass Kunst und Kunsthandwerk zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Noch der eingemauertste Schlagerhörer verteidigt heutzutage seinen Schlager trotzig und patzig gegen die Zumutungen „scheinbar“ herausfordernder und origineller Musik, die er sich vielleicht niemals antut, von der er aber weiß, dass sie existiert (und angeblich in irgendeinem verdrehten Elfenbeintum gepeppelt und abgefeiert wird). Museen jagen mit abstrakter Kunst nach Besucherrekorden, es gab die Beatles (die nicht Schönberg waren, aber dafür zum Glück die Beatles), „Immer das Gleiche“ ist absolut kein elitäres Problem und Todesurteil. Und populäre Filme waren ja zum Beispiel einmal genau so eine spannende Sache wie Bestseller.

Und nun geistert seit Jahren das „qualitativ hochwertige Produkt“ durch unseren Sprachraum. Es muss einmal aus der Industrie übernommen worden sein, aber nun suppt es schon eine Weile durch Kunstdiskussionen. Speziell bei populärer Kultur, was besonders schade ist, denn die kann innovativ und dazu noch populär sein. Wer hat damit angefangen? Hat Stefan Raab etwas damit zu tun? Oder die Bachmann - Jury? Oder sonst ein Medienphänomen, das ich meide?

Der abstrakte Maler tröstet sich grimmig über seine schlappen Verkaufszahlen mit der Gewissheit, dass er „qualitativ hochwertige“ Bilder anfertigt, und wenn es einen Gott gibt (die Chancen dafür sind umstritten), dann werden die qualitativ hochwertige Interessenten finden. Der Bassist einer befreundeten Coverband erzählt, deren „qualitativ hochwertige“ Coverversionen sollten doch als Kunst genommen werden, während „irgendwelche halbguten eigenen Songs“ eine unverschämte Anmaßung wären. Niemand will der verrückte Künstler sein, der sich erdreistet, mit eigenem Zeug arm zu bleiben. Alle sind sie nur bescheidene Schöpfer von unverrückbarer Wertarbeit, mit der sie ordentlich Geld verdienen wollen, ja, müssen, wenn es denn einen Gott...siehe oben.

Wir sprechen hier nicht vom Stolz auf gut erledigte Brotjobs und Auftragsarbeiten, denn die sind ganz offensiv damit nicht mitgemeint. Wir sprechen auch nicht von Mühe und Sorgfalt, schon gar nicht von Stärke und Geschlossenheit. Das Gerede vom Gütesiegel geht schon tiefer und ist schon flacher.

Das entlastende Ideal für hadernde Kulturschaffende wird anscheinend mehr und mehr eine Mischung aus chinesichem Beamten, genialischem Programmierer und gut bezahltem Klempner. Und als bequemes Feindbild und als das lockende ganz andere wird eine verschlonzte Do it yourself - Kultur herbeiphantasiert, aus der formloser Quatsch herausfließt. Was dabei völlig unter den Tisch fällt, ist praktischerweise die Frage, womit man wen wie erreichen will (und was einen umgekehrt wie erreicht). Anspruch und die notwendigen kleinen Mengen an Größenwahn und Autismus, ohne die man heutzutage als Nicht - Topverdiener vermutlich nicht mal den nötigen Schneid für den Kauf eines Brötchens besitzen würde, verlagern sich bei Kulturbosslern von der Utopie eines verändernden Feuerwerks hin zum Traum von einem Meisterbrief.

Der vergrübelte Filmkomponist sieht sich nur „qualitativ hochwertige“ Spielfilme an, das heißt: Blockbuster. Der erfinderische Designer will mit seinen Entwürfen für abgefahrene Maschinen die Welt verändern, aber „qualität hochwertig“. „Weltniveau“ hieß das früher mal.

Und das produktive Hadern mit freiwilliger und unfreiwilliger Vorgabenerfülung, die Frage nach dem sinnvollsten Schmirgeln an wilden Ideen, das Durchwaten des scheinbaren Gegensatzes von Kommunikation und Selbstausdruck, kurz: die ganzen zerreißenden Themen, die um die Ecke gucken, sobald man auch nur einen Oldie vor drei Leuten nachsingt und dafür ein Bier ausgegeben bekommt, die schwelenden inneren Kämpfe, aus denen IRGENDETWAS entstehen kann....werden elegant umschifft. Scheinbar. Und wenn sie nicht immer wieder durch die Hintertür hereinschleichen würden, gäbe es die eigentümliche Formulierung von der qualitativen Hochwertigkeit nicht.

„Hier das Schludern, dort das Streben, fast, als wäre so das Leben.“, um es mit einem unbestreitbar qualitativ hochwertigem Reim zu sagen.

Es ist heute zu heiß für Gedanken.

 

(Es war sogar so heiß, dass ich diesen Eintrag als nicht - sichtbar abgespeichert hatte. Nun ist es mittags und regnet. Je nun.)

13.06. Generation chillen und grillen

Letzten Samstag war ich in Marburg, es war ein lauer Abend, Mäuse quietschten, und in der Altstadt war kein Mensch. Vor dem Programmkino war kein Mensch, obwohl bald die Hauptvorstellungen begannen, auf den Stufen vor der Eisdiele spielte niemand Musik, aus den verödeten Rausguckcafés und Kellerkneipen gähnten Staubwolken. Jetzt lässt sich fragen: warum sollten sich auch an einem lauen Sommerabend die Massen in überhitzten Altstadtgassen tummeln? Und jetzt lässt sich antworten: Weil sie es früher taten. An solchen Abenden, immer.

Die Massen tummelten sich dafür diesmal am Fluss. Zu Hunderten. Und vor dem CINEPLEX vor dem Fluss. Ebenfalls zu Hunderten. Größtenteils Studenten, ein paar Schüler, wenige ältere. Meist auf Decken, häufig um einen Aluminiumgrill versammelt. Aus einer Gruppe von Punks blitzten Iros und Zylinder auf. Es wurde Firsbee und Federball gespielt, und mindestens zwei Gitarren schwirrten herum, aber die eigentliche Beschäftigung war, natürlich, chillen und grillen, wie es so schön heißt. Vielleicht tausend Menschen lungerten auf einer halbgepflegten Rasenfläche am Ufer herum, mit Blick auf die ausnehmend hässliche Mensa. In regelmäßigen Abständen verkündeten Schilder vom Ordnungsamt die „Spielregeln“ für die korrekte Benutzung (keine Hunde grillen, keine obszönen Schmählieder auf die Kaiserin gröhlen). Überall kreisten die selbstgepanschten Longdrinks in 1,5 Liter - Flaschen. Enten quakten, knorrige Bäume wuchsen ins Wasser. Und da Marburg von keiner Hochwasserkatastrophe betroffen ist, war es durchaus eine Idylle. Solche Idyllen enstehen derzeit in allen deutschen Studentenstädten - am Wasser, in Parks, auf Grünstreifen neben Ausfahrten. Was ist daran außergewöhnlich? Saßen Leute nicht schon immer gerne in der Abendluft? Ja und nein.

Noch ein Wort zu Marburg: früher gab es an etwas versteckteren Uferplätzen einen halben Kilometer weiter im Sommer wilde Lagerfeuer. Auch wenn das manchmal vier, fünf theoretisch unerlaubte Lagerfeuer nebeneinander waren, plus jede Menge Spaziergänger drumherum, kamen dort nicht annähernd so viele Menschen zusammen, und das Gelände war uneben und überwuchert. Alkohol spielte eine Rolle, aber eine wesentlich kleinere, und in der Regel wurden keine Koteletts gegrillt, sondern Stockbrot in offenen Flammern verbrannt. Diese Lagerfeuer gibt es immer noch, sie sind aber seltener als einst und nicht annähernd so gut besucht. Vor einigen Jahren haben noch einmal zwei Kilomenter weiter, so heißt es, betrunkene Gruppen die Wiesen belagert, öffentliche Bänke verfeuert und sich erleichtert, bevor sie diszipliniert und vertrieben wurden. Parallel dazu brummten die Kneipen und Programmkinos, die sich mittlerweile über ausbleibende Besucher beklagen.

Ich will weder das Herumlungern an Flüssen unterschätzen (was zu den schönsten Tätigkeiten überhaupt gehört), noch will ich verquatschte Kneipenabende überschätzen (die ja meistens komplett für die Katz sind). Und die Wiederbelebung öffentlicher Räume ist ein Phänomen, das ich auf keinen Fall beiläufig niederschreiben möchte.

Aber.

Von Studenten (nicht in Marburg) weiß ich, dass chillen und grillen aufgeladen ist mit Pathos und Ideologie. Einfach da zu sitzen, sich zuzuhauen und dabei am Besten noch entrüsteten Rentern beim Dackelspaziergang zuzuwinken gilt als eine Mischung aus konkreter Utopie, zivilem Ungehorsam und Selbsterfahrung.

„Tja, wenn das Leben immer so sein könnte, nicht?“ heißt es dann gerne träumerisch und schwermütig.

Verblichene Studentengenerationen hatten ähnliche Epiphanien höchstens beim Interrail - Reisen oder der Hausbesetzung.

Diese Huldigung des, ich komme von dem Ausdruck nicht weg, Chillens und Grillens ist dabei leider keine Entdeckung der generellen Magie des Alltäglichen. Die gleichen Studenten, die baff sind angesichts der Gänseblümchen neben ihrer Fantaflasche voller Wodka, schlürfen eben nicht in plötzlicher Seinsversunkenheit ihren Morgenkaffee und staunen verzückt durch verdreckte Fensterscheiben. Es geht ums (spärliche) Grün, und es geht wohl auch um das ostentative Relaxen in einer Masse (die in Grüppchen unterwegs ist, die sich nur hier und da mischen, sich aber an ihrer Gesamtpräsenz berauscht).

Und es ist eine bewusste Abkehr von Kultur, Gedanken, irgendeinem Anspruch.

Häufig wird das auch in der Entrücktheit betont: „Man braucht das doch eigentlich alles gar nicht, oder? Wenn ich hier sitze, dann brauche ich keine Bücher und Filme und all diesen Scheiß.“ Und wenn man Glück hat, kommt auch jemand vorbei und klampft ein paar alte Top 40 - Hits, und es bringt noch jemand Getränkenachschub aus dem noch immer geöffneten Supermarkt.

Sie werden schon ordentlich gegängelt, die heutigen Studenten. Sie hetzen durch ein verschultes Studium und wollen glauben, dass sie dadurch „mindestens“ keinen Platz am Katzentisch der Gesellschaft zugewiesen bekommen. Immer häufiger habe ich den Eindruck, dass sie Politik, Kultur, Gedanken, Gesellschaft und Diskussionen zu weiten Teilen einfach als Zumutung empfinden. Nichts etwas, in dem man sich wiederfinden oder das man selber machen kann, sondern das falsche Ganze, dem sie sich unzufrieden unterwefen, dass sie aber nicht an sich herankommen lassen wollen. Eigentlich wollen sie alle nach Goa, selbst die Wirtschaftswissenschaftler. Und da das den Bachelor gefährden würde, sitzen sie auf eingezäunten Flächen und freuen sich, wenn das jemand als Provokation empfindet.

Anders als die vormaligen Kneipenbesucher suchen sie darüber hinaus ausdrücklich nicht Kontakt und Reibung mit der Gesellschaft. Die sollen doch einfach alle auch auf die Wiese kommen. Und dass die das nicht können, gibt ihnen vielleicht ein kleines Gefühl von Privilegiertheit, das ältere Semester vielleicht nur unter einem anderen Überbau zelebriert haben. Sie brutzeln Supermarktfleisch aus dem Angebot und kippen Discounter - Alkohol, egal, wie teuer sie gekleidet sind, denn die nachhaltigen Genießer sind ihr größtes Feindbild (auch wenn die mit genau dem gleichen Gesichtsausdruck in ihren Gärten Biowein trinken), die sind doch einfach nur reich, und sie selber haben keine Kohle.

Es ist überzeugend und ein klein wenig deprimierend, es ist Freibad und Kinderspielplatz, Aussteigen und Gefangensein, und es ist an einem Fluss ohne Hochwasser absolut naheliegend. Es ist chillen und grillen.

 

 

 

6./7.05. Du träumst nicht nur zweimal

Die James - Bond - Filme sind als Thema mittlerweile so durchgekaut und abgenudelt, dass es Betreuungsgeld- Format hat, so verödend allgegenwärtig, dass es beinahe an den „Tatort“ erinnert, und im Moment von ähnlich aktueller Brisanz wie ein Parteiprogramm der „Piraten“. Dazu flegeln sich in dieser surreal warmen Nacht die Menschen lieber auf Parkdecken und in milddunklen Hinterhofkneipen herum, anstatt DVDs zu sortieren. Also, genau der richtige Zeitpunkt, um halblaut darüber nachzudenken (ich murmele beim Tippen, es ist kein schöner Anblick, aber es sieht ja niemand zu), warum bei all den James Bond - Résumés der letzten Jahre so wenig Worte über „Man lebt nur zweimal“ verloren wurde, und warum umgekehrt mich dieser Film so umtreibt, speziell in surreal warmen Nächten.

„Man lebt nur zweimal“/“You only live twice“ ist der James Bond - Film von 1967, und viele Zuschauer erinnern sich an Donald Pleasanence als Blofeld mit einer aufgeklebten Piratennarbe im Gesicht, an schmierig und sinnfrei in die Kamera schmachtende Modells aus Fernost und an das Schurkenhauptquartier im Vulkankrater. Und ansonsten an mehr oder weniger gar nichts. Die meisten klugen Menschen können ja zumindest im angetrunkenen Zustand lückenhaft den einen oder anderen Bond - Plot referieren,- natürlich kriegt niemand die müde ratternden Verästelungen der Verschwörung und die angeblichen Gründe für Bonds Herumgejette zwischen römischen Katakomben und bengalesischen Strandparties ohne nervöses Zwinkern zusammen, von den Motiven für die Morde an Bonds Kurzzeitgeliebten ganz zu schweigen. Aber eine vage Ahnung von gewichtigen Themen (sollten wir nicht alle auf dem Meeresgrund leben?), sensiblen Fragen (sind Frauen, die feindliche Agenten mit ihren Oberschenkeln erwürgen wollen, wirklich nur schlecht?) und politischen Problemen (ist indischen Zirkusleuten, die in der DDR eine Atombombe zünden wollen zu trauen? Oder habe ich da was durcheinandergebracht?) bleibt. Nicht zuletzt bleiben einzelne Sequenzen in Erinnerung.

Nichts davon, so wie ich es mitbekomme, bei „Man lebt nur zweimal.“ Schlecht findet den Film allerdings auch niemand.

Nun ist dieser Bond nicht irgendein Eintrag in der Reihe. Zum einen enstand er auf dem Höhepunkt der James Bond - Mode, kurz bevor sich der Zeitgeist der späten 60er wirklich nicht mehr mit den derben Glitzerschinken aus dem Hause Broccoli/Saltzman verbinden ließ (worauf diese sich neu positionieren und neu eingeordnet werden mussten). Es war der bis dahin mit Abstand aufwändigste Film der Serie (und der aufwändigste britische Film überhaupt), und er wurde generalstabsmäßig vorbereitet.

 Zum anderen bildet das Buch „Du lebst nur zweimal“ Ian Flemings einzigen Langversuch, seiner schablonenhaften Hauptfigur persönliche Tiefe zu verleihen. Im grellen Unterschied zur Filmversion ist es das einzige Abenteuer des „literarischen“ James Bond, dessen Verlauf halbwegs im Gedächtnis bleibt. Im Buch beginnt Bond als Rächer, - seine Ehefrau wurde im vorangegangenen Band erschossen -, und endet als psychisches und physisches Wrack mit ungewisser Zukunft.

Meine eigene Vorliebe für ausgerechnet diesen Film habe ich lange Zeit als persönliche Schrulle abgetan, obwohl mir kein biographischer Anlass dafür einfiel - er gehört zu den wenigen Bonds, die ich nicht zunächst in irgendeiner Art von Kino gesehen habe, sondern in einer ziemlich miesen Videofassung über die Dauer mehrerer Tage mit dem Nachwuchskoch aus der Nachbarschaft (ein netter Typ, aber nicht gerade eine prägende Bekanntschaft). Aber wann immer ich in das Ding hineinzappe, bleibe ich hängen, versinke ich, schwimme ich voller Begeisterung und seltsam glückssatt mit. Und wann immer ich andere Menschen in Missionierungslaune auf Details des Films anspreche - vom Haifischbecken über das Kleinflugzeug, heiße Quellen und die falsche Exekution bis hin zum grausigen scheinbaren Ende Blofelfs, schlagen sie sich vor die Stirn und murmeln: „Ach, da war das drin?“

Die Entstehungsgeschichte fördert weitere Puzzlestücke zutage: Der formidable Ausstatter Ken Adam berichtet, dies sei der einzige seiner Filme gewesen, der mit einem Nichts an Konzept begonnen hätte. Adam bekam mehr oder weniger einen Blankoscheck für den Bau und die Ausstattung der bis dato (vermutlich) größten Studiohalle der Filmgeschichte, bevor auch nur ein grober Handlungsabriss existierte. Wohl zum Ausgleich wurde zum ersten und letzten Mal ein „richtiger“ Autor für das Drehbuch verpflichtet: der kriegerisch und schwarzhumorig beschlagene Roald Dahl, von dessen Werk man kein Fan sein muss, um ihm zuzugestehen, dass er kein Dummer war.

Nach alltagsüblicher Logik hätte die Hinzuziehung eines seriös gehandelten Autors, noch dazu mit Filmerfahrung und von den Produzenten geschätzt, zu einer konzisen Handlung, einer transparenten Dramaturgie, geschliffenen Dialogen und glaubwürdigen Figuren führen müssen. Interessant ist, dass genau das Gegenteil geschah.

Unter den Ideen von Adam und Dahl rauschte die Reihe auf den ersten Blick in den reinen, nicht mehr nacherzählbaren Nonsense.

Oder eben, auf den zweiten Blick, in die perfekte Traumlogik.

In einem Sitzungssaal tut sich ein Haifischbecken auf, eine beiläufige Straßenunterhaltung schlägt in einen unmotivierten (und nie vollständig aufgeklärten) Mordanschlag um, in einer paranoiden Lagebesprechung unter Agenten wird eine geheime Tür geöffnet, und plötzlich geht die Szene in den Weichzeichnertraum von einer künstlichen (?, was spielt das noch für eine Rolle) Grotte voll irrealer schöner Frauen über. Und nichts von alledem wird auch nur ansatzweise, geschweige denn umständlich, mit narrativen Alibis begründet. Im Sekundentakt kippt der Alptraum in den Wunschtraum, wird aus der Allmachts - eine Angstphantasie. Kindergeburtstag für das Unbewusste.

„Man lebt nur zweimal“ ließe sich also als erster moderner Blockbuster beschreiben, nur vergrätzen uns Blockbuster, auch und gerade die Blödesten, mit Backstories und Realwelt - Bezügen, mit Schlachtplänen und beleidigendem Heischen um Glaubwürdigkeit, mit ungelenk angetäuschten Ecken und Kanten. Mit qualvoll nicht zu Ende gedachten Halbgedanken, während „Man lebt nur zweimal“ mit sorgfältig arrangierten, untertonreichen Nichtgedanken amüsiert.

Wenn es in einer, bei aller Liebe,so zynischen Operation wie den James Bond - Filmen Unschuld geben kann, dann muss sie darin liegen,die Phantasie als Phantasie ernst zu nehmen und sie in uns Abgründe aufwirbeln zu lassen, wenn wir das wollen. Ohne flache und fragwürdige Ambitioniertheit und ohne Camp (wobei der Camp der Reihe natürlich auch seinen unbestreitbaren Reiz hat).

Dieser reine, kunstvoll infantile Blockbuster ist leider sehr selten geblieben. Der erste „Fluch der Karibik“ - Film kommt dem auf ungleich klügere Art ziemlich nahe, aber ansonsten müssen wir uns mit aufgebretzelten Sonntagsschullektionen und vergurkten Sozialkundestunden herumschlagen, über deren Moral wir zähneknirschend hinwegsehen, wenn wir es denn können. Oder wir müssen durch hübschen Trash waten.

Oder eben selber in warmen Nächten dann und wann dumm vor uns hinträumen, ohne Ken Adam, ohne Roald Dahl, ohne Sean Connery, aber dafür genauer, reicher, unschuldiger und in allen Farben.

 

 

 

30.05. CocoRosie (Fragment, weil beinahe schon Freitag)

Ein lieber Mensch hat mich darauf hingewiesen, dass es albern sei, Bezüge zu den gerade mit neuem Album tourenden „CocoRosie“ aus diesem heiteren Geplapper herauszukürzen. Ich hatte gebeichtet, das immer wieder zu tun, denn das experimentelle Elektrofolkduo sei„nicht so bekannt“. Fröhlicher fassungsloser Spott war die Folge. Hipper als diese beiden verschrobenen Schwestern der Scheppermusik geht wohl gerade gar nicht. Nun, da muss ich bescheidener Randnotizler ohnehin passen. Hippe Themen fallen nicht in mein Gebiet, und überhaupt gibt es nicht sonderlich viel zu CocoRosies Musik zu schreiben, die muss man schon hören (und sie nervt. Gilt das nicht für alle wunderbaren Dinge auf dieser Welt?). Aber Erzählungen sind mein Thema hier (tja, wilde Behauptung, trotzdem zutreffend), und CocoRosie eignen sich als großartiges Beispiel für die neue Bescheidenheit von Singer/Songwritern. Oder Musikern. Künstlern generell. Vielleicht geht es sogar um Menschen.

Ein Grund, weswegen sich einst legendäre Stücke von bspw. Joni Mitchell nicht mehr mit rechtem Genuss anhören lassen (andere Gründe sind die ziemlichen schmierigen Melodien, die unterm Strich doch biederen Arrangements und banalen Texte) liegt darin, dass Joni Mitchell, wenn sie auf einer alten Aufnahme die Gitarre anschlägt, die Stimme erhebt und noch in jeder kehligen Nebennote weiß, dass die Menschheit zuhört oder verdammtnochmal zuhören sollte. Wenn Joni Mitchell zitternd eine Zeile über Sonne auf einer Wiese singt, dann geht der große Theatervorhang zwischen Indididuum und Universum auf, die Massen hängen an ihren Lippen, Exegeten schreiben mit, und der Weltgeist spitzt die Ohren. Diesen selbstverständlichen Anspruch transportiert Mitchell in jeder Note, Silbe, Geste - und weil ihre Musik (und die anderer legendärer Folker) sich pur, auf das Wesentliche reduziert gibt, als das Äquivalent zum Schimmern eines Wassertropfens, als Tao Te King auf Rädern, befremdet dieser Habitus heute. Rockstars sind immer Rockstars, und niemanden stört es,- noch die abgesagteste kleine Schrabbelband tut, als müsse sie ganze Städte flachlegen oder ganze Kontinente retten. Wenn dagegen ein Folker barfuß im Gras sitzt und die Muster in der Rinde mit den Narben auf seiner Seele vergleicht, über Kaffebecher oder kleine Tiere räsonniert, dann fällt der Unterschied zwischen damals und heute auf. Damals war alles so wichtig. Es ist kein Zufall, dass die wiederentdeckten Singer/Songwriter aus früheren, selbstgerechteren Zeiten verhuschte Spinner ohne kalifornisches Technicolor wie Nick Drake, Judee Sills oder Vashti Bunyan sind. In deren Liedern murmeln und summen wirklich Individuen glücklich und unglücklich alleine mit den Käfern in der Nacht. Die Töne sind zerfranster und gewagter, die Texte tastender, da verlangt niemand einen Orden für sein Tagebuch. Und diese Sonderfälle waren zu ihrer Zeit beinahe komplett erfolglos.

Der Musikindustrie geht es schlecht, natürlich, und die Selbstironie, die Gebrochenheit und die Experimentierlaune, die heutige Folk - Künstler wie CocoRosie auszeichnen, lassen sich mit bösem Willen darauf zurückführen, dass CocoRosie et al. wissen: sie werden niemals Stadien füllen. Aber umgekehrt wird eben auch ein Schuh draus: Ist es überhaupt möglich, dass ein in den letzten ca. 40 Jahren geborener Mensch mit auch nur rudimentärer Sensibilität (und die kann man Musikern schon zuschreiben) und ohne Koks (und das ist in Folk - Kreisen vermutlich nicht die Droge der Wahl) sich so selbstverständlich als Akteur eines großen Weltendramas empfinden kann, wie es der Nachkriegsgeneration selbstverständlich war? Egal, wie klein, jung und objektiv bescheuert vereinzelte Baby Boomer waren, sie forderten in unseren Breiten ihren Platz, Aufmerksamkeit und großes Geschrei, wenn sie kein Gehör fanden. Bei den „Wutbürgern“ erleben wir das heute noch. Ob das gut oder schlecht ist (und inhaltliche Überlegungen zum Wutbürgertum ein andermal), die Rolle ist in Fleich und Blut übergegangen.

Was auch immer aus den „Piraten“ (die mir nichts sagen, oder nur Mumpfiges, aber auch das ein anderes Thema) werden mag, sie werden ganz sicher, trotz ihres bisweilen aufblitzenden Avantgarde - Selbstbewusstseins, nie eine Figur wie Joschka Fischer hervorbringen, die aufgeräumt die Zeitläufte mit den eigenen Befindlichkeiten abgleicht und sich selber zur lebenden Weltgeschichte erklärt.

CocoRosie sind selbstbewusste Allesfresser mit einer verspielten, leicht morbiden Hippie - Vision von einer besseren Welt, und ihre Chuzpe (Rumpelbeat, kleine Provokationen, und das erste Album wurde in einem Hotelbadezimmer aufgenommen) grenzt hier und da an Arroganz. Sie sind offenbar gerade Lieblinge der cool durchgelüfteten Kreise. Sie sitzen nicht verkannt unter Antidepressiva auf ihrem alten Kinderspielplatz wie einst der selige Nick Drake. Und dennoch steckt in dem Schaben, Kichern und Kratzen ihrer gutgelaunten Kindermusik die melancholische und stolze Gewissheit, dass erst einmal niemand auf sie gewartet hat. Frustrationen und Überflüssigkeitsgefühle, Sitcoms im Fernsehen, das Herumlungern auf Treppenfluren voller Existenzangst, stecken unauflösbar im Skelett ihrer Songs, genau wie verblüffende Epiphanien, die zwischen erhaben und albern oszillieren. Dabei ist es irrelevant, ob CocoRosie tatsächlich selber schon in den Warteschlangen von fiesen Ämtern verzweifelt sind und andererseits einem Gänseblümchen beim Wachsen zugesehen haben, so irrelevant, wie die Frage, ob bspw. Dylan und Beck je wirklich jugendliche Ausreißer waren. Wenn das Sein das Bewusstsein bestimmt, gehören zu diesem Sein eben auch die Luft und das allgemeine Klima.

Probleme kann einem dieser Style (zu dem sich noch Dutzende andere Künstler, vor allem aus dem Folk - Bereich zählen lassen), dennoch. Ich meine damit nicht das demonstrativ Vergeigte und Niedliche an sich (das überreizen sie nicht, finde ich, aber das ist Ansichtssache) und auch nicht den Verzicht aufs Roggische und Krachische (dafür gibt es genügend andere Musik), sondern genau dieses stolze Understatement. Denn so experimentell, wie sie sich freakig geben, sind CocoRosie (und Newsom undundund) ja dann doch nicht.

Und nun ist es schon zehn vor Zwölf, und die Gedanken rasen in Bögen, die Halbsätze wollen zu Ende gestrickt werden, große Themen klopfen an die Tür, kleine Töne ohnehin- aber ein wenig Diszplin muss sein, selbst in einem randständigen Blog, darum an dieser Stelle nur ein möglichst melodischer Punkt.

 

 

23.05. Dochdoch, noch einmal "Grand Prix"

Anlässlich des 200. Geburtstags von Richard Wagner sollten wir uns noch einmal mit dem gerade vorbeigewuschten „Grand Prix“ beschäftigen, sonst werden wir ja alle ganz dusselig.

Der Grand Prix steht nicht mehr für Schlager und nicht einmal mehr für Ethno - Pop, und jetzt sind scheinbar endgültig alle unglücklich damit, schlagen drei Kreuze und werfen Aspirin und Wagner gegen den Katzenjammer (Prognose: das wird nicht hinhauen).

Als Westdeutschland mit „Ein bisschen Frieden“ gewann (ein Lied, über das damals alle meinungbildenen Medien nicht zu Unrecht schwimmbadweise Hohn und Spott ausschütteten), war der musikalische Mainstream definiert durch New Wave, Neue Deutsche Welle und The Police. Im Radio liefen auf heavy rotation Antikriegssongs von Fisher - Z und Pink Floyd, später von Marillion, Frankie goes to Hollywood und Nena. Im Indie - Bereich (der noch nicht so hieß) wurden die Einstürzenden Neubauten gehört und bahnte sich eine Velvet Underground - Neubewertung an. Und selbst die deutsche Schlagerwelt sah Protestsongs von Milva und stand kurz vor der reiferen Gitte.

Damals, ohne Frage, war der Grand Prix de la chanson eine weltabgewandt staubige Parade aus Funktionsharmonik, mattem Geschunkel und „Dalli Dalli“ Optik. Europa präsentierte sich als verriegeltes Besuchszimmer im Seniorenheim unter der Kuratel grimmiger Amtspersonen. Und von den wesentlich brisanteren 1950ern, 1960er, 1970ern und 1990er Jahren wollen wir gar nicht erst anfangen.

Damals bildete der Wettbewerb ein muffiges Paralleluniversum, und dass die schwule Community in ihm Glam, Camp und Erhabenheit entdecken und feiern konnte, heißt vor allem, dass sie ihren pokulturellen Siegeszug in den 1990ern noch vor sich hatte, Kummer und Entbehrung gewöhnt war.

Und nun? Ja, es soßte. Nein, kein Song war von Joanna Newsom, Sufjan Stevens oder Scott Walker geschrieben worden. Nein, die ächzende schwedische Selbstironie erreichte nie annähernd „South Park“ - Niveau und nicht einmal die „heute show“. Ja, es war eine große, pompöse, vulgäre und in vieler Hinsicht schmierige Werbeveranstaltung für Europa, die teilnehmenden Länder, Fernsehen und die matteren Ecken der Musikindustrie an und für sich. Der Gestank nach Korruption, Flitter und aufgekratztem Null - Event stahl sich durch alle Ritzen.

 Und LaBrassBanda hätten Deutschland natürlich ungleich würdevoller vertreten.

Aber womit wollen wir so eine Veranstaltung vergleichen? Mit einem beschwingten Spaziergang durch ein Frühlingswäldchen? Mit einer Folksession in einem efeuüberwuchtertem Kellerlokal, einem multikulturellen Happening während der documenta oder einem gut durchgelüfteten Symposium aufgeräumter NGOs?

Im Vergleich zur fahlen Starparade einer Oscar - Zeremonie, der zähnebleckenden Bräsigkeit derzeitiger offiziöser politischer und wirtschaftlicher Gipfeltreffen und Selbstdarstellungsevents,- und nicht zuletzt im Vergleich zu einer beliebigen Show zur Hauptsendezeit,- blitzten am Samstag doch große, weite Welt, Witz, Charme und Universalismus unübersehbar hier und da auf. In diesen drei Stunden zeigten sich mehr pfiffige, wache und ansprechende Menschen (wenn auch nicht unbedingt auf der Bühne) als üblicherweise in ganzen Fernsehwochen. Und trotz allem sahen wir im Vergleich schon lange nicht mehr so wenige Castingshow - Teilnehmer in einer Sendung, mussten wir uns weniger Gedanken über im Hintergrund mutmaßlich getretene Menschenrechte machen (wieso wird bspw. die „Wetten dass...?“ - Franchise in China nie thematisiert?).

Tänzerinnen, die sich elaboriert an einer tumben Nummer vorbei renken (Belgien), schmachtende Opernvampyre (Rumänien), barfuß ins Publikum hechtende Spielleute (Griechenland), tiefenpsychologische Pantomime (Aserbaidschan), und nicht zuletzt die Mülltonnen-Tänze, ironischen Modells plus boxender Pipi Langstrumpf, gleichgeschlechtlichen Küsse, usw, usf. - ganz sicher gibt es überzeugendere Utopien als dieses Europa, aber: wo?

Bleibt die Musik. Ein weit verbreitetes Urteil lautet, politisch mag das Brimborium unterm Strich ja eherenhaft sein, für die Ohren bleibt es scheußlich (sehr witzig und wohlwollend hat das Anthony Lane vor drei Jahren für den „New Yorker“ ausformuliert, allerdings hat er im gleichen Atemzug die Musik Bruce Springsteens als unerreichbaren Traum für den Grand Prix angeführt). Nein, ich würde mir die „ESC“ - CD auch nicht kaufen. Aber ich würde mir auch keine CD mit den Radiohits der letzten Wochen kaufen. Ich würde sie mir, wenn es sich vermeiden ließe, nicht einmal anhören. Denn die Produktionen aus unseren Charts stammen eben nicht aus 26 Ländern, und was mir aus den Charts gefallen könnte, finde ich auch so.

Aber noch nie haben mich kluge Freunde oder beinahe so kluge Musikzeitschriften auf die augenscheinlich in den Niederlanden (zu Recht) bekannte Anouk hingewiesen, die die Schrägelegien Stina Nordenstams mit dem unschlagbaren Oldie „Inchworm“ kreuzte und dabei zu so einer erschütternden Nummer wie „Birds“ fand. Ohne den Grand prix hätte ich mich niemals mit BeyAlex befasst, dessen low budget - Video zu „Kedversem“ noch besser ist als die Rückprojektion während seines Auftritts für Ungarn (und wenn dieser Song von Connor Oberst oder Weezer wäre, würden ihn sich knurbelige Paare in unseren Breiten jeden Tag vor dem Schlafengehen vorsingen). Und natürlich gibt es griechischen Ska, aber wie sollte unsereins das wissen? Bei zwei Stunden Indie - Radio, in denen ich natürlich unterm Strich weniger leide, stoße ich nicht auf solche Entdeckungen, und ich konfrontiere mich auch generell nicht mit einer seltsamen, großen Welt, sondern verbarrikadiere mich in einer Nische. Ein fluffiger Folkpop aus Malta ist tatsächlich interessanter (und satirischer) als eine weitere Jack Johnson - Single, ein klassischer Nick Cave - Song aus Frankreich und mit einer Sängerin herausfordernd, wie es Nick Cave selber seit zwanzig Jahren nicht mehr ist, eine norwegische James Bond - Melodie mindestens eine interessante Ergänzung zu „Skyfall“. Und das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Jack Johnson, Nick Cave seit 1990 und Adèle ja keine musikalischen Originale sind, sondern Retro - Künstler. Noch einmal: womit vergleichen wir den Grand Prix?

Vermutlich sind genau die mehr und mehr verschwimmenden Grenzen des Grand Prix zum Mainstream und hier und da sogar zum ambitionierten Rock die eigentliche Verunsicherung.

Und es brodelt dieEuropa - Paranoia. Die feiern, und sie mögen uns nicht. Wir sind zu der Party nicht eingeladen.

Aber, zum einen, stimmt das denn? Waren der 21. Platz und vor allem der Jubel in der Halle für das offensichtliche Plagiat des letztjährigen Siegertitels nicht verhältnismäßig großzügig? Und, vor allem: wieso sich den Schuh anziehen? Ich habe Cascada (sicherlich privat sehr sympathisch) genau so wenig gewählt wie Merkel (vermutlich privat sehr sympathisch). Gibt es für dieses dumpfe Denken nicht extra den Fußball? Ich kann mir nicht vorstellen, dass BeyAlex auf seine Regierung schwört. Und wenn doch, kann er das auf Dauer vermutlich kaum mit seinen flatternden Strichmännchen vereinbaren. Ob man sich in Europa wohlfühlen kann? In dem Europa von Samstag vermutlich schon, auch wenn es dumm, laut, schmierig und protzig war, selbst dann, wenn man für Cascada und Merkel gerade stehen muss. Das Leben ist nun mal noch wesentlich unfairer als die Punktevergabe bei einem „Eurovison song contest“.

 

P.S. Angeblich zum ersten Mal läuft Freitagnacht der japanische Horrorfilm „Ju on - the grudge“ im frei empfangbaren Fernsehen. Als ich ihn das erste Mal sah, war ich völlig baff und der festen Überzeugung, er würde das Genre auf den Kopf stellen. Hat er in keiner Hinsicht, aber das spricht eher gegen das Genre (und ein Neffe des Regisseurs hat mir einmal sehr freundliche Sachen zu einem kleinen Vortrag über Horrorfilme gesagt und mich anschließend haushoch im Tischfußball geschlagen).

 

16.05. Wie schlimm? (Immer wieder)

Samstag ist wieder Grand Prix, pardon „Eurovision song contest“, und die meisten Titel dieses Jahr - ob im Halbfinale gescheitert, durchgewunken oder „gesetzt“ klingen in meinen Ohren nach Soundtracks zu 70er Jahre - Filmen, bspw. Bond - Imitaten, Teenager - Komödien oder heiteren Actionfilmen mit Belmondo.

 

Letzten Samstag schlängelte sich ein Regionalexpress durch die Vorderpfalz am Nachmittag, an Schafen und trägen Pferden vorbei, durch knospende Weinberge und weiches Sonnenlicht. Darin lümmelten sich Radwanderer, Familienbesuche und Freizeitpendler, Mützen und Cowboyhüte. Eine kompakte Schaffnerin stauchte beinahe alle Anwesenden zusammen, forderte hier eine Nachzahlung und scheuchte dort jemanden aus dem Zug, aber half beim Hereintragen von Kinderwagen, und ihre verbissene Geschäftigkeit unterstrich eher die wohlig müde Pracht vorm Fenster und die allgemeine Urlaubsstimmung. Ein wirr berauschter Mann mit lateinamerikanischen Gesichtszügen hatte keinen passenden Fahrschein, wollte angeblich nach Hannover und war ganz sicher falsch, aber stieg auch nach sporadischen Aufforderungen nicht aus und dämmerte zusammengesunken vor sich hin. Wiesen und gluckernde Bäche. Und dann packte die Schaffnerin an einer Station plötzlich den Verwirrten und zog ihn unter Beschimpfungen aus dem Zug. Er fiel und kippte hin, im Liegen wischten seine dunklen Haare den fleckigen Boden auf. Die Augen waren verdreht, in seinen Mundwinkeln trocknete schaumiger Speichel. Sein Kopf stieß gegen Stühle und Schuhe, die angeekelt wegzuckten. Die Schaffnerin zerrte ihn hinter sich her aus dem Wagen, und er wäre mit dem Schädel gegen das Gleis geschlagen, wenn ein Mann mit grauem Bart nicht seine andere Hand genommen und seinen Kopf gestützt hätte. Ich war auch aufgesprungen, aber setzte mich wieder hin. Der Mann lag draußen auf dem Boden und japste nach Luft, ein Reisender mit Cowboyhut sprang aus dem Zug zu ihm, setzte sich auf ihn und grinste ihn mit blitzenden Augen in einer schwer durchschaubaren Mischung aus Mitgefühl und Machtrausch an. Kraftlos hob der Schwarzfahrer die Beine.

„Vorsicht! Er ist aggressiv!“,schrie eine ältere Frau auf dem Bahnsteig und stieg zu uns ein.

Die Schaffnerin stellte sich triumphierend und mit verschränkten Armen neben den Kopf des Mannes auf dem Boden. Der Cowboy blieb mit stiller Genugtuung auf dem Schwarzfahrer sitzen.

Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung, nervös sahen Fremde einander an. Ich selber war mit Kind unterwegs, also sollte alles normal sein und bleiben. Kein Aufstand, kein Gefühl von gespenstischer Verkehrung zulassen.

Wir fuhren ohne die Schaffnerin weiter, was einige Reisende zu erlösendem Applaus und giftigen Bemerkungen veranlasste.

„Was hätte sie denn tun sollen?“, fragte die ältere Frau. Sie trug feines, helles Leinen und offene graue Haare. In einem Jutebeutel trug sie zwei Pack Biomlich und eine Flasche Bio - Apfelsaft mit sich. „Der war gefährlich.“

„Sah aus wie ein Epileptiker!“, warf jemand halblaut ein.

„Er hatte keinerlei Kraft. Er hätte sich wirklich verletzen können. Er war mindestens auf Drogen.“, sagte ich und schämte mich dafür, auf diesem Niveau mit ihr zu reden.

Die ältere Frau seufzte und suchte mit aufgeräumter Miene meinen Blick.

„Die denken doch, sie dürfen alles.“, sie lächelte milde belehrend und gebeutelt, als würde sie mir eine Petition für Menschenrechte zum Unterzeichnen reichen. „Das ist ja überall in Deutschland so“

Sie wollte das, natürlich, weiter ausführen, aber ich wandte mich ab. Niemand widersprach ihr. Sie kuschelte sich in einen Sitz, um die drohende Weltherrschaft bedrogter Schwarzfahrer zu vergessen. Wir zockelten weiter an Wiesen und Bächlein vorbei, denen, wie immer, keinerlei Riss anzusehen war.

 

Wie schlimm ist es wirklich? Wirklich wirklich? Tag für Tag die gleichen Migränefragen, sumpfig, verwickelt, mit ihren monströs wabernden Nebenhaken, bei galliger Wut und Scham über die eigene stille Klappe, zumindest im entsetzlich beschaulichen Sonnenzug.

 

Vielleicht hilft ja doch der „Grand Prix“, pardon, der „Eurovision song contest“, trotz der erwartbaren Kommentare über „unfaire“ Wertungen des Auslands aus Neid um den Dax, ein wenig. Das ist nicht als Pointe gemeint, und schon gar nicht selbstgerecht.

 

 

 

 

09.05. Das Leben ist keine Blindverkostung

Vor vielen hundert Jahren, also: es war in den 1980ern, gab es den „Pepsi - Test“, die Blindverkostung von Colae, vor allem in Anzeigen und Werbespots, aber in größen Städten auch in echt. Aus vier Plastikbechern trinken, dann sagen, welche Brause am Besten geschmeckt hat und unter großem Oho und Aha herausfinden, was in welchem Becher war. In Zeiten, in denen auf diese Weise nicht ganze Fernsehkanäle gefüllt wurden und selbst Weinverkostungen allgemein eher als seltene Grenzerfahrung galten, war das ziemlich unterhaltsam und aufregend. An meinem ersten Gymansium (andere Geschichte) in einer kleinen Stadt richteten damals sogar an sich extrem konsumkritische Mitschüler für ein Schulfest oder einen Projekttag aus reiner Gaudi einen „Pepis - Test“ aus, und wir in der Schülervertretung debattierten uns im Vorfeld die Köpfe heiß, ob das in Ordnung ginge, denn ein solcher Test wäre ja Werbung für mindestens eine große Marke, egal, wie er ausfallen würde. Und wir waren uns auch nicht sicher, ob die entsprechenden Schüler nicht doch mit einer Firma zusammenarbeiteten.

Das bringt uns zu den kritischen Konsumtests, von denen das Fernsehprogramm derzeit überquillt. Da gibt es zum einen die von der ARD ersonnenen und in rascher Folge von nahezu allen Kanälen variierten „Marken - Checks“. Zum anderen (und zum Teil auch in den „Markencheck“ - Programmen) lümmeln sich ständig irgendwelche Normalfernseher um asiatisch aussehende Esstafeln herum und müssen sagen, ob ihnen das Bioschnitzel tatsächlich schlechter schmeckt als das Tiefkühlschnitzel, obwohl es dreifach so teuer ist.

So lässt sich die Welt natürlich auch betrachten.

Es ist ein Kreuz. Wer will etwas gegen Genuss und gegen Subjektivität sagen? Ich zumindest nicht. Wie lässt sich also die (vermutlich sogar unbeabsichtigte) Perfidie dieses Denkens kritisieren, ohne ins starr Flugblatthafte abzugleiten? Versuchen wir es mal:

Auch wenn ich nicht glauben will, dass irgend jemand den Unterschied zwischen Bio - Hühnerfleisch bzw. meinetwegen auch Beinahe - Biohühnerfleisch aus der Region einerseits, einem wässerigen, faserigen, flimschigen und dazu so gut wie geschmacklosen Fleischfabrikhuhn NICHT schmeckt (mein Gaumen ist durch Myriaden von Zigaretten verätzt, und ich schmecke ihn immer): darum geht es nicht und kann es nicht gehen. Und im Grunde wissen wir das sehr gut, aber wäre es nicht schön, wenn Hedonismus, Lifestyle und Weltanschauung bruchlos ineinander übergingen? Sie tun es nicht. Sie stehen einander auch nicht neurotisch gegenüber wie Es und Über - Ich bei Freud („Mein Gewissen sagt Bio, mein Trieb sagt mir Fast food“), und es ist die große Leistung des ehemaligen alternativen Milieus diesen konstruierten Gegensatz ausgehebelt zu haben. Dieses Milieu hat damals (wir sind schon wieder in den 80ern) die Macht des Konsumenten erkannt, den Produktboykott als Möglichkeit der Einflussnahme entdeckt. Aber was heute davon übrigbleibt (natürlich auch gerade in dem erwähnten Milieu) ist eine allgemeine Überschätzung des Konsumierens.

Als reine Konsumenten haben wir alle auf einmal immer haufenweise Rechte und Freiheiten, werden nach unserer Meinung gefragt und ernst genommen. Wenn wir als Konsumenten angesprochen werden, setzen wir verhuschten kleinen Streber uns gewichtig zurecht, zünden behahglich die Meerschaumpfeife an und schleudern die Schuhe von den Füßen, sinnieren über unser authentisches Empfinden, erlauben uns exzentrische Eindrücke und bestimmte Urteile.

Dass dieser Käse zu sehr nach Milch mieft, das trauen wir uns zu sagen, zu den Einkaufspraktiken des Supermarkts erlauben wir uns keine Meinung, dazu wissen wir einfach zu wenig. Die Kellnerin hat uns zu spät den Salat gebracht, da sind wir sicher, über den Restaurantbesitzer haben wir nur Gerüchte gehört, da steht uns keine Meinung zu - wir müssen uns daran halten, was wir haben, nicht?, und die bescheidenste und ehrlichste Form des Daseins besteht darin, sich auf die naive Konsumentenrolle zurückzuziehen: der Käse hat gestunken, der Salat kam zu spät, was weiß ich denn von der Welt, ich will doch nur was für mein Geld.

Die großen „Marken Check“ - Sendungen behandeln auch Themen wie „Fairness“ und „Umgang mit Mitarbeitern“, ja. Auf konsequent anekdotische Art, als weiteren Gesichtspunkt neben „Preis/Leistung“ und „Image“. Der Punkt ist nicht, dass sie dabei nicht scharf genug vorgehen würden - vielleicht tun sie umgekehrt sogar durch raunende Andeutungen und die Bilder von Leuten, die schnarren „Sie dürfen hier nicht filmen“ der einen oder anderen Firma bitterlich Unrecht. Der Punkt ist, dass die Zuschauer mit verschiedenen Gesichtspunkten als reine Konsumenten alleine lassen. Sie versuchen nicht einmal andeutungsweise bspw. „Image“ und „Fairness“ in irgendein Verhältnis zu setzen, und sie vergessen bei allem Checken und Punkteabhaken wie zufällig (und noch einmal: vielleicht IST es zufällig), die Firma, was sie tut, was sie bedeutet, wie man dazu stehen kann, in einem Gesamtbild darzustellen. Auch wenn ich nie bei bspw. „Aldi“ kaufe, komme ich an „Aldi“ nicht vorbei, geht mich „Aldi“ an, ob ich will oder nicht. Bei dem Thema geht es nicht um mich als Konsumenten, sondern um (und das klingt jetzt doch klassisch flugblattartig) als „Aldi“ und mich als Teile einer Gesellschaft. Ich will das Angebot des Nachdenkens, Abwägens, Positionierens nicht als reiner Konsument gemacht bekommen, sondern auch als Mitbürger.

Und bei Themen wie „Bio“ oder „Fair trade“, nicht zuletzt den Lieblingsthemen vieler dieser Programme, kommt man um die weltanschauliche Komponente nicht herum, und wenn man sich auf den Kopf stellt (und dabei Füllmengen nachwiegt. Und Etikettendesigns vergleicht. Und bei Kerzenlicht von einem Sterne - Koch servieren läst).

Wie lässt sich der Eventwert einer politischen Demonstration errechnen? Nach der Qualität der Musik? Der abwechslungsreichen Strecke? Es wird gerne böse behauptet, Menschen gingen auf Demonstrationen, um Freunde und/oder attraktive Menschen zu treffen, und zumindest für Jüngere stimmt das natürlich auch. Trotzdem eignet sich beinahe jedes Umfeld besser zum lockeren Plaudern und Flirten als eine Demonstration (es sind schon viele gewitzte Geister an der eleganten Überleitung vom Gesprächsthema Kinderarbeit zum Gesprächsthema Wellnessurlaub gescheitert). Dass es nicht zwangsläufig einen Bruch zwischen der Demonstration als spannenden Termin und als Engagement gibt, heisst nicht, dass sie sich problemlos mit einem Kinobesuch vergleichen liesse. Dieser Vergleich wäre nicht nur problematisch, sondern auch großartig, aber gerade mit der pseudo - naiven „Was wird mir geboten?“ - Haltung lässt er sich nicht führen.

Und natürlich geht es bei diesem Service - Infotainment beinahe ausschließlich um große Marken.

 

Damals in der Schülervertretung einigten wir uns, wenn ich mich richtig erinnere, darauf, den Cola - Test zuzulassen, solange dabei auch mindestens eine kleine, okaye Cola ohne Großkonzern im Rücken fürs Gute verkostet werden würde. Uns fiel keine ein (das wäre heute vielleicht anders). Der „Test“ fand trotz unser Magenschmerzen statt, war eine kleine Gaudi (an der sich die Schülervertretung mit großem geschlossen Spaß beteiligte), und trotz aller Ohos und Ahas änderte anschließend niemand sein Trinkverhalten. Was zu beweisen war (wie wir Althumanisten sagen, auch wenn wir von der Schule geflogen sind- aber das ist eine andere Geschichte).

 

 

 

02.05. Malcolm und die Körperfresser

Wenn erst in 9 Tagen der „Gratis Comic Tag“ stattfindet, warum dann ausgerechnet jetzt dieses Thema ansprechen? Weil nun genau der richtige Zeitpunkt ist, um sich kostenlose Hefte zu reservieren. Denn der „Gratis Comic Tag“ ist, wie schon der Name verrät, weniger ein Verkaufstag, als eine große Werbeveranstaltung von Spezialläden für sich selber. Jedes teilnehmende Geschäft bestellt und bezahlt ein gewisses Kontingent der 30 Titel, um es anschließend zu verschenken. Zu welchen Bedingungen, das bleibt den einzelnen Läden überlassen - nur wenige werfen alle Hefte in die Menge wie Kamelle. Manche beschränken die Anzahl pro Person, einige schwarze Schafe verknüpfen angeblich die Gaben aus Prinzip mit einem Einkauf, aber offensichtlich alle vermerken Wünsche und richten ihre Bestellungen danach aus. Auch wenn das Angebot meiner unwesentlichen Meinung nach heuer nicht so aufregend und ehrbar ist wie in den vorangegangenen Jahren (u. v.a. kein Sfarr, kein Mawil), an dieser Stelle ein paar Anregungen für die Merkliste.

Der „free comic book day“ stammt aus den USA und debütierte 2002, in einer Zeit, als die seit den späten 1980ern gegründeten Fachgeschäfte für Comics dort darbten und jammerten.

Über 20 Jahre lang hatten sie davon gelebt, dass sie, im Gegensatz zu Supermärkten, Zeitschriftenläden und Tankstellen, auch gewagte oder obskure Comics anboten, und zwar länger als einen Monat lang. Denn im Gegensatz zu Supermärkten etc. konnten die Läden ihre Comics nicht zurückschicken, sondern hatten sie ohne Preisbindung auf Lager, bis sie weggekauft waren. Das Altpapier in den Kisten erlebte, bei populären Comics, dann und wann gewaltige Wertsteigerungen - wenn eine Serie ab Nummer 20 ein Bestseller war, schoss der Preis für die Nummer 1 in die Höhe. Beinahe das ganze Geschäft lief dabei über einen Versandgiganten, Diamond Comics. In den 1990ern verführte dieses System Verlage, Diamond und Geschäfte dazu, in abartigem Tempo „Sammlerausgaben“ herauszuhauen, die es von vorneherein nur in den Liebhabergeschäften gab - in der Regel waren das Supernmarkthefte mit anderen Cover. Es entwickelte sich ein Aktienmarkt für Arme, mit einem eigenen Magazin, „Wizard“, das Monat für Monat die offiziellen Kursentwicklungen verkündete.

Diese Blase zerplatzte in den späten Neunzigern, doch niemand wurde klug daraus, und so zerplatzte sie anschießend noch ein paar Mal weniger dramatisch. Zum gleichen Zeitpunkt entwickelte sich nach und nach das Buchhandelsgeschäft mit hochwertig gedruckten Sammelbänden und Originalveröffentlichungen, die nie für 22seitige Hefte gedacht waren. Die Begeisterung von Kritikern für „Maus“ und „Watchmen“ (beide von 1986) trug späte Früchte, Filme wie „Spider Man“ machten Comics salonfähig, die Retrokultur verlangte nach schönen Nachdrucken hässlicher Kindheitsschätze, und die „graphic novels“ setzten sich als Konzept durch. In der Folge wurde die ersten fünf Nummern eines Comics schneller nachgedruckt, als die Comichändler ihre Kisten sortieren konnten, und den nerdigen kleinen Fachgeschäften brach die Existenzgrundlage unter den Füßen weg. In dieser Situation rief „Diamond“ nun den „free comic book day“ aus, mit Veröffentlichungen, die es nicht in Buchhandlungen oder über Amazon gab. Sie sollten das Lesepublikum in die Comic book stores locken, und die unbelehrbaren Sammler brauchten diese Spezialhefte ohnehin.

In Deutschland hat es die rührige „Interessengemeinschaft Comic“ (ICOM) dagegen mit einer völlig anderen Situation zu tun: Rund 2000 000 Menschen kaufen im deutschsprachigen Raum jeden neuen, miesen Asterix - Band, immerhin noch 150.000 schnappen sich jedes neue „Lustige Taschenbuch“ aus den italienischen Disney - Studios, aber die Zahl der allgemein Comicinteressierten liegt dennoch bei geschätzten 15.000 (wöchentliche Kinogänger gibt es dagegen 1 bis 2 000 000). Das Missverhältnis zwischen diesen Zahlen verleitet die ICOM seit einigen Jahren zu dem sympathischen Irrglauben, eine Masse an potentiellen Comiclesern im deutschsprachigen Raum könnte zu dieser Kunstform bekehrt werden, wenn sie nur wüßte, was die alles zu bieten hat. Also gibt es Kollaborationen mit dem Buchhandel, eine günstige Bahnhofsbuchhandlungszeitschrift („COMIX“) buhlt seit drei Jahren um Gelegenheitskäufer und stellt vor allem heimische Künstler vor, und beim „Gratis Comic Tag“, schließlich, sollen die Fachgeschäfte gestärkt werden.

Je nun, sie versuchen es weiter.

Warum ein Comic hierzulande in der Regel weniger geachtet wird als die „Bild“ vom Vortag und sich schlechter verkauft als ein Reiseführer auf Esperanto, und warum daran bisher auch die Feuilleton - Begeisterung für die eine oder andere „graphic novel“ nichts zu ändern scheint, ist ein Thema für lange, zermürbende Diskussionen, die üblicherweise in Geschrei, Wehklagen und Selbstverstümmelung enden (eine empfindsame und theatralische Bande, wir Comicliebhaber).

Anlass zur Freude bieten dagegen die für Samstag angekündigten Comics. Sie erinnern in ihrer Masse, Klasse und Viefalt an die goldenen Flohmarkttage der Kindheit, die mit einem Stoß bunter Bilder auf dem Küchentisch neben der bequemen Fensterbank endeten. Heißhungriges Glück, auch ohne die Signierstunden, Werkstattgespräche und Spezialaktionen, die in einigen Städten das Sperrfeuer aus Papier begleiten (und den Blick in Veranstaltungskalender lohnen).

Auflistungen, besinnungslose Empfehlungen und gehässige Anmerkungen nerven ja nur, darum hier nur ein paar Sätze über heraufdämmernde Gratis- Comics, an denen zumindest ich mir die Stirn aufschlage:

„Jimmy Beaulieu“ vom Verlag "Schreiber & Leser" versammelt Kurzgeschichten von eben jenem frankokanadischen Zeicher/Autor. Beaulieu hatte auch hierzulande einen Achtungserfolg mit der graphisch dezent umwerfenden Tuschephantasie „Ein philosophisch - pornographischer Sommer“, die charmant, elegant und leider dumm wie Brot war. Alles da: Gestrichelte Gässchen, verlassene Hotels am Meer, anmutige Erotik. Abstraktion und Alltagsdetails, und ein eigener Stil zwischen Bilderbuch, Werbegrafik und Skizzenbuch, der schlüssig überspitzt, ohne zu karikieren, verniedlicht, ohne auf Schatten zu verzichten, poiniert, hüpft und fließt. Inhaltlich dagegen ertrinken wunderbare Beobachtungen in einer Sammlung von Beziehungskomödien - Klischees und nach Bedeutung suchenden Dialogen, bei denen die Zähne knirschen. Zielgruppenfütterung auf hohem Niveau. Das Heft könnte spannend werden.

„Malcolm Max: Body snatchers“ von Ingo Römling und Peter Mennigen (Verlag: Splitter) will im Kontrast ganz großes Kino sein: Steampunk - Fiebertraum, ein Sherlock Holmes - Film von Guy Ritchie, Screwball - Komödie, Monsterhorror. In London um 1900 werden Seelen geklaut und lässige Ermittler in Verschwörungen verstrickt.

„Steam noir“ von Felix Mertikat und Benjamin Schreuder, eine von der Anlage sehr ähnliche Reihe, gibt sich sperriger und stärker in der Tradition befremdlicher französischer Comics (hier dazu kein Namedropping. Namedropping innerhalb eines Namedroppings kugelt das Hirn aus, glaube ich).

„Malcolm Max“, vormals eine Hörspielserie, will es dagegen wissen. Schlacksige Figuren wirbeln durch düstere Gassen in Patinafarben. Slapstick, clevere Fußnoten zu Literatur und Film, kurze Nacktszenen und malerisch nostalgische Panoramabilder lockern die Folge von klassischen Horror - und Thrillerszenen im natürlich viel zu verwickelten Plot auf. Das ist zweifellos ohne Sinn und Verstand am Reissbrett entwickelt, aber das mit Hingabe, Selbstironie und einigen originellen Ideen.

Trotz aller Achachs in Bezug auf Kulturindustrie, fröhlichen Zynismus und die Welt an sich war ich wild entschlossen, diesen überbordenden Comic gut zu finden, als das, was er ist. Es geht nicht. Schuld daran sind vor allem die verrenkten Textmengen. Jede atmosphärische Sequenz wird durch Dialoge erschlagen, deren Sprache ungelenk üble alte Sherlock Holmes - Übersetzungen nachäfft und dabei so authentisch ist wie das „Marktsprech“ auf Mittelaltermärkten. Pausenlos wird ein viktorianischer Duktus veralbert, der so, zu unser aller Glück, nie existiert hat, was den verdrechselten Gang der Geschichte dumpfer erscheinen lässt, als er ist. Welcher Teufel hat die Macher da geritten? Ich denke, das Leiden unter der hiesigen Comicverachtung, die hier und da von ein paar geschraubten Sprechblasen besänftigt wird. Schade. Wir leben in einem seltsamen Land.

 

Und „Koma“ von Peeters/ Wazem und „Kleiner Strubbel“ von Frapoint/Bailly (beide, warum auch immer, von „Reprodukt“), auch in der Liste für den 11. Mai, sind einfach großartige Comics.

 

30.04. Event oder event?

(In eigener Sache: dieses Blog wird, nach neuesten Erhebungen, regelmäßig von ca. von vier Meerschweinchen und zwei Raben gelesen. Das ist eine Entwicklung, die mich stolz macht, aber es tröpfelt leider sehr berechtigte Beschwerden: die Seite ist schwer zu finden, die einzelnen Auslassungen über Gott und irgendeine Welt lassen sich noch schwerer finden, drum herum fehlen alte und neue Informationen. Und letzte Woche fiel der Eintrag kommentarlos aus. Trotz allen Widerwillens gegen die allgemeine Aufmerksamkeitsökonomie etc. sind diese Macken in dieser Form keine Absicht, und ich arbeite dran. Immer, wenn ich den formidablen und extrem sympathischen Einrichter dieser Seite treffe, ist er betrunken, lacht, verspricht mir dies und das und will mir ein Stück Pizza abgeben. Auf Nachrichten reagiert er nicht, denn er programmiert für die BBC und spielt Bass, zumindest geht so die fama. Mit Geld ist er nicht zu locken, und Kuchenbacken kann ich nicht. Die verspäteten Inhalte gehen auf meine Kappe. Noch einmal: ich arbeite dran.)

 

Samstag vor einer Woche wurde in den Plattenläden der „record store day“ begangen, ein seit 2007 übliches Verkaufsevent, das, natürlich, aus Amerika zu uns herübergeschwappt ist. Beim „record store day“ gibt es in Plattenläden Platten zu kaufen, aber exklusive. Nur in den beteiligten Läden (in der Regel kleine, verwinkelte und verstaubte Fachgeschäfte mit augebrannten Musicnerds hinter der Kasse) sind die „record store day“ - Editionen zu haben. Ziel ist dabei, die den Markt auffressenden Elektronikmärkte auszubremsen und Jahr für Jahr neue Kundschaft in die kleinen, verwinkelten....siehe oben- Läden zu locken. An sich also eine mehr als ehrbahre Sache, die den schönen Brauch des Samstagsdurchkleinelädenschlonzen am Leben halten will. Weniger schön, dass die verantwortlichen Firmen sich so wenig Illusionen über ihre Zielgruppe machen - sie wollen die jungen, verbohrten und die alten, ergrauenden, nicht allzu anspruchsvollen Musicsnobs ansprechen. Also, Pudelmützenträger, die ihre Freundin zusammenstauchen, weil die nicht weiß, wer Syd Barett war, und überarbeitete Ingenieure, die sich zu Weihnachten eine neue Anlage leisten. Dazu die Pudelmütenträger und Ingenieure von morgen, die an die wunderbare Welt der Musiksubkultur herangeführt werden. Bei den Spezialveröffentlichungen gibt es also nichts kostenlos, denn Musik sieht diese Zielgruppe (alles nette Leute, aber man will sie sich in ihrem Musikzimmer so wenig vorstellen wie in, sagen wir, einem Pornokino) dank Internet an sich mehr oder weniger ohnehin als kostenlos an, es gibt nichts allzu Populäres, denn darüber fühlt sich diese Zielgruppe erhaben, es gibt wenig Neuentdeckungen und wenig Avantgarde, denn diese Zielgruppe möchte nichts im Schrank stehen haben, was die Leser von Popmusikzeitschriften befremden könnte. Was heißt das konkret? Der Schwerpunkt liegt bei den immerhin um die 300 Sonderveröffentlichungen auf Singles in Retro - Covern. Perlen aus den Randbereichen der alternativen Musik gibt es, doch die leisten sich nur die angesagteren kleinen Läden und sind zum Reinschnuppern reichlich teuer. Den größten Verkaufserfolg hatten anscheinend die zwei mutmaßlich neuesten Songs der „Strokes“ (nostalgisch schlichte Optik, Vinyl, ca. 10 Euro) und die zwei mutmaßlich ältesten Songs von „Pink Floyd“ (rosa Vynil, Cover mit Strichmännchenzeichnung, 15- 20 Euro). Es geht um bezahlbare Audiophilie („Ich zahle für Musik nur noch, wenn sie wirklich top aufgemacht ist!“), um Angeberstücke, die beim Besuch klügerer Kollegen wie zufällig neben dem Plattenspieler herumliegen können, Schätze zum Einschweißen und Inkistenpacken. Wie zwei unveröffentlichte Songs von Bob Dylan für 10 Euro, die, so sagt es der nette Plattenhändler von nebenan, „garantiert im Wert steigen werden. Das ist jetzt schon klar. Hat eine Auflage von höchstens 5000 Exemplaren.“ Schön, dass die Musikindustrie doch noch Wege findet, 5000mal zwei Songs für 10 Euro zu verkaufen, die sich dazu nie jemand anhören wird (die Dylan - Songs sind outtakes von „self portrait“, einem Album, das selbst Fans - ich bin keiner - ohnehin als ein einziges Outtake gilt, das man besser auf einer Bonus - CD versteckt hätte). Und ich stand da und drehte eine Picture - disc für 18 Euro mit Bowie als Ziggy bzw. Aladdin Sane in freischwebender Trauer auf dem Handteller („Nee, mittlerweile kannst du picture discs auch tatsächlich abspielen!“), bis ich unter ein paar lahmen Entschuldigungen (und ohne Platte) das Weite suchte.

Bereits die Existenz des „record store day“ zeigt, dass es nicht allzu gut um unsere urbane Kultur steht. Gewaltige Werbeausgaben (und David Bowies Foto auf Kunststoff voll alter Musik) sind nötig, damit Menschen am Samstagvormittag in Plattenläden herumhängen, wie sie es früher suchtartig und ohne Tamtam taten. Erinnert an die „Kneipenfestivals“, die vor allem beweisen, dass kaum noch jemand selbstverständlich ausgeht, an lange Nächte des dies und das, verkaufsoffene Sonntage, Fantasiefeiertage, die von kommunalen Werbegemeinschaften ausgedacht werden. Die Modewörter „Eventisierung“ und „Simulation“ sind leider außer Mode geraten, bevor sie wirklich gebraucht wurden. Für den „copy shop day“ ist es wohl schon lange leider viel zu spät (für den coffee shop day noch viel zu früh), der „art house day“ in Kinos steht zu befürchten, den verzweifelten „bookstore day“ möchte zumindest ich nicht mehr erleben.

Ein weniger deprimierendes event ist alerdings tatsächlich der „Comic book day“ am 11. Mai. In den USA ist auch er Anfang der Nuller Jahre aus der Depression heraus entstanden: die spezialisierten Comicläden waren sukzessive dahingerafft, nachdem die Sammlerpreise für Comichefte in mehreren Crashs in den Keller gestürzt waren, anschließend grub der Buchhandel mit seinen Sammelbänden und graphic novels den Heftchen das Wasser ab. Bei uns jedoch soll er der ganzen Kunstform an sich mehr Zulauf verschaffen, und unseren Spezialläden ging es zwar auch schon einmal besser, aber nicht viel. Mehr dazu am Donnerstag.

 

18.04. Der dicke Mann mit dem Daumen ist tot

 

Roger Ebert verstarb bereits am 04. April (im Alter von 70 Jahren), aber er ist immer noch tot, seine Homepage noch immer ein Grabstein, darum doch noch ein kleiner Nachruf. Was will uns der populärste amerikanische Filmkritiker, dessen Fernsehshow hierzulande nie ausgestrahlt wurde, dessen Kritiken nicht mal für Cineastenzeitschriften übersetzt wurden? Eine Menge. Denn Ebert, nominell Renzensent der „Chicago sun times“, die bei uns nicht gerade gierig gelesen wird, war nicht nur der populärste amerikanische Filmkritiker, sondern auch der einflussreichste.

Die Daumen waren seine Idee, zum Beispiel. Die furchtbaren Bewertungsdaumen für Filme, in den USA ein eingetragenes Warenzeichen, bei uns adaptiert von Helmut Karasek (der sich ohnehin eine Zeit lang als deutscher Wiedergänger von Ebert gerierte) und vor allem natürlich von „TV Spielfilm“. Das Sammeln von ermüdenden Filmklischees hat Ebert nicht erfunden, aber via Homepage und Sammelband popularisiert, lange bevor deutschsprachige Geschenkbändchen von den „1000 dümmsten Gerichtsthrillersätzen“ und ähnlichem handelten. Manche Aufsätze von Ebert, vor allem der vergleichsweise fade Blogeintrag „Warum Videospiele niemals eine Kunstform sein werden“ sind Mauern, gegen die auch Hunderte von deutschen Meinungsäußerungen immer noch Squash spielen. Vor allem aber wurde er auch hier von den Kritikern gelesen, tauchen in Mainstream - Kinozeitschriften bis heute Gedanken und Formulierungen auf, die Roger Ebert entwickelt hat.

Er spielte den gesunden Menschenverstand, und das angesichts einer Kunstform wie dem Film. Ebert nannte absurde Drehbücher absurd, ohne sich davon zu funkelnden Nebenüberlegungen anregen zu lassen, traurige Filme zu traurig, gewalttätige Filme zu gewalttätig. Er akzeptierte, zelebrierte die Hollywood - Klischees wie den Outsider der zur guten Tat findet, die Rettung durch den Glauben an die gerechte Sache, die Loblieder auf die Familie, - allerdings immer reflektiert. Sorgfältig gearbeitet und verknüpfbar mit der Alltagserfahrung mussten alte Zöpfe schon sein, bevor er ein „Daumen hoch!“ (im Fernsehen) oder mehr als drei Sterne (in der Zeitung) vergab. Er konnte über sperrige, kontroverse und gewagte Filme schreiben, und nötigte seine Millionen Leser häufig genug, sie sich anzusehen. Immer pflegte er dabei den Blick des Geschichtenliebhabers, der vorurteilslos in allen Nischen und Winkeln nach sympathischen Hauptfiguren, schlüssiger Dramaturgie, einer sinnlichen Atmosphäre und schönen Bildern sucht. Seltener interessierte er sich für Konzepte, so gut wie nie für Ästhetiken. Ebert schrieb über ansprechend präsentierte Inhalte, kaum über das Kratzen auf der Tonspur, über Ausstattung und Licht. Auf diese Art war er Werner Herzog - und Steven Spielberg - Fan, Freund mancher Stars und Regisseure und ein Medienphänomen (inkl. Pulitzer - Preis und Webby - Award). Auf diese Art brachte er (laut den Foreneinträgen auf seiner Seite) einer Masse von ursprünglich wenig ambitionierten Kinogängern die genießerische Freude an Filmen bei. Mit zunehmendem Alter wurden seine Kritiken immer autobiographischer, waren mehr und mehr durchsetzt von persönlichen Anekdoten, Stimmungen und Abschweifungen und verstärkten dadurch den Eindruck von emotionalen, aber selten ausfallenden, bewusst „naiven“ Plädoyers mit wachen Augen. Ein Text von Roger Ebert war nie so messerscharf gedankenknabbernd wie eine Kritik von Pauline Kael, nie so inspirierend- rotierend wie noch die beiläufigste Auslassung von Seeßlen (um nur mal die größten Namen zu nennen). Der Spaß an Eberts Filmtexten steht und fällt in den meisten Fällen mit dem konkreten Interesse am jeweiligen Film. Roger Ebert ließ selten Nebentöne zur Perspektive des liberalen Humanisten mit einer nostalgischen Vorliebe für stimmige Spektakel zu, auch wenn er selber drei Drehbücher für ausgerechnet Russ Meyer schrieb. Seine Vorliebe galt prinzipiell dem gehobenen Arthouse - Schmonzes mit neckischer Erotik an der Grenze zum Gewagten, den „großen Themen“ und den „runden Charakteren“ aus Drehbuchhandbüchern. „Hugo“ feierte er so hymnisch, wie er mit seinem langjährigen Fernsehpartner Gene Siskell „Lost highway“ als „zwei Daumen nach unten“ - Werk abwatschte. Bill Murray - Komödien konnte er so „deprimierend wie Bunuel“ finden, und das war nicht positiv oder ironisch gemeint. Aber wer wissen wollte, ob das Remake von „Footlose“ im Vergleich zum Original etwas taugte, oder ob „Spider Man 3“ so erhebend war wie „Spider Man“, inwieweit ein spezieller Film von Michael Bay für gutwillige Zuschauer „funktionierte“, der kam an Eberts Homepage nicht vorbei. Um die 300 Rezensionen pro Jahr stellte er dort ein, und als seine Gesundheit sich verschlechterte, vertraute er sukzessive auf die Gastbeiträge von Kollegen.

Eberts Krebserkrankung führte seit 2002 zu einer Nebentätigkeit als Blogger und Autobiograph, der sich den letzten Dingen ebenso aufmerksam und eigenartig unschuldig näherte wie Drehbuchlücken. Klimaerwärmung, Kreationismus oder das Leben nach dem Tod wurden aufgeräumt, gutgelaunt und unverrückbar vernünftig betrachtet (zuletzt führte er besonders gerne die inkohärente Gedankenwelt der „Tea party“ vor). In seinen letzten Lebensjahren gelang Ebert dabei in seinem Netz - Tagebuch bei besinnlichen Einträgen immer häufiger eine sehr persönliche Art von unaufgeregter Poesie. Auch als er nicht mehr sprechen konnte, änderte sich seine Stimme als Autor nie, wurde lediglich behutsamer und präziser. Es mag sein, dass diese späten luziden Kurzessays von Ebert seine Rolle als Papst der (sehr) amerikanischen Filmkritik überleben werden.

Eine Stimme ist verstummt, ein großer Filmliebhaber ist tot

 

 

 


 

11.04. Region ist Opium (aber schön)

Thatcher ist tot, und trotzdem ist Deutschland im Rest der Welt unbeliebt wie selten. Wenn ein Tourist im befreundeten Ausland als Deutscher enttarnt wurde, prasselte es jahrzehntelang meist wohlwollende Anekdoten über Köln oder beste Brieffreunde (naja, vielleicht mit Ausnahme der Niederlande und Österreich). Mittlerweile freut sich zumindest dieser Autor darüber, häufig für einen Skandinavier gehalten zu werden (obwohl die viel größer, breiter und geradegesichtiger sind - ich muss einfach in allen Sprachen einen bizarren Akzent haben). Ehemalige Reiseziele sind Krisenherde geworden, routinierte Globetrotter (worunter dieser Autor nicht zählt) ergoogeln routiniert Warnungen des auswärtigen Amtes. Nordkorea liegt als Standort für den Strandurlaub weit abgeschlagen hinter der Lüneburger Heide. Und auch in Ländern, in denen Bombenanschläge, Flutwellen und Wirbelstürme nicht zu erwarten sind, ist der Spaß teurer geworden. Übrigens wollen die alle nur unser Geld, anstatt einfach brav unsere Autos zu kaufen. Immer mehr Menschen verzichten hierzulande ganz auf Auslandsreisen und kratzen ihre Ersparnisse lieber für ein anständiges Essen zusammen. Kurz: die Reisebegeisterung, die auffälligste Eigenschaft des durchschnittlichen Deutschen, hat stark gelitten.

Und so geschieht es eben. Am gestrigen Mittwoch buhlten mehr oder weniger parallel „Die beliebtesten Denkmäler Nordrhein - Westfalens“, „Unser Hamburg - mein Hafen“ und „Urlaubsziel Bayern“ in den jeweiligen Regionalsendern um die Gunst eines ermatteten Publikums, während Dienstagabend der hr mit „Vergessenes Hessen“ und „Altes Hessen“ in die Vollen ging. Es ist ein surreales, aber seltsam berückendes Erlebnis, zwischen den „beliebtesten Ausflugszielen Hessens“ und den „schönsten Städten Deutschlands“ hin - und herzuzappen und bedröhnt von all den verwinkelten Schlössern und verborgenen Tropfsteinhöhlen für einen Moment nicht mehr sicher zu sein, ob die Drosselgasse nicht doch über den Brocken führt. Nun, irgendwie müssen die öffentlich - rechtlichen Sender ihr Programm nun mal füllen, aber das Überangebot an Edutainment über die Eiffel oder den Kellerwald ist in dieser Form vergleichsweise neu. Und es trifft tatsächlich ins Mark. Wer früher stolz darauf war, die Entfernung zwischen Melbourne und Sidney zu wissen, aber nicht die von Ulm nach München, schwärmt nun von kleinen Kellerlokalen am Rande des Schwarzwalds und verblüfft mit detaillierten Kenntnissen des Höhenunterschieds zwischen Feldberg und Hochtaunus. Wer den Wasserfall nahe Freiburg kennt, kann in hipperer Runde plötzlich punkten, wie es früher nur Menschen mit intimem Wissen über asiatische Essgewohnheiten konnten. Dieser Autor hat selber gefühlte Ewigkeiten Eindrücke aus u.a. Schleswig - Holstein für sich behalten, weil er noch nie in u.a. Portugal war, und plötzlich gelten sie als spannend.

Die Collagen - Dokus, die das Fieber entweder erregen oder vielleicht doch einfach nur bedienen, gleichen sich dabei stilistisch bis in die Feinheiten. Es ist ein burschikos verträumter, entrückter Tonfall, der in ihnen zelebriert wird. Märkte und Unruhen schweigen für einen Moment, auch die beinahe immer unvermeidlichen Promis zeigen sich in Wollschlappen und schwelgen mit menschlicher Bescheidenheit in Erinnerungen an verkruschelte Ecken, Kleinode,Orte ihrer Jugend. Irgendwann muss sich das Licht der untergehenden Sonne in einem Bach spiegeln und über ein Ährenfeld ergießen. Irgendwann klimpert Renaissance - Musik zu Bildern eines Rittersaals. Irgendwann werden Volkslieder ausgepackt, irgendwann viragierte ruckelnde Filmstreifen aus früheren Zeiten gezeigt. Es fehlt diesen Formaten, das sei zu ihrer Rettung gesagt, jeder chauvinistische Beigeschmack (speziell im Vergleich zu den großen Zeitgeschichtsepen, die auf Hauptsendern zur Primetime laufen). Der Grundton ist liebevolle Ironie mit einem leichten Hang zum Kitsch und zu Fremdenverkehrsbüroformulierungen. Es fallen selten seltener problematische Sätze über Land und Leute im Fernsehen als in diesen Wellness - Programmen, man kann sich beinahe fühlen wie zu Hause und unter freundlichen Menschen.

Auch bei diesem Trend kommt Deutschland etwas spät (das aber jetzt als letztes Wort hier zu Thatcher). In Frankreich bspw. hat die liebevoll verbrämende Berichterstattung über diesen malerischen Winkel und jene historisch bedeutsame Ecke schon eine längere Tradition. Die Bevölkerung von Frankreich ist dabei schon immer gerne vornehmlich durchs eigene Land gereist und teilt es rigoros in Paris und seltsame kleine Nebenschauplätze ein. Vermutlich trägt auch der Hype um unsere herrliche Hauptstadt, die Herabstufung des Landesrests in der allgemeinen Diskussion (trotz aller Argumente dagegen) zur unvermittelten Frage bei: „Was ist eigentlich das Münsterland? Hab ich da was verpasst?“ Unausgesprochen schwingt dabei gleichzeitig die Abkehr von einer Welt mit, die mittlerweile vor allem als gross und böse wahrgenommen wird (und als teuer - für Touristen wie für Programmmacher).

Der ebenfalls regional ausgerichtete „Tatort“, der in den dritten Programmen alternierend zu den lachenden Pfälzern und den bedeutendsten Osnabrückern läuft, fungiert dabei mit seinem (nun ja) Glam, seinen Verbrechen und seinem mittlerweile sehr unverbindlichen Lokalkolorit eher als Gegenmodell (bis auf die auch dort an sich böse Restwelt).

Das „Regionale“ platzte als Entdeckung in den 1970ern von der damals ernüchterten Gegenkultur ab. Wenn das große Land schon so erdrückend und doppelbödig schien, so boten doch die kleinen Länder und Bezirke Trost. Nebenschauplätze wurden zum Mittelpunkt erklärt, Dialekte ausgekramt, es wurde global gedacht und lokal gehandelt (auch wenn dieser Spruch etwas neuer ist). Es war gleichzeitig die Entdeckung des Marginalen und Romantik bei der Arbeit (wenn auch in der Regel ohne ihren nationalistischen Beigeschmack). Das genaue Hingucken vor der Haustür sollte den Blick nicht verengen, sondern erweitern. Geadelt wurde die Freude am Entstauben vom Dorf nebenan durch Ernst Blochs Idee der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“, der verschiedenen Welten mit verschiedenen Uhren, die ineinander verschränkt waren. Edgar Reitz drehte „Heimat“ im Hunsrück, der "Tatort" wurde geboren, und am anderen Ende nischten sich die Lokalzeitungen mehr und mehr mit Heimattümelei ein.

Was ist gegen das Erforschen der Seitenstrassen und von Nebengeschichten (was ja auch, nebenbei, eine Marschrichtung dieses kleinen Blogs ist) zu sagen? Was gegen Sendungen über die “ 10 unspektakulärsten Heimatmuseen des hinteren Ruhrgebiets?“ Dass sie eskapistisch sind? Was wäre denn nicht eskapistisch, und was ist gegen einen aufgeklärten Eskapismus hier und da zu sagen? Vielleicht, dass sie verbissen eskapistisch sind, nicht nur nahelegen, dass es andere Fragen gibt als die nach der Kreditwürdigkeit von Portugal (was sicherlich wahr ist), sondern auch, dass die Kreditwürdigkeit von Portugal nichts mit dem Erhalt des Puppenmuseums in Steinau an der Straße zu tun hat (was sicherlich nicht stimmt). Sie ducken sich vor der Welt weg. Zuviel Wucht und zuwenig Selbstverständlichkeit stecken in diesen Programmen, der Naivität fehlt die Unschuld, der Konzentration auf das Lokale die Souveränität. Sie umschiffen nicht lediglich Kontroversen, sie ersticken sie. Es ist ein Jammer. Ein bisschen Biss, ein wenig Leichtigkeit, eine etwas gedrosselte Produktionsfrequenz, und zappen könnte sich wieder lohnen (aber nein, da laufen ja doch überall Nachrufe auf...wen auch immer).

 

04.04. Depressiver Schlagerpop

Bleiben wir doch mal bei Musik: im Frühling (der eines Tages kommen wird, und sei es nächste Weihnachten) gibt es ja auch für Radioabstinente keinen Weg vorbei an Chartmusik, und selbst, wer allen heruntergekurbelten Autoscheiben und heraufgekurbelter Supermarktbeschallung erfolgreich ausweicht, muss sich vielleicht vom Friseur das Winterfell vor den Augen absäbeln lässen, und beim Friseur läuft Radio.

Nun ist zum Radio seit der Einführung des „Formatradios“ vor plusminus 20 Jahren eigentlich alles gesagt (und dazu muss immer noch hastig gesagt werden, dass es hervorragende Nischensender gibt, und einer davon läuft auch permanent in jedem zweiten bildungsbürgerlichen Radio). Und dennoch hat sich etwas Neues und Seltsames getan bei den aktuellen Stücken, die zwischen die Oldies gemogelt werden: es sind mehr und mehr depressive deutschsprachige Schlager.

Keine „death songs“, wohlgemerkt. Der „death song“ ist ein würdevolles und meist unsäglich bescheuertes Subgenre über tödliche Tragödien. Der Ausdruck meint eigentlich klebrig - schweres girlgroup - Konfekt (u.a.„Leader of the pack“) und erhaben schnulzenden rock`n`roll (u.a.„Tell Laura I love her“), wurde aber nach und nach auch auf andere Heuler übertragen, Conny Kramer starb/sie fuhren Dixie runter, die Musik verunglückte tödlich mit Buddy Holly, es regnete im November (und ein Song aus den 1970ern, den ich nicht nennen möchte, zieht diesem Autor immer wieder die Schuhe aus). Seinen Endpunkt erreichte das morbide Treiben mit Frank Farians „Rocky“, der seinem „Baby“ noch in dessen letzter Stunde zubrüllt, es solle alles nur ihm überlassen. „Death songs“ sind tragisch oder schwachsinnig, und dagegen ist nicht allzuviel zu sagen, vor allem in homöopathischen Dosen.

Auch die Diskussion über den möglichen Wert von Schlagern ist noch lange nicht abgeschlossen, solange wir das Pferd auf dem Flur und das Bett im Kornfeld lassen. Nun würden sich die heutigen Chartstürmer à la „Rosenstolz“, „Unheilig“ (gut, dessen erfolgreichster Hit ist natürlich ausnahmsweise ein verkappter „death song“) und Xavier Naidoo sicherlich ungern als „Schlager“ bezeichnen lassen (wenn sie auch hier und da einen „unverkrampften Umgang“ mit dem Begriff pflegen). Schließlich hauen doch in deren Liedern die Gitarren drauf, und es pluckert soviel im Hintergrund. Genau so wenig schreiben sie über den Tod, sondern „nachdenkliche Texte“. Und die traurig in ihre Tüte starrenden Hip - Hoper, die den Großteil der wundzufriedenen Stücke zu schreiben scheinen, hauen sicherlich jedem, der sie der Schnulze bezichtigt, die Mütze im Kopf.

Dennoch ist ein Genre entstanden, in deren Texten die Erde stirbt, weint, erkaltet, schweigt und verödet, während eine stolze Erzählerfigur mit bebender Tapferkeit sich trotzdem nach der Sonne sehnt, ihren Weg geht, nicht aufgibt. Dazu leimen elektrische Gitarren, wummernde Keyboards und hier und da ein Orchester die letzten Luftlöcher zu. Die häufig kirchenliedartigen Melodien kippen gerade häufig genug nach Dur, um jede melancholische Katharsis zu verhindern. Die Texte begehren gerade matt genug auf und fordern zum Mitsingen und Mitklatschen, um das Suhlen, das wieder ans Licht führt, zu verhindern. Dieser unerlöste Pop zwischen Wagner, den Smiths, Marianne und Michael evoziert einen Zustand des apathischen sehnsuchtsvollen Grauens und der hilflosen Selbstvergewisserung. Eine klassische ziehende säufersentimentale Nummer wie, sagen wir, „As time goes by“ wirkt dagegen wie ein Karnevalslied mit angenehmen Tränen. Flockige Ohrwürmer werden heutzutage von kanadischen Indie - Bands geschrieben, die weltweit 200 Platten verkaufen.

Nichts, gar nichts gegen todtraurige Lieder, aber wie kam es zu dieser Masse an diesen triefenden Anti - Hymnen? Teenager, mag man antworten, Teenager wollen so was, brauchen so was, das liegt an den verrückt spielenden Hormonen, den Tatsachen des Lebens und ihrer Entwicklungsaufgabe. Aber Teenager hören auch ganz andere Musik (in den Hitparaden des Musikmarkts taucht der neue deutsche Schlagerpop trotz seiner Rekordverkäufe eher vereinzelt auf), und Teenager programmieren weder das Formatradio, noch sind sie dessen bevorzugte Zielgruppe.

Nun ließen sich mit mehr Zeit und Muße sicherlich die Hitlisten verschiedener Länder vergleichen (und damit auch die Frage beantworten, ob in Ländern, in denen mehr protestiert, vielleicht anderes gesungen wird), Daten vergleichen (wann begann dieser Trend, und was passierte zu diesem Zeitpunkt drumherum?), Zielgruppen definieren, Musikerinterviews lesen. An dieser bescheidenen Stelle aber (speziell heute, wenn wieder einmal ein kalter Krieg droht) eine andere Vermutung: Es sind die Discjockeys. Discjockeys haben einst unbeirrt Rock`n`roll und die Rodgau Monotones bei breiten Hörerschichten durchgesetzt, heutzutage sitzen sie einsam und vergessen in ihren Kabinen und knallen sich mit „Wir sind am Leben“ zu (in meinen Augen kein schlechter Song, nur der Vollständigkeit halber) um sich nicht mit harten Drogen abzuschießen, wenn das Mikro abgedreht wird (oder sie tun das parallel). Oder: Discjockeys haben im Radio, wie häufig gemunkelt, mittlerweile wenig zu sagen bei der Musikauswahl, und die rettungslos an der eigenen Ohnmacht berauschten und dabei wahnhaft stolzen Lieder spiegeln das Lebensgefühl, der armen Seelen wieder, die die Musik für das Formatradio programmieren. Unbeachtet, eingesperrt in fensterlosen unterirdischen Büros, gekettet an unaufhörlich piepende Computer, dabei der eigenen Wichtigkeit gewiss. Verzeihen wir ihnen und wünschen ihnen alles Gute.

Und für uns, wenn es schon deutschsprachig sein muss, wenn es „Herz“ auf „Schmerz“ reimen muss, vielleicht beim Friseur und im Supermarkt zur Abwechslung etwas Gitte, bitte?

 

28.03. Wie schlimm ist "dein song"? (keine Antwort)

Dieser Blog kommt zu spät und ab jetzt immer donnerstags. Zu spät trotzdem, denn das Finale von „dein song 2013“ war immerhin schon letzten Freitag. „dein song“ ist seit 5 Jahren der „große Songwriterwettbewerb“ des Kinderkanals, also eine Castingshow für Teenager mit selbstgeschriebenen Liedern, die vom ZDF betreut wird. Je nach Blickwinkel und Gemütslage ist „dein song“ die beste der schlimmen Fernsehsendungen oder das schlimmste unter den nährstoffreichen Kinderprogrammen. Die Sendung zelebriert, wenn man nett sein will, Popmusik als Selbstausdruck und Kunstform und Teenager als Talente, ganz ohne Nachsingen, Style - Terror und dubiose Outfits. Von den Teilnehmern werden "Authentizität" und engagiertes Bosseln an ihren Werken verlangt - und dass im Fernsehen überhaupt die kleinteilige Arbeit an Popmusikstücken gezeigt und gewürdigt wird, bleibt ein Grund für zurückhaltende Begeisterung. Auf der anderen Seite werden 12jährige für zu kindliche Lieder gerügt, müssen 14jährige reizvoll ambitionierte Miniepen und schmissige kleine Melodien zu überproduzierten Radiosingles verformen, wie sie nirgendwo mehr im Radio gespielt werden. Die Sprache der Sendung ist die Sprache eines Marktes, der nicht einmal mehr funktioniert, die Dramaturgie ist die von permanenten Prüfungen und Konkurrenzsituationen. Wie in allen Castingshows geht es um die Frage, wie gut die Teilnehmer funktionieren, und wie sehr sie das Funktionieren verinnerlichen. Wer sich für Kritik bedankt und sich den verträumten Chanson zur knüppelnden Rocknummer arrangieren lässt ohne zu weinen, wer jede neue Auswahlsituation genießerisch als „einfach geilen Auftritt“ beschreibt, beweist sich als jugendlicher Künstler von Profiformat. Demütigungen bleiben bei „dein song“ aus, es wird grundsätzlich gelobt und ermutigt. Aber jede Auseinandersetzung zwischen Teilnehmern und Entscheiderseite wird durch aufbrandende Musik, Zeitlupen und Großaufnahmen von verängstigten Kindergesichtern dramatisiert, und ein Sprecher sinniert aus dem off: „Die Jury fordert Veränderungen am Text - wird xy in der Lage sein, damit umzugehen?“ Und die erzählerische Klammer der ca. 16 Folgen plus Finalshow bleibt das Aussieben - 16 von mehreren hundert Aspiranten werden geladen, 8 schaffen es über diverse Hürden bis in die Abschlusssendung, ein Teilnehmer wird „Songwriter des Jahres“, so wird es vor jeder Folge dräuend wiederholt. Es geht, in der Sendung (hinter den Kulissen mag es anders aussehen) nicht um das Entwickeln von kreativem Potential, sondern lediglich um das Schmieden von genau acht Songs mit Strophe, Pre - Chorus, Chorus und Bridge in drei Minuten. Diese acht Songs werden in der Regel von Hausproduzenten auf unterschiedliche Stile getrimmt, was pro Staffel ein abwechslungsreiches Album ergibt, das mehr oder weniger alle derzeit gängigen Strömungen der kommerziellen Popmusik für Teenager abdeckt. Pro track steuert ein prominenter „Musik - Pate“ noch ein persönliches Markenzeichen bei, coacht und belehrt, offensichtlich ohne üblicherweise Einfluss auf Arrangement und Abmischung zu haben (was beispielsweise dazu führt, dass Wolfgang Niedecken in einem ursprünglich folkigen englischsprachigen Song auf Kölsch etwas über Zombies nuschelt, bevor bratzige Gitarren aufjaulen,- nur, um anschließend in der live - show das ganze Prozedere zu kritisieren). Das Schlimme an diesem Spiel ist, dass es sich nun einmal nicht als Ausverkauf des kika und Abspeisung jugendlicher Träume abtun oder gepfeffert abwatschen lässt, dafür sind alle Beteiligten, gerade auch die obligatorischen „Juroren“ (darunter der Musikproduzent Peter Hoffmann, der einst Tokyo Hotel entdeckte und mehrere Jahre lang die „dein song“ CDs produzierte, und der in jedem Interview betont, hier ginge es nicht darum, die nächsten Tokyo Hotel zu entdecken, aber permanent die strenge Stimme des professionellen Marktes spielt und Lieder voller teenage angst fördert) mit zu viel Herzblut bei der Sache. Das Format der Castingshow und das Format des Reißbrett - Pops bügeln konsequent die Blumen nieder, die sie selber zum Wachsen bringen.

Diesjähriger Gewinner war die 14jährige Lina Strahl, deren amorphes und unsicher kunstvollen Liebeskummerlied „Freaking out“ von der Band Mia. (sie produzierte selber) zu einer donnernden Rummelplatzelektro - Nummer mit Retrocharme (frühe Nena) aufgepeppt wurde. Grundschülerinnen finden es toll, und die Aufnahme könnte, wie beinahe alle Stücke der diesjährigen CD, das Radioprogramm sofort etwas erträglicher machen. Aber....naja, das liegt ja auf der Hand. Diese Welt ist wohl im Moment wirkllich nicht der Traum eines singenden Teenagers.

 

19.03. Totengedenken (erfunden)

 

 

Es ist ja nicht mehr feierlich, und wie üblich sind Krimis und Nachrichten daran schuld. Eine Woche trennen uns noch von der großen Totengeschichte unserer Kultur (nein, es geht nicht um Michael Jackson. Der Witz ist alt und hat einen Bart. Wäre auch für Michael Jackson vermutlich besser gewesen), und zeitgleich wird in unserem Fernseher so vehement gestorben, dass jede einsame Leiche als schlechter Witz erscheinen muss, und sei es der Messias (mit Bart). Von den USA wurde einmal gesagtet, ihr Fernseprogramm zeige eine Gesellschaft, die aus etwa 150 Menschen bestünde, von denen jede Nacht um die 15 ermordet würden. Bei uns dürfte das Ergebnis beim Nachzählen noch deutlich drastischer ausfallen, schließlich werden in den USA auch noch haufenweise dumme Shows und entsetzliche Sitcoms produziert (und dazu noch hervorragende Serien und Filme, aber blenden wir die mal aus, man muss sich ja nicht immer alles geben, und Karfreitag ist eben doch erst nächste Woche). In Deutschland jedenfalls regieren Krimis und Nachrichten unangefochten. Manchmal laufen auch zeitgeschichtliche Dramen, in denen vor allem gestorben wird. Genauer: es hört einfach nicht auf mit dem Geröchele, und es sind häufig die immer gleichen Visagen, die in letzten Zügen in die Kamera wanken. Ich selber bin mir beispielsweise sicher, bereits zwei von Judy Winter gespielte Selbstmordversuche beobachtet zu haben. Ich kriege nicht einen Filmtitel von Judy Winter zusammen, geschweige denn einen Rollennamen. Lebt sie noch? Spielt sie noch? Züchtet sie Fische? Keinen Dunst, aber ihre Selbstmordversuche bleiben unvergessen. Bei männlichen Charakterdarstellern sieht es dann aber noch weit übler aus: Krimis und Zeitgeschichtliches sind ihre Domäne, und seine Klasse beweist der gute deutsche Filmschauspieler durch gutes Sterben und das Herausjapsen von theaterhaften Dialogen. Weibliche Darsteller bewähren sich dagegen eher durch möglichst unerotische Sexszenen (Gewalt, viel Gelaber, möglichst unvorteilhafte Ausleuchtung objektiv wunderschöner Frauen), sowie natürlich ebenfalls möglichst kunstvolle/leblose/unkünstlerische Theaterszenen . Konkret kann die heitere Miscbung aus Gebrüll und Geröchel zu eingier Verwirrung führen: Beim an sich sehr geschätzten August Diehl komme ich auf fünf halberinnerte Filmtode, wovon vermutlich nur etwa drei stimmen, da Diehl die Grenzen zwischen Dialog und Verenden wirklich meisterrhaft zu vermischen weiß. Andere Schauspieler, vor allem aus der Nachkriegszeit der verlogenen Vergangenheitsnichtbewältigung rufen alleine durch ihre vielfältigen Krepierszenen ähnliche surreale Verwirrung vor: Sollte eimal die Meldung von Mario Adorfs Tod (er lebt doch noch, oder?) über die Ticker klappern, werde ich (nur ich?) mich fragen, ob der Tod in knalligen Farben mit einem Cowboyhut in Jugoslawien kam. Viele Kinski - Fans sind ja auch der Meinung, der arme Mann habe für seine mutmaßlichen Verbrechen mehr als genug gelitten, schließlich sei er mehrmals bei lebendigen Leib verbrannt, zu Tode gepeitscht, aus Hubschraubern und von Pferden zu Tode gefallen und dazu noch von Terence Hill verdroschen worden (bei aller berechtigten Kritik an Kinski ist es natürlich etwas wohlfeil, über dergleichen zu spotten. Ich selber bin Peter Lorre - Bewunderer und ansatzweise mit seiner Biographie, dem Unterschied zwischen Rollen, Rolle und Mensch vertraut und ertappe mich immer wieder bei der Überzeugung, er sei als Emigrant wegen Passschmuggels hingerichtet worden).

Nun, wie können wir wieder ein wenig menschliches Maß in das makabre Spiel hineinbringen? Ein bescheidener Vorschlag von meiner Seite: Pro Tag möglichst naiv eine/n kürzlich verabschiedete/n fiktive/n Tote/n betrauern. Nach denken über: Art des Todes samt besonderer Begleitumstände, die mögliche Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit dieses Todes, den Charakter der gestorbenen Person und den Einfluss von Charakter, Tod und Begleitumständen auf seine/ihre fiktive Umwelt. Das Verbuddeln von leeren Streichholzschachteln in Blumentöpfen als symbolische Beerdigung ist dabei nicht nur erlaubt, sondern gern gesehen, das Gleiche gilt für Tränen und für wehe Erinnerungen an Winnetous Tod (der Trashfaktor sollte sich dennoch in bescheidenen Grenzen gehalten, erst einmal kein Kinksi, bspw.). Wenn es uns zumindest wieder nach und nach gelingen sollte, wieder einzelne fiktive Tote taktvoll zu verabschieden (als fiktive Tote. Trauer um reale Personen funktioniert anders, konkreter und langsamer und sagt weniger über die eigene Psyche aus) stapeln sie uns nicht das Gehirn zu, ist unsere Verrohung wieder eine kleine Ecke weiter in die Ferne gerückt, werden Krimis wieder spannender,.... können wieder wildere Blogs geschrieben werden. Schön wird`s.

 

12.03. Eiscrème (1) & Kunden, denen das gefällt

Trotz der bitterkalten Welt trudeln nun, wie jedes Jahr, nach und nach die neuen Sorten und Farben von Großindustrieeiskrem (auch ein guter Bandname) in den Kiosken, Kinos und Wasserhäuschen ein. Bald werden die bunten Schilder mit den frostigen Attraktionen den Radfahrern im Weg stehen, und, wie jedes Jahr, werden die am heftigsten beworbenen Produkte nicht lieferbar sein, ruckzuck ausgehen und grässlich schmecken. Über den schönen Brauch des Eiskrementdeckens und seine Schattenseiten bald ein Beitrag, wenn es wärmer wird. Hier nur in diesem Zusammenhang ein kleiner, erleichterter Seufzer darüber, dass jenseits der Blockbuster - Eiscrème das Spiel mit den gelenkten Geschmäckern zumindest noch nicht lückenlos abgekartet ist. Ich spreche hier von Amazon - Empfehlungen. Mehrere wichtige Bücher der letzten Monate (vor allem „Demokratie!“ und „Ego“) haben, völlig zu Recht, aus unterschiedlichsten Perspektiven die Klage angestimmt, jetzt seien wir alle in unseren scheinbar individuellen Wünschen beinahe endgültig erfasst, manipuliert, stumm - und dummgeschaltet. Und diese Volten lassen sich natürlich kaum naseweis abtun und auf einen winzigen Teilbereich verkürzen (nicht zuletzt, da es den Autoren ausdrücklich ums große Ganze geht, nicht um persönliche Spleens). Und dennoch: was für eine Erleichterung, dass die Amazon - Empfehlungen nach wie vor so danebenliegen! Ich selber bin, auch wenn das Geständnis schwer fällt, über vier verschiedene Geschäftsmodelle Kunde bei dem Laden und habe in den letzten zehn Jahrem umpfzig Produkte erworben (die Gründe dafür sind komplex und würden hier zu weit führen), und noch nie hat Amazon mir ein Stück Kultur ans Herz gelegt, dass mich auch nur ansatzweise zum Spontankauf verführt hätte. Sobald die Auswahlalgorithmen sich nicht mehr an den gleichen Künstler oder die nächste Staffel einer Serie halten können (dubios genug), versagen sie vollständig. Ich bin schon froh, wenn mich die angeblich feinabgestimmten Lockangebote nicht schreiend in die nächste Ecke treiben und dazu bringen, mich furchtsam vor all den grässlichen Büchern, Filmen und CDs zu verstecken, die auf dieser Welt ihr Unwesen treiben. Jetzt halte ich meinen Geschmack zwar für ein bisschen eklektisch, aber nicht sonderlich bizarr - scheinbar kann mich jeder, der zweimal mit mir gesprochen hat, aus dem Stand mit Kram beschenken, der mich begeistert (nein, das kommt nicht häufig vor, und das ist vermutlich auch nicht sehr schmeichelhaft), nur der Amazon - Klient ist dazu partout nicht in der Lage. Weil er taggt, anstatt Querverbindungen zu entdecken, nehme ich an. Weil er seine Bestseller unters Volk bringen will und dabei verzweifelt nach dem kleinsten möglichen Anhaltspunkt sucht. Weil seine unpersönliche Sicht auf Zielgruppen, Schnittmengen und Auswahlkriterien so zynisch gefüttert wird, dass er nicht taugt. Eine kleine Spontanumfrage im heterogenen Bekanntenkreis hat zum beruhigenden Ergebnis geführt, dass es allen so zu gehen scheint. Niemand scheint sich von Online - Empfehlungen auch nur peripher erwischt zu fühlen. Rechnen wir das hoch auf die digitale Konsumentenkultur, die gerade an allen Ecken und Enden gegen die Türen bollert, und es besteht, zumindest zur Zeit, Anlass zur fröhlichen Entwarnung. Da lässt sich auch den hoffentlich bald heranrollenden Eisnovitäten gelassen entgegensehen, die uns tatsächlich nur die Wahl zwischen „Spider Man“ und „Magnum Yoghurt Fresh“ lassen, so wir nicht konsequent auf Eisdielen (bei aller Liebe ebenfalls ein heikles Thema) oder Selbstgemantschtes setzen. Aber das sind Sujets für die nächsten Sonnenstrahlen, heute nur eine Erinnerung daran, dass wir auch als entblößte und durchleuchtete Leser, Gucker, Hörer im Winter auch von den ambitioniertesten Werbeprogrammen der Geschichte nicht einmal ansatzweise erfasst werden. Darauf erstmal ein wildes Geschmöker zu seltsamer und schlüssiger Musikauswahl.

 

05.03. Dumm und gut? Mehr? Weniger?

Der „Harlem shake“ könnte die erste positive originär aus dem Internet stammende Massenbewegung sein (nein, der „arabische Frühling“ wurde nicht von sozialen Netzwerken losgetreten). Mehrere tausend Kürzestfilme zu Musik aus allen Teilen der Welt antworten aufeinander mit Variationen der immer gleichen Idee, und im Unterschied zu anderen „youtube“ - Phäomenen funktioniert die sachte „Harlem shake“ - Hysterie ganz ohne kommerzielle Nebeninteressen. (was natürlich nicht per se etwas Schlechtes sein muss.- Zur mutmaßlichen Entstehung des Phänomens stehen ein paar Sätze bei Wikipedia).

Beinahe alle diese Clips laufen ab wie folgt:

Ein karger fiepender Beat aus immer dem gleichen Musikstück liegt unter einer meist außerordentlich öden und disziplinierten Alltagssituation. Feuerwehrmänner fahren im Feuerwehrauto, Soldaten exerzieren (um zwei der besten Beispiele zu nennen). Eine maskierte Gestalt sponkt wie neben der Szene mittendrin im Takt herum (in der Regel hebt er oder sie die Hände nach oben und rotiert in den Hüften). Ein scheinbar nichtbeachteter Fremdkörper, ein Clown, ein Trickster. Zehn Sekunden geht das so. Dann verkündet eine gutturale Computerstimme auf dem Soundtrack: „Do the Harlem shake!“, und nach einem brachialen Schnitt sehen wir die gleiche Einstellung verändert: Alle Anwesenden zucken zu elektronischen Schnodderbeats in orgiastischen Verrenkungen fröhlich herum, häufig auch in Verkleidungen (beliebt sind Superheldenkostüme oder ihr Nachhall, Masken aus der Kinderwelt oder wirre Anspielungen auf sexuellen Fetischismus). Gegenstände werden durch den Raum geworfen, Arbeitsgerät wird zweckentfremdet, die Hölle bricht los. Etwa zwanzig Sekunden lang. Dann ist der Film zu Ende, und der Spuk vorbei. Trotz der wohl unvermeidbaren auch vorhandenen geschmacklosen Varianten (ANMERKUNG NACH TEXTSCHLUSS: und offensichtlich einiger mittlerweile offen politischen) sind die meisten dieser kurzen Spots gutgelaunt verspielt, liebevoll augestattet und von den Beteiligten offensichtlich im Rahmen ihres tatsächlichen Alltags aufgenommen worden.

Was hier erzählt wird, ist, kurz gesagt, die Geschichte beinahe jeder Revolution in dreißig Sekunden. Oder jedes besseren Kindergeburtstags. Und weil wir bei Revolutionen und Kindergeburtstagen ja gerade eher richtungslos skeptisch sind, wird in den kurzen Filmchen tatsächlich ausschließlich der Moment gezeigt, in dem die uniformierte falsche Normalität aufbricht, das so gutartige wie blöde Es aus den Untiefen nach oben zuckt, kurz die Befreiung erlebt wird. Gerade in der fröhlichen Dummheit und Konsequenzenlosigkeit der Filmchen besteht ihre Kraft.Es sind offenkundig gestellte, überdrehte und schlichte Variationen einer Situation. Ob diese Situation das Aufeinandertreffen von Realität und Traum ist, oder von Kritik und Gegenentwurf, bleibt völlig offen. Es ist der utopische Rest im Leben selber, der hier zelebriert wird, in seiner schlichtesten Form: alle tanzen. Kein dritter Akt überführt das herausplatzende Amlebensein wieder in eine Erzählung, Wertung oder Synthese. Es ist nicht anzunehmen, dass die dort ausflippenden Soldaten oder Feuerwehrmänner nach dem Dreh ihren Existenz schmeißen, oder als würden sie sich nicht zum Teil sehr große Mühe geben, ihre übliche Umgebung vorteilhaft zu inszenieren. Die kruden kleinen Meisterwerke sind Handmeldungen: auch uns gibt es, auch wir platzen vor Ekstasen und seltsamen Ideen, auch wir haben noch ein paar Pappnasen im Schrank und können noch tanzen. Wir sind mehr. Das Leben lebt noch immer, das ist doch ein hervorragender Ausgangspunkt für den deutschen Frühling.

 

 

 

 

 

 

19.02. Der eigenartige Fall der Stadtmagazine

In der Hauptstadt stürmt der Schnee, aber südlich von Niedersachsen wagen sich Kroken (oder wie auch immer) in die milde Luft, und mit einem Mal scheint ein Frühling möglich. Menschen flanieren zögerlich in die Welt hinaus, um schon vergessene Häuser und Bäume wiederzuentdecken, um sich über neue Bücher, neue Musik und neue Eissorten zu informieren oder um zu schauen, was die ganzen Pudelmützenträger bei Sonne machen (tapfer kollabieren, vermutlich). Aber in den Ecken der entrümpelten Läden und aufgetauten Kneipen wird mindestens eines fehlen, nämlich eine neue Ausgabe von „Prinz“. Seit Anfang des Jahres wird das hybride Stadtmagazin, das als Sammelmarke begann und längst ein Großunternehmen ist, nicht mehr gedruckt, sondern nur noch online betrieben. Parallel dazu schießen in der Provinz jedoch immer neue Anzeigenblättchen mit Veranstaltungshinweisen aus dem Boden, auf dickem Glanzpapier, mit viel gephotoshopten (nimm das, Bastian Sick!) Farbbildern, konzipiert entweder für eine reifere Zielgruppe, oder aber, und häufiger, für niemanden. Anzeigen und Artikel fließen aufs Schönste, also: Krudeste ineinander, und die einen wie die anderen handeln häufig von Schokoladenaufgüssen, Firmengründungen und Resteverkäufen. Die Betreiber dieser neuen Stadtmagazine sind häufig genialische Einmannkapellen, denen haufenweise interessante Artikelkonzepte einfallen, und die gut schreiben könnten, wenn sie sich nur lassen würden. Aber sie lassen sich nicht, und eine merkwürdige Wehmut bleibt.

Warum gab es eigentlich Stadtmagzine? Historisch betrachtet standen sie in dem Moment auf der Matte, in dem sich das gegenkulturelle Gewusel der 1960er und 1970er ausdifferenzierte und sachte kommerzialisierte. Als die gegenkulturellen Grüppchen nicht mehr Tag und Nacht miteinander herumhängen wollten, sondern individuelle Projekte starten und Geld verdienen, reichten Pinnwände nicht mehr aus, um die Szenen zusammenzuhalten. Wann eine Band spielte oder wer jetzt mit biologisch dynamischen Möhren handelte ließ sich nicht mehr in vollem Umfang von Mund zu Mund weitertragen, schließlich waren die Leute ja auch mit ihren Bands und mit ihren Möhren beschäftigt. Und auch der Aufruf zur Demo gegen Nachrüstung oder Atomkraft erreichte einen jungen, bewegten Familienvater nicht mehr so einfach nachts in der Kneipe, das Stadtmagazin ließ sich dagegen praktisch beim Brötchenkauf mitnehmen.

Die etablierten Regionalzeitungen waren an den Neuigkeiten aus der alternativen Szene nur in Ausnahmefällen interessiert, wenn sie sich nicht sogar als Gegner der alternativen Szene verstanden. Sie berichteten über Stadttheater und wiesen auf die Jubiläen von Schuhgeschäften hin, die auch Anzeigen bei ihnen schalteten. Nicht zuletzt verstanden sich aber umgekehrt die Stadtmagazine deutlich als Gegenöffentlichkeit. Sie hätten keine Anzeigen von jenem Schuhgeschäft angenommen und verquickten Politik, Kultur und Wirtschaftsnachrichten auf eine Weise, die der klassichen Trennung und Mischung in Regionalzeitungen diameträr entgegenlief. Problematisiert und ignoriert wurde genau spiegelverkehrt: die einen wollten keine Feten ankündigen, die zur Solidarität mit Nicaragua aufriefen, die anderen keine Stadtfeste, die scheinbar ungebrochen seit hundert Jahren gefeiert wurden. Dazu kam, dass nicht alles, was in den Stadtmagazinen angepriesen wurde, hundertprozentig legal war. Möhrenverkäufern fehlte in vielen Fällen der Gewerbeschein, Konzertveranstaltern die GEMA - Nummer, Demos waren nicht ordentlich angemeldet.

Zusammen mit den sozio - kulturellen Zentren,den Bio - Läden, all den kleinen Läden und Veranstaltungsorten, die parallel entstanden waren, professionalisierten sich die Stadtmagazine (als erstes gilt in Deutschland der Frankfurter „Pflasterstrand“ Ende der 1970er) jedoch und schufen eine Idee von modernem, leicht urbanem Leben, die schillerte und viele anzog. In den 1980er Jahren wurden die lay - outs schicker und gerieten die politischen Urteile über diesen und jenen Film, dieses und jenes Modeaccessoire weniger streng. Die Stadtmagazine befanden sich von Anfang im Spagat zwischen Hedonismus und Gesellschaftskritik. Aber die gelebte Utopie von kleinen Läden, fairen Preisen und einer bruchlosen Verschmelzung von Arbeit, Freizeit und Engagement (zumindest für einige, zumindest eine Zeit lang), wurde in den 1980er zu einem in jeder Hinsicht praktikablen Modell des fröhlichen Nischenlebens. Diese Nischen wurden schnell so anziehend wie hippe Stadtviertel, und mit den Zeitgeistmagazinen „Tempo“ und „Wiener“ kam es Mitte der 1980er zum ersten großen Bruch zwischen Veranstaltungstipps und alternativer Szene. Der Bruch war aber noch nicht sonderlich dramatisch: zum einen kamen auch die neuen Yuppie - Zeitschriften wie selbstverständlich von der Idee einer Gegenöffentlichkeit her und erklärten nur eine ironische betonte Oberflächlichkeit (in Wahrheit hochkomplex und gebrochen) zum neuen „Gegen“ (ohne sich insgesamt abzugrenzen), zum anderen sahen sich auch noch die politischsten Stadtmagazine alter Prägung als undogmatisch links, am guten Leben interessiert und wollten sich nicht als Spaßbremsen sehen lassen. Da die Zeitgeistzeitschriften überregional agierten, die Stadtmagazine aber lokal, kamen sich die beiden Formate ohnehin kaum in die Quere. Gemeinsam wurden vor allem der große Hollywoodfilm, Alltagsdesin und Popmusik zu journalistisch relevanten Themen erklärt, ebenfalls gemeinsam wurde die klassische Politik so respektlos wie ernsthaft beschrieben. Aber auch wenn die Zeigeistzeitschriften die neueren Stories über die größeren Events hatten, die betont bürgernahe Beschreibung von Lokalpolitik wie auch die Klein - und Kontaktanzeigen blieben die Domäne der Stadtmagazine. Und dann kam „Prinz“, „Prinz“ setzte auf einen veränderten Zeitgeist und gewann. Statt Hipstertum wurden nun Großraumdiskos abgefeiert, statt Kritik an der Welt gab es ein grimmiges Bescheidwisserlächeln, aber von beidem blieben gerade genug Spurenelemente, um „Prinz“ und seine Nachahmer interessant zu machen, für Leser wie für Schreiber. „Prinz“ selber war schon aus dem Zusammenschluss zweier Hand voll Stadtmagazine entstanden, innerhalb weniger Jahre hatte die Mega - Marke sowohl „Tempo“ und „Wiener“ als auch Dutzende konkurrierender Stadtmagazine vom Markt gefegt. Der kühl - aufreizende “Prinz“ - Schriftzug stand gleichzeitig für Glimmerwelt und rudimentäre Glaubwürdigkeit, für dieLockungen einer brav- bösen Welt und die Heimeligkeit einer brav - guten. Bereits Ende der 1990er Jahre verkündete die Zeitschrift „Spex“, die einzigen Magazine, die sich noch irgendwie den Ideen einer Gegenkultur verpflichtet fühlten, seien die Berliner „Zitty“ und die Kölner „Stadtrevue“.

Das Ende von Prinz ist natürlich vor allem dem Netz geschuldet. Kleinanzeigen, Kontaktanzeigen und Veranstaltungshinweise, die wichtigste Einnahmequelle und der größte Trumpf der Zeitschrift sind digital geworden. Aber auch das Lebensgefühl hat sich verhindert - ein Blatt wie „Prinz“ ist dem einen noch zu altväterlich, während es der anderen schon zu marktkonform ist. Die Mischung passte an allen Ecken und Enden im Detail nicht mehr für Leser im studentischen Alter, um die es bei einer solchen Publikation ging. Vielleicht sind die neuen Anzeigenblätter mit Glanzdruck und Wellness die zeitgemäße Entsprechung für Menschen, die mit dem Phänomen der Stadtmagazine gealtert sind und sich ihren Kick, dass die Welt neu und vertraut ist, und ihre Informationen darüber, was das für den Laden an der Ecke heißt, immer noch nicht digital holen wollen. Auch dass die neuen Stadtmagazine immerzu ihren jeweilige Region als Wirtschaftsstandort retten wollen, so wie die alten immerzu überall eine subversive Veränderung der Welt erspähten, mag nur an den mit dem Alter unterschiedlichen Interessen zumindest eines bestimmten Milieus liegen.

Aber noch ist nichts entschieden, noch brodelt und bosselt es weiter, werden Nachbarschaft, Kultur und Politik immer wieder neu entdeckt und beleuchtet, in bewusst kommerziellen wie in bewusst - nichtkommerziellen Nischen und Projekten, Zeitschriften und Internetseiten. Und soviel gäbe es dazu zu schreiben, zu fragen und anzumerken, aber manchmal muss man ja auch einmal nach dem Wetter gucken und sich gegebenfalls über die ersten Blüten des Frühlings freuen.

(Fußnote bei kaltem Wetter: Mit "Stadtmagazinen" sind alle Publikationen gemeint, die sich über lokale Anzeigen finanzieren und finanziert haben und von lokalen Veranstaltungskalendern dominiert werden oder wurden. Dieses Modell war in den späten 1970er Jahren ein Bruch mit vorangegangenen "Underground" -, Fach- und Liebhaberzeitschriften. Die "Zeitgeistzeitschriften" der 1980er hatten ein vollkommen anderes Geschäftsmodell,- überregionale Anzeigen plus Verkaufspreis-, und einen anderen Inhalt - überregionale Artikel-, aber dennoch eine vergleichbare journalistische Ausrichtung(= "wo ist was los?"). "Prinz" schließlich verband diese beiden Ansätze offensiv.)

 

12.02. Wo sind die miesen Filme?

Der Karneval ist gescheitert, und zwar anders als üblich. Soweit es Katholiken betrifft, war es natürlich der Papst. Die alte Spaßbremse hat ihren Schäfchen eiskalt den höchsten Feiertag vermiest. Wenn es lediglich um die Rettung seines Lebens vor den Intrigen im Vatikan gegangen wäre, hätte es sicher auch eine Ankündigung nächste Woche getan. Nein, Ratzinger erweist sich ein weiteres Mal als Taktiker mit Eiswasser in den Adern, der seine Kinder durch Verunsicherungen und heiligen Ernst zur Ordnung ruft. Seine Widersacher innerhalb der Kirche scheinen also in Köln und Südamerika zu sitzen. Dort werden sie Jahre brauchen, um wieder unbeschwert Kamelle schmeißen oder den Zuckerhut betanzen zu können. Es ist eine Gemeinheit.

Nicht - Katholiken in Deutschland fehlen in diesem Jahr dagegen die miesen Filme, das zwingende Gegengift zur Berlinale, die traditionellerweise um Rosenmontag herum im Spätprogramm versendet werden. Ist bei 300 Stunden Büttenreden kein freier Programmplatz mehr geblieben? Sind die Rechte alle gegen Fußballbilder getauscht worden? Betrifft die Angst der Sender vor Spielfilmausstrahlungen mittlerweile selbst die Stunden nach 2.00 in einer Montagnacht?

Es gibt ja immer noch Sendungen, die über DVDs, Mediatheken und youtube keinen Spaß machen. Für viele gehören Sportereignisse dazu, eine große, arrivierte Sekte innerhalb unserer Gesellschaft kann einen neuen „Tatort“ nur in der Erstausstrahlung genießen, und dieser Autor bemüht sich jedes Jahr, den „Eurovision song contest“ wenigstens teilweise live zu verfolgen. Miese Filme zu Karneval gehören in die gleiche Kategorie. Nein, keine seriösen Karnevalsfilme wie „Kehraus“ oder „Der Spion, der mich liebte“. Die anderen Filme. Wer kauft für alte Celentano - Komödien DVDs? Wer will die aufnehmen? Wer zieht dafür die Vorhänge zu und setzt sich andachtsvoll auf einem Sofa zurecht, um sie konzentriert zu genießen? Das fühlt sich nur gott-( und meistens: menschen) -verlassen und „selber schuld!“ an. Nein, solche Werke beglücken beim wirren Reinzappen, wenn die Welt ohnehin Quatsch macht, nur dann sind die Rezeptoren offen für die kruden Kostbarkeiten, die sie kredenzen können.

Hier also eine kleine Liste von Filmen, die dieses Jahr, gegen die Tradititon, an Karneval NICHT im Fernsehprogramm auftauchen:

 

„Hellzapoppin - In der Hölle ist der Teufel los“ (1941), inszeniert von H. C. Potter, ist natürlich ein abartig guter Film und darum hier eigentlich fehl am Platz. Aber dieses eine Meisterwerk an surrealer Filmkomik läuft traditonell an Karneval im deutschen Fernsehen, und falls in der Idee vom „Karneval“ noch irgendetwas an tiefergehender Bedeutung mitschwingt, ist das auch richtig so. „Hellzapoppins“ Hauiptdarsteller sind die ansonsten völlig vergessenen Komiker Olsen und Johnson, die etwa so viel Glam versprühen wie einst Herr Kaiser. Ihr nicht .- existentes Charisma trägt zur subversiven Glimmen des Films bei. Olsen und Johnsson (sie haben nicht mal Rollennamen) bemühen sich, eine Musicalaufführung zu retten. Es gibt Liebespaare und Intriganten. Das ist die Handlung, und sie vebraucht gerade genug Filmzeit, um die Szenen zusammen zu halten und ein bisschen menscheln zu lassen. Ansonsten werden so ziemlich alle Film-im-Film- Witze gemacht, die 1941 denkbar schienen (wild wechselnde Hintergründe, Zurückspulen, aus dem Rahmen fallen), und wirklich wilde Tanznummern gibt es auch noch. Der Film (steile, vielleicht unhaltbare Hypothese) will furios die Lücke schließen, die der angebliche Rückzug der Marx Brothers von der Leinwand hinterlassen hat. So wie die wohl noch sehr viel abstraktrere und improvisiertere Bühnenshow „Hellzapoppin“ vorher die Lücke schloss, die der Weggang der Marxens vom Broadway gerissen hatte. Belegen lässt sich das dadurch, dass der fulminante Marx Brothers - Autor und - Freund Nat Perrin an „Hellzapoppin“ mirgeschrieben hat, das Werk immer wieder fälschlich Groucho, Chico und Harpo zugeschlagen wird und häufig unter „als der beste Film, den die Marx Brothers nie gemacht haben“ fungiert (mit etwa dem gleichen Recht, mit dem „Zeugin der Anklage“ als Film von Alfred Hitchcock gilt). Die Anfangsszene zeigt eine Abendgesellschaft, die zur Hölle fährt. Und die Hölle ist die Hölle, inklusive Menschenspießen und Menschen in Dosen. Die ehemalige Filmpäpstin Pauline Kael wies auf die Verstörung hin, ein solches Setting ausgerechnet in einem Film aus dem Jahr 1941 zu sehen. Angesichts des persönlichen Hintergrunds der Filmemacher scheidet Sadismus als Grund für dieses waghalsige Tableau aus, und jeder mag für sich entscheiden, wie lustig diese hysterische Prophetie vor dem zeitlichen Hintergrund ist. Unterm Strich ist „Hellzapoppin“ der eine wirklich anarchische Langfilm, der bisher aus Hollywood kam, wild, bitter und grundsympathisch, und dass er trotzdem nach altem Hollywood aussieht, riecht und staubt, kann den Spaß nur noch vergrößern.

 

Die Marx Brothers im Zirkus/ Go west!/ Die Marx Brothers im Kaufhaus (1939- 1941) sind die drei letzten Filme des gigantischen Komikertrios für MGM, und sie sind ziemlich übel. Unsterbliche und heillos vergurkte Szenen, Ätzen und Schmieren, funklendes komisches Gold und ranzige Geschmacklosigkeiten, großartige Ausstattung und schlecht sitzende Perücken geben sich so die Klinke in die Hand, dass die Mischung nur bei halbausgeschaltetem Hirn wirklich Freude bereitet, dann kann sie aber enorm sein. Selbst (oder: gerade) Fans können diese Filme nur ca. 4 mal im Leben ertagen, aber die sollten es schon sein, und dafür gab es in den letzten Jahren Ausstrahlungen vor allem zu Sylvester und Karneval.

 

Fritz the cat (1972) von Ralph Bakshi ist ein unangenehmes, quietschbuntes und wichtiges Werk und lässt sich nur mit abartig viel Selbstdisziplin bewusst und am Stück betrachten. Der angeblich „erste Zeichentrickfilm für Erwachsene“ strotzt vor indiskutablem Müll, brillanten und himmelsprengend inspirierten Szenen und, vor allem, schrecklich viel flackerndem Material dazwischen. Er erfordert zwingend Karnevalsgucken. Wo bleibt er heuer?

 

Die „Lümmel“ Filme mit Hansi Kraus (1967- 1972) erweisen sich im Rückblick als Langzeitversuch, Theo Lingen seine Würde zu nehmen. Klappt natürlich nicht, aber in Fetzen geht sie schon. 30jährige geben in „Schulmädchen“ - Optik jugendliche Lausbuben, Schlagerstars und ausrangierte Filmkomiker, Ilja Richter und Uschi Glas gackern in hektischen Verrenkungen durch Plots voller Affen, explodierender Reagenzgläser, vorgetäuschter Verrücktheit, seniler Erbonkel usw.usf. Jeden Moment erwartet man in ängstlicher Ekstase, dass das schleimige Kasperltheater grinsend in Sex und Gewalt umkippt. Was tatsächlich passiert, ist befremdlicher.

 

Soweit die Klassiker, hier nur noch ein persönlicher Liebling:

 

In „Joan Lui“ (1985) von und mit Adriano Celentano ist die unverwüstliche Knallcharge fürs Gute Jesus mit Nickelbrille, Piratenkopftuch, 3- Tage- Bart und einer Tänzerinnengruppe. Judas ist ein 1980er - Bondgirl, und die Apokalypse besteht aus Keyboard - Gewummer. Bei Celentanos Bibelstunde zerfällt das Hirn, die Ohren drehen sich panisch nach innen, und die Augen versuchen an den Anschlussfehlern vorbeizugucken. Im Kino führt das Ding zu ungläubiger Wut. Nach erschöpfendem inneren Kampf macht der zähe Quark im Fernsehen allerdings irgendwann so glücklich wie Celentanos melodisches Grunzmurmeln.

 

 

 

 

05.02. Warum liest niemand Ross Macdonald?

Der Psychotrhriller wurde von einem zänkischen Ehepaar aus Kanada erfunden. Sie waren arme intellektuelle Snobs in Kalifornien, gemeinsam besessen von Freud, Dostojewski und Kierkegaard, und verbitterte sehr- linke Demokraten. Sie erfanden das Genre in den 1940ern und hatten nichts weniger vorgehabt. Er half ihr aus mit Plots, sie half ihm aus mit Dialogen. Einmal die Woche gingen sie gemeinsam zu öffentlichen Gerichtsverhandlungen (in späteren Jahren beobachteten sie zusätzlich Vögel). Sobald sie sich ein Haus leisten konnten, schrieb sie morgens im Erdgeschoss, und er schrieb abends im Keller. Dazwischen lebte eine Tochter, die mit alledem nie klarkam, und deren letztendlich tragisches Schicksal beide in ihren besten Werken verarbeiteten.

Schon ihre Autorennamen waren von leiser Tragik umweht: sie hatte, als frühe Feministin, eigentlich nicht einmal heiraten wollen, aber veröffentlichte letztendlich nicht unter ihrem Geburtsnamen Margaret Sturm, sondern mit seinem Nachnamen als Margaret Millar. Er wollte keine Krimis unter seinem Geburtsnamen veröffentlichen, um seine akademische Karriere nicht zu gefährden, doch die Krimis killten diese trotzdem. Sein erstes Pseudonym, John Ross Mac Donald, rief den gereizten Krimikollegen John D. MacDonald auf den Plan, so dass Kenneth Millar eingeschüchtert als Ross Macdonald schrieb. Margaret Millar begann mit einer Detektivfigur und verzichtete allmählich darauf. Ross Macdonald fand sich spät damit ab, eine Detektivromanserie zu schreiben und nahm von den Psychothrillern ohne Heldenfigur Abschied. Ein Großteil der Erzählungen, die heute als Kriminalgeschichte oder Thriller fungieren, lassen sich direkt auf diese beiden zurück führen, nicht zuletzt weil Ross Macdonald der erste eigentliche, in den Mainstream schwappende, Bestsellerautor des Genres war. Heute tauchen ihre Werke, die einst allgegenwärtig waren, vor allem in den Ramschkisten auf, -wenn ihr deutschsprachiger Verlag, Diogenes, wieder einmal nachgedruckt hat, um die Rechte nicht zu verlieren.

Margaret Millars Romane, so rund und reich und bösartig sie sind, bieten keine Helden und darum, bei allem Witz, keinerlei Trost. Aber Ross Macdonald erfand den tröstlichen und toughen Detektiv Lew Archer und schrieb 18 Romane über ihn. Aber diese nach heutigen Maßstäben schmalen, atemlosen und eleganten Bücher geraten sukzessive zur Fußnote des dröhnenden Krimikarussels.

Ross Macdonald wollte als Schüler des viel flamboyanteren Raymond Chandler gesehen werden, doch Chandler sah nur einen Nachahmer und verspottete ihn (auch deswegen, weil er, völlig zurecht, aber völlig am Ziel vorbei, in Macdonald einen Akademiker unter Pseudonym vermutete). Als seine halbwüchsige Tochter Leute totfuhr, Alkoholprobleme bekam und zeitweise verschwand, legte sich Macdonald endgültig auf die Couch und schuf parallel mit den späteren 12 Lew Archer - Romanen (plus einer Hand voll Erzählungen) ein kontrolliert - manisches Großwerk zwischen Detektiverzählung und Thriller (wie es mittlerweile zur Norm geworden ist).

Immer ist jemand verschwunden, so beginnen beinahe alle Geschichten. Der grimmig - melancholische Detektiv Lew Archer muss suchen. Immer stolpern aus der Welt gefallene junge Menschen über lang verborgene Familiengeheimnisse und setzen damit eine Kettenreaktion aus Verbrechen in Gang. Immer reist Archer durch die verschiedensten sozialen und topographischen Milieus und Landschaften. Immer verkomplizieren großes Geld und mehr oder weniger kleine Verbrecher die Jagd auf die verbuddelte Familientragödie, standen vielleicht schon an deren Anfang, versuchen auf jeden Fall davon zu profitieren. Immer haben sich am Ende ausufernde familäre, berufliche und gesellschaftliche Netze blutig in Luft aufgelöst, aber zumindest Lew Archer und wir haben die Wahrheit erfahren. Meist überleben sogar die verwirrten jugendlichen Anti - Helden, und wenn sie zu den Tätern gehören, und bekommen eine zweite Chance.

Es ist schwer, die einzelnen Romane auseinanderzuhalten, obwohl sie, wohl zum Ausgleich, in sich sehr geschlossen sind: mal überlagert ein Großbrand die hitzigen Aktionen, mal schwebt die Handlung schwer und märchenhaft parallel zu einer sich ausbreitenden Ölpest an Küstenorten entlang, mal ist die ganze Welt eine bösartige Party, mal ein Strudel aus Schlagzeilen - immer ist die Welt eine griechische Tragödie (und sind Macdonalds Metaphern und Thesen nur einen entscheidenden Tick von überladenem Pathos entfernt), und immer tut Lew Archer, was getan werden muss (rumfahren, Fragen stellen, den Erniedrigten und Beleidigten so unauffällig helfen, dass die Geschichte noch als hartgesottener Krimi durchgeht - in frühen Bänden kann er auch gemein werden). Macdonalds brillant verzahnte Romane galten, was physische Gewalt angeht, nie als „hart“, auch und gerade nicht zwischen 1949 und 1976, aber erst sein Bewunderer James Ellroy schrieb annähernd ähnlich beunruhigende, abgründige, verspukte Krimis. Und niemand, nicht einmal der so viel größere Prosalyriker Chandler, konnte in seinen Sätzen derartig sicher zwischen Spannung und Meditation, Hoffnung und Verzweiflung, Komik und Grauen oszillieren wie der tragische Optimist Ross Macdonald (den ersten Vorschuss seines Leben nahm er für ein Buch an, das er aufgrund seiner Alzheimerkrankung nicht mehr schreiben konnte).

Absurde Dinnergespräche, vertauschte Identitäten, frisch verlassene Hotelzimmer mit kryptischen Hinweisen in den Staub auf den Fenstern geschrieben, Zahnabdrücke im Umkleideschrank, scheinbar magische Gegenstände wie Dosen, Spiegel oder Briefe, das leere Sportfeld in der Erziehungsanstalt, immer wieder betrunkene Geständnisse, die schäbige Hütte am Pier, der umnachtete Maler mit der Wäscheleine - die unwirklichen Bilder und Eindrücke aus Ross Macdonalds so klug durchdachten, so sozial bewussten, so REALISTISCHEN Alpträumen bleiben. So verstiegen die Konstruktionen von außen erscheinen mögen, so schlüssig sind sie von der ersten Seite an. Und immer wieder geht die Sonne über dem Meer auf, und der nie verzweifelnde und selten verurteilende Lew Archer beobachtet ein paar Vögel, erkennt die Wahrheit und klopft vorsichtig und pointiert ein paar Schultern.

Man will sowas nicht immer lesen, bloß nicht, wo blieben da die Geschichten über Igel und Sommerseen? Die Welt ist bunter, weiter, neuer (und anders).

Doch warum, bei diesem Wetter und dieser anhaltenden Krimivöllerei, liest niemand mehr Ross Macdonald?

 

 

 

29.01. Meinung ist auch keine Hautcreme / Bowie

Der primitive Positivismus hat größeren Schaden angerichtet und wurde früher geboren als meine Großmutter, aber dennoch lebt er, und meine Oma ist schon ein paar Jahre tot.

Aber hier ein vielleicht zukunftsweisendes Gegenbeispiel: Maryann Johanson gehört mit ihrer Website „the flickfilosopher“ zu den wenigen hauptberuflichen Filmkritikern im Internet. Launig bezeichnet sie sich immer mal wieder als „der ultimate Nerd“ und „absolut Generation X“, was für sie konkret heißt, dass sie „Jäger des verlorenen Schatzes“ für den besten Film aller Zeiten hält, Superheldenfilmen prinzipiell Zeit, Raum und heftige Gefühle widmet, und ihr „Ist das Leben nicht schön?“ „Ferris macht blau“ heißt. Das kann häufig nerven, und tut es auch immer wieder, zumal sie Film vor diesem Hintergrund  zu selten als Kunstform und zu häufig als Kindergottesdienst oder Fanritual behandelt, aber spätestens seit sie ihre jeweiligen Vorurteile in Bezug auf einen Film vor die Kritik schreibt, ist sie unverzichtbar geworden: Am Anfang einer Filmbesprechung führt Johanson auf, welche positiven und negativen Erwartungen sie bereits vor einer Sichtung an das besprochene Werk hatte. Das reicht von „hasse eigentlich alles mit Adam Sandler“ bis hin zu „bin generell verrückt nach Zeitreisegeschichten“. Die Texte gewinnen seit letztem Frühjahr einen Teil ihrer Spannung daraus, dass die aktuellen Beobachtungen gegen diese Prämissen prallen,- und entsprechend nachvollziehbar wird Johansons Fazit. Positive Überraschungen, naives Schwelgen oder bittere Enttäuschung in ihren Sätzen gewinnen eine neue Qualität,- und eine größere Allgemeingültigkeit-, dadurch, dass der Referenzrahmen transparent wird.

Ihre Erklärungen vorab betreffen dabei immer das konkret zu verhandelnde Werk - Johanson schreibt in der Regel nicht, ob sie die Pressevorführung voller Liebeskummer oder himmelhochjauchzend besucht hat, ob es Häppchen oder einen guten Sitzplatz gab, sie ihre Kollegen von der Presse scheel von der Seite angesehen oder mit Schulterschlag begrüßt haben (dann und wann blitzt eine entsprechende Information auf, doch sie betrifft üblicherweise die Sicherheitsvorkehrungen gegen Filmpiraterie und verschmilzt recht elegant mit dem Rest des Textes). Es geht ihr also NICHT um Gonzo - und Fanzine - Journalismus mit der Journalistin als tragikkomischer Heldin, die ihren klaren Blick durch Betonung durch das Kuddelmuddel ihres hochindividuellen Menschseins erarbeitet (auch eine wunderbare Sache, aber ein eigenständiges und komplexes Thema), sondern um die flexiblen Grundmauern ihres Horizonts als Kritikerin. Und das ist beinahe noch provokanter. Denn, wenn etwas in unserem Internet - Zeitalter gut und unheilvoll zusammen geht, dann sind es das halbwahre Bekenntnis und die Schein - Objektivität. Genau der Bereich dazwischen ist am Verschwinden, der irgendwann vorm „like“ - Button einmal das Wesen von Kritik und Diskussion ausgemacht hat.

Sätze à la „Ich habe zwanzig Jahre in der Notaufnahme gearbeitet, und deswegen kann ich sagen, dass nur ein Gehirnamputierter denkt, dass....“ sind heute auch in der professionellen Publizistik (manchmal verhaltener formuliert) ebenso allgegenwärtig geworden wie die Gleichzeitigkeit von herausgerotzten Internetkommentaren bei gleichzeitiger blinder Berufung auf Wikipedia et al. Die Meinung, alas, steht nicht mehr im guten Ruf, aber wer Faktitzismus betreibt, brav Statistiken und Zitate kopiert und erst einmal hinterherredet, der darf zum Ausgleich auch mal an der Tastatur ein paar Impulse ausagieren.

Im persönlichen Gespräch mit Schülern und Studenten stolpert dieser Autor immer wieder verwirrt über die bange wie überzeugte Feststellung „Man darf doch nicht einfach seine Meinung schreiben!“ Manche jüngere Menschen sind sogar felsenfest überzeugt davon, dass unsere Gesetze dergleichen Narretei verbieten. Das wäre doch Stammtisch, bzw. das wären doch Internetkommentare (die offensichtlich aus Prinzip in der Regel mittelschwer beduselt heruntergehauen werden). Der Unterschied einer Meinungsäußerung in einer Kneipe und der bspw. in einem Magazintext bleibt dabei trotzdem der zwischen dem Witzeerzählen in der gleichen Kneipe vor Freunden und vor Publikum: Einer Meinung in einem Text (der natürlich aus vielen anderen Dingen als einer Meinungsäußerung besteht, aber gerade egal) gehen in der Regel Durchdenken, tastendes Basteln und dräuender Drang voraus, lange Spaziergänge, eventuell viele Zigaretten, und in einigen Fällen Alpträume und Migräne (gut, in anderen Eiscreme und beglücktes Gesumme). Und der nervenzerrenden Frage, ab welcher Ansammlung resp. Prüfung von Eindrucken und widersprüchlichen Informationen eine möglichst stringent und halbwegs funky aufbereite Meinung empirisch geerdet genug ist, entgeht man ganz sicher nicht dadurch, dass man die Auswahl der relevanten Eindrücke und Informationen Leitmedien, PR - Abteilungen und der Schwarmintelligenz überlässt, die Angst vor der falschen Information größer wird als die vor dem verbogenen Gedanken, und aus Angst vor Fehlern Diskurse tot geboren werden. 

Natürlich sind viele Texte nach wie vor durch ihr Umfeld und Schlüsselbegriffe so markiert, dass Richtungen vorgeben sind: ein Kommentar in der FAZ wird nicht vom tiefen Glauben an die Segnungen des Sozialismus durchdrungen sein, zumindest nicht in deren „Politik“ - Teil, wer in einem Internetforum ohne Zusammenhang „armes Deutschland!“ schreibt, will meist Griechen auf eine Insel mit kaputter Infrastruktur schicken, und wer umgekehrt auf einer Website voll beseelter Kritelzeichnungen bloggt, zählt beseelte Kritzelzeichnungen vermutlich zum Schönsten und Wichtigsten auf der Welt.

Aber würden bspw. die Kommentare zur Mali - Krise nicht bis zur Unkenntlichkeit gewinnen, wenn die Kommentatoren (gerade dann, wenn sie sich scheinbar gar nicht aus dem Fenster lehnen, sich kurz fassen und sozusagen mit Krawatte vor uns treten), knapp ihre tendenizelle Haltung zu Krieg, Islamismus, den Zielen von Politik, politischer Meinungsbildung und erlaubten Nebendiskursen skizzieren würden, am Besten inklusive Unsicherheiten und Grauzonen (und für Kommentare zu Brüderle gilt beinahe das Gleiche)?

 

Vielleicht heißt es also, von Maryann Johanson zu lernen, wenigstens hier und da, und manchmal prompt:

 

 

David Bowie: Where Are We Now ? (Single, ISO - records)

 

Konsenswissen: Nach 10 jährigem Schweigen hat der 66jährige David Bowie vor etwa zwei Wochen eine neue Single herausgebracht, produziert mit Uraltfreund (und beweihräuchertem Produzenten) Tony Visconti. Viele freuen sich über die Nennung des „Potzdamer“ Platzes gleich in der ersten Zeile.

 

Positives Vorurteil: Rezensent ist langjähriger Bowie - Hörer mit großer Schwäche für dessen sentimentalere Nummern, und immer begeistert von Bowies Soundteppichen.

 

Negatives Vorurteil: Rezensent ist langjähriger Bowie - Hörer, dem die doch recht ähnlichen sentimentaleren Nummern langsam, aber sicher zu den Ohren raushängen (und was sollen andauernde wehmütige Rückblicke auf unglückliche Dekadenz eigentlich?) , und der gerne mal etwas Frischeres (auch speziell von Bowie) hören würde. Übrigens ist er der Meinung, dass Bowie häufig die Single - Auskopplungen seiner Alben uncharakteristisch lausig auswählt.

 

Rezension: Der Song ist ganz schön.

 

 

Hm. Aber vielleicht ein Anfang (auch ohne Oma).

 

 

22.01. Kein Eintrag

Aus Witterungsgründen heute kein Blogeintrag, nur ein paar spontane und unbezogene Zeilen in der Manier toter Dichter:

Es sitzt ein Dachs dort in der Nacht, ein dunkelblauer Dachs.

Er wacht und lacht dort in der Nacht und spielt mit Kerzenwachs.

Am Weihnachtsbaumentsorgungsplatz besieht er sich genau

flimmerndes Schimmern dort im Grün (und ist selbst dunkelblau).

15. 01. Wie klingt die Welt?

 

Es knallt, immer noch, hin und wieder. Überschüssige Böller detonieren in den lichtlosen Ecken der Parks, hinter dem Finanzamt oder neben der Autobahnausfahrt, am frühen Abend häufiger als in der Nacht, dann und wann begleitet von schlappen Schreien. Ein letzter stiller, ohrenzerfetzender Protest gegen den Winter oder gegen den Frust, ein sachter Hauch von Anschlag, und Reinhard Mey schreibt kein Lied darüber.

Reinhard Mey, der große Graubart unter den deutschsprachigen Chansonniers, wird vermutlich zu Lebzeiten nicht mehr den Respekt ernten, der ihm gebührt, weil er Lieder schreibt wie „Irgendein Depp mäht irgendwo immer“. Dieser für den späten Mey ungewöhlich garstig und kleinteilig getextete Schmähgesang empört sich über das offensichtlich weitverbreitete Rasenmähen auf Sylt. Auch via Zeitung, Amt und erschütterte Konzertmoderationen hat Mey unbeirrt diese große Geißel des modernen Lebens ausgemalt und angeprangert, und so wird das wohl nichts mehr mit der street credibility. Rasenmähen, so Mey, zerreißt die himmlische Ruhe, zerstört die Umwelt wie überhaupt jedes vitale und anarchische Element auf diesem Planeten und zeugt vermutlich von heftigen sexuellen Problemen. Das mag alles sein, und unsereins kann sich an einem ruhigen Fleck dennoch eher über die notorischen Sportflieger aufregen, unter denen Mey der prominenteste ist. Der junge Mey sang zur Melodie des Rasenmäherhasses noch „Irgendein Depp bohrt irgendwo immer“ und schilderte offensichtlich das bedrückte Leben um Mietwohnungen voller Heimwerker herum. Die jeweilige Lebenswirklichkeit und die alltägliche Akkustik hängen eben eng miteinander zusammen.

Der eine klagt über die brüllenden Junkies im Hinterhof, die andere über johlende Kinder. Wer unter einem Fernseher voll Castingshows am Schreibtisch sitzt, hat einen völlig anderen Eindruck von der Beschaffenheit eines Landes, als die, die die Meeresbrandung um den Schlaf bringt. Dieser Autor hat sein ganzes bisheriges Leben in der Nachbarschaft von Kirchen verbracht, mit welch unbewusster Zwangsläufigkeit auch immer, und wird kaum merklich nervös, wenn es an einem Wochenende einmal nicht durch den Himmel läutet. Hunderttausende von Menschen verbringen Tage und Nächte in den Einflugschneisen von Flughäfen und empfinden Geräusche als beruhigendes Grundrauschen, die andere Menschen dazu bringen, hektisch alle Lieben anzurufen und sie zum Bunkerbauen zu ermutigen. Selbst die sich vermehrenden Baustellen, große Gleichmacher der Lärmverschmutzung, konzentrieren sich auf die Innenstädte und verschonen die aufgegebenen Gegenden, in die niemand mehr eine Erlebnismall, ein neues Kabelnetz oder eine Seniorenresidenz rammen will. Und wer sich über Geigenübungen im oberen Stockwerk beschwert, muss vermutlich mittlerweile mit einer prompten Erhöhung des Mietpreises rechnen.

Doch es geht ja nicht nur um Beschwerden bei der Veränderung der Wirklichkeit von Tönen. Ist es nun gut oder schlecht, unabhängig von punktueller Genervtheit, dass wir dank der Handys in Bus und Bahn und Supermarkt von mehr intimen Geständnissen umgeben sind als selbst zur Zeit der frühen Mietskasernen? Machen Klingeltöne unser Leben melodischer, auch wenn wir sie verfluchen? Schleppen wir uns beschwingter in den Tagesanbruch, seit wir von zartem Gedudel geweckt werden? Ein prämierter Hightech - Wecker kombinierte vor einigen Jahren eine langsam erglimmende Lampe mit Vogelrufen und Froschgequake und versprach ein harmonisches Erwachen. Was stellen die wuschenden automatischen Türen, die polternden S - Bahnen und die aus Handys fiependen Samples von R2D2s Protestgeschnatter mit uns an? Und, apropos, STAR WARS: wenn das Schnaufen einer kaputten Klimaanlage, wie es die Legende will, George Lucas zum Sound seiner Raumschiffe inspirierte, was für ein Gefährt fällt uns beim Brummen einer altersschwachen Mikrowelle ein?

Brian Eno wüßte es vermutlich. Die Musikproduzentenlegende, der wir die gemischten Vergnügen von Ambientmusic und dem Startton von „Windows `95“ verdanken, ließ einst verlauten, er arbeite an einer Notenschrift für Klänge und ihre Veränderungen. Aber zumindest bis zur Öffentlichkeit ist noch nichts davon durchgesickert. In Tonlabors wird am metallischen Klang von Säbelklingen, dem leisesten hörbaren Herzschlag und dem rostigen Geratter von Zahnrädern für Werbespots und Actionfilme gemischt (die hellhörigsten Filmemacher, Coppola und Lynch, befinden sich, wie neuerdings auch Lucas, andererseits offensichtlich im Vorruhestand), die „Tagesschau“fanfare ist heiß diskutierte Chefsache, und in der besten neuen Musik werden Gezirbe, Geknatter und Obertöne verwebt, aber wir sitzen sprachlos da. Und leiden dazu im Zweifelsfall unter immer wieder neu recycletem Tonmüll wie dem ungläubigen Sitcomgelächter oder dem untoten Hörspiel - und Synchronhund (waff-waff-wuff-wiff).

Und, obwohl wir mit Bildeindrücken noch von dem kleinsten Winkel mittlerweile gnadenlos verwöhnt werden, fehlen noch immer akustische Landkarten, auch für Deutschland. Zwar ist überall, außer vielleicht in der Rhön, das gleiche leise Verkehrsröhren wie ein statisches Rauschen zu hören, aber ansonsten unterscheiden sich unsere Regionen und Städte erheblich. Von Sprachen und ihren Melodien über Machinen, Tiere, Fülle, Weite und Sonderphänomene (Karneval, Fußballfans, Dampfschiffe) bis hin zum, eben, Glockengeläut (ist das in Frankfurt und Köln wirklich gleichzeitig penetranter und melodischer als ausgerechnet in München?).

Nein, Hören ist nicht alles, genau so wenig wie Sehen, Riechen, Schmecken oder Haptik, und wenn irgendjemand behauptet, einer dieser Einzelfaktoren sei ja „eigentlich“ bestimmend für unser Erleben, gilt es, reißaus zu nehmen. Aber trotzdem: Wie klingt Bielefeld (falls es tatsächlich existiert)? Was für Stimmen erklären uns die Welt? Fragen ohne Antwort. Und nicht einmal die wunderbare Behauptung, dass künstlich beschleunigter Walgesang genau wie Kanarienvogelgezwitscher klingen soll, ließ sich jetzt vor dem Glockenschlag  noch überprüfen.

 

08.01. Zombies sind immer die anderen

 

Trotz des geplatzten Weltuntergangs und hier und da einer Sonnenluft wie zum Eiskremtesten wird weiterhin exzessiv dem Ende entgegen gedämmert, und die medial beliebteste Form der aufbereiteten Endzeit bleibt die Zombie - Apokalypse. Dieses Schlagwort ist so weit verbreitet und gesellschaftsfähig geworden, dass es vermutlich schon mehrfach als Bandname für Combos aus Gießen oder Recklinghausen verwendet wurde. Selbst altersweise Halbhippies, die in Marokko mit Nomadenzelt überwintern, empfehlen verschwörerisch „The walking dead“, auch halbabstrakte Maler mit dem Gemüt einer Apfeltasche und haufenweise Philosophie im Schrank jiepern „World War Z“ entgegen, dem Zombie- Apokalypsen- Megafilm (in dreißig Jahren wird auch dies als Genre gelten) mit Brad Pitt. Und einer der anmutigsten deutschsprachigen Comics der letzten Jahre ist „Endzeit“ von Olivia Vieweg, der endlich einmal atmosphärisch eine Regionalbahnreise durch die deutsche Provinz beschreibt, natürlich anhand einer Zombie - Apokalypse (der Band war ursprünglich eine Diplomarbeit. womit auch das erste Zombie - Apokalypsen - Diplom durch ist- naja, vermutlich war es in Wahrheit etwa das dreißigste). Mit dem sehr präsenten „Stolz und Vorurteil und Zombies“ füllen hier und da Buchhandlungen ganze Tische und wird der in England beliebteste Roman aller Zeiten (laut „Guardian“ - Umfrage) die entscheidende Ecke untoter. Das Seltsame daran ist nun, dass zum Thema „Zombie“ eigentlich seit den späten 1970ern mehr oder weniger alles gesagt schien, und auch die damaligen Reflektionen kluger Menschen zum Trend ließen sich heute mit ein, zwei ausgetauschten Namen nachdrucken, ohne, dass es irgendwem auffallen würde. Zombies sind lahm und dumm, können nichts und sind nur dadurch gefährlich, dass sie in Scharen und mit ansteckender Wirkung auftreten. Stellvertretend stehen sie für alles, was dumpf durch die Gegend wankt und trotzdem lebt, und der Subtext ist dabei nie sonderlich erfreulich - wer sich von Zombies bedroht sieht, und sei es als witzige Metapher, hält sich für eines der letzten vernunft - und gefühlsbegabten Wesen und fühlt sich von einer eklen Masse niedergewalzt. Das geht uns allen manchmal so, und darum erfüllen die Zombies ja auch ihren Zweck (und verdienten ein paar aufmunternde Worte und ein warmes Abendessen - ohne Menschenhirn), Aber seit „Dawn of the dead“ oder spätestens „Day of the dead“ von George A. Romero ist diese Phantasie mit all ihren Implikationen streng genommen auserzählt, mit „Shaun of the dead“ wurden die satirischen Elemente dann endgültig (und wunderbar!) ausbuchstabiert, und dank „Resident Evil“ kann man die totale und feuerbereite Paranoia auch mit in der ersten Person durchspielen. Das sollte eigentlich als kleiner Trost für neblige Nächte ausreichen, aber offensichtlich tut es das nicht. Variieren lässt sich die Story dabei kaum: während die Frage, was ein Vampyr in einer Werbeagentur, einer Tanztheatertzruppe oder in einer WG von Informatik - Stundenten wohl tun mag, immer ein hübsches Gedankenspiel ist, wissen wir alle, was ein Zombie dort tun würde - das Gleiche wie überall, herumstolpern, zerfallen, Leute aufessen. Vor dreissig Jahren wurde schon davor gewarnt, dass sich darin eine arrogante Xenophobie gegenüber der Südhalbkugel ausdrücken könnte und wurde gleichzeitig bereits eingeräumt, dass sich darin zumindest teilweise ein kritischer Blick auf die entfremdeten Nachbarn hier im Norden verbirgt. Und auch schon vor fünfuindzwanzig Jahren fasste der ermüdende Tom Gerhardt die Vefassung unserer wiedergängerischen Freunde kurz und treffend zusammen:“Der Zombie ist immer sauer - boah.“ Auch als Tabu taugt das einstige Schmuddelgenre nicht mehr so richtig,- heutige Zombiphile müssen sich vor niemandem mehr verstecken. Wer, wie dieser Autor, als Grundschüler „Ein Zombie hing am Glockenseil“ genossen hat (der Film ist nicht ganz so distinguiert wie der Titel und sollte speziell von Grundschülern nicht gesehen werden, obwohl er speziel für Grundschüler gemacht zu sein scheint), schaut neidisch und mitleidig auf die jungen Hüpfer, die sich den neuen Kram offensichtlich ohne jede Furcht vor Schulpsychologen, Erziehungsheimen oder ewiger Verdammnis geben, - der alte Schwung ist hin (gar nichts gebracht hat dem Zombiekanon übrigens offensichtlich die vorrübergegangene Beschäftigung mit den „echten“ Zombies haitianischer Herkunft. Die wahren Zombies bleiben die, die Pittsburgh aufessen).

Auch Elfriede Jelinek scheiterte in ihrer literarischen Zombie - Apokalypse „Die Kinder der Toten“ vor zehn Jahren trotz kluger Ekelszenen und gewagter Themenverschränkungen daran, etwas Licht ins leblose Gemampfe zu bringen. Die menschliche Gesellschaft ist an und für sich in Zombie - Apokalypsen bereits so auf den Hund gekommen, dass das Bangen ums große Ganze ziemlich mau ausfällt, übrig bleiben der aussichtslose individuelle Überlebenskampf und die wehmütige Lust am Indiebinsengehen. Und dabei helfen Zombies natürlich ungemein - die Zensur- und Bewertungsinsitutionen der westlichen Länder geben sich mittlerweile vergleichsweise milde, wenn aus dem Weg zu sprengende Wogen an niederen Kreaturen in populären Erzählungen nur aussehen und sich verhalten wie karikierte Menschen, aber in Wirklichkeit ja irgend etwas anderes sind. Da kommt noch Einiges auf uns zu, und nicht alles davon wird so packend sein wie „28 days later“, oder so herzzereißend wie „Return of the living dead III“, um hier doch noch zwei subjektive Tipps zu geben (andere schwören auf die Schlingensief - Variante, wie immer). Wirklich spannend wird das Thema aber, wenn die Zombies nicht mehr die anderen sind und vielleicht nicht einmal herz - und hirnlos, sondern lediglich angefressen und weggerutscht wie wir alle. Die Welle der „Zombie Walks“ schwappte vor einigen Jahren durch die westlichen Großstädte. Vorzugsweise am hellichten Tag und nach informeller Absprache wankten da bis zu Tausende von Menschen kunstblutverschmiert zu meist guter Musik fröhlich durch die Innenstädte, und wer über den Zusammenhang zwischen diesem Phänomen und der „Occupy“ - Bewegung nachdenken will, sollte das vermutlich nicht unbedingt in einem Blog tun.

Differenzierter fällt das Mitsingen beim Titelsong „Zombi“ der Band Kante auf eben diesem Albummeisterwerk (2004) aus: „Wir sehen die Welt mit anderen Augen/seitdem wir draußen sind.“ Und ein paar Lieder weiter wird ein „Warmer Abend“ besungen, und das ist wirklich nie verkehrt, vor allem nicht an warmen Abenden, ob mit oder ohne Hirn.

 

 

25.12. Die Tragik des Krippenspiels

Unsere Pfarrer leiden, besonders an Weihnachten, und wir hören nicht hin, bzw., wir haben genug damit zu tun, Geschenke in eine zumindest unter großzügigen Augen akzeptable Form zu schludern, verkohlte Weinachtsbraten zusammenzubasteln, usw. usf. Dabei sind die in ihren religiösen und ästhetischen Qualen verstrickten Gottesdiener alles andere als subtil: sie schreien ihren Frust heraus. Die Rede ist von Krippenspielen. Krippenspiele zu Weihnachten sind eine einfache und befriedigende Form des Laientheaters und Mysterienspiels: Maria, Joseph, die Hirten, am Ende wird alles gut, das Kind liegt in der Krippe, die Nacht ist voller Licht, und wir werden erlöst. Könnte man meinen. Das kleine Spektakel könnte in einem Familiengottesdienst etwa zehn Minuten in Anspruch nehmen, und alle wären zufrieden. Faktisch werden auch am gestrigen Heiligabend landauf, landab wieder alle Register gezogen worden sein, um aus diesem bescheidenen und überschaubarem Showeffekt für die Jungen und die Alten irgendein kleines Kabinettstückchen des Regietheaters zu machen. Dieser Autor hat, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, schon Krippenspiele aus der Sicht eines Esels und eines Autoscheinwerfers genossen, aus der des bösen (in dieser Form vermutlich apokryphen) Königs Herodes sowieso; Krippenspiele, in denen sich die redlichen Hirten das Geschehen über Handy geschildert haben, die in einer Fußgängerzone spielten und, Gott sei`s geklagt, „interaktive“ Krippenspiele, in denen die Gemeinde böse Vorurteile gegenüber Hirten nachsprechen musste und dem Kaiser Augustus zujubeln (mit starkem, extrem undeutlichem didaktischen Effekt, der zwischen „Ihr Kinderlein kommet“ und „Oh du Fröhliche“ auch dann verloren gehen würde, wenn er besser ausgearbeitet wäre). Die Motivation der Pfarrer dabei ist verständlich, es ist exakt die Gleiche wie beim Regietheater: da müht man sich tagaus tagein mit den dicken Brettern ab, aber die ignorante Masse kommt nur zu den großen Namen und den durchschaubaren Anlässen. Ein tiefsitzender (und nicht unberechtigter) Groll gegen das Publikum und unglückliche angestaute Ambitionern bricht sich Bahn in einem zerquälten Double - bind: Hier kriegt Ihr, was Ihr wollt, aber mit Widerhaken. Wir sind nicht Eure Hofnarren. Und wenn Euch das aus Eurer tranigen Laune wirft - warum seid Ihr nicht an einem stinknormalen Sonntag in der Kirche, bei einem kleinen Stück im Theater, auch, wenn es keine Uraufführung ist? Im Falle der Pfarrer an Weihnachten kommt häufig auch noch Publikumsbeschimpfung dazu - gerne wird vor vollem Haus von der Kanzel herunter über leere Kirchen gespottet, und die Ergüsse darüber, wie wenig wir im Alltag unseren Heiland in unsere Herzen lassen, werden biestiger, je stärker die Bedeutung der Kirchen schrumpft. Und sie schrumpft ja tatsächlich. Monat für Monat treten aus beiden großen Konfessionen um die 10.000 Menschen als zahlende Gemeindemitglieder aus, seit Jahren. Aus modernem theologischen Blickwinkel heraus geht das mit den Besucherhhorden an Weihnachten genau so wenig zusammen mit dem gesellschaftlichen Comeback des Religiösen (es wird generell wesentlich weihevoller und wärmer behandelt als noch vor einigen Jahren). Jetzt haben sich die Kirchen heuer zu Weihnachten mit vorsichtigen sozialen Kommentaren ein klein wenig aus dem Fenster gelehnt, und es ist doch nichts anderes als eine Weihnachtsmeldung. Die naheliegende Konsequenz, dass die Kirchen derzeit tatsächlich eine sehr eng definierte gesellschaftliche Rolle spielen, bei der sie wenig Respekt und sehr viel an Erwartungen abbekommen, wird von den Pfarrern offensichtlich zu weiten Teilen nicht zugelassen, und das Ergebnis sind gegen den Strich gebürstete Krippenspiele, unglückliche Weihnachtspredigten und das Hineinschmuggeln unbekannter Lieder in den obligatorischen Reigen der Gassenhauer.

Natürlich heißt es, das alles würde aus Rücksicht auf die Gottesdienstbesucher geschehen, die würden sich beim zwanzigsten soften Krippenspiel mit fröhlich herumwuselnden Hirten langweilen oder in ihrer Intelligenz beleidigt fühlen. Aber dies ist gewisslich unwahr: die Menschen sehen sich ja auch jedes Jahr ohne zu murren zu Sylvester „Dinner for one“ an, und dort ändern sich nicht einmal die Darsteller. Rituale sind auch dann noch längst nicht sinnentleert, wenn sie absurd geworden sind. Wer ein Kind zum Wohle des Seelenheils, des Amusements oder der raunenden Weihnachtsstimmung in eine Kirche mit Krippenspiel mitnimmt, drückt alle Augen zu und sucht in den wenigsten Fällen nach der „Auseinandersetuzung mit dem lebendigen Glauben“, sondern nach nichts anderem als dem stumpfen Kindergottesdiensteffekt für alle Beteiligten. Die häufig sehr jungen Darsteller sollen mit theologischen Fragestellungen konfrontiert werden? Die sind doch schon froh, wenn ihnen die Mütze nicht vom Kopf rutscht, die Nachbarn nicht lachen, sie sich nicht verhaspeln (was bei einem für sie unverständlichem, gebrochenen Text sehr viel schneller passiert). Für Debatten ist das nicht die Zeit, nicht der Ort. Und die Debatten werden ja auch nicht als solche erkannt: der Gottesdienst, der eine im Jahr, für die meisten, war prima und sehr weihnachtlich, nur das Krippenspiel war irgendwie komisch, wenn auch zum Glück kurz.

Aber ein kleiner Reader mit den eigentümlichsten Krippenspielen wäre dennoch ein großer Gewinn. Diese ambitionierten Fantasydramen mit Originalmusik über eine Geburt in einem fremdartigen Land, die stream of conciousness - Experimente über Hotelburgen in Thailand und Krippen in Bethlehem, die patzigen Monologe von verwirrten Engeln...- sie alle würden das Nachlesen lohnen und vermutlich sogar als Impulse das Regietheater bereichern.

Unabhängig von allen Glaubensfragen: arme Pfarrer.

Und unabhängig von allen Anmerkungen: frohe Weihnachten!

 

18. 12. Weihnachten ohne Trolle

Die Welt summt und brummt, beinahe, als würde ein Feiertag bevorstehen, und die Welt platzt auch, wie es ihre Art ist, über vor spannenden Hinweisschildern zu blühenden Eckenwundern und großen Katastrophen. Trotzdem reden wir über den „Hobbit“, und darum trotzdem auch auf dieser off - topic - Nebenbebenseite ein paar Sätze zu diesem Film. Das Buch „Der kleine Hobbit“, wie es in Deutschland heißt, ursprünglich die sorgfältig gehegte Schrulle eines entfremdeten britischen Universitätsprofessors, gehört zu den wenigen idiotensicheren Romanen der Weltliteratur. Das beschwingte Kunstmärchen über Hobbits und Drachen schnurrt mit leiser Ironie, gemessener Beschwipstheit und klugen Untertönen so einleuchtend ab, dass auch Kinder und Betrunkene die funkelnde Fabel problemlos aus der Erinnerung von A nach Z erzählen können. Über die tiefenpsychologische Bedeutung der sperrig- charmanten Geschichte, die nebenbei ein Genre erfand, lässt sich ebenso ergiebig nachdenken wie über den schon hier beginnenden Flirt Tolkiens mit dem Weltenbauen und Mythenverfremden, aber auf einer ganz primitiven Ebene haben wir es mit einer auf den ersten Blick unkaputtbaren kleinen Story zu tun, die die mögliche gemeinsame Essenz aus Märchen und Sagen herausfiltert und auf einen einleuchtenden Punkt bringt: ein unheldischer Held stolpert in die Welt, ergaunert sich einen Schatz, besiegt einen Drachen, rettet ein Königreich und kehrt nach Hause zurück. Beinahe wie wir alle, also, nur mit ein paar damals gewagten phantastischen Bocksprüngen und einer Stringenz, die in der phantastsischen Literatur bis dahin einmalig war und bis heute selten geblieben ist. Dem „Hobbit“ fehlt eine gewisse dräuende Dummheit, wie sie den zeitgleichen Groschenromanen über „Conan“ eigen ist, das Pathos, das die Vorläufer der Fantasy auszeichnet, und auch die Beliebigkeit, die bspw. das Werk von E. T. A. Hoffmann immer bedroht. Der Fama nach liebt die Filmindustrie solche kohärenten und kompakten Plots mit Tiefgang und sucht sie händeringend als Material für Verfilmungen. Bisherige Versuche, dem „Hobbit“ beizukommen, scheiterten, so heißt es, an der mangelhaften Tricktechnik, dem fehlenden Budget und der vermuteten fehlenden Bereitschaft des Publikums, sich einer solchen Fantasie auszusetzen. Nun sind mittlerweile Tricktechnik, Budget und Publikumsinteresse unzweifelhaft da und schreien Kakao, und Peter Jackson et al gelingt das Kunststück, den „Hobbit“ in den Sand zu setzen. Dummheit, Pathos und Beliebigkeit in diese Geschichte zu bringen ist keine einfache Ausgabe, aber der hilflos blöden und gnadenlos am Reißbrett geplanten Verfilmung gelingt es mit Bravour. Wirre und ungelenke Querverweise auf den „Herrn der Ringe“, spannungslos und werkfremd aufwallende Metzelszenen und quälend lange Sequenzen, in denen die Geschichte kopfkratzend auf der Stelle tritt, wären bei einem Garagenfilm bekiffter 16jähriger eventuell  charmant. Bei einem der teuersten und am besten vorbereiteten- und nachbearbeiteten- Werke der bisherigen Filmgeschichte, das uns seine Anwesenheit aus jeder Plakatwand entgegen plärrt, fällt der Deppenbonus weg. „Der Hobbit“ ist trotz vieler gelungener Momente und großartiger Darsteller, eine Unverschämtheit. Niemand hat Peter Jackson und die seinen gezwungen, aus Tolkiens schnörkellosem kleinen Meisterwerk eine 9 stündige Strapaze ohne Sinn und Notwendigkeit herauszupressen, niemand außer der Marketingabteilung, der man sich vielleicht nach umpfzig Oscars und Besucherrekorden trotz "King Kong" auch einmal entgegenstellen könnte. Die vielleicht zwanzig, dreißig gelungenen Minuten machen die, inklusive „Rambo““ und „Matrix“- Fortsetzungen, konkurrenzlos zynische Beleidigung eines zurecht auf Wunder und ein gelungenes Garn hoffenden Publikums nicht wett. Die zum Sterben schönen Landschaften und die inkonsequenten Versuche eigener Ideen (wie den Musicalszenen, die bei aller Hübschheit nie nachvollziehbar in diesen raunenden Kriegsfilm eingebettet sind), die vereinzelten Sternsekunden im Geist der Vorlage entschädigen nicht für das Gefühl, ein halbes Jahrhundert nach Adorno nun einmal wirklich als die dumme bezahlende Herde behandelt zu werden. Ginge es hier nicht um einen generalstabsmäßig durchgeführten Über - Erfolg, der sich zumindest beim ersten Teil noch einstellen wird, würde man einfach von „Inkompetenz“ sprechen und die Verantwortlichen zum Weinen in den Keller schicken. So quälen sich Millionen von Film - und Hobbitliebhabern damit herum, aus dem geschäftstüchtig kopflosen Stückwerk brillanter Filmschaffender (die gerade deutlich genug andeuten, dass sie natürlich eine gelungene Adaption hinlegen könnten, um die Frustration dreidimensional werden zu lassen) mit einem lachenden und einem müden Auge die Perlen herauszufischen. Irgendwann wird hoffentlich eine 90minütige Fassung der drei Teile vorliegen, und wenn sie auf einige blitzende Klingen und ein  paar Anspielungen auf den „Herrn der Ringe“ verzichtet, könnte sie zum Klassiker werden, wenn nicht sogar zu einem gelungenen Film. Und irgendwann, in wenigen Jahrzehnten, wird der „Hobbit“ rechtsfreies Allgemeingut sein, und wir werden uns hoffentlich auf ein, zwei, hundert adäquate Verfilmungen dieses seltsamsten und fragezeichenlosesten aller Jugendbuchklassiker freuen dürfen (der uns, mit welchen ambivalenten Konnotationen auch immer, für ein paar Stunden aus genau der Welt befreien wollte, in die uns die müde Maschinerie dieser Verfilmung hineinwirft).

Vor Weihnachten suchen alle nach kleinen Lichtern und tief einschlagenden Weisheiten, darum hier drei noch sehr subjektive Webempfehlungen:

Zu www.thestoryofstuff.com  gäbe es viel zu sagen und anzumerken, an dieser Stelle aber nur der Hinweis darauf, dass auch ein neuer „Langfilm“ (ca: 20 Minuten), „The story of change“, mittlerweile online steht und bei allen nagenden Leerstellen zumindest sehr interessant und eventuell beflügelnd ist (und nebenbei ein großartiges Beispiel für den gelungenen Einsatz von Animation).

www.sesamestreet.org , obwohl alles andere als ein Geheimtipp, ist eine Fundgruppe u.a. für alle Lieblingsfilme über das Verkaufen von Achten, die man schon immer mal im Original und in guter Qualität sehen wollte.

Und unter www.grummeltal.de  lässt uns die hochinspirierte Allrounderin Judith Ariane (die freundlicherweise auch die Illustrationen für diese Seite angefertigt hat) in ihre Werkstatt schauen und beschenkt uns mit Bildern, Geschichten und Anmerkungen, die bisher  wirklich gefehlt haben, die lächeln, leuchten und einige große Fragen elegant und schlüssig klären.

Allen Lesern dieser Seite (es sind, glaube ich, etwa drei), ein Weihnachtsfest, das sich gewaschen hat (besonders hinter den Ohren und nach der Hatz durch die Innenstädte), keinen Weltuntergang und eine kristallwarme Zeit!

 

11.12. Winter (keine Pointen)

Der Winter ist hereingerauscht, und außer der heiß ersehnten Rückkehr von Schneemännern, Bratäpfeln und tanzenden Pflanzen bedeutet das auch, dass so manchem die atavistische Angst vor der kalten Welt in die Knochen fährt, und das natürlich völlig zu Recht. 10 – 20 Kältetode hat der Winter in den letzten Jahren jeweils gefordert, wobei die Angaben über die Opfer aus den Reihen unserer geschätzten 200.000 – 800.000 Obdachlosen so schwammig sind wie die Schätzung der Obdachlosenzahlen (und die Definitionen von Obdachlosigkeit). Gleise vereisen wie Straßen, morsche Dächer brechen unter Schneemassen zusammen, und am Wochenende wurden auf dem Brocken im Harz deutlich unter – 15 Grad gemessen, aber wer will bei diesem Wetter da auch hin? Heizungen fallen aus, Leitungen frieren zu, und Smartphones, auch wenn sie jetzt mit handschuhtauglichen Touchpens bedient werden, werden hier und da zu nutzlosen kalten Klumpen, die gerade noch ihren Batteriestand und die Anmeldeforderungen von google resp. dem IStore anzeigen. Bei diesem grimmigem Klima und dem allgemeinen Klima in der Welt rutschen die Gedanken in klirrenden Nächten hier und da zu den eigenen Überlebensfähigkeiten (mal inklusive ein paar funktionierender Heizungen um die Ecke, mal ohne) hin. Funktioniert das mit dem Feuermachen via Steinreiben zur Not auch drinnen und mit Gips (vermutlich nicht)? Wie viel Leute bräuchte man, um ein Wildschwein zu jagen, zu erlegen und anschließend unter großem Ekel in Essen und Fell zu verwandeln (im Falle meines Bekanntenkreises – vermutlich Hunderte, sowie jede Menge Alkohol)? Bücher und dergleichen scheiden natürlich prinzipiell als Brennmaterialien aus (gut, im Falle des neuen „Pardon“ könnte man gegebenenfalls vielleicht eine Ausnahme machen), aber taugen löcherige Socken für ein zünftiges Lagerfeuer? Wären gerollte Maisblätter, wie bei „Tom Sawyer“, ein brauchbarer Zigarettenersatz? Und wo sollte man jetzt und hier Maisblätter herbekommen?

In den Supermärkten treffen sich die Senioren, wie auch in manchen heißen Sommern, und erzählen stolz, ehrfurchtsvoll und ängstlich von ihren rasselnden Heizungsrohren, ihrem zu kalten Bad, ihrer Grippe und den glatten Straßen. Das sind die Schwätzchen von Überlebenden unter älteren Mitbürgern an der Käsetheke, und immer gehen sie furchtsam die Namen von Nachbarn durch, die man schon zu lange nicht mehr an der Käsetheke getroffen hat.

Die lauschigen Lokale voller Adventskränzen und Lichterschein beklagen sich darüber, dass die potentiellen Kunden sich nicht bis zu ihnen trauen und deswegen lieber freudlos neben ihrer altersschwachen Heizung sitzen und durch Gameshows zappen.

Und all das kümmert nicht die klare Schneeluft, die Eisblumen an Fenstern, und das Spektakel weißer Landschaften (und wenn es glanzlose Ausfahrtsstraßen sind). Tiere buddeln sich Höhlen und wagen es vielleicht davor und danach an den kleinen Kristallen zu schnuppern.

Wer eine Badewanne greifbar hat, versenkt sich zischend bis zur Nase hinein und denkt im Dampf ätherischer Öle über Holzhacken, Dosentelefone und das Ausgraben frostiger Kartoffeln nach. 

Wann hat Rüdiger Nehberg, die immer noch gern gesehene Talkshowberühmtheit, der Konditormeister, der den Amazonas bepaddelte, eigentlich seinen letzten „Survival“ – Ratgeber herausgebracht? In den 1980ern, als es der Bundesrepublik mehrheitlich formidabel ging, und die Winter dank der sprühend verschleuderten Energie immer heller und komfortabler wurden, landete er mehrere Bestseller über das Essen von totgefahrenen Igeln, den Geschmack von Blattläusen und das Fallenstellen im bspw. Schwarzwald. Das ergab, vor allem, als eine Art von Romantik Sinn, nicht zuletzt war es Rationalisierung der Ängste vor einer postatomaren Gesellschaft. Für die Nehbergs Tipps in Bezug auf Laubhüttenbauen und dergleichen natürlich vollkommen unbrauchbar gewesen wären, aber es gab einem doch ein gutes, tief beruhigendes und vollkommen irreführendes Gefühl, sich mit „Survival“ zu beschäftigen (zumindest so lange, bis man versuchte, Nehbergs Tipps für bspw. ein Iglu mit dein eigenen linken Händen in die Tat umzusetzen, aber vielleicht ging das anderen Menschen anders). Und dann antwortete Nehberg, möglicherweise unbewusst, auch auf die Fragezeichen nach der Energiekrise der 1970er Jahre. In dieser Krise war es zu einer berühmten, im Rückblick beinahe surrealen Maßnahme gekommen: dem autofreien Sonntag. Wäre es vielleicht möglich, zum Schutz unserer Nerven, zur Förderung unserer gesellschaftlichen Selbstheilungskräfte und zum Zweck einer kurzen Poetisierung des Lebens, so etwas noch einmal zu wiederholen? Einen Tag Fahrverbot für PKWs, gerne auch gekoppelt an ein punktuelles Verbot unserer energiefressenden Computer und Kleincomputer? Genügend Menschen simulieren ja erträumtes archaisches Leben durch Mittelaltermärkte, Kurzzeiteperimente mit stromlosen Hüttchen und haltlose, konservative Träumereien von vorindustriellen Lebensformen. Ein Tag, vorzugsweise im Winter, ohne Autos, Computer und Smartphones würde solchem Geschwelge auf freundliche Art ein Ende setzen, uns ohne Holzhammer zu klugen Gedanken über Energieverbrauch führen und uns beflügeln (vielleicht sogar so weit, dass wir keine Platzhalter mehr in sadistischen Fernsehshows über den australischen Dschungel usw. mehr bräuchten). Nein, keine Not, keine Extremsituation ist gemeint, überhaupt nicht. Nicht einmal die karge Läuterung durch die Elemente. Nur Schlitten und Igelgruppen auf den Bundesstraßen, Skier auf den Autobahnen, plus kein digitales Lugen nach dem Moskauer Wetterbericht oder „Mork vom Ork“ – Videos. Die Welt würde frostig sein, und unsere Zivilisation noch immer hochkomplex, eng verzahnt und modern, aber wir würden Vögel hören, einen Tag lang, und ihre Spuren im Schnee sehen, wie die von anderen, ungeahnten Tieren.       

04.12. Zeigeist: Klimawandel und Karl May

 

Das Karl May – Jahr ist beinahe vorübergeritten, und trotz einer Menge Blätterrauschen (darunter ein hervorragender Artikel von Georg Seeßlen in der taz, den ich nur deshalb nicht verlinke, um nicht mit dem Verlinken anzufangen – irgendwann, bald) ist dieses seltsamste und unglücklichste Genie zumindest der deutschen Literaturgeschichte wie präsent? Richtig, gar nicht. Er wird nach wie vor nicht mehr gelesen, er wird nicht einmal verfilmt, niemand haut einem verschwörerisch auf die Schulter und raunt: „Satan und Ischariot“, das ist mal eine gute Bahnfahrtenlektüre.“ Nun, hiermit geschehen. May bietet sich für Verfilmungen (obwohl sie ihm nicht gerecht werden können) an, weil sein Stil durch und durch 19. Jahrhundert ist und nicht gerade durchgängig brillant, er aber selbst in seinen konfusesten Momenten noch konzise und wüst um sein Leben plotten konnte wie ein Uhrmacher der entfesselten Melodramatik. Lassen wir das wunderbar verstiegene Spätwerk mal schweren Herzens außer acht und fordern wir mal noch schwereren Herzens keine wilden Experimente, dann riechen Mays mittlerweile rechtefreie Bücher schon beinahe streng nach genremischendem Abenteuerfilm mit ironischem Glam  und  nach  wirklich wilden Fernsehserien, aber nichts da, statt dessen gab es vor einigen Jahren eine Animationsserie für Kinder frei nach „Winnetou I“ (kaum ein Stoff dürfte sich schlechter für eine Kinderanimationsserie eignen). Woran liegt`s, auch wenn der „Schuh des Manitou“, warum auch immer, immer noch als der erfolgreichste deutche Film alle Zeiten gelten kann?   May hat nicht nur die unter Dampf stehenden Nebenhandlungen, sondern auch die skurillen Nebenfiguren, den Hintergrundgeschichtenwahn (alle seine Figuren, bis auf Hadschi Halef, sind gebeutelt von komplizierten und traurigen Backstorys) und die Heldenselbstfindungen, die in den öderen Drebuchhandbüchern immer gefordert werden. Politische Vorbelastung? Das ist ein kniffliger Punkt, aber zum einen lassen sich May selber, bei allen grauenvollen Verehrern, weniger problematische Ansichten anlasten als selbst dem gebildeten, reflektierten, sozial bewusstem Dickens, und May bemühte sich zumindest am Ende seines Lebens auch nicht problematischer um politische Korrektheit als heutige überforderte Autoren, zum anderen wird ja mittlerweile viel belasteterer Stoff scheinbar gedankenlos gefilmt. Ist es die Abwesenheit nicht nur von starken Frauen, sondern auch von jeglicher halbwegs offener Erotik? Nun, das hat den „Herrn der Ringe“ ja auch nicht aufgehalten (mal schauen, was sich der Hobbit einfallen lässt), dazu wird Winnetou von Mädchen und Frauen, zum Teil in klugen Aufsätzen, durchaus als ein „weiblicher“ Charakter und als Rollenvorbild begriffen (dies ist nur ein Blog, darum das jetzt nicht). Verschreckt Mays eigentümlicher Umgang mit Gewalt, die auf der einen Seite permanent und wortreich abgelehnt wird, auf der anderen Seite aber ständig für abgründigen Thrill herhalten muss? Da haben sich frühere Verfilmungen auch nicht drum geschert (s.u.). Ist es vielleicht der immer noch hängende Schatten dieser früheren Filme? Aber die waren ja nun wirklich nicht unbedingt Meisterwerke (und dann bezahlt man eben ein Heidengeld für Martin Böttchers Musik, Pierre Brice spielt Intschu – tschuna, und die Nostalgiker freuen sich auch). Liegt es daran, dass es sich nicht mehr so unbelastet im nun ehemaligen Jugoslawien drehen lässt?  Nun, zwei sehr subjektive Erklärungsansätze (abgesehen von der Action, die in der Regel Hollywood überlassen wird,- die Frage nach dem Geld ist dagegen gar nicht einmal so eindeutig): 1. Pierre Brice. 2. Die Bücher sind so dick. Wenn ein englischsprachiger Produzent mal wieder was von Dickens verfilmen möchte, kann er vermutlich in seinem näheren Umfeld auf Menschen zurückgreifen, die Dickens in der Schule, in der Uni oder im VHS – Kurs behandelt haben, weiterhin auf alle Arten von Kurz – und Zusammenfassungen, Bilderbücher, verschiedene Filmversionen usw. usf. Alleine eine halbwegs komplette Inhaltsgabe von „Old Surehand“ dagegen verlangt in der Regel entweder a) selber lesen oder b) Eintauchen in die „Karl May – Forschung“. Natürlich lässt sich einwenden, dass May einfach nicht Dickens war, aber Moritz Bleibtreu ist auch nicht Colin Farell, und das scheint niemandem aufzufallen, im Guten wie im Bösen.

Zu a): es ist eigenartig, wie sich welche Erzählungen im Kopf festsetzen. Dieser Autor hat am vergangenen Sonntag im Selbstversuch festgestellt, dass sich, trotz diverser Bearbeitungen, „Winnetou I“ im Kopf in der nur einmal vor 30 Jahren komplett gelesenen Buchversion eingebrannt hat. Konkret: Ich dachte, der Film „Winnetou I“ sei, im Unterschied zu anderen Verfilmungen, mehr oder weniger der Originalplot plus Pierre Brice und die „Winnetou – Melodie“, minus das Christentum. Zumindest in diesem einen Buch ist Handlungsführung Mays absolut idiotensicher: Perlen auf einer Schnur, keine Ausreißer nach oben oder unten, sich aus einander ergebene Episoden, nur ein etwas unbefriedigender Schluss. Von wegen. Schon im zahmen „Winnetou I“ von Harald Reinl sterben etwa so viele Menschen wie in 10 Western von John Ford und etwa 30 Büchern von Karl May. Old Shatterhand, der „große Freund des roten Mannes“ ballert böse Indianer ab, anstatt sie, wie es seine Art ist, aus dem Hinterhalt zu fesseln, sie durch Faustschläge und die berühmten Knieschüsse zu entwaffnen und ihnen anschließend lange Reden über ihre Dummheit und den lebendigen Gott zu halten. Verblüffenderweise sind diese süßlichen Filme selbst innerhalb der „offiziellen“ Reihe von genau der selbstverständlichen Brutalität, die ihnen u.a. der „Katholische Filmdienst“ in gerne verlachten alten Kritiken  vorgeworfen hat. Und frühere bundesdeutsche Kinder, die sich vor „Krieg der Sterne“ anfangs noch gegruselt haben, hat das nie gestört. Die von May so drehbuchaffin angelegte Heldwerdung der Helden fällt völlig weg, die sind gesetzt (schon aus dramaturgischen Gründen hätten eigentlich auch die ideologisch vorbelasteststen Drehbuchautoren nicht auf solchen Stoff verzichten können, taten sie aber). Und nicht einmal die „Winnetou – Melodie“ wird in „Winnetou I“ gespielt. Der Zeitgeist schreibt mit, und die Erinnerung übernimmt bei ihrer Gestaltung der „eigentlichen“ Geschichte, was sie brauchen kann. Nicht zuletzt dank vieler buchnäherer Bearbeitungen wird „Winnetou I“ nicht nur für diesen Autor als Karl Mays Orignalplot plus Pierre Brice und das ihn begleitende Mundharmonika – Thema im Kopf bleiben, vielleicht ist das nicht die schlechteste Erinnerung. Denn natürlich hat der Wunsch nach neuen Karl May – Filmen immer noch gute Chancen, ganz schauderhaft erhört zu werden.

 

Der Zeitgeist schreibt auch bei der Bewältigung des Klimawandels mit, der aktuell auf eine Erwärmung von bis zu fünf Grad bis zum Jahr 2100 prognostiziert wird. Seit 25 Jahren ist die Erderwärmung bei starker Konkurrenz DER konstante Alptraum dieses Autors, der saure Beingeschmack in auch noch den optimistischsten Stunden. Und offensichtlich hat sich bei diesem Thema im deutschen Allgemeinbefinden in 25 Jahren auch nichts geändert, nur falschrum. In Deutschland ist die Sensibilität,- so heißt es in Internetforen und hier und da leider auch in der wirklichen Welt,- sehr hoch, und die deutsche Industrie tut, was sie kann. Jetzt sollen doch bitteschön mal die anderen, und man kann ja auch nicht ewig über das gleiche Thema reden. Und die deutschen Konsumenten achten auf klimafreundliches Verhalten (wie auch auf fair trade) so absurd genau, dass sie sich auch mal eine Erholungspause verdient haben (hätten sie auch, obwohl sie es nicht tun. Gesetze wären eine wunderbare Hilfe dabei). Soweit die fama. In der Zwischenzeit hat sich das Problem verschärft, im gerne geschmähten Amerika haben sich ganze Bewegungen um das Thema herum gebildet, Deutschland zählt in den Studien der letzten Jahre immer wieder zu den Ländern mit einer problematischen Entwicklung in der Behandlung von Umweltthemen, und nicht zuletzt mit deutschen Aufträgen und Partnerschaften wurde die klimabelastende Produktion angeheizt wie noch nie. Trotzdem: An vielen Ecken und Enden Warnungen vor deutscher Panik, vor deutschen Gutmenschen als Lachnummer der Welt. Als hätten wir 1987, als hätte Old Shatterhand niemals einen Kiowa erschossen.      

27.11. HBO ist das neue HBO

Serien, immer noch, immer wieder: amerikanische Serien sollen alle gucken, denn die sind so gut wie Romane, und manchmal spielt Steve Buscemi mit. „Cloud atlas“ müssen alle gucken, denn der ist rätselhaft, innovativ und tiefgründig, obwohl der Roman von David Mitchell zwar außerhalb Deutschlands ein Bestseller war und von der Kritik gelobt wurde, aber nirgendwo als rätselhaft und tiefgründig gepriesen wurde, und als innovativ eher innerhalb der Parameter eines gehaltvollen postmodernen Romans. Und auf der anderen Seite sind die Thrillerstapel in den Buchläden öde und leer, gerade im Vergleich zu den früheren jeweiligen Hochzeiten von Science – Fiction/Fantasy/Horror/Thriller. Was ist denn da passiert? Sind Castingshows unsere neuen Spielfilme, sind Spielfilme und Serien unsere neuen Romane, sind Genreromane unsere neuen Groschenromane, und funktioniert unsere anerkannte Hochliteratur vor allem über das Darstellen von Lebensgefühlen bestimmter Schichten? Und ist das Internet unsere neue Zeitschriftenlandschaft, sind unsere Zeitschriften unsere neuen aktuellen Taschenbücher? Ist Spanien das neue Griechenland, Frankreich das neue Spanien, und….Nein, vermutlich nicht. Vermutlich rutschen nur die verschiedenen Parameter von Qualität und Unterhaltung durcheinander, weil Spielfilme so teuer werden, und Romane so gerne Spielfilmvorlagen, und dabei will keine Seite etwas falsch machen. Darum werden Spielfilme komplexer in ihren Erzählmodellen (und das gleichzeitig auf abgesichert literarische Art, filmische Avantgarde funktioniert an sich ja etwas anders), damit man sie auch noch zum zehnten Mal anschauen kann, und Genreromane schlichter, damit sie auch ein Filmproduzent noch nach zehn Filmen lesen kann. Und immer weniger wuselt farbig unter allen Radaren, aber immer noch genug (und wir alle sind das neue Griechenland, perspektivisch, und natürlich kriegt Frankreich eine Salve vor den Bug, solange Ratingagenturen als das neue Fräulein Rottenmeier ernst genommen werden). Und Serien? Wer will diese langen, teuren Serien, die beinahe aussehen wie Filme, beinahe abgehen wie Bücher, aber am Ende eines langen Tages doch nur vier DVDs voll von den immer gleichen Vorspännen, Abspännen, Großaufnahmen und variantenreich wiederholten Schlüsselmomenten sind („Jetzt hat sich Walter aber wirklich für das Böse entschieden….Mann, jetzt hat sich Walter aber echt so richtig für das Böse entschieden….Jetzt ist Walter aber wirklich ziemlich böse geworden“)?

Ist es nicht ein wenig bedrückend, zu ahnen, dass man im Leben vielleicht noch das Gesamtwerk von Ozu oder Dreyer oder Stuart Gordon weggucken wird, vielleicht noch Thackeray und eines Tages Tolkien im Gesamten weglesen, aber aller Voraussicht nach nicht LOST oder THE WIRE oder WEST WING oder THE SOPRANOS oder BOARDWALK EMPIRE undundund, und von und ganz zu schweigen, bewältigen wird? Während ein flotter Film aus der jeweiligen Schmiede vermutlich eine prima Sache zwischen Regen und Badewanne wäre? Offensichtlich nicht. Die Mischung aus Vertrautheit und Herausforderung, aus guter Stube und großer Welt, aus individuell und sowiealleanderen, aus understatement und Imponiergehabe muss wohl unwiderstehlich sein. Aus Sorge um die geistige und seelische Beweglichkeit der Gucker sollte aber, auch und gerade bei den überzeugendsten Serien, auf DVD in jede Staffel eine Folge von „Alf“, „Bonanza“ oder „Drei Damen von Grill“ geschmuggelt werden, natürlich unter falschem Vorspann und mit einer Inhaltsbeschreibung à la „Jetzt wird es ernst für Walter.“ 

20.11. Vor dem Weltuntergang

In einem Monat schlägt das angeblich von den Mayas prognostizierte Weltende zu, und zumindest den aktuellen Nachrichten nach macht sich die Apokalypse allmählich (heraufdämmernde Kriege mit kaum abwägbaren Folgen, Erderwärmung fällt vermutlich noch heftiger aus als bislang angenommen). Trotzdem scheint sich die Vorbereitung auf den letzten Vorhang in Grenzen zu halten: abgesehen von der interessanten Wahlwerbung von Chuck Norris und Gemahlin gegen Obama (waren die „1000 dunklen Jahre“ voll „Sozialismus und Schlimmerem“ eine in den USA erlaubte Form von Rassismus, oder hat Chuck Norris im Lauf der Zeit einfach zu viele Drehbücher für Chuck Norris – Filme gelesen? Dabei hatte es doch immer den Anschein, als wäre Chuck Norris nun wirklich die letzte Person, die das Drehbuch zu einem Chuck Norris – Film lesen würde) hat es kein bizarrer Ausfall zu größerer Popularität gebracht. Vielleicht treffen sich im Dezember ja ein paar Menschen auf dem Blocksberg und summen diese hübsche Melodie aus „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, vielleicht sind wüste Letzte Tage – Orgien in verschwiegenen Landschlössern anberaumt, aber zumindest in das allgemeine Geplauder, das dieser Autor mitbekommt, dringt nichts davon vor (ein paar Menschen picknicken immer mal wieder auf dem Blocksberg und schwenken ein paar Pendel, und angeblich treffen sich angeödete sogenannte Spitzen der deutschen Provinz auf ausladenden Anwesen und spielen „Eyes wide shut“ nach, - aber das mag von vielem das Ende bedeuten, als Weltuntergangsbegehung taugt das kaum). Vermutlich sind die Zeiten einfach zu ernst für apokalyptische Vorstellungen (selbst wenn viele Menschen in Deutschland vornehmlich um den Deutschen Aktienindex zu zittern scheinen). Die populäre Kultur, die seit etwa 30 Jahren apokalyptische Geschichten im Sperrfeuer über den Planeten geschickt hat, gibt sich auffallend ruhig (nein, „Cloud Atlas“ ist etwas ganz anderes).  Anlass für eine Verschwörungstheorie? Apropos,  sogar ausufernde Verschwörungstheorien, die fahle Freude entfremdeter Zeitgenossen mit zu viel Zeit und zu wenig Genossen, ebben gefühlt zum ersten Mal seit rund zwanzig Jahren deutlich ab. Haben sich unsere Probleme etwa bis zur Kenntlichkeit gemausert?

Wie auch immer, zum Apfelbaumpflanzen ist es zu kalt, und es bleibt die Frage, wie die letzten Wochen der Menschheit würdevoll zu begehen sind. Persönliche Vorstellungen: Endlich brauchbare Pfannkuchen hinzukriegen (und essbare Rouladen, selbst wenn die dann nur alleine gegessen werden), Bücher wieder zu Ende lesen, mehr Spaziergänge an Flüssen entlang. Wirklich spannend wird dagegen die Frage, wie vor Weihnachten dann das Überleben des Weltuntergangs begangen werden soll. Werden Maya – Witze populär? Kommen hippe T – Shirts von kalifornischen Garagenfirmen ("I survived the maya - calendar")? Liegen dann Quatschkalender für das Jahr „1“ in den Geschenkeshops und den kitschigeren  Esoterikläden? Werden die Menschen   besinnlich und fassen gute Vorsätze? Aber das passiert ja jedes Weihnachten. Welche verlässlichen Kriterien haben wir überhaupt dafür, um zu entscheiden, ob der Weltuntergang stattgefunden hat?

    

13.11. Bösenmüde (etwas)

(Diese Website wurde für eine ganze Weile nicht aktualisiert, aufgrund von technischen Problemen. Sie sind ab jetzt hoffentlich alle behoben)

 

Die meisten Menschen, die den neuen Bond empfehlen, haben ohne Zweifel Geschmack, Geist und Gemüt und meinen es gut, aber ihr begeistertes Grinsen befremdet, wenn sie in ihren hellen Herzen nach Worten suchen, um die perverse Faszination von Javier Bardem als Gegenspieler zu beschreiben. Augen leuchten, die Sprache versagt, irgendetwas Großes ist mit ihnen geschehen. Diese Suche nach dem wirklich unmenschlichen bösen Geist in populären Erzählungen scheint bei einem Teil des Publikums schon spirituelle Züge anzunehmen. In den Geschichten sorgt sie vor allem seit gut 20 Jahren für jede Menge Peinlichkeiten: Wie viele Kinderlieder und Abzählreime wurden mittlerweile schon von knallchargigen Alptraumgestalten mit heiserem Lachen in die Nacht gewimmert? Wie viele größenwahnsinnige Selbstverfluchungen von diabolischen Schubladenschurken finden sich mittlerweile in jedem zweiten Kinderfilm? Wieviel knüppeldick aufgetragene sardonische Ironie erträgt ein durchschnittliches rezipierendes Gehirn, bevor es implodiert? Wie viele flotte Verhackstückungen von Psychologie, Zeitkritik und Verschwörungstheorien kann eine Dialogszene zwischen zwei Männern mit Knarren aushalten, bevor sich das Weltall umstülpt und komplett in einem  Klischeenebel verschwindet? Wie viele Menschen werden unter pathetischen Bekenntnissen gerade in Büchern auf deutschen Bahnhöfen gehäutet oder gekreuzigt? Und wie gut hätte die „Harry Potter“ – Saga werden können, wenn Voldemort nicht alles plattgemacht hätte?

Javier Bardem muss keinen Quatsch mit seinen Haaren machen, um nuancenreich eine Leinwand zu füllen, der unglückliche Heath Ledger konnte auch und vor allem ohne Zischeln und Zuckungen wirre Filme zusammenhalten, Sir Anthony Hopkins ist ohne Punktleuchten auf den Augen mindestens ebenso eindringlich.

Manche Geschichten handeln vom Bösen, natürlich, und das ist ja auch großartig. Antagonisten erfüllen wichtige psychologische Funktionen und drücken ein sonst kaum zu artikulierendes Unbehagen aus, sicher. Ängste und Ambivalenzen brauchen Gesichter und Symbole. Aber die Parade der uns –angeblich- immer- so- ähnlichen Theaterdonner – Springteufel der letzten zwanzig Jahre ist zum zeitgenössischen Äquivalent für frühere Autoverfolgungsjagden vor Rückprojektionen, Sahnetorten und gemalten Sonnenuntergängen geworden, - und in den meisten Fällen etwa so organisch aus den Geschichten entwickelt.

Vielleicht begann es mit Jack Nicholsons „Joker“ 1989, der immerhin in einer „Batman“ – Verfilmung auftrat (und der „Batman“- Stoff handelt nun einmal von Fantasien über das Gesicht des Bösen). Das Wettrennen war eröffnet, und als erster Höhepunkt kassierte Anthony Hopkins 1992 einen „Oscar“ für „Das Schweigen der Lämmer“ (Freddy Krueger“  Verehrung war noch etwas für entfremdete Teenager gewesen). Seitdem ruht es in der Filmwelt nicht mehr, und literarische Thriller sehen sich offenbar in direkter Konkurrenz.          

Von der Macherseite her ist der Kampf um die eleganteste sabbernde, säbelrasselnde Fratze also durchaus verständlich. Doch dass der Spuk ausgerechnet von einem meist mildem Publikum herbeigeklatscht wird, das sich ansonsten eher aufgeräumt und heiter gibt, mag zwangsläufig sein, bleibt aber ein wenig eigentümlich.

„Der Teufel kriegt immer den besten Text!“, soll eine britische Theaterweisheit lauten. Es bleibt die Frage, ob der aus hohlem Kichern, Kinderreimen und halbverdautem Freud besteht. Und warum kriegt den besten Text nicht auch einmal, sagen wir, der Bäcker? Eine Seefahrerin? Ein Eichhörnchen?     

29.08. 2012: Blockbuster/Chico und Rita

Rein kinogeschichtlich (befassen wir uns mal mit Kino, das entspannt hier und da) könnte 2012 als

DAS JAHR DER LAHMEN RIESENFILME

bekannt werden. Ausufernde Budgets, Fans in hysterischer Vorfreude, Kritiker mit gewetzten Tranchiermessern, Popkulturbeobachter zünden in banger Erwartung ihr Hirn auf die nächste Stufe, und dann…- nichts. Nur ein paar lausige Einspielrekorde, und nach dem Film keine andere Frage im Raum als „Gehen wir noch was trinken?“

Den Blockbuster auf seine heimlichen Bedeutungen und seine clevere Kommunikation mit den Massen abzuklopfen war eine nötige, ehrenwerte und erhellende Disziplin in früheren Tagen, als die schwer erfolgreichen Filme komplexer waren als ihre Analysen, voll von verschachtelten, bewusst gebauten und intuitiv zusammengeschraubten Unterströmungen, ihre Rezeption eine surrende stille Post zwischen Machern und Publikum über große Themen war. An „Zurück in die Zukunft“ und seiner Wirkung kann man sich, wenn man das möchte, immer noch die Zähne ausbeißen. Und am hinteren Bildrand kann man immer noch etwas entdecken, wenn auch nicht unbedingt Kunst. „The Avengers“ ist dagegen irgendwie okay, ein bisschen unsympathisch, ein bisschen sympathisch, für einen so großen Film vor allem flau. Kompetent gemacht, aber was soll man bei dem Aufwand und den vielen brillanten Leuten im Hintergrund anderes erwarten? Die alten ideologiekritischen Argumente gegen Mainstreamfilme an und für sich erscheinen mit einem Mal interessant zu werden, weil es sonst einfach wenig zum Nachdenken gibt. Die Frage „Wenn der Hulk seine Kräfte unter Kontrolle hat, warum hat er dann seine Kräfte nicht unter Kontrolle?“ ist weniger inspirierend als die Frage, warum Disney Marvel gekauft hat. Bittere Zeiten (ohnehin, aber auch beim Popcornkino), wenig am hinteren Bildrand. Andere Schnarchsmashhits des diesjährigen Eventkinos: „The dark knight rises“, „Prometheus“ und, leiderleider, auch „Merida“/“Brave“ (ein ehrenwerter feministischer Kinderfilm, der mit einem Viertel des Budgets sicherlich einigen Charme gehabt hätte). Die finanziellen Erfolge bedeuten, genau wie die Fertigstellung der Filme, lediglich eine gelungen ausgeführte Operation. Man weiß, was man hat, die Bilder sind, was sie sind, und das auch beim halbinteressierten Zuschauen, und die Tiefenthemen sind genau so drin wie in den Vorankündigungen versprochen. Ordentlich gelistete Inhaltsstoffe, exakt der versprochene Nährwert, weswegen die Inhaltsstoffe und der Nährwert problematischer werden. Sind das die Shareholdervalues bei der Arbeit? Filmerfolge ohne Überraschung waren ja lange ein unmöglicher Traum der Industrie. Sind das die auserzählten, künstlich am Leben gehaltenen Geschichten unserer Zeit? Ist das die Reaktion auf Internetpiraterie? Auf das Betrachten von Riesenfilmen auf viel zu kleinen Bildschirmen in einem vollen Zugabeteil? Fragen zum Dranbleiben. Aber „Merida“ lohnt sich trotzdem.

Ebenso lohnt sich „Chico und Rita“ der nun endlich bei uns anläuft, nachdem er schon für den Oscar nominiert war (und in Spanien und Frankreich ein kleiner Hit). Meines Wissens der erste vollanimierte Langfilm über ein Liebespaar. Das Liebespaar besteht aus Chico, einem kubanischen Musiker, und Rita, einer kubanischen Sängerin. Beide sind natürlich gut wie Gold und kriegen ihre Liebe nicht gebacken, während sie mit zwei Liedern zu Legenden der populären Musik werden. Die Figuren sind nicht einmal runde Klischees, die Story ist praktisch nicht vorhanden, die Themen Liebe, Karriere, Musik und Politik werden in etwa auf dem Niveau von Horoskopen behandelt (und zwar von ärgerlichen). Aber der Film leuchtet und bitzelt, sieht aus wie die atmosphärischsten spanischen Comics (Design und Co - Regie: Javier Mariscal) in Bewegung, prunkt elegant mit Licht, Farben, Musik (Regisseur: Fernando Trueba, und Tono Errando hat auch noch inszeniert) und fließenden Linien und erlaubt sich sogar einige geschmackvolle erotische Szenen. Jazzclubs in Paris, Nachtclubs in New York und Tito Puente sehen genau so aus, wie sie aussehen sollen (und ganz sicher niemals aussahen). Roger Ebert, der große alte Mann des Mainstreams, empfand die Figurenanimation als zu karg, aber genau der europäische Ansatz, Figuren und Hintergrund zu einem Bild zu verschmelzen, macht Reiz und Wirkung aus. Vielleicht ist Chico und Rito geschmäcklerisches Kunstgewerbe, Gewölbekellerarthouse für Leute, mit alten Reklametafeln über dem Bett, aber sehr schönes, und in dieser Form ungewöhnlich und hoffentlich richtungsweisend.