Was ist im Topf?

Notizen zu Erzählungen, Alltag und der weiten Welt

20.09. 2021: Mittelalter - Update (besser spät als nie)

Beinahe niemand, den ich mag, mag Mittelaltermärkte, und das ist ein Euphemismus. Die meisten hassen sie. Und das war schon immer so. Mir wurde von verschiedensten Menschen immer wieder mit einem Leben ohne Sympathie und Spaß gedroht, falls ich mir doch mal eine „Gewandung“ (eines dieser Kostüme aus verbogenem bunten Filz) zulegen sollte. Immer wieder wurde mir erklärt, weswegen der ganze Mittelalterquark absolut nicht zu mir passen würde (weswegen ich mittlerweile weiß, dass zu mir Menschen passen, die der Meinung sind, zu mir passe kein Mittelalterquark). Vor Corona fanden buchstäblich jedes Jahr Hunderte dieser zugegebenermaßen meist latent grässlichen und potentiell problematischen Spektakel alleine in Deutschland statt, und ich staunte die Terminliste einsam und mit gepresstem Atem an wie ein heimlicher Schuhfetischist Bildergalerien von hochhackigen Birkenstocks (ich habe nicht die geringste Ahnung, worauf Schuhfetischisten so stehen). Vor 20 Jahren schrieb ich einen wohlwollenden Beitrag über in der wirklichen Welt gespielte Fantasyrollenspiele für die „Katholische Nachrichtenagentur“ (ich war nie auch nur ansatzweise katholisch, so ist so ein Leben), der mir nach dem so plötzlich gemein klingenden Satz, die Spieler:innen (sie treiben sich vor, nach und während ihrer Rollenspiele, in denen sie unsichtbare Drachen verhauen, gerne auf Mittelaltermärkten herum), würden sich nach eigener Aussage von Rechtsextremen distanzieren, abgeschnitten wurde.

Dabei war ich immer nüchtern auf dem Mittelaltermarkt  – kein Besäufnis mit Freunden hinter der alten Schmiede, keine  Schwärmerei für die Frau mit den Schafen, keine qualvolle Beziehungsdiskussion während der nachgestellten Schlacht- und verbinde mit dem Setting auch keinerlei biographisch prägende Erlebnisse. Ich habe auch nie an einem Backstage – Lagerfeuer gesessen (nur hin und wieder ein paar Backstage – Gespräche neben dem Lagerfeuer geführt), ich mochte das Ganze immer als distanzierter Tourist. Ich war begeistert von Badezubern beim Budenzauber, ohne mir selbst auch nur die Füße nasszumachen.

Jetzt ist Mittelaltermarkt natürlich nicht gleich Mittelaltermarkt. Der erste, auf dem ich war, das war um 1980 herum, ich war klein und beeindruckbar, war unkommerziell und peacig. Tarotkarten, esoterischer Progrock live, Tänzer:innen in luftig bunten Gewändern. Hunderttausende flüchteten damals vor den Frustrationen der scheinbar gescheiterten Utopien in die Gärten und die ersten Ökoläden, hinter Butzenscheiben und in die Dauerlektüre vom Herrn der Ringe (die echten Fans lasen das Buch ständig, vorwärts, rückwärts und in Auszügen. Ohne das Buch kamen sie nicht aus dem Bett und fanden umgekehrt keinen Schlaf, und es stand für beinahe jede Lebenslage etwas interessant Unverständliches darin. Es war tatsächlich ihre Bibel). Es gab noch keine „Nerds“ in Deutschland, nur „Spinner“, und die jonglierten mit brennenden Fackeln auf dem Mittelaltermarkt oder lasen im Kerzenschein Märchen vor. Disneyland war auf einem anderen Kontinent, die Neue Deutsche Welle noch nicht in der Provinz angekommen, ein Mittelaltermarkt war für einen Erstklässler jener versunkenen Jahre ein Trip und eine Droge (biologisch abbaubar). Dabei wurden die Spinner nicht nur vom damaligen Mainstream der Gesellschaft verachtet, sondern auch von ihren WG – Nachbar:innen und den Kolleg:innen im Kopierladen, die den ganzen Spuk für eine Flucht vor der Wirklichkeit, vor Politik und der harten kapitalistischen Realität hielten. Dabei entpuppen sich die Mittelaltermärkte von damals, zugige wärmende abgelegene Winkel in einer hektischen Welt (aus heutiger Sicht war allerdings auch der damalige hektische Alltag im Vergleich der reinste Mittelaltermarkt), ironischerweise in der Rückschau als die reinsten Zukunftsmessen: dort wurden mit die ersten Käufer:innen für Ökokekse, Hanfleinen und Duftöle gewonnen.

 

Ab Mitte der 1990er überzog eine neue Generation von diesmal vergleichsweise geschäftstüchtigen Fanatiker:innen Deutschland mit Mittelaltermarktflecken. Endlich gab es mal ein wenig Verwendung für die in unseren Breiten in aberwitziger Anzahl verstreuten alten Gemäuer. Aus der einstigen Alternativnische war dabei allerdings ein Auffangbecken für Zivilisationsmüde mit Kleingeld und wenig Berührungsängsten vor dräuendem Barbarengeraune geworden. Die Fans kamen stolperten weniger aus der Tolkien Lektüre oder der alternativen Kommune auf den Markt, sondern hatten zuviel Zeit vor Fantasyrollenspielen am Computer verbracht und lechzten nun nach ein wenig analogem Input. Natürlich waren die meisten Händler:innen und Schausteller:innen die mehr oder weniger gleichen verpeilten romantischen Geister wie früher. Nur wurde jetzt das Märchenzelt von Ständen für voll funktionstüchtige Dolche und Beile und Kettenhemden eingerahmt, und die erotischen Unterströmungen neigten jetzt eher zu Piercings, verschwitzten Lederfetzen und hier und da zu einem Hauch Sadomasochismus (es waren die 90er, da musste das so). Gerne wurden nun als Höhepunkt des Programms Schlachten dargestellt, gerne mit vagem und unhaltbaren angeblichen historischen Bezug. Und mit der allmählichen Einführung der reichlich lieblos und mehr als gewollt zusammengestoppelten Kunstsprache „Marktsprech“ (altertümelndes Deutsch voll falscher Konjunktive, irgendwo zwischen den Brüdern Grimm, Shakespeare – Übersetzungen aus der Romantik und den Synchronfassungen der „Drei Musketiere“) wurden dann endgültig alle kritischen Menschen mit einem Rest von Selbstachtung vergrault (ich immer noch nicht).

Je vornehmer und küstennäher die Veranstaltungen waren, um so familienfreundlicher wurden Mäuserennen abgehalten, Legenden nachgespielt und Berg- und Talbahnen aus Holz angekurbelt. In ärmeren Regionen gab es dann auch schon mal zumindest auf dem Parkplatz hinter dem abgerockten Messegelände Dosenbier aus dem Kofferraum für den Bettelmönch und den Söldner. Viele Teilnehmende waren mittlerweile, wie auch auf den lose korrespondierenden Weihnachtsmärkten, Profis, die mit dem Großteil des Tross von Ort zu Ort reisten wie fahrendes Volk und sich mit bspw. einer Verkaufsbude voller selbstgenähter Kräuterkissen einen Lebenstraum erfüllten. Events boomten ohnehin, erst recht Events für Familien, die Alternativfreaks von früher wandten sich allerdings von solchen Spektakeln mehr und mehr ab und wagten sich in die wirkliche Welt und wurden als neues, grünes Bildungsbürgertum gesellschaftlich so erfolgreich, wie es angesichts der frustrierten Romantiker:innen 1980 noch niemand geahnt hätte. Während Weltabgewandtheit zur Zeit des Wahlkampfs Schmidt gegen Strauß noch progressiv konnotiert war, galt nun die Flucht in zusammengeträumte frühere Zeiten AUCH und vielleicht vor allem als regressives Sammelbecken für Modernisierungsverlierer:innen mit Wut im Bauch und einer Schwäche für angeblich alte deutsche Wappen. Was tümelte hier?

 

Ich habe tatsächlich nie einen rechten Satz auf einem Marktflecken mitbekommen (und ich habe an wirklich vielen Orten und bei vielen Gelegenheiten schon rechte Sätze mitbekommen). Aber was bedeutet das wirklich? Menschen aus der Community reagierten auf entsprechende Fragen immer sehr schnell und vehement mit ziemlich formelhaften Distanzierungen. Und in manchen Codes sagt eine Barbarenstreitaxt vielleicht mehr als tausend Worte. Ganz sicher würde ich für manche Bands aus der Szene, für ihre raunenden und dräuenden Texte, keinen kleinen Finger ins Feuer legen. Die Existenz solcher Bands (die Bands, die ich selber live erlebt hatte, waren immer okay gewesen, wenn auch hier und da ein bisschen jaulig oder röhrig) verdarb mir irgendwann die unschuldige Freude an Märkten und ich besuchte sie nur noch selten und sozusagen mit spitzen Fingern. Die Zeiten änderten sich, und der Assoziationsraum von Rittern und alten Zeiten war nicht mehr ganz so selbstverständlich versponnen und bescheuert, was die Bedingung dafür ist, speziell in Deutschland, in einem solchen Mummenschanz schwelgen zu können. Ein guter Mittelaltermarkt muss meiner Meinung nach in unseren Breiten so offensiv albern, illegitim und offensiv eskapistisch sein, wie es die Selbstachtung zulässt, und fern von allen möglicherweise existierenden Nationen, „Stämmen“ und „Völkern“, und alle sind eingeladen. Der allgemeine Trend ging allerdings eher in Richtung Runenalphabete, die angeblich historisch verbürgt waren (und auch wenn das nicht rechts sein sollte, wie es sofort immer hieß, sollte es doch einen wohligen Schauer von Tradition, wenn nicht von Vermächtnis, auslösen).

Schließlich eroberte dazu noch der Nobeltrash von „Game of Thrones“ die Hirne und Herzen, und quer über die Weltkarte berauschten sich außerdem Menschen im wirklichen Leben und mit politischen Konsequenzen gemeingefährlich an scheinbarer Archaik und erfundener National – und Stammesgeschichte. Das Mittelalter, diese dunkle Projektionsfläche für alles Vor- Gegen – oder Nebenmoderne wurde zur Metapher für eine Gefühlslandschaft, in der sich die Welt gerecht und grausam und reaktionär gewünscht wird. Ein dreckiger, ambivalenter Fiebertraum, in dem das verbreitetste Hobby Folter ist, die verbeiteste Verwandtschaftsbeziehung Inzest, und gute Nachbarschaft den vorübergehenden Verzicht auf gegenseitige Versklavung bedeutet.

Vor diesem unguten Hintergrund besuchte ich vor zwei Wochen meinen ersten Mittelaltermarkt seit langem, am gleichen Ort, an dem bei meinem ersten Besuch die Feen (=Kunststudent:innen) herumgewirbelt waren.

Ein knurrig selbstironischer Marktschreier/Erzähler in alterslosem Grau (vermutlich ein Kunststudent) erklärte gleich zu Beginn, wer auf historische Genauigkeit Wert legen würde, wäre hier falsch, und für Blut und Waffen wäre es auch nicht der richtige Ort (auch wenn natürlich trotzdem in der Bude neben ihm Schwerter und Bögen verkauft wurden). Es war ein warmer Tag, und der Marktschreier rückte mit seiner exzentrisch und  nicht didaktisch vorgetragenen Ankündigung, die umgeben war von der üblichen Werbung für die im Laufe des Tages auftretenden Attraktionen, immer im schauerlichen Marktsprech, zumindest mein Herz angenehm zurecht. Es gab „Würzfleisch“, das ich nicht aß, „Honigmet“, den ich nicht trank, „mittelalterliche“ Schießbuden, um deren Waffen ich einen Bogen machte und geschrammelte Trinklieder, die ich beinahe nicht mitsang. Es war ein großartiger Quatsch, die beinahe unproblematische Verwirklichung schwer problematischer Wünsche, ein Mittelalter für die Zukunft.

 

 

 

 

 

06.09.21: Die eventuell schlechtesten Schurken der Welt

Es sind ja nicht nur die Held:innen, die uns weltanschaulich und rückenmarksmäßig prägen, sondern mindestens ebenso ihre Gegenspieler:innen, die uns beibringen, was wir offen verabscheuen und insgeheim bewundern sollen. Das größte Lob für eine absurd luxuriöse, originelle und dazu noch abgeschiedene Privatresidenz bleibt „Ist ja hier wie bei einem James Bond – Bösewicht“ (ich selber habe nur einen solchen Ort jemals betreten, und dort wohnten die nahezu nettesten Menschen der Welt), und die frühere, kluge Scheu des deutschen Films, Protagonist:innen des „Dritten Reichs“ in Fiktionen darzustellen , resultierte aus der Ahnung solcher Dynamiken (als Horrorfan denke ich häufiger darüber nach, wie beinahe unmöglich es ist, im Rahmen einer Spannungsdramaturgie ein wirklich unattraktives Böses zu schildern). Sowohl die Kunst, als auch die Probleme aller Batman – Geschichten liegen nicht in der Diskussion über Selbstjustiz oder darüber, ob ein Umhang wirklich so herumwehen kann, sondern in den brillanten Portraits von monströsen Gegenspieler:innen, die verschiedene Traumata und Weltsichten auf erhaben alberne Art ins Groteske steigern. Die Frage nach dem Lieblingshelden lässt nicht annähernd so tief blicken wie die nach dem favorisierten Batman – Gegner (Scarecrow, Poison Ivy und Anarchy - das fühlt sich an wie echter Exhibitionismus).  

 

Der schlechteste Schurke der Popkultur erschütterte dagegen Anfang der 1980er die Welt (genauer: einen kleinen, zu vernachlässigenden Ausschnitt des deutschsprachigen Teils) und mich (genauer: einen kleinen zu vernachlässigenden Ausschnitt des deutschsprachigen Teils), es war der erste Dauergegner, der mein blutjunges Gehirn prägte: die Schwarzfahrerbande.

Die Schwarzfahrerbande war die unbeirrbar alle zwei Wochen gegen alles Gute (= die Deutsche Bahn) antretende Nemesis des Comichelden Lupo im Magazin „Lupo und seine Freunde“.

Das Magazin war in den frühen 1980er Jahren der einigermaßen verzweifelte Versuch, alle noch nicht anderswo verbratenen interessanten und bezahlbaren francobelgischen Comicserien auf den deutschen Markt zu schmeißen (es waren etwa zwei) und damit dem seit der Lancierung von Bussi Bär etwas ins Straucheln geratenen Kauka Verlag ein paar neue und etwas ältere Leser:innen zu bescheren. Kauka hatte, vor allem im Rahmen seiner diversen Fix & Foxi – Produkte, beinahe alle wichtigen Comics aus den Nachbarländern auf den deutschen Markt gebracht, aber das in der Summe so lieblos, dass sie nun alle außerhalb seiner Reichweite in Alben und bei „Yps“ reüssierten. Eine nicht unwichtige Rolle spielte dabei vermutlich auch der Nachgeschmack der entsetzlichen (und Kindern damals unbekannten) ersten deutschen Asterix – Übersetzung, die bei Kauka erschienen war: mit amerikanisch sprechenden Römern, sächselnden Gothen und einem Held namens „Siggi“. Einzelne Momente waren noch schlimmer, wie die berüchtigte Frage, ob der hinkelsteintragende „Barrabas“ (=Obelix) denn „immer diesen Schuldkomplex mit rumschleppen“ müsse, während „Germanien“ doch seine „Kraft“ brauchen würde („wie nie zuvor“). Wer sich wundert, weswegen Zeichner Uderzo bis zum Ende seines Lebens unversöhnlich mit Unterlassungsklagen gegen jeden „Kinderteller Asterix“ schoss, muss sich nur einmal „Siggi und Barrabas“ ansehen.

Fünfzehn Jahre später, der Verlag befand sich bereits in einem langsamen Prozess des Aufgekauftwerdens (ist kein Deutsch, aber dafür hoffentlich verständlich), und Patriarch Rolf Kauka hütete Kühe, versuchte sich Kauka ein allerletztes Mal an einem Comic für Teenager, eben „Lupo und seine Freunde“.

Die Figur des Antihelden Lupo war die mit Abstand interessanteste im Kauka – Kosmos (ein in einem verrotteten Turm wohnender Trickster und Dandy) und damit immer wieder Gallionsfigur für Projekte, die minimal edgy waren (im Rahmen von Kaukas Kindercomics. Abgehen davon versuchte er sich auch an Softpornos und schundigem Horror). Das letzte war diese zwischen 1981 und 1983 zweiwöchentlich erscheinende Zeitschrift, die unter anderem das leider oft vergessene großartige Goscinny – Nebenwerk „Spaghetti“ über einen durch Thrillerparodien stolpernden Kellner  brachte (Goscinny war halber Italiener und durfte das). Auch die Titelserie „Lupos tolle Touren“ begann als eine beinahe anspruchsvolle und beinahe fortlaufend erzählte Thrillerparodie, bis sie nach einem guten Jahr einen eigenartigen Neustart hinlegte und aus Lupo einen Bahnbeamten machte. Die Bahn, damals nicht einmal mit einem Bein in Privatbesitz, versuchte sich damals auf vielen Kanälen an neuer, zeitgemäßer Öffentlichkeitsarbeit, aber es gab nie eine offizielle Vereinbarung mit Kauka und es wurden auch nie auch nur Hinweise auf eine inoffizielle Vereinbarung entdeckt. Warum auch immer, jedenfalls erfand der sonst konsequent nichtsnutzige Lupo von da an schicke und futuristische Bahnstrecken, Züge und Speisewagen, die alle den Mund wässerig werden ließen, und kämpfte Kaukas unmoralischste Figur von da an nahezu rechtschaffen gegen ein großes Übel: ja, richtig, eben die Schwarzfahrerbande.

Die Schwarzfahrerbande war eine Bande von Gangstern (alles Männer, mit Schnauzennasen), die gerne schwarz in den Zügen der Deutschen Bahn hin und her fuhren. Dabei lachten sie böse und zufrieden. Je toller und teurer die Touren und Züge waren, um so fieser das Lachen. Ihre Motivation dabei blieb weitgehend unklar. Ganz sicher wollten sie nicht einfach von A nach B, im Gegenteil, sie reisten extra nach B, wenn das bedeutete, besonders hinterhältig nach C schwarz fahren zu können. Wir erfuhren nie, wie sie es sich leisten konnten, ihr Leben verbissen ums Schwarzfahren herum zu bauen: Hatten sie alle geerbt? Wohnten sie alle gemeinsam in einer WG und sangen abends vorm Einschlafen hasserfüllte Gesänge über Ticketpreise? Wenn sie Batman – Bösewichter gewesen wären, hätten sie vermutlich mitansehen müssen, wie ihre Verlobte von einem übereifrigen Fahrkartenkontrolleur aus einem fahrenden Zug geworfen worden war. Dann hätten sie nicht nur irgendeine Motivation gehabt, sondern vermutlich auch ein schickes Kostüm (einen riesigen Freifahrtschein oder so). So wollten sie nichts und waren nichts und sahen aus wie irgendeine verstaubte Diebesbande aus einem jahrhundertealten Kinderbuch, inklusive Schiebermützen und Batschkapps (die damals kein Mensch trug, heute wirkt es befremdlich hip), mit zumindest einem halben Bein knapp vorbei an problematischen Karikaturtraditionen. Sie gehorchten einem schwiemeligen Chef, der keinen anderen Namen trug als „Chef der Schwarzfahrer“. Er hatte etwas abgewetzt Bürgerliches an sich, womit endgültig klar war, dass die Schwarzfahrerbande nicht etwa aus materieller Not handelte.

Da Bus und Bahn wenige Jahre vorher wegen Fahrpreiserhöhungen von links ordentlich Kritik abbekommen hatten (die ersten Schwarzfahrinitiativen entsprangen auch dieser Diskussion), war das wichtig. Schwarzfahren sollte jungen Leuten als etwas irrational Asoziales gezeigt werden, als destruktive Kriminalität am Rande einer Zwangshandlung. Batman – Gegner:innen handelten im Vergleich mustergültig rational. Gleichzeitig wollte man sich bei Kauka nach dem unseligen „Siggi“ nicht noch einmal allzu offensichtlich weltanschaulich in die Nesseln setzen. Nun war für „Lupos tolle Touren“ wie für „Siggi“ mutmaßlich der gleiche mutmaßliche Autor verantwortlich (konnte ich nicht festmachen, darum fehlt hier der Name), und trotz aller Sanktionen und Reue war etwas an seiner Arbeit immer noch eigenartig off und mehr als fragwürdig und neigte zur Gehässigkeit. Und so sind seine Schwarzfahrer unangenehme würdelose Trottel, die ständig äußerste Gemeinheit simulieren, aber dabei nichts anderes tun als eben schwarzzufahren. „Lupos tolle Touren“ war Propaganda ohne eigentlichen propagandistischen Inhalt, ein Ruf gegen nichtexistente Gegner auf ein nichtexistierendes Schlachtfeld. Saubere Leistung. Die Schwarzfahrerbande war ein absolut frustrierender Widersacher, nicht nur für Lupo, der schlechteste Antagonist mindestens der Comicgeschichte. Nach 15 Ausgaben sahen das offensichtlich selbst die Verantwortlichen bei Kauka ein, oder der Deal mit der Bahn lief aus; jedenfalls ging die Schwarzfahrerbande in Pension (oder wo auch immer sie sonst hingehen konnte). Immerhin nach über 200 Comicseiten voller trostloser Kämpfe.

 

Nun greift aber Spott über den schlappen Spaß in der Rückschau ein wenig zu kurz. Ich zum Beispiel habe mich in der Folge nicht nur zum überzeugten und ständigen Bahnfahrer entwickelt, sondern bin auch noch nie ohne gültiges Ticket in einen Zug gestiegen (zumindest nicht mit Absicht nicht einmal Sonntagnacht von Düsseldorf nach Köln).  

Dazu steuern wir spätestens seit der Jahrtausendwende und für alle spürbar seit dem Beginn des „Marvel Cinematic Universe“ (ist noch nicht so lange her, kommt einem nur so vor) vor allem im Film scheinbar unaufhaltsam auf ähnlich unmotivierte Schurk:innen zu. Auf der einen Seite tendieren beinahe alle richtig teuren Filme mittlerweile schlimmerweise zum Genre „Kriegsfilm“, auf der anderen Seite sollen sie auf der ganzen Welt angesehen werden und dürfen darum nicht an echte Kriege, echte Kriegsparteien und echte Kriegsgründe erinnern. Die Lösung dieses Zwiespalts suchen viele in der besinnungslosen Individualisierung der Heldengeschichte (schlechtestes Beispiel: der alte, unpersönlich böse Blofeld wird plötzlich zu James Bonds eifersüchtigem Adoptivbruder), andere in Larifari – Schurken (die meist absolut uninteressanten Marvel – Gegner:innen sind kein Hindernis, sondern eine Bedingung für den internationalen Erfolg).

Insofern war die Schwarzfahrerbande Avantgarde, Vorreiter für Baron Zenon oder diese eine Justizbeamtin da, die doch irgendwie alle reingelegt hat, oder wie war das (der Chef der Schwarzfahrerbande wäre vermutlich eine Paraderolle für Daniel Brühl)?

Immer, wenn ich über schlecht erfundene Schurk:innen nachdenke, entfährt mir unwillkürlich und meistens sogar laut ein „Immerhin besser als die Schwarzfahrerbande!“

Und insofern denke zumindest ich beinahe täglich an sie.  

25.07.2021: Das eventuell schlechteste Buch der Welt

Es ist doch ein Leiden, wie wir zynischen Hypes hinterhertrotten (also: ich tue das offensichtlich): Ich blogge üblicherweise wenig über Bücher, obwohl ich tatsächlich viele lese (so ein Satz gilt hier und da als unsympathische Provokation – nur ein Grund, weswegen ich selten über Bücher blogge), aber jetzt und hier bin ich in Versuchung, und gerade ist der Anlass ein schlechtes Buch. Schlimmer: mit einem ehrlichen Verriss könnte ich mich ehrlich unbeliebt machen, bei netten wie bei wichtigen Menschen, während ich viele unendlich bessere Bücher mit faulen Tomaten bewerfen könnte, und das nicht nur metaphorisch, und es würde niemanden interessieren.

Dass es mich trotzdem in den Fingern juckt, mich trotzdem ausgerechnet über dieses Buch auszulassen, das in jedem anspruchsvolleren Schaufenster herumsteht und in kurzer Zeit nur noch eine Fußnote der Filmgeschichte sein wird, anstatt hier verschmähte Meisterwerke von vermutlich darbenden Autor*innen zu empfehlen, beweist, wie weit wir alle schon vom Promikult korrumpiert sind. Oder vielleicht beweist es auch nur, dass die wieder einsetzende Hitze (hoffentlich reversible) Sachen mit meinem Hirn angestellt hat.

Also, bringen wir es hinter uns: „Once upon a time..in Hollywood“, der Debütroman von Quentin Tarantino, ist eine schockierend stumpfer, öder und unangenehmer formloser Textklumpen, den jeder Nicht – Promi um die Ohren gehauen bekommen würde.  Sommer 1969: zwei befreundete Deppen betrinken sich (ohne einander), der eine, ein Schauspieler, denkt darüber nach, ob aus ihm ein echter Kinostar hätte werden können, der andere, ein Stuntman, ob er wohl ein guter Zuhälter geworden wäre (nein, denn Zuhälter müssen ihren Mädchen "so viel geben"). Der überraschenderweise einzige Witz (neben der ständigen Verquickung von echter Filmgeschiche und Tarantinoerfindungen, dass also bspw, Burt Reynolds die fiktive Zigarettenmarke „Red Apple“ bewirbt, was aber nicht sonderlich lustig ist, wenn überhaupt) in und an diesem exemplarischen Schiffbruch ist, dass es sich auf den ersten Blick als altmodischer „Roman zum Film“ gibt, bis vor etwa 20 Jahren ein in jeder Buchhandlung vertretenes, etwas schrottiges Format.

Der Film zum Buch ist dabei der gleichnamige Kinoerfolg von 2019, ein Film, der antäuscht, einmal mehr (und pünktlich zum 50jährigen Jubiläum der Tat) die Geschichte der Manson/Tate – Morde erzählen zu wollen, aber dann in einer dreisten Drehung eigentlich nur davon handelt, dass Brad Pitt, er spielt den Stuntman, nett aussieht, wenn er wie eine alte Zigarettenwerbung angezogen wird. Die historischen Morde finden frecher - und witzigerweise nicht einmal statt, dafür darf unser Protagonist ein paar Mansonanhänger*innen niedermetzeln. Der Film war natürlich bewusst fragwürdig, aber ein stimmungsvoller, vielleicht etwas hohler Spaß, der in Farben, Fahrten und Ausstattung schwelgte. Trotz Rekordhitze habe zumindest ich damals die drei Stunden (mit Werbung und Verzögerungen) in einem Kino ohne Klimaanlage nicht bereut und den Film auch noch 1 ½ mal zu Hause angeschaut.

Der Witz beim Buch zum Film wird tatsächlich formal ziemlich gut durchgehalten: Die Originalausgabe des Buchs erinnert konsequent an einen knatschigen Paperback aus den späten 60ern, mit verschnittenen Fotos in Fototapetenoptik auf dem Cover und der Werbung für Filme aus der Zeit auf den letzten Seiten (Filmwerbung in Büchern existierte allerdings, so weit ich weiß, damals nur In Tarantinos Kindheitsträumen). Und während der Film sich weigert, tatsächlich von den Manson – Morden zu erzählen und sein scheinbar zwangsläufiges Ende auf den Kopf stellt, weigert sich der Roman, dem Film zu folgen und schreibt sich nonchalant an der Vorlage des Films vorbei und macht etwas völlig anderes.

Leider macht er nichts anderes, als pointenlos abwechselnd mehr oder weniger unbehauenes Fanwissen über Billigwestern oder sexistisches und gewaltverherrlichendes Gelaber breitzutreten. Der Filmkram könnte mit irgendeiner  Richtung im Hintergrund interessant sein, das Internet brummt schließlich vor Blogs, die sich mit solchen Kram pfiffig beschäftigen. Dass ausgerechnet Tarantino da nichts an Mehrwert herausholen kann, liegt vielleicht an zu großer Ehrfurcht vor billigen Western, vielleicht aber auch daran, dass Tarantino sich seiner unbestreitbaren Stärken (aus nutzlosem Filmwissen interessante und universale Ergebnisse herauszuarbeiten) nicht mehr sicher genug ist und deswegen klarstellen muss, dass ihm zumindest niemand das Wasser reichen kann, wenn es um die Nebendarsteller in schlechteren Spätwestern geht.

So ähnlich, wie er klarstellen muss, dass sein Protagonist, der Stuntman Cliff, mehr Menschen umgebracht und Frauen abgeschleppt hat als irgendwer sonst, dass er Bruce Lee vermöbelt hat (einer der wenigen Szenen, die sich in Film und Buch finden) und gemein zu seinem Hund ist (einem unbesiegten Kampfhund), denn nur so geht das.

Das Problem ist nicht, dass wir alle wissen, dass vermutlich niemand sonst so etwas veröffentlichen könnte (und erst recht nicht bei „Kiepenheuer & Witsch“ wo die deutsche Ausgabe erscheint, Hardcover, ohne Fotos auf der Vorderseite). Das Problem ist, dass vermutlich genau in diesen unappetitlichen Ausfällen, neben dem Superstardom Tarantinos, der unique selling point des lahmen Bandes liegt.

Dass Tarantino sein spezifisches Gespür für Licht, Musik, Momente nicht in Prosa übersetzen kann – geschenkt. Dass er nicht einmal mit der sich anbietenden Sprache der ursprünglichen „Pulp Fiction“, also mit der Sprache von Chandler, Mc Cain und seinem geliebten Elmore Leonard arbeiten will oder kann, sondern stattdessen auf jede Form einer auch nur funktional gestalteten Sprache verzichtet, ist ein bisschen überraschend, aber vielleicht hatte er es eilig und/oder hat das Manuskript in Wahrheit diktiert.

Dass aber Tarantino vollständig vermissen lässt, womit er Oscars gewonnen hat – witzige Dialoge und ein unfehlbares und originelles Gespür für Spannung und Dramaturgie, das schockiert mich tatsächlich. Vielleicht braucht Tarantino in Wahrheit abgedrehte Filmszenen, um sie anschließend inspiriert auf den Punkt zu schneiden und etwas entstehen zu lassen und ist im stillen Kämmerlein verloren. Vielleicht hat er, und sei es durch den Buchvertrag unter Druck gesetzt, genau dieses Gefühl von müder, angespannter Verzweiflung erlebt, dass er seine zweite Hauptfigur, den frustrierten Schauspieler Rick Dalton, dauernd durchleiden lässt, und mehr war einfach nicht drin.

Natürlich ist die endlose Trostlosigkeit des Romans Absicht, oder zumindest: bewusst zugelassen und nicht bekämpft, genau wie das Unterlaufen von Erwartungen an irgendeine Form von einer interessanten Erzählung. Und natürlich stecken in dem Buch einige gute Sätze. Aber mindestens die Hälfte der ambitionierten Gegenwartsliteratur, von jungen und alten, bekannten und unbekannten AutorInnen thematisiert seit rund hundert Jahren mit Absicht innere Leere, Selbsthass und Richtungslosigkeit wesentlich interessanter als Tarantinos Roman, und selbst die fadesten Werke haben üblicherweise eine wesentlich eindrucksvollere Trefferquote, was gute Sätze angeht (und ständig bringen Drehbuchautor*innen gute Prosa heraus, von Miranda July bis hin zu Noah Hawley, und an Charlie Kaufmans Roman sollte ich mich auch mal herantrauen).

Vermutlich sind tatsächlich die scheinbar beiläufigen Tabubrüche, die ständigen schrecklichen redundanten und brutalen Stammtischsprüche der Grund, weswegen dieses Buch existiert. Und du musst nicht für das Canceln von Kultur sein (was ich nicht bin), um das deprimierend zu finden.  Tarantino ist zum überbezahlten Klassenclown verkommen, der die dürren schmutzigen Witze hervorhechelt, die speziell für sein gehobenes Publikum zur Zeit ansonsten verboten sind. Für naive Leser*innen ist in diesem Buch absolut nichts zu holen, es ist ein Metaspaß, der sich für Figuren, Handlung und Ideen demonstrativ nicht interessiert. Der müde Bürgerschreck ist die deprimierendste Figur der Popkultur, nicht, weil er so arm dran wäre, sondern weil er aufzeigt, was für traurige Heuchler*innen wir im Publikum doch alle sind.

Und was für Besserwisser*innen. Ich halte mich mit letzter Selbstdisziplin davon ab, Tarantinos Einlassungen über Polanski und Lex Barker kritisch zu kommentieren und stolz zu erklären, wer mit der Kinderdarstellerin (der einzig sympathischen Figur im Buch) gemeint ist (und ich wusste das schon im Kino!). Nein, stopp, dieser Weg führt in die Irre.

Vielleicht sollte endlich eine technische Möglichkeit entwickelt werden, Brad Pitt in Büchern auftreten zu lassen. Das würde wahrscheinlich mehr als ein Werk retten und wäre besser als nichts. Und als dieses Buch.

 

 

19.07. 2021: Einschub: Recht behalten bringt nichts

Im Gegensatz zu manch landläufiger Meinung gibt es eigentlich nichts Blöderes, als bei einer düsteren Voraussage recht zu behalten. Du hast, im Gegenteil, den doppelten, wenn nicht den dreifachen Nicht – Spaß, denn alle sind anschließend immer sauer auf Cassandra.

Dass manche PessimistInnen tatsächlich einen fragwürdigen Stil daraus machen, bitter aufzulachen und das gefürchtete, in der Realität unter Erwachsenen höchst seltene „Ich hab`s ja gesagt“ auszuspucken, halte ich eher für ein Zeichen von Verzweiflung bzw. Dampfablassen nach dem dreifachen Nicht – Spaß. Aber auch solche Cassandras sind keine schlechten GewinnerInnnen, sondern schlechte VerliererInnen.

Ich muss zur Zeit, warum auch immer, an ein eigenes Schulreferat vor 35 Jahren denken, dass natürlich in jedem Fall unwichtig gewesen und in keinem Fall irgend etwas bewirkt hätte, aber vielleicht wurden damals viele Referate mit ähnlichem Ergebnis gehalten, und in der Summe hat der Effekt dann vielleicht doch reingehauen.

Es ging um Erdkunde und es ging um den Klimawandel. Der Lehrer klang wie Kermit, und darin lag seine größte Stärke. Er tat so, als würde er sich königlich amüsieren, aber die gefletschten Zähne waren trotz des freundlichen Quakens unüberhörbar (wir kamen generell nicht unbedingt gut miteinander aus).

„Ja, was denn nun, wird es jetzt heißer oder kälter? Alles zusammen oder was?“, er machte ein drolliges Gesicht und gluckste. „Und dann gibt`s Badewetter in der Antarktis und Tornados in Frankfurt oder was?“

Und nur um des unschönen Scheins Willen ließ er mich vorne an der Tafel knallrot herumdrucken, während ich versuchte, die Theorien zu rekonstruieren, die ich mir in den einzigen klugen Büchern, die es damals zum Thema gab, angelesen hatte. Ich tat mich schwer mit Naturwissenschaften. Genauer fiel es mir damals an sich relativ schwer, mich auf irgendetwas zu konzentrieren, dass nicht wenigstens indirekt mit Frauen oder Schlümpfen zu tun hatte (zwei verschiedene Themen) und fand das Thema so gruselig, dass ich sowieso viel schlechter referierte als sonst. Das eine Buch hatte ich aus der Stadtbücherei bestellt, das andere für teuer Geld erworben.

Der lustige Lehrer extemporierte nun ein bisschen, betonte, die Umwelt wäre ihm wichtig und nur Blödsinn würde er nicht mögen, und er vergaß auch die immer angemessene abgeschmackte Bemerkung über die schöne Aussicht auf sonnigere Sommer in Deutschland nicht (die von Anfang zum Nachdenken – oder dem Gegenteil – über den Klimawandel dazu gehörte, wie auch bereits in den ersten Unterhaltungen über COVID 19 der immer noch Tag für Tag als neu präsentierte Gedanke vorkam, dass ja die Angst vor der Krankheit und die  wirtschaftlichen und psychosozialen Nebenwirkungen dieser Angst schlimmer wären als die Epidemie selber – und diese Formulierungen werden 91. 459 Tote hierzulande später ungebrochen wortgleich wiederholt). Irgendwann ließ der Erdkundelehrer Gnade vor Recht ergehen, forderte mich auf, mich in 25 Jahren noch einmal mit ihm in dieser Angelegenheit zusammen zu setzen, und dann würden wir ja sehen, und dann wäre es mir sicherlich selber peinlich. Mittlerweile freute sich auch die Klasse und bekicherte und begiggelte Theorien über Hitzerekorde und Extremwetter. Und der Lehrer entspannte sich sichtbar, auch wenn die bedrohliche fünfte Kolonne vor seiner erschrockenen Nase nur aus einem verstörten, in mehrfacher Hinsicht unorganisierten, Schüler bestanden hatte.

Ich habe mich mit dem Lehrer 25 Jahre später natürlich nicht zusammen gesetzt. Ich wünsche ihm nichts Böses, ich hoffe, er erfreut sich des Lebens und guter Gesundheit (er hat gerne Poker gespielt und Poe gelesen und Bleistifte der Größe und Stärke nach sortiert). Wenn jemand behauptet: „Das werden wir ja dann sehen, wer recht hatte“, und du hattest, wie sich herausstellt, tatsächlich recht, kannst du, siehe oben, in der Regel froh sein, wenn er oder sie dir nicht auf die Nase haut und die Geschichte einfach vergessen hat. Ich bin sicher, die Klasse hat diesen Tag komplett vergessen und höchstens vage im Kopf behalten, dass ich irgendein nicht so tolles Referat gehalten habe. Nur ich erinnere mich noch an diesen Tag und habe in der Zwischenzeit trotz konstanten Interesses am Thema eher selten, eher betrunken und eher unter engen Freunden und Bekannten aufgedreht. Noch einmal: vielleicht ging es anderen ähnlich.

Und jetzt könnte ich haufenweise ähnliche Anekdoten auspacken, die wären zum Teil sogar deutlich lustiger (wie die schulische Informationsveranstaltung über die Umweltgefahren durchs Skifahren, in der davon erzählt wurde, dass eine, nicht anwesende, Familie von Gastwirten in den Alpen gerade den mittleren Sohn operieren lassen müsse, und das könne teuer werden, und beim Abschaffen der verpflichtenden Skifreizeit an unserer Schule müsste der Sohn vielleicht in den Rollstuhl. Und sobald es ihm besser gehen würde, würden die Familie – prima Leute mit dem Herz auf dem rechten Fleck, - ja über Umwelt nachdenken, aber wie herzlos könne man denn bitteschön sein und wie arrogant wäre es denn, die eigenen Ängste über die Existenzen von anderen zu setzen?) aber trotzdem wäre an den Nachrichten heute nichts lustig. Und es waren nicht die ersten Nachrichten dieser Art, und es werden nicht die letzten gewesen sein, auch wenn gerade alle ein bisschen so tun, als ob.

Und dass viele Cassandras grauenvoll unangenehm sind und einige (oder wir alle) tatsächlich einen schlechten Charakter haben oder wenigstens einen Zug ins unangenehm Religiöse, das alles ändert an der Problematik nichts, relativiert nichts, baut kein Haus, rettet keine Vermissten und tröstet kein Stück.

Mein Tipp: wenn dir jemand angeblich anbietet, darum wetten zu wollen, wer von Euch später recht gehabt hat, wette um eine Klimaanlage (mit guter Energieeffizienz).

 

11.07. 2021: geschichtet

Der Kinofilm der Stunde, ist, global gesehen, trotz Cannes und „Black Widow“, gerade der ruhige Überlebenshorror „A Quiet Place 2“. Er hat keinen Anfang und kein Ende, ein paar schwierige Untertöne und wenig Überraschungen im Ärmel, aber trotzdem ist der Erfolg vermutlich verdient: Gerade im Vergleich zu all den anderen Monsterapokalypsen ist das ein atmosphärischer und weitgehend gutartiger Appel, viel durch den Wald zu laufen, einander vor menschenfressenden Aliens zu retten und sich nicht so anzustellen, wenn du in eine Bärenfalle trittst (ja, das ist ein schwieriger Unterton). Nun könnten wir Kinofreund:innen uns mit Überlegungen quälen, ob „A Quiet Place 2“, wenn er nicht verschoben worden wäre, das Kino letztes Jahr so hätte „retten“ können, wie es der statt dessen gestartete „Tenet“ sollte und absolut nicht konnte, aber solche Überlegungen sind ähnlich müßig wie die über mögliche Kanzlerkandidat:innen. Übrigens war Corona, und im Moment gilt das Kino trotzdem, für den Moment, als gerettet. Um mich herum haben Menschen geweint. Also, im Kino, bei den Monstern. „A Quiet Place 2“, er lag ein Jahr im Tresor, ist mit seiner Thematisierung u.a. von Trauer so nahe am Zeitgeist, wie es nicht geplant werden kann (und ihm gelingt mit seinem, siehe oben, problematischen Credo vom Zähnezusammenbeißen usw., den wie immer objektiv elfenartigen Cillian Murphy aussehen zu lassen wie ein schwieliges, wettergegerbtes Schnitzel, und das ist ja auch schon eine Kunst. Emily Blunt erstarrt dagegen zum Pin – Up einer Madonna, auch das ist sehr seltsam und schmälert die Wirkung des Films kaum).(Notwendiger Nachtrag: "Nomadland" ist natürlich ein viel besserer Film und berührt sogar ähnliche neuralgische Punkte, aber ist nun mal kein Phänomen, zumindest noch nicht).

A Quiet Place 2“ hat nun allerdings keinen Anfang und kein Ende, wie viele aktuell auf ein großes Publikum spekulierende Geschichten in Film und Fernsehen. „A Quiet Place 2“ erklärt Handlung und Prämisse des Vorgängers nicht, was nicht weiter schlimm ist, denn beides ist nicht gerade überkomplex und leicht zu rekonstruieren. Und er bricht relativ abrupt ab, was nicht weiter schlimm ist, denn diesmal ist sowieso klar, dass es eine Fortsetzung geben wird. Aber noch vor wenigen Jahren hätte eine solche nonchalante Dreistigkeit zu Publikumsprotesten und ätzenden Kritiken geführt. Mittlerweile akzeptieren wir solche rudimentären, unabgeschlossenen Erzählungen vergleichsweise brav.

Natürlich kann der Verzicht auf Anfang und Ende ein mutiges künstlerisches Konzept sein (ein berühmtes Beispiel aus dem kommerziellen Horror – Bereich wäre das ursprüngliche „Texas Chainsaw Massacre“), aber „A Quiet Place 2“ spielt gerade nicht mit dem Fragmentarischen. Der Film setzt offen auf den Reiz von zusätzlichen Informationen zu einer uns bereits bekannten Geschichte (wie kam es zur Katastrophe? War Lee schon immer so tapfer? Können die Monster eigentlich schwimmen? Etc.), lässt Figuren, die nach der Logik und der Weltanschauung seiner Erzählung zusammen enden müssen, am Ende räumlich getrennt voneinander stranden und signalisiert damit nicht die Unabgeschlossenheit jeder Geschichte auf diesem verrückten Planeten, sondern, dass speziell in dieser Geschichte noch etwas erzählt werden muss. Der Film versteckt Easter Eggs für Fans des ersten Films im Hintergrund, usw. usf. Es ist kein Einzelfilm, sondern ein selbstbewusster Schritt hin zu einer neuen Film – Reihe, und das ist das besonders Zeitgemäße an ihm.

 

Als nach gut vierzig Jahren „Spider-Man“ in allen Variationen um die Jahrtausendwende der erste große Kinofilm über den damaligen Star des Marvel – Kosmos startete (ja, es gab Vorläufer, aber die waren eher etwas für Spezialinteressierte und Grabbelkisten), wollte er sichtbar alle Menschen als Publikum abholen, die bisher mit der Figur und ihrer eigenwilligen Mythologie nichts zu tun hatten oder nichts zu tun haben wollten. Das Credo jener Jahre war in Bezug auf alle frisch und neu verfilmten bereits existierenden Stoffe der Spruch, mit dem auch du Zweifler:innen zum gemeinsamen Kinobesuch überredet hast: „Nein, da wird gar nichts vorausgesetzt, nein, das ist ein richtiger Film.“

Damals hat das funktioniert (um den Preis, das die echten, eingearbeiteten Fans nie wirklich glücklich mit den Verfilmungen ihrer Lieblingswerke waren – aber das sind sie auch jetzt nicht und nie. Fansein ist kein Spaß). Als Spider – Man etwa 15 Jahre später ins zwischenzeitlich geschaffene „Kino – Universum“ von Marvel eingeführt wurde, wurde das auf ganze drei Filme verteilt. Der eigentliche Anfang von „Spider – Man: Homecoming“ (2017) versteckte sich in „Captain America: Civil War“ (2016), und das eigentliche Ende in einem anderen Krieg, in „Avengers: Infinity War“ (2019). Der (gute!) Film war eher eine Zwischenstation im hin – und herrollenden Dauerstrom an (größtenteils meiner Meinung nach viel faderen) Kinogeschichten über Marvel – Superhelden.

 

Immer wieder heißt es, der Unterschied zwischen „echter“ Kultur und zynischer „Kulturindustrie“ sei die Idee eines individuellen Autors. Ich denke, so stimmt das nicht. Zur „Hochkultur“ gehört die Angabe von benennbaren Schöpfer:innen (außer, es geht um die romantische Idee von „Volkskultur“), aber viel Gewese wird um sie üblicherweise nicht gemacht (wer war Cervantes?). Personenkult ist im Gegenteil ein Merkmal von „Popkultur“ – weswegen der arme Paganini nie als Komponist ernst genommen wurde. Viele Menschen wissen die Namen der Autor:innen nicht, deren Bücher sie gerade lesen. Ich höre seit Jahrzehnten häufig Musik von Debussy, aber weiß über ihn nichts, außer, dass er einen Bart trug und manchmal Satie zum Essen eingeladen hat. Ich höre seit Jahrzehnten selten die Musik der Rolling Stones und kriege nach kurzem Nachdenken die verschiedenen Bandbesetzungen und die Reihenfolge der Studioalben zusammen. Es gibt keine Fanmagazine, die Schrifststeller:innen gewidmet sind, nein, selbst Knausgard schafft das nicht (und dass es in den 1980ern tatsächlich eine Zeitschrift zu Ehren von Stephen King, Castle Rock, gab, beweist nur, dass King damals Pop war). Etwa die Hälfte der Menschen, die einen von fünf Klassikern von Stanley Kubrick als ihren Lieblingsfilm bezeichnen, haben den Namen „Kubrick“ zumindest spontan nicht im Kopf (und wie hieß noch einmal die Regisseurin von „Nomadland“?).

Die Behauptung, dass echte Kultur mit einem starken Autorenbegriff zusammenhängt, kommt daher, dass für der für den Unterschied zwischen gleichzeitig existierender formelhafter und künstlerischer Popkultur tatsächlich wichtig ist: Donald Duck – Comics von Carl Barks, stargespickte Hollywoodthriller von Alfred Hitchcock oder auch absurde Sexfilme von Russ Meyer weisen halt gegenüber der Konkurrenz das entscheidende Mehr an Mühe und Ausdruck auf (und Whedon inszeniert die „Justice League“ halt anders als Snyder, auch wenn die in dem Film verwendeten Ideen von keinem der beiden stammen). Barks war der „gute“ Entenzeichner, und „Hitchcocks Leichen sind die Besten“. Schon bei „Tim und Struppi“, das schon vergleichsweise früh als eigenständige künstlerische Leistung wahrgenommen wurde, ist der Schöpfer nicht so wichtig und wird seltener erwähnt – es gibt halt nur „Tim und Struppi“ – Comics von Hergé.

Was die Kunstkunst vom kommerziellen Kunstgewerbe dagegen tatsächlich landläufiger Meinung nach unterscheidet, ist ein starker Werksbegriff. Deswegen sind die ständigen Witze über ein Sequel zu „Hamlet“ oder ein Prequel zu „Romeo & Julia“ so lustig. Solche Ideen sind absurd, denn die Geschichten sind doch, wie sie sind, und können gar nicht anders sein, da könnten wir ja gleich die Geschichtsbücher umschreiben und das alte Kreta von Aliens überfallen lassen. Deswegen ist es so wichtig, dass es „graphic novels“ über Batman gibt, die tatsächlich in sich abgeschlossene Einzelwerke sind. Nichts verdirbt die Aura ästhetischen Genusses und in sich stimmiger Parabeln so subtil wie der Hinweis „Heft Nr. 527“ links oben in der Ecke.

 

Wobei die echte Grenze zur Salonfähigkeit von Popparabeln die idealisierte Serienfiguren sind, und aus der Nummer kommt Batman mit den besten „graphic novels“ nie heraus. Knallige Held:innen unterscheiden im Alltagsverständnis den Pulp von der Reflektion. Raymond Chandler mag irgendwann, trotz Sexismus, als der wichtigste englischsprachige Autor um 1950 gelten (so weit entfernt davon ist er gar nicht mehr), aber sobald im Seminar der Name seiner Hauptfigur fällt, wird irgendwer immer lachen. „Philip Marlowe“ ist nicht der Name eines literarischen Helden, sondern eine Chiffre der Popkultur, wie James Bond oder Zorro. Die Popularität und die populistische Qualität einer Serienfigur steht der ernsthaften Rezeption eines Werks im Zweifelsfall noch unüberwindlicher im Weg als sein Reihencharakter: die frühen Erfolge von John Le Carré werden auch von einer Serienfigur dominiert, aber da der abgründige Geheimdienstspießer George Smiley bewusst nicht als überlebensgroß angelegt worden ist, steht er der Wiederentdeckung von bspw. „Der Spion, der aus der Kälte kam“ als Kunstwerk nicht im Weg.

Im Abspann von „A Quiet Place 2“ findet sich dagegen der Hinweis „basierend auf Figuren von“ – und dann folgen die Namen der ursprünglichen Autor:innen. Das ist beinahe unfreiwillig komisch, denn wenn diese in vieler Hinsicht sehr guten Filme eine eingebaute Schwäche haben, dann sind es die zu Gunsten der allgemeinen Verständlichkeit und Anteilnahme ausgesprochen dürftig charakterisierten Figuren (was natürlich wunderbar zum Subtext dieser Filme passt- wahrer Charakter zeigt sich mit dem Bein in der Bärenfalle, alles andere ist nur Geschwätz).

 

Der vor künstlerischen Ambitionen nur so brummende „A Quiet Place 2“ peilt also ganz offen das Zwischenreich der niemals ganz abgeschlossenen und nie ganz ernst genommenen Geschichten an, die unsere derzeitige Popkultur beherrschen. Was hat er davon ? (wird fortgesetzt)  

    

30.06. 2021: Zielgruppen für Dosenöffner

Ende der 1980er Jahre machte in Hamburg in Deutschland der erste Laden für Linkshänder*innen auf, so stand es zumindest über dem Eingang (ja, heute probieren wir mal wieder das Sternchen aus). In bester Lage hingen Linkshänder*innen an den Wänden (Cäsar,- der Feldherr, nicht der Hase, Mc Cartney- kein Hase, der Ex - Beatle), in den Regalen stapelten sich all die Sachen, die den qualvollen Linkshänder*innen – Alltag endlich ein bisschen erleichtern konnten: Suppenkellen und Salatschleudern, lustige Apparätchen, die beim Flaschen- und Wasseraufdrehen Bewegungen in gegenläufige Bewegungen umsetzten und – endlich!- Dosenöffner. Als abgebrannter Schüler kaufte ich mir zwei Bleistiftspitzer, mit denen ich endlich keine Bleistifte mehr beim Spitzen zerbrach und hüpfte begeistert zurück hinaus in die feindliche Welt. Wenige Jahre später machte ausgerechnet Ned Flanders bei den „Simpsons“ einen solchen Laden auf. Damit war die mögliche Coolness endgültig perdu, aber dafür kamen die speziellen Dosenöffner usw. nach und nach im regulären Sortiment der Kaufhäuser usw. an.

Linkshänder*innen sind eine Zielgruppe. Wenn meine Bleistifte stumpf sind, kann ich entweder neue nehmen oder sie mit einem Bleistiftspitzer für Menschen wie mich anspitzen.

Weil ich große Füße habe, brauche ich große Schuhe. Ich wache nicht eines Morgens auf, es hat geschneit, es liegt ein goldener Schimmer über den Dächern, und ich habe plötzlich Schuhgröße 38. Und ich finde auch bspw. keine High Heels Größe 38 auf dem Müll und bemerke verblüfft, dass das die Schuhe sind, die mir in meinem bisherigen schlurfenden Leben zum persönlichen Glück gefehlt haben. Was Schuhe angeht, gehöre ich auf objektiv sehr langweilige Art zu einer klar definierten Zielgruppe. Wenn ich mich mein Leben lang in Schuhe Größe 38 gequetscht und gequält hätte, und dann würde mir plötzlich eine gute Fee oder jemand im Schuhladen zum ersten Mal einen passenden Stiefel anziehen, dann wäre das natürlich ein spannendes Erweckungserlebnis.

 

Nun tun viele Vermittler*innen im Kulturbetrieb so, als würden ästhetische Erfahrungen genau so funktionieren: endlich ein linkshändiger Bleistiftspitzer! Oder: ich kaufe natürlich nur Schuhe, die mir passen! Nun wissen wir alle, dass das im Grunde Blödsinn ist,- nicht nur ich habe Lieblingsbücher dadurch entdeckt, dass sie zerfleddert in den Regalen von Ferienwohnungen herumlagen, Filme durchs Reinzappen und Musik als Hintergrund beim Bäcker (alle diese Entdeckungen waren dabei natürlich nicht wirklich beliebig, denn nicht alle Menschen hängen in allen Ferienwohnungen herum oder gehen in die gleiche Bäckerei). Auch meine (überschaubaren) Probleme mit großen Füßen finde ich vielleicht besonders gut in einer Geschichte über abstehende Ohren dargestellt. Aber die Kulturindustrie hofft halt immer noch auf Werke mit eingebautem Publikum, die passgenau produziert und beworben werden können. Und dieser Wunsch nach einfacheren Verhältnissen steht hinter der immer wieder und mit immer neuer Vehemenz auftauchenden Schnapsidee der Zielgruppen für bestimmte Geschichten.

 

Natürlich gibt es Genres. Natürlich gibt es Subkulturen. Natürlich gibt es gewachsene und kultivierte Vorlieben. Es gibt Milieus und psychologische Vorprägungen, und eine romantische Komödie über eine geschiedene ehemalige Managerin, die beschließt, in der Provence Körbe zu flechten, wirkt und inspiriert anders als eine Zombie – Apokalypse, in der sich einander unsympathische Teilnehmer*innen einer Butterfahrt in einer heruntergekommenen Farm südlich von Nord Dakota verstecken und sich aus Versehen gegenseitig erschießen. Nur bedeutet das nicht, dass es Menschen gibt, die nur das eine oder das andere rezipieren könnten, so wie ich beim besten Willen in zu kleinen Schuhen nicht weit komme und mit herkömmlichen Spitzern Bleistifte massakriere. Die verschiedenen Genres sind nicht für verschiedene Menschen gemacht. Sondern für Menschen in unterschiedlichen Stimmungen.

(An dieser Stelle möchte ich Politik gerade einmal der Einfachheit halber komplett ausklammern. Und dazu das Thema „Identity Politics“ weiträumig umfahren, weil wir doch alle nicht mehr können, auch wenn der Vergleich nicht so weit weg liegt und ich dazu ähnlich stehe wie zu Zielgruppen. Ja, ich kenne die Argumente, warum das angeblich an allem vorbeigeht. Wie gesagt, lassen wir dieses Thema doch heute einfach außen vor, ist noch etwas anderes, meine ich gerade nicht.)

(Operative Fußverkleinerungen sind, da die Füße alle Hände voll zu tun haben, noch kniffliger als andere operative Eingriffe, und auch umtrainierte Linkshänder*innen entlarven sich spätestens beim Bleistiftspitzen. Trotzdem will ich Großfüßigkeit und Linkshändigkeit nicht als ewige und unveränderliche Eigenschaften behandeln. Sie bringen nur, und sei es vorübergehend, benennbare Zielgruppen hervor.)

Weiter im Text: Vermutlich gibt es ein paar Freaks, die das ganze Jahr über Weihnachtsfilme schauen (ich finde die Vorstellung gar nicht so abstoßend), aber den meisten reicht da Weihnachten. Und umgekehrt: wenn an Ostern oder in nihilistisch schwülen Sommernächten „Ist das Leben nicht schön?“ nachts um zwei im Fernsehen laufen würde, würde es nicht weniger schlaflose Menschen glücklich machen als am 25. Dezember („Dinner for One“ spielt ja auch nicht an Silvester). Ich halte es für keinen Zufall, dass der „Fänger im Roggen“ und „Stirb langsam“ an Weihnachten spielen, aber ihre weihnachtlicheren Seiten und Seitenhiebe funktionieren das ganze Jahr über. Eine Vorliebe für Weihnachtsfilme taugt, seien wir ehrlich, nicht zur Identität oder zum Fetisch (und auch Fetische werden in unserer zielgruppenverrückten Zeit heillos überschätzt).

Ich wehre mich, aus Solidarität, nie dagegen, wenn ich als „Horror – Fan“ bezeichnet werde, obwohl es eine echte (und nette) Fanszene gibt, mit der ich nur wenig und selten zu tun habe. Ich halte Horror für ein tolles Genre mit großartigen Spielregeln, wichtigen Subtexten und einer Neigung zu interessanten Ästhetiken. Dieses Genre garantiert – scheinbar!- wenigstens Spurenelemente von u.a. einem magischen Realismus, der wirklich etwas will (und ist spannend, auch wenn ich da aktuell eher Thriller vorziehen würde). Ich bin Horror – Liebhaber geworden, wie ich Bahnliebhaber geworden bin: Eigentlich wollte ich woanders hin. Und so ist ein offensichtlich hübsch gemachter Film über ein Spukhaus genau so wie ein Fensterplatz eine interessante Entspannung, und vielleicht gibt’s ja doch plötzlich was Überraschendes zu sehen. Ich nehme an, so geht es uns allen.

 

Ein sehr netter Nachbar von mir ist ein klassischer hard boiled- Detektivroman. Er mag nicht nur die klassischen Romane über unbeirrbare und melancholische Detektive, er verkörpert ihre Weltsicht und ihre Prinzipien. Er ist ein Übersetzer und Buchhändler in mittleren Jahren, ein sehr feiner und zurückgenommener Mensch aus Süddeutschland, aber er ist einfach, auf seine Art, Philip Marlowe. Und die ihm liebsten Kriminalromane sind die, die geschlossen und atmosphärisch von links eine hard boiled – Welt präsentieren, selbst, wenn sie auf eine Auflösung oder gar eine eigentliche Krimihandlung verzichten. Er hat unerschütterliche Vorbehalte gegen Krimis, die in den Horror herüberrutschen (inkl. „Twin Peaks“ und „Hannibal“) und lässt sich da nicht hinters Licht führen oder bekehren. Wenn ich mich im Zweifelsfall nicht bei der hundertsten Spukhausgeschichte langweile, findet er noch jede neue Version der Geschichte über das Nest mit dem korrupten Bürgermeister, der seinen mörderischen Schwager deckt, faszinierend. Aber auch er, und er ist Philip Marlowe und Profi, ist kein Vertreter einer Zielgruppe. Denn jenseits von Krimi/Horror – Hybriden (da ist seine Abneigung schade für mich als Gesprächspartner, aber das war es auch schon) sucht er wach und offen vor allem immer nach neuen Geschichten, nach unsere und seine sich verändernde Realität verhandelnde Metaphern.  

 

Früher in der Schule war es Ehrensache, abschätzig die Mitschüler*innen zu belächeln, die behaupteten, „alle Arten von Musik“ zu hören. Irgendwann solltest du alt genug sein, um zuzugeben: ja, vielleicht waren sie einfach ignorant und oberflächlich. Aber sie waren cool und hatten Recht.

 

 

 

 

08.06. 2021: Videospiele als Arthouse (am Beispiel "Annapurna")

Unser Thema sind gerade Videospiele, und zwar als ein spannendes Medium und eine mögliche Kunstform. Übergewichtige Kinder, die nicht mehr rückwärts laufen können, sind ein wichtiges Thema, aber heute einmal nicht unseres.

Beinahe unbemerkt von einer weniger affinen Öffentlichkeit hat sich parallel zu den großen, teuren Blockbustern der Videospiele, traditionell ein Nischenspaß, und den kleinen, kickenden Geschicklichkeitsrätseln und Quizzen für eine freie Minute oder den „Tatort“, ein gerne verdrängtes gesamtgesellschaftliches Vergnügen, eine veritable Subkultur der kleinen, kunstbewussten und inhaltlich ambitionierten Spiele unabhängiger Studios entwickelt.

In diesen Spielen gibt es in der Regel keine Punkte, Waffen oder Ping  Geräusche. Während Handyspiele eine Spieldauer von einer Minute bis hin zu vielen, vergeudeten Jahren haben, und die großen, (schrecklicherweise „Tripple A“ genannten) Prestigeveröffentlichungen der Konzerne über Viehdiebe oder hüpfende Klempner mittlerweile meist zehn Spielstunden und aufwärts füllen (und immer mehr Spiele streifen ungerührt die 300 – Stunden – Marke), beschäftigen dich diese anderen Spiele etwa ein bis fünf Stunden (es gibt umfangreichere Ausnahmen).  Wir könnten sie „arthouse“ – Spiele nennen, aber das Publikum ist im Schnitt viel jünger als im „arthouse“ – Kino und das Spielerlebnis hat sozial weniger von einem Theaterbesuch an sich als von wilden Gedanken bei einer einsamen Lektüre in einer schlaflosen Nacht. Die Firmen selber stellen gerne einen Vergleich zum Musikhören her, ich würde sie eher als tendenziell ruhige interaktive Animationsfilme für Erwachsene bezeichnen.

Zu den Firmen, die sich bereits einen Namen und ein eindrückliches Profil erarbeitet haben, gehört der kalifornische Videospielverlag „Annapurna Interactive“ , auch wenn er erst seit rund fünf Jahren existiert (theoretisch die Unterabteilung einer guten Filmfirma). „Annapurna“ bringt eine handverlesene Auswahl Spiele kleiner (zum Teil winziger) Studios heraus, die ästhetisch meistens (nicht immer) an Piktogramme in Pastellfarben erinnern und inhaltlich so etwas wie klassische Sundance – Filme über freundliche Außenseiter und Underdogs sind, aber mit einem mehr oder weniger ausgeprägten makabren Twist. Die Steuerung ist in der Regel so einfach, dass VerächterInnen sich weigern, mangels kniffeliger Interaktion von „Spielen“ zu sprechen. Dieses etwas spartanische Gameplay wird dabei aber immer durch originelle Einzelideen aufgemischt: im fröhlich elegischen „I am dead“ musst du als Geist durch Mauern und in die Gehirne der Menschen sehen, um dort nach Hinweisen für den Fortgang der Geschichte zu suchen. Es geht also um Innovation, und die steht immer im Dienst eines ästhetischen und inhaltlichen Konzepts (in „I am dead“ durchstreift bspw. ein toter Museumsleiter eine malerische Insel auf der Suche nach einer geeigneten Nachfolge), das nicht immer eine vollständige Geschichte erzählt, aber immer stimmungsvoll eine spezifische Atmosphäre und einen Komplex von Ideen bebildert. Das ergibt nicht immer eine runde Sache (konkret: I am dead“ ist in meinen Augen ziemlich misslungen), aber immer einen interessanten Versuch. Die Grundstimmung von „Annapurna“ – Spielen ist dabei so etwas wie verschmitzte Wehmut, und didaktisch zielt immer alles auf klassischen melancholischen Humanismus. Zu den Spielen bei „Annapurna“ gehört auch der Rumlauf – Meilenstein „“gone home“, und auch sonst tauchen LGBTQ – Thematiken häufig (und entspannt) im Katalog auf. Kurz: Der Name „Annapurna Interactive“ wird vermutlich auf amerikanischen Unis so weihevoll weitergegeben wie früher die Namen angesagter Plattenlabels, die Spiele sind der Inbegriff von Nerd – Kultur, sobald wir darunter auch literaturinteressierte Mädchen zählen, und entsprechend wird die Firma hier und da nicht einmal in dem Sinne zu Unrecht von den von der Welt verstörten Gamern gehasst, die ihre Subkultur unurban und dreckig haben wollen.

Dass es überhaupt eine solche Firma geben kann (und „Annapurna“ ist nicht die einzige ihrer Art, und es werden noch sehr viel mehr werden), liegt an einem Nebeneinander verschiedener Entwicklungen auf dem auch jenseits von game stop – Aktien  merkwürdigen Videospielmarkt: lange Zeit waren gebrauchte Spiele der großen Firmen, Analog zu Büchern aus Antiquariaten, ein üblicher Spaß für GamerInnen mit wenig Geld und Interesse an neuem Kram. Die Spielefirmen taten allerdings in den letzten zehn Jahren alles, um diesen für sie nicht sonderlich lukrativen Nebenmarkt auszutrocknen: Kleinkriege gegen die Ladenkette game stop wurden angezettelt, Spiele konnten nur noch auf einem Gerät gestartet werden, schließlich wurden aus physischen Spielekopien Downloads, die an individuelle Accounts und Geräte gekoppelt waren. In der Folge leerten sich in den Videospielläden die Gänge und die Regale, und „kleine“ Spiele erschienen schon gar nicht mehr in physischer Form. Bald richteten allerdings die drei großen Hersteller von Spielkonsolen eigene Onlineshops ein, in denen sie Downloads ihrer Spiele verkauften. Und auch auf dem PC setzten sich zwei große Portale für Spielekäufe durch (das ehrenwerte heißt „GoG“, erlaubt Offlinespiele und Kopien für den privaten Gebrauch und kuratiert gewissenhaft, hat entsprechend aber aus verschiedenen Gründen viele PC – Spiele nicht). Alle diese Dienste brauchten Spiele für ihr Angebot. Gerne auch: nicht so teure Spiele. Ungewöhnliche Spiele, die ihr Publikum über Tipps unter KäuferInnen finden. Vielleicht sogar Prestigeprächtige Spiele für die Mischkalkulation (die dann in einigen erfolgreichen Fällen auch wieder physisch erschienen können, wie Vinylplatten mit neuer Musik). Und damit begann ein beinahe goldenes Zeitalter für ein wenig unkonventionellere Videospiele.

 

Es ist ein bisschen so, als würde in jedem Multiplexkino ein Arthousesaal mit Eintrittskarten höchstens zum halben Normalpreis aufmachen. Die konkreten Auswirkungen bestehen u. a. darin, dass tatsächlich das eingetreten ist, was Francis F. Coppola einst von digitalen Film erwartet hat: einsame Menschen haben in ihrem Schlafzimmer internationale Phänomene programmiert (aktuell besonders beliebt: die Landleben – Simulation „Stardew Valley“). An der Gamingindustrie gibt es wenig zu verkitschen –u. a. der Umgang mit Angestellten ist da ebenso fragwürdig wie der mit Kritik – aber diese Indieszene müssen wir dem Medium lassen (und „Annapurna Interactive“ ist  so etwas wie weiland„rough trade“) .

Ich habe schon in früheren, der Architektur dieser Seite entsprechend schwer auffindbaren Blogeinträgen im Lauf der letzten Jahre verschiedenste Spiele aus diesem Sortiment erwähnt, hier nur (ich kenne längst nicht alles von der Firma) zwei persönliche Lieblinge, ein Beinahe – Geheimtipp und ein Beinahe – Klassiker.

 

Sayonara Wild Hearts“ von 2019, ein, theoretisch unverschämt kurzes (und damit ohne Sonderangebot vielleicht doch ein wenig teures) Spiel des schwedischen Studios „Simogo“ will nach eigenen Angaben das erste "spielbare" Pop – Album sein (egal, wie das gemeint ist, ich bezweifele es in alle Richtungen). Es ist, übrigens, voll von Punkten, Kämpfen und Ping - Geräuschen, aber nur in Anführungszeichen, verschoben und egal. Die Musik ist eine betörende Kreuzung aus britischem New Wave, den Cocteau Twins und Julee Cruise. Die Optik erinnert an Scherenschnitte in 80er Jahre – Farben : durch die schwarzlila Nacht hüpft eine blauhaarige Heroine auf der Jagd nach neonpinken Herzen mit Bewegungen, von denen du denkst, sie stammen aus dem Video zu„Take on me“  (tun sie nicht). Du spielst dich durch einen Reigen von Songs und Instrumentals und dabei durch eine kühle und wildromantische Trennungs – und Liebesgeschichte. Verwandeln sich beim druckvoll gesäuselten Refrain wirklich die Motorräder einer schattenhaften Gang in riesige Roboterhunde oder war das ein Wachtraum? Eine Besonderheit des Gameplays besteht darin, dass die Musik stoppt (und meistens von vorne anfängt), wenn du einen Fehler beim Springen/Fliegen/Skaten machst, „Sayonara Wild Hearts“ ist also faktisch ein Rhythmusspiel. Um dich nicht über Gebühr zu frustrieren, lässt dich das Spiel einzelne Passagen und ganze Levels skippen. Nach einer guten Stunde ist zwar bereits Schluss, aber einzelne Nummern oder auch das ganze „Album“ lassen sich wirklich mit dem erwünschten meditativ - eskapistischen Effekt immer und immer wieder spielen (nur die unangenehm altdeutsch anmutende Schrift stört, aber das ist halt Skandinavien).

 

Umfangreicher und berühmter ist dagegen der in einem trügerisch realistischen Stil gehaltene (und in diesem Blog bereits schon einmal, kurz, erwähnte) interaktive Film „What remains of Edith Finch?“ (2017, Studio: Giant Sparrow).

Subjektive Kamera: eine Fähre setzt über auf eine bewaldete kleine Insel im Norden der USA. Du erkundest in herbstlichem Ambiente das ausgestorbene Haus der beinahe ausgestorbenen Familie Finch. Wenn du in dem großen, von Büchern und Souvenirs übervollen Haus die Zimmer verstorbener BewohnerInnen aufsuchst, erlebst und spielst du die Ereignisse, die zu ihrem grotesken Ableben geführt haben. In der ersten (und besten) dieser Spiele im Spiel verwandelst du dich in ein kleines Mädchen, das sich in einer verhängnisvollen warmen Sommernacht voller Lampions in eine Katze verwandelt. Über „What remains of Edith Finch“, einen morbiden und warmherzigen Bilderbogen, der dir das Gefühl vermittelt, etwas Wichtiges über das Leben zu sagen, ist schon so viel Kluges geschrieben worden, dass ich da mit fünf Jahren Verspätung nicht auch noch nachschlagen muss (ganz knapp: entweder: Wes Anderson, Edward Gorey und Carlos Castaneda machen gemeinsam einen drauf; oder: fast alles, was beim späten Bunuel messerscharf und klar und europäisch ist in weich und waberig und amerikanisch) . Hier darum nur ein Hinweis auf die Probleme, die selbst dieses in vieler Hinsicht fantastische Spiel so schwierig machen und Videospiele als erzählende Kunst generell plagen: An sich dauert das ganze Erlebnis zwei bis drei dichte Stunden, und du wirst idiotensicher durch den anheimelnden Alptraum geführt, aber auch hier ist es möglich, fest zu stecken, weil du eine Tür im Winkel übersehen hast oder du zu kurz den entscheidenden Knopf drückst. Was fehlt hier: Pfadunterscheidungen? Eine offene Spielewelt? Ein noch einfacherer Schwierigkeitsgrad (alle drei Möglichkeiten werden von anderen Spielen, mit ambivalentem Erfolg, ausprobiert)? Ein ähnliches Problem von Beliebigkeit und Zwangsläufigkeit betrifft die Grafik. Im Kontrast zu vielen liebevoll ausgeleuchteten besonderen Szenen und Szenerien sind die Treppen und Gänge der Finchen Villa in der Gegenwart nicht nur hässlich, sondern es stehen auch überall die gleichen Bücher herum. Absicht und Traumlogik oder nur zu wenig Ressourcen, jeden virtuellen Meter der Spielewelt bewusst zu gestalten? Diese typische Frage untergräbt Genuss des Publikums wie Kunstcharakter vieler, gerade kleinerer Spiele.Der dritte und vielleicht entscheidende Punkt betrifft im Fall von „Edith Finch“ die Unausweichlichkeit von Tod und Selbstzerstörung, die, Spoiler!, sich trotz aller warmherziger Phantastik als das Thema des Spiels entpuppt, ist aber das grundsätzliche Paradox aller interaktiver Erzählungen: In den Erinnerungssequenzen entschlüssele ich faktisch Hinweise und drücke Knöpfe, um mich, unbeabsichtigt, auf groteske Art umzubringen. Ich habe keine Möglichkeit des alternativen Verhaltens, und wenn ich nichts tue, stoppt das Spiel. Das mag als besonders clevere Thematisierung von Schicksal oder schicksalhaften Obsessionen gedacht sein, konkret sagt es jedoch nichts über das Leben, und viel über die Begrenzungen von Videospielen aus.

Diese Pferdefüße sind keine Besonderheit von „What remains of Edith Finch?“, sondern ergeben sich zwangsläufig, wenn Videospiele erzählende Kunst sein sollen.

Es liegen noch längst nicht alle Fragen zu Videospielen als Kunst auf dem Tisch, von Antworten und Möglichkeiten ganz zu schweigen.

Der Reiz der Spiele von „Annapurna“ und ihren Entwicklerstudios (und vergleichbaren Publishern und Studios) besteht nicht darin, dass sie Meisterwerke wären. Sondern, dass sie sich auf den Weg machen.

 

01.06.2021: Noch einmal: ein Tabuthema

Jetzt gehen alle wieder raus, auch wenn das natürlich auch erst einmal kein Problem löst (außer evtl. dem des Drinnenseins). Und gerade dann können wir uns anschauen, was wir im letzten Jahr drinnen so gemacht haben (ich war, nebenbei, mindestens genau so viel draußen wie vor der Pandemie, nur anders, und vermutlich geht es den meisten ähnlich):

8,5 Milliarden Euro Umsatz hat die Gaming – Industrie (so nennen sie die BescheidwisserInnen, ich hoffe, ich rutsche da gerade mal unentdeckt durch) im letzten Jahr im Deutschland gemacht, annähernd doppelt so viel wie gesamte Veranstaltungsbranche im Jahr vor Corona und immerhin halb so viel wie die Bäckereien.

Der größte Einzelfaktor bei dieser stolzen Zahl ist dabei nicht der uns allen aus angetrunkenen Gesprächen bekannte sprichwörtliche Cousin eines Freundes, der sich irgendwann für einen Feuerelfen hielt und der mit einer mechanischen Vorrichtung aus seinem Videospielsitzsack herausgehebelt werden musste (also, Menschen wie dieser sprichtwörtliche Cousin, nicht der arme Kerl alleine), sondern GelegenheitsspielerInnen, die an Bushaltestellen auf ihrem Handy dieses oder jenes angeblich kostenlose Spiel so gerne zocken, dass sie für wenig Geld die Premiumversion erwerben. Aber natürlich werden auch die großen, komplexen, teuren Spiele gekauft, selbst, wenn sie unfertig und voller Fehler auf den Markt geworfen werden, und auch gut gelaunte und sozial eingebundene Jugendliche (wenn auch keine glücklichen, die gibt es nicht) geben mehrheitlich „Gaming“ (vulgo: Daddeln) als Lieblingsbeschäftigung an.

Und trotzdem ist Videospielen kein Stück salonfähig. In Qualitätsmedien schreiben Qualitätsfedern, die entdeckt werden wollen, autobiographische Aufsätze über ihre Erfahrung mit diversen Erotikutensilien, ein Text über Videospiele wäre da etwas zu gewagt, das bleibt den Nerds und BilderstürmerInnen überlassen.

Videospiele sind zu grell, zu kommerziell, zu ziellos. Sie haben gar nichts von einer Vernissage oder einem Workshop. Und Videospiele dürften die einzige Kunstform sein, die nichts Erotisches an sich hat (das haben sie mit den meisten Erotikutensilien gemein). Sie sind digital und aus Plastik und störanfällig. Selbst, wer nie seine Fenster putzt, säubert trotzdem seine Konsole mit Glaspolitur. Keine Konsole gewinnt an Flair durch Wachs – und Rotweinflecken, Baguettekrümel oder getuschte private Nachrichten – sie wird nur einfach dreckig und ist trotzdem aus Plastik. Rein statistisch müssen Games auch im Bett und auf Berggipfeln, auf verschwiegenen Booten und in schattigen Hauseingängen, an Stränden und nach und zwischen wunderbaren Stunden gespielt werden, aber ihr Image ist das von Einsamkeit, zu bunten Farben und ruckartigem Rütteln am Joystick.

Vor allem zwei Faktoren haben in den letzten vier Jahrzehnten meiner Meinung nach die Imageaufwertung des Mediums verhindert: die langjährige Personalunion von DesignerInnen und ProgrammiererInnen und die Architektur der meisten Spiele.

Zum zweiten Punkt: die meisten Spiele sind in ihren Effekten aufgebaut wie Geldspielautomaten, vor allem die vor allem allgemein bekannten Handyspiele. Das hat historische Gründe – die stilbildende Firma Nintendo war ursprünglich auf analoge Spiele und Automaten spezialisiert, später sollten Videospielautomaten aus der armen Kundschaft so viel Geld wie möglich herauskitzeln. Besagte Handyspiele funktionieren tatsächlich wie komplexere Geldautomaten, füttern dich an, frustrieren dich, wollen dir Bonusrunden verkaufen, auch wenn du bei ihnen kein Geld gewinnen kannst. Der immens einflussreiche amerikanische Filmkritiker Roger Ebert sprach dem ganzen Medium deswegen grundsätzlich den Kunstcharakter ab. Wir würden den „Ulysses“ (das ist meine Paraphrase) vermutlich weniger ernst nehmen, wenn nach jeder gelesenen Seite Tröten, Rappeln und Jahrmarktsgeschrei aus dem Buch dröhnen würde: „Super! Du hast SCHON WIEDER eine Seite geschafft! Wahnsinn! Willst du das gleich deinen Freunden mitteilen? Ab geht`s in die nächste Runde!“ Er würde allerdings vielleicht auch häufiger bis zum Ende gelesen werden. Denn, das ist die Kehrseite, dieser ganze Jahrmarktsbudenzauber schenkt dir (du musst ihn ja nicht ernst nehmen, du kannst das ja gar nicht ernst nehmen) ein Lächeln, d.h. in Wahrheit einen kleinen Egoschubs und ein Gefühl von Selbstwirksamkeit.

Die lange Zeit marktbeherrschende und unter den Großkonzernen immer noch konkurrenzlos angesehene Firma Nintendo hat das Kunststück fertiggebracht, dieses ständige Bestätigen und Bestrafen, das Gefühl von Spiel, Interaktion und Selbstwirksamkeit auch ganz ohne das Buhlen um zusätzliches Geld noch in ihre anspruchsvollsten Spiele zu packen. Sie wissen schon, weswegen. Selbst die epischste, hintergründigste und abstrakteste „Legend of Zelda“- Version funktioniert immer auch als Knopfdrücken und Figurenhüpfenlassen mit anschließender Freude oder Frustration (und mit vielen lustigen Tönen). Tatsächlich werden unter dem Stichwort „Gamification“ vor allem Gesundheitsapps mittlerweile gerne als lärmendes Spiel mit Highscores verkleidet.

 

Der andere Punkt ist, dass die meisten SpieledesginerInnen in den heroischen Anfangstagen des Mediums ProgrammiererInnen waren, was bis heute Nachtwirkungen zeitigt. Ursprünglich saßen auch auf Seite der MacherInnen Menschen einsam an Maschinen.  

Im frühen Film gibt es ähnliche Phänomene: George Méliès war eine komplette Einpersonencrew, Keaton und Chaplin überwachten jedes Detail der Filmtechnik, Alfred Hitchcock konnte Kameras reparieren, Aber mit der Verlagerung auf den Kunstcharakter wurde diese Einheit schnell aufgebrochen: Melies war bald ein Relikt aus einer naiveren Zeit, Keaton und Chaplin spezialisierten sich auf kreative Aufgaben, der späte Hitchcock weigerte sich ostentativ (und beinahe konsequent), am Set durch einen Kamerasucher zu gucken. Bereits Ende der 1920er waren Technik, Ästhetik und Inhalt mindestens zwei Paar Schuhe, und der technische Aspekt wurde tendenziell heruntergespielt.

Es gab und gibt unter AutorInnen SetzerInnen und BuchbinderInnen, aber meines Wissens nach seltener als verurteilte GewaltverbrecherInnen (die allerdings auch nicht sonderlich häufig sind).

 

Videospiele setzten im Vergleich nie derartig deutlich auf Arbeitsteilung. Bis heute gibt es professionelle, sogar einge sehr erfolgreiche Spiele, die im Alleingang hergestellt werden. Heute gilt das, zu Recht, als Garant für ein individuelles und spezielles Werk. Dabei wird mittlerweile tendenziell vernachlässigt, dass bei solch persönlichen Projekten die KünstlerInnen erst einmal auf Profiniveau programmieren können müssen, am Besten in mehreren Sprachen und unter den technischen und architektonischen Vorgaben unterschiedlicher Endgeräte. Das ist unter Kunstinteressierten nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit, und umgekehrt.

Als sich Ende der 1970er, Anfang der 1980er Videospiele als eigenständige Form etablierten, gab es noch viel weniger ProgrammiererInnen. Videogames erforderten Spezialwissen und uncoole Besessenheit, du konntest sie, und da wären wir wieder, nicht nachts am Lagerfeuer herstellen und dort auch nicht spielen. Die MacherInnen mussten einen für damalige Zeiten ordentlichen Technikspleen, Sondertalente, Besessenheit und Sitzfleisch besitzen. Alleine schon aus trotzigem Neid auf die Menschen, die fröhlich im Feuerschein, umringt von schönen Menschen, sangen und Gitarre spielten, alleine schon aus einer gewissen Kulturferne heraus, die gleichzeitig Ursache für und Ergebnis von einem damals noch verächtlich belächelten Nerddasein war, sahen die ersten Gamedesigner ihre Spiele als Anti – Kunst und Anti - Gegenkultur. Biepen statt Gitarrensoli (oder gar: Geigensoli), digitales Grunzen statt Diskussionen, statt Handlung nur endloses Geballer, statt Tiefsinn pubertäre Witzchen, und statt Ablehnung von Kommerz ironisches Umarmen des Kommerzes. Sie waren auch noch ziemlich jung, diese Jungs, die vor allem bei „Atari“ arbeiteten.

Ironischerweise erlaubte der viel weniger starke und individualisierte Kunstbegriff in Japan, dass sich die dortigen ersten SpieleerfinderInnen nicht in solchen Abgrenzungen verzettelten und schon zu diesem frühen Zeitpunkt die künstlerischen Möglichkeiten von Videospielen ausbauten.

 

Und nun sitzen wir hier mit den Spätfolgen: Manchmal scheint es, als wäre das ganze Medium im schlechtesten Sinne überschaubar: auf der einen Seite gibt es die genialischen Quatschwelten von Nintendo, in jeder Hinsicht ein Fall für sich, auf der anderen Seite die ernsten, schweren Spiele, in denen du 200 Stunden lang und mit viel Blut eine Bande von Pferdedieben im alten Athen anführst. Dann gibt es die stilbewussten Retrostile, schicke, dumme Shooter mit 80er- Jahre Gepiepse, das Äquivalent zu Surf Punk. Und dann natürlich die Spiele, die dir an Bushaltestellen, völlig zu Recht!, zum Verschieben der ganzen Diamanten gratulieren.

In Wirklichkeit gibt es natürlich jede Menge andere Spiele, die bereits im Vergleich zu ebenfalls gut aufgestellten Arthouse - Filmen weltweit ein vergleichsweise riesiges Publikum finden, es aber trotzdem nicht in den allgemeinen Diskurs schaffen (nie in die Printausgabe, immer nur auf die Website, wenn noch ein Text gebraucht wird). Ein paar dieser Spiele wollen wir uns das nächste Mal anschauen (wie ist das Wetter? Brauch` ich eine Jacke?).

 

18.05. 2021: Kino ohne Weinprobe?

(Nein, reden wir erst einmal nicht weiter über Corona, und erst recht nicht medial gebrochen. Denn das machen im Moment ja alle, und es macht ihnen allen keinen Spaß. Versuchen wir einfach, dem sich abzeichnenden Ende der Pandemie so würdevoll wie möglich entgegen zu taumeln, und ohne Postings in Onlineforen).

Jetzt liegen, längt nicht alle, aber doch ein paar gut eingeübte Arten, Kultur zu konsumieren im Tiefschlaf und überall wird rumgerätselt: kommen in ein paar Wochen oder Monaten dann Popkonzerte mit Sitzplätzen (die Mode der letzten Jahre, bei Folkkonzerten barfuß vor der Bühne herumzuliegen, wird sich wohl nicht fortsetzen)? Clubs mit Abstandregeln? Kammerkonzerte mit offenen Türen? Theater ohne Spucken ins Publikum und nackte Schauspieler? Wenn ja, was macht dann Lars Eidinger in Zukunft?

Speziell die Möglichkeiten des Kinos stehen in den Sternen.

Vor etwa hundert Jahren wurde es in seiner heutigen Form erfunden (also: als eine Art Theater mit schlechterer Akustik, aber dafür toller Technik). Und, wenn wir dem ehemaligen Tingeltangel- und Broadway Star Groucho Marx glauben dürfen, setzte es sich nicht zuletzt deswegen durch, weil nach der Spanischen Grippe niemand mehr ins Theater gehen wollte (es gab Masken – und Abstandsregeln, aber größtenteils keine Verbote.  Die Leute hatten trotzdem einfach Angst und blieben lieber zu Hause, bzw. warteten auf die Erfindung von Filmpalästen – laut Groucho Marx konnten Scherzkekse mit ein paar Hustern im Nullkommanichts ganze Theater leerräumen). Ab den 1920er Jahren war das Kino dann der elektrisch verstärkte Nachfolger aller bis dahin bekannter Kulturstätten – und vor allem der Vorläufer vieler abgefallener Medien, die wir heute nutzen – von Radio, Fernsehen, Zeitschriften und Internet.

Stummfilme wurden von Opernarien und Kleinkunst eingerahmt, was später die erfolgsversprechendsten Tonfilme nachahmten, dazu gab es Nachrichtensendungen und Superheldenserien, Trickfilme und hier und da Livemoderationen mit Lokalnachrichten und kleinen Quizfragen (selbst in der bundesdeutschen Provinz habe ich selber noch Schmalspurversionen solcher Programme während der 1980er Jahre an der Nordsee und in Hessen erlebt). Als das Fernsehen den Mainstream des Filmguckens darstellte, wurden Kultfilme und Mitternachtsprogramme zum Mitsprechen in den Kinos der Universitätsstädte populär. Wie bei den meisten von der Pandemie gebeutelten Wirtschaftszweigen und Menschen begannen die Probleme des Kinos lange vor Corona  (was übrigens in meinen Augen nichts relativiert, eher im Gegenteil)- während in Berlin tatsächlich hier und da Kiezkinos neu eröffneten (in hippen Kiezen, im Grunde Villengegenden ohne funktionierende Heizung), verfielen überall im Land ausgestorbene Multiplexe, und tapfere Nachbarschaftskinos strichen die Segel und wurden durch gähnenden Leerstand ersetzt. Das rentierte sich eher als Filmtheater.

Wie es dazu kommen konnte, ist schnell erzählt: die Kinos mussten vor zehn Jahren alle auf Digitaltechnik umrüsten (neue Filme kamen in der Regel nicht mehr analog in den Verleih) und wurden von den großen Verleihern zu immer mehr Konzessionen gedrängt (so dass ich gerade die großen Filme häufig nur durch den Verkauf viel zu teurer Getränke und Snacks rechneten). Parallel dazu wurden Heimkinosysteme immer größer und besser, Speichermedien brillanter und billiger, und dann kamen schließlich noch die Streamingdienste dazu.

Und nun türmen sich, so heißt es, Berge an mehr als interessanten Filmen vor den sich vereinzelt, quietschend nach und nach öffnenden Türen der verstaubenden Kinos, und alle Beteiligten, und vielleicht sogar das James Bond – Team (und das vielleicht sogar am Nervösesten), haben fürchterliche Angst vor einem schnellen und heftigen Krieg ums Kino, an dessen Ende Ende des Jahres viele Pleiten stehen. Vielleicht sogar das Ende des Kinos, wie wir es kennen.

Dieser Krieg ums Kino wird im Moment bereits probeweise und größtenteils theoretisch um Filmrechte und Sperrfristen für Streamingangebote geführt, um die Frage, wo welche Subventionen hingehören, um die Mediatheken der öffentlich – rechtlichen Sender u.v.ä. Jede Menge gute Blogs und Artikel liefern dafür die hochspannenden Informationen und Hintergründe. An dieser Stelle wollen wir uns einmal kurz die Utopien ansehen, die mit einer quasi Neuerfindung des Kinos in unseren Breiten verbunden sind.

Diese Utopien lassen sich ganz grob unterteilen in das Museumsmodell, das Kommunikationsmodell, das Eventmodell, das neoliberale Modell und das Irgendwieweiterso – Modell.

Letzteres ist am Leichtesten zu beschreiben und wird zumindest von allen Kinobetreiber/innen, die sich zu Wort melden, favorisiert: Das Kino soll ein paar stattliche staatliche Starthilfen bekommen, um so weiterzumachen wie in den letzten Jahren. Und dabei soll vor allem darauf geachtet werden, dass die bisherigen Regelungen, ab wann ein neuer Film im Fernsehen oder bei Streamingdiensten auftauchen kann, wieder so streng gehandhabt werden wie vor der Pandemie. Ein Problem des Irgendwieweiterso liegt darin, dass aktuell die großen Franchises fehlen, die das Kino in den letzten Jahren gleichzeitig aufgefressen und am Leben gehalten haben. Ohne Knacks funktioniert im Moment nur noch James Bond, und auch das kann sich bald ändern. Gleichzeitig haben sich ganze Generationen das Kinogehen abgewöhnt.

Das bringt uns zum neoliberalen Modell, das mit den Förderungen und Rücksichtnahmen aufräumen will, die die deutsche Filmkultur von der Produktion bis hin zum Verleih entscheidend prägen.

Alle ein bis zwei Monate würde ein technisch aufwändiger Riesenfilm in technisch aufwändigen Riesenkinos gespielt, die jenseits aller Kultursubventionen wie gewaltige Achterbahnen, Malls oder Themenrestaurants (und gerne an solche Betriebe gekoppelt) funktionieren, und nicht zuletzt darin an die bereits existierenden extra errichteten Musicaltheater erinnern würden. Und das wäre es an aktueller Kinokultur. Vielleicht gäbe es in Großstädten noch hier und da ein stromlinienförmiges Arthouse. Ignorieren wir mal kurz all die wichtigen Fragen und konzentrieren uns auf die Ökonomie:

Musicals locken nicht nicht nur mit echten Menschen und heutzutage häufig mit gut abgehangenen, allseits geliebten Oldies, sondern sie sind auch viel, viel billiger als heutige Kinofilme. Das meines Wissens teuerste Musical aller Zeiten, „Spider – Man“, hat 75 Millionen Dollar gekostet, und der Größenwahn dabei sorgt immer noch für Kopfschütteln und gemeine Witze. Natürlich kann kein Musical solche Produktionskosten einspielen, heißt es, nicht einmal ein gutes (und „Spider-Man: Turn off the dark“, so der volle Titel, gilt als miserabel). Der quasi zeitgleiche Kinofilm „Spider- Man 3“ kostete dagegen um die 300 Mio. Dollar. Gerade teure Studiofilme funktionieren nur als Massenkunst. Die dafür mittlerweile aufgewandten Gelder lassen sich nicht über Verteilerschlüssel bei Streamingdiensten (wie uns auch James Bond lehrt) verdienen, nur über ein ganzes Arsenal an Verwertungskanälen mit teuren weltweiten Trailern als Begleitung. Selbst wenn wir die Kunst ins Heimkino abschieben wollen (was wir nicht tun), rechnet sich das „rein kommerzielle“ Kino nicht (tatsächlich auch für Hollywood nicht, das mittlerweile auf globale Verwertungsketten setzt).

 

Eine freundlichere und bescheidenere Variante ist das Modell des Eventkinos, wie es in den letzten Jahren bereits immer wieder hier und da angetestet wurde – das Event ist bei diesem Konzept nicht der Film an sich, sondern der Film plus. Kino und Kuchen, Kino und Weinprobe, Kino und ein passendes 3 Gang – Menü (funktioniert bei beinahe allen Filmen aus romanischen Ländern, besonders beliebt sind Crèpes und Fischsuppe zu Ehebruch in der Bretagne). Kino und ein Live – Orchester (und das muss nicht immer „Metropolis“, Chaplin oder „Star Wars“ ohne Corona hätte es mehrere, lange ausverkaufte entsprechende Aufführungen von „Joker“ gegeben). Kino plus Filminfo und Diskussion (der Klassiker, nun mit schicker gekleideten Referent/innen). Aber eben auch: Oper im Kino, Fußball im Kino, das letzte Programm von „Monty Python“ im Kino. Und wenn das Popfestivaljahr so schwierig wird, wie es sich gerade abzeichnet, dann ist auch „Rock am Ring ´“ im Kino vielleicht eine Idee mit Zukunft.

Dieses offensiv kulinarische Kino würde, bei allem Charme, entweder das Ende von Film als Kunstform oder zumindest das Ende des Kinos als Rahmen für die Kunstform Film bedeuten. Auch Blockbuster müssen ein bisschen sperrig sein, aber welcher neue Film, der noch nicht ins Pantheon gehört, passt zu Rosé? Oder umgekehrt: In welchem Rahmen soll das „Gespenst der Freiheit“ laufen? Anlässlich der Sanitätsbedarfmesse oder am Welttag der Toilette? Und selbst für „Spider – Man“ bleibt da kein Platz.

 

Das Kino als Ort der Kommunikation, an dem über das Medium Film ästhetische und gesellschaftliche Fragen verhandelt werden, ist eine weitere hartnäckige Utopie. Am Deutlichsten hat sie Georg Seeßlen in seinem „Manifest: Für ein Kino nach Corona“ formuliert, das im März bei „epd film“ veröffentlicht wurde. Seeßlen ist seit 50 Jahren der konkurrenzlos inspirierte und inspirierende Vordenker der Kulturkritik. Seine in das Manifest verpackte Analyse des miesen Ist – Zustands im deutschen Film ist schlicht brillant.

Sein Gegenentwurf ist ein internationales, interaktives, formübergreifendes Kino, ein Tummelplatz jenseits der Marktinteressen, an dem Filmschaffen und Filmdiskussion ineinander übergehen.

„Das Kino wird von einem Abspielort mit angeschlossener Gastronomie zu einem multimedialen Experimentierraum, in dem alles möglich sein soll, was mit audiovisueller Gestaltung zu tun hat. Im Wesentlichen ist es immer ein Live-Erlebnis.“, schreibt Seeßlen, und dagegen ist absolut nichts zu sagen, aber es steht halt trotzdem so schon seit Jahren in Förderanträgen für Programmkinos, Kunstinstallationen und Stadtfeste in der Provinz. Natürlich will und meint Seeßlen mehr, aber wie soll dieses Konzept in der Ausführung aussehen?

Es gibt in Berlin mindestens zwei neue Kinos, die sich als Orte der Kommunikation verstehen und eng mit der Branche jenseits der Majors verbandelt sind. Die haben mehr von Flagship – Stores als von soziokulturellen Zentren an sich, mehr von Messe, als von Happening. Obwohl sie toll gelegen und liebevoll ausgestattet sind und im Filmgespräch über Identität gestritten wird. Die meisten Film- und Kunstfestivals leisten sich digitale „Labore“, das heißt: junge Menschen in schwarzen Rollkragenpullovern, die im Foyer herumhängen, aufnehmen, kommentieren und Aktionen veranstalten, die niemand so richtig begreift. Sie bleiben in der Regel unter sich. Auch das „ZKM“ in Karlsruhe, das verlässlich großartige, die Kunstformen und die Themen miteinander verschränkende Hybridveranstaltungen mit Musik und Diskussion ausrichtet, ist elitärer als jedes ältere Museum für moderne Kunst, das immerhin noch Publikumslieblinge wie Picasso oder Hirst ausstellt. Genauer: ich selber gehe zu solchen Veranstaltungen (wenn ich in der Nähe bin), um mich auch einmal kurz als Teil der Beautiful People zu fühlen. Im Kino dagegen darf ich und möchte ich hässlich sein und mehr sehen als sorgfältig kuratierte Filmschnipsel.

Das museale Kino scheint mir das Modell mit der größten Zukunft zu sein. Es wird am Vehementesten vom Dokumentarfilmmacher und Filmkritiker Rüdiger Suchsland propagiert (dessen Standpunkte mich als Leser ansonsten trotz großen Respekts und interessierter Dauerlektüre meist ratlos zurück lassen. Ich kann mich beinahe darauf verlassen, dass er, von Zack Snyder bis hin zu Corona, Positionen vertritt, die mir völlig gegen den Strich gehen). Im Grunde geht es bei diesem Konzept um besser ausgestattete und mit mehr Vorführsälen bestückte Filmmuseen in jeder größeren deutschen Stadt. Analog zu Stadtbüchereien sollen Filmmuseen möglichst niedrigschwellig an eine Kunstform heranführen und sie archivieren, analog zu Stadttheatern sollen sie Aufführungen und Eigenproduktionen unterhalb der Gewinnerwartungen von Konzernen ermöglichen. Nach der Argumentation der Befürworter/innen kämen solche Kinos nicht teurer als bisherige Fördermaßnahmen, die mehr oder weniger behutsam umgeschichtet werden könnten,  von Subventionen kulturferner Bereiche ganz zu schweigen. Es gibt vergleichbare Kinos und Medienzentren in Frankreich – von knuffig bis schick, von akademisch bis nostalgisch, mit Filmkunde für Kinder und Videotraining für Erwachsene (oder umgekehrt).

Eine Herausforderung bei diesem Kino wäre sicher, dass Film in Deutschland als Kunstform nach wie vor kaum akzeptiert wird, aber als Erlebnisform extrem beliebt ist. Anders als in Frankreich sollte also nicht nur auf die seriöse Aura von Hochkultur und kulturellem Erbe, sondern stärker auf ein mindestens minimales Flair von Kintopp und guilty pleasures gesetzt werden.  

In einer Woche machen hier die Open – Air Kinos auf, heißt es. Wie beinahe immer wird die Zukunft nebenbei und Schritt für Schritt entschieden werden, und ohne, dass es jemand bewusst bemerkt.

Wir bleiben dran.

 

 

 

 

 

 

21.04.2021 Seltsame Erählungen (und wie sie entstehen können)

Heute wird es ein bisschen theoretischer und verwickelter, denn es geht ja um Gruselgeschichten.

 

Was bisher geschah: Brauchen wir in Film und Fernsehen wirklich Geschichten über die Pandemie? 2020 kamen jedenfalls bereits zwei, lange vorher konzipierte, Thrillerserien auf den Markt, die sich, irre unpassend, um echte oder angebliche Seuchen und brutale Gegenmaßnahmen drehen. Diese Serien kamen nicht aus obskuren Ecken, werden von den Macher*innen (diesmal probieren wir den Stern aus) vermutlich bereut und von sog. Querdenker*innen gefeiert (sofern sie sie mitbekommen). Wie konnte das denn passieren?

Die Macher*innen von „Utopia“ (siehe letzten Eintrag: eine Gruppe von Comicfans kommt einer simulierten Epidemie auf die Spur) und „Sloborn“ (siehe letzter Eintrag; eine neue Grippeart erwischt eine Nordseeinsel) haben ganz sicher keine seherischen Fähigkeiten – die von ihnen erfundenen bzw. erfundenen simulierten Epidemien verbreiten sich anders und bringen andere Symptome hervor als COVID 19. Und sie kamen vermutlich nicht darauf, wie problematisch ihre Serien einmal wirken könnten. 

Nein, umgekehrt wird ein Schuh draus: die Angst vor Epidemien war offensichtlich schon vollständig entwickelt, bevor der Name „Wuhan“ jemals in der Tagesschau ausgesprochen wurde. Vor Epidemien wurde in den letzten zwanzig Jahren von Wissenschaftsseite immer wieder gewarnt (und immer wieder tauchten sie am Ende eines Jahres als besonders unterschätztes Problem auf Hitlisten für unterschätzte Probleme auf). 

 

Angst vor dem Hineinschlittern in eine Diktatur via Pandemie, das eigentliche Thema von „Utopia“ und „Sloborn“, ist dagegen aber eine ziemlich spezielle Form der Paranoia.

Die autoritären Bestrebungen draußen in der realen Welt versuchen ja eher selten, durch Gesundheitspolitik an die Macht zu kommen, sondern halten sich da tendenziell eher an u.a. Waffen, wirtschaftliche Hebel oder die Mobilmachung gegen Minderheiten. So gerne sich Diktaturen das Gesundheitswesen einverleiben und die jeweilige Opposition mit medizinischen Metaphern schmähen, so selten begannen sie mit einer Hygienekampagne (so weit ich weiß: bisher noch nie).  

 

Genau das hatte allerdings ein wirkungsmächtiger französischer Philosoph prognostiziert, und er hatte die Gefahr einer Gesundheitsdiktatur vor allem in den westlichen Demokratien unübersehbar heraufdämmern sehen.

Gillian Flynn und Christian Alvart, die Köpfe hinter „Utopia“, resp. „Sloborn“ gehören plusminus zum Bildungsbürgertum der Generation X, genau wie beinahe alle Online – Leitartiler*innen in Deutschland zu den Generationen X oder Y gehören, und sind also, sofern sie auch nur mal mental an einer geisteswissenschaftlichen Uni vorbeischlenderten, mit den Gedanken Michel Foucaults aufgewachsen.

Ob sie je ein Buch des Stardenkers gelesen haben oder nicht, ob sie ihm beipflichten oder nicht, für sie alle ist der Gedanke, dass die Gesellschaft unsere Körper unterdrücken will und die beste und revolutionärste Waffe dagegen eine Fetischparty ist, vergleichsweise vertraut und diskussionswürdig. Vertreter* innen anderer Generationen klappt da dagegen mehrheitlich entgeistert die Kinnlade herunter (nur die Stadt Berlin hat ihr offizielles Stadtmarketing jahrzehntelang auf diesem Gedanken aufgebaut).

Foucault selber, der mittlerweile an den Elite – Universitäten der USA viel, viel populärer zu sein scheint als hierzulande (auch die Identitätspolitik geht im Grunde auf ihn zurück), ist dabei tatsächlich so konsequent, dass er sich bspw. beim Thema der historischen Seuchennachverfolgungen zu Zeiten der Pest ganz auf die nach seinem Verständnis an sich beinahe unaussprechlich unmenschliche Idee der Seuchennachverfolgung an sich konzentriert. Die Pest (an der immerhin etwa der Drittel der Menschheit verstarb) erscheint ihm da eher als Nebensache und vor allem als Vorwand (Foucault starb an einem Virus). Da ist also bei heutigen Querdenker*innen noch jede Menge Luft nach oben (und über die aktuelle Kontroverse um Foucault gäbe es so viel zu sagen und weiß ich so wenig, dass ich sie hier besser komplett ausklammere).

Zu der durch Foucault begründeten Angst vor „Biopolitik“ (ein von ihm geschaffener Ausdruck) gesellt sich im linkeren Flügel des Querdenkertums noch der Nachhall eines guten Buches von 2007: der „Schock – Strategie“ („The Shock Doctrine“) der kanadischen Autorin Naomi Klein.

In diesem Werk argumentiert Klein, dass autoritär- neoliberale Regierungen echte, herbeigeredete und in den dramatischsten Fällen herbeigeführte und provozierte Katastrophen benutzen würden, um vor allem Sozialgesetze und das Recht auf freie Meinungsäußerung zu untergraben und das klassische Maßnahmentrio der Wirtschaftspolitik nach Milton Friedman durchzudrücken: Deregulierung, Privatisierung und Kostenoptimierung. So würden Anschläge wie Hurricanes als Alibi dafür herhalten, Gemeinbesitz zu privatisieren, Arbeitnehmer*innenrechte innerhalb der betroffenen Region zu beschneiden und u.a. Regeln zur Auftragsvergabe und Unterstützungsprogramme auszuhebeln.

Die Schock  Strategie“ ist eine faszinierende und erhellende Lektüre, und dazu ermöglicht Klein auch die Falsifizierung des von ihr geschilderten Szenarios: wenn der Staat sich bspw. nicht zugunsten internationaler Konzerne aus seinen sozialen Aufgaben zurückzieht, haben wir es nicht mit der „Schock – Strategie“ zu tun (Klein schreibt über amerikanische Präsidenten, die angesichts von Katastrophen die Bürger*innen auffordern, in möglichst großen Scharen Freizeitparks und Shoppingmalls zu besuchen).

Das hindert allerdings die 60jährigen mit teuren Brillen, die sich in Kreuzberger Supermarktschlangen die Masken vom Gesicht reißen und gegen Quatsch und Unterdrückung wettern, nicht daran, sich von den Geistern Foucaults und Kleins beseelt zu fühlen.

Deren nach und nach in den Alltag und in Partygespräche, ins Halbbewusste und Selbstverständliche (und von ursprünglich links hier und da nach rechts) gesunkenen Konzepte sind der Nährboden, aus dem wie selbstverständlich Geschichten wie „Utopia“ und „Sloborn“ erwachsen, und sei es als ironisches Gedankenspiel.

Diese Geschichten, die in relativer Unschuld vor Pandemie konstruiert wurden, können wenig bis nichts dafür, dass sie sich für ihre Fiktionen zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt bei den gleichen erzählerischen Mustern bedient haben wie wenig später die Querdenker*innen im wirklichen Leben. Es handelt sich einfach um eine neue Mischform aus Paranoiathriller und Dystopie (und darin eher abgleichbar mit u.a.  „X Men“, den „Children of Men“ oder „Black Box“ als mit den aktuellen Nachrichten).

Flynn und Alvart verfügen über keine seherischen Fähigkeiten. Ansonsten hätten sie vermutlich etwas anderes geschrieben.

In ihren Geschichten ist die offizielle und offiziöse Bekämpfung der Pandemie mindestens absolut falsch. Dass Comicfans zersägt werden oder Nordseetouristen zusammengeschossen, das, darauf können sich die meisten Menschen einigen, ist böse.

Spaß kommt da aber nur wenig auf. Und besonders unerfreulich und unbefriedigend sind „Utopia“ und „Sloborn“ als Geschichtenfutter während einer tatsächlichen Pandemie - außer für ein paar systemkritischere Querdenker*innen.Die können sich dafür beim Gucken an Bestätigung,  an z. T. ausgesuchter Gestaltung (alleine die Farben in „Utopia“ sprengen Bildschirm oder Monitor) und dazu an Geballer erfreuen.

Grundsätzlich erweitern, variieren oder brechen lässt sich diese Form der Pandemiegeschichte vermutlich auch nicht, sie lässt sich nur mit mehr („Utopia“) oder weniger („Sloborn“) aberwitzigen Gedankensprüngen, mit mehr („Sloborn“) oder weniger („Utopia“) Militär erzählen, ganz sicher noch mit viel mehr Hubschraubern und noch mehr Pandemie (gibt es in dieser Form nicht bei „Utopia“, besteht vor allem aus roten Augen bei „Sloborn“).

Wie könnten Pandemiegeschichten in der populären Kultur noch aussehen, und warum gibt es auch diese anderen Geschichten schon längst?

 

(wird fortgesetzt)

 

07.03. 2021: Brauchen wir wirklich Corona - Geschichten? (Nein)

Wann immer einmal etwas Aufregendes in der Welt passiert – beispielsweise eine Pandemie -, heißt es, das sei doch ein gefundenes Fressen für erfundene Geschichten, nur leider, seien die Erzählenden (ich probiere mit diesen Formen einfach mal weiter rum) in Deutschland zu dumm und/oder zu feige und/oder zu geschichtenfeindlich und würden das Potential – beispielsweise einer Pandemie – vor allem für Filme nicht begreifen.

Nun, es mag Hinweise darauf geben, dass Deutschland nicht unbedingt für seine cleveren, mutigen und geschichtenbegeisterten Fiktionen bekannt ist, aber der weitgehende Verzicht auf Stoffe aus den Nachrichten gehört meines Wissens nun wirklich nicht dazu. Eher wird umgekehrt ein Schuh daraus: gibt es überhaupt eine andere Kultur, in der der Anspruch existiert, aus Nachrichtenmaterial so bruchlos wie möglich Geschichten zu spinnen? Gibt es in anderen Sprachen irgendeine Entsprechung zum „Tatort“? Jetzt antworte bitte niemand „Star Trek“, oder ich lasse den Mugato aus dem Käfig.

Vor Corona erschienen jeden Winter mindestens zwei Prestigeproduktionen aus Hollywood, und zwei Handvoll Nichtprestigeproduktionen von Fernsehsendern nach „wahren Begebenheiten“, Oliver Stone wütet in einer eigenartigen Grauzone vor sich hin, und „True Crime“ als ein ganz eigenartiger Trend wird uns wohl noch eine Weile begleiten. Und natürlich sind buchstäblich Millionen von Geschichten inspiriert von der sonstigen Welt erfunden worden, nämlich: alle, und Hunderttausende darunter sind eng und offensichtlich an Fakten aufgezogen. Aber, so weit ich weiß deckt selbst eine alte Folge von „Coronation Street“ die journalistischen Schlagzeilen zur Entstehungszeit nicht so gewissenhaft ab wie die deutsche Version „Lindenstraße“.

Dass sich aufwühlende Ereignisse am Besten ohne Metaphern (aber interessanterweise vergleichsweise skrupellos bei der Erfindung von neuen Elementen, siehe Februar – ich weiß, diese Seite muss modernisiert werden) und möglichst zeitnahe am Geschehen behandeln und verarbeiten ließen, das ist ein Irrglaube, auf den die Produzierenden von  „True Crime“ – Serien oder „Event Zweiteilern“ schwören, der aber, soweit ich weiß, in seinem warum und wie nie von irgendwem schlüssig dargelegt worden ist.

Und trotzdem: gerade rollt die zweite Welle an Corona – Kultur heran, und schon werden wieder Stimmen laut: Da müsse doch noch viel mehr gehen. Ich würde, leise, dagegenhalten: Brauchen wir wirklich Corona – Geschichten? Und: gibt es nicht schon viel mehr, als wir anerkennen?

Räumen wir erst einmal das Offensichtliche beiseite: mich zumindest reizt die Coronakultur ohne fiktive Elemente im Moment nicht die Bohne. Nein, ich meine keine Reportagen, sondern die Blogs, Tagebücher, Fernsehserien und Comics über Menschen, die sich in der Pandemie langweilen und ein bisschen Angst haben und gerne lieber am Meer wären.

Ja, das ist nahe am Leben und geht uns fast allen so, aber es gibt auch nur wenige Veröffentlichungen, die sich ausschließlich mit dem Einkauf im Supermarkt befassen, dabei ist das ein brisantes Thema und eine uns alle einende Erfahrung. Ich höre mir tatsächlich relativ geduldig an, dass sich Menschen langweilen, ein bisschen Angst haben und lieber am Meer wären, aber dafür braucht es in meinen Augen nun keine mediale/künstlerische Vermittlung. Ein Problem, wenn auch nicht unbedingt das Größte, liegt nebenbei dabei darin, dass es für Kranke, Medizinernde und Pflegende zeitgleich nun einmal extrem dramatische Zeiten sind.

Wenn wir uns in den eindeutiger erfundeneren Gefilden umtun, ist auffällig, dass nach Coronaromanen nicht einmal annähernd so laut gerufen wird wie nach Coronafilmen. Das muss etwas mit dem Wunsch nach sogenanntem „Lagerfeuerfernsehen“ zu tun haben (den ich völlig verstehen kann) und damit, dass Film und Fernsehen bei uns faktisch offizielle Künste in staatlichem Auftrag sind, und damit zuständig für die ganze Gesellschaft beschäftigende Themen.

Jetzt besitzt die Corona – Pandemie als Filmstoff ein paar entscheidende Nachteile: Sie ist noch nicht vorbei, sie polarisiert, sie ist wahnsinnig unfilmisch.

Da sie noch nicht vorbei ist, mündet jede fiktive Geschichte darüber entweder in ein offenes Ende oder in eine ziemlich forsche Behauptung, wie es jetzt vermutlich weitergehen wird (und zumindest bisher verbraucht eine übliche Stoffentwicklung sehr viel mehr Zeit als jeder Lockdown). Damit sind wir auch schon direkt beim zweiten kritischen Punkt: der Polarisierung: Fernsehfilme behandeln zwar auf den ersten Blick gerne brisante Themen, auf dem zweiten allerdings erst dann, wenn es einen gesellschaftlichen Konsens dazu gibt – oder wenigstens einen gremienübergreifenden Konsens, was hier wie als Botschaft herausgearbeitet werden soll. Kinofilme (die natürlich auch in Zusammenarbeit mit dem Fernsehen entstehen und in erster Linie Fernsehfilme für nächtliche Sendeplätze sind, trotzdem wird das üblicherweise noch unterschieden) können sperriger sein, aber die wollen, wenn sie nicht inhaltlich einen allgemein akzeptierten Punkt machen wollen, siehe oben, ästhetisch was. Und filmästhetisch gibt die Pandemie wenig her: das Einzige, was noch weniger visuell ist als Viren, sind vermutlich die von ihnen verursachten leeren Straßen und chronischen Erschöpfungssyndrome. Die Medienmachenden versuchen nun schon seit über einem Jahr, das Virus witzig zu veranschaulichen, aber dieser rosa Igelschwamm taugt nur für Cartoons, und auch da zu nicht viel. Intensivstationen sind auch optisch ziemlich trostlos, dazu unangenehm (die Scheu vor Bildern aus Intensivstationen u.ä. ist verständlich. Gerade deswegen hätte ich es allerdings sehr viel mutiger gefunden, wenn Joko und Klaas nicht acht Stunden Pflegekräfte im Einsatz gezeigt hätten, sondern dreißig Minuten, über ihre eigentliche Show verstreut).

Nichts destotrotz sind im letzten Jahr gleich zwei Fernsehserien erschienen, die genau das tun: eine Pandemie erzählen.

Oder, genauer: eine Pandemiediktatur.

(Kleine Offenlegung: ich gehöre tendenziell zu den Corona – HysterikerInnen, ganz sicher nicht zu den LeugnerInnen.)

Sloborn“ (ein etwas albernes Wortspiel: Slowburn meint im Mediensprech langsam ansteigende Spannung) spielt auf einer fiktiven Nordseeinsel (ich finde, eigentlich sollte alles auf fiktiven Nordseeinseln gedreht werden), die von der tödlichen „Taubengrippe“ heimgesucht wird, und damit zum Schauplatz heftiger Dramen und zum Spielball antagonistischer Interessen. Obwohl das vergleichsweise aufwändig produziert ist (und von diversen, zum Teil internationalen, Institutionen gefördert) und konzipiert von Christian Alvart (dem Regisseur von „Nick Tschiller“) wurde die Serie zunächst auffällig unauffällig schnell bei „Neo“ versteckt und versendet, bevor sie sich, ein Slowburn halt, zu einer Art Publikumsliebling entwickelte. Beides könnte, unabhängig von sonstigen Stärken und Schwächen, damit zu tun haben, dass in dieser Serie Eltern, die sich Sorgen um die mögliche Ansteckung ihrer Kinder machen, diese Kinder mit einer Gürtelschnalle verprügeln, und die Bundeswehr am Strand auf Zivilisten schießt, die sich den Hygieneanordnungen widersetzen. Diese mit sehr viel Lust an der grausigen Sache ausgemalte Paranoia ist nur ein (ambivalenter) Aspekt der Serie, die in vieler Hinsicht sehr ernsthaft eine mögliche Pandemie durchspielt, aber es ist der eindrücklichste – denn, siehe oben, eine Epidemie sieht ansonsten nicht unbedingt sehr filmisch aus (die Nordsee natürlich schon und immer).

Beinahe völlig untergegangen ist die (bereits neulich von mir erwähnte) Amazon -Serie „Utopia“, obwohl die das erste umfangreiche neue Werk von Autorin Gillian Flynn seit „Gone Girl“ darstellt, ursprünglich von David Fincher vorangetrieben wurde, jahrelang für Spekulationen gesorgt hat und auf einer gleichnamigen britischen Kultserie basiert (die hipper, schlauer, stylisher und makabrer war als alle anderen). „Utopia“ handelt von einer Superfrau aus der Retorte, die in einem Underground – Comic Hinweise darauf versteckt hat, dass Teile der amerikanischen Regierung eine Pandemie fälschen. Dass ausgerechnet dieser Plot für einen größeren Erfolg zu nahe am Leben konstruiert war, ist das einzig Schöne an dieser Serie. Sie sieht sehr gut aus und ist sehr gut gebaut, aber ist so himmelschreiend unpassend, dass daran wirklich nicht vorbeigesehen werden kann (dazu ist sie wirklich sehr und unnötig brutal). Vermutlich könnten nur Coronaleugnende mit „Utopia“ glücklich werden, aber die scheinen zumindest bisher kein Faible für Popkulturzitate und verschachtelt erzählte Liebesgeschichten unter Nerds zu haben.

Beide Serien sind natürlich in aller Unschuld lange vor dem Ausbruch der Pandemie geschrieben worden.

Warum?

(wird fortgesetzt)

 

28.03. 2021: Schade, es gibt keine Plottwists

Streiten wir heute ausnahmsweise mal nicht über Corona, denn dabei wird ja nur das Essen kalt, und niemand geht mit dem Hund raus. Und sprechen wir besser auch erst nächste Woche über Corona – Fiktionen, denn zumindest diese Woche ist der Begriff zu missverständlich, und „erfundene Geschichten über die Pandemie“ klingt in diesen aufgeheizten Tagen mindestens ebenso doppeldeutig.

Beinahe alles, was zur Zeit geäußert wird, mutiert unter einer Hand zu einer aufgeheizten Diskussion über Strategien gegen eben diese Pandemie, und wenn ich darum lieber über Wendungen in Narrativen schreibe, muss ich schnell konkret werden (sonst: Essen, Hund, siehe oben):

Vor ein paar Tagen war ich mir sicher, das Ende einer umfangreicheren Erzählung nach den ersten Seiten erraten zu haben, und ich murmelte etwas stolz und seltsam müde laut vor mich hin: „Um in die feine Gesellschaft aufgenommen zu werden, muss sie ihre Tochter schlachten und zubereiten lassen.“ Zum Glück saß ich in der Badewanne und nicht in der U – Bahn, sonst hätte ich mindestens ein paar befremdete Blicke kassiert. Es war eine seriöse Erzählung, die absolut nicht grell daherkam, und ich beschäftige mich eher selten mit Kannibalismus. Aber, wenn die Erzählung sorgfältig gebaut war, und das war sie, lief sie nun einmal auf dieses Ende hinaus. Du musst keine schmutzige Fantasie besitzen, um die eigentlichen Reime bei „Goethe war gut“, „Tschufftschufftschuff“ oder der „Polonaise Blankenese“ zu erraten. Vermutlich spielt es aber allerdings eine Rolle, dass ich, zumindest als Lesender, ein bisschen pointenbesessen und – beschlagen bin, auch wenn ich weiß, dass dieses guilty pleasure nicht immer viel mit der parallelen Freude an guten Geschichten zu tun hat. Wie wir alle.

In manchen US- Medien wurde das goldene Zeitalter der überraschenden Pointen vor ein paar Monaten zu Grabe getragen (offizieller Anlass: die holterdipolter – verzwickte Netflix – Serie „In her eyes“), und darum zwangsläufig nun nach und nach auch bei uns (offizieller Anlass: die gleiche Serie, die bei uns am gleichen Tag erschien).

Seit der Jahrtausendwende umschwirren uns überall Geschichten, die von verblüffenden Wendungen und Enden leben. Selbst der „Tatort“ hat mittlerweile Halluzinationen und verzerrte Perspektiven im Repertoire. Während um 2000 aber vor allem das Konzept einer kohärenten innerfiktionalen Realität an sich durch allerlei Wendungen aufgebrochen wurde (in Wahrheit sitzen wir alle in einer Simulation und/oder in einem richtig großen Reagenzglas fest), sind mittlerweile eher klassischere und kleinteiligere Verschiebungen en vogue (der Handlungsstrang in der Hafenkneipe spielt in Wahrheit zehn Jahre nach der Jagd auf den Matrosenmörder, und Gabi hat die Briefe alle alleine geschrieben).

Ich selber bin, wie erwähnt, ein ziemlicher Plottwist – Junkie und, wie alle Junkies, damit nur immer mal wieder für kurze und teuer erkaufte entrückte Momente lang glücklich. Die Massen an Thrillern, die quer durch die Welt mit Feuereifer veröffentlicht werden, kann niemand überblicken, und ich habe den pfiffigen Plots auch nicht mein Leben geweiht (dazu sind zu viele dieser Geschichten in zu vieler Hinsicht zu schlecht), nicht zuletzt würde eine kursorische Übersicht zwangsläufig ein paar Pointen verraten oder wenigstens die jeweilige individuelle Bauart der Pointen (darum nur eine Warnung: Alle Bücher von Karen Slaughter sind, wie sie sind. Ich habe es nach vier Titeln aufgegeben, auf etwas anderes zu hoffen. Die Szenen sind so lang und theaterhaft, dass auch Slaughters vergleichsweise kunstvolle Sprache nichts mehr herausreißen kann, bis auf trottelige Verliererväter sind alle Männer böse. Und die entscheidenden weiblichen Figuren haben es schlechter als die in den Werken des Marquis de Sade. Immer. Slaughter will ganz sicher etwas mit ihren Büchern. Aber ich will keines mehr lesen).

Verantwortlich für das immer weiter wachsende Dickicht an zeitgenössischen Psychothrillern (die den Löwenanteil der pointenlastigen Spannungsliteratur stellen), ist Gillian Flynn, die Autorin von „Gone Girl“.

Gone Girl“ sprengte vor zehn Jahren die Bank und brach die Herzen. Es war und ist weder der erfolgreichste Thriller oder überraschende Bestseller aller Zeiten,- neben Verschwörungstheorien über umgeschriebene Bibeln usw. kommt es nicht einmal in die engere Auswahl- noch taucht es häufig auf Büchern mit Lieblingslisten auf, es eignet sich aufgrund seiner galligen Ironie auch nicht gerade zum Kultbuch. Aber dieser Roman wurde respektiert. Niemand versteckte das Buch unterm Kopfkissen, und selbst der „New Yorker“ zitierte es respektvoll in passenden Zusammenhängen. Bei allen Längen und Überdrehungen war „Gone Girl“ die perfekte (und dabei ungewöhnlich spannende) Satire auf die Lebenslügen der Generation X. Alle bitteren Enthüllungen speisen sich aus der gnadenlos durchdeklinierten Prämisse: Ihr macht Euch und der Welt etwas vor und kommt ums Verrecken nicht aus Eurem Narzissmus raus (der Erfolg von „Gone Girl“ basierte zum Teil sicherlich auf der ambivalenten und überlebensgroßen Schurkenfigur, die etwas von einer Allmachtsphantasie an sich hat, aber die ist in meinen Augen Teil von Flynns verstrickter Polemik gegen das eigene Milieu). Der Roman wurde nicht als clevere Erzählmaschine wahrgenommen, nicht als guilty pleasure, sondern als gültige Aussage über die Welt. Dem Publikum wurde weniger ein pfiffiges Puzzle vorgesetzt, als der Kopf gewaschen.

Viele, viele Schrifstellende (das ist, glaube ich, die korrekte Formulierung) haben in dem seitdem vergangenen Jahrzehnt versucht, einen ähnlichen Coup zu platzieren.

Für einen vergleichbaren Effekt braucht es allerdings tabuisierte oder ausgeblendete Themen und Erkenntnisse, die reif und pflückbereit im Gestrüpp warten (Flynn selber hat sicherlich nicht aus Zufall seitdem keinen weiteren Roman mehr veröffentlicht und sich stattdessen in einer bösen Verdrehung ihrer Antenne für den Zeitgeist mit dem Remake der britischen Fernsehserie „Utopia“ selber ein Bein gestellt: die neue Fassung, veröffentlicht 2020, dreht sich tatsächlich um eine von Regierungseinrichtungen erfundene Pandemie). Dazu braucht es natürlich einen unerschrockenen Blick auf das beschriebene Milieu und in den Spiegel, haufenweise Ideen, Talent und Geschmiede, das Glück, jemanden zu finden, der das Projekt interessant findet, usw. usf. Aber das spezielle Problem der Pointengeschichte ist eben, dass es im Grunde gar keine Plottwists gibt. Es gibt nur an den Haaren herbeigezogene, unverbundene und enttäuschende Enden, mathematisch angewandten Zynismus, aufgewärmte Überraschungen von gestern, oder, im besten Fall,die Selbstverständlichkeiten von morgen.

Dass Mr. Hyde niemand anderes als Dr. Jekyll ist oder dass der Held in 1984 von seinem angeblichen Freund verraten und vom System gebrochen wird, waren ja einmal verblüffende Enthüllungen und bittere neue Wahrheiten. Sie konnten zu Klischees werden, weil sie überzeugend waren. Die Frage, was wen überzeugt, hängt unter anderem vom „wann“ ab, denn zumindest in der Summe lernt die Menschheit ja doch manchmal dazu: Als Philip K. Dick um 1960 herum den ersten Zenith seiner Pointengeschichten erreichte, galt er als interessant, aber gaga. Vierzig Jahre später schien halb Hollywood auf seinen Pfaden zu wandeln (und erzählte gerne von Simulationen und Menschen in riesigen Reagenzgläsern). Den Umgekehrten Fall gibt es natürlich auch (wer glaubt heute noch an Norman Bates?), und vermutlich gibt es auch Rückschritte.

Raymond Chandler, der größte Schreibende der Krimigeschichte (das musste mal wieder deutlich gemacht werden) verzweifelte daran Zeit seines Lebens und vor allem Mitte der 1950er Jahre. Die von Dashiel Hammett und ihm erfundene femme fatale – bereits ein Klischee, die von Hammett und ihm erfundenen korrupten Polzisten – altbekannt, der von ihm entwickelte ehrliche Privatdetektiv – tausendfach nachgeäfft. Und trotzdem oder gerade deswegen war für ihn noch nicht alles gesagt. Dummerweise besaß Chandler, umgeben von klassischen Krimifans, die ganz begeistert von verschlossenen Zimmern, verstellten Uhren, gefälschten Testamenten usw. waren- nicht nur den Anspruch, die poetischsten und polemischsten Krimis zu beschreiben, sondern auch mit den Konkurrierenden vor allem in England mitzuhalten, wenn es um clevere Konstruktionen ging. In vielen zergrübelten Briefen schrieb er, dass eine gleichzeitig überraschende und stimmige und psychologisch und politisch in seinen Augen passende und dazu in der Informationsvergabe faire Lösung schlichtweg nicht möglich war ("In her eyes" erkauft sich auch heute noch seine wilde, aber passende Lösung,- ich habe zwei der drei Pointen nach der ersten Rückblende erwartet und fand sie nicht annähernd so bizarr wie manche Rezensenten- durch flache und undurchschaubar bleibende Figuren). Vielleicht hatte Chandler sich etwas vorgemacht. Vielleicht führte dieser Gedanke dazu, dass sich möglicherweise sein Serienheld Philip Marlowe etwas vormachte, inklusive seiner herablassenden Gedanken über fehlende Integrität bei anderen und über mörderische Blondinen. Und damit hatte Chandler den Twist für seinen besten und vorletzten Roman, „The Long Goodbye“: sobald wir kapieren, dass Marlowe sich etwas vormacht und warum, ist alles klar. Chandlers langjährige Agentin schlug eine verwickeltere Lösung und mehr Humor vor, Chandler wechselte stattdessen schnurstracks die Agentur und schrieb in einem Brief die berühmten Zeilen, dass ihm die Offensichtlichkeit der Lösung egal sei, wichtig sei für ihn die „seltsam korrupte Welt, in der wir leben“, in der Idealisten am Schluss dumm aus der Wäsche guckten.

Erzählungen schaffen Sinn, das ist ihre Aufgabe, und manchmal, in aufgeregten Zeiten mit zu vielen Streits am Esstisch zum Beispiel, macht es Spaß, neue Formen der Sinnhaftigkeit spielerisch anzudenken, Zeitebenen durcheinanderzuwerfen oder sich für eine Stunde extreme Perspektiven anzueignen. Durch Fiktionen können wir uns da austoben. Aber das klingt ja schon wieder, als wollte ich die Diskussion über die Strategien gegen die Pandemie eröffnen. Aber darüber ist ja im Grunde ohnehin alles bekannt, was bekannt sein muss, und insgeheim wissen es alle (ob sie wollen oder nicht). Es gibt Wahrscheinlichkeiten und beinahe zwangsläufige Entwicklungen. Es gibt keine Plottwists.

 

 

  

16.03. 2021 Biographien richtig lesen

Was bisher geschah: In der Pandemie erfreuen sich viele an Geschichten, die sie eigentlich schon kennen. Ich bin in konkreter und peinlicher Versuchung, noch zwei Biographien über John Lennon zu lesen. Biopics sind von Übel

Kommen wir also, endlich, zu der vor Wochen versprochenen Königsdisziplin der alten, immer gleichen (oder zumindest ähnlichen Geschichten): zu den beinahe beruhigend vertrauten und immer revisionistisch aufwühlenden neuen Buchbiographien von Menschen, von denen wir schon ein paar Biographien gelesen haben.

Es dürfen keine ausgesprochenen Romane sein, siehe letzte Woche, denn die sind gleich wieder Kunst und haben einen völlig anderen und drastischeren Wahrheitsanspruch. Als Sachbuch ausgewiesene Biographien dagegen verdichten die geschilderten Ereignisse offiziell gar nicht und faktisch für größere Anschaulichkeit, erfinden offiziell und niemanden und schildern darum faktisch um so ungeschminkter Menschen gemäß der Weltanschauung der BiographInnen, und wenn sie bereits häufig beschriebene Lebensläufe neu bearbeiten, dann brauchen sie eine neue Idee (sonst wären sie nicht geschrieben und gedruckt worden), wenn nicht eine bisherige Gewissheiten auf den Kopf stellende wilde These ODER eine bisher nie gekannte Sorgfalt oder Lebendigkeit bei der Neubegehung der ausgetretenen Pfade. Ambitionierte Biographien sind auf angenehmste Weise Nicht – Kunst, selten Beinahe – Literatur, die in einer relativ offenen Form immer die Frage nach einem gelungenen Leben und zusätzlich noch die Themen behandelt, die die dargestellten Menschen eben so umgetrieben haben.

Damit solche Biographien maximal Spaß bei minimaler Reue machen können, müssen sie natürlich ein paar Kriterien erfülllen:

1.       Die dargestellten Menschen müssen sich exhibitionistisch in der Öffentlichkeit gesuhlt und aus ihrem Leben schon zu Lebzeiten ein Gesamtkunstwerk gemacht haben. Wir wollen uns ja nicht als unbefugte Voyeure fühlen und statt dessen legitimiert mit und gegen die Biographie darüber nachdenken können, was denn nun wirklich passiert ist.

2.       Die Hauptfiguren müssen eng mit einem bestimmten Zeitgeist verbunden sein, einem erkennbaren Setting, das uns in klischeehaften Grundzügen vertraut ist und das in der Biographie mit verhandelt wird.

Das heißt: die meisten Biographen von SchriftstellerInnen fliegen raus, die saßen in der Regel introvertiert und abgeschieden in ihren Butzen, wollten sich nicht in die Karten gucken lassen und mischten an der Oberfläche der Zeitläufte in der Regel nur wenig mit (und das gilt selbst für scheinbare Zeitgeistschriftsteller wie F. Scott Fitzgerald). Deren Biographien lassen sich nur aus ernsthaftem Interesse und aus Neugierde lesen, nicht aus verfeinerter Freude an den immer gleichen Geschichten.

Bevor sich das aber so liest, als würde ich zum Schwelgen in Sportbiographien aufrufen, hier noch ein weiterer Punkt:

3.      In den beschriebenen Lebensläufen muss es herausstechende Marksteine, wenn nicht „Werke“ (wenn nicht "Meisterwerke" oder "Kennichjaalles") geben, die die Erzählung strukturieren, auf die wir uns beim Lesen über ödere Zeiten freuen, die in der neuen Biographie anders angekündigt und abgeleitet werden als in den vorangegangenen Biographien (ich werde gleich konkreter).

4.      Dazu sollte es natürlich auch im Leben an sich ein paar besonders prägnante Stationen geben, auf die wir beim Lesen der neuen Biographie ungeduldig hinfiebern, auf die wir uns als Teil einer interessanten Geschichte verlassen können (wozu braucht es dann noch "Werke"? Ganz einfach: Objektiv wichtige Ereignisse und Entscheidungen haben immer auch etwas Fremdbestimmtes. Auch die BiographInnen von PolitikerInnen wissen das und konterkarieren historische Sternstunden gerne mit selbstgemalten Stilleben u.ä.).

5.       Wie oben angeführt wäre natürlich ein neuer Ansatz schön, eine überraschende Perspektive, die allerdings den übrigen Genuss an der Biographie nicht über den Haufen werfen und den Blick auf das ganze Gewusel nicht verengen darf (wenn die beschriebene angenehme Wirkung greifen soll).

Bevor sich das alles viel zu abstrakt ließ, hier die konkrete Anwendung auf meine spezielle Schwäche in diesem Bereich: Neue Bücher über John Lennon (ich denke, die Übertragung auf andere Fälle ist vergleichsweise einfach, auch ohne, dass ich weitere Steckenpferde zugeben müsste):

1.       Unangenehmer Voyeurismus: Lennon hat sich nackt für ein Plattencover fotografiert. Die Flitterwochen seiner zweiten Ehe bestanden aus Pressekonferenzen im Bett. Er hat erotische Lithographien über sich und seine Frau hergestellt. Er hat eine Single über seinen Drogenentzug veröffentlicht. Und das alles innerhalb eines Jahres!

In anderen Jahren hat er bspw. seine Erektion für einen Avantgardefilm aufgenommen oder ein Konzeptalbum über seine Kindheitstraumata gemacht. Er selbst sah sich als „schüchtern“ und fügte hinzu: „Sind schüchterne Menschen niemals nackt?“ Gegen diese messerscharfe Logik kam nie jemand an. Einziges dauerhaftes Tabu scheinen für ihn die Eheprobleme in den letzten Lebensjahren gewesen zu sein (und nach Meinung vieler Biographien hätte er auch dieses Tabu gebrochen, wenn er nicht ermordet worden wäre). Geschmacklos und hämisch müssen Biographien ja trotzdem nicht sein, aber generell ist in diesem Fall das Gefühl von verbotenem Betreten nicht sonderlich ausgeprägt.

2.       Die Zeitläufte: Die jazzhörende junge Nachkriegsbohème! Swinging London! Die heillos auseinaderlaufende Gegenkultur im New York der 1970er! Hier können Biographien einander in pittoresken Panoramabildern überbieten: Alleine das malerisch heruntergekommene Liverpool zwischen Kuttern und Uni lädt zur ausladenden Gestaltung ein, alleine in der Aufzählung der fröhlichen und klugen stargespickten Ausschweifungen im Jahr 1967 unterscheiden sich die Biographien. Leider verfliegt das berauschende Gefühl, bei ebenso wichtigen wie albernen Zeiten dabei zu sein, sobald es um die von außen etwas öden letzten Lebensjahre im etwas öden Rest der 70er geht.

3.       Werke: Nun, das ist natürlich ein Idealfall: ein paar geschickte Andeutungen, und schon pfeifst du einen ganzen Soundtrack zum Buch mit. Fans geifern beinahe pausenlos beseelt vor Vorfreude, sobald auch nur eine allgemein gehaltene Formulierung wie „Und auch das nächste Album sollte einen Schritt weitergehen“ oder „Da spielte er einen neuen Song auf dem Klavier vor“ aufblitzt. Hier kommt die Funktion von neuen Biographien als eine Abkürzung zur Introspektion voll zum Tragen: Die Erwähnung jedes bekannten Werkes schleudert dich in Erinnerungen, Abwägungen und Zwiesprache mit deinem tieferen Selbst: Ist „Sgt. Pepper`s“ nicht mittlerweile unterschätzt, weil es früher so überschätzt worden ist? Erinnert dich das Weiße Album nicht an Gerdie? Was für ein Gefühl drückt „Julia“ eigentlich aus? Wäre „Help“ langsam und bluesig wirklich ein tiefer gehender Song? Usw., usf, und bei obskureren Abschnitten des Werkverzeichnis sind wir da noch gar nicht.

4.       Was nicht heißt, dass das Leben von Lennon nicht auch eine Ansammlung von Mark – und Meilensteinen gewesen wäre (nicht zufälligerweise wechseln sie sich eher mit den künstlerischen Höhenflügen ab, anstatt sie zu begleiten): Makabrerweise ist natürlich mit der abschließenden Ermordung bereits ein starkes Motiv vorgegeben, das beinahe alle BiographInnen früh im Text vorbereiten. Parallelen zur Tötung der Mutter durch einen betrunkenen Autofahrer und zum frühen Tod des besten Freundes werden gezogen, wie die künstlerische Selbstfindung mit den Modernisierungswellen in der ganzen Welt kurzgeschlossen wird. Weiter geht es dann bei aufgedrehter Lautstärke mit der bahnbrechenden Karriere des Underdogs und der symbolischen oder gar faktischen Veränderung der vorgefundenen Welt, während Nebenhandlungen immer noch indische Meditationslehren, den juristischen Kampf um Undergroundmagazine und das Herumschlendern in Kunst und Film- Avantgarde behandeln.

Das Leben Lennons wird dabei üblicherweise (und wenig überraschend) als Legende eines komischen Heiligen gesehen, der mit unermüdlichen Eifer immer am Puls der Zeit rotzig durch die Weltgeschichte streunt, für die gute Sache kämpft und dafür erschossen wird.

Das ist, trotz aller Schnittmengen, eine fundamental andere Erzählung als die wehmütige, aber positive Geschichte, die BEATLES – Biographien schildern. Dort wird die Welt friedlich verändert, und die anschließenden Einzelleben der Helden versickern in einem melancholischen Epilog, zu dem eben auch Lennons Ermordung gehört. Während die BEATLES – Biographien um eine gefundene und dann zerbrochene Freundschaft zwischen zwei bis vier Männern mit gigantischem kreativen Potential erzählt werden (das einschneidende Ereignis ist hier das Kennenlernen zwischen Lennon und McCartney), handeln Lennon – Biographien interessanterweise von der Menschwerdung eines traumatisierten Mannes (das einschneidende Ereignis ist hier immer der Tod von Lennons Mutter, das harmonische falsche Ende der Tragödie ist das häusliche Glück mit Yoko).

5.       Mit Neuigkeiten oder auch nur neuen Details sieht es bei einem so abgegrasten Feld naturgemäß ziemlich mau aus. Mittlerweile wurden bereits eigene Bücher über den BEATLES  Aufenthalt in Indien oder über ihre mustergültig dekadente Hippiefirma Apple, die in ihrer eigentlichen Form etwa ein Jahr lang existierte, geschrieben (ja, Apple, ITler waren schon immer davon besessen, Popkultur zu überwinden und zu demütigen).

Neue Biographien können hier vor allem noch mit Details punkten: Cynthia Lennon, Johns erste Ehefrau, evoziert in „John“ (ihrem zweiten Buch zum Thema) eindrücklich eine wilde Teenageraffäre im spröden Liverpool, inklusive verpasster Fähren, Busse und Nachtzüge, Sand im Haar, Möwenschreien und Bohèmebuden.

Philip Norman schildert in „John Lennon“ atmosphärisch die verschlafene Welt von Liverpools unterer Mittelschicht, die kalten, zugigen, strapaziösen frühen Touren der BEATLES und die Doppelwelt aus Reeperbahn und Hamburger Bürgerhäusern, die sie  später in sich aufsogen.

Ray Connolly macht sich in „Being John Lennon“ die Mühe, Lennons umfassendes politisches Engagement kleinteilig in die Tonne zu treten (dafür findet sich dann auch nur bei ihm die Information, dass Lennon wiederholt einen späteren Mörder raushaute).

Diese Geschichte halt also zwar nicht alles, aber doch eine Menge garantierter guter Szenen, guter Witze und wichtiger Fragen. Dabei ist sie, wie es die Form der Sachbuchbiographie vorgibt, bis jetzt nicht abgeschlossen und gibt noch nicht alle ihre Untertöne und Bedeutungsschichten preis. Der konkrete Fall von Lennon lädt dazu noch zum ausgiebigen Hören von schöner Musik ein, was ja an sich schon erdend und erfüllend ist.

Noch einmal: natürlich kann das Lesen von Biographien keine Fiktion ersetzen. Dafür lässt es uns konsequenzenlos gleichzeitig assoziativ und analytisch über eine durch vertraute Filter heimelig gemachte Welt nachdenken.

 

Und manche delikaten Fragen bleiben dabei bisher ungelöst (und müssen also in zukünftigen Biographien verhandelt werden). Hier nur das eindrücklichste Beispiel:

Ein wichtiger Moment in Lennons Biographie ist die Nacht, in der er mit Yoko Toncollagen aufnimmt, die sein späteres erstes Soloalbum bilden, sich via Selbstauslöser nackt mit ihr fotografiert, was das Cover des erwähnten Albums bilden wird, und anschließend schlafen die beiden angeblich zum ersten Mal miteinander (was schwer umstritten ist, was die tiefe Perversion des Biographienlesens offenbart). Auf einigen Privatfotos von Lennon hängt dieses Nacktbild an der Wand, aber neben unserem entblößten Traumpaar steht ein nackter Mann mit Bart.  

Nach jahrzehntelangem Schweigen ließ Yoko Ono schließlich verlauten, der unbekannte Nackte sei ein verrückter Fan, der sich mit einer Trickaufnahme zu John und Yoko gestellt hätte, was Lennon so amüsiert hätte, dass er das Bild aufgehängt hätte.

Findige Fans sind sich aber sicher: das Licht stimmt nicht. Der Mann muss wirklich neben ihnen gestanden haben.

Wer ist er? Was wollte er? Was soll das?

Die letzte Biographie über John Lennon ist noch nicht geschrieben. Und gelesen. Ja, das ist mir peinlich. Nein, verratet mich bitte nicht.

 

 

 

 

 

 

 

08.03. 2021 Immer die gleichen Geschichten

„Die Sendung mit der Maus“ wird 50 Jahre alt und konstatiert in einer seltsamen Mischung aus Fluchtnachvornetrotz und Stolz, ihr Publikum sei „im Durchschnitt 47 Jahre“ alt.

Vermutlich ist das Publikum also jünger als bei den „Teletubbies“, aber deutlich älter als bei „Germany`s Next Top Model“. Die Kinder, die zuschauen, leisten vermutlich mehrheitlich ihren Großeltern Gesellschaft, ähnlich wie ich früher bei Heinz Schenk.

Ich hab` nichts gegen „Die Sendung mit der Maus“ (was in etwa so eine gewagte Aussage ist, wie zu schreiben: „Ich trete keine kleinen Hunde“), aber wäre es nicht anständig und vielleicht sogar ein bisschen cool, wenn sie nicht mehr als „Kinderprogramm“ fungieren würde (geschweige denn als „Programm für Vorschulkinder“/ „unsere Kleinsten“ etc.), sondern als „Family Entertainment/Edutainment“, also als „freigegeben ohne Altersbeschränkung“, was meistens meint: ein emotional eher schonendes Programm, bei dem auch etwas gelernt werden kann (und eher selten, wie du nach einem Massaker unter Drogendealern die Flecken aus dem Teppich kriegst)?

In meinen Augen würde alles, was an der „Maus“ ein bisschen weh tut – das dröge, didaktische „Die Welt wird aus Schrauben gemacht!“, während wir faktisch längst eine umfassende Digitalisierung hinter uns haben (es ist mir bewusst, dass die Maus auf ihre vor-digitale Art selbstverständlich auch digitale Themen behandelt) , die für Kinder mittlerweile oft viel zu viel voraussetzenden, nur ironisch – naiven politischen Erklärfilme, der nach wie vor geringe Anteil an Lachgeschichten, die diesen Namen auch verdienen – mit einem Schlag unfassbar charmant erscheinen, sobald sie nicht mehr, gegen die Fakten, als „Kinderprogramm“ gehandelt würde. Klackklack. Denn Nachahmersendungen wie „Galileo“ haben keinen Armin Maiwald, keinen kleinen Maulwurf und keinen kleinen Elefanten im Programm und dazu noch viel weniger Rentner vor dem Bildschirm, und sind damit einfach viel biederer, durchschaubarer als das bizarre Mehrgenerationenhaus im WDR und haben viel weniger Klasse (und eben keinen kleinen Elefanten).

Tatsächlich gestehen Shows wie „Frag` doch mal die Maus“ alleine durch ihren Sendeplatz (wenn sich Vorschulkindereltern freuen, dass die lieben Blagen endlich mal schlafen) das offene Geheimnis um den Charakter der Maus ein. Und trotzdem wird die Scharade zumindest pro forma weiter gespielt (und die Vorschulkinder müssen nach der „Sendung mit dem Elefanten“ suchen, wenn sie auch einmal auf ihre Kosten kommen wollen).

Denn natürlich hat es etwas unfassbar Regressives, am Sonntag zur Gottesdienstzeit Teil der Fernsehgemeinde zu sein, die sich von Maiwalds Stimme die verrückte Welt entschleunigen lässt und sich wie einst im Kindergarten über die romantisch wortlosen Kapriolen des Kleinen Maulwurf amüsiert. Trotz aller brisanter Sachgeschichten (und einiger innovativer Lachgeschichten, die hier gerade ein bisschen zu kurz kommen) liegt dieser regressive Charakter des Mausschauens offen zu Tage, während „Tagesschau“ und „Tatort“ alleine schon durch ihre Härten vom eigenen Wohlfühlfaktor ablenken können (ja, ich weiß, die Maus hat dazu ein tolles digitales Archiv ihrer Sachgeschichten angelegt, das auch zu Recht manchen Kindern gefällt)

Ich wundere mich, dass die Öffentlich – Rechtlichen in diesen zugigen Zeiten als weiteres Lagefeuer nicht ständig „Große Samstagabendshows“ vergangener Zeiten bringen, nach dem „Brennpunkt“ oder zumindest nach der aktuellen  Corona – Talkrunde, aber vielleicht sind diese Shows zu unambivalent und erkennbar alt und wurden bisher nicht häufig genug wiederholt. Niemand kann eine Folge von „Auf los geht`s los!“ mitsprechen (außer vielleicht ein paar Beteiligten), und erst das Mitsprechen schafft echte Nestwärme („Klackklack“ als Ersatz für Kastagnetten zählt auch).

Friends“, dieser wenig spektakuläre, sorgfältig, besinnungslos und immer ein wenig kaltschnäuzig zusammengelötete kleinste gemeinsame Nenner der 90er Jahre, die theaterhafte Sitcom, die bereits zur Fußnote in der Geschichte populärer Frisuren herabgesunken war, ist zwanzig Jahre nach ihrer Einstellung zum Giganten geworden und zum heißesten Ding in der Unterhaltungsbranche (dieser Trend hatte bereits ein gutes Jahr vor Corona eingesetzt, aber durch die Pandemie noch einmal einen neuen Schub bekommen). Beinahe aus der gleichen Zeit und beinahe so beliebt: „Dawsons`s Creek“ und die „Gilmore Girls“. In Frankreich werden Louis de Funes – Filme beinahe hip und auf jeden Fall zum Kitt der Gesellschaft.

Dieses Klammern ans Vertraute hat neben dem Lust am Ritual und der wohltuenden Bestätigung dabei eine dialektische Seite, die ihm zu häufig abgesprochen wird: wer bspw. jedes Jahr den gleichen Film anschaut, der kann gar nicht anders, als Unterschiede zwischen diesem und letztem Jahr zu bemerken, und an sich selber veränderte Vorlieben, verschobene Kritikpunkte usw.

So wie die fromme Scholastik des Mittelalters, bei der sich jeder Gedanke von einem Dogma herleiten lassen musste, das moderne kritische Denken mitbegründet hat, so ist die vierte Gesamtlektüre von „Harry Potter“ vor allem für jüngere Menschen vermutlich unter vielem anderen eine Form der Selbstprüfung mit läuternder Wirkung.

So kann die Wiederholung bei Geschichten, die sich nicht ändern, als Herausforderung funktionieren.

Bei veränderten Geschichten ist dagegen das analytische Nachdenken schon in das Produkt eingebaut wie die Witze über Spocks Prüderie in die neuen Kinofilme, in denen er eine Affäre mit Uhura hat.

Die ganzen TheaterregisseurInnen, die seit rund 50 Jahren ungebrochen verkünden, dass Klassiker dringend nach einer Neuinterpretation schreien würden, behaupten das ja nicht ausschließlich aus dem Wunsch heraus, mit dem Namen eines bekannten Stücks, am Besten einer Schullektüre, das Haus vollzukriegen und trotzdem auf die eigene Person unmissverständlich hinzuweisen, bzw. aus der Angst heraus, dem eigenen Opportunismus ins Gesicht sehen zu müssen (auch und vor allem, aber eben nicht nur). Der neue Blick auf eine alte Geschichte eröffnet ja wirklich einen inneren Raum, der sich für die Beschäftigung mit sonst nur schwer fassbaren Themen eignet. Nur besitzt eine gut erfundene Geschichte dafür eigene Leerstellen und wird bei einer ungeschickten Neuinterpretation nicht nur verfälscht, sondern über ihre Belastbarkeit hinaus missbraucht.

Das ist nun der Vorteil von Biographien. Die haben keinen primären Autor/keine primäre Autorin, die haben nur eine allgemein bekannte Geschichte und eine interpretierende, sekundäre Autorin/einen Autor mit neuen zusätzlichen Informationen (und die französischen PhilosophInnen, die behauptet haben, zwischen beiden gäbe es keinen Unterschied, nur weil es Gemeinsamkeiten gibt und auch die interpretierende Autorin subjektiv arbeitet und die von ihr geschilderte Welt erfindet, hatten durch und durch Unrecht und sind Mitschuld an „alternativen Fakten“. Es gibt natürlich viele wunderbare wilde Mischformen, aber die präsentieren sich in meinen Augen eher als etwas angreifbar Neues als als angeblich dringend nötige Revision. Und die sind hier gerade auch nicht Thema).

Der Autor einer Biographie versteht die von ihm geschilderte Person und ihre Zeit nicht zwangsläufig besser als wir selber. Wir sind als LeserInnen also gleichberechtigter. Und da es nicht um Kunst geht, können wir uns einerseits ganz auf die Geschichte der besonderen portraitierten Person konzentrieren und uns über dramaturgische oder stilistische Einfälle als einen kleinen Bonus freuen.

Diese Pluspunkte wiegen die Vorzüge von Fiktionen nicht auf, die ich beinahe immer vorziehen würde. Ich habe faktisch auch nur sehr wenig ausgewachsene Biographien gelesen. Aber die behandelten in der Regel die gleichen zwei, drei Gestalten.

Und diese bizarr spezialisierte Lektüre hat gerade in Krisenzeiten einen besonderen Reiz (wenn auch genüg Zeit für Fiktionen bleibt, und hier und da vielleicht auch für „Die Sendung mit der Maus“).

 

(wird fortgesetzt. Die beste neue Geschichte dieses Frühlings ist immer noch „Sofabanditen“ von Judith Kleinschmidt, erschienen bei Beltz+Gelberg)

 

 

02.03.2021 Biographie: Ein Spielfilm

Jetzt sprießt der Frühling, sonnig und ansteckend. Und ich fühle mich unfassbar alt und dumm, nachdem ich mich dabei ertappt habe, hochinteressiert die Rezensionen zu einer neuen John Lennon – Biographie zu verfolgen. Haben wir keine anderen Sorgen? Ich bin mir nicht sicher.

Mit John Lennon ist in den letzten vierzig Jahren wenig Neues passiert (und das mit der Auferstehung zu Ostern wird wahrscheinlich wieder nicht klappen), die rastlose Fanforschung hat seit etwa dreißig Jahren keine nennenswerte Neuigkeit zu Tage gefördert (bis auf: immer mehr Frauen. Nicht nur endlose kurze Episoden, sondern auch haufenweise ausgewachsene Affären. Es ist beinahe so, als würde ein rolliger Lennon zwischen zwei neuen Biographen mit einer Zeitmaschine die 60er immer noch einmal neu aufmischen), die unbekannten Schätze im Werk sind auch schon seit mindestens 25 Jahren gehoben (außer, es gibt noch ein paar wirklich geheime Tresore, die Yoko trotz all ihrer Begeisterung für neue Veröffentlichungen durch Drachen oder dreiköpfige Hunde schützen lässt).

Ich brauche keine neuen Informationen über Lennons Leben (sein Werk steht auf einem anderen Blatt), ich rechne nicht mit neuen Informationen in neuen Büchern, ich denke, wenn nicht gerade neue Biographien an der Tür kratzen, nie über Lennons Leben nach, ich habe zu Biographien ein ziemlich zwiespältiges Verhältnis,– warum muss ich mich also mit Gewalt davon abhalten, gierig zuzuschlagen und die neuen Bücher (es sind tatsächlich zwei bis drei) für teuer Geld zu verschlingen?

Warum liest überhaupt jemand Dutzende von Büchern über ein mehr als ausreichend erforschtes fremdes Leben?

Dieses ziemlich bizarre Phänomen hat vermutlich ähnliche Gründe wie die derzeitige Louis de Funes – Begeisterung in Frankreich, die weltweite Renaissance von „Friends“ und sehr viel Brecht in weniger kommerziellen Streaming – Angeboten.

Bevor wir uns das näher anschauen, müssen wir hart und gerecht die immer beliebteren Filmbiographien als Sonderthema abwatschen und ausklammern (unter Vernachlässigung der populären Filmmusicals über Popstars der 1970er, die noch einmal auf einem anderen Blatt stehen,- und vielleicht eher ein nostalgisches update des früheren Plattenhören plus Fanzeitschriftenlesen darstellen).

 

Kurz vor Corona kam der amerikanische Spielfilm „Shirley“ in die Welt (Buch: Sarah Gubbins, nach einem Roman von Susan Scarf Merrell, siehe unten, Regie: Josephine Decker), in dem Elisabeth Moss die amerikanische Schriftstellerin Shirley Jackson verkörpert.  

Jackson ist vor allem bekannt für ihre Kurzgeschichte „Die Lotterie“ (1948) (über eine böse Lotterie, ohne Tipps fürs Glücksspiel, wie es der wütende Homer Simpson aus den Nachrichten erfährt), die für Nordamerika eine ähnliche Rolle erfüllt wie für uns „Andorra“ oder „Der Besuch der alten Dame“, sowie für ihr stilvolles Gruselbuch „Spuk in Hill House“ (1959).

„Shirley“ erzählt von einem jungen Akademikerpaar (Rose und.. Nichtrose), das es im herbstlichen Amerika der Nachkriegszeit an ein entlegenes Frauencollege verschlägt. Neben dem College leben der Dozent Stanley Hyman und seine morbide Geschichten schreibende Frau Shirley Jackson wie die Addams Family ohne Familie. Sie laden sich unser junges Paar ein und verstricken es in undurchschaubare psychosexuelle Spielchen. Unsere Heldin Rose grübelt mit uns darüber nach, was Shirley wohl bei ihrem Ehemann hält, der pausenlos mit den meisten Dozentinnen und Studentinnen vor Ort schläft und ansonsten ein prätentiöser Dummbatz ist. Und ob in ihrer neuen, besitzergreifenden Freundin nicht vielleicht eigenartige psychische Kräfte wirken.

Ich hab` den Film nicht zu Ende gesehen, auch wenn die prächtigen Matschfarben und das generelle verdruckste Schwelgen in unterdrückten Nachkriegsperversionen tatsächlich sehr großes Kino sind und Moss schepp grinsen kann wie niemand sonst. Aber, nach allem, was ich gehört habe, überrascht der Film auch zum Schluss nicht mit einer Tortenschlacht oder einem Stepwettbewerb, sondern schlägt diese lustvoll sonoren Töne immer wieder aufs Neue an, bis er irgendwann vorbei ist.

Wo liegt das Problem?

Ignorieren wir mal großzügig, dass Shirleys Freundin Rose natürlich genau so erfunden ist wie ihr Ehemann, und dass Shirley Jackson ihr Interesse an psychischen Abgründen sehr früh sehr offen und offensiv verfolgt hat, dann bleibt als, kleiner, Stein im Schuh:  

Die echte Shirley Jackson hatte mit ihrem Mann vier Kinder. Vier. Ihren kommerziellen Durchbruch verdankte sie zwei humoristischen Büchern über ihr Leben als Mutter (sie hat dieses Genre mindestens mitbegründet), und deren schmunzelige Titel „Life with the Savages“ und „Raising Demons“ sind nicht ausschließlich ironisch gemeint: Wie alle guten Horror – Autoren hatte Jackson eine Theorie zur Entstehung des Bösen, und in ihrem Werk entsteht es wenigstens teilweise aus den Verdrehungen, die abwesende oder lieblose Mütter bei ihren Kindern hinterlassen. Viele ihrer besten Geschichten, darunter „Die Lotterie“, beschreiben eine grausame und korrumpierende Welt aus erschrockener Kinderperspektive. Immer wieder wurden seit Jacksons Tod Briefe und Teile von Briefen und Aufzeichnungen veröffentlicht, in denen sie unmissverständlich schreibt, dass die Kinder der Grund für das Festhalten an ihrer Ehe sind.

Das ist das Problem mit Filmbiographien.

Wenn ausgerechnet Gundermann in seinem Biopic zum chaotischen Knuffel wird und ausgerechnet Marlene Dietrich zur Liebhaberin der deutschen Wehrmacht, sind das sicherlich theoretisch noch dickere Klöpse, aber diese Verfälschungen, so unangenehm sie auch sind (nein, keine Totalitarismustheorie), tragen ihr politisches Programm unmissverständlich vor sich her. Die werden ausdrücklich für ihre verbogene, „versöhnliche“ Haltung gemacht und gefördert und gesehen und gemocht, die historische Figur ist da nur ein narratives Alibi, und jede und jeder weiß es, mindestens insgeheim.

Aber wer hält bitteschön Aktien an der unglücklichen Ehe von Shirley Jackson?

Wer unbedingt eine Biographie über eine kinderlose unheimliche Autorin in Nachkriegsdekors drehen will, kann sich ja bspw. an die Jubilarin Patricia Highsmith halten (die hat sogar verbürgt junge Akademikerinnen verführt). Haben da irgendwelche Erben dazwischengefunkt? Oder ging es darum, welcher Schullektürenautorin Moss am Ähnlichsten sieht? Ich befürchte ja, „Shirley“, der Film, versucht vor allem, am überraschenden Erfolg der (sehr) freien Verfilmung von „Spuk in Hill House“ teilzuhaben, die Mike Flanagan bei Netflix gelungen ist.

„Shirley“ ist, wie im Pressematerial betont wird, ein Werk der Fiktion und eine Romanverfilmung. Ich bin mir sicher, dass im Roman, ich kenne ihn nicht, ein konziser künstlerischer Plan steckt (und vielleicht sogar die im Film rausgekürzte Kinderschar).  Aber „Amadeus“ ist die Verfilmung einer semi- experimentellen Theaterfantasie, und das schert ja auch niemanden. „Amadeus“ projiziert u.a. die Rivalität unter zwei stückeschreibenden Brüdern auf die verbürgte Freundschaft zwischen zwei toten Musikern und ist, wie auch in diesem Fall von offizieller Seite überall betont wird, selbstverständlich KEINE Biographie. Aber nicht nur wird der Film in jeder Fernsehzeitschrift als „Biographisches Drama“, „Künstlerportrait“ oder „Musikerbiographie“ angekündigt – und nie als „Theaterverfilmung“- , auch in der Schule wird er selbstverständlich als Mozartbiographie gezeigt.

Andere Filme, gerne aus Deutschland, spekulieren direkt auf die Schulen und verrühren Leben, Wirken und Legende von deutschsprachigen Schlüsselfiguren der Zeitgeschichte so gedankenlos gründlich, dass beides im knapp bemessenen schulischen Rahmen behandelt werden kann und eine Auseinandersetzungen mit den Filmen an sich im knapp bemessenen schulischen Rahmen nicht möglich ist. Bedeutende Männer werden darin von Ulrich Noethen oder Ulrich Tukur dargestellt (außer, Lars Eidinger hat Bock), bedeutende Frauen von Heike Makatsch oder Franke Potente (außer, Lars Eidinger hat Bock).

Dokumentarische Filmbiographien sind in meinen Augen dagegen großartig, wenn sie sich als kluge Collage verstehen und sich mal mehr, mal weniger eng an bestimmte Aspekte einer Person oder ihrer Zeit anschmiegen.

Biographien in Spielfilmform kokettieren im Unterschied dazu damit, eine Person als "wichtig" auszurufen, um ihre erdrückende ausgerufene Bedeutung gleichzeitig zu relativieren und spielerisch ins Ungefähre alternativer Fakten zu rücken. Es geht offensichtlich darum, im gleichen Moment ein Denkmal zu bauen, es mit albernen Schnurrbärten zu verschandeln und auf Augenhöhe herunterzuholen. Bei einer Filmbiographie wird den MacherInnen ein Mehr an Wissen zugestanden, das sie dazu berechtigt, unter dem Schutzmantel des Historischen ungestört (und viel ungestörter als bei einem offen fiktiven Film) konsequenzenlos in ein paar Lieblingsthemen herumzuplantschen. Und das Publikum gönnt sich, wo es schon brav im Film seine historische Lektion lernt, mehr Identifikation und kulinarischen Filmgenuss als üblicherweise (manche Menschen können ihre Freude an Licht, Farbe, Erotilk und Romantik in einem Film erst dann zugeben, wenn sie beschwingt aus einer Biographie über das tragische Leben von Frida Kahlo hüpfen). Mehr ist in der vergleichsweise kurzen Laufzeit eines Films vermutlich nicht aus einem Lebenslauf herauszuholen (und wenn dieses Spiel nicht von allen manchmal so furchterregend ernst genommen werden würde, wäre dagegen nicht einmal etwas zu sagen). 

Lebensläufe sind nicht spielfilmtauglich, und das beinahe unabhängig von der schwierigen Frage nach fiktionalisierten Tatsachen (dass sie, gerade wegen ihrer schnellen Verkürzungen und ihrer einfachen emotionalenLadungen zu den wenigen im großen Stil übriggebliebenen Spielfilmgenres gehören, ist eine ironische Fußbote).

Selbst die dramatischsten Lebensläufe sind dramaturgisch unbefriedigend, selbst die schlüssigsten beweisen zu wenig. Lang andauernde Entwicklungsprozesse lassen sich nicht in 1 ½ Stunden schildern, ohne dass im besten Fall eine außergewöhnlich hektische Seifenoper dabei herauskommt (nein, auch 2 ½ Stunden reichen nicht aus). Selbst das prallste Leben besteht, individuell betrachtet, vor allem aus individueller Reflektion, die sich schlecht in pointierte Filmszenen umsetzen lässt (das beleibte besondere Ereignis als Rahmenhandlung - Steve Jobbs stellt Windows 95 vor o.ä.- ist eine durchschaubare Notlösung), sobald die tatsächlich einen individuellen Charakter jenseits konkreter Situationen zeigen sollen (wenn es denn so etwas  gibt). 

Kurz gesagt: Filmbiographien müssen scheitern, häufig tun sie nicht einmal das.

Aber wie sieht es mit Biographien in Buchform aus?

(wird forgesetzt, und "Sofabanditen" von Judith Kleinschmidt bleibt das Buch der Saison)

 

22.02. 2021 Parallele Welten

(In diesem bisher weitgehend verfluchten neuen Jahr erst einmal die viel zu persönlichen, aber überfälligen Grüße, Danksagungen und Hinweise aus dem Weg schaffen:

Diese Website ist wieder online, was einmal mehr dem geheimnisvollen und geduldigen Webmaster Metty Mu zu verdanken ist. Und sie hat immer noch keine tags oder embedded audios oder ähnliche  Sperenzien aus dem 21. Jahrhundert, weil ich mit sowas auf Metty warten will, und der ist immer beschäftigt und/oder glaubt mir nicht, dass ihn dafür nicht mit einem Kuchen bezahlen würde. Umgekehrt bin ich ein bisschen g`schamig und renne ihm nicht so nachdrücklich hinterher wie nötig, weil ich ihm vielleicht doch viel, viel weniger bezahlen würde als er es gewohnt ist (und als er Wert ist ohnehin), und ich nicht einmal backen kann.

Weiter: Bei dem jungehrwürdigen Verlag Beltz & Gelberg ist einmal mehr ein hervorragendes Buch erschienen, dieses hier aber heißt „Sofabanditen oder Die verrückte Befreiung der Hühner“, und der Name ist Programm. Geschrieben hat das Buch Judith Kleinschmidt. Jeder erwachsene Mensch braucht ja mindestens zwei Kinderbücher in Kissennähe, und die „Sofabanditen“ bieten sich an (zur Not auch zweimal). In klarer, sacht und vollendet verrutschter Sprache wird folgerichtig anhand einer packenden Geschichte von vielen meist verschwiegenen Tabuthemen – Umzüge aus Kindersicht, Schafe am Steuer – erzählt. Die charmante Lakonie, der abgeklärt herzliche Blick auf Tiere und Menschen und die penibel aufbereiteten Einsprengel von folgerichtigem, beglückenden Wahnsinn machen das Buch zu einem kleinen Knaller, aus dem Erwachsene sicher viel lernen können (Kinder brauchen es sowieso). Ich habe mit dem Buch nicht das Geringste zu tun (ich habe mit den allerallermeisten Büchern nicht das Geringste zu tun, aber anders). Streng genommen würde es meinem beruflichen und privaten Leben (und meinem neidzerfressenen Ego sowieso) vermutlich sogar nützen, wenn dieses großartige Buch KEIN Erfolg würde. Aber ich kann mich der objektiven Wahrheit einfach nicht verschließen: Alle sollten das lesen (und dass die Autorin diese Website gezeichnet hat und  ich mit ihr zur Zeit die „Der Dünne Mann“ – Filme schaue, hat damit nichts zu tun)).

 

Weiter im Text: Dass das Sein das Bewusstsein bestimme, lässt sich kaum noch unironisch schreiben, denn der Gedanke wird viel zu oft herangezogen und meist im falschen Kontext. Mache ich aber jetzt auch:

„Seit Corona“ war ich dreimal im Kino (in der Öffnungsphase um den Sommer herum, falls sich noch jemand erinnert). Einmal war ich alleine im Saal, das zählt also nicht (es war der beste Film der drei, „Gretel und Hänsel“).

Einmal war ich in einem Kino um die Ecke in Mittelhessen, am ersten Wochenende von „Undine“. Familienbetrieb, früher kommerziell, mittlerweile so etwas wie ein Arthousekino mit süßem Popcorn und Samstagabendflair und voll Erinnerungen an James Bond. Ganz sicher schon länger nicht gerade eine Goldgrube, und die Kartenverkäuferin kannte Kubrick.

Bei ihr musste ich eine Anwesenheitsliste ausfüllen, bekam eine Platzkarte und musste mir auf dem Weg zu diesem Platz zweimal die Hände desinfizieren. Ich saß alleine in einer Reihe, die Reihe vor mir war leer, hinter mir war der Mittelgang. Als ein Paar mit mir den Platz tauschen wollte, kam die Kartenverkäuferin (und Mitbesitzerin) und rechnete die Virenlogistik durch, bevor sie uns neu verteilte. Alle trugen Masken. Auf Werbung wurde wegen der Ausbreitungsmodelle für geschlossene Räume weitestgehend verzichtet. Die Luft war sauber und surrte, entweder ein Luftfilter oder einfach eine gute Klimaanlge.

Es war ein bisschen gespenstisch, aber das gab dem Ganzen einen gewissen Kick, und ich fühlte mich immerhin so virengeschützt, wie es nur geht.

 

Ein paar Wochen darauf schaute ich mir in Berlin „Tenet“ an. Im Kino einer Arthousekette, die in den letzten Jahren expandiert ist und die meisten unabhängigen Kinos aufgekauft hat. Es gibt salziges Popcorn und die Kinos verwenden ausschließlich grünen Strom, wie vor jedem Film zu beschwingter Musik stolz eingeblendet wird (gute Sache, keine Frage). Es gab keine Anmeldelisten, keine Platzkarten und eine runde halbe Stunde Werbung. Die Maskenpflicht wurde unerschrocken individuell ausgelegt. Es wurden ein paar Plätze freigelassen, weswegen keine Fremden näher als siebzig Zentimeter nebeneinander saßen, aber das Hinterteinander oder Durcheinander interessierte niemanden, und Freundesgruppen, die sich sehr laut sehr lange nicht gesehen hatten, knäulten sich dicht gedrängt und natürlich ohne Maske über Sitze und Doppelsitze hinweg.

Da „Tenet“ sehr viel Krach macht und auch darum schwer verständlich ist, brüllten Menschen einander über 2 ½ Stunden hinweg permanent Erklärungen und Fragen zu. Nach der ersten Stunde dampfte der Raum vor Schweiß und Spucke. Vermutlich wäre eine Orgie in einem kleinlich zugeschnittenen Badehaus hygienischer gewesen (zumindest hätten dort vermutlich nicht ständig ohrenbetäubend Helikopter in Surroundsound gerattert).

In beiden Kinos hingen weitgehend identische Plakate über das Coronavirus und die Möglichkeiten, es zu stoppen. Beide Kinos haben auf späteren Plakaten ihre Enttäuschung darüber deutlich gemacht, dass sie im Herbst erneut schließen mussten. Nach eigener Aussage haben beide Kinos Konzepte zum Virenschutz erarbeitet und umgesetzt.

Von außen und offiziell besteht keinerlei Unterschied zwischen den Schutzmaßnahmen in den beiden Kinos, außer, dass sich das zweite Kino im Verein mit seiner Kette deutlich lauter und mauliger über seine Situation beschwert.

Solange niemand die Unterschiede zwischen diesen beiden Kinos auch nur benennen will, kann keine Diskussion ehrlich geführt werden.

Und das macht die Kommunikation über viele Themen zur Zeit so schwierig. Unabhängig von den Parolen der kurzsichtigen Lobbygruppen reden Menschen einfach nicht über die gleichen Erfahrungen.

Eine Maskenpflicht und eine Ausgangssperre bedeuten in Berlin etwas völlig anderes als in München.

Das Lüften und anschließende Heizungaufdrehen in Klassenzimmern setzt funktionierende Fenster und Heizungen voraus.

Ja, die Teenager drehen tatsächlich allmählich durch, und: ja, die Krankheit ist grauenhaft.

Der alltägliche Höflichkeitsabstand zwischen Passanten ist, wenn ich mich richtig erinnere, in Schweden auch ganz ohne Covid 19 doppelt so groß wie in Deutschland, und gesellschaftliche Regeln werden dort viel selbstverständlicher befolgt (nicht, dass das Schweden wirklich viel genützt hätte).

Und, um ein persönliches Fazit zu ziehen, ich liebe Kino und wünsche mir, dass das Kinosterben gestoppt wird (da gibt es ja verschiedene Konzepte). Aber als ich in „Undine“ gesessen habe, habe ich mich unfröhlich gefragt, ob dieser Kinobesuch im Zweifelsfall tatsächlich eine Krankheit für mich oder mein Umfeld Wert wäre. Bei „Tenet“ war ich mir dagegen sicher: ein Tod wegen Kinobesuch wäre ein legitimer Anwärter auf den „Darwin – Award“.

Und das ist möglicherweise eine Metapher.

 

05.01. 2021: Dürrenmatt als Badewannenlektüre

Vorneweg: Lektüre in der Badewanne erfordert einen ausreichend breiten Badewannenrand, mindestens ein (kleines) Handtuch zum wiederholten Abtrocknen der Hände und genügend Selbstdisziplin, um mit keiner Hand gedankenverloren im Wasser herumzupatschen. Bei einem ergänzenden kühlen Getränk (auf dem Badewannenrand im angemessenen Abstand zu Handtuch und Ablageplatz des Buches, am Besten ein weiteres Handtuch, für den Fall, dass es nötig ist, an den Amaturen herumzuschalten oder im Wasser herumzuplatschen) ist von alkoholischen Getränken abzuraten, auch das Rauchen von Zigaretten oder Zigarren (eine Obsession meiner Generation, der „Generation Colt Seavers“) kann selbst einen robusten Kreislauf bedrohlich überfordern. Geliehene Bücher sollen selbstverständlich nicht in die Badewanne mitgenommen werden, das gebietet der Anstand, außer sie stammen aus öffentlichen Bibliotheken, sind wasserabweisend in Plastik eingeschlagen, werden wie ein wasserempfindliches rohes Ei behandelt und anschließend (behutsam!) mit Sagrotan o.ä. eingesprüht und nach dem Baden/ der Lektüre/dem Einsprühen in die Nähe einer nicht zu heißen Heizung abgelegt. .

Welche Werke von Dürrenmatt eignen sich für die Badewannenlektüre?

Alle Theaterstücke, bis auf die schwerfälligen und untypischen ersten beiden, „Es steht geschrieben“ und „Der Blinde“ (der Autor hat sie selber für Aufführungen sperren lassen), die als reine Lektüre etwas abstrakten Bearbeitungen „Play Strindberg“, „Urfaust“ und „Woyzeck“, und das letzte, „Achterloo“ (gibt es in verschiedenen Versionen, die römisch durchnummeriert sind), ein abweisendes Durcheinander an Ideen. Es bleiben fünfzehn extrem lesbare, in verschiedenen Abstufungen ironische, pfiffige und packende Stücke (des größten deutschsprachigen Autors des letzten Jahrhunderts, um das mal kurz einzuwerfen). Wen „Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“ unüberwindbar an Schule erinnern, sollte um sie erst einmal einen Bogen machen und sich an bisher unbekannte Stücke halten („Herkules und der Stall des Augias“ kennt z.B. kaum noch jemand, und es liest sich recht flott).

Im Zeitraum zwischen Einlassen des Wassers und halbangezogenem Herumlungern sollte ein Stück von Dürrenmatt zu bewältigen sein, aber natürlich hängt das konkret von Werk, Lesegeschwindigkeit und Tagesform ab (die bittere – und ziemlich grässliche – Parabel „Der Mitmacher“, bei Erscheinen ein fulminanter Flop, - liest sich nicht ganz so süffig wie die vergleichsweise fröhliche pazifistische Satire „Romulus der Große“).

Ebenfalls beinahe perfekt: die Hörspiele. Alle. Sind dazu auch noch ein bisschen kürzer.

Theoretisch gut geeignet: Die ausufernden, pointensatt über Stock und Stein hinweg schwadronierenden Interviews. Lieferbar nur noch in der vierbändigen Ausgabe von Heinz Ludwig Arnold, und die gehört nun wirklich nicht in die Badewanne.

Möglich, aber nur bedingt zu empfehlen: die „Prosakomödie“ (vulgo: der Unterhaltungsroman) „Grieche sucht Griechin“,- auf dessen problematische und ärgerliche Seiten einzugehen, würde den Spaß verderben, den der Stoff bieten kann. Darum: Auf etwas andere Art verstörend als alle anderen Sachen von Dürrenmatt.

Ambivalent: Prosa.  Mit der Ausnahme des „Verdachts“ (großartig, aber ungewöhnlich hastig und unförmig) und der beiden Anti – Kriminalromane „Der Richter und sein Henker“ und „Das Versprechen“ (beide untypisch freudlos) ist die übrige Prosa im Grunde für die Badewanne vollkommen ungeeignet (und nicht zuletzt deswegen umstritten). Die Schachtelsätze und Gedankensprünge erschweren es alleine schon, im Dampf und ohne feste Unterlage die richtige Zeile zu finden. Diese Mischformen aus Erzählen, Essays und Autobiographischem eignen sich vermutlich hervorragend für eine Lektüre am Kamin (aber extra einen bauen zu lassen, ist vielleicht übertrieben, und ein Sternenhimmel und/oder fliegende Blätter im Fenster tun es auch (kann in der Großstadt auch dazu imaginiert werden, wenn es annähernd ruhig genug zum Lesen ist).

Dürrenmatts Werk handelt, in etwa wie in der Schule besprochen, nur durchtriebener und lustiger, auf grotesk pittoreske Art von der Korrumpierbarkeit der Welt, von der Frage nach dem Guten und dem Bösen und von gesellschaftlichen Zwängen. Der späte Dürrenmatt ist im Grunde ein postmoderner Philosoph, der sich an entsprechenden Gedanken versucht, aber den übergehen wir wegen Badeuntauglichkeit gerade fürs Erste (disclosure: der „Diogenes“- Verlag hat zu Dürrenmatts hundertsten Geburtstag umfangreiche Auszüge aus Dürrenmatts nachgelassener Prosa gemeinsam mit zwei bereits zu Lebzeiten veröffentlichten Bänden und einem offensichtlich ebenfalls umfangreichen Essay von Daniel Kehlmann zu einem sündhaft teuren Preis herausgebracht. Erinnert mich ein wenig an diese Sammlereditionen klassischer Popmusik, bei denen die frisch geborgene Archivschätze nur zusammen mit seltenen Abmischungen von Alben, die jeder Fan schon zweimal im Regal stehen hat, und Bildbänden, die kein Mensch braucht, zu erwerben sind. Entsprechend schlecht bin ich momentan auf das Spätwerk zu sprechen. Vor ein paar Monaten ist aber auch eine Biographie von Ulrich Weber erschienen, die sehr erhellend, sehr gut geschrieben und ungewöhnlich clever strukturiert ist, - und dazu auch noch sehr gut riecht).  

Ja, Dürrenmatt war ein bildungsbürgerlicher Humanist (gerade bösartig genug, um Bosheit zu verstehen) und ein alter weißer Mann. Sein Frauenbild ist ziemlich schlimm. Seine eindrücklichsten Frauen sind grausame Göttinnen, das ist besser als nichts. Andere sind Engel oder stören Männer bei der Arbeit. Dürrenmatt ist sich dieses Problems, wie all seiner Macken, mehr als bewusst. Und im tendenziell feministisch gemeinten Spätwerk tauchen dann Frauen auf, die GLEICHZEITIG Todesgöttinnen, Engel und Störende sind. Je nun. Dürrenmatt liebt Außenseiter und Minderheiten, aber beschreibt sie als Exoten. Es tauchen im Gesamtwerk vielleicht zwei, drei positive Figuren unter den Hundertschaften von Karikaturen auf (selbst Kommissär Bärlach ist ursprünglich ziemlich unangenehm) und dann noch ein paar sympathische Verlierer, die von der Geschichte und den Geschichten zermalmt werden. Dürrenmatts politische Ansichten sind größtenteils zu sehr ihrer Zeit verhaftet, um in die Gegenwart übersetzt werden zu können. Ein wichtiges Anliegen war ihm das ebenso kritische wie deutliche Eintreten für Israel und für wechselseitige Toleranz im Nahen Osten, das mich als Teenager zum Nachdenken gebracht hat.

Ich musste (und wollte) als Teenager recht häufig baden. Glücklicherweise fiel mir Dürrenmatt in die Hände (ursprünglich in Einzelbänden aus der Stadtbibliothek. Ich habe nicht einen jemals ins Wasser fallen lassen. Sie sahen immer aus wie neu, außer ein Vor-Leser hatte mit rotem Kuli alle Witze unterkringelt o.ä.). Ich kann das nur weiterempfehlen (ich hatte bis zum Erscheinen der oben erwähnten verfluchten Prachtbände irgendwann alles Veröffentlichte gelesen).

Zum nächsten runden Geburtstag erscheint dann hoffentlich bei Diogenes ein tonnenschweres und verblüffend günstiges Lesebuch auf wasserfestem Papier.

 

 

29.12.2020:2020:etwas draufgehauen

Nein, nichts ist lustig und alle sind betroffen, und genau deswegen darf die entnervte Frage an die Realität sein: Geht es nicht eine Nummer eleganter? Näher am Leben, sozusagen? Die Entwicklungen der letzten Monate und Tage würden aus jedem erfundenen Stoff herausgestrichen werden, und das heißt nun nicht, dass „die Realität“ wilder wäre als „die Fiktion“, denn wir gestalten ja beides und beides nicht im luftleeren Raum und ohne Einschränkungen. Es bedeutet also eher, dass wir beides derzeit auf unterschiedliche Art suboptimal gestalten.

Die Pandemie hat als Metapher vermutlich nie etwas getaugt. Das geht schon bei den Symptomen los: COVID 19 (oder heißt es mittlerweile „19/20“?) geht auf Lunge und Geschmackssinn und verursacht Fieber. Der Verlust aller Sinne schrammt in dem apokalyptisch erotischen Film „perfect sense“ (2011)  als Grundeinfall bereits knapp am getragenen Kitsch vorbei ( trotzdem oder gerade deswegen ein toller Film, meiner Meinung nach), aber die Unfähigkeit zum Atmen und Schmecken erinnert dann an westdeutschen Nachkriegssymbolismus

(DER FREMDE: Verrat` mir, Beckmann: woran erkennst du deine Krankheit?

BECKMANN: Ich atme nichts als Asche ein. Ich frage dich, Fremder:

                        Ist denn die Luft kaputt? Oder nur meine Lunge?

DER FREMDE: Überlass die Fragerei den Toten, Beckmann!

                          Und nun sag du mir: Was noch ist krank in dir?

BECKMANN: Ich schmecke nichts mehr, Fremder.

                        Und alles schmeckt nach Leichen.

(… und beim Fieber sind wir dann nicht noch einmal.)),

in Zusammenhang mit Schnupfen, trockenem Husten und dem sich angeblich Desinfektionsmittel spritzenden US – Präsidenten, der eigentlich damit beschäftigt ist, ausländische Geheimdienste auf innenpolitische Gegner anzusetzen, landen wir bei einem Stück von Dürrenmatt aus den frühen 1960ern, das Reich – Ranicki als „zu grotesk“ und als latent religiös abgewatscht hätte. Ebenfalls eine typische Dürrenmattfigur ist der glücklose Ministerpräsident, der sich unter Druck der Wirtschaft mit Blick auf die Kanzlerschaft lautstark für Lockerungen einsetzt und dann später als begossener Pudel verzweifelt versucht, seinen Kopf dafür aus der Schlinge zu ziehen (bei Dürrenmatt würde er entweder vom Lobbypräsidenten der Bademodenhersteller erschossen werden, was er auch nicht verdient hätte, oder jede Nacht heimlich mit dem konkurrierenden strengen Ministerpräsidenten im Süden die gemeinsame Strategie absprechen, eine Wiederwahl ihrer Partei zu verhindern).

Mit der „Clubszene“, die in Berlin dadurch Sympathien sammeln will, dass sie sich mit Hunderten von vollbesetzten Schlauchbooten am Sonntagnachmittag vor einer Intensivstation die Bässe aufdreht (und dabei mit der Polizei auf dem Wasser Räuber und Gendarm spielt), sind wir dann bei den „Simpsons“ gelandet. Die „Corona – Skeptiker“, die ohne Masken eine Polonaise durch einen engen Supermarkt veranstalten und dabei „Ein bisschen SARS muss sein!“ singen, sind dann bereits „South Park“ (auch wenn die USA zumindest von diesem Lied bisher verschont geblieben sind).

Zum Glück gab es in diesem Jahr aber nicht nur Corona, und darum eine kleine subjektive Tippsammlung (das bedeutet: sehr viel ichs in einem Satz, aber deswegen hier und da bspw. auf „Hugo“ auszuweichen, wäre ja noch viel eitler):

Bestes Buch (Fiktion): „Gästebuch“ von Leanne Shapton. Ein hinterhältiges „coffee table“ – Buch zum Herumblättern. Fotos, Notizen, kurze Texte, die indirekt verhaltene und verstörende Geistergeschichten andeuten, bzw. sich nachdenklich darüber amüsieren, wie und wieso wir uns selber Geistergeschichten erzählen. Shapton hat sich schon vorher in neuen indirekten Formen der Fiktion und Autofiktion versucht (am Bekanntesten und sehr gelungen ist wohl ihr Band mit Skizzen der wichtigsten Kleider in ihrem Leben, plus knapper, hintergründiger Anmerkungen), aber dieses Werk (obwohl nicht einmal unbedingt durchgängig gut, ein bisschen sehr gewollt und höchstens halb so clever, wie es gerne wäre) besitzt nicht nur ein kluges Konzept, sondern Herz und Hirn und buchstabiert die Möglichkeiten dieser Art von Literatur gründlich und neuartig aus.  

Bester Comic: „Minnie Maus: Tante Mirandas Geheimnis“ von Cosey, das ich für www.comicgate.de rezensieren durfte (ohne für diese externe Seite verantwortlich zu sein).

Bestes Buch (Sachbuch): „Im Unterland“ von Robert Macfarlane, eine Natur – und Kulturgeschichte alles Unterirdischen (außer Castingshows), von Katakomben und Fuchsbauten, im Wald, in der Kunst und im Mythos. Ein Schmöker an der Schnittstelle zwischen flottem populärwissenschaftlichen Kuriositätenkabinett und bohrendem Essay.

Beste Serie (zum Alleinegucken. Zum Gemeinsamgucken gab es dieses Jahr eher Oldies, siehe „Bester Song“): „Devs“ von Alex Garland. So deutlich hat sich bisher noch keine andere Serie als eine Art Wandelhalle für eigene Überlegungen angeboten. Dieser melancholische Science Fiction – Thriller ist sehr langsam und leer, dabei toll anzuschauen und voller interessanter Eindrücke und kluger Halbgedanken. Hervorragend geeignet für schlaflose Pandemienächte (und speziell dafür berückend clean und mit völlig anderen Katastrophen beschäftigt).

Bester Film „Der Unsichtbare“ von Leigh Whannell. Spoilerwarnung.

Bester Song: „Cardigan“ von Taylor Swift. Es ist seltsam: Ich bin sicher nicht der Einzige, der dieses Jahr vor allem Altes und Vertrautes gehört hat (und Meeresgeräusche, Meeresgeräusche sind es einfach). Ich habe keinen besonderen Bezug zur Popdiva Taylor Swift (wenn ich etwas von ihr höre, gefällt es mir allerdings meistens). Ich reagiere, vor allem als Folkliebhaber, milde allergisch darauf, wenn Softrock im Stil der 1970er als „Folk“ gehandelt wird (auch wenn er mir nur selten auf die Nerven fällt).

Und, um ein wohlgehütetes Geheimnis zu enthüllen: Ich habe auffallend wenig Ähnlichkeiten mit Swift und ein bei genauerem Hinsehen etwas anderes Leben geführt. Warum also erwischt mich ihr im Frühjahr veröffentlichter Song „Cardigan“ (nur ein Lied in ihren BEIDEN seit dem Frühjahr herausgekommenen „Folk“ – Alben) so, dass ich ihn a) nach einem halben Jahr Abstinenz immer noch im Ohr hatte (und ein paar Zeilen Text zusammenbekam), ihn b) seitdem theoretisch in Dauerschleife hören könnte, ohne, dass Hirn und Ohren implodieren würden (was ich mir aber nicht gestatte, denn was ist das bitte für ein Leben, das vollständig von einem Taylor Swift – Song ausgefüllt wird?). Dabei mag ich, als letzten gegen meine Begeisterung sprechenden Punkt, die quetschige Stimme in den Strophen nicht sonderlich (Björk ohne Björk, trap ohne trap, autotune ohne auto).

Was sagt uns das? Kunst ist Kunst, gerade bei einer Pop  Single.

Cardigan“ ist ein wehmütiger Rückblick auf ein zwischenmenschliches Irgendwas, der es trotz Midtempo und Überlänge fertigbringt, schwungvoll und patzig zu klingen und seine lakonische Traurigkeit in eine Art lustvolle Abgeklärtheit mit lässigem Piano zu verwandeln.

Aus der Niedergeschlagenheit wird Sinnlichkeit und Weisheit, aus der deprimierenden Episode im Rückblick trotz allem das funkelnde  Leben. In diesem Sinne uns allen ein großartiges 2021!

 

20.12.2020: Die falsche Fährte (Nein,ich bin kein "Tatort"- Hasser!, Teil 3)

Was bisher geschah: Schimanski gab`s auch mal.

Also gut, wo liegt das Problem? Der „Tatort“ besteht also aus okayen bis sehr guten Detektivfilmen. Seine Sonderstellung als Aushängeschild des deutschen Medienbetriebs ist vielleicht ein bisschen unpassend, aber im Vergleich zu Aushängeschildern wie VW oder Lufthansa ist er ein Schmuckstück und verschlingt kaum Steuern. Er mag als Kleinster gemeinsamer Nenner bundesrepublikanischer Kultur ein bisschen mau ausfallen, aber bspw. das Vereinigte Königsreich zahlt ja auch einen hohen Preis dafür, sich auf solch brillanten Quatsch wie „Doctor Who“ einigen zu können.

Ich schaue selber manchmal Wien, und immer Wiesbaden und Weimar (wenn auch meist mit Verspätung), also: was soll`s?

Das soll`s: Ich halte den üblichen Umgang des „Tatorts“ mit a) Fiktion und b) gesellschaftlichen Problemen für symptomatisch, problematisch und unangenehm.

Ganz kurz und verkürzt: Fiktionen haben es in Deutschland schwer. Erfundene Geschichten gelten prinzipiell als dumm und gefährlich. Der einzige Satz, der mir im Studium wirklich eingebläut wurde, war der absurdeste von allen: „Dokumentarfilm bedeutet Spielfilm plus dokumentarischer Mehrwert.“ Jeder flache kabarettistische Monolog gilt erst einmal als wertvoller als die beste satirische Erzählung. Und viele (nein, nicht alle) „unserer“ größten AutorInnen sind SatirikerInnen ohne größere Fabulierfreude. Wer Goethe, den offiziell größten deutschsprachigen Autor, wegen seiner Plots liest, hat Pech (Shakespeare WIRD wegen seiner Plots gelesen, und es ist niemandem peinlich). Eine unserer besten Lyrikerinnen will Gedichte als „Sachtexte“ eingeordnet wissen, und das aktuelle ernsthafte Theater setzt hierzulande auf Texte, -Monologe und Satzcollagen-, die ihren nichtfiktionalen Charakter betonen. Und, und auch das ist in unseren Breiten Lehrmeinung, die alten Mythen sind einst entstanden, weil die Menschen früher noch keine wissenschaftlichen Messgeräte, keine wissenschaftliche Logik und keine entsprechende Sprache hatten – heute wären das alles Artikel in „P.M.“

Populäre Fiktion ist dagegen offiziell erlaubt als Brausetablette, mit dessen Hilfe die bittere Medizin Information genießbar gemacht wird, und zeitgenössische Dramaturgie ist der lustige bunte Farbstoff aus Amerika, den alle verachten, aber alle für unverzichtbar halten (denn anderen Menschen wird grundsätzlich nichts zugetraut).

Ich könnte das seitenweise ausführen (die Langfassung gibt`s auf Anfrage), auf den „Tatort“ bezogen heißt das: Der „Tatort“ tut, als läge seine Aufgabe darin, von gesellschaftlichen heißen Eisen zu erzählen, während er genau das meist nur flüchtig, flach und herablassend tut, was er mit dem Verweis auf die dummen Gesetze der Fiktion entschuldigt.

Aber worin liegt dannn die echte Aufgabe des „Tatort“?

Im Grunde sind beinahe alle „Tatorte“ der letzten 25 Jahre „Tatorte“ mit Manfred Krug (indirekt, Krug selber macht sich seit seinem Ableben eher rar).

Die Stoever- Filme aus Hamburg bilden die Blaupause für das, was wir mittlerweile erwarten: zwei kabbelig- kumpelige ErmittlerInnen mit angedeuteten privaten Problemen finden sich bei den Untersuchungen zu einem Mord in einem ihnen neuen Milieu wieder und klären dort die aus persönlichen Motiven begangene Tat auf. Ein paar humoristische Kabinettstückchen und Hintergrundinfos zu einem dabei gestreiften gesellschaftlichen Problem lockern die Haupthandlung etwas auf, eine falsche Fährte weist den langen zweiten Akt der Geschichte hindurch auf eine verdächtige Person hin, die die Tat aus milieuspezifischen Gründen begangen haben könnte. Am Schluss stehen ein längeres Geständnis und ein kleiner Witz als Rausschmeißer.

Die beiden schon lange erfolgreichsten Teams beharren sehr deutlich auf diesem Modell, verschieben es allerdings entweder in Richtung Tragik (München) oder Komik (Münster). Hier und da wird dieses Muster von „Tatorten“ aufgebrochen oder unterlaufen, dabei entstehen dann „umstrittene“ oder „experimentelle“ Folgen.

Jetzt werden manche meinen, dass das geschilderte „Tatort“ – Grundkonzept nicht auf Stoever/Brockmöller zurückzuführen sei, sondern auf das vorangegangene Gespann Schimanski/Thanner. Ich wage da zu widersprechen: Die alten Schimanskis funktionieren zum Großteil entweder als Politthriller oder als Selbstjustizfilme und schrauben sich meist sogar ohne falsche Fährten einem fatalistischen Ende entgegen. Ausgerechnet am Schluss erlaubt sich diese schon früh humorvolle Subserie selten einen Witz, denn da sollen wir erschlagen über die Ungerechtigkeit der Gesellschaft nachdenken. Und die mehr oder weniger komischen Einlagen über die Unterschiede zwischen den Kommissaren Schimanski und Thanner basieren auf deren unterschiedlicher Weltanschauung und Haltung zu ihrem Beruf, nicht auf dem Aufeinanderprallen von persönlichen Ticks und Marotten.

Wer alt genug ist (sehr alt), der erinnert sich daran, wie manche Erwachsene mit unklarer linker Gesinnung und auf dem ersten Plateau einer akademischen Karriere (diese Kombination verband sie alle) in bierseliger Runde davon sprachen, wie gut ihnen der Schimanski täte. Beim Ansehen würden sie den ständigen Ärger auf Arbeit vergessen, und ihr älterer Untergebener oder ihr blöder Chef war ja genau wie Thanner. Die bildungsbürgerliche Funktionselite bezog nach den Flegeljahren nach und nach ihre Posten, verzweifelte an ihrer Rolle als Rädchen im Getriebe und flüchtete sich in ein geträumtes Selbstbild als Desperado und Stadtindianer (so wie sie als Studenten Italowestern für sich entdeckt hatten). Die Ähnlichkeit von Schimanskis Erlebnissen zu problematischeren Polizei – und schwer problematischen Selbstjustizfilmen fiel ihnen nicht auf (alle Filme von Clint Eastwood geben sich egalitär und anti – rassistisch), da sie so was gar nicht erst guckten, trotzdem blieb Schimanski eine Einzelerscheinung. Das war zu viel, das war zu viel Traum. Das funktionierte nicht einmal die Woche (und in einer veränderten Welt funktioniert der „Tatort“ als Racheaction gar nicht mehr, auch wenn Til Schweiger das nicht begreifen will). Genau so wenig wie es bei den erwähnten Vätern von FreundInnen funktionierte, gleichzeitig mit an der Macht und dagegen zu sein (als Martenstein noch nicht ganz so erschütternd Martenstein war, schilderte er das aus der Innensicht in einem wirklich interessanten Buch über das deutsche Fernsehen, „Das hat Folgen“, in dem Stoever auch schon von Schimanski abgeleitet wird).

 

Nach Schimanski, als unter anderem der Kapitalismus als unverzichtbar galt, die Grünen immer wichtigere Posten ergatterten und schließlich amerikanische Filmdramaturgie den deutschen Film eroberte (während sie auch weiterhin weitgehend angeekelt angesehen wurde), wurde der „Tatort“ beinahe unauffällig so umgebaut, dass sich der Schwerpunkt immer weiter weg vom Fall auf die ErmittlerInnen verlagerte.

Damit ging der „Tatort“ weit über die konservativen und klassischeren Befragungskrimis im ZDF hinaus, denen er ursprünglich ausdrücklich einmal mehr Milieu und kleine Leute hatte entgegensetzen wollen.

Damit ließ er auch die amerikanischen Fernsehkrimis hinter sich, von denen er sich das ständige Gewitzel abschaute (wogegen ich gar nichts sagen möchte): in ihnen ging es tatsächlich in erster Linie um Heldenfiguren, die immer neue Probleme auf eine bestimmte Art des Heldseins und immer neue Fälle durch eine bestimmte Art des Durchblickens lösten. Diese Serien zählten in der Regel nur 45 Minuten pro Folge (Ausnahmen wie Columbo waren dann theaterhafte Duelle zwischen zwei gleichstarken Gegnern), und wenn sie von PolizistInnen handelten, verhandelten sie immer die Institution Polizei. Genau das machte der „Tatort“ nach Schimanski gar nicht mehr.

Was macht er? Er sagt uns, dass wir in Ordnung sind.

Der „Tatort“ ist die Selbstversicherung des bürgerlichen Deutschlands (und dem prekären Deutschland, das sich ihm unverdrossen zurechnet), immer noch okay zu sein und sich trotz aller Macken und Müdigkeiten noch immer permanent neuen gesellschaftlichen Problemen stellen zu können – die im Grunde keine Rolle spielen.

Wenn es einen „Tatort“ zur Coronakrise gäbe, hätte die Ermittlerfigur erst einen Beziehungskrach und Ärger im Büro und würde dann zu einem Mord gerufen, der ins Milieu der Querdenker führt. Ein Querdenker hätte fiese Vorstrafen und ein ideologisches oder finanzielles Motiv für den Mord und würde der Polizei Ärger machen. Doch als Täter würde sich am Schluss ein eifersüchtiger Expartner entpuppen. Im, Büro läuft doch alles gut, solange sich alle nur dann und wann herzlich anpflaumen, und bevor das „Tatort“ – Thema einsetzt, würde die Ermittlerfigur schief unter dem Balkon seines zerstrittenen Beziehungspartners singen.

Durch die Struktur des „Tatorts“ in den letzten 25 Jahren sind die gesellschaftlichen Probleme in den Filmen zur Nebenhandlung geworden. Sie werden nicht in Handlung übersetzt, sondern reichlich unverbunden in den Raum gestellt und auf salonfähige Weise abgehakt (die Frage, ob das auch auf allgemein akzeptierte Art und Weise getan wird, nimmt in professionellen "Tatort" - Kritiken den Raum ein, der bspw. für die Diskussion an der Geschichte als Geschichte genutzt werden könnte, von eigentlicher Filmkritik ganz zu schweigen). Diese gesellschaftlichen Probleme sind zwanzig Minuten am Sonntagabend, in denen du Bier holen kannst, ohne etwas Wichtiges zu verpassen. Aber gut, dass wir mal drüber geredet haben. Sie werden nicht erzählt, sondern erwähnt. Im besten Fall sind sie ein Ausflug in die Unterwelt für die ErmittlerInnen (dieser Ausflug kann aber auch genauso gut über Nahtoderfahrungen oder ein persönliches Alkoholproblem der ErmittlerInnen erzählt werden, ohne dass es irgend etwas an der emotionalen Wertigkeit ändern würde). Die gesellschaftliche Realität anderer Schichten und Milieus kommt nur noch als falsche Fährte vor, auf der ein wenig Wissen vermittelt wird, und das Gleiche gilt für Elend und Wirkungsweisen von Kriminalität (die im Alltag üblicherweise nicht durch Eifersuchtsmorde in besseren Kreisen bestimmt wird). Solange keine Ermittlerfigur stirbt, wird noch jede Tragik weggeschnoddert. Im Vergleich dazu war das gerne verspottete wohlfeile Pathos von „Derrick“ geradezu subversiv.

 

Die eigentliche Musik spielt im „Tatort“ immer in der Mittelschicht: dort sind die KommissarInnen genauso verortet wie die TäterInnen. Der jüngst von einem „Tatort“- Star kritisierte Drang, Angehörige von Minderheiten nicht als TäterInnen zu zeigen, führt dazu, dass sie nur als Opfer und Nebenfiguren vorkommen. Durch das Umschiffen brenzliger Punkte und das Vereinfachen komplexer Themen erscheint nichts als wichtiger, raumgreifender und geheimnisvoller als der Kollegenknatsch und das Privatleben von Beamten (was als eingestandenes künstlerisches Konzept stimmig und sogar faszinierend sein könnte). Der „Tatort“ zeigt seit Mitte der 1990er vor allem, auf wie viele verschiedene Arten du ein produktives Mitglied der Mittelschicht sein kannst (und selbst für die Freaks und Snobs gibt es Wiesbaden, für trottelige plietsche Frauen und halbneue Männer mit Plattenschrank gibt es Weimar). Ja, das war bei „Rockford“ und „Magnum“ nicht anders, aber das waren kleine Wunschträume über das gelingende Leben, über Hausboote und Ferraris und Integrität (sicherlich auch problematisch, aber kein Etikettenschwindel).

Der „Tatort“ setzt sich dagegen in einer unzufriedenen, halbkritischen wohlfeilen Genervtheit fest, besitzt auch in Wiesbaden und Weimar nicht den Mut zu ausgestelltem klugen Eskapismus, aber auch nicht zu der himmelschreienden Unversöhnlichkeit skandinavischer Krimis (die ich dabei viel, viel schlechter gucken kann als den „Tatort“), den zeitgenössischen nuancierten Langformen ..oder auch nur zu den Ecken und Kanten und der Neugierde auf die gesellschaftliche Wirklichkeit anderer Milieus, die die  früheren „Tatort“ – Folgen geprägt haben.

 

Er nimmt unterm Strich gar nichts ernst außer seiner eigenen ritualisierten Form, nicht die Kraft von Detektivgeschichten und nicht die von naturalistischen Milieuschilderungen, und schon gar nicht stellt er sich der eigenartigen und etwas schmutzigen Magie von Fabeln und von Fiktion als Methode der Wahrheitsfindung. Wir werden in den nächsten Jahren des „Tatorts“ noch diverse diverse ErmittlerInnen erleben und jede Menge parodistische Filmzitate, ohne, dass diese etwas an dieser in meinen Augen schiefen Konstruktion ändern werden.

Genug dazu. Gut, dass wir darüber geredet haben (und ich freue mich schon auf den „Tatort“ an Neujahr). Gleich singt ein Kommissar, dann kommt der Abspann.

 

 

 

13.12.2020: Der gern verschwiegene Vorgänger (Ich bin kein "Tatort" - Hasser!, Teil 2)

Was bisher geschah: Der "Tatort" ist eine beliebte deutschsprachige Fernsehreihe.

 

Die deutsche Medienlandschaft ist klar strukturiert: am Sonntag gibt es neue „Tatort“- Folgen im Ersten Programm, an Wochentagen Wiederholungen in den Dritten (Hipster können aus Gründen des Distinktionsgewinns den neuen „Tatort“ auf One um eine Filmlänge zeitversetzt anschauen).

An manchen seltenen Sonntagen läuft auch „Polizeiruf 110“, der noch immer nicht in den „Tatort“ integriert worden ist, auch wenn er sich ansonsten vom „Tatort“ nicht mehr unterscheidet.Die Frage, warum das so ist, soll als Verneigung vor den neuen Bundesländern gesehen werden (und wer könnte sich ein größeres Opfer vorstellen als einen „Tatort“ – Sonntag?) und bildet faktisch den irrationalen Rest, den Funken unerklärliche Mystik, ohne den eine Volksreligion nicht überleben kann. In Krisenzeiten (und wenn keine neuen Folgen zur Verfügung stehen, -wobei unklar ist, was hier Henne oder Ei ist), wenn das Bedürfnis sowohl nach Vertrautem, als auch nach persönlichen Gestaltungsmöglichkeiten zunimmt, wird über „Tatort“ – Wiederholungen abgestimmt (allerdings stehen die frühen, verstörenden Folgen, vielleicht aus Rücksicht auf die allgemeine gesellschaftliche Verfasstheit, nicht zur Wahl). Talk – und Quiz- Formate werden quer durchs Programm mit den Auftritten von Tatort- ErmittlerInnen bestückt (die dann häufig gefragt werden, wie es denn so ist, „Tatort“ – Ermittler zu sein und dauernd in anderen Sendungen darauf angesprochen zu werden).

Es gibt daneben allerdings auch immer noch weitgehend „Tatort“lose Nischen im ARD Programm, vor allem die Nachrichten, in denen wie ein warmes Leuchten aus glamouröser Ferne aber zu besonderen Anlässen eine Erwähnung des "Tatort" aufblitzt wird (in der „Tagessschau“ zum Beispiel, wenn ein Jubiläum gefeiert wird oder eine längere Drehpause bevorsteht, in Talkshows, wenn eine Thematik schon einmal in einer „Tatort“ – Episode angesprochen wurde, in Fernsehfilmen als selbstreferentieller Witz in einem Dialog u.ä.). Nebenprodukte gibt es verblüffend wenige, was vielleicht daran liegen mag, dass sich die beteiligten Sender nicht auf die Anteile an den Einnahmen einigen könnten (und eine „Tatort“ – Bettwäsche wäre vielleicht auch ein bisschen abgeschmackt).

Dabei kostet eine Episode so viel ein durchschnittlicher deutscher Kinofilm (von denen im Vergleich nur wenige pro Jahr produziert werden). In der Folge besitzt der "Tatort" generell ein hohes technisches, gestalterisches und dramaturgisches Niveau – er ist sicherlich eine filmischere Erfahrung als eine Folge „Castle“ oder „Elementary“ und muss sich vor spanischen Netflix – Thrillern oder den meisten skandinavischen Krimis nicht verstecken und wenn wir über Schauwerte reden, dann nicht einmal vor BBC – Produktionen. Nur verfügen diese Konkurrenzprogramme über im Vergleich kleinere Budgets und größere Originalität, besitzen in ihren Herkunftsländern keine auch nur ansatzweise vergleichbaren Stellenwert – und können in der Regel nicht zum Genre des klassischen Detektivfilms gerechnet werden.

Dieses Genre des klassischen „Whodunit“ mit behauptetem gesellschaftlichen Biss bedient der „Tatort“ als einziges Format noch mit allem Ernst und pflegt es in der Mitte der bundesrepublikanischen Gesellschaft sein. Das macht ihn so staatstragend, deswegen ist die auf den ersten Blick so heillos überzogene Rezeption kein Missverständnis.

Spulen wir noch einmal zurück: der „Tatort“ wurde als mehr oder weniger provokantes Gegenprogramm zur westdeutschen Begeisterung für klassische Krimis erfunden. In nur wenigen brisanten Jahren war der „Tatort“  von einem aufrüttelnden Format zu einem Zwischending geworden, zu einem Mix aus klassischen Krimiszenen und Sozialdrama.

Parallel dazu gärte es nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im Gehirn des jungen österreichischen Autors Helmut Zenker. Vielleicht vergleichbar mit dem Bayer Kroetz schrieb er das Stück „Hartlgasse 16a“, das als Hörspiel uraufgeführt, unter der Regie von Peter Patzak für den ORF verfilmt wurde und schonungslos den Spätkapitalismus als Kleinbürgerhölle entlarven wollte (aus dem Stück wurden, nacheinander, ein Fernsehfilm, ein Roman, ein Theaterstück und wiederum ein Hörspiel, und die Fassungen unterscheiden sich in einigen Punkten deutlich voneinander, wir halten uns hier an den Fernsehfilm). In einem heruntergekommenen Mietshaus, in dem jeder jeden auf hinterhältige Art hasst und betrügt, passiert ein Mord. Der dumpfe, xenophobe und brutale Polizeimajor Adolf Kottan (Peter Vogel) verhaftet den Falschen, und als er den Fall tatsächlich löst, hat sich in der „Hartlgasse 16a“ trotzdem nichts geändert: in der letzten Szene der Filmversion zerstört eine Bewohnerin aus purer Missgunst die letzte Pflanze im Treppenhaus, dazu singt Georg Danzer wie bereits gestorben: „Das kann doch noch net alles g`wesen sein.“

Das war, zeitgleich zu Punk, Punk. Der fürchterliche Ermittler küsste vielleicht hier und da eine Hand (wie der Tatort – Kommissar Haferkamp), wir befanden uns schließlich in Wien, aber er fluchte, prügelte und triezte so grundlos wie gehässig seine Umwelt.

Hartlgasse 16a“ war ein Antikrimi, aber Kottan (noch) kein Antiheld, sondern eine abstoßende Figur in einem zeitkritischen Stück. Es ist umstritten, ob der Serienname „Kottan ermittelt“ im Abspann zu diesem Zeitpunkt ein Witz war oder bereits bruchlos auf spätere Episoden verwies. Die zweite Folge, „Der Geburtstag“ vermenschlichte den Major, zeichnete sorgfältig Familie und Kollegen und zeigte seinen (noch nicht völlig verrückten) Vorgesetzten, ließ ihn, anlässlich seines titelgebenden Geburtstags, in Skihüttentristesse ermitteln und erlaubte ihm (und dem ganzen Film) einen galligen Humor, der den Namen auch verdiente. Zum Schluss singt wieder Danzer das gleiche Stück. Und wie als bitterböse Pointe nahm sich der Hauptdarsteller Peter Vogel nach den Dreharbeiten das Leben.

Andere Serien hätten hier die Segel gestrichen, „Kottan ermittelt“ (bis 1983 geschrieben von Zenker und inszeniert von Patzak) sattelte noch eins drauf:

In nun vergleichsweise üppig ausgestatteten 90minütern ging es mit einem jüngeren Hauptdarsteller kreuz und quer durch ein heruntergekommenes Wien voller Elend, Kleinkriminalität und privater Obsessionen. Franz Buchrieser als Kottan war eine unglückliche coole Sau, ein markiger, beherrscht unter Dauerdampf stehender Hallodri mit winzigen Anzeichen  von sozialem Bewusstsein. Er schikanierte seinen depperten reaktionären Untergebenen Schrammel und ließ sich aufs Dümmste verwirren, verprügeln und verführen, bis sein sanftmütiger Kollege Schremser den jeweiligen Fall tatsächlich löste. In Buchriesers erster und bester Szene als Kottan singt er schlecht und textschwach in seinem Polizeiwagen einen wehleidigen Song aus dem Radio mit, bevor ihm beim Aussteigen eine Tür abgefahren wird. Immer surrealere Späße und immer sympathischere Nebenfiguren machten die bösen Lehrstücke erträglich (und glichen die häufig nicht sonderlich spannenden Krimiplots aus), jeder Kitsch (und vor allem Sozialkitsch) wurde durch satirische Überspitzung unterlaufen (der sympathische Tippelbruder, der immer wieder über Leichen stolpert, wird im Lauf der Zeit offiziell zum wandelnden, Sirenentöne jaulenden Leichendetektor). Kottan, die Figur, war nicht links, aber „Kottan ermittelt“ war so links und Lokalkolorit und gleichzeitig so brechtsch und frisch, wie es der "Tatort" einmal hatte sein wollen. Sogar die Presse schäumte, dass sich ein Fernsehermittler nicht so verhalten dürfe.

Es ranken sich viele Gerüchte darum, wie der einflussreichste Tatort – Ermittler entstand, der uns schließlich die heutigen Detektivfilme der Reihe bescherte, aber zu selten wird auf die Inspiration aus Österreich verwiesen.

Wer den Franz Buchrieser – Episoden von „Kottan ermittelt“ die Satire entzieht und sie ins Ruhrgebiet verpflanzt, landet ziemlich zwangsläufig bei Schimanski. Das Trio Schimanski-Thanner- „Hänschen“ verhält sich angesichts eines Kriminalfalls analog zu Kottan,-Schrammel und Schremser. Schimanskis Duisburg wirkt in seiner halbdunklen Schäbigkeit wie Kottans Wien ohne den Schmäh. Statt gegen verrückte Vorgesetzte und eine absurde Verwaltung kämpfte Schimanski gegen einen Polizeiapparat im Dienst der Besitzenden. Statt zu zeigen, wie die Gier nach Besitz selbst die Habenichtse korrumpierte, gab es in Schimanskis Welt jede Menge gute einfache Leute. Der Ermittler stolperte nicht über seine Vorurteile, sondern kämpfte von Anfang an gegen Vorurteile bei anderen. Seine Beschränktheit, sein Jähzorn und seine Derbheiten sollten keine Institutionen entlarven, sondern sein gutes Herz beweisen.

„Wie oft darf Schimanski „Sch..“ sagen?“, fragten Bild und Hörzu und amüsierten damit vor allem die, die sich im Westdeutschland nach 68 vor allem darüber als fortschrittlich definierten, dass sie gerne „Scheiße“ sagten.

Ohne die ironische Distanz, die bei „Kottan ermittelt“ zwischen Machern, Figuren und Publikum herrschte, wurde bei den Tatorten mit Schimanski aus einem ähnlichen Bauplan keine Satire, sondern eine deutsche Version tragischer Selbstjustizthriller. Schimanski war ein Held, dann doch gerade ironisch genug gezeichnet, um von klugen Menschen als Ikone akzeptiert zu werden. Ein Held wie wir alle. Und wir konnten sogar seine Jacke bei Karstadt kaufen (während es „Kottan“ nur auf eine Schallplatte mit unverständlich wienernden Spottliedern auf die Polizei brachte).

Jetzt hatten wir den Salat.

(wird zu lang und deswegen doch noch einmal fortgesetzt)

 

 

06.12. 2020: Nein, ich bin kein "Tatort" - Hasser!

Nein wirklich, ich bin absolut kein „Tatort“ – Hasser (um stellvertretend mal von mir zu reden), auch wenn ich mir diesen Vorwurf (als Vorwurf) immer wieder anhören muss. Ich schaue freiwillig und gezielt etwa 2-3 Episoden pro Jahr. Umgekehrt schaue ich auch 2-3 Filmmusicals pro Jahr, was da wiederum ausreicht, um als Musical – Fanatiker zu gelten. Soviel zu gesellschaftlichen Verabredungen (die beim „Tatort“ ohnehin in jeder Hinsicht eine große Rolle spielen). Und genau da liegt der Hase im Pfeffer (erschossen? Vergiftet?): der „Tatort“ ist mittlerweile in erster Linie eine Institution.

Dieser Satz ist für die meisten Menschen im Einzugsgebiet der ARD eine banale Selbstverständlichkeit, was das Ungewöhnliche dieses Status nur noch unterstreicht. Dazu gehört, dass die Diskussion, ob eine Folge nun typisch oder untypisch für diese Institution ist, ihrer würdig oder nicht oder ob sie möglicherweise zeigt, dass sich der ganze „Tatort“ überlebt hat, wesentlich engagierter und ausführlicher geführt wird als die über Drehbücher oder filmische Mittel (ausgerechnet die besteht häufig nur aus saloppen, betont subjektiven Sprüchen). Und das, obwohl es hier um in sich abgeschlossene, abendfüllende Filme mit wechselnden Herstellungsteams geht und nicht etwa um die jeweils aktuelle Predigt in der immer gleichen Kirche, Immer wieder bemerke ich, dass ich als „Tatort“ – Agnostiker über einzelne Episoden wesentlich freundlicher urteile als das chronisch zweifelnde und unglückliche Stammpublikum, das sich jeden Sonntag an der Institution abarbeitet. Und wohlmeinende Menschen haben mir davon abgeraten, kritisch über den „Tatort“ zu bloggen, das ginge zu weit und würde nur entweder mich oder sensible Gemüter unglücklich machen. Der „Tatort“ ist nicht nur eine Institution, sondern die letzte, die der deutschen Medienlandschaft neben der „Tagesschau“ im Moment geblieben ist.  

Wie könnte das 50jährige Jubiläum nun angemessen begangen werden? Vielleicht damit, über die verschiedenen Anstalten verstreut, täglich einen „Tatort“ zu bringen? Oder mit Ausstrahlungen besonderer Folgen im Kino oder in Kneipen, sobald die wieder geöffnet haben? Dadurch, dass die Inhalte von „Anne Will“ auf Themen im „Tatort“ abgestimmt werden? Vielleicht könnten Prominente Gastrollen übernehmen, und umgekehrt „Tatort“ KomissarInnen Musik voller augenzwinkernder Anspielungen auf den „Tatort“ aufnehmen? Vielleicht könnten Leitmedien einzelne Folgen rezensieren und diskutieren? Vielleicht könnte es auch ein paar experimentelle Episoden geben, mit improvisierten Dialogen, Zeitschleifen oder Hinweisen darauf, dass die ErmittlerInnen begreifen, dass sie fiktive Figuren sind? Vielleicht könnte es KomissarInnen geben, die mit ihrem Job nicht zu Rande kommen oder direkt als Parodien auf das mittlerweile übliche „Tatort“- Ermittlerduo angelegt sind? Eine prominente „Tatort – Kachel als Begrüßung in der ARD – Mediathek? „Tatort“ – Hörspiele? Oder nach ErmittlerInnen sortierte Editionen auf DVD und Blu Ray?

 

Es wird allmählich eng. Ich bin sicher, die durchgängig gesungene Musicalfolge wird hinter den Kulissen schon seit Jahren so heiß diskutiert wie der multiperspektivische „Tatort“, der sich aus Kurzfilmen zusammensetzt. Damit wären dann zumindest die amerikanischen Serieninnovationen aus der Zeit der Jahrtausendwende abgehakt und eingemeidet. Und im Jubiläumsjahr werden hoffentlich nach und nach die im Moment versteckten frühen Filme endlich wieder zugänglich gemacht werden, und es wird ein paar  große Samstagabendshows über die Geschichte des „Tatort“ geben und ein paar Quizshows mit Filmschnipselraten und Buzzern in den dritten Programmen. Und damit wäre das mediale Sperrfeuer komplett. Ein neues „Lustiges Taschenbuch“ mit dem Dreamteam Schimanski/Donald Duck ist gerade erschienen, und ich frage mich, wo die überfällige Playmobil – Edition zum Thema bleibt (stellt sich Til Schweiger quer und fordert eine eigene Collection inkl. seiner Töchter und Helene Fischer? Oder gibt die Telekom die Rechte an Manfred Krug nicht frei?).

Wenn die Theater wieder aufmachen, können sich Studibühnen vielleicht an parodistisch nachgespielten Folgen und/oder Playbacktheater versuchen. Und wenigstens zur nächsten Jahreswende reicht die allgemeine Gesundheit vielleicht aus für „Tatort on Ice“ und „Tatort goes Roncalli“. Meine eigenen Wünsche wären ein Stummfilm.- „Tatort“ und ein animierter „Tatort“, aber ausgerechnet dafür sehe ich tendenziell schwarz.

Jetzt spricht dieser ganze Rummel natürlich an sich nicht gegen die Sendereihe. Und Krimi- und Thrillerbegeisterte (und darunter rechne ich mich auf jeden Fall) haben am „Tatort“ als das Gesicht der deutschen Film – und Fernsehlandschaft vermutlich mehr Freude als seinerzeit an „Derrick“. Nur war „Derrick“ eben lediglich de facto ein Exportschlager und Kultobjekt, während alle Medieninstitutionen und auch nur halbwegs ernstzunehmende Filmschaffenden die Existenz von „Derrick“ nach Möglichkeit noch nicht einmal anerkannten und vor dem Phänomen schreiend wegliefen. Dazu gab es zum Zeitpunkt der letzten „Derrick“ – Folge (1997) noch kein „The Wire“, „The Killing“, „The Fall“, „Top of the Lake“ oder „Hannibal“, um spontan nur mal ein paar Namen ins Blaue zu pusten.

 

Als der „Tatort“ vor 50 Jahren startete, bildeten die „Edgar Wallace“ – Filme das letzte ansatzweise intakt gebliebene Genre des westdeutschen Films, die größten Fernsehereignisse waren Krimimehrteiler, und die Spitzenserie des sich als Sprachrohr der konservativen Opposition verstehenden ZDF war „Der Kommissar“. Die Bundesdeutschen waren krimiverrückt, aber sie schwelgten in altmodischen und manchmal offen reaktionären Geschichten, die von weise – biederen Ermittlern handelten, die sich durch ein gehobenes Nirgendwo fragten.

Der „Tatort“ wollte in dieser unzufriedenen Zeit nach 68 das zeitgemäße Gegenprogramm sein – er verzichtete auf ein nebelumwabertes Fantasie – London wie auf Münchener Villen, sondern zeigte, so der Anspruch, das Kleinklein des westdeutschen Verbrechens, regional und im kalten Tageslicht. Viele der herausragenden „Tatorte“ der Anfangsjahre geben sich (pseudo-) dokumentarisch und verzichten faktisch nicht nur auf sympathische Figuren, sondern auf erkennbare Chefermittler (z. B. „Frankfurter Gold“ und vor allem „Ein ganz gewöhnlicher Mord“, beide mit Günther Strack, warum auch immer). Und selbst Fans können den Kommissar im häufig wiederholten Klassiker „Reifezeugnis“ nicht benennen, dabei löst er sogar den Fall (es ist der viel zu früh verstorbene Klaus Schwarzkopf als..Moment..Kennt irgendwer "Kommissar Finke"?). Der frühe „Tatort“ will in der Regel absolut kein Kino sein und nichts weniger als ein Detektivfilm. Ermittlungen werden häufig nebenbei erzählt, die Bühne soll den gesellschaftlichen Vorbedingungen für Morde gehören und gehört faktisch den Geschichten von Opfern und TäterInnen. Viele regionale Schauplätze waren vorher noch nie oder zumindest noch nie in Farbe im Fernsehen gezeigt worden. Es gibt nur selten Filmmusik.

Es war der WDR, die mit Abstand größte und mächtigste der ARD  - Anstalten, die diese Form des Föderalismus sprengte und (trotz oder gerade wegen eines Rufs als gesellschaftskritisches Programm) Hollywood in den „Tatort“ brachte, den echten Samuel Fuller für zwei kinotaugliche Episoden mit einem flotten, flirtenden Rauhbeinkommissar („Kressin“) einkaufte und anschließend mit dem gesetzten Filmstar Hansjörg Felmy als seine Fälle sehr wohl dominierenden Kommissar Haferkamp ein melancholisches sozialdemokratisches Gegenmodell (inklusive vieler Straßen und langer Autofahrten) zu den verkniffen wertkonservativen Kammerspielen mit dem ZDF – Kommissar Erik Ode entwarf. Da die Konkurrenz zwischen NRW und Bayern nicht erst mit Corona kam, ließ als Reaktion der Bayerische Rundfunk seinen bodenständigeren Kommissaren ein bisschen mehr Leine und mehr Szenen.

In Wien allerdings provozierten der gepflegte Weltschmerz des feinen Herrn Haferkamp und die bundesdeutsche Krimibegeisterung einen jungen, wilden (und kommunistischen) Autor zu einer wütenden Gegenreaktion, die, über Bande, die Gestalt des „Tatorts“ vollkommen veränderen sollte (wird fortgesetzt und abgeschlossen).   

23.11. 2020 Hauen und Stechen um unsere Augen ("Seriencamp 2020")

Werden ursprünglich für das Fernsehen konzipierte Serien die Kinos retten? Das wäre zumindest eine Möglichkeit. Das Münchener Festival „Seriencamp“ fand allerdings heuer umgekehrt nur im Netz statt. Und das sogar kostenlos, wobei die populärsten Programme schon jetzt oder bald im deutschen Pay TV oder VOD zu sehen sind, und beim Festival natürlich nur die jeweils ersten Episoden als Appetithäppchen abgerufen werden konnten. Hätte ich mich früher eingeloggt, hätte ich vermutlich in noch mehr der insgesamt 80 vorgestellten Formate hineingeschaut, so habe ich gehetzt vor allem Serien abgehakt, auf die ich schon länger neugierig gewesen war.

Nun werden die großen Hits „I may destroy you“ (tatsächlich sehr gut, wenn auch ohne irgendwelche Untertitel streckenweise extrem schwer zu verstehen) und „Lovecraft Country“ (in meinen Augen eine ziemliche Enttäuschung) bereits von anderen rauf und runter und häufig nach kompletter Sichtung besprochen, darum hier nur ein paar Anmerkungen zu anderem:

Ein deutlicher Trend ist: die Serien werden kürzer. Experimente mit vier  oder fünfminütigen Folgen oder Viertelstunden waren ein Schwerpunkt des Festivals, aber selbst HBO setzt auf 30minütige Dramen (gab es früher gar nicht) und produziert 50minütige Episoden nur noch in auf wenige Teile beschränkten Mehrteilern. Auch explodierende Schweden (viel Blut) und sympathische Kopenhagener Frauen  WGs  toben durch gerade einmal zwanzigminütige Stücke. Die sind dann natürlich tendenziell konsequenter stilisiert und dichter erzählt. Wir haben ja alle keine Zeit. Und wir haben ja alle schon ein paar Serien gesehen. Dass wir uns faktisch an eine Menge scheinbar obligatorischen Leerlauf gewöhnt haben, fällt erst auf, wenn er komplett wegbricht. Introspektivere Stoffe nehmen sich aber nach wie vor Zeit.

Eine weitere Besonderheit: Stars. Zumindest in den englischsprachigen Länden (aber auch Charly Hübner spielt in „Hausen“ den Hausmeister). Schon vor Corona brauchten die Superheldenfilme ja keine Stars mehr, und anderes wurde kaum noch fürs Kino produziert. Entsprechend tummeln sich jetzt Nicole Kidman, Hugh Grant, Ethan Hawke und Emma Thompson in Miniserien. Diese meisten dieser Beispiele entstammen dem Sender HBO, dem ersten Haus am Serienplatz, das nicht nur mit Stars, sondern auch mit Nacktheit verbissen um seine Vorreiterrolle kämpft. HBO galt immer als kontrovers und für US – Verhältnisse in der Themenwahl immer als sehr freizügig, dazu wurde auch nicht automatisch von jedem entblößten Körper weggeblendet. Ausgestellte Nacktheit blieb aber dem halbseriösen Dauerbrenner „Game of Thrones“ vorbehalten. Nach dem Ende der Fantasyserie wird jetzt sogar unter der Ägide von bspw. David E. Kelley als Verantwortllchem Haut gezeigt, und der hat früher u.a. mindestens vier Folgen „Ally Mc Beal“ von seiner Abneigung gegen so etwas handeln lassen. Ebenfalls ein Umschwung: einmal mehr hat Kelley einen Bestseller adaptiert, wie überhaupt, und auch hier prescht HBO vor, Buchverfilmungen zunehmend um sich greifen. Auch hier ähnelt das aktuelle Serienfernsehen mittlerweile dem früheren Kino.

Die europäischen Sender schlagen sich im Vergleich mit anderen, früher bestimmenden Tabus herum: einzelne Formate sind brutaler, aber vor allem bösartiger, als das früher möglich gewesen wäre. Das ist nicht immer schön, aber zumindest in einem Fall sehr hübsch, mit dem ich eine kleine Liste persönlicher Favoriten eröffnen möchte.

 

Christmas on Blood Mountain (Jul i Blodfjell)

Norwegisch-dänisch-schwedisches Adventskalender – Fernsehen: Ein verrückter alter Erbonkel hat seine mehr als buckelige Verwandschaft für den ganzen Dezember in ein malerisch abgelegenes Hotel eingeladen. Wer bis zum 24. bleibt, um mit ihm Weihnachten zu feiern, wird begünstigt. Dummerweise ereignet sich an jedem Tag ein Mord. Eine toughe Polizistin (Ine F. Jansen) und ein komplexgeschüttelter Polizist (Trond Fausa), weitläufig miteinander verwandt, raufen sich zusammen und jagen nach Hinweisen, während die gierige Meute um sie herum nach und nach dezimiert wird. Das Hotel ist ein nostalgischer Festtagstraum, das Ensemble ein ziemlich zeitgenössischer Festtagsalptraum, und so gelingt der flott erzählten Serie das Kunststück, gleichzeitig Weihnachtsstimmung zu verbreiten und zu verätzen. Wenn nicht gerade John Carpenter – Keyboards Unheil verheißen, laufen bezaubernde skandinavische Weihnachtslieder oder die klassischen amerikanischen Schmachtsänger. Die Folgen sind offensichtlich 10-20 Minuten lang, die Macken und Geheimnisse der karikierten Figuren sind glaubwürdig universell, und die Gags sind hier und da tatsächlich sehr lustig. Das ist ein gehaltvoller flacher Spaß, aber unterm Strich wahrscheinlich doch genau das. Eine deutsche Veröffentlichung ist im Moment nicht geplant (2017, Buch von Kjetil Indregaard, Christopher Pahle und Martin Zimmer, Regie: Lars Kristian Flemmen).

 

Ganz im Gegensatz ist „The Good Lord Bird“ anscheinend schon bei sky verfügbar (Fox und Blumhouse, Konzept von Ethan Hawke, geschrieben u.a. von James Mc Bride und Ethan Hawke). Diese (wiederum) schwarzhumorige Schelmengeschichte ist im Moment der Liebling der amerikanischen Kritik. John Brown (nach ihm ist in den USA allerhand benannt) kämpft zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs gegen die Sklaverei. Begleitet wird er von unserem pfiffigen Erzähler (Joshua Caleb Johnson), einem Afroamerikaner auf der Flucht, der von Brown für ein Mädchen gehalten wird und die geballte Idiotie um sich herum stoisch erträgt und uns zu erklären versucht. Bis in die Zwischenüberschriften hinein erinnert diese blutige Romanverfilmung (nach einem Roman von Co – Autor Mc Bride) an eine Komödie der Coen – Brüder. Ethan Hawke, er schrieb auch am Drehbuch, spielt den strunzdummen Revolverhelden fürs Gute mit rasendem Mut zur Peinlichkeit. Revolver sind in jeder Hinsicht kaputte Schrottapparate, jeder zitiert laut und falsch die Bibel, und alle Menschen kommunizieren grundsätzlich aneinander vorbei. Trotzdem ist diese (halbstündige) Serie alles andere als nihilistisch.

 

Von HBO stammt (nach einer israelischen Vorlage) die wesentlich umstrittenere Serie „Euphoria“ (Konzept von Sam Levinson, Bücher von Ron Leshem & Daphna Levin), die zum US- Start vor 1 ½ Jahren gegen Vorwürfe kämpfen musste, sie würde Drogengebrauch glorifizieren, angebliche Teenager sexualisieren, das Leben zeitgenössischer amerikanischer Teenager über jede Redlichkeit und Authentizität hinaus skandalisieren und nichts für Teenager sein. All das ist absolut wahr. Aber als trippiger Alptraum von Erwachsenen für Erwachsene und als bitteres Lehrstück über Integrität ist die Serie ordentlich großartig. Die 17jährige drogenabhängige Rue (Zendaya, die aktuelle MJ bei Spider – Man) taumelt als gewitzte Beobachterin mit dem Herz auf dem rechten Fleck durch eine Vorstadt – Vorhölle voller schmutziger Deals und abstoßender Hirschkämpfe, kultivierter Perversionen, destruktiver Beziehungen und immer wieder aufbrandender Gewalt. Allen geht es um die individuelle soziale Stellung und dabei um Leben und Tod. Nur die unverfälscht emphatische Rue, die, hilflos, klarsichtig und würdevoll wie Dostojewskis „Idiot“ zwischen Highs und Entzug durch die schick geschnittene und innovativ illustrierte Verkommenheit stolpert, bleibt beinahe unschuldig. Nichts wird von A nach B erzählt, alles mutet an wie eine mildere Mischung aus „Trainspotting“, „Rules of Attraction“ und „Requiem for a dream“ (mit vielen nackten Männern). Ich wiederhole mich:  nichts für Teenager, und auch als Geschichte über Teenager hochproblematisch.

 

Dies bringt uns zu „Monsterland“, zur Abwechslung mal wieder eine Buchverfilmung. Diese Serie in sich abgeschlossener Episoden nach kargen, makabren (und eher genrefernen) Kurzgeschichten von Nathan Ballingrund verbindet melancholischen (und wunderschön arrangierten) Spülsteinrealismus mit phantastischen Metaphern (und gut sind sie auch). Alles ist alt, löcherig, schimmelig und verregnet, und auf allen Ebenen geht es um Schulden, die nicht beglichen werden können. Die phantastischen Elemente bringen die Geschichten auf den Punkt (so wird, Vorsicht: mittelschwerer Spoiler, in der vierten Episode eine untote Beziehung beschrieben). Produziert hat das kleine, bisher vor allem durch seine Indie – Games und "Her" bekannt gewordene Studio Annapurna für den amerikanischen Streamingdienst Hulu. Und wann wir mehr davon zu sehen bekommen, steht in den Sternen.

 

Mein persönlicher Liebling war aber trotzdem wohl die kanadische Miniserie „Trickster“ (eine Romanverfilmung) über einen nachdenklichen jungen Native Canadian (Joel Oulette), der mit seiner verrückten, leichtlebigen jungen Mutter (Crystle Light) im schönsten Wald lebt, Burger brät und selbstgepanschtes Ecstasy verkauft. Ein zwielichtiger mutmaßlicher Schamane behauptet, sein wahrer Vater zu sein, und unser Held sieht nun sprechende (rappende) Raben und seinen bösen Doppelgänger. Wird er diese Erscheinungen nutzen können, um sein Leben auf die Reihe zu kriegen und seine Mutter aus den Fängen eines fieses Drogendealers zu befreien? Kann ihm das exzentrische Mädchen aus der Pflegefamilie von gegenüber helfen? Wir wollen es hoffen. Die Serie ist trotz eines halben Beins in der Psychedelik sehr ruhig und aufgeräumt erzählt, die Figuren sind durch die Bank komplex und größtenteils sogar sympathisch. Es gibt wirklich sehr viel Wald und Wasser, Bäume und Seen zu bestaunen, und der auch in der Festivalbeschreibung gezogene Vergleich zu „Twin Peaks“ passt nicht, weil „Twin Peaks“ immer bizarrer und verletzter war als diese wehmütige Übung in Magischem Realismus. Auch diese Serie ist bisher noch nicht eingekauft, geschweige denn synchronisiert worden (nach einer Romanreihe von Eden Robinson, Konzept Tony Elliott & Michelle Latimer).

 

Was gab es sonst? Viel. Hier nur noch eine kleine Verneigung vor Stars, die mutig alles, was sie haben, in abstoßende Rollen einfließen lassen: Emma Thompson als faschistoide Politikerin in „Years and Years“ und David Tennant als seltsamster aller Serienmörder, Dennis Nilsen, in „Des“.

 

Wir werden sehen. Wir können ja nicht anders.

 

 

16.11.2020 Unglücklich über das "Damengambit"

Wenn ich mir die Menschentrauben auf den Straßen von Berlin ansehe, muss ich ständig an diesen schlechten alten Witz über den katholischen Familienvater denken, der ausruft:

„Sieben Kinder sind genug! Ab heute schlafe ich auf der Couch!“

Worauf seine Frau erwidert: „Glaubst du wirklich, das hilft? Okay, ich komm` mit.“

Wir dagegen schauen auf der Couch „Das Damengambit/ The Queen`s Gambit“ (Geschrieben von Scott Frank und Alan Scott, inszeniert von Frank, Netflix), gut? Das machen nämlich gerade so viele Menschen, dass es alle anderen verblüfft und als relevant gelten kann. Und dazu zeigt diese siebenteilige Miniserie auf Netflix die neuen Probleme von Serien an sich und Literaturverfilmungen im Besonderen, die sich von den traditionellen Problemen fundamental unterscheiden.

Das Damengambit“ erzählt die Geschichte des Schachwunderkinds Elisabeth Harmon, die sich in den USA der 1960er Jahre aus dem Waisenhaus besessen bis hoch in den Schacholymp duelliert. Dieser Weg wird als ein Dauerrausch von zeitgenössischen Interieurs und Kostümen gezeigt, in geschmackvollen Crème – und Pastellfarben, in dem die Kamera dynamisch herumwirbelt, und als eine endlose Reise von einer Trainingseinheit plus Duell zur nächsten, begleitet von einem Sperrfeuer an schnippischen Dialogen.

Unsere junge, scheinbar von der Welt überforderte Heldin entpuppt sich dabei trotz erlittener Traumata und Schüchternheit, trotz Tabletten – und Alkoholsucht als geniale Außenseiterin, die eine verkrustete Elite in einem bizarren altmodischen System – die Schachwelt – im Quereinstieg aufrollt und als abgebrühte coole Socke, die Existenzängste, zwischenmenschliche Verwicklungen und grimassierende Gegner nicht mehr beeindrucken können.

Die ersten Folgen verliert sie nie eine Schachpartie, und später nur, wenn es ihre Charakterbildung erfordert. Nie um einen kessen Spruch verlegen, erlebt sie ein paar mehr oder weniger heiße Affären mit schönen Menschen, bevor sie der Stimme ihres Herzens folgt. Sie reist von Kentucky aus durch Nordamerika und schließlich die Welt (in Zeiten, in denen Reisen schwierig ist und eine Reise in die Vergangenheit noch schwieriger, ein nicht zu unterschätzender Faktor für den Erfolg) Tatsächlich schildert die Serie im Grunde eine alltagsnahe Variante von einer Popstar – Karriere, und mehrfach tanzt Beth einsam zu flotten Oldies durch die Gegend.

Das macht Spaß und gibt sich als Empowerment für junge Frauen, und warum muss ich, mit meinen bescheidenen Möglichkeiten, an diesem Spaß herumkritteln? .

Der zugrunde liegende Roman stammt aus dem Jahr 1983 und ist von Walter Tevis. Und er ist lange nicht so süffig. Es ist ein klassisch moderner Roman, eher eine Sammlung präziser Skizzen als ein Schmöker, eher eine Charakterstudie als eine Erfolgsphantasie (und vermutlich eine optimistischere Antwort auf „Lushins Verteidigung“ von Nabokov, in dem ein Leben als Schachmeister für einen Exzentriker zur Falle wird).

Walter Tevis war so etwas wie der protestantischste Romanautor der Welt: Alle seine Geschichten handeln von Erfolg und Versagen, sowohl gesellschaftlich, als auch spirituell. Und alle seine Geschichten handeln von der fixen Idee der einen Bestimmung, die du finden und erfüllen musst, wenn dein Leben nicht vergeblich sein soll. Für Tervis` bekannteste Figur, den in den Verfilmungen von Paul Newman verkörperten Billardspieler Fast Eddie Felson aus „Haie der Großstadt“ und „Die Farbe des Geldes“, besteht die Bestimmung darin, ohne faule Tricks professionell Billard zu spielen. Für den Alien aus „Der Mann, der vom Himmel fiel“ besteht die Bestimmung darin, seinen Planeten zu retten. Das macht für Tevis keinen allzu großen Unterschied. Wichtig ist, dass sie sich nicht von der schäbigen Welt korrumpieren lassen (was beiden natürlich, zumindest vorübergehend, passiert). Bei der Beschreibung der die Auserwählten brechenden Welt wird Tevis dann bitter satirisch. Die eigenwillige Mischung aus Traktat, Polemik und symbollastiger moderner Literatur hat dazu geführt, dass ich vier Romane von Tevis bis zur Hälfte gelesen habe (es gibt sechs). Das ist mir ansonsten nur bei Arno Schmidt passiert, und der pfeift auf sein Publikum und erfindet Satzzeichen.  

Früher lautete eine Faustregel: bei Verfilmungen von Büchern wird das Material verkürzt und verkitscht. Aus zwanzig Seiten Dialog wird eine Kussszene. Aus einem komplizierten Komplott eine Verfolgungsjagd. Ausführliche, dabei stilisierte Schilderungen werden zu einer Postkartenansicht eingedampft. Lang andauernde oder immer wiederkehrende Situationen werden zu einer kurzen Szene komprimiert. Weil Filme in der Regel so viel weniger Material bearbeiteten, konnten sie im seltenen Idealfall auch eleganter sein und auf völlig andere Art mit Auslassungen spielen: die Figuren im Originalroman „Der Pate“ sind ziemliche Idioten, und das wird von Autor Mario Puzo ziemlich geschwätzig erzählt. Coppola konnte dagegen ausdrucksvolle Schauspieler bedeutungsschwer in den kunstvoll ausgeleuchteten Halbschatten starren lassen.

Der Philip Marlowe von Chandler denkt, trotz Whiskey und Waffe, wie ein Poet, spielt auf Hemingway, Flaubert und Sophokles an und ist ein unheilbar melancholischer Besserwisser, und zwar nicht auf die markige Art von Humphrey Bogart. Filme verknappten und prägten Klischees.

Als Reaktion wurden etwa zwischen 1920 und 1980 nun auch Romane knapper, weniger schwelgerisch, brachten in einer Szene unter, was früher diverse Szenen gewesen wären, usw. Aber immer noch galten sie als so materialreich, dass ihre Geschichten für Verfilmungen kondensiert werden mussten.

Die Netflix – Serie vom „Damengambit“ geht den umgekehrten Weg: kurze Passagen werden in lange Sequenzen übersetzt, Witzige Dialoge, die im Roman die manchmal bedrückende Atmosphäre auflockern, werden zu weiten Teilen wörtlich übernommen, aber sorgen jetzt für ein bisschen Biss in der glatten Ausstattungsorgie.

Wenn die Verfilmung von etwas nicht handelt, dann von Schach. Bei einer durchschnittlichen Fußballübertragung erfahren wir mehr über das angeblich königliche Spiel. Während sich im Buch Beth die Welt und das Fortkommen in ihr über imaginäre Schachpartien erschließt, die sich halluzinatorisch über die Welt legen, sehen wir hier von beinahe allen Partien nur die entscheidenden Sekunden, in denen sie gewinnt oder, seltener, verliert. Zwei, drei Bezeichnungen aus der Schachstrategie dienen als Kürzel für dramatische Situationen, aber werden vorsichtshalber nie erklärt (wie die „Photonentorpedos“ bei Star Trek).

Wenn in der letzten Folge dann leider doch die alles entscheidende Partie zwischen Beth und dem bösen Russen (denn so wurde Schach zu Tevis` Zeiten rezipiert, was offensichtlich niemand ändern wollte) ausführlich gezeigt wird, muss das ein hechelnder Moderator aus dem Off erklären und kommentieren wie in einem alten Hollywoodfilm oder seiner Parodie bei den Simpsons, denn die Serie hat uns bis dahin nicht einmal erklärt, was das Ziel des Spiels oder ein Bauer ist (besteht noch irgendein Zweifel, wer diese Partie gewinnt?).

Beth ist erfolgreich und steckt sie alle in die Tasche, darum geht es, und alle halbwegs jungen, halbwegs gutaussehenden Schach – Koryphäen dienen sich an, ihr gegen den bösen Russen zu helfen, während sie alle Frauen als Vertreterin der weiblichen Selbstbehauptung verehren und feiern. Dieser ein wenig obszöne Wunschtraum, diese Erfolgspornographie, erinnert nicht zufällig an die etwa in der gleichen Epoche angesiedelte „Fabelhafte Mrs. Maisel“ bei der Konkurrenz von amazon prime. Das hat in dieser Konsequenz mit dem grüblerischen Roman so wenig zu tun wie mit irgend einer Vorstellung davon, dass Fiktion nicht aus schönen Lügen, sondern aus schwierigen Wahrheiten besteht.

Noch weniger froh macht angesichts des von KritikerInnen übereinstimmend gelobten anti – sexistischen Subtexts die Darstellung der Hauptfigur.

Nein, eine sexy Darstellerin sexy zu präsentieren, das zeugt, zumindest in meinen Augen, noch nicht zwangsläufig von Sexismus. Das auf Kosten von Thema, Story, Figuren und allgemeiner Glaubwürdigkeit zu tun, allerdings schon. Nein, wir sehen keine Nackt – oder Sexszene (das wäre nicht so schmierig), aber Anya Taylor- Joy als Beth muss ständig Hollywood – nichtnackt sein: Andauernd muss sie sich Handtücher und Bettdecken auf Höhe des Schlüsselbeins zusammenbinden, sich mit nacktem Rücken in zerwühlten Laken räkeln, sich umziehen, in Unterwäsche nachdenken und  nach dem Duschen ihr Gesicht im Spiegel betrachten (dass sie theoretisch über den Großteil der Laufzeit ein Teenager ist, macht es nicht besser). Selbst einen höllischen Kater durchleidet sie selbstverständlich in einer klassischen Pin up – Pose in einer klasssichen Pin up – Kameraeinstellung. Und die Kamera ruht häufig nicht auf ihrem Gesicht: es ist heutzutage möglich, jede unwillkürliche Körperbewegung digital zu kaschieren oder zu betonen – natürlich ist es nur natürlich, wie Beth durch ihr Leben hüpft, aber es könnte auch ganz anders aussehen und anders beleuchtet werden. Und noch nie, und auch das hat etwas mit Computern zu tun, war eine Darstellerin über eine so lange Laufzeit so irreal fesch: selbst die klassischen Hollywood- Diven mussten in einem zweistündigen Film auch einmal, kurz, abgekämpft oder stoffelig aussehen. Beth (im Buch übrigens später pummelig) ist immer überirdisch apart, und das wird ständig subtil mit ihrer genialen Intuition beim Schach verschränkt.

Ein allgemein als emanzipatorisch, anti – sexistisch oder sogar als regelrecht feministisch rezipierter Film, deren MacherInnen lobende Interviews über unsere in diesen Dingen angeblich hypersensibilisierte Zeit geben, in dem ein weibliches Schachwunderkind vor allem aus Augen, Brust und perfekten Posen besteht, ist, vorsichtig formuliert, ein interessantes Phänomen.

Und es wird, fürchte ich, kein Einzelfall bleiben. Fernsehserien scheinen sich von einer Form, die auf verführerische Art Komplexitäten darstellen kann, zu einer Form zu entwickeln, die problematische Phantasien so breit ausmalt, dass kein Platz mehr für Zweifel bleibt.

Die Serie macht Spaß. Sie schadet vermutlich niemandem. Sie ist wahrscheinlich unschuldiger und inspirierender als 90 % aller Geschichten, die aktuell um unsere Aufmerksamkeit buhlen.

Aber: diese ganzen Kämpfe, Experimente und Entscheidungen in der modernen Geschichte von Geschichten, und am Ende feiern wir alle so etwas wie Hollywoodfilme aus den 1940ern in sehr, sehr lang? Wirklich? Naja, vermutlich sollte ich erst einmal den Roman zu Ende lesen, bevor ich die Klappe weiter aufreiße.

10.11. 2020 Das Jahr der Insel und der Äpfel

Wir leben im Jahr der Insel: Weitgehend unbemerkt von den größeren Medien hat sich ein kulturelles Artefakt zum Schlüssel für unsere Zeit gemausert und bringt sie so bezeichnend auf den Punkt wie „Sgt. Pepper`s“ den sogenannten Sommer der Liebe 1967: das niedliche Videospiel „Animal Crossing - New Horizons“ von Nintendo.

Mindestens 20 Millionen Exemplare davon wurden seit März verkauft, und das bei einem weltweiten Verkaufspreis von ca. 60 Euro. Dazu läuft das Spiel nur auf Nintendos eigener Konsole „Switch“, die auch in abgespeckter Form noch mindestens 200 Euro kostet.

Die ersten Cartoons über das vor allem in den USA allgegenwärtige Spiel erschienen schon im Frühjahr im „New Yorker“, wenig später versuchte die chinesische Regierung, den Verkauf des Spiels einzuschränken, nachdem ein Spieler dort die Botschaft „Free Taiwan“ eingeschmuggelt hatte, und im Herbst veranstalteten Joe Biden und sein Team Wahlveranstaltungen in der virtuellen Welt, während Trump – Anhänger sich durch Schilder vor ihren digitalen Häusern im Spiel zu erkennen gaben. Die switch ist nicht nur, aber auch wegen „Animal Crossing – New Horizons“ seit dem Frühling ständig ausverkauft und in einem chronischen Lieferengpass. Die sozialen Medien quellen über von Fotos und Filmen, die Bilder und Szenen aus dem Spiel verfremden, parodieren und häufig genug auch einfach zelebrieren. Auch Begleitprodukte schießen aus dem Boden, von Ohrringen in der quietschbunten Ästhetik des Spiels bis hin zu Fitnessgeräten.

Um die Seltsamkeit dieses Trends würdigen zu können, muss man wissen, dass „Animal Crossing“ eines der auf den ersten Blick handlungs – spannungs- und reizärmsten Spiele überhaupt ist. Der Spieler/die Spielerin landet auf einer leeren Insel in berückender bunter Kinderzimmeroptik, baut ein Haus (und nimmt dafür einen horrenden Kredit bei einem geschäftstüchtigen Waschbär auf) und versucht, es so hübsch einzurichten, dass darum herum ein kleiner Ort entsteht, der von mitteilungsfreudigen (und computergesteuerten) vermenschlichten Tieren bewohnt wird. Das Spiel besteht daraus, Früchte zu sammeln, Insekten und Fische zu fangen und sie zu verschenken, zu verkaufen oder dem allmählich entstehenden örtlichen Museum zu spenden. Kleider und Möbel können entworfen und hergestellt werden, auch die Landschaft der Insel lässt sich noch ein bisschen gestalten.

Das Ganze ist aber kein Weltenknetprogramm wie „Minecraft“. Es ist (trotz der unverschämten Waschbärenkredite, die ein Minimum an Hindernis in das Spiel bringen) keine Wirtschafts – oder Farmsimulation. Auch der Ort entwickelt sich mehr oder weniger von alleine und fordert keine dramatischeren Entscheidungen ab, als die für eine Stadthymne oder für die am Häufigsten auftauchende Obstsorte. Kleidung und Möbel können, innerhalb eines Rahmens, designt werden, aber für eine „Designersimulation“ (ein Genre, das es vermutlich zumindest in Japan auch gibt) bleiben die Kriterien für gelungene Entwürfe zu unklar und die Preise zu unwichtig, laufen zu wenige Models und zu viele Giraffen herum.

Jetzt können SpielerInnen andere Inseln via Internet besuchen und plusminus auch zu mehreren eine Insel bewohnen, aber beides ist eher eingeschränkt möglich und nicht unbedingt der Reiz des Spiels: „Animal Crossing“ ist kein „Second Life“ in Knuddeloptik, Es ist das falsche Programm für digitale Demonstrationen, virtuelle Popkonzerte oder für den Handel mit selbstentworfenen Ohren. Das Spiel, in der Tradition perfekt und streng entworfener Nintendospiele, lässt nicht annähernd genügend Freiräume für solche Selbstermächtigungen. Auch für eine „Lebenssimulation“ in der Tradition der obszön erfolgreichen „Sims“ und allen ihren Ablegern fehlen ein paar Parameter: du musst nichts essen in „Animal Crossing“, es macht nur ein lustiges Geräusch. Es gibt keine Werte für Gesundheit oder Energie, und es interessiert niemanden, wann du dein Haus abbezahlst oder ob du eine Woche lang nicht nach Schätzen gräbst.

Im Grunde gibt es ohnehin nicht sonderlich viel zu tun, und je länger das individuelle Spiel andauert, desto weniger gibt es zu tun. Die neu ansiedelnden Tiere sind zwar interessante Exzentriker, aber wiederholen ihre programmierten Dialoge schnell. Der Straßenmusiker, ein Hund, schaut nur einmal die Woche auf dem Hauptplatz vorbei. Das eigene Haus lässt sich mehrfach erweitern, aber wie viele Schränke in Form eines Apfels oder selbstbemalte Hütchen sind wirklich notwendig?  „Animal Crossing“ bietet etwa eine Stunde Unterhaltung am Tag, mit ständig abnehmender Tendenz. Das Internet ist nicht nur voller Fanseiten für das Spiel, sondern quillt auch über vor Schmähungen von Menschen, die nicht begreifen wollen, warum dieses niedliche Nichts Bestnoten und Rekordverkäufe vorweisen kann.

Ein Hinweis dürfte das einzige Fehlverhalten sein, dass das Spiel tatsächlich sanktioniert: du darfst nicht ausschalten, ohne den Spielstand abzuspeichern. Erst recht nicht, wenn du auf diese Art verschiedene Möglichkeiten einer Entscheidung anschauen willst. Das Spiel ist mit Uhr und Kalender verbunden, alles passiert in Echtzeit und nur einmal (du gibst zusätzlich an, ob du auf der Nord – oder auf der Südhalbkugel wohnst, dazu hält sich hartnäckig das Gerücht, das Wetter im Spiel würde sich an deiner aktuellen Wettersituation orientieren). Wenn du ausschaltest, ohne abzuspeichern, hält dir ein aufgebrachter und tatsächlich relativ unangenehmer Maulwurf eine minutenlange Gardinenpredigt (und sie wird mit jedem ähnlichen Vergehen länger). Dir wird auch nicht die Möglichkeit gegeben, mehrere Spielstände abzuspeichern, und du kannst pro Konsole nur eine Insel personalisieren und bewohnen (die kannst du aber jederzeit komplett ausradieren, aber dann siehst du deine Tiernachbarn niemals wieder, und die von dir entworfene Klippe wird so nie wieder hergestellt werden).

Diese hochartifizielle Kunstwelt, in der zwei verschwisterte Igel die Kleidung nähen, will in diesem entscheidenden Punkt so real wie möglich sein. Was ist das hier?

Haken wir zunächst einmal eine Frage ab: Inwieweit Videospiele auch immer Kunst sein können oder wollen, und was die in vieler Hinsicht brillante Firma Nintendo auch hier und da an Kunst produzieren mag, „Animal Crossing“ ist kein interaktives Kunstwerk. Trotz einer sehr eigenständigen Ästhetik will es keine besonderen ästhetischen Erfahrungen ermöglichen, Bild und Ton bleiben dem Spielprinzip untergeordnet (und bleiben im Rahmen einer seit gut 15 Jahren etablierten Reihe). Konventionen, nicht zuletzt gesellschaftliche, werden nicht durchbrochen, sondern als bekannt vorausgesetzt und ausdrücklich bestätigt. Es gibt keine nennenswerte Narration, und es werden weder künstlerische, noch weltanschauliche Positionen erkennbar eingenommen.

Das alles spricht aber nicht unbedingt gegen das Spiel. Im Gegenteil, diese putzige Gegenwelt scheint nahe zu legen, dass Adorno einfach Unrecht hatte und dass kulturelle Produkte durch und durch affirmativ, kommerziell und industriell angefertigt sein können, - und trotzdem nicht nur kein Instrument des Bösen, sondern eines mindestens des Trostes, und vielleicht sogar der Befreiung (zumindest in einer Zeit, in der das schlechte Ganze nicht einmal ansatzweise noch so tut, als würde es von einer heilen Welt träumen).

 

Auf der einen Seite huldigt „Animal Crossing“ dem totalen Narzissmus – auf deiner Insel bist nur du Kapitän, bzw. Bürgermeister, alles passiert dort ohnehin zu deinem persönlichen Amüsement, und die Welt dreht sich darum, welchen schwer individuellen Hut du für dich entwirfst- und pflegt ihn auf der anderen Seite konstruktiv ein – du hast keine Möglichkeit, „böse“ zu spielen, und letztendlich feiert das Spiel die Gemeinschaft, vom Zelebrieren der Jahreszeiten und Feiertage bis hin zu Museen und öffentlichen Parks als schönster Sahnehaube des Daseins.

Das gelingende Leben in einer harmonischen Gesellschaft wird nicht nur als möglich, sondern als unvermeidlich dargestellt, - und die quälenden Rattenrennen unserer Welt kommen nur in der Form ihrer milden Parodie vor.

Ist das noch Eskapismus oder schon sanfte Sabotage von lähmendem Fatalismus?

Wir werden es erleben, wenn die SpielerInnen ihre Konsolen ausschalten und sich, hoffentlich voll frisch getankter Kraft, an die Gestaltung der großen weiten Welt hier machen.

Viele „Animal Crossing“ – FanatikerInnen in den USA haben nach der Wahl genau das angekündigt. Hoffentlich werden sie nicht davon frustriert, dass so wenige von uns hier draußen Schlappohren haben.

02.1.. 2020 Der Werdegang von "Hallelujah"

Nein, trotzdem und erst recht jetzt bitte nicht „Hallelujah“. Also, nicht das von Leonard Cohen („Hör, O Herr, mein kleines Lied“, der Grand Prix – Gewinner aus Israel oder Händel sind weiterhin erträglich). Ich liebe das Stück, und zwar immerhin schon seit 1991 (siehe unten). Aber es ist wirklich nicht mehr auszuhalten. Ich habe achtzehn Coverversionen von verschiedenen Straßenmusikern auf Band, und dann noch einmal eine Konzertaufnahme mit völlig neuem deutschen Text. Ich will nicht wissen, wie viele Versionen es wären, wenn ich wirklich immer ein Aufnahmegerät bei mir hätte. Ich habe, weil die Realität manchmal schlimmer als das Klischee ist, eine Geigenversion aus Berlin- Wilmersdorf und eine E – Gitarrenversion aus Berlin  Kreuzberg. In jeder Stadt und in jedem Land wird spätestens an Sommerabenden an belebten Plätzen Cohens „Hallelujah“ gesungen, und in diesem kranken Jahr erklang es von den Balkonen und in den Live – Schaltungen für den guten Zweck. Und fast alle dieser Versionen sind einfach fürchterlich.

Cohen selber witzelte zu Lebzeiten gerne, irgendjemand sollte die Aufführung des Liedes für mindestens zehn Jahre verbieten (und das von einem Mann, der sich über dieses Lied finanzierte, nachdem er von Betrügern um sein Altenteil gebracht worden war).

Es geht nicht nur um die Abnutzung, auch wenn solche anrührenden Lieder eigentlich natürlich unter Kopfhörer und in halbwegs weihevolle Stunden gehören. Das Problem ist eher, dass die empathisch herausgebrüllte Verschränkung von Sex und Glauben nicht jedem gleich gut gelingt, und das auch noch Samstagmittag beim Wochenmarkt. Alle StraßenmusikerInnen singen es pathetisch und mit einem zusammengeleimten Text, und das ruiniert das Stück, zumindest nach dem xten Hören. Dabei stammen Text und Musik so sehr von Leonard Cohen, wie „Without you“ von Badfinger geschrieben worden ist: stimmt, aber die Originalfassung hat niemanden interessiert (passender – und grausigerweise haben sich die beiden Songschreiber des ursprünglich ziemlich unprätentiösen „Without you“ erhängt, während Nachsinger Harry Nilsson sich friedlich zu Tode getrunken hat und Mariah Carey gerüchteweise immer noch am Leben ist ---ehrlich verblüffter Nachtrag am 07.11.: genau das ist Thema in der aktuellen "jungle world").

Hallelujah“ erschien zuerst als Abschluss des Albums „Various Positions“ von 1984 (dem in meinen Augen zweitblödesten Albumtitel von Cohen, gleich hinter „New skin for the old ceremony“, womit wir beim Thema wären).

Im Original rechtfertigt Cohen sein Gesamtwerk, das immer wieder Erotik, Spiritualität und Musik verbunden hat, vor einem namenlosen Pharisäer: der habe keine Ahnung von Musik und ihrer Göttlichkeit und würde Cohen Blasphemie vorwerfen. Dabei habe schon einst König David Gott preisen wollen und darüber zu seiner Verblüffung ein Lied komponiert. Der Kritiker habe doch selber die göttliche Seite der Lust erlebt und sei von ihr gedemütigt worden wie David und Simson in der Bibel. Cohen würde ohne Heuchelei die Wahrheit über Lieder, Lust und den lieben Gott singen und würde nackt vor dem Gott der Musik stehen, nur mit einem gebrochenen Hallelujah auf den Lippen.

Klar, Leonard Cohens war der Beste (unter anderen, möglicherweise). Aber Lieder nach seiner frühen Klampfphase leiden beinahe immer unter einem seltsamen Understatement, was Arrangement und Produktion angeht. Speziell „Hallelujah“ klingt entweder wie das letzte Stück in der allerletzten Bar oder wie ein schunkelnder Gospel in einer amerikanischen Freikirche mit einem sehr guten Chor und einem sehr schlechten Keyboard. Cohen raunt seinen programmatischen Text wie leicht angetrunken über einen abgeschliffenen, schleppenden Walzertakt.  

Das Stück blieb selbst unter Fans ein Geheimtipp und bot damit 1991 die richtige Herausforderung für Musikerlegende John Cale, Ex – Velvet Underground und Ikone schöner Töne,  als er als einer vielen Indie-Stars an einer albumlangen Hommage an Cohen teilnahm, der hervorragenden CD „I `m your fan.“

Erst John Cale machte mit majestätischem Piano und bebender Stimme aus dem halb unter Schmunzeln und komischen Klängen versteckten Meisterwerk die erschütternde Hymne, wie wir sie kennen und lieben.

Nur singt Cale ab der dritten Strophe einen völlig anderen Text. Grob gesagt benutzt die alte Fassung das Thema Sex, um über Religion zu reden, während die neue das Thema Religion benutzt, um über Sex nachzudenken. Cale behauptet heute, er habe bei Cohen nach dem Text gefragt, fünfzehn Strophen gefaxt bekommen und die in seinen Augen passendsten ausgewählt. Faktisch hat er die zwei letzten Strophen des ursprünglichen Liedes gegen drei neue eingetauscht. Offiziell besteht „Hallelujah“ dabei nach wie vor aus den ursprünglichen fünf Strophen, ja, selbst das Textblatt von „I`m your fan“ druckt den ursprünglichen Text ab, auch wenn Cale etwas völlig anderes singt( in der ursprünglichen Fassung beginnt die dritte Strophe mit „You say I took the Name in vain".

Cale dagegen macht eine Pause. Er senkt die Stimme. Sie wird weniger schmetternd und weniger melodisch und klingt wie nachdenklich aus der Ferne. Es ist ein deutlicher Einschnitt und ein neuer Ansatz, im Grunde ein neues Lied. Im Anschluss singt er drei inoffizielle Strophen über Göttlichkeit und Kälte von erotischer Liebe, die in ihren hier und da weh tuenden brünstigen Metaphern typisch für Cohen sind, während die wiederkehrende Betonung vom „kalten, gebrochenen Halleluja“ meiner Ansicht nach sehr an Cales eigenes Werk erinnert, dem wir grandiose Anti- Hits wie „Fear is a man`best friend“ verdanken. Alles, was gebrochen ist, ist bei Cohen üblicherweise mit Wärme konnotiert.

Ebenso typisch für den grimmigen Waliser war die nun durchbrochene Struktur: die ersten zwei Strophen adressierten einen Ignoranten, die letzten drei eine Geliebte. Dazu verschob er vorsichtig den Rhythmus. Cale hatte mit dem Lied gemacht, was er mit eigenen Stücken gerne tut: eine komplexere Konstruktion eingebaut als Strophe/Refrain (weswegen auf Cale, der ja auch ein unglaublicher Songschreiber ist, so wenige Evergreens zurückgehen). Cales neue Interpretation war das letzte Stück auf einem recht obskuren Album. Cale hatte einen Schatz gehoben, aber kaum jemand bemerkte es. Die Jahre gingen ins Land, bis Kerzen aus Ohrenschmalz das Stück in den Pantheon erhoben. Keine Metapher

Zuvor sang Cohen bei Konzerten üblicherweise „Hallelujah“ nun entweder als Lied über religiöse Integrität oder als existentialistisches Erotikdrama (und ließ dann konsequenterweise die Anfangsstrophen mit König David und dem abgeschnittenen Haar weg). Er packte nun mehr Leidenschaft in seinen Vortrag und sang auch fortan nie eine der anderen kolportierten zehn Strophen. Es existierten also drei Variationen: der ursprüngliche veröffentlichte Text, Cales zusammengeleimte Version und eine daraus von Cohen wieder destillierte erotische Fassung.

Erst in seinen letzten Lebensjahren gab Cohen auf und sang Cales mittlerweile durchgesetzte Hybridversion. Allerdings löste er dankenswerterweise das Kuddelmuddel der verschiedenen Adressaten auf und sang die zweite Strophe über verführte Männer nun in der dritten Person. Als Nebeneffekt verwandelte sich dabei die im Wortlaut unveränderte bissige Frage in der zweiten Songzeile – „Aber du interessierst dich nicht wirklich für Musik, oder?“- von der Attacke auf einen verklemmten Gläubigen in die Abrechnung mit einer ignoranten Geliebten, die nicht kapiert, was sie und der Erzähler Göttliches miteinander geteilt haben.

Kurz die weitere Geschichte: Gute fünf Jahre gingen ins Land, und für einen Wimpernschlag war ein sensibler junger Mann namens Jeff Buckley der Popstar für nachdenkliche Menschen. Der schwer depressive Buckley machte eine erfolgreiche Platte, „Grace“ und starb dann unter ungeklärten Umständen. Die Geschichte seines Vaters Tim liest sich sehr ähnlich. Buckley bettete „Hallelujah“ für „Grace“ in einen Soundteppich aus behutsam angezerrten E – Gitarren – Tönen. Vom Gesang her blieb er nahe an Cale, bis hin zur hörbaren Zäsur in der Mitte des Liedes, aber er klang deutlich jünger und wehmütiger (und die Stimme war nahe am Sprechgesang). Und ja, natürlich benutzte er die von Cale popularisierte Textversion.

Diese Fassung ist die Blaupause, auf die etwa die Hälfte der StrassenmusikerInnen zurückgreifen, und wenn sie eine e- Gitarre haben, bilden sie gerne die Rückkopplungen bei Buckley nach.

So richtig ins allgemeine Bewusstsein schwappte das Stück allerdings erst mit „Shrek“, Dreamworks“  geballter Abrechnung mit Disney. Wenn in diesem Film alles verloren scheint, und der namensgebende Oger mit gebrochenem Herzen und zerstörter Heldenhaftigkeit traurig durch den Regen tapst, erklingt wundersam und ein wunderbares Stück: es ist „Hallelujah“, scheinbar in der Fassung von John Cale, aber gegen Ende dann viel, viel suhliger und wühliger, besoffen vor Schmerz und Selbstekel und einer sich daraus herausschraubenden, getragenen Ekstase. Interpret war der Junge Folksänger Rufus Wainwright, wie Cohen und Cale ziemlich nahe am Genie. Shrek war wahnsinnig erfolgreich, und nach einer Weile war „Hallelujah“ mit einem Mal das Lied für die Verzweiflung an der und das Mitleid mit der Welt und das Geständnis heißer Gefühle. Und die immer neuen Interpreten verwiesen auf Cohen, aber sie sangen nie seine Originalversion, sondern die, zu der Shrek aus Ohrenschmalz Kerzen formte.

Wainwright hatte sich so ins Zeug gelegt, dass das Stück unter anderem zur Königin der Nacht für Folker wurde – zum ultimativen Test der eigenen Gesangskünste. Auch das Durcheinander des Textes hatte Rufus im Grunde durch Gewalt zusammengeschmiedet – in dieser aufjaulenden Hymne wirkten die kunstvollen Strophen beinahe wie lose Assoziationen.

Nun handelten das Lied weder von einer Glaubenskrise, noch vom einer Affäre oder Beziehung, sondern in bedeutungsvollem Chaos von allem auf einmal: das „Du“ konnte genauso gut Über – ich wie Partner sein, das „Du“ beobachtete nun in der zweiten Strophe hingerissen badende Frauen, während sich in der dritten Strophe die Erzählerfigur in ihm bewegte, nun war das Stück in jeder Sekunde tendenziell pansexuell und handelte gleichzeitig von der Abrechnung mit einem strengen Über – Ich. Und endete in einem kapitulierenden „Gelobt sei Gott“.

Und auch wenn das nun streng genommen keinerlei Sinn mehr ergab, traf dieses allgegenwärtige „Hallelujah“ vielleicht nicht nur ein Lebensgefühl, sondern Cohens Intention. I

Ich glaube nicht so sehr an Missverständnisse in der Poprezeption. Wenn das anti- religiöse „Imagine“ bei Beerdigungen gespielt wird, halte ich das eben so wenig für einen „Fehler“ wie die Liebeskummerballade „I will always love you“ bei einer Hochzeit. Die entscheidenden Aspekte kommen schon an, der Rest sind Details.

Wenn „Hallelujah“ nun also auf krude Art besingt, dass alles schwierig, alles geil, alles göttlich ist, ist das (inklsuive der implizierten umfassenden Anteilnahme an den Mitmenschen) keine so schlechte Zusammenfassung von Cohens Werk (das ich wirklich unglaublich verehre, aber das geht halt nur mit ein bisschen Ironie). Aber dreimal am Tag und als Test für Stimmbänder kann zumindest ich das nicht hören.

„You said I took the Name in vain/ I don`t even know the Name“, wie es so schön am Anfang der ursprünglichen dritten Strophe heißt. Hallelujah.

 

20.10. 2020 Grausam gemütliche Serien (Devs, Raised by Wolves, Bly Manor)

Es will ja niemand wissen, wie viele mehr oder weniger fertige Blogeinträge ich dieses Jahr verwerfe, einfach, weil im allgemeinen Auf und Ab Einträge sich immer wieder sehr plötzlich sehr unpassend lesen. Ich schmeiße sie nicht aus mangelndem Mut oder Trendhinterherhechelei weg, sie sind ja nicht für die Ewigkeit gemacht und gefallen mir akut nicht mehr. Und das, obwohl meine Haltung zur Corona – Krise selber sich nicht ändert, sozusagen stoisch hysterisch bleibt.

Zur allgemeinen Gereiztheit muss ich aber auch nicht noch meinen kleinen Teil beitragen.  Wohin ich gucke, sehe ich nette, häufig wunderbare Menschen, die am Rand ihrer bisherigen Existenz balancieren. Ich habe noch nie die Meinung verstanden, dass Wirtschaftszweige, die von den Zeitläuften kalt erwischt werden, selber schuld sein sollen. Ich habe in keiner Hinsicht Interesse daran, dass der deutsche Film schlapp macht, und ich wünsche mir kaum etwas weniger, als Pleite gehende Thermen.

Aber, bevor ich unbemerkt von Bitterkeit durchsetzt werde, hier trotzdem ein paar Anregungen, auf welche Formulierungen vielleicht in Zukunft verzichtet werden könnte - und danach können wir uns mit interessanten neuen Serien beschäftigen (und über die Frage, warum ich hier nie aktuelle Bücher rezensiere, während ich einige aktuelle Bücher lese, schreibe ich dann ein andermal):

Erster bescheidener Vorschlag: auf das Schlagwort „Corona – Biedermeier“ zu verzichten. Wenn chronisch von Neuigkeiten und Ängsten gebeutelte Menschen hier und da für zwei Stunden nicht aufgescheucht an den Nachrichten kleben und als Nebeneffekt des allgemeinen Wahnsinns auch einmal kurz die Entschleunigung genießen können, ist das noch kein Biedermeier. Ein Spaziergang am Waldrand ist noch kein Biedermeier. Ich hätte auch gerne ein Häuschen mit Garten und verstehe den Neid, aber es gibt selbst in Berlin keine Verpflichtung, sich 24 Stunden am Tag ins Getümmel zwischen dicht gedrängte Touristen und geheime Parties, Bierlachen und Erbrochenes zu stürzen, erst recht nicht, wenn die Empfehlungen der ÄrztInnen das Gegenteil nahelegen.

Umgekehrt mag es sein, dass der „neuartige“ Coronavirus (mit den alten sind wir ja schon auf du und du, die gehören quasi zur Familie) an Orten wie Berlin das vormalige Hedonisten – Biedermeier aufgescheucht hat, aber das ist ein ganz anderes Thema.

Andere zumindest mich massiv nervende Standartformulierungen:

Menschen sind soziale Wesen, und deswegen sollten die Alten und Kranken weggesperrt werden. Man darf den Menschen nichts per Gesetz verbieten, denn sie sind ja mündige kluge Köpfe, und man darf von ihnen nicht erwarten, Verhaltensweisen einzuschränken, die nicht einmal verboten sind. Man muss ihnen die Verantwortung zurückgeben aber darf sie auf keinen Fall verantwortlich machen. Menschen wollen einfach feiern, das lässt sich nicht verbieten und diskutieren, und deswegen muss die Bundesregierung mit der Panikmache aufhören und öffentlich unterstützen, dass die Leute mehr ausgehen.Und es geht ja im Leben nicht nur ums pure Überleben, sondern um ein lebenswertes Leben, und deswegen sollen die Menschen, die unter Spätfolgen der Krankheit leiden, mal Ruhe geben, denn sie sind ja nicht einmal tot.

Puh, das hätten wir hinter uns. Und nun zu ein paar neuen Fernsehserien, die vor Corona konzipiert und weitestgehend produziert wurden, aber eine eigenartig zur Zeit passende elegische Innerlichkeit zelebrieren und lustvoll melancholisch gescheiterte Utopien betrauern. Das ließe sich vielleicht als Ausdruck von Corona – Biedermeier bezeichnen, aber ich denke, es ist höchstens ein Trump – Biedermeier (und vom echten, historischen Biedermeier, um das noch einmal deutlich zu sagen, unterscheiden sich diese Serien genau so wie die Menschen im Garten dadurch, dass sie sich permanent und kritisch mit den Themen beschäftigen, die im eigentlichen Biedermeier verbissen ausgeblendet wurden).

Diese schwelgerisch resignierten Serien erinnern mich an die entschleunigten filmischen Innenschauen, die den Katzenjammer nach den 1960er Jahren illustrierten, die Filme von Visconti und den perfekt wohligen Downer „Lautlos im Weltall“ von Douglas Trumbull (alles tot, Joan Baez singt durch ein leeres All). Oder auch an die Welle von düsteren New Wave – Fantasien, die den Beginn des digitalen Zeitalters gleichzeitig feierten und verteufelten, während die internationale Friedensbewegung (erst einmal) scheiterte, und die Ökologiebewegung sich langsam berappelte, „Koyaanisqatsi“ oder „Blade Runner“. Diese Filme hatten jedoch immer einen Nachteil: sie waren viel zu kurz. Klar, die Menschen waren damals darauf dressiert, ihre Gefühle in den 40 Minuten – Einheiten einer Langspielplatte zu zelebrieren. Aber diese Platte ließ sich ein paar Mal hintereinander weg hören, was bei erzählenden Spielfilmen nur die entschlossensten Cracks durchstanden (die es aber gab. Ich erinnere mich an Menschen, die mit „Koyaanisqatsi“ und dem „Blade Runner“ in Endlosschleife ganze, einsame, Wochenenden verbrachten).

Heute dürfen/müssen manche Fernsehserien dagegen so speziell, atmosphärisch und handlungsarm sein wie es früher nicht einmal ganze Filme sein durften. Und als Ergebnis davon hat dieses verdammte Jahr bereits mehrere mehrstündige bittersüße, glänzende Badewannen für die durchgeschüttelten Seelen gesehen. Stylish anschmiegsame Leerräume für das leicht entrückte Nachsinnieren darüber, warum alles so traurig ist. Die narrativen Kniffe und Tricks dienen vor allem dazu, die behandelten Themen assoziativ hin- und her zu drehen. An allen dreien dieser Serien waren hochkarätige Filmemacher beteiligt (was im Übrigen auch teilweise erklären mag, warum sie durften, was sie durften).

 

"DEVS" von Alex Garland (Fox). Die Handlung von „Devs“ passt auf eine halbe Seite, und dann bleibt noch Platz für Notizen. Die junge Programmiererin Lilli will herausfinden, was mit ihrem verschwundenen Freund passiert ist, der bei dem schicken, mysteriösen Projekt „Devs“ angeheuert hat (angeblich eine Abkürzung für „Developers“, Entwickler, wie sich herausstellt eigentlich das lateinische Wort „Deus“= Gott). Unter der Anleitung eines genialischen Software – Gurus will „Devs“ Kontrolle über die Zeit gewinnen.

Acht Folgen lang wird diese einfache Geschichte, theoretisch ein Verschwörungsthriller, umkreist und aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Dabei entpuppt sich die Serie als ruhige, spröde Meditation über Zeit und über Schicksal, über Nähe und über das Wesen der Realität. Lange Szenen beschreiben eine unwirkliche, weitgehend stumme und abweisende Welt, in der die golden schimmernde Firmenzentrale von „Devs“, ein Gitternetz aus leuchtenden Speichereinheiten, lang ausgespielte Progrogstücke und hier und da etwas Natur für etwas unwirkliche Wärme sorgen. Dialoge stocken, auf den ersten Blick klärende Flashbacks sorgen nur für mehr Verwirrung, Liebesszenen wirken auf sanfte Weise roh und verzweifelt (und erinnern verblüffenderweise an die Nicht – Gespräche in den Filmen der Nouvelle Vague aus den 60ern).

Inhaltliich kommt vergleichsweise wenig rum (dass Daten als Religion nichts taugen, wussten wir vermutlich schon vorher), aber übrig bleibt ein überraschend behutsames Plädoyer für das individuum, ob es tatsächlich existieren mag oder nicht.

 

Raised by Wolves von Aaron Guzikowski (Konzept und sechs der zehn Drehbücher) (HBO, deutsch bei TNT SERIE)

Irgendwann, irgendwo da draußen: Kurz bevor die Erde unbewohnbar wird, landen zwei Androiden mit acht potentiellen menschlichen Neugeborenen auf einem bizarr fremdartigen Planeten. Zwölf Jahre später landen AnhängerInnen einer neuen Sekte auf dem Planeten und treffen nur noch die Androidenmutter und den zwölfjährigen Campion an. Was ist hier geschehen? Und was wird geschehen?

Diese Serie sollte den neuen Streamingdienst HBO MAX als Champion ins Rennen schleudern, und der große Name war hier der von Ridley Scott, der die ersten beiden Episoden extrem elegant inszeniert hat. „Raised by Wolves“ entpuppte sich allerdings bisher höchstens als Achtungserfolg, was daran liegen mag, dass die Serie sehr ernst und sehr ruhig ist und es mehr als schwer fällt, hier irgendwem dauerhaft die Daumen zu drücken. Trotz (in meinen Augen) immer noch zu viel Militär ist die Serie eine Reflektion über Zivilisation, Familie und Glauben, und damit thematisch gar nicht so weit entfernt von manchen Western. Tatsächlich haben wir es hier aber mit einer disziplinierten Form von Psychedelik zu tun: alles sieht aus wie kupfern lackiert, der Planet ist durchsetzt von halborganischen Labyrinthen aus Pflanzen und Mineralien, pausenlos treiben dich hypnotische Klänge in einen leichten Rausch, und natürlich geht es einmal mehr um das Wesen des Menschen.

 

Spuk in Bly Manor“ von Mike Flanagan u.a. (Konzept, ein Drehbuch, Showrunner), (Netflix).

Mehr Corona – Biedermeier geht kaum: junge, schöne Menschen sitzen, angeblich in den 1980ern, in einem behaglich gruseligen Haus vorm flackernden Kamin, und hier und da schaut ein Geist vorbei. Nach der brillanten und bedrückenden Shirley Jackson – Adaption „Spuk in Hill House“ ist die Nachfolgeserie deutlich leichter konsumierbar und wird offensichtlich quer durch Altersstufen und Milieus fröhlich konsumiert.

Das flotte Kindermädchen Dani kommt ins verspukte Herrenhaus Bly Manor, um die beiden Waisenkinder Flora und Miles im Auftrag ihres Onkels über die Ferien zu erziehen. Das vorangegangene Kindermädchen, Miss Jessel, hat sich umgebracht.

Die Geschichte klingt vertraut, denn sie basiert auf einem der wenigen echten Kultbücher, der „Drehung der Schraube“ von Henry James. Doch während der beunruhigende Kurzroman von James vom Durchdrehen in Einsamkeit handelt und von einer sich in allen Ecken versteckenden, entweder durch Verdrängung pervertierten oder an sich schon perversen Sexualität, herrscht in der Serie ein ständiges Kommen und Gehen halbwegs liebenswerter Figuren, und der Blick auf Erotik ist locker und positiv (selbst durch eine zeitlose, persönliche Vorhölle geisternde Personen finden noch charmante Gesellschaft für Besäufnisse). Von der an Trickbilder erinnernden Ambivalenz des Buchs (das eine der unzuverlässigten Erzählerinnen der Literatur präsentiert) bleibt nichts übrig, auch wenn nicht immer alle Personen alle Geister sehen können, und auch hier die Subjektivität von Erinnerungen thematisiert wird (die Serie könnte eigentlich auch eine Verfilmung von „Sturmhöhe“ mit ergänzenden Nebenhandlungen sein. Nahe am Original ist dagegen der Filmklassiker „Schloss des Schreckens“, geschrieben von Truman Capote, inszeniert von Jack Clayton).

"Spuk in Bly Manor" handelt von zwischenmenschlichen Beziehungen, ihren verschiedenen Möglichkeiten und Problemen, die im Gewand ineinander verschränkter, luftiger und nur punktuell gruseliger Schauergeschichten erzählt werden.

Was die summenden Riesencomputer bei Devs sind und die bizarren Gesteinsformationen in Raised by Wolves, sind hier die prächtig verstaubten Gänge von Bly Manor: Symbole für das Labyrinth im eigenen Inneren, das in allen drei Serien bei aller Bedrohlichkeit und Ver- rücktheit Antworten bereithält für die Herausforderungen einer schwer durchschaubaren Außenwelt.

Das ist kein Biedermeier, das tut hier und da ganz schön weh. Aber ja, es ist ziemlich gemütlich.

 

06. 10. 2020 Inside No. 9

Manchmal spielt das Universum ja doch mit (zumindest bei kleinen, egoistischen Wünschen): vor allem in den letzten Wochen und Monaten habe ich beinahe ständig nachgeschaut, ob sich nicht doch ein deutscher Sender oder Streamingdienst endlich einmal „Inside No.9“ annimmt, und jetzt stehen immerhin die ersten vier (kurzen) Staffeln (von fünf) bei arte in der Mediathek und im Programm.

Worum geht es? „Inside No. 9“ (BBC, seit 2014) ist eine Sammlung meist makabrer halbstündiger in sich abgeschlossener Fernsehstücke, irgendwo zwischen satirischem Sketch und Einakter. Die beiden Autoren sind auch die (in vielerlei und zum Teil grotesken Masken und Kostümen) beiden ständigen Darsteller (meist spielen sie auch die jeweiligen Hauptrollen): Steve Pemberton und Reece Shearsmith. Neben Nebenrollen in anderen britischen Programmen haben sie vor allem diverse seltsame Gestalten in ihren eigenen derben Comedyshows, Psychoville und League of Gentlemen dargestellt (die für mich immer einen Tick zu grotesk waren).

Pemberton und Shearsmith reihen sich dabei in die provozierend talentierte Runde schreibender SchauspielerInnen ein, zu der auch die Clique Emma Thompson/Stephen Fry/ Hugh Laurie gehört und der Sherlock – Miterfinder (und ihr alter Gentlemen- Spezi) Mark Gatiss. Verantwortlich für diese in Großbritannien nicht gerade seltene Personalunion ist vermutlich das ewige Vorbild Shakespeare, das sich zu Lebzeiten vermutlich vor allem als Schauspieler und Leiter einer kleinen Theatertruppe begriff. Diese kulturelle Besonderheit bringt häufig spektakulär gute Drehbücher und sehr vielseitige DarstellerInnen hervor (Regie und Kamera werden dabei traditionell eher vernachlässigt). Alleine auf einer handwerklichen Ebene ziehen Pemberton und Shearsmith bei Buch und Performance alle Register: die knapp 30 Episoden von „Inside No. 9“ buchstabieren mehr oder weniger alle bisher bekannten Plottwists aus und bemühen sich, sie zumindest mit einer individuellen Note zu versehen, und die Darsteller brillieren mit den unterschiedlichsten Charaktertypen, Gebrechen und, vor allem, Akzenten.

Auf den ersten Blick harmlose Exzentriker treffen in scheinbar beinahe gewöhnlichen Situationen aufeinander, die schnell abdrehen und (häufig dunkle) Geheimnisse offenbaren. Das ist, in aller Kürze, in etwa die grundlegende Formel der Reihe.

Stell dir vor, bei einer exklusiven Vernissage ist der Künstler selber nicht anwesend, und die geladenen Gäste scheinen wenig miteinander gemein zu haben. Stell dir vor, ein Telefonseelsorger erhält bei der Arbeit obszöne Anrufe. Oder auch: stell dir vor, ein Streich mit der versteckten Kamera über eine spiritistische Seance läuft aus dem Ruder. Das böse Universum von „Inside No. 9“ hält sich nicht immer an die Naturgesetze.

Pemberton spielt tendenziell die auffälligeren Freaks (kann aber auch scheinbare Normalmenschen mit manchmal ungemütlicher Glaubwürdigkeit verkörpern), Shearsmith die gut funktionierenden, meist ein bisschen smarten Durchschnittsmenschen, die auf den ersten Blick nur eine winzige Marotte oder Schwäche mit sich herumschleppen.

Das hat, bei allen bitterkalten Pointen und aller zeitgenössischen Satire (um die es vor allem geht), etwas Gemütliches (Vorläufer wie die Fernseharbeiten von Alfred Hitchcock oder „Die Krimistunde“ sind unverkennbar), und vielleicht taucht die Serie darum erst jetzt offiziell bei uns auf. Selbst die besten Episoden sind mindestens fünf Minuten zu lang und lassen den beiden Hauptdarstellern ein wenig zu viel Raum und Leine, um ihre Virtuosität auszustellen. Die Serie ist auch nicht darüber erhaben, genüsslich Klischees und Vorurteile auszuspielen, die dabei häufig nur scheinbar parodiert werden: Ehrgeizige Fernsehschauspielerinnen und neureiche Realitiy TV – Sternchen werden hier genau so dargestellt, wie sie ganz sicher nicht sind. In einer (ohnehin nicht unbedingt brillanten) Episode, „The coach“, spielt Pemberton einen Deutschen, und das ist dann ein furzendes, grunzendes Ekel, beinahe eine primitivere Lebensform, und erweist sich gleichzeitig als brillanter Ingenieur. Und, umgekehrt entpuppt sich ein pedantischer, chauvinistischer kleiner Spießer natürlich als das beunruhigendste Monster der Serie. Es ist alles sehr britisch, betont klischeehaft britisch: von den karierten Bademänteln und gemeinen Höflichkeitsformeln bis hin zu Kreuzworträtseln, Fussballkult und Fäkalhumor.

Und dann sind da diese beinahe arrogant meisterhaften, jede Wendung vorbereitenden und ausschöpfenden Drehbücher.

Wenn Pemberton sich beschwert, es würde zu sehr auf die Pointen geschaut, während die eigentlichen Stärken des Programms ja ganz woanders liegen würden, erinnert mich das an diverse Aussagen von Günther Grass, er sei ja eigentlich Lyriker, wenn nicht bildender Künstler (wobei bspw. die Dialoge von Pemberton und Shearsmith sicherlich weniger problematisch sind als Gedichte von Grass). Pemberton und Shearsmith liefern natürlich keine hohlen Twists und Überraschungen ab, sondern die sagen, bis auf ein, zwei Ausnahmen, eine Menge über die Welt und die Menschen aus. Auch Plottwist sind ja eine Weltanschauung.

Und Welt und Menschen sind die meiste Zeit auf sehr gekonnte und insgeheim nachdenkliche Art karikiert (selten wurden bspw. InfluencerInnen und ambitionierte Eltern besser auf den Punkt gerbacht) Die Regie ist meistens sehr gut, die Ausstattung ist durch die Bank nicht nur sorgfältig, sondern nahe am Augenschmaus. Und das kurze, aufscheuchende Streicher-Pizzicato des Titelthemas ist einer der gemeinsten Ohrwürmer, die du haben kannst.

Aber ja, „Inside No. 9“ lebt von seinen beinahe bereits arrogant gewitzten Drehbüchern und ist vor allem etwas für Menschen, die sich mit den Möglichkeiten des Erzählens hier und da gerne auch einmal auf einer beinahe abstrakten Ebene beschäftigen (nicht zufällig handelt eine, sehr makabre, sehr geschmacklose, Episode von ehrgeizigen Kreuzworträtselerfindern). Da spielt eine Folge konsequent auf einem Hotelflur und wird vollständig in Jamben gesprochen, da gibt sich eine andere Episode als Parodie auf Wiederveröffentlichungen von Billighorror aus den späten 1970ern samt weihevollem Audiokommentar.

Hier nur rasch drei Empfehlungen (ohne Begründungen dafür, warum es nicht andere, beliebtere Folgen geworden sind, das wäre selbst für einen Hinsweis auf Inside No. 9 zu meta):

A quiet night in/ Ein ruhiger Abend zu Hause“, die zweite Folge der ersten Staffel, ist bereits eine Pantomimenfolge – eine sportliche Herausforderung für zwei sonst so dialogverrückte Autoren. Zwei ungeschickte Einbrecher wollen ein kostbares Gemälde aus einer modernistischen Villa stehlen. Dummerweise ist der Hausherr anwesend. Und nicht alleine. Und jedes erdenkliche Hindernis scheint sich ihnen in den Weg stellen zu wollen. Es wird sehr witzig. Und ziemlich blutig.

 

Once removed/ Der Umzug“, Episode 4.3.: Ein argloser Umzugshelfer klingelt bei einer Kundin und stolpert in ein bizarres Blutbad. Häppchenweise wird enthüllt, wie es dazu kommen konnte. Ich will mich nicht mit Nolan- oder Seinfeld- Fans prügeln (oder mit denen von Harold Pinter, auf den diese Experimente vermutlich ursprünglich zurückgehen), aber behaupte halblaut: cleverer wurde noch nicht falschrum erzählt.

 

Dead Line“ (Halloween Special), steht noch nicht bei arte herum, schwirrt aber durchs legale Netz wie keine andere Folge: Die erste Live – Episode von „Inside No. 9“! Eine pfiffige, beunruhigende Geistergeschichte, leider zeigt sich die Technik von der Übertragung etwas überfordert. Der Ton fällt aus. Irrtümlich werden Schnipsel einer anderen Sendung eingespielt. Dann werden die ratlosen Darsteller in ihrer Garderobe gezeigt. Und erst nach und nach erfahren wir die Wahrheit über einen verstorbenen Studiomitarbeiter.  

 

Dazu gäbe es noch eine Menge auszuführen und anzumerken, aber das würde uns unweigerlich in das Gebiet der verratenen Geheimnisse und verdorbenen Überraschungen führen.

Darum also: Schweigen. Und gemeine Geigen (und hoffentlich spielt das Universum jetzt auch in Zukunft hier und da mal ein bisschen besser mit- zumindest bei kleinen, egoistischen Wünschen).

26.08. 2020: Ray Bradbury, der pausbäckige Surrealist (nur eine Metapher)

Letzten Samstag wäre Ray Bradbury 100 Jahre alt geworden, und das haben andere auch schon bemerkt. Machen wir es also so kurz und formlos wie möglich:

Ohne Ray Bradbury (1920- 2012, etwa sieben Romane,- Definition schwierig,- Hunderte von Erzählungen) würde es das Werk von Neil Gaiman vielleicht nicht geben, genau so wenig wie das von Tim Burton oder Guillermo del Toro. Ohne Bradbury hätte Stephen King vermutlich trotzdem Shining geschrieben, aber wahrscheinlich nicht Es (und Stranger Things gäbe es also gleich doppelt nicht). Zwar hat Bradbury vermutlich nicht die Ein Bild- Cartoons mit der Addams Family beeinflusst, aber ganz sicher die folgenden Fernsehserien und Kinofilme.

Bradbury hat nette Werwölfe von nebenan und neurotische Astronauten in die Literatur eingeführt, er hat Kindergeschichten als Gruselstoffe erfunden und Gruselstoffe als Kindergeschichten, Science Fiction als Satire und Science Fiction als Psychogramm. Er hat fünfzig Jahre vor dem ersten Smart Home beschrieben, warum es uns hasst. Er hat die entzückte Agonie eines verloren durch das All treibenden Raumfahrers geschildert, bevor sich Clarke und Kubrick und Bowie daran versucht haben. Er hat mit als Erster amerikanische Kleinstädte als verwunschene Fantasiereiche beschrieben und als abgründige Stolperfallen. Er hat das ergriffene Augenzwinkern erfunden, das wir heute als den üblichen Tonfall in der gehobenen Phantastik kennen. Kindheit als einen Zustand. Und auf der anderen Seite einen schiefen, entfremdeten Blick auf die aktuelle Gesellschaft, mit dessen Hilfe Neugierde blitzschnell in nackte Panik umschlagen kann (nicht zufällig arbeitete er sowohl für die legendäre Fernsehserie „The Twilight Zone“, als auch für die galligen Comics der „Tales from the crypt“). Sobald er nur ein Minimum an Beinfreiheit hatte, entwarf er in all seinen Werken eine amerikanische Version des „Magischen Realismus“, in der die Diktatoren und die Dschungel nur geträumt sind, aber nicht weniger einschüchternd, in der schummerige Rummelplatzbuden und verwaiste Freizeitparks heilige Orte sind, in der in gemütlicher Heimarbeit aus Löwenzahn magische Erinnerungstränke gebraut werden und in der die Protagonisten nicht durch Labyrinthe alter Texte und verbotener Überlieferungen irren, sondern von den Echos amerikanischer Popkultur aus den 40ern heimgesucht werden.

Bradbury sah aus wie Charles M. Schulz, der Schöpfer der Peanuts, oder wie Jimmy Carters nerdiger Bruder. Er sah aus wie die fleischgewordene kalifornische Version eines Intellektuellen, als die USA noch an sich glaubten: gutgelaunt, klug, mit beiden Beinen auf der Erde. Aus manchen autobiographischeren Romanen und Erzählungen wissen wir, dass er sich diese Aufgeräumtheit und Erdverbundenheit hart erarbeitet hat. Sie sorgten zusammen mit seiner nur scheinbar naiven Reflektiertheit dafür, dass er nicht als Genre – oder Kultautor verkümmerte, in einer Zeit, die dafür noch keine Verwendung gehabt hätte. Selbst in seinen makabren frühen Stories ist Bradbury Humanist, selbst in seinen ambitionierten späten Stories über kaputte Beziehungen hat er etwas von einem nachsichtigen Grundschullehrer. Cool war er also nie, didaktisch immer und, vor allem in reiferen Jahren mit seinen Schwelgepassagen immer ein wenig zu nahe am Kitsch gebaut. Aber das war ein kleiner Preis dafür, aus kruden Nebengedanken, bösen Beobachtungen und weit aufgesperrten Synapsen ein häufig so beglückendes Werk zu erschaffen.

Denn selbst wenn Bradbury sich sardonische Witze über untote Liebespaare erlaubt oder kühl Rassismus seziert, sucht er, wie nebenbei, immer nach der Stunde der wahren Empfindung, nach dem vollkommen erlebten Augenblick.

Selbst Bradburys trostlosestes und erfolgreichstes Buch, Fahrenheit 451, zelebriert die Momente, in denen der Bücher verbrennende Feuerwehrmann Montag Genuss am Lesen findet. Andere Werke evozieren Herbstwind und schlaflose Nächte, das Beobachten von um die Ecke verschwindenden Tieren und die Fülle und Vergänglichkeit des Lebens (mit einem Lieblingssatz von Bradbury nervte ich als Teenager pausenlos meine Umwelt: „Der Mittelpunkt der Welt kann überall sein“, was möglicherweise -!- Einfluss auf einen Romantitel vom Freund eines Freundes hatte). Jede Sekunde in Bradburys Werk ist bis zum Bersten aufgeladen mit Möglichkeiten.

Als Beleg dafür hier der Verweis auf drei zweitliebste Erzählungen von Bradbury (das Aufzählen meiner Lieblinge wäre im Moment meiner Meinung nach etwas zu intim, aber ein Bradbury – Lesebuch mit speckigem Buchrücken, kryptischen Kinderbildern als Illustration, voller Eselsohren und Pflaumensaftflecken gehört eigentlich auf jedermenschs Nachttisch), alle enthalten in vergriffenen, aber vergleichsweise häufig zu findenden Diogenes - Büchern:

Der Tod eines vorsichtigen Mannes“ (in: „Der Tod kommt schnell in Mexiko“): Eine von Bradburys frühen, eher untypischen grausigen Pointengeschichten; Rob ist Autor, Ekel und Bluter. Amüsiert bemerkt er, wie ihn seine halbe Welt wegen Klatsch und einem Schlüsselroman umbringen will. In seinen letzten Momenten findet er beinahe Frieden.

Dunkel waren sie und goldäugig“ (in „Medizin für Melancholie“): Eine ordentliche irdische Kleinfamilie lässt sich auf dem Mars nieder und ignoriert die Hinweise auf eine untergegangene Kultur. Dann beginnt sie, sich zu verändern. Kurz, subtil, wild und meisterhaft. Ist das Gesellschaftskritik oder Tiefenpsychologie? Es ist sehr Bradbury.

 

Du wirst dich fragen, warum wir hier sind ?“ (in „Die Laurel und Hardy Liebesgeschichte“). Ein einsamer Mann in der Midlifecrisis bekommt Besuch von den Geistern seiner Eltern. Er fragt sie, warum er nicht glücklich ist. Es folgt eine weiche, unspektakuläre Pointe, die alle Schuhe auszieht und seltsam mit der Welt versöhnt.

 

Und damit haben wir nicht einmal ansatzweise am Eisberg gekratzt. Zu Bradburys 90. Geburtstag widmete ihm die angehende Komikerin Rachel Bloom (später Hauptdarstellerin, Co- Autorin und Co- Komponistin der experimentellen Musicalserie „Crazy Ex – Girlfriend“ ein obszönes Musikstück, meines Wissens nach ein einmaliger Glückwunsch für einen Autor. „Fuck me, Ray Bradbury“ war in seiner launig gejauchzten Auflistung von Buchtiteln auf seine Art ein dann doch beinahe passender Tribut an den Propheten der gutartigen Seltsamkeit. Bloom wurde damit (ohne Plattenfirma) zum Star (und dem greisen, meist grantelnden Bradbury soll das Stück auch gefallen haben).

 

 

 

17. 08. 2020 Taugt der neue "Duden" als Urlaubslektüre?

Vor wenigen Tagen ist der neue „Duden“ rausgekommen, und ich war einfach zu gespannt, was drin steht und hab` die ersten Kapitel verschlungen. Danach, so etwa bei „D“ (die Kapitel sind wie Buchstaben entlang des Alphabets benannt, was zumindest ich für einen cleveren Dreh halte) setzte eine gewisse Müdigkeit ein, denn die Dramaturgie ist nicht unbedingt toll.

Klar, es ist Absicht: schnell, präzise, beinahe stichwortartig werden alle Themen angerissen, die mir wichtig sind. Dabei wird auch vor deutlichen und derben Worten nicht zurückgeschreckt, denn die AutorInnen wissen genau, dass es heute darum geht, sich ohne Angst vor Peinlichkeiten zu positionieren. Aber, was für eine Wortgewalt steckt in dem Buch! Da werden einfach alle Register gezogen, primitive wie elaborierte, altertümelnde wie futuristische, packend und authentisch. Hinter dem schon obsessiven Ausspucken von „Sprache“ wird nach und nach eine große, wütende Zärtlichkeit erfahrbar, die sich nicht zufriedengeben will und kann.

Die AutorInnen bleiben weitgehend anonym, was nur konsequent das Prinzip der individuellen Autorenschaft unterläuft und das Herumwandern und Sichwiederfinden der Lesenden ermöglicht. Ich darf vermelden: ich kann es, da ist viel dem Leben abgelauscht, und ich musste bei manchen trockenen Benennungen ordentlich (und ein wenig ertappt) schmunzeln.

Auch auf „Handlung“ setzen die AutorInnen sehr wenig, die Welt soll nicht länger mit häufig problematischen Narrativen verstellt und überformt werden, sondern als sie selber deutlich werden. Zwischen den Zeilen bleibt allerdings für den Eingeweihten kaum etwas ungesagt, und die so ostentativ verschwiegene „Handlung“ drängt sich geradezu obszön als Aufforderung zum Quer - und Selberdenken auf. In wie selbstverständlicher Opposition zum beliebten Relativismus werden hier Ross und Reiter genannt. Zum Teil auch ihre Synonyme.

Dass auch auf Figuren größtenteils verzichtet wird, mag zunächst etwas radikal erscheinen, folgt aber der Logik des Infragestellens: wer will sich noch anmaßen, für andere zu sprechen (und das gilt besonders für erfundene Figuren, denen die Ausbeutung quasi eingeschrieben ist) ? Gleichzeitig will der „Duden“ offensichtlich trotzdem unsere Gegenwart multiperspektivisch beleuchten. Diese etwas gewagte literarische Konzeption geht zumindest für mich voll auf – die abwesenden, verneinten Figuren des „Duden“ kamen mir schon nach wenigen Seiten glaubwürdiger und sympathischer vor als die meisten ProtagonistInnen der übrigen deutschen Gegenwartsliteratur.

Die an Arno Schmidt erinnernde, beinahe manieristische Freude an Abkürzungen und ironisch gelehrt anmutenden Stummelsätzen, samt pausenloser Anspielungen auf die Untiefen der deutschen Grammatik, verschafft dem umfangreichen Band eine Ebene über das reine Schmökervergnügen hinaus, aber auch auf dort heißt es hinter manchen, nicht zufälligen Begirffen, wie selbstverständlich, augenzwinkernd und trocken: "(Fachsprache)". Keine weiteren Fragen.

Aber, es ist auch nicht alles Gold, was glänzt: wohl in dem als „Provokation“ verbrämten opportunistischen Versuch, sich an das größtmögliche Publikum anzubiedern, finden sich im „Duden“ leider auch einige Ausdrücke, die zumindest ich in einem solchen Werk nicht finden möchte. Wann wird es endlich begriffen? Sprache ist nicht wertfrei, kann, manchmal, aussagen, meinen, wirken. Es kann also nicht darum gehen, in einem solchen Buch (dass sich eben auch durch viele lobenswerte Ansätze auszeichnet) scheinobjektiv quasi alle Worte der deutschen Sprache aufzulisten. Da erwarte ich heutzutage einfach mehr, Mutigeres, Genaueres. Vielleicht lässt sich der Verlag ja dazu bewegen, hier doch in anderen Medien deutlicher Stellung zu beziehen, anstatt sich geschäftstüchtig im Ungefähren oder hinter einem "Kontext", der sich einmal mehr selber entlarvt, zu verstecken.

Es wäre dem „Duden“ zu wünschen, da nicht den Weg des Mainstreams zu gehen, denn von solch klaren zeitgenössischen Stimmen können wir gerade heute mehr gebrauchen.

09.08. 2020 20 Hinweise auf 20 Plottwists (Achtung, abstrakte Spoiler!)

Da ja viele Menschen in diesen Tagen die Fenster verhängen, die Kaninchen scheren, riesige eiskalte Getränke in floral gewölbten Cocktailgläsern kippen (auch wenn lauwarme salzige Getränke viel gesunder wären – und deswegen auch mal nachdrücklicher neuerfunden werden sollten) und wenigstens die viel zu warmen Nächte mit pfiffigen erfundenen Geschichten rumkriegen (oder viel zu lange Sätze bauen, die speziell im Internet vermutlich niemand mehr liest), hier mal eine kleine, unvollständige, aber extrem praktische Liste (sie spart Zeit und Nerven), woran welche Storytwists zu erkennen sind (mit einem kleinen Schwerpunkt auf Film, weil sich Filme mittlerweile besonders gerne in Wendungen gefallen).

Ausgangspunkt ist der kluge Hinweis des legendären Kim Newman (er schreibt gute Gruselbücher und gute Bücher über Gruselfilme), dass eine Figur, die in einem nach 1990 gedrehten Film nur mit einer anderen Figur spricht, in der Regel eine Halluzination ist.

Und weiter geht`s:

 

1.      1..  Eine Figur, die nur mit einer anderen Figur spricht, existiert nur in der Phantasie dieser Figur.

2.     2.   Ein gegen die Wahrscheinlichkeit häufig im Radio laufendes Musikstück ist ein Hinweis darauf, dass die Hauptfigur tot ist oder in einer Zeitschleife fest hängt.

3.     3.   Ein gegen die Wahrscheinlichkeit häufig den Weg der Hauptfigur kreuzender Fremder ist ein Hinweis darauf, dass die Hauptfigur tot ist oder in einer Simulation steckt.

4.     4.   Wiederholt auftauchende Straßen – oder Hinweisschilder, die eigene, lange Einstellungen bekommen, signalisieren Tod, Koma, Simulation oder Zeitschleife.

5.     5.   Verhält sich ein Mensch sehr widersprüchlich und scheint sich nicht daran zu erinnern, ist das ein Hinweis auf einen geheim gehaltenen Zwilling oder eine Zeitschleife.

6.       6. Stirbt ein Zwilling in einer Rückblende, hat in Wirklichkeit immer der andere überlebt.

7.       7. Der beste Kumpel eines Betrügers steckt hinter dem Betrug, der diesen schließlich ruiniert.

8.       8. Der kumpelige Mentor ist immer der Schurke.

9.       9. Der pedantische Vorgesetzte ist immer der Schurke.

10.   10. Wiederholte Alltagsrituale sind entweder satirisch gemeint oder weisen auf eine Zeitschleife oder eine Simulation hin.

11.   11. Gibt es verschiedene Zeitebenen, ist die böseste und/oder seltsamste Person immer insgeheim die früher knuffigste Person in älter.

12.   12. Gibt es eine Intrige, zieht die scheinbar knuffigste Person in Wirklichkeit die Fäden (und beschwert sich, dass niemand sie ernst nimmt).

13.   13. Jeder Mann, der behauptet, die beste Freundin seiner Frau gerade kennen zu lernen, hat in Wirklichkeit seit Jahren eine Affäre mit ihr.

14.  14. Wird eine nahende Rettungsaktion vor einem Haus gegen eine Bedrohung in einem Haus geschnitten, handelt es sich in Wirklichkeit um zwei verschiedene Häuser.

15.   15. Freut sich eine Figur in einem Film auf das langerwartete Wiedersehen mit einer anderen Figur, schwellt die Musik in der Wiedersehensszene an und verweilt die Kamera ungewöhnlich lange auf dem Hinterkopf der zweiten Figur, dreht diese sich schließlich um und fragt: „Wer sind Sie?“

16.   16. Wenn dich deine Mutter vor einem Monster warnt, ist entweder sie das Monster, oder du bist es.

17.   17. Die unscharf aussehenen, angelich zur Rettung kommenden Fremden am Horizont sind entweder tot, wollen selber gerettet werden oder gehören zu ihnen.

18.  18. Wenn ein Gefangenentransport erwähnt wird, flieht der Schurke (und die Festnahme gehörte vermutlich zu seinem Plan).

19.  19. Die scheinbar überflüssige Person bei einem geheimen Meeting (einer Verhaftung/einer Expedition) ist ein Doppelagent (und bringt alle anderen um, sobald sie so etwas gefragt wird wie „Warum helfen Sie nicht?“).

20.  20. Das Heilmittel/die Mordwaffe/ der Geheimcode steckte die ganze Zeit in dem blöden Teddy.

 

 

 

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02.08.2020 "Meine dunkle Vanessa" von Kate Elizabeth Russell

Nein, bei diesem Wetter und diesen Infektionszahlen wird das nichts mit den heiteren Gedankenspielen über die neuen Möglichkeiten des Kinos. Noch dazu liegt mir ein gutes Buch im Magen. Schnappen wir uns also das Buch, das am 20.08. offiziell auf Deutsch herauskommt:

„Meine dunkle Vanessa“, von Kate Elizabeth Russell.

Um dieses Buch gab es in den letzten Jahren einigen Wirbel. Das Drumherum lässt sich dabei aus dem einfachen Grund nicht ausblenden, dass es dem Buch vorausging: Der Roman ergatterte bei einem halbgeheimen Bieterwettbewerb einen Rekordvorschuss, bevor er fertiggestellt war. Stephen King hat die Fertigstellung begleitet und gecoacht. Der Roman wurde in den Buchclub der Fernsehmoderatorin Ophra Winfrey aufgenommen und wieder rausgeschmissen, bevor er erschienen war. Und er hat, in den USA, eine umfassende Diskussion um Fiktion und Erinnerungsliteratur losgetreten, bevor eine allgemeine Öffentlichkeit eine Chance hatte, auch nur ein Kapitel zu lesen. Das heißt: ohne dieses ganze Drumherum gäbe es den Roman zumindest in der vorliegenden Form vermutlich gar nicht. Was schade wäre, denn er ist eine gründlich markerschütternde Lektüre.

Worum geht es bei der Aufregung? Die knapp 30jährige Ich – Erzählerin Vanessa verfolgt beunruhigt, dass ihr ehemaliger Lehrer Jacob Strane in den sozialen Medien des Missbrauchs von Schülerinnen angeklagt wird. Sie weiß, dass das Blödsinn sein muss. Schließlich hat sie mit Strane seit 15 Jahren eine intime Beziehung.

Mindestens die erste Hälfte des Romans ist meisterhafte Millimeterarbeit: Während die mehr als unzuverlässige Erzählerin Vanessa abwechselnd gebannt dem Skandal folgt und ihre Erinnerungen Revue passieren lässt, begreifen wir ein perfides System des Missbrauchs, erkennen, wie bspw. Vanessas Hintergrund als ambitioniertes, aber unsicheres Mädchen aus der Provinz und Stranes zunächst verhaltene Komplimente ineinander greifen oder wie skrupellos Strane seine scheinbaren Schuldgefühle schon früh als Waffe gegen das Mädchen einsetzt. Wir sehen das Kennenlernen wie unter dem Mikroskop, kein Detail ist überflüssig (nicht der einsame See, an dem Vanessas Eltern leben und nicht die Frisuren ihrer Mitschülerinnen). Der kumpelige,  beiläufig übergriffige Strane wird von der Beobachterin bis zur Kenntlichkeit hin seziert, während die eitle, ehrgeizige und gehässige Vanessa als Anti – Heldin und Opfer mit jedem Satz an Farbe gewinnt und uns Zusammenhänge sehen lässt, für die sie selber blind ist. Jeden Menschen, der ihr helfen will, liefert sie stattdessen ans Messer. Bis kurz vor Schluss des Romans versucht sie, Strane und sich als schicksalshaft einander verfallene Verschwörer zu sehen, während wir nur ungleiches und abstoßendes Elend erkennen können. Die Darstellung von Vanessas komplexem Selbstbetrug, den sie als Erwachsene durchschaut, ohne von ihm lassen zu können, und der verheerenden Folgen für ihre Persönlichkeit machen aus diesem Instant – Bestseller große Literatur. Selbst, wenn sie detailliert schildert, wie Strane sie manipuliert und wie sie ihn dafür hasst, kann sie ihn nicht als einen Täter ansehen, denn dann wäre er ja ein böser Mensch, und sie wäre ein Opfer. Eine unheimlichere Darstellung von sogenannter kognitiver Dissonanz habe zumindest ich noch nicht gelesen. Dazu ist der Roman dank eines gnadenlos effizienten Spannungsbogens bis etwa zur Mitte des Textes trotz allen Widerwillens einfach eine packende Lektüre (was nie etwas Schlechtes sein kann, auch wenn der negative Suspense der sich anbahnenden fiesen Affäre nicht unbedingt geschmackvoll ist). Ab der Mitte ist die Affäre dann Realität, und der Text stolpert mit der vor sich selbst ekelnden Vanessa (unter lyrisch anmutenden Halbsätzen und eleganten Szenenbeschreibungen voll bunter Tupfer) durch gescheiterte Lösungsversuche bis hin zu einem Ende, an dem sie immerhin einen kleinen Hund und einen befreienden Moment in ihrer Psychotherapie hat (das Buch ist ansonsten so ernüchtert, dass das nur als fair erscheint).

 

Dennoch leidet das Buch unter einer ganzen Reihe von Problemen, die sich, siehe oben, vermutlich nicht ohne das gesellschaftliche Klima, das den Erfolg des Romans ermöglicht hat, erklären lassen. Vanessa empfindet es „nur“ als Gewalt, wenn Strane mit ihr schläft (und scheint, zumindest bewusst, anderen Sex zum Teil zu genießen), während der Rest der Welt später, heute, jede Nähe und erst recht jede erotische Nähe zwischen Strane und Schutzbefohlenen als Gewalt verurteilt. Die Autorin will sich, anders als in den oben erwähnten Punkten der individuellen Verantwortung und der kalkulierten, missbräuchlichen Verantwortungslosigkeit, in dieser Frage nicht eindeutig positionieren, aber auch nichts verharmlosen. In der Folge geht Vanessa, wenn Strane mit ihr schläft, innerlich spazieren, fliegt davon oder sortiert Geschirr in der Küche (ja, es liest sich genau so). Diese Einführung eines weiteren typischen Symptoms von Missbrauchsopfern (der Depersonalisierung) empfand ich, gerade im Vergleich zum ansonsten so akribisch gestalteten Text, als sehr plötzlich und unverbunden eingefügt, kaum geschildert und flach behauptet (zumal es, in der Realität, auch bei gleichberechtigtem Sex häufig auftritt, was vielleicht nicht für den betreffenden Sex, aber gegen eine eindeutige Beziehung zu Gewalt spricht)

Als eine größere Schwachstelle erscheint mir, dass kein Versuch unternommen wird, Strane zu erklären (lassen wir die ganzen Anspielungen auf Nabokov und die Frage nach Erotik bei Nabokov einmal außen vor. Oder, kurz: Ich fand die ständigen Verweise auf „Lolita“ und „Fahles Feuer“ als unpassend und eher albern). Ich verstehe es vollkommen, von der latenten (und, natürlich, ambivalenten) Begeisterung für Täter in unserer Kultur wegkommen und das in vieler Hinsicht ohnehin ganz sicher reichere Innenleben von Opfern schildern zu wollen. Dies steht in keinem Widerspruch dazu, sich trotzdem dafür zu interessieren, wie die gleiche kluge Stimme der gleichen klugen Autorin die Psyche des Täters wenigstens skizzieren würde. Der besteht so ausschließlich aus seinen Winkelzügen und einem offensichtlich monströsen Begehren (das in einer verstörenden Szene relativ unvermittelt dazu als Inzestphantasie beschrieben wird, ohne, dass das anschließend noch einmal wirklich aufgenommen werden würde). Die traumatisierte Protagonistin (und vielleicht auch die Autorin) sieht ähnliche Muster bei beinahe allen Männern, denen sie begegnet. Auch wenn ich das für eine alles andere als zutreffende Polemik halte, erscheint mir das in diesem Text als durchaus legitim, aber auch dann würde ich mir den Versuch einer Begründung dafür, einer Hypothese, wünschen.

Vielleicht gehört die ambivalente, reichlich unfreundliche Darstellung der #metoo- Bewegung zum gleichen Problemfeld. Die Autorin scheint mit einigen Aspekten dieser Bewegung extrem unzufrieden zu sein (vermutlich vor allem mit dem empfundenen Zwang zur öffentlichen Identifikation mit der Opferrolle, aber da bleibt vieles unklar), führt aber immer, wenn sie zu einer Kritik ansetzt, hastig widerliche Drohungen von Männern gegen ihre Vertreterinnen ins Feld. In diesen Momenten ist leider deutlich zu spüren, dass dieser Roman eben unter anderem auch ein Beitrag zu einer Debatte ist, die ansonsten vor allem journalistisch geführt wird.

Ich denke nicht, dass ein Roman ein Beitrag in einer solchen Debatte sein kann oder sein sollte. Nicht, weil Romane fern vom schmutzigen Alltag durch rosa Wolken schweben würden, sondern weil sie eine andere, eigene Form der Debatte bilden. Ein Psychogramm von 450 Seiten ist kein Flugblatt und kein politischer Kommentar. „Meine dunkle Vanessa“ ist scharf angegriffen worden, weil die Autorin Wendy Ortiz sich plagiiert fühlte. Russel verwies in der Folge zuerst zögerlich, dann notgedrungen immer deutlicher auf eigene Missbrauchserfahrungen und auf über 70 zu Recherchezwecken studierte Titel (Sachtexte und Fiktionen).

An diesen Vorgängen wird der ganze Wahnsinn des aktuellen US – Feuilletons deutlich. „Meine dunkle Vanessa“ handelt unter anderem ja (passenderweise) davon, wie persönliche Betroffenheit den Blick verengen und verzerren kann und wie weit wir in unserem Innersten Erleben korrumpiert sein können. Russell hat etwas erlebt und sehr viel begriffen. Ich denke, sie sollte sich auch als ein sechzigjähriger Mann, dessen gesamte Lebenserfahrung und Bildung aus Werbespots besteht, entpuppen können, ohne, dass sich der Wert ihres Textes ändern würde (ein Plagiat stünde auf einem anderen Blatt, aber dieser Verdacht scheint mittlerweile ausgeräumt). Vielleicht darf ich diese Meinung vertreten, wenn ich gleichzeitig zerknirscht zugebe, dass ich mich beim Lesen, auch wenn ich keinerlei erotisches Interesse an Teenagern habe (und mich umgekehrt da vielleicht eher vor zu großer genereller Wut hüten sollte), als Mann immer wieder ordentlich schlecht gefühlt habe. Kann ich nur empfehlen.

 

(01. 08.: In Anbetracht der heutigen bizarren Demonstrationen eine kleine Pause der Besinnung und Fremdscham, bevor ich den zweiten Teil meiner humpelnden Überlegungen zu möglichen Perspektiven des Kinos poste.)

24.07. 2020 Kino zum Beispiel

Niemand weiß, wie lange sich die aktuelle gebremste Ausnahmesituation noch hinziehen wird, und so liest sich ausnahmslos jede Prognose entweder als Ausdruck von Hysterie oder umgekehrt von Schönfärberei. Natürlich wird es auch in der von Viren und Vorsichtsmaßnahmen umgepflügten Gesellschaft GewinnerInnen geben, denn die gibt es immer. Aber aus meinem Maulwurfsblick heraus kämpfen zumindest in den Kulturbetrieben die Menschen, die bisher mit einem blauen Auge davongekommen sind, gegen Schuldgefühle und fürchten sich vor dem dicken Ende.

Besonders viel Pessimismus sammelt sich dabei um die Kinobranche. Die Kinos sind fast alle wieder offen, mit Abstandsregeln und ohne James Bond. Und der Ansturm bleibt aus.

Jetzt haben die Kinos in Deutschland schon seit Jahren Probleme, aber das heißt ja erst einmal nicht. Diese Dauerrelativierung von Coronafolgen empfinde ich in den meisten Fällen als ziemlich unpassend: wenn ich vom Bus überfahren werde, und ich habe vorher nicht auf meine Ernährung geachtet, genese ich vielleicht schlechter, wenn ich den Unfall überlebe, aber das Problem ist immer noch der Bus. Beim Kino bleibt allerdings die Frage, ob die Coronakrise wirklich der erste und mächtigste Bus war, unter dessen Rädern es sich wiederfand.

 

Vor sieben Jahren (klingt magisch und ist trotzdem wahr) rüsteten auch die kleineren Kinos nach und nach auf digitale Projektion um. Die Umstellung von wuchtigen Filmrollen auf handliche Festplatten hat nicht nur einige Bandscheibenvorfälle verhindert und die einzelnen Filmkopien viel, viel günstiger werden lassen, sondern hat auch, vermutlich ungeplant, Kinos und FilmvorführerInnen heruntergestuft. Der Film im Kino war zwar größer (und in den meisten Fällen schärfer) als der auf dem Flachbildschirm zu Hause, aber bestand aus ähnlichen Bildern und benutzte eine ähnliche Technologie. Er bot kein deutlich anderes und besseres Bild mehr, wie es bspw. bei VHS und 35mm noch mit halbem Auge und im Halbschlaf noch zu bemerken war, und, je nach Ausgangsmaterial, auch noch bei DVD und 16mm (und die ständige Spannung, ob das Bild zu brennen anfangen könnte, fiel natürlich ebenfalls weg). Gleichzeitig wurden die FilmvorführerInnen, die offizielle und inoffizielle Prüfungen hinter sich bringen und in die Feinheiten der Materie einfuchsen mussten, bevor sie ihren ersten Langfilm alleine zusammenklebten, einlegten, abfuhren, überwachten und aufwickelten, faktisch von Fachkräften zu Servicepersonal heruntergestuft (rechtlich ist es ein bisschen komplizierter, wenn ich das richtig verstanden habe). Gemeinerweise sind die aktuell eingesetzten Computerprogramme dabei nicht einmal unbedingt einfach zu bedienen ,- es sind halt Computerprogramme.

 

Kurz nach dieser Umstellung begann in Deutschland die Ära des legalen Streamings, und alle anderen Möglichkeiten des Filmvertriebs verloren den Boden unter den Füßen, entweder Publikum oder Filme, langfristig beides: Videotheken starben wie die Fliegen, DVD – Verkäufe rauschten in den Keller, Filme im linearen Fernsehprogramm wurden selten, jenseits der Metropolen gingen die Kinos ein. Die Kinos hatten gerade mit Ach und Krach digitalisiert und dreidimensionalisiert, sie konnten nicht viel tun, aber das taten sie: sie richteten 4D und Filmreihen ein und feierten im Kino Faschingspartys oder übertrugen den letzten Bühnenauftritt von „Monty Python`s“.

Die Filmstudios konterten mit ihrer aufwändigeren Event – und Effektfilmen. Die brachen ein paar Rekorde, aber konnten den Trend nicht umdrehen (und waren auch für die Kinos so teuer, dass ein mittelprächtiges Ergebnis teilweise die Jahresplanung über den Haufen werfen konnte). Hippe Millennials in den Großstädten sorgten tatsächlich für ein paar schicke Neueröffnungen, weil sie sich auf alles stürzten, was nicht am Computerbildschirm stattfand, und ein Kinobesuch verdeutlichte da besonders deutlich den Unterschied zwischen Alltag und Ausbruch (zwischen Bescheidwissern und Ignoranten, Leistungsträgern und Habenichtsen). Aber sie wollten nicht ins Kino an der Ecke gehen, sondern an das eine, feine Kino an der Ecke, das neben der Veggiepizzeria mit den guten Bewertungen.

Ein etwas gesetzteres Bildungsbürgertum bildete in vieler Hinsicht das Rückgrat der klassischen Kinokultur, das wurde allerdings immer älter und wählerischer (und freundete sich ebenfalls allmählich mit den Streamingdiensten an, nicht zuletzt wegen Netflix – Eigenproduktionen wie „Roma“ oder „The Irishman“). Jenseits der immer penetranteren Großfilme rettete eine beachtliche Folge von deutlich kleineren und meist deutlich sanfteren Filmen aus dem Bereich des gehobenen Mainstreams die Programmkinos.

In Berlin führte diese Gemengelage zu einigermaßen ungewöhnlichen Phänomen: so feierten Kinos als Mietsäle für Premieren ihr Comeback (und wurden sogar extra neu eingerichtet), und es bildete sich eine mächtige Kette von Arthouse – Kinos für die kommerziell interessanten Feuilleton – und Oscarfilme heraus, die mit den verbliebenen unabhängigen Programmkinos (mit einem ansonsten wilderen Programm) erbittert um vielversprechende Titel für das bildungsbürgerliche Publikum aller Schattierungen kämpften. Diese etwas aufgeheizte Situation wurde durch kleinere Festivals und vor allem durch die „Berlinale“ noch komplizierter. Aber diese Hauptstadtphänomene sind nur zum Teil und zum Teil gar nicht auf den sehr viel größeren Rest des Landes zu übertragen.

Jetzt allerdings schauen sie alle in die Röhre, nein: auf den Flatscreen- und zu wenige auf die Leinwand. Die Abstandsregeln, gegen die die Branche gerade protestiert, werden vermutlich vor allem als symbolische Hemmschwelle angegriffen– ich habe bisher noch nie von einem vollen Kino nach Corona gehört, egal, wo und egal, von wem.

Ich selber habe zum ersten Mal seit der dritten Klasse nicht einen Starttermin im Kopf und werde zum ersten Mal seit der dritten Klasse von niemandem nach neuen Filmen gefragt (dabei sind Filme nicht einmal meine und der Fragenden Lieblingkunstform). Ich war einmal im Kino und habe mich trotz reichlich Abstand reichlich unwohl gefühlt.

Es war das erste Kino meiner Kindheit und das einzige, das sich ins heute hinübergerettet hat. Mein erster Film war eine Zusammenstellung von „Woody Woodpecker“ – Cartoons die mich, ich war drei, völlig aus den Socken gehauen hat. Ein Wahnsinnserlebnis und jede Sekunde an unklarer Angst wert, die ich als Dreijähriger in einer Vorstellung „ab 5“ ausgestanden habe.

Nun sah ich , alleine, „Undine“, auf den ich mich gefreut hatte, am ersten Tag im regulären Kinoverleih, und kein Funke sprang über. Das Publikum war ziemlich alt und nicht gerade groß, aber das waren eher Symptome als Ursachen. Ich fand den Film etwas enttäuschend, aber ich hatte in diesem Kino schon wesentlich enttäuschendere Filme gesehen, und das war ohnehin nur ein Aspekt bei der etwas nervösen und ziemlich unzufriedenen Frage: „Was mache ich hier eigentlich?“

Ich hatte perfekte Sicht, eine Reihe für mich und Eiskonfekt (hinter der Maske). Die minimale Verwegenheit des Kinobesuchs an sich hätte unter anderen Umständen einen wenigstens minimalen Kick bieten können. Doch da war nichts.

 

Es war ein schönes Kino, und die meisten heutigen Kinos sind recht schöne Kinos (kein Vergleich zu den fiesen Schachtelsälen der 1980er Jahre). Aber Kinos an sich sind keine sonderlich schönen Orte. Wir Generation Xer vergessen das gerne (und die älteren Jahrgänge sowieso), weil wir so viele prägende Erinnerungen damit verbinden, weil wir auf der Straße gespielt haben und mit kleinen, unscharfen, grünstichigen Fernsehern aufgewachsen sind. Kinos waren die halbverbotenen Zauberkammern, in denen die Filme, von denen du sonst nur träumen konntest, gezeigt wurden, und sie sahen richtig gut aus und nahmen dich wirklich mit. Sie waren, vor Konzerten, und Public Viewing gab es noch nicht (Demos waren dann doch noch einmal etwas anderes), die Orte, an denen du dich mit vielen fremden Menschen verbunden gefühlt hast. Von Händchenhalten usw., bzw. dem fehlenden Mut zum Händchenhalten usw. später ganz zu schweigen.

Ohne all diese Assoziationen ist das Kino nur ein Raum ohne Fenster. Die Idee, diesen Raum ästhetisch ein bisschen aufzuwerten, ist nicht gerade neu.

Die verschnörkelten Filmpaläste wurden vor hundert Jahren erfunden, um den Hinterzimmerflimmerbildern des Kinos eine etwas prächtigere Rahmung zu verpassen als ein schmuddeliges Jahrmarktszelt. Interessanterweise meinen manche HistorikerInnen, ausgerechnet die damals grassierende spanische Grippe habe den Filmtheatern in die Hände gespielt, denn die waren immer hygienischer als klassisches Theater und Tingeltangel, mit schwitzenden Schauspielern und wogenden Massen.

Auf die relative Sicherheit verweisen auch zur Zeit die immer verzweifelteren Lobbyisten. Und auch die Multiplexe sollten ja schöne Kinos mit hochwertiger Technik sein, für alle Filme, nicht nur für Blockbuster, und ihre schlichte Deko sollte neutrale Eleganz ausstrahlen (im Unterschied zu den ausgepinselten Programmkinos, in denen Charlie Chaplin oder Humphrey Bogart herumstanden, was bei vier Stunden „Die schöne Querulantin“ ganz schön nerven konnte). Dieser grundsätzliche Anspruch sorgte dafür, dass die teuren Multiplexe sich de facto über Popcorn und 2 – Liter – Getränke finanzierten, und das auch nur knapp .

Aber auch und gerade die Multiplexe bleiben leer, haben kein Flair, wenn sich nicht gerade aufgekratzte Menschenmassen von Robert Downey Jr. als Iron Man oder Craig als Bond verabschieden wollen.

Wie sollte also ein Kino aussehen und sein, das Kino von morgen,- oder wenigstens das von nächster Woche?

(wird fortgesetzt und abgeschlossen)

 

 

 

15.07. 2020 "Too much and never enough" von Mary L. Trump

Abgünde der Eventgesellschaft, Paranoia oder frei drehendes Strebertum?

Warum auch immer, ich habe „Too much and never enough“ von Mary L. Trump bereits gelesen, und  manche Passagen mehrfach, bevor es weggeklagt oder substantiell verändert wird.

Sehr uncool, ich weiß, aber vielleicht nicht vollkommen überflüssig: Trotz offensichtlich eher lauwarmer Kritiken ist Mary Trumps ruhiges, kühles Psychogramm einer kaputten Familie überraschenderweise ein echter Gewinn.

Als klinische Psychologin schreibt sie über ihren Onkel Donald (sie ist sich nicht sicher, ob er ihren Vornamen weiß, auch wenn er sie eine Zeit lang als Ghostwriterin beschäftigt hat) ähnlich wie „Mindhunter“ John Douglas über Serienmörder: wenig polemisch, mit Sympathie, eindringlich warnend.

Nein, sie hat eigentlich nichts gegen diesen Mann, den sie mehrfach als „Frankensteins Monster“ beschreibt, als leere Hülle, als grausame, dumme, von anderen geführte Puppe. Er besitzt, manchmal, punktuell, sogar gruseligen Charme. Onkel Donald kommt auf den rund 250 Seiten vergleichsweise selten vor, er ist nur der zwingende Schlusspunkt ihrer Erzählung. Die Bühne gehört den selbstzerstörerischen Mechanismen einer dysfunktionalen Familie, die sich in anscheinend niemals endenden Seifenopern im sinnfreien Kampf um Geld, Macht und Anerkennung selbst zerfleischt.

Schurke des schaurigen Stücks ist Marys Großvater Fred Trump I. (die Familie ist mittlerweile bei Nummer 3 angelangt), ein millionenschwerer Immobilienbesitzer alter Schule, geizig, gierig, humorlos, der Mietsanlagen in Brooklyn geerbt hatte und in New Jersey residierte, aber von einem Leben unter denjenigen welchen in Manhattan träumte. Als Ausgleich dafür spornte er Kinder und Enkelkinder gehässig zu Höchstleistungen an und demütigte sie, wenn sie erfolglos waren oder irgendetwas taten, was nichts mit seinem Immobilienimperium zu tun hatte.

Wenn es eine tragische Figur dieser Geschichte gibt, ist es der designierte Kronprinz Fred Trump Jr., der die Firma nicht übernehmen wollte und als Strafe in den Augen seiner Tochter Mary von der Familie fertiggemacht wurde, bis er alkoholkrank in seinen frühen 40ern in einer Mischung aus Gefängniszelle und Kinderzimmer starb (weil seine Eltern keinen Arzt rufen wollten). Die Passagen über den unglücklichen Vater Freddy und das seinen Kindern vorenthaltene Erbe sind in ihrer Melodramatik und der schlecht unterdrückten Wut mit Abstand die schwächsten des auf faire Weise bösen Buchs.

 

Es sei Mary gegönnt, dass sie den aktuellen Zustand der amerikanischen Regierung beinahe direkt von den Entscheidungen ihres früh verstorbenen Vaters ableitet, faszinierend ist die Analyse dieser Kettenreaktion allemal: Trump sr. wandte sich laut ihrer Schilderung auf der Suche nach einem Stammhalter dem vorher wenig beachteten, ungeliebten mittleren Sohn Donald zu. Und erschuf ein Monster.

Trump, der Präsident der USA, ist in Marys Augen ein ewiger Verlierer. Er versteckte seinem kleinen Bruder die Spielzeugautos, bis der heulte (und die Autos von der sorgenden Mutter weggesperrt wurden), kaufte sich Spickzettel und Spießgesellen, terrorisierte Schwächere und buhlte vergeblich um die Aufmerksamkeit des Vaters.

Die von Superlativen strotzende Stummelsprache, das Herumpoltern bei Kritik, das Eigenlob und der Sexismus – alles laut Nichte nur eine schwache Imitation des zurückhaltenden Patriarchen. Dem dämmerte nach und nach, dass der unsichere, immer um die Häuser ziehende Angeber als trojanische Pferds taugte , um endlich wieder ein Bauprojekte an Land zu ziehen und Manhattan zu erobern.

Darin liegt die eigentliche Enthüllung des Buchs: Laut Mary war Donald Trump nicht nur kein Selfmademan (was er für sich in Anspruch nimmt), sondern nicht einmal ein selbständiger Unternehmer. Die Nichte schildert ihn als Grüßaugust, als wahnwitzig überbezahlten Angestellten seines Vaters, der dessen Firma nicht etwa vergrößert, sondern gegen die Wand gefahren habe. Jede auch nur annähernd eigenständige Entscheidung von Donald (wie die Eröffnung riesiger, niemals refinanzierbarer Casinos) wurde von der Presse begeistert breitgetreten und brachte gigantische Verluste. Trump sr., die anderen Baulöwen und schließlich die Banken mussten, wenn sie wenigstens das Medieninteresse nutzen und ihre eigenen Projekte nicht gefährden wollten, das System Donald mit immer größeren Summen unterstützen.

Als sein Vater an Alzheimer erkrankte, gab es dann für den phänomenal unfähigen Sohn kein Halten mehr: fünfmal ging er bankrott, bis er private Schulden von über 900 Millionen Dollar angehäuft hatte. Doch da war er schon zum Hofnarr des Landes und zum  Gesicht eines angeblichen New York -Booms geworden, weswegen die beteiligten Banken dicht hielten, zu ihm hielten und ihn mit 450.000 Dollar Taschengeld im Monat versorgten, was Donald als lächerlich wenig empfand.

Genau so, so argumentiert seine Nichte, würden sich im Moment die regierenden Republikaner in den USA verhalten.

Sie schildert ein eigentlich komisches Muster: immer wieder wird der leere Opportunist Donald zum Spielball willensstarker Menschen, die entsetzt begreifen, dass sie ihn in seinem Geltungsdrang, seinen Launen und seiner Inkompetenz nicht vernünftig benutzen können-  und zu ihrem eigenen Entsetzen alle erdenklichen Ressourcen dabei verbrennen müssen, die Scharade weiterzuspielen. Donald Trump, so wiederholt es Mary immer wieder in immer neuen Formulierungen, könne einfach gar nichts und wollte einfach gar nichts außer von anderen positiv bestätigt werden.

Auch seine grausamsten Seiten (ein Wort, das Mary häufig benutzt) seien nur ein unpassender Versuch, die Methoden seines Vaters zur Autoritätssicherung innerhalb eines Herrenhauses und einer hasserfüllt zusammengeschweißten Familie auf ein Land oder die Welt zu übertragen: Wenn der Präsident spalten, hetzten, provozieren würde, würde er nicht einmal ein böses Programm verfolgen (auch wenn Mary viele seiner politischen Entscheidungen äußerst scharf kritisiert), sondern gar keines.

Mary Trump kritisiert Onkel Donald nicht unbedingt von links. Auch wenn sie seine Sozial – und Einwanderungspolitik heftig attackiert, malt sie ein ganz anderes Schreckensbild an die Wand: Ihr Onkel könnte auf seiner ewigen Suche nach der Anerkennung des Vaters bei Kim Jong -un oder bei Vladimir Putin landen. In deren Händen wäre er Wachs, denn er habe keine Werte.

Sie erwähnt die Coronakrise ebenso wie George Floyd, aber ihrer Ansicht nach hätte ein fähigerer Präsident in beiden Fällen recht rasch für eine Deeskalation sorgen können. Ihre eigentliche Angst bleibt Frankensteins Monster auf der Suche nach einem Schöpfer.

 

Dieses Buch soll erklärtermaßen Präsident Trump zu Fall bringen. Das haben brisantere Bücher und Berichte bisher nicht erreicht, in denen es um Geheimdienste, Schmiergelder, verratene Heere, Vetternwirtschaften und unglaublich brutale Meinungsäußerungen bis hin zum Aufruf zur Gewalt ging. Mary L. Trump glaubt offensichtlich tatsächlich, dass die Erfolgslegende den Kern von Trumps Präsidentschaft bildet.

Ein nüchterner Blick auf den missratenen Erben, der mit Geld nicht umgehen kann, und der Nimbus des Unternehmers ist dahin. Ein nüchterner Blick auf den willensschwachen Höfling und der Nimbus des Querdenkers ist weg. Kann das funktionieren?

Hat die Entlarvung des Wahlsiegs als Minderheitenvotum den Nimbus des Populisten nachhaltig angekratzt? Hat nicht umgekehrt sogar das erbarmungswürdige Hickhack um die offensichtlich fehlenden begeisterten Massen bei der Amtseinführung uns die schöne neue Wortschöpfung „alternative Fakten“ beschert, anstatt Trump politisch zu erledigen?

 

Ich fürchte, Mary Trump unterschätzt die Attraktivität, die gerade der von ihr geschilderte ungeliebte, dummschwätzende, gemeingefährliche Trauerkloß für sein Publikum besitzt. Sie spricht aus und analysiert, was bisher in der Rezeption dieses eigenartigen Prominenten nur mitschwang. Aber vermutlich (um einmal Georg Seeßlens Überlegungen einen Millimeter weiterzudenken) ist Trump für sein Publikum ein Held, gerade weil er der von allen verachtete Gernegroß ist, als den sie sich selber insgeheim sehen. Jeder blödsinnige Nichtsieg, jedes Zurückrüffeln, jedes unfaire Umsichschlagen ihres Helden tröstet sie zumindest, wenn es sie nicht sogar beflügelt.

 

Und geht es wirklich nur um sie? Trump wurde, wie schon häufiger angemerkt wurde, von genau den linksliberalen Medienmenschen hochgeschrieben, die jetzt so verzweifelt gegen ihn anschreiben.

Der verkniffene Fred Trump I. hat sich laut seiner Enkelin Mary seine ganzen „greats“ und „fantastics“ auf Anregung des ersten populären Motivationscoach Dale Carnegie angewöhnt. Wir Nachgeborenen sind mit Carnegies Ideen aufgewachsen, genau wie Donald Trump, sie schwirrten um uns herum, häufig in verkleideter und versteckter Form. Wir benutzen sie sicherlich auf anders ironische und anders aufmunternde Weise als der amerikanische Präsident. Vielleicht unterscheidet uns das von seinen Fans. Vielleicht lässt uns aber das über Trump schmunzeln.

 

Dank der Coronakrise, denn etwas Gutes muss sie ja haben (nein, Seelöwen und frische Luft zählen natürlich genau so), wird dieses eigenartige Buch in wenigen Monaten hoffentlich vor allem von historischem Interesse sein. Interessant wird es bleiben- die „Korrekturen“ ohne ethische Fragestellungen (und ohne Poesie), eine Tragikomödie von Joyce Carol Oates ohne Intellektuelle, oder besser: Frankenstein, und Frankenstein und sein Monster trinken beide Cola light und tragen schlecht sitzende Toupets.  

02.06. 2020 Verschwörungstheorien (I): Wind of Change

Vielleicht würde ich ja lieber über meine alljährlich Sommerobsession für Beeren schreiben, aber so ignorant könnte ich nicht mal mit einer Hand voll frisch gepflückter Johannisbeeren sein – die ich nicht habe -, dass mir das im Moment nicht als unpassend erscheinen würde. Die Welt sah hier und da schon mal deutlich erfreulicher aus als zur Zeit, und Halt geben vielen unter uns offensichtlich entweder Verschwörungstheorien oder das Nachdenken über Verschwörungstheorien.

Zu allem Überfluss hatten innerhalb der letzten Wochen auf audiovisuellen Kanälen gleich mehrere Serien Premiere, die sich an dem Konzept „Verschwörungstheorie“ abarbeiten. Geplant, geschrieben und wohl auch produziert wurden sie natürlich übrigens alle natürlich „vor Corona“ (Insiderwissen?). Heute gerade mal ein paar Zeilen zum heftig augenzwinkernden und etwas Staub aufwirbelnden Podcast „Wind of change“. „Wind of change“ beleuchtet in acht etwas unfokussiert herumflanierenden Teilen das (unbestätigte Gerücht), der Song „Wind of Change“ sei in Wirklichkeit von der CIA geschrieben worden anstatt von den Scorpions, sowie ein paar belegte Beispiele für die Kulturpolitik des CIA während des kalten Krieges. Autor und Moderator des Podcasts ist Patrick Radden Keefe, ein fröhlicher Bescheidwisser in den 40ern, der gerne über Kultur und Politik schreibt (unter anderem für den New Yorker) und klingt, als wäre es wirklich anstrengend, sich mit ihm bspw. über „The Strokes“ (die Band) oder „Casino Royal“ (den Film) zu streiten. Unbeabsichtigt demonstriert die halbhumoristische Reihe, was eine Verschwörungstheorie ausmacht.

Bei all dem derzeitigen gereizten Durch – und Gegeneinander an Diskussionen über das Weltgeschehen scheint „Verschwörungstheorie“ ja mittlerweile beinahe als beliebige Beleidigung zu gelten, mit der eine antagonistische Weltanschauung als dumm, falsch und gefährlich abgewatscht wird. Entsprechend bemühen sich selbst die Verteidiger des Begriffs, den von ihnen kritisierten Weltanschauungen Dummheit, sachliche Fehler usw. nachzuweisen.

 

Das ist der in meinen Augen ein wenig wackelige (und mehr als ein wenig herablassende) Versuch, ein Bewusstsein für die Machtverhältnisse zwischen Meinungen mit schüchternem Positivismus zu verbinden, bei dem das Gute sich schon irgendwie als das Wahre erweist und sich das Schlechte selber entlarvt. Dass es abscheuliche Ideologien geben kann (und gibt), die zumindest auf dem Papier in sich absolut schlüssig sein können kommt dabei ebenso wenig vor wie die unscharfe Machtposition der meisten Verschwörungstheorien (die ja häufig gleichzeitig eine elitäre Außenseiterposition und ein Beharren auf einer angeblich allgemein bekannten, aber selten ausgesprochenen Richtigkeit für sich beanspruchen).

Viele Metadiskussionen scheinen also bei einer Version von Bart Simpsons Unterscheidung zwischen „Trauma“ und „Halb so schlimm“ zu landen: „Ein Trauma ist es, wenn`s mir passiert, halb so schlimm, wenn`s dir passiert.“ Lustig, aber hilft nicht unbedingt weiter (Bart Simpson dagegen schon, früher). Ähnlich hat sich ja mittlerweile die im Grunde recht alte Erkenntnis durchgesetzt, dass die Unterscheidung zwischen „Religion“ und „Sekte“ häufig vor allem von der persönlichen Haltung des Sprechers abhängt.

Aber so ganz stimmt dieser pfiffige relativistische Ansatz eben doch nicht: es gibt vergleichsweise überdeutliche Definitionen für Merkmale eines „destruktiven Kults“ (so die amerikanische Entsprechung für „Sekte“), und eine Verschwörungstheorie lässt sich in den meisten Fällen vom Kampf um eine verborgene Wahrheit unterscheiden. Eine Verschwörungstheorie ist, vermutlich, keine daneben gehende und schlecht informierte Aufklärung, sondern erfüllt einen anderen kommunikativen Zweck.

Unbeabsichtigt macht das der oben erwähnte dokumentarische Mehrteiler deutlich, der vor zwei Wochen auf allen bekannten Podcastplattformen aufgeschlagen ist, eben „Wind of change“, von und mit Patrick Radden Keefe für „Pineapple Media“.

Das Ganze beginnt mit diesem Gerücht, das der Moderator über einen Freund mit Geheimdienstbekanntschaften aufgeschnappt hat: „Wind of Change“, eine der erfolgreichsten Singles aller Zeiten (Platz 13, an der Spitze immer noch „White Christmas“) sei von der CIA geschrieben und über den Umweg der Scorpions lanciert worden, um den nach dem Fall der Mauer in seinen letzten Zügen liegenden Kalten Krieg im Sinne des Westens zu beenden und den angeschlagenen Ostblock erst moralisch, in der Folge dann faktisch aufzulösen. Kaum etwas gilt heute als schlimmer als ein „Spoiler“, aber ich wünschte, ich hätte vor dem Anhören gewusst, dass (Achtung, Spoiler) in der Frage nach der Herkunft von „Wind of Change“ wir am Ende alle höchstens genauso klug sind wie am Anfang.

Der Weg ist das Ziel, und die ergebnislose Suche könnte auf ein poetisches Programm und/oder auf das Aufdecken mindestens ebenso spannender Nebengeheimnisse auf dem Weg hinauslaufen. Keefe ist ein alter Hase und hat sich (aus Gründen, über die ich weiter unten weiter spekulieren möchte) dafür entschieden, in seiner Miniserie zwei deutlich voneinander unterscheidbare Stränge gleichzeitig zu verfolgen: a) eine Darstellung der kulturpolitischen Aktivitäten der CIA während des kalten Krieges, b) Geschichten über die Scorpions und ihr etwas zwielichtiges Management Ende der 1980er Jahre.

Der erste Strang ist dabei klassische journalistische Aufklärung, wenn auch voller Spekulationen und Zuspitzungen, der zweite ist dagegen reine Verschwörungstheorie, wenn auch voller interessanter Informationen und Originaltöne. Vermutlich gerade weil die untersuchten Phänomene Patrick Radden Keefe ganz offensichtlich nicht unbedingt um den Schlaf bringen, gelingt ihm wie nebenbei eine Demonstration der Unterschiede zwischen Erhellung und Verdunkelung.

 

Der erste Erzählungsstrang ist dabei verblüffend aufgeräumt. Die CIA hat sich während des kalten Krieges kulturpolitisch betätigt, und ein Teil ihrer diesbezüglichen Unternehmungen sollte gezielt möglicherweise mit der Sowjetunion sympathisierende Intellektuelle vom Westen überzeugen. Das wird eigentlich nirgendwo mehr bestritten, nur das Ausmaß der Geheimdienstaktivitäten ist noch nicht vollständig erforscht, zumal nicht immer ganz klar ist, welche Informationen wann offiziell freigegeben werden dürfen. Der Podcast setzt chronologisch mit den beiden sowjetkritischen Bestsellern „Animal Farm“ und „Dr. Schiwago“ ein, von denen es schon seit längerem heißt, dass die CIA ihnen Extraauflagen spendiert und sie in öffentliche Bibliotheken, Universitäten usw. geschmuggelt habe (mein Lieblingsgerücht, es wären Agenten auf der ganzen Welt durch Buchhandlungen gestreift und unauffällig Exemplare dieser Werke in der jeweiligen Landessprache hier und da in die Regale gesteckt, wird in der Serie leider nicht näher beleuchtet). Auch dass die CIA offensichtlich Ausstellungen und Kataloge für moderne Kunst finanziert hat, die dem im Ostblock verordneten sozialistischen Realismus entgegenstehen sollte, wurde wenigstens seit der Jahrtausendwende immer wieder thematisiert.

Zumindest für mich neu war das Engagement der US – Regierung für den Jazz, das Lancieren von Lehrstühlen und Fachbüchern zum Thema Jazz wie die Organisation von Tourneen. Unter Decknamen anonym bleibende Insider erklären, mit der Aufwertung des damals sowohl intellektuellen, als auch schwarzen Jazz habe die CIA ein breites, bildungsbürgerliches und antirassistisches Publikum von den Sirenengesängen des Sozialismus weglocken wollen.

Prominenteste Nutznießer davon sollen Louis Armstrong und Nina Simone gewesen sein, wobei Louis Armstrong in seinen heimlichen Dienst für die CIA eingeweiht gewesen sein soll, die mit der radikalen Black Panther – Bewegung sympathisierende Simone dagegen nicht. Armstrong soll laut Podcast als Gegenleistung die Durchsetzung eines gemischten Publikums bei seinen Tourneen gefordert haben, auch und besonders in Staaten mit Rassentrennung. Und tatsächlich präsentiert der Podcast in dem Zusammenhang Musikaufnahmen von Armstrong, in denen er seltsame Witze über Geheimagenten und über sich als Geheimagenten zu reißen scheint.

Das alles ist erhellend und zum Teil erschütternd, ausreichend lustig,- und trotz der ganzen Aliase, Mutmaßungen und „Darf ich nicht drüber reden“ – Entschuldigungen bekommen wir schlaglichtartig erzählt, wie geheimdienstliche Kulturpolitik aussehen kann und im Fall der USA offensichtlich einmal ausgesehen hat. Wir können wenig selber nachrecherchieren, aber das Narrativ ist stringent und steht gleichzeitig zu seinen Lücken und Leerstellen. Unser Moderator und Showrunner hält sich in diesen Passagen und Folgen so weit zurück, wie es im Rahmen eines solch verplauderten Podcasts überhaupt möglich ist.

 

Von völlig anderem Kaliber sind die Sequenzen und Episoden, die den Scorpions und dem titelgebenden möglichen „Wind of Change“ – Geheimnis gewidmet sind. Da regnet es Namen, konkrete Anschuldigungen und Backstage – Dokumente, und gleichzeitig gewinnt die eigentliche Geschichte und die ursprüngliche Fragestellung nirgendwo und in keine Richtung an Kontur. Wir erleben die Erfindung einer Verschwörungstheorie mit. Unser Moderator mischt sich ständig mit richtungsloser Bissigkeit ins Geschehen ein und wirft mit Fakten, Vermutungen und Details um sich, die mit der Kernfrage des Podcast wenig bis nichts zu tun haben. Ganze Folgen handeln von den Drogenverbindungen eines Musikmanagers, und die mögliche Bedeutung dieser Verbindungen für die Frage nach „Wind of Change“ erschöpft sich in andeutungsreichem Gemurmel.

Full disclosure: Weder die Scorpions, noch Wind of change beanspruchen bei mir einen nennenswerten Platz in Hirn oder Herz. Die Gruppe fand ich immer ein wenig peinlich, aber auch nicht peinlicher als andere Bands mit ähnlichen Frisuren. Als junger Teenager hatte ich, wie alle jungen Teenager, eine geheime Schwäche für den Heuler „Still loving you“, von der ich tatsächlich NIEMANDEM erzählt habe, „Wind of Change“ empfand ich zur Entstehungszeit als platt und etwas nervtötend, aber auch da gab es Schlimmeres.

Und auch wenn „Wind of Change“ sicher für Viele der passende Soundtrack zu den Zeitläuften war, bin ich mir ziemlich sicher, dass das schleppende Lied nicht den Zusammenbruch des Ostblocks ausgelöst hat, genau so wenig wie „I´ve been looking for freedom“ von David Hasselhof, das missverstandene „Another day in Paradise“ von Phil Collins oder „Leningrad“ von Billy Joel. They didn´t start the fire, und das Gleiche gilt für die vorangegangenen indirekteren Gesänge „Freiheit“ von Westernhagen, „Nikita“ von Elton John oder „Russians“ von Sting, oder für die direkten, aber zurückgenommener auftretenden Wünsche von Udo Lindenberg und Reinhard Mey, in Pankow oder in Dresden aufzutreten. Wenn ein paar Takte Musik für das Ende des kalten Kriegs entscheidend waren (und das glaube ich nicht), dann war es der seinerzeit aufsehenerregende Song „Das geht so lange gut“ des DDR – Liedermachers Stephan Krawcyk, dessen Ausbürgerung 1988 die Bürgerbewegung beschleunigt hat.

Und, um mal von der Musik abzusehen, auch Ronald Reagan und Matthias Rust haben die Sowjetunion nicht besiegt. Wir haben es bei diesen Ereignissen mit einer weltweiten Kettenreaktion zu tun, an deren Anfang vermutlich Michail Gorbatschow als Generalsekretär der Sowjetunion stand, und den hat die CIA nicht nur nicht eingesetzt, den konnte sie lange Zeit nicht einmal einschätzen. Je nach Sichtweise haben bspw. vorangegangene Demonstrationen in Polen, heimliche Jubiläumsfeiern für den Prager Frühling in der Tschechoslowakei oder die offiziellen Feierlichkeiten anlässlich von 50 Jahren DDR als Verstärker für den Fall des Vorhangs funktioniert. Es wäre tatsächlich sehr spannend, einmal zu hören, wie Geheimdienste mit alldem umgingen, wie sie reagierten und agierten.  

Das alles interessiert Patrick Radden Keefe leider überhaupt nicht, da fehlen ihm Spaß und Glam. Wenn er tatsächlich eine Insiderin zum reden bringt, und die anmerkt, sie würde Kulturkampf nicht ausgerechnet über Hardrock führen, hakt er nicht neugierig nach, sondern erklärt ihr verschnupft, für sehr viele Menschen sei Rockmusik aber durchaus wichtig. Und selbst wenn er tatsächlich von einem CIA – Essen erfährt, bei dem auch der Sänger einer Rockband teilgenommen hat, fragt er nur frustriert nach, ob der wirklich keinen deutschen Akzent gehabt habe. Wenn ihm alte russische Rockfans von den wilden Tagen der Opposition berichten, fordert er sie lieber auf, „Wind of Change“ zu pfeifen.

Wenn es ihm nur darum gehen würde, bei seinem knackigen Ausgangsgerücht zu bleiben, müsste er keine Schlenker über Louis Armstrong oder Nina Simone einbauen. Ein Fan der Scorpions ist er ganz sicher nicht, er war vor seiner Recherche nicht weiter mit ihnen vertraut und macht permanent deutlich, sie nicht besonders ernst zu nehmen.

Warum also verbrät und vernachlässigt er seine raren Originalaufnahmen, seine überraschenden Einblicke und seine offensichtlichen Fähigkeiten zur Darstellung komplexer Sachverhalte, Thesen und Hypothesen und klebt an dem unbelegbaren Jägerlatein über die aus seiner Sicht eher albernen deutschen Schrottrocker, die sich durch nichts anderes verdächtig gemacht haben, als eine Schnulze über den Fall des Eisernen Vorhangs aufzunehmen und sich gut mit Fans in Osteuropa zu verstehen?

Wer das kapiert, kapiert den Reiz von Verschwörungstheorien. Das will ich mir nicht anmaßen, hier nur ein paar zusammengetragene kleine Indizien zu den Scorpions (und nächste Woche geht`s dann weiter mit anderen Beispielen und allgemeineren Überlegungen):

Patrick Redden Keefe ist ein smarter Brite und ein leicht arroganter Rockromantiker. Er redet über exzessive Parties hinter der Rockbühne mit einer hell glucksenden Stimme, mit der andere von den ersten Bewegungen ihres Neugeborenen erzählen. Er möchte, dass populäre Musik den Lauf der Geschichte bestimmt. Er schneidet gnadenlos und effizient sein Material zusammen, außer, es wird ergebnislos über Seemannsgarn aus der Popwelt gewitzelt. Da geht ihm das Herz auf, das ist sein Lagerfeuer. Das ist die erste Schicht, der Wunschtraum.

Auf der zweiten Schicht gönnt er den Scorpions ihren Monsterhit nicht. Wie jeder nerdige Fan eines popkulturellen Mediums liebt er Geschichten über dessen Freaks, also über verkannte Genies einerseits, absurd erfolgreiche Knallchargen andererseits und deren exzessiv gedankenfreies Leben sowieso. Mit diesem Blick kann er auch die Scorpions lieben, aber in manchen Momenten sind sie ihm dafür einfach zu erfolgreich und zu kommerziell. Ein Musikerkollege beschreibt sie als „diese deutsche Maschine“. Das ist nicht Keefes Ideal einer Rockband. Wenn der knuffige deutsche Popjournalist Markus Kavka ihm erklärt, „Wind of Change“ samt geschichtlicher Bedeutung müsse man den Scorpions lassen, legt er den Finger auf die Wunde. Keefe will es ihnen nicht lassen. Das ist die zweite Ebene, die der Wut.

Und in Kombination verleihen Wunsch – und Wutphantasie ein Gefühl von Macht, dass sich dazu noch je nach Bedarf ironisieren lässt.

 

Zwei Punkte werden bei „Wind of Change“ immer wieder zugunsten der CIA – Theorie ins Feld geführt: als die als unpolitisch geltenden Scorpions mit mehreren anderen Hardrockern 1989 bei einem Festival in Russland auftraten, verbarrikadierten sie sich nicht in ihrem Hotel, sondern alberten mit ihren Fans. Und: Ausgerechnet „Wind of Change“ stammt angeblich aus der Feder von Klaus Meine, und der hat die Singles der Band üblicherweise vom Gitarristen Rudolf Schenker schreiben lassen.

 

Beginnen wir mit dem zweiten Punkt, der plötzlichen und einmaligen Inspiration von Klaus Meine. Natürlich schreibt Klaus Meine Songs, ganz egal, wie viele davon veröffentlicht werden. Der Mann hat sein ganzes Leben damit zugebracht, die wahnsinnig erfolgreichen Originalkompositionen seines Kumpels zu interpretieren und zu produzieren, und mindestens die Hälfte des Publikums wird ihn in der Regel für den Songschreiber halten. „Wind of Change“ unterscheidet sich deutlich von anderen Songs der Scorpions (wie andere große Ausreißer von Gelegenheitskomponisten in Bands, „Death of a clown“, „Another one bites the dust“ oder „Octopus`s garden“ zum Beispiel) und ist von einem Sänger für einen Sänger geschrieben worden (und es bleibt die Frage, ob die CIA solch spezialisierte Ghostwriter auf der Lohnliste hat): die Singstimme darf pfeifen, raunen und rufen, die Instrumente haben wenig zu tun. Dass Meine nach der fröhlichen Anbetung russischer Fans einen (für Popverhältnisse leichten) Anflug von Messiaswahn hatte und das mit einem eigenen programmatischen Song verewigen wollte, ist nicht gerade weit hergeholt.

 

Damit kommen wir zu dem angeblich seltsam politischem Verhalten der vorher eher für sexistische Gröhlstücke und geschmacklose Cover bekannten Scorpions. Keefes Argumentation setzt voraus, dass er sich in die Zusammenhänge, in die er seine Verschwörungstheorie einbettet, nicht einfühlt, ob mit Absicht oder nicht. Die Scorpions haben sich in Russland nach damaligen westdeutschen Maßstäben nicht anders verhalten als Lindenberg, Reinhard Mey und BAP, als die Einstürzenden Neubauten oder Otto Waalkes in Ländern des Ostblocks. Hätten sie, wie Ozzy Ozborne und Bon Jovi, über das Essen gelästert, anstatt auf der Straße mit jugendlichen Fans Balalaika zu spielen und Beatles zu singen, wäre es nach diesen Maßstäben eben kein „normales“ Verhalten gewesen, sondern hochpolitisch und provokant. Hannover, der Heimatort der Band, lag näher an der innerdeutschen Grenze als eine Ecke von Südkalifornien (wo ihr Management herkam) der anderen. In Westdeutschland begrüßte jeder Fernsehmoderator extra und „mit besonderer Freude“ das Publikum, wenn nicht gar „unsere Brüder und Schwestern im Osten“. Bücher von Gorbatschow standen auf allen Bestsellerlisten, Hammer und Sichel waren beliebte Motive für selbstgestrickte Pullis und stylishe T- Shirts.

Dieser verblichene westdeutsche Normalzustand lässt sich natürlich belächeln, kritisieren und entpuppt sich, wie die ganze Welt, bei näherer Betrachtung als seltsam und geheimnisvoll. Geheim gehalten wurde er aber nie (im Gegensatz etwa zu den CIA – Verbindungen von Louis Armstrong).

Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Das CIA – Gerücht erscheint gerade deswegen nicht völlig absurd und eine Sendung wert, weil die Scorpions tatsächlich (wenn auch nicht unbedingt mehr als alle anderen Kollegen) im Ost/West- Konflikt in gewisser Weise Status und Glaubwürdigkeit besaßen.

 

Die Reihe „Wind of Change“ kommt zu keinem Ergebnis und kann keine neuen Hinweise aufdecken und landet schließlich bei Klaus Meine, der in einem Interview schockierend unverstellt und sympathisch von diesen gesellschaftlichen Hintergründen, seiner eigenen Biographie und der unspektakulären Entstehungsgeschichte seines Hits erzählt. Meine erscheint als gutgelaunter und naiver Teil der damaligen weltweiten Kettenreaktion (und lacht ins Mikro, als er das Gerücht hört). Dass er die Bedeutung von Rockmusik betont und sich als selbstironischer good sport entpuppt, scheint in dem Moment Keefes Wunschphantasien zu befriedigen und seine Wutphantasien zu besänftigen und bringt Keefe beinahe dazu, die Waffen fallen zu lassen und das Gerücht als widerlegt zu betrachten. Aber dabei will und kann es Keefe nicht bewenden lassen: Er zerstückelt dieses Interview, unterlegt es mit unheimlicher Klaviermusik, und ermahnt sich und das Publikum, auf möglicherweise verdächtige Aspekte an Meines Aussage zu achten. Und erklärt abschließend, immer noch zu, anderer, unheimlicher Musik, Verschwörungstheorien ließen sich nun einmal weder beweisen, noch wiederlegen, und die Welt wäre ein interessanter Ort voller Geheimnisse. Und beim Auffahren all dieser Tricks, alle eigentlich unter der Würde von Keefe und seiner Serie, wird deutlich, dass es hier nicht darum geht, irgendetwas herauszufinden (und auch nicht ausschließlich darum, eine kleine Schnapsidee in einen umfangreichen, weltweit erfolgreichen Podcast mit vielen Werbeunterbrechungen zu verwancdeln).

 

Es geht bei Verschwörungstheorien vermutlich darum, die häufig bedrückende Welt nicht mehr ohnmächtig zu erleiden, sondern speziell ihre dramatischsten, fernsten und einschüchternd überlebensgroßen Seiten den eigenen Geistesblitzen, Wünschen und Vorurteilen zu unterzuwerfen. Es geht darum, der Welt offensiv entgegenzuschleudern, was man liebt und was man hasst und sich damit nicht weise und geschlagen in eine Nische zu verkriechen.

Und es geht auch um die Lust am Unverbindlichen und Ungefähren. In Wahrheit würde selbst eine Verifizierung (von einer Falsifizierung ganz zu schweigen, davon dann das nächste Mal) den Spaß an einer Verschwörungstheorie zerstören, den wohligen Halbschatten vernichten, in dem die Dinge etwas von ihrem Gewicht verlieren und von mir so ernst oder unernst genommen werden können, wie ich es will.

Wenn die CIA tatsächlich „Wind of Change“ geschrieben hätte und das beweisbar wäre, hätten wir es nicht mehr mit einem lustigen Gedankenspiel zu tun, sondern mit einer Enthüllung und einer anschließend recht banalen Tatsache, die erst durch einen größeren Kontext interessant wird.

Genau einen solchen Kontext will „Wind of Change“ nicht konsequent konstruieren, auch wenn der Macher dazu unzweifelhaft in der Lage wäre. Ihm geht es darum, der Weltgeschichte und den Charts etwas von ihrem Stachel zu nehmen und gleichzeitig dafür keine Verantwortung zu übernehmen.

 

Das CIA – Gerücht wird von nun an vermutlich immer an diesem erfolgreichen kleben bleiben und seine aufdringliche Symbolkraft untergraben. Keefe hat gegen die Schwerkraft gewonnen, und vielleicht nimmt er damit auch seinem Publikum ein Gefühl des Ausgeliefertseins an eine verrückte Welt.

Und ich weiß jetzt, dass meine langjährigen Lieblingssänger, Armstrong und Simone, beide von der CIA gefördert wurden. Ich arbeite an einer passenden Theorie.

 

(wird fortgesetzt)

 

 

 

17.05. 2020 Kein ESC für ein (teilweise) harthöriges Land

Nie zuvor hat der (seit einigen Jahren neu und schlimm so benamste) „Eurovision Song Contest“ Alpträume bei mir ausgelöst.

Im Gegenteil, üblicherweise schubst alleine der Gedanke an das zumindest theoretisch weltverbindene Abfeiern von einem Zuviel und Zubunt an beinahe guten Songs und furchteinflößend spektakulären Auftritten, von Fernweh und schönen Menschen, meine Laune zuverlässig nach oben wie sonst nichts im real existierenden Fernsehen.

Dass die Lieder schlecht und schlimm seien, immer noch die gängige Lehrmeinung unter Popsnobs, lässt sich von Jahr zu Jahr weniger behaupten. Neben den obligatorischen, häufig im Guten wie im Bösen faszinierenden Hymnen gibt es wenigstens weichgespielte Versionen der aktuell interessanten Popstile zu hören, häufig begleitet von wohltuend bizarren Kostümen und schon beim Zuschauen schmerzhaften Choreographien. Die vor Friede, Freude und Eierkuchen triefenden Moderationstexte mögen auf manche hohl, heuchlerisch und cheesy wirken, ich finde sie immer noch inspirierender als die nationalistischen Schlachtgesänge bei angeblich völkerverbindenden Sportveranstaltungen. Und das in Deutschland beliebte Dauerargument, da würden ja mittlerweile weniger Menschen zuschauen als beim „Tatort“ aus Münster, trifft eigentlich gerade mal auf Münster zu – es sind weltweit eben dann doch rund 992 Millionen mehr, und im „Tatort“ wird deutlich weniger gesungen (und ohnehin ist das ein beschämendes Kriterium).

Nun ist der „ESC“ gestern ausgefallen, und das Durcheinander – und Nacheinandersichten der drei (!) Stellvertretershows im deutschen Fernsehen (R.I.P. Rolf Hochhuth) hat bei mir eine Nacht absolut grässlicher Träume ausgelöst, voll von selbsternannten Impf- Entschwörern, Donald Trump, singenden Leichen und, um die Sache komplett zu machen, Zahnbehandlungen ohne Betäubung. Offensichtlich ist mein Nervenhaushalt auf die 5 Stunden melodische Anspannung pro Jahr als Katalysator eingependelt und läuft auf Entzug Amok. Vielleicht habe ich mich auch einfach zu sehr für das herzlose Gewinnerlächeln der vermeintlichen Krisenchampions geschämt. Hier erst einmal die kühlen, verwirrenden Fakten.

Wegen akuter Pandemie sendete die veranstaltende European Broadcasting Union als Ersatz für die teuerste Videoleinwand der Welt, tanzende Massen und stundenlange Punktevergabe mit spannungsvoll stockenden Videoschaltungen ein betont besinnliches und größtenteils geschmackvolles Gegenprogramm: Videogrüße der nicht auftretenden Acts (manche gedachten der Toten, andere der Kranken oder der Ängstlichen, alle beteuerten, an die Kraft der Musik zu glauben, alles war unvergleichlich ernsthafter als das  ungeschickt vorangestellte„Wort zum Sonntag“, das sich umgekehrt um ESC – Bezug bemühte), Videoaufzeichnungen leiser Lieder und ein paar angeknabbert selbstironisch witzelnde Moderatoren. Nichts sollte in diesem Jahr an Wettbewerb erinnern oder den Wettbewerb im nächsten Jahr behindern – also wurden die teilnehmenden Titel nur kurz angespielt und nicht bepunktet, so ist es respektvoller, und vielleicht können sie ja noch einmal verwendet werden. Doch bei den eigens eigenspielten zusätzlichen Musiknummern ließ sich keinerlei Zynismus erkennen – ob sich wirklich noch irgendjemand nach einer neuen Version von „Ein bisschen Frieden“ verzehrt, sei mal dahingestellt, die beabsichtigte etwas abgerockte Nestwärme kam rüber, auch ohne Glitter und in Isolation können wir zusammenrücken. Einsames Highlight war in meinen Ohren ein seltsames und ziemlich verlorenes Stück Freakfolk der früheren Gewinnerin Netta, die diesmal nicht kraftvoll gackerte, sondern in der Manier von CocoRosie über künstliche Spieluhrenklänge zarte Kuckucksrufe schickte. Zum Abschluss des tapfer betretenen Abends sangen dann tatsächlich Kandidaten aus 41 Ländern gemeinsam/nacheinander in winzigen Häppchen „Love shine a light“, ein altes, ödes, aber gutartiges Gewinnerlied, und die Welt war dann trotz beinahe durchgängig computerbereinigter Stimmen wieder ein klein wenig schöner. Diese wenigstens ein klein wenig nach großer weiter Welt und nach weltweiter Solidarität ausschauende Platzhaltershow wurde bei uns allerdings zeitversetzt im Spätprogramm versendet.

Die prime time gehörte einem Duell zwischen der ARD und PRO 7, zwischen dem offiziellen deutschen Ersatzsprogramm mit einigen Wettbewerbstiteln im Wettbewerb um Publikumsanrufe (zum Teil über Videos, zum Teil live präsentiert) und um einen Wettbewerb von 16 Stücken deutscher Chartsmusic, unter denen 15 launig über einen mehr oder weniger an den Haaren herbeigezogenen Bezug anderen Ländern zugeordnet wurden. Beide Shows waren an sich bereits ziemlich bizarr und sichtbar das Ergebnis von ermüdendem Hickhack hinter den Kulissen. Vollends fragwürdig wurde die Sendung in der ARD durch die Beschränkung auf zehn Titel, auch wenn ich für wenigstens fünf von ihnen fröhlich das Radio lauter drehen würde (und für den ein wenig brav björkenden bulgarischen Kammerpop vielleicht auch extra einschalten).

Noch weniger leuchtete die Show auf PRO 7 ein, die sich „FreeEurpoeanSongContest“ nannte und faktisch einfach die wirre und extralange Wiederkunft der längst verblichenen Hitparade war (bei der die teilnehmenden Titel diesmal nicht durch Media Control, sondern über undurchsichtige Branchendeals ausgewählt worden waren ,und  bei der es jede Menge Werbepausen gab).

Da die PRO 7 – Sendung von Stefan Raab produziert, von seinem ständigen alter ego Steven Gätjen co-moderiert und spürbar von seinen Gagschreibern gescriptet wurde, wurde sie im Vorfeld als eine Art pfiffige Parodie auf den regulären ESC – Betrieb gehandelt.

Von Conchita Wurst und Helge Schneider einmal abgesehen, steckte in der vierstündigen Leistungsschau weniger Ironie als in jedem offiziellen ESC – Kleid. Zumindest für mich überraschend moderierte Conchita Wurst charmant und souverän wie nichts (gebt ihr „Wetten dass..?“!!!! Aber lasst sie dabei besser keine neuen Lieder singen). Helge Schneider sang als Überraschungsstar gegen Ende eine getragene, stilsicher und ohne Ausreißer vorgetragene Hymne auf das isolierte Leben während der Pandemie (das in dieser Form in Deutschland bestenfalls in lustigen Liedern existiert – „Forever at home/forever alone“ usw.). Ansonsten gab es wenig zu lachen – ein paar nationalchauvinistische Gags über bspw. angeblich autoklauende Nachbarländer, ein paar Filmschnipsel mit Pleiten, Pech und Pannen, das war`s.

Die besten der von Raab entwickelten Formate leben ja davon, dass mit würdevoller absurder Ernsthaftigkeit Kindergeburtstagsideen bis zum Exzess ausbuchstabiert werden. Auch beim „FreeEurovisionSongContest“ funktionierte das als Grundidee nicht schlecht („Und du bist jetzt Malta, denn da kommt doch deine Mutter her“, so ähnlich werden auch auf Pausenhöfen ESCs ausgetragen), nur wurde die größtenteils formelhafte Musik selber so humorlos zelebriert wie die Produktplatzierungen und Werbeblöcke. Aber dafür live, wie überall stolz zu lesen war. Raab, dem international das Verdienst zugesprochen wird, den ESC lustiger gemacht zu haben, versteht bei Musik wenig Spaß und hatte es ja bereits geschafft, „Wadde hadde dudde da?“ als deutsche Wertarbeit mit Schwielen an den Händen zu verkaufen, als grundsolides Gegengewicht zum ganzen Grand Prix – ChiChi.

Umgekehrt musste Barbara Schöneberger zeitlgleich im Ersten beweisen, dass bei der ARD humortechnisch niemand in der zweiten Reihe sitzt und kalauerte sich in einem aufsehenerregenden Plusterkleid voller Kussmünder von Beitrag zu Beitrag.

Statt Lagerfeuerfernsehen in ausgelaugten Zeiten gab es also zur Hauptsendezeit einen verbissenenen Doppelmarathon der guten Laune und einen erbitterten Kampf um jeden anrufenden Zuschauer, voller zähnefletschender Seitenhiebe auf die Konkurrenz, hier und da aufgelockert durch Musik. Die Abstimmungen gewannen im Ersten dann ironischer Wave aus Litauen (ein bislang zu lange vermisstes Genre), im Siebten ein unauffälliger Gassenhauer mit Nicos Santos. Dabei blieben die Quoten beider Sendungen enttäuschend (weit hinter denen aller „Tatorte“).

So weit, so unspektakulär, wenn nicht eben die stählerne Fröhlichkeit der selbstgebrauten Sendungen ein gewisses Geschmäckle aufgewiesen hätte, das auf PRO 7 bei einem Zusatzsong außer Konkurrenz unüberhörbar wurde: Das Gesamtkunstwerk Teddy Teclebrhan frohlockte „Deutschland isch stabil“, was komisch gemeint sein sollte und im Netz angeblich millionenfach Trost und Freude spendet, hier aber als herzlose Hymne ankam, zu deren Abschluss dann auch noch gönnerhaft alle anderen „teilnehmenden“ Länder als „stabil“ gefeiert wurden (die eben genau das zum Teil nicht sind und in der vorangegangenen Sendung eher als merkwürdige mögliche Reiseziele oder als unbestätigte Gerüchte behandelt wurden). Aberglauben bringt Unglück, aber ich habe trotzdem auf jedes verfügbare Stück Holz in Reichweite geklopft. „Pandemie hin/Pandemie her/Leben bissle leicht/Leben bissle schwer“ und natürlich „Wir machen Party bis morgen früh/morgen früh. Junge! Deutschland isch stabil!“.

Hoffentlich hat das draußen, in der wirklichen Welt, niemand gesehen, oder die lassen uns zu Recht nirgendwo mehr hin.  

Alpträume machen müde. Netta, sing´ mich in den Schlaf.

 

04.05. Eskapismus (VI): Doch keine Anti - Serie, doch kein Antiheld

(Ich bin draußen. Seit neulich selbst der penetrant ehrwürdige Deutschlandfunk einmal pro Stunde in einem Trailer für eine Sendung über tapfere Chöre eine virtuouse und artige Accapellaversion von „My Sharona“ mit dem Text „Scheißcorona!“, gebracht hat, bin ich endgültig aus der allgemeinen Virusbeschimpfung raus. Ich möchte nichts mehr darüber hören, was das Virus mit sich oder mir oder sonstwem und auf welche Weise anstellen soll, welche Charakterfehler es hat und was für ein Körperteil oder Tier es doch ist. Ich bin für fast allen Wahnsinn zu haben, und erst recht für mutmachenden, aber bei Streitgesprächen mit Viren klappe ich nach zwei Monaten entschlossen die Ohren zu. Trotz ist beinahe immer eine feine Sache, aber spätestens bei Corona kippt er auch bei aller Ironie schnell ins Kasperhafte, zumal schon vor Wochen der notorische Brachialpopper T. L. nach überstandener Krankheit herumröhrte, das Virus, das hart genug für ihn wäre, müsste noch erfunden werden. Es war, wie immer, nicht ganz klar, ob das nun ein cleveres Spiel mit unangenehmer Dumpfheit war oder vielleicht doch die Sache selber, aber das machte, wie immer, im Grunde auch keinen Unterschied.

Ich gebe übrigens Stephen King die Schuld. In dessen Werk reden zum Zweck der Verankerung der wilden Geschichten im schnöden Alltag, zum Zweck der allgemeinen Erdung und zur Demonstration einfacher Gutherzigkeit, alle Menschen mit dämonischen Kräften, als würden sie sich mit ihnen auf der Schultoilette prügeln. Das hat, wenn ich es richtig verstanden habe, mit Kings streng religiöser Erziehung zu tun und seiner Ambivalenz ihr gegenüber, aber alle haben es nachgemacht, selbst, wenn sie im Kindergarten in Fäkalsprache reden mussten (ja, das gab es). Selbst das „Yippeyakkayeah (?), motherfucker!“ aus „Die hard/Stirb langsam“ würde ich auf Kings Allgegenwart in der populären Kultur der 80er zurück führen, vorher hatten sich James Bond oder Dirty Harry in ähnlichen Momenten bei ihren Sprüchen noch um irgendwelche (peinlichen) Pointen bemüht.

Als Faustregel würde ich sagen, dass es auf die ausreichende Fallhöhe ankommt: Ein „Leck mich!“ dem absoluten Bösen, dem Kaiser oder Blofeld gegenüber ist wirkungsvoller als eines, dass tapfer einem gichtkranken Hausmeister entgegengeschleudert wird. Und ein Virus hat nicht einmal Ohren (zu Stephen Kings religiöser Erziehung gehörte, wenn ich es richtig verstanden habe, übrigens, dass der Teufel als heimlicher oder angehender Weltenherrscher angesehen wird, die Schnodderigkeit ist für ihn also tatsächlich kein Klacks, sondern ein Triumph). Ich weiß, es gibt heftig naturwissenschaftlich gesonnene Menschen, die auch die Menschheit als Virus sehen, oder als Fauna, oder Viren als Fauna, osä., und wenn die öffentlich mit Viren debattieren wollen, haben sie meinen Segen und meine Ohren.

Hier im schönen Berlin habe ich schon diverse Versionen von „Ich nehme das Virus nicht ernst, das will es doch nur!“ gehört, so dass ich relativ humorlos darauf bestehen möchte, dass das Virus nichts will, im Gegensatz zu uns, und wir leider alle aus albernen Gründen krank werden oder an dummen Dingen sterben können. Das macht die Menschheit schon ihr ganzes Leben lang.

Und damit uns allen eine gute Gesundheit und gute Nerven. Und etwas Eskapismus. In dieser formlosen Blogpostreihe geht es doch noch einmal aus aktuellem Anlass um Bücher, die einmal extrem populär waren, die zu meiner Verblüffung aktuell aber gar nicht so viele an sich an sowas interessierte Menschen auf dem Zettel haben.)

 

Die Lord Peter - Romane von Dorothy L. Sayers

 

Mit allen Wassern gewaschene kluge KrimiexpertInnen sind kalt erwischt worden vom seit ein paar Jahren wütenden Agatha Christie – Revival. Vier Prestige – Fernsehserien und zwei stargespickte Kinofilme haben ihre bekanntesten Werke zum zum Teil fünften Mal verfilmt, ohne Corona gäbe es im Herbst einmal mehr den „Tod auf dem Nil“ im Kino (und überraschend erfolgreiche Hommagen wie „Knives out!“ sind dabei nicht einmal mitgezählt). Vermutlich ist das auch eine Gegenreaktion auf die Härten von neuerem Material. Gibt es etwas Schöneres als „Downtown Abbey“ mit (viel) mehr Morden? Ja, die Lord Peter – Geschichten von Dorothy L. Sayers, der wahren Pionierin des Landhaus – Krimis, der wahren, schlimmer Ausdruck, „Queen of crime“.

Agatha Christie gehörte bereits zur zweiten Generation genregeschulter KrimiautorInnen (E. A. Poe, A.C. Doyle und andere, noch frühere Pioniere waren im Grunde Exoten gewesen). Nach 1900 und erst recht nach Krieg und spanischer Grippe brach eine wahre Krimiflut vor allem über die englischsprachigen Länder herein, die nur von der heutigen Allgegenwart des Krimis übertroffen wird. Doch das Phänomen damals war spektakulärer. Das Genre war trotz Tausender von Veröffentlichungen erst noch im Entstehen begriffen, und noch dazu waren das die ersten Veröffentlichungen direkt in Buch – und Romanform (die Abenteuer von Sherlock Holmes waren ursprünglich in Zeitschriften erschienen). Dann und wann bringt ein rühriger Verlag einen der glücklicherweise vergessenen Klassiker in Liebhaberausstattung heraus, aber im Großen und Ganzen hat nur eine Handvoll Namen den damaligen brutalen Wettbewerb überlebt: Ellery Queen und Gilbert Keith Chesterton mit ihren überraschenden Ideen, ihren plusminus witzigen Dialogen und ihren zumindest nicht unsympathischen Detektiven (Ellery Queen wurde später noch thrillerartiger und morbider).Und Dorothy L. Sayers, die einzige Kollegin, die der Snob Raymond Chandler als Literatin gelten ließ, und als Denkerin sowieso (Christie fand er indiskutabel, Holmes war für ihn ein reines Kultphänomen). Umso stärker ärgerte sich der egalitäre, atheistische und gesellschaftskritische Chandler über Sayers` Vorliebe für arrogante Adelige, modern begründete Religiosität und ihre schnodderig - kumpelhafte Herablassung gegenüber der englischen Linken.

Sayers`Held, Lord Peter Wimsey (in etwa: Graf Peter Schrullik), ist das schwarze Schaf einer intriganten südenglischen Adelsfamilie, ein spöttischer, nur scheinbar charmant pausenlos plappernder Snob mit einem Herzen für Abenteuer, Außenseiter und antiquarische Bücher. Hinter seiner dusseligen, herausgeputzten Fassade als Dandy und seinen gewundenen Monologen zur richtigen Badetemperatur steckt ein selbstironischer Melancholiker mit einem wachen und offenen Geist und sehr viel Anteilnahme. Wenn Matt Smith in „Doctor Who“ noch Monokel und Schnurrbart getragen hätte, wäre er der Figur ziemlich nahe gekommen (und wenn die BBC wirklich so clever ist, drückt sie ihm noch einmal Monokel, Schnurrbart und Sayers in die Hand). Wimsey flaniert, angeblich als Müßiggänger, in Wirklichkeit immer auf der heißen Spur eines bizarren Verbrechens, durch das wuselige Londoner Jazz Age zwischen den Weltkriegen, das im Unterschied zu Berlin glücklicherweise nur wenig Faschisten und kaum Sündenbabel – Geraune kennt.

Im Gegensatz zur spöttischen Grausamkeit vieler anderer Krimiklassiker haben Sayers` Werke bei allen Trinkgelagen in exklusiven Clubs ein soziales Gewissen, schildern gesellschaftliche Zusammenhänge und thematisieren ethische Konflikte, anstatt eine doppelbödige Schwarzweißmoral zu behaupten. Und ähnlich Chandlers Philip Marlowe ist ihr überdrehter Serienheld Lord Peter nicht irgendein schlußfolgernder Exzentriker, sondern eine gleichzeitig irre und glaubwürdige Idealgestalt, die ihren Einsatz für ein bisschen Fairness dadurch kaschiert, dass sie schlagfertig jeden unter den Tisch redet.

Der Werdegang von Dorothy L. Sayers ähnelt in manchen Punkten dem anderer Krimipioniere: nach heutigem Verständnis waren sie rebellische Nerds, überqualifizierte AußenseiterInnen, die ein unterschätztes Genre dazu benutzten, der Gesellschaft einen wenig schmeichelhaften Spiegel vorzuhalten. Sayers war die erste Frau gewesen, die in Oxford studierte und brachte einige der ersten seriösen Zusammenstellungen von Detektiv – und Horrorgeschichten heraus. Am Anfang ihrer Karriere lebte sie ein Leben in der Londoner Zwischenkriegsbohème, inkl. unehelichem Kind.

Sayers ist eine im Grunde wertkonservative Gegnerin von Konventionen und Doppelmoral. Das ist im Krimigenre mehr oder weniger der übliche moralische Modus (und in Sayers` Generation war im auch die Religiosität weit verbreitet). Dazu karikiert Sayers nicht nur mehr oder weniger liebevoll Fuchsjag und Familienbanketts, sondern auch Künstler, Kokser und Kommunisten (lassen wir das Innen mal weg). Lord Peter ist natürlich alles andere als pc, und manche seiner flotten Sprüche über dies und das sind heute reichlich unerträglich, aber alleine schon aus Trotz (nicht gegen Corona) ist er immer auf Seite der Schwachen, und die unsympathischeren Mörder verraten sich in der Regel durch „Hate Speech“.

Trotzdem lebt Wimsey, natürlich, mit einem Butler, Bunter, und der kann alles, wozu dem Lord das Geschick fehlt: Frühstück machen, Autos reparieren, schießen. Lord Peters Butler hat eine ganze Tradition ähnlicher Dienerfiguren inspiriert, nicht zuletzt Batmans Alfred. Zusammen mit Lord Peters luxuriösem Lebensstil hat Bunter dem literarischen Ruf seiner Autorin nicht gerade gut getan. Wiederum ähnlich wie bei Chandlers Philip Marlowe wird die Seriosität der Romane unwiederbringlich durch die mit der Autorin durchgehenden Wunschvorstellungen bei der Schilderung der  Serienfigur unterlaufen. Ähnlich wie bei Philip Marlowe macht umgekehrt Lord Peter mit seinem Geld, seinem Butler und seiner manchmal nervtötenden Keckheit aus Sayers Romanen große populäre Kultur, die beinahe hundert Jahre später immer noch mindestens (!) ein großartiges guilty pleasure abgibt (Sayers erfand Wimsey als einsame, abgebrannte Akademikerin, die sich einen Lord und das Leben eines Lords wünschte).

In England gelten die Krimis von Dorothy Sayers als ewiges Kulturgut (und sind direkt und indirekt fortgesetzt worden, indirekt zum Beispiel mit dem deutlich weniger verspielten Inspektor Jury von Marhta Grimes), im Rest der Welt wurden viele ernsthaftere Krimibeobachter mit Sayers nie so recht froh. Mit galliger Süffisanz betrachtet sie das untergehende Britische Empire wie eine liebenswerte Schwäche (im Vergleich zu „Downtown Abbey“ ist das allerdings beinahe ein Aufruf zum bewaffneten Kampf) und hat in ihren ersten Romanen ihre Freude an unmöglichen überkomplizierten Mordplänen, bei denen die Betrachtung von Individuum und Gesellschaft hinter der Knobelei und einer schon lüsternen Freude an Sensationen und Seltsamkeiten verschwinden.

Gleichzeitig macht sie jederzeit ihre Ansprüche klar: Dorothy Sayers legte ihre insgesamt elf Lord Peter – Romane selbstbewusst nicht als Serie an: die Charaktere entwickeln sich im Laufe der Zeit, und die Nebenfiguren nehmen zum Teil mehr Raum ein als das kriminalistische Problem (was früher KEIN Merkmal einer Serie war).Vor allem unterscheiden sich die Bücher in Atmosphäre und Aufbau deutlich voneinander, verzichten auf einen wiederkehrenden Ablauf und formelhafte Elemente. Mal muss Wimsey seinen Bruder inmitten der niederen feinen Gesellschaft aus einem Mordverdacht heraushauen, ein anderes Mal strandet er zwischen den Jahren in einer eingeschneiten kleinen Ortschaft, in der der Küster umgebracht wird. Mal wird der Mörder im letzten, mal im ersten Kapitel enttarnt. Ab etwa der Hälfte der Reihe umwirbt Wimsey die Krimiautorin Harriett Vane (in vieler Hinsicht ein Spiegelbild ihrer Autorin), die sich zu einer beinahe gleichberechtigten zweiten Hauptfigur entwickelt, und der Schwerpunkt verschiebt sich hin zum ständigen Geplänkel zwischen den beiden. Beginnt Lord Peter in seinem ersten Fall als reichlich kaltschnäuziger Ermittler, treiben ihn im letzten Band als frischgebackenen Ehemann Schuldgefühle wegen einer Hinrichtung um, usw. Nebenfiguren wie Wimseys Schwester, Bruder und Tante, der befreundete Inspektor, der beinahe befreundete Journalist und der allgegenwärtige Versicherungsvertreter, tauchen in einem Roman als Verdächtige oder Antagonisten, im anderen als Verbündete auf. Im Zweifelsfall erfüllen sie einen humoristischen Zweck.

Raymond Chandler (den ich hier deswegen immer wieder nenne, weil seine Fans, das Rückgrat der hiesigen Krimikultur, sein Urteil bis heute immer wieder unterstreichen) hat sich, in Briefen, darüber beschwert, dass Sayers bei allem stilistischen, psychologischen, gesellschaftlichen und humoristischen Gewicht, das sie in den klassischen Kriminalroman hineingewuchtet hat, letztendlich nur eine „triviale Form gegen eine andere getauscht“ habe – nämlich den anspruchslosen Krimi gegen die anspruchslose Gesellschaftskomödie. Nun hat das Chandlers Held Hammett mit dem „Dünnen Mann“ ebenfalls getan, wie auch Chandlers betont tragische Romane nicht zuletzt in ihren komödiantischen Szenen funktionieren. Trotzdem reagieren engagierte VertreterInnen des „harten“ und gesellschaftskritischen Kriminalromans (die zum Teil mit dezidiert rechten Autoren wie Mickey Spillane oder James Ellroy bedeutend weniger Probleme haben) auf Lord Peter manchmal wie einige intellektuelle Linke auf den seligen Norbert Blüm - andere Antworten auf ähnliche Fragen und ein bisschen zu viel selbstzufriedene Pfiffigkeit legen da den Finger auf die Wunde des eigenen Selbstverständnisses.

Sayers aber machte, gegen die Erwartung ihrer KritikerInnen, Ernst: von Anfang an waren ihre Bücher mit im Kontrast zur ständigen Champagnerlaune ungewöhnlich deutlichen Polemiken gegen den Ersten Weltkrieg durchsetzt gewesen. Im Verlauf ihrer Reihe erklärte sie Wimseys Spleenigkeit zum eigenwilligen Umgang mit einem Kriegstrauma (und Bunter zu Wimseys ehemaligem Vorgesetzten und Lebensretter). Und so wie Lord Peter erkennen muss, dass er der Gedanke an einen hingerichteten Mörder ihm den Spaß an der Detektivarbeit verleidet, so beendete Sayers ihre Karriere als Krimiautorin mit der Eskalation des Zweiten Weltkriegs und nahm sie nie wieder auf. Sie hätte es als geschmacklos empfunden, mit dem Wissen um den Krieg und die damit zusammenhängenden Grausamkeiten sich neue hübsch – makabre Salonmorde auszudenken. Statt dessen veröffentlichte sie in ihren letzten zwanzig Lebensjahren vor allem theologische Essays.

 

Welches sind nun die besten Lord Peter- Romane? Das hängt, wie erwähnt, von den Vorlieben ab. Manche schwören auf das satirische „Mord braucht Reklame“, andere auf das spukhaftere „Der Glockenschlag“ (in dem meiner Meinung nach ein großartiges Setting durch ausufernde Ausführungen über das Spielen von Kirchenglocken sabotiert wird). Der erste Band, „Die Tote in der Badewanne“ ist wohl der Inbegriff einer nostalgischen, verführerisch verstaubten Delikatesse, während das abschließende Doppel „Aufruhr in Oxford“ und „Lord Peters Hochzeitsreise“ beinahe (aber auf entscheidende und bereichernde Weise eben nur beinahe) kluge kleine Schmöker aus dem Jazz- Zeitalter jenseits des Genres sind.

Allen gelingt das (eigentlich als typisch postmodern geltende) Kunststück, gleichzeitig alle Klischees zu erfüllen (wir wissen, wann wieder eine Nobelkarosse oder eine hochnäsige Bemerkung kommen muss) und gleichzeitig in keiner Hinsicht formelhaft zu sein (die Karikaturen von Sayers verhalten sich nie wie Klischees, bleiben immer sperrig und überraschend). Und so laden sie uns dazu ein, in eine halberfundene Zeit zu versinken, in der Krimis noch neuer und witziger waren, und in der Charleston getanzt wurde.

 

 

 

 

 

 

 

24.04.2020 Eskapismus (V): Cornell Woolrich

Das kulturelle Gedächtnis kann eine wahnwitzig unfaire Sache sein.

Ich bin mir, trotz allem, ziemlich sicher, dass es bspw. auch in zwei Jahrzehnten noch Playlists/Mixtapes/bespielte Drohnen mit dem „Soundtrack der 2000er Jahre“ geben wird, und die entscheidende Nummer wird vermutlich darauf fehlen: Yann Tiersens Thema für „Die fabelhafte Welt der Amelie“ (das ich übrigens nicht unbedingt mag, aber darum geht es nicht).

Wieso ich das glaube? Weil bei den entsprechenden Zusammenstellungen zu Ehren der 1980er „Living on Video“ fehlt, und bei den 1970ern „Popcorn“, und beide Stücke liefen zu ihrer Hochzeit ÜBERALL: in Kinos, vor den Wetterdurchsagen am Telefon und den Staumeldungen im Radio, in Cafés und schickeren Boutiquen (in Supermärkten lief damals noch keine Popmusik, und in Kneipen auch nicht – und für Discos war ich nun wirklich zu jung). Ich glaube, ich habe „Living on Video“, ohne es selber auch nur in einer schlechten Radioaufnahme zu besitzen, um die 100mal häufiger gehört als die offiziellen Megahits osä. der frühen 1980er, inklusive „Beat it“ und „Sternenhimmel“ („Da Da Da“, lief, meiner Erinnerung nach, wesentlich seltener, als es zitiert wurde).

Wir sprechen uns in 20 Jahren wieder, hoffentlich, wenn, bei seiner ursprünglichen Zielgruppe, Tiersens schlenderiges Geklimper mehr tränenerstickte 2000er – Erinnerungen lostreten wird als alles aus den Charts. Und die in uns eingebrannten Keyboardtöne werden weiter wirken in der Musik, die wir aufgrund unserer Vertrautheit mit ihnen mögen oder gerade nicht mögen, machen oder gerade nicht machen, usw. Es lassen sich kaum noch nachweisbare Rückstände von „Living on Video“ in der aktuellen Musik aufspüren, aber dieses vergessene Stück war in gewisser Hinsicht der prototypische Sound der 80er (und hat, direkt und über manche deutlichen Nachfolger, wie „Axel F.“ oder „It´s a sin“, meiner Meinung nach einen gewaltigen Fußabdruck hinterlassen).

Ähnlich verhält es sich mit der Prosa von Cornell Woolrich. Für einen theoretisch längst wiederentdeckten Großmeister ist dieser Thrillerautor ziemlich unsichtbar, und erst recht in Deutschland. Wir können darüber diskutieren,, ob es ohne die Romane und Erzählungen von Cornell Woolrich den film noir und heutige Psychothriller gegeben hätte (meiner Meinung nach: nein, siehe unten), aber es lässt sich nicht bestreiten, dass sie die furchtsame Seite der amerikanischen Kultur der 1930er und 1940er verkörpern wie kein anderes Artefakt aus dieser Zeit, wie kein Batman – Comic oder Bogart – Film, wie keine Geschichte von Lovecraft oder Hemingway (Woolrich wurde in der Gründerzeit geboren,1903, und starb1968, aber gehört ganz in die unruhige Zeit der „Schwarzen Serie“).

Woolrich hat die Hauptfiguren populär gemacht, die morgens mit Gedächtnisverlust neben einer Leiche aufwachen, oder die sich Menschen verliebt haben, die es angeblich nicht gibt, die schlaflos um ihre geistige Gesundheit kämpfen und dabei mal kleinere, mal größere Verschwörungen aufdecken. Und wenn Chandler die femme fatale in die Literatur gelockt hat, hat Woolrich den unschuldig verfluchten, Intrigen und Tragödien förmlich ausschwitzenden Partner zumindest miterfunden.

 

Als Paradebeispiel für einen Woolrich – Plot hier eine Skizze der Ausgangslage von „Ich heiratete einen Toten“ (von 1948, nicht gerade Woolrichs bester Roman, aber süffige Lektüre): Eine unglückliche junge Frau lernt im Zug ein schickes frisch verheiratetes Pärchen auf dem Weg zu den Eltern des Bräutigams kennen, die die Braut noch nie gesehen haben. Bei einem plötzlichen Schienenunglück wird das Pärchen getötet. Unsere Protagonistin nimmt die Identität der Toten an und gibt sich vor der wohlhabenden, scheinbar herzlichen, prächtig lebenden Familie des Mannes als trauernde Schwiegertochter aus. Jede Sekunde kommt ihr köstlich vor, jede Sekunde zittert sie gleichzeitig schuldbewusst vor ihrer drohenden Entlarvung, während die Risse in der heilen Welt bemerkt und ihr früheres Leben sie einholt.

 

Hier haben wir alle Hauptanreize einer Woolrichhandlung versammelt: die gleichzeitig verblüffende und zwingende, dabei im Grunde surreale Grundidee, die Chuzpe, diese Grundidee tatsächlich in Romanlänge und im Rahmen eines scheinbaren Realismus irreführend glaubwürdig auszubuchstabieren, und ihr heute anheimelnder nostalgischer Charakter – heute wissen interessierte Eltern einfach, wie ihre Schwiegertochter aussieht, also können wir die Füße hochlegen und uns in eine behagliche schwarzweiße Welt fallen lassen.

Und die Handlung ist melodramatisch. Vor allem die Romane, die Woolrich ursprünglich unter dem Pseudonym „William Irish“ schrieb (wie „Ich heiratete einen Toten“) haben etwas von bangen Herzen und großen Träumen, von Seifenopern in Sturm und Drang. Das ist bis heute eine selten eingestandene Zutat beinahe aller Psychothriller (selbst in dem sarkastischen „Gone Girl“ gibt es diese Elemente, wenn auch zur Irreführung und als Parodie). Nur die eigentliche Ahndamen und ersten Meisterinnen der Form – Millar, Rendell/Vance und Highsmith – verzichten ganz auf den Beigeschmack von Kitsch. Woolrich kommt mit seiner leichten Schwäche für Schwulst durch, weil seine Gesamtkonzeption trotzdem immer wild ist, und weil sein Werk eine verwirrende Unschuld besitzt.

Böse gesagt, hat Woolrich in mancher Hinsicht die Gimmick- Literatur erfunden, Romane mit einem so starken Grundeinfall, dass es beinahe egal wird, ob die Konstruktion am Schluss hinten oder vorne hinhaut. Besser gesagt, benutzt Woolrich seine überbordenenden Plots vor allem als Vorwand, in immer neuen Nuancen zu schildern, wie es sich anfühlt, durch eine feindselig umgekippte Welt zu wanken (nach heutigen Maßstäben waren Woolrichs Werke auch alle keine Bestseller, sondern Nischenerfolge, kommerziell und schnell gestrickt genug, um nicht ernst genommen zu werden). Als einer der ersten systematischen Erforscher der unter dem Alltag lauernden Vorhöllen, als gnadenloser Plotbastler und gewiefter Spannungsstilist ist Woolrich als Erzähler trotzdem oder gerade deswegen von einer markerschütternden Unverfälschtheit, wenn nicht sogar Naivität. Das macht seine Werke trotz fehlender Helden und seltener Happyends so seltsam sympathisch. So wie seine häufig glücklosen Hauptfiguren sich nie die Weltherrschaft wünschen und keinen Funken existentialistischer Lässigkeit besitzen, sondern in der Regel von einem Dach über den Kopf und etwas Zuneigung in einer nicht völlig gegen sie arbeitenden und völlig grausamen Welt träumen (was sich in der Regel als unerfüllbar herausstellt), so nimmt Woolrich so heimtückisch wie unzynisch ihre Emotionen ernst.

Von den klassischen amerikanischen Autoren „hartgesottener“ Krimis ist Woolrich der einzige, der bei aller Härte kein bisschen Macho ist. Seine verlaufenen Jedermenschen besitzen, anders als die Figuren in den scheinbar ähnlichen Büchern von Jim Thompson oder James Mc Cain, wenig Erfahrung mit kriminellen Welten, keinerlei Schutzschicht und nicht einmal die Schlagfertigkeit von Chandlers Philip Marlowe. Und während bei Chandler (sicher der bessere Schriftsteller) die Hymnen auf die Lichter im Rinnstein nur eine Nuance auf einer reich bestückten Farbpalette waren, Chandler Gesellschaftskritik und Witze und mit Philip Marlowe einen unsterblichen Serienhelden zur Verfügung hatte, hatte Woolrich nichts anderes als eine genialische Begabung für Plots und das noir – Gefühl, übersteigert bis an den Rand des Deliriums (meine Lieblingspassage von Woolrich ist ein Romananfang, siehe unten, über einen melancholischen jungen Mann, der nachts gerne alleine spazieren geht. Woolrich gelingt es, das bis knapp an der Grenze zur Unlesbarkeit mit Atmosphäre und Pathos aufzuladen, ohne sich auffälliger Stilmittel zu bedienen).

 

Der Psychothriller, wie beinahe alles, in seiner Urform sicherlich von Edgar Allan Poe erfunden – unzuverlässige Erzähler, kopflose Protagonisten, ein sich abzeichnender gemeiner Doppelsinn hinter Alltagserlebnissen, usw. Poes Thriller sind aber allesamt Kurzgeschichten von nur wenigen Seiten (Poes Romanfragment „Arthur Gordon Pym“ geht eher in Richtung Lovecraft), und bei Poe spielen Verschwörungen kaum eine Rolle. Geht es tatsächlich einmal theoretisch um eine Intrige, wie in „Grube und Pendel“, beschäftigt sich der Erzähler keine vier Zeilen lang damit. Poe beschreibt keine Verschwörungen, sondern individuelle Grenzzustände, und seine Protagonisten sind beinahe immer selber schuld (in seinen Briefen und Artikeln sind allerdings ausschließlich immer andere schuld an Poes bedrückender Situation).

Woolrich dagegen beschreibt dagegen Intrigen, in denen seine Figuren in der Regel als Opfer und TäterIn zugleich herumzappeln. Die Paranoia seiner Bücher balanciert immer auf dem schmalen Grad zwischen Selbstanklage und Vorwürfen an eine abgefeimte Umwelt. Ob das biographische Gründe hat oder nicht (Woolrich erlebte die Wirtschaftskrise, die Zeit des Zweiten Weltkriegs, eine anstrengende Achterbahnkarriere und ein Leben als heimlicher Homosexueller), er brachte damit eine Haltung in die populäre Literatur, von der sie heute noch zehrt.

Seine Geschichten wurden rauf und runter verfilmt, aber alle diese Filme sind so sehr Zeitgeist und nicht viel mehr, dass sie als „typische film noirs“ als Filme dieses oder jenes Regisseurs ihre Fans haben, aber ansonsten immer nur als Beifang von Klassikern auftauchen. Bezeichnenderweise sind die einzigen überdauernden Verfilmungen die, die nicht offensichtlich zur „Schwarzen Serie“ von Hollywood gehören: „Das Fenster zum Hof“ und „Die Braut trug Schwarz“ (und vielleicht noch „Das Geheimnis der falschen Braut“, ebenfalls später, in Farbe und genrelos). Es existiert sogar eine Hypothese, dass diese Schwarze Serie ihren Namen ursprünglich durch Woolrichs (damals verfilmte) Schwarze Serie erhalten hat, eine Reihe von beunruhigenden Thrillern über in Alpträume stolpernde Jedermenschen, alle mit dem Wort „schwarz“ im Titel. Woolrich ist der purste der „Schwarzen“ Thrillerautoren nach der Depression und im Zweiten Weltkrieg, all die abgefeierten Filme des „film noir“ mit ihren kunstvoll komponierten Schatten waren in vieler Hinsicht ein Versuch, die nervös melancholische und schwelgerisch romantische Prosa von Cornell Woolrich und Raymond Chandler in ein anderes Medium zu übersetzen.

Alle Bücher von Woolrich sind lesbar und mindestens ein wohlig unheimlicher und abwechslungsreicher Trip durch eine schlaflose Nacht (ob mit oder ohne das Licht einer Neonreklame auf dem Kissen und schwerblütigen Jazz, der von der Straße hineinweht), manche sind nicht weit von Meisterwerken entfernt. Seine besten Werke erfordern ein wenig, mehr Geduld als die schmaleren Reißer, sind aber dafür noch reicher und genauer:

Allgemein als Höhepunkt gilt wohl „Walzer in die Dunkelheit“(„Waltz into Darkness“, 1947, ursprünglich veröffentlicht als William Irish), Filmtitel „Das Geheimnis der falschen Braut“ (von Truffaut, mit Belmondo und Deneuve) und „Original Sin“ (der blöde Film mit dem Badezuber), eine schwüle, benebelnde Phantasie über eine Erbschleicherin auf einer Plantage.

Mein eigener deutlicher Favorit ist „Die Nacht hat tausend Augen“ („Night has a Thousand Eyes, 1945, ursprünglich verfilmt als George Hopley) , und sei es, weil dieses Buch mit der erwähnten, schamlos romantischen Passage über einsame Spaziergänge beginnt. Hier dreht sich die Handlung um einen Wahrsager, der behauptet, seinen Tod voraussehen zu können. Dieses zeitlos merkwürdige Buch ist insofern ein Ausreißer im Gesamtwerk, als hier mit einer sehr speziellen und milde übernatürlichen Form von Schicksalsglauben gespielt wird.

Von Woolrich ist aktuell in deutscher Übersetzung nur wenig lieferbar. Aber zum einen ist die vorhandene Auswahl nicht übel, zum anderen lagern, lauern und vergilben Unmengen an Bänden in Antiquariaten und auf Flohmärkten. Nichts könnte besser zu diesen unauffällig verfluchten Büchern passen.

 

 

 

15.04. 2020 Eskapismus (IV): Klassische Romanlabyrinthe

Die meisten von uns sitzen nach wie vor die meiste Zeit zu Hause, lernen oder verlernen Häkeln, versuchen, sich an Kofu zu gewöhnen (Kirchererbsentofu, fürchterliches Zeug) oder schauen alle James Bond – Filme in chronologischer Reihenfolge. Sie waschen ihre Hände. Und manchmal lesen sie dicke Bücher ohne Viren. In diesem Sinn hier weitere Schmöker, die sehr alt und auch darum in der einen oder anderen Form relativ leicht verfügbar sind, und vielleicht auch nicht zuletzt wegen des zeitlichen Abstands hervorragend zum Wegdriften taugen. Die Auswahl ist natürlich absolut subjektiv, – was heißt, sie haben zumindest einem Menschen also schon einmal nachweisbar durch chronische Krankheit, bange Erwartung oder ein paar lahme Tage geholfen.

Schauen wir uns nach den unbestreitbaren Klassikern der letzten Woche (nein, diese Website kann das mit den Links immer noch nicht, das hat bald Retrocharme) jetzt zwei nur wenig obskurere, aber mindestens genauso süffige alte Kultbücher an, ideal zum Hineinversenken und Versinken. Das eine ist ein durch die Jahrhunderte weitergereichter ewiger Geheimtipp (was häufig nur meint, dass weder Snobs und Bescheidwisser, noch fade Insiderwitze aussterben, hier aber ein wirklich bemerkenswertes Buch), das andere ein zu seiner Zeit extrem populärer (wenn nicht populistischer) Serienroman, der heute einen eigenartigen Charme besitzt.

 

„Die Handschrift von Saragossa oder Die Abenteuer in der Sierra Morena“ (1815) von Jan Graf Potocki

(Nein, Saragossa ist nicht der Name eines Virus)

Der junge Soldat Alfons von Worden durchquert auf dem Weg nach Madrid das angeblich nur von ein paar Dieben und Exzentrikern bewohnte, ansonsten leere und heiße Gebirge der Sierra Morena. Kaum hat er die Gegend betreten, verschwinden seine Gefährten. Er findet ein Gasthaus, in dem zwei wunderschöne Frauen ihm den Anfang einer verwickelten Geschichte über ein tragisches Familienschicksal erzählen, ihn betäuben und ihn (ohne, dass er sich das wirklich eingestehen würde), verführen. Am nächsten Tag erwacht von Worden unter einem Galgen und zwischen Leichen. Von nun an irrt van Worden durch die wüstenähnliche Gegend, trifft Räuber, Einsiedlermönche und Besessene, Wissenschaftler und Wahrsager, und alle verwickeln sie ihn in kluge Gespräche über das Wesen der Welt, aber vor allem erzählen sie ihm farbenprächtige Geschichten, die sich zu Geschichten innerhalb der Geschichten verästeln, und alle diese Geschichten scheinen nicht nur die gleichen Probleme – Gespenster, Glauben, Ehre- zu behandeln, sondern von der gleichen Familie zu erzählen. Die Sierra Morena scheint für von Worden nicht passierbar zu sein, bevor er nicht begriffen hat, was die tragischen, komischen, derben und unheimlichen Erzählungen zusammenhält. Walten hier Gespenster, das Schicksal oder die Vorsehung? Nein.

 

Die Handschrift von Saragossa“ ist ein brillanter Schauerroman, der sich für etwas Besseres hält, nicht zu Unrecht. Es ist der eine barocke, gebrochene und weitverzweigte Schmöker, den viele verbissenere VerehrerInnen des Realismus gelten lassen, denn Potocki will damit ganz offen das Genre parodieren und auf die Füße stellen. Nichts Übernatürliches wirkt in der Sierra Morena, und die turbulenten Ereignisse sind für den naiven Erzähler von Worden ein Crashkurs in aufklärerischem Denken. Dazu werden zwischen den Geschichten in amüsanten Dialogen damals hochmoderne Weltanschauungen vorgestellt. Gespenster, Glauben und Ehre bekommen ordentlich ihr Fett weg, auf eine geschmackvoll geschriebene (für heutige Augen hier und da allerdings doch ziemlich schmierige) und gutgelaunte Art ist das Buch voller Erotik. Kein Wunder also, dass die „Handschrift“ das mehr oder weniger heimliche Lieblingsbuch von Menschen ist, die sich für den gesunden Menschenverstand halten.

 

Nun ist der Schauerroman aber immer ein Produkt der Aufklärung und setzte damals deswegen in seinen halbwegs salonfähigen Werken immer auf eine rationale Auflösung und den Sieg der Vernunft (aus heutiger Sicht erscheint es umgekehrt naiv, die Eigengesetzlichkeit einer Geschichte nicht zu sehen und ihre Vernünftigkeit davon abhängig zu machen, ob in ihr Naturgesetze gebrochen werden). Und die phantastische Literatur reklamierte die „Handschrift“ mit eben so gutem Recht für sich, denn von Wordens Realität wird völlig durcheinandergewirbelt und seine unglaublichen Erlebnisse werden durch die rationale Auflösung nicht ausgelöscht.

Ich denke, dass der im besten Sinn haarsträubende Roman sich für viele Intellektuelle dadurch legitimiert, dass seine weltanschaulichen Diskussionen nicht über die Handlung geführt werden, sondern im Dialog stehen (ein vergleichbares Phänomen adelte hundert Jahre später den „Namen der Rose“).

Der Reiz des Romans liegt trotzdem in seinem kunstvoll arrangierten Irrgarten aus Geschichten (offen beeinflusst von Sammlungen wie dem "Decamerone" und der vertrackt ineinader geschobenen „Geschichten aus 1001 Nacht“), seinen ziselierten Verschachtelungen und seinen unaufhörlichen Wendungen, manchen tief befriedigenden Spannungsbögen, seinem Strom an bemerkenswerten Begebenheiten, seinen so noch nie gelesenen skurillen Figuren und seinen prächtig geschilderten Schauplätzen. Es ist, als würden wir der Literatur selber zusehen, wie sie stolz ihre Möglichkeiten präsentiert und austestet (und jede Menge interessante Geschichten anreißt). Bis hin zu den heute gebräuchlichen Realitätsverschiebungen mit unzuverlässigen Erzählern, beschränkten Perspektiven und Plottwists. Inwieweit sich deren Anwendung bei Potocki und in heutiger Literatur voneinander unterscheiden, lässt sich leider nicht ohne Spoiler diskutieren. Darum weiter zum Leierkasten.

 

„Die Geheimnisse von Paris“ (1843) von Eugène Sue

Ich muss gestehen: Ich kenne mich nicht mit Leierkasten aus (jetzt ist es raus, und ich fühle mich gleich etwas besser). Ich habe also keine Ahnung, ob ein echter Leierkasten so gebaut werden könnte, dass er die Titelmusik der Verfilmung von „Die Geheimnisse von Paris“ spielt. Der hypnotische, gleichzeitig sedierende und wehmütig aufpeitschende Ohrwurm von Vladimir Cosma, der uns auch die Titellieder von „La Boum“ und das Klaviergeklimper aus „Diva“ geschenkt hat, stammt aus einem (meisterhaft eingesetzten) Synthesizer oder Keyboard. Und er trifft die erbaulich schaurige Stimmung dieses seltsamen Stoffs, der als Mehrteiler im Fernsehen bei mir damals für einige schöne Alpträume gesorgt hat.

 

Die Pariser Unterwelt ist in Aufruhr – ein geheimnisvoller Fremder mischt die verschwiegenen Gassen und die schäbigen Spelunken auf. Er redet wie ein feiner Herr, gewinnt jeden Kampf und interessiert sich auffällig für das wunderschöne Straßenmädchen Fleur de Marie.

Dieses ausufernde Werk sprengt ein sauberes Romanschema genau wie die „Handschrift“, aber von der anderen Seite. Statt ziselierter Verschachtelungen herrscht hier ein ständiges, überraschendes „und dann“, Reihen – statt Parallelschaltung. Das Ergebnis ist eine ähnliche spannungsgeladene Atmosphäre ständiger Überraschungen und ein Schwelgen in malerischen, nicht unbedingt notwendigen Details. Während die Handschrift jedoch volle Konzentration erfordern, wäre sie bei den „Geheimnissen“ ein Fehler. Auch hier sehen wir der Literatur bei der Arbeit zu, allerdings unter Druck und unter neugieriger Beobachtung: Eugene Sué schrieb das monströse Ding sozusagen in Echtzeit und auf Zuruf für die Zeitungsveröffentlichung (er schrieb seinen Text in weniger als einem Jahr, die kürzere „Handschrift“ ist innerhalb von einem Dutzend Jahren entstanden). Sué baute mindestens eine begeisterte Leserin in die Handlung ein und reagierte generell auf Publikumswünsche, vertiefte und vernachlässigte Erzählungsstränge, machte beliebte Schurken sympathischer usw. Er wollte die Massen zum einen erreichen, zum anderen erziehen (und er hatte auch nicht gerade jeden Tag gute Einfälle für den Fortgang der Geschichte). Das Ergebnis: ausnahmslos jede Szene ist zu lang, Unwichtiges wird doppelt – und dreifach erklärt, während entscheidende Wendungen holterdipolter skizziert werden. Und im Unterschied zu Potockis pointierter, kunstwilliger Sprache, setzt Sué hier und da bei seinem frühen Meisterwerk der Popkultur auf schwülstiges Pathos und lange Tiraden. Das sorgt allerdings für eine seht entspannte, angenehm ziellose Lektüre, das Hineinrutschen in Sués pittoresk makabres Panorama fällt leicht. Einziges echtes Problem ist die damals aufsehenerregende Gaunersprache in den Dialogen, die, je nach Übersetzung, nicht nur schwer verständlich sein, sondern auch hier und da gewaltig nerven kann. Da aber, siehe oben, auch im Dialog alles mehrfach erzählt wird, sollte sich davon niemand abschrecken lassen (tatsächlich hat das bei Übersetzungen benutzte alte Rotwelsch auch einen eigenen Reiz). Im Unterschied zu den geschmackvolleren Werken von bspw. Dickens vermitteln die „Geheimnisse“ ein permanentes Gefühl der Gefahr, was für ihren damals gewaltigen Erfolg sicherlich auch entscheidend war. Der heftig idealisierte Held ist gerade stark genug für die wirklich bedrohlichen Schurken, ihre wirklich bedrohlichen Fallen und das manchmal wirklich brutal zuschlagende Schicksal. Ähnlich wie Dickens wird Sué als Darsteller benachteiligter Schichten eine sozialpolitische Wirkung zugesprochen. Noch deutlicher als Dickens sah er sich als Anwalt der Erniedrigten und Beleidigten. Und ebenso wie Potocki fühlte er sich der Aufklärung verpflichtet, die Halbdunkel und Elend bekämpfen sollte. Wie bei der „Handschrift“ besteht die Freude an der Lektüre mindestens so sehr im wohligen Schauer wie in erhellenden Gedanken über Schönheit. Aber auch hier geht der Zug ins Unheimliche Hand in Hand mit einer Begeisterung für seine Welt und unsere Welt, für die Welt als ein einladendes, bei allen bedrohlichen Schatten, vorsichtig zu betretendes aber grenzenlos einladendes, auf angenehme Art zu begreifendes Labyrinth.

06. 04. 2020 Eskapismus (III): Klassische Herumsitzromane

Gut, hier also nicht noch mein Senf zur extrem schmissigen und etwas schäbigen Quatschdokuserie „Tiger King“ oder zu „Tales from the Loop“, denn dazu steht ja überall etwas, genauer: das Internet besteht im Moment mehr oder weniger aus Streamingtipps und Corona, plus Konferenzschaltungen und Maskenbastelanleitungen.

Solange wir noch in diesem (für Menschen, die nicht in Pflegeberufen arbeiten) bangen und vergleichsweise ereignislosen Zwischenzustand hängen, schreibe ich also in dieser abgelegen Zwergezweigstelle des Bloggens noch ein paar Sätze zu klassischen Büchern, die in einigen Ecken herumstehen. Sie werden absurd günstig überall und auch im Netz angeboten und haben zumindest mir in vergangenen unschönen Zeiten bereits massive Freude bereitet/das Gehirn freigepustet/Fluchtzwänge aufgelöst.

Bücher, die seit 150 Jahren und mehr tatsächlich von immer neuen Nachgeborenen gelesen werden, müssen ja ungewöhnlich packend bleiben.

Das trifft, leider, soweit ich das sehe nicht auf die klassischen Abenteuerromane zu. Zentnerschwerer Staub liegt auf den mehr oder weniger realistischen Schmökern, die früher reflexartig und in günstigen Ausgaben zu Kindergeburtstagen verschenkt wurden: auf der Schatzinsel, Wolfsblut, den Lederstrumpf – Romanen, einem leicht modernisierten Robinson Crusoe oder einem um zwei Drittel gekürzten Moby Dick. Updates und Bearbeitungen in anderen Medien könnten vielleicht sogar einen gewaltigen, unbewussten Durst stillen, aber die alten Kameraden wirken heute gleichzeitig etwas hell und etwas hart, etwas betulich und reichlich absurd. Gerade im Jugendbuch altern Realismus und Didaktik vielleicht schneller als glaubwürdige Träume (die frühen Popmythen von Alexandre Dumas, Der Graf von Monte Christo oder Die drei Musketiere funktionieren in einem Zwischenreich in grob gekürzten Versionen wohl noch ziemlich gut). Jules Verne liest sich schwerfällig und reichlich emotionslos, aber für eine Steampunkgemeinde wird er immer noch als Ideengeber verehrt, Karl May wird kaum noch gelesen, aber hat immer noch seine Fans. Im Kontrast dazu sind ein paar vergleichsweise lahm anmutende Fluchtträume für Erwachsene weitaus besser gealtert und besitzen gerade in ihren eskapistischen Aspekten trotz anderer Ambition eine Dichte und Wucht, die immer noch funktioniert.

Heute wollen wir uns auf drei Klassiker des Herumsitzens konzentrieren, auf Werke, in denen entscheidende Szenen beim halbinteressierten Beisammensein spielen, das die Handlung stärker prägt als alle spektakuläreren Elemente. Das spiegelt nicht nur die Rezeption zu ihrer Entstehungszeit – die Lesenden saßen meist in Rufnähe zu anderen, und häufig wurden diese Bücher vorgelesen (wie in ihnen auch häufig vorgelesen wird), das ähnelt auch unserer Situation hier und heute, und das gilt auch für alleine Lebende (wenn auch die Nicht- Alleine – Lebenden die Wiederentdeckung des gemeinschaftlichen Herumhängens sicherlich eindrücklicher erfahren).

 

„Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen („Pride and Prejudice“, 1813)    

Keine Überraschungen hier. Der Klassiker des Herumsitzgespräche wird in englischsprachigen Ländern Jahr um Jahr zum beliebtesten Roman aller Zeiten gewählt. Bei uns mögen seine ausgesprochenen Fans ein bisschen rarer und spezieller sein, aber zum allgemeinen Liebling reicht es trotzdem. Die Handlung, nur zur Erinnerung und zweckdienlich verkürzt: Die junge Elizabeth Bennet sitzt in verschiedenen Guten Stuben herum und beobachtet die Menschen. Manchmal liest sie laut offizielle Briefe vor, manchmal liest sie leise heimliche. Häufig entzückt und verstört sie die Umsitzenden durch treffende ironische Kommentare. Die meiste Zeit sitzt sie in der Guten Stube ihrer Eltern mit ihren Schwestern, eine Zeit lang sitzt sie auch in einem halbbefreundeten, eine malerische Tagesreise entfernten Anwesen herum, später auch mal in London. Diverse Männer schneien vorbei, reden dummes Zeug und verführen zum Teil Frauen, nur der reiche und schnippische Mr. Darcy scheint die Menschen ähnlich einzuschätzen wie Elizabeth. Darcy ist leider scheinbar von schlechtem Charakter und von Elizabeths ihm so ähnlicher Art abgestoßen. Da Elizabeths fröhlich verantwortungsloser Vater allmählich verarmt, drehen sich die meisten Geschehnisse in und um die Guten Stuben ums Verheiraten von Elizabeth und ihren diversen Schwestern, nicht zuletzt auf Drängen ihrer herzlosen Mutter. Großartiges Buch, und warum das so ist, ist beinahe überall und zu Recht zu lesen. An dieser Stelle nur der Hinweis, dass die Beschäftigung mit dem Nebeneinanderherleben in Guten Stuben konkurrenzlos heimelig ist – wer will nicht dabei sein, wenn die Bennet – Schwestern plus der eine oder andere männliche Gaststar lesen, sticken und musizieren, während englischer Regen auf hügelige Wiesen pladdert? Sogar ein wochenlanges Miteinanderherumsitzen vorm Kamin unter suboptimalen zwischenmenschlichen Spannungen aufgrund von Quarantäne kommt vor.

 

„Jahrmarkt der Eitelkeiten“ von W. M. Thackeray („Vanity Fair“, 1848)

 

Parallel zueinander sitzen die Schulfreundinnen Amelia und Becky in den Jahren um die Schlacht von Waterloo herum in verschiedensten Guten Stuben und Salons in London, Brüssel, Paris und der englischen Provinz und kämpfen ums Überleben. Amelia Sedley ist naiv und gut (und meistens traurig, wie ihr Name andeutet) und versucht, die meiste Zeit des Buches vergeblich, nicht aus dem unteren Großbürgertum abzusteigen. Ihre Freundin Becky Sharp ist clever und böse (und auf Zack, wie ihr Name verrät) und versucht, die meiste Zeit des Buches erfolgreich, aus der Lumpenbohème in Adelskreise aufzusteigen. Hat jemand eine Idee, wie dieses Buch enden könnte?

Thackerays backsteinschweres Meisterwerk präsentiert eine konkurrenzlos breite Auswahl an Herumsitzvarianten, was bis heute fasziniertes Lesevergnügen garantiert: sein böser Bilderbogen schildert u.a. einen nächtlichen Vergnügungspark in London, das Warten von Soldaten und ihren Frauen vor einem gefürchteten Marschbefehl bei gutem Essen und bösen Gerüchten, die eisige Atmosphäre in einer rundum verfeindeten Verwandschaft in einem heruntergekommenen, kalten und unbeleuchteten kleinen Schloss, usw. Auch eine Zwangsversteigerung wird als ein familiäres geselliges Event geschildert, denn, wie der spöttische allwissende Erzähler versichert: „Die Welt ist eine Kanaille.“

Wenn W.M. Thackeray häufiger gelesen werden würde, würde ein Fan seiner Werke vielleicht als menschenfeindliche Spaßbremse gelten, die sich von Trockenbrot ernährt und Gremliza vorm Einschlafen liest, als eine ähnliche Gestalt wie Thackerays garstiger Landjunker Pit Crawley (Besitzer des erwähnten Schlosses). Da Thackeray aber bei uns vor allem über die Verfilmungen seiner Hauptwerke aktuell bleibt (die bislang letzte Verfilmung von „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ lief vor ein paar Monaten auf arte, siehe unten, „Barry Lyndon“ hat als kühler Film von Kubrick seine Verehrer), riskiere ich vermutlich wenig. Toller Autor, tolles Buch, und gar nicht so verbiestert, wie man denken könnte, wenn, siehe oben, Thackeray häufiger gelesen werden würde.

Ein Roman ohne Held“ nennt Thackeray sein Buch unmissverständlich im Untertitel, und trotzdem gibt es immer wieder Versuche, die gerissene, einfallsreiche, scheinbar illusionslose Becky zu einer postfeministischen Heldin zu verklären. Ihr Status als Negativfigur wird dann mit Angst vor der Buchzensur oder kommerziellen Überlegungen oder mit Thackeray als Kind seiner Zeit erklärt. Auch die letzte, in vieler Hinsicht extrem werkgetreue BBC – Verfilmung (in der ein total verschenkter Michael Palin den Thackeray gibt) unterschlägt letztendlich Beckys dümmste und grausamste Momente (und reduziert die böse Schlusspointe der Geschichte zu einem kessen Spruch) und lässt sie friedlich gemeinsam mit den anderen herumsitzen, während sie im Buch einsam endet. Der Autor und sein Publikum haben an Beckys Intrigen häufig mehr Spaß als an Amelias Leidensweg, aber sie ist das Mittel, nicht der Zweck. Ohne wie ein verkaterter Soziologe klingen zu wollen: Thackeray geht es in seinem Buch viel stärker um das Sezieren der Gesellschaft und die Typen, die sie hervorbringt, als um die Darstellung komplexer individueller Charaktere. Dass er trotzdem einen Überschuss an Individualität oder wenigstens widerstreitenden Gefühlen bei seinen Figuren zeigt und Beckys faktische Chancenlosigkeit in einer abgekarteten Gesellschaft anprangert, macht ihn zu einem großen Schriftsteller. Aber wenn er eine verkommene Adelsschicht karikiert, bewundert er ganz sicher keine Hauptfigur, die über Leichen geht, um dazu zu gehören. Thackeray und wir mögen Becky, wenn sie die Verlogenheit der High Society entlarvt, nicht, wenn sie ihr skrupellos hinterherhechelt. Als Joker, als Hofnarr ist sie großartig, nicht als Modell der Emanzipation. Sie bleibt genauso beschränkt und faktisch naiv wie die anderen Figuren, über – oder unterschätzt ihre Möglichkeiten und ihre Mitmenschen immer wieder total, und erreicht am Ende nicht ihr einziges Ziel: den anhaltenden gesellschaftlichen Aufstieg. Aber bis dahin wird von allen Figuren wirklich prächtig und in unterschiedlichster Atmosphäre herumgesessen.

 

„Die Frau in Weiß“ von Wilkie Collins („The Woman in White“, 1860)

 

Ein junger, pfiffiger Mann nimmt eine Stelle als Hauslehrer, wiederum in der idyllischen englischen Provinz nahe London, an. Er soll zwei Töchtern aus gutem Haus Zeichenunterricht geben. Bei einem Spaziergang in der Dämmerung begegnet er einer verwirrt durch die Landschaft irrenden Frau in Weiß. Sie scheint ein bekannter lokaler Mythos zu sein. Was verschweigt ihm sein Arbeitgeber?

Wilkie Collins war einer der ersten Bestsellerautoren im heutigen Sinn, er war zu Dickens Zeit beliebter als Dickens und hat den Schauerroman durch sympathische, bürgerliche Protagonisten, den Verzicht auf Übersinnliches und eine vergleichsweise komplexe Spannungsdramaturgie salonfähig gemacht und einen entscheidenden Schritt in Richtung des modernen Kriminalromans geschubst. „Die Frau in Weiß“ ist zum geflügelten Wort geworden (auch wenn es solche Vorstellungen schon vor Collins gab) und der Inbegriff eines Schauerromans. Das lässt eine Inhaltsangabe schnell unfair werden, denn dieses Buch lebt tatsächlich wenigstens zum Teil von den ergründeten Geheimnissen, den Überraschungen und den Twists. Als entscheidende Warnung gegen falsche Erwartungen muss dieser Hinweis erlaubt sein: nichts an der eigentlichen Handlung ist übernatürlich (einige atmosphärische Omen und ähnliches bleiben allerdings ein bisschen in der Schwebe), aber das macht es nicht besser. Dieses heiß genähte Stück Genreliteratur, ein belächeltes guilty pleasure, behandelt Abgründe seiner Gesellschaft sehr viel drastischer, eindringlicher und unversöhnlicher als die oben geschilderten zeitgenössischen Klassiker. Triviale Elemente, Klischees und Kitsch kaschieren auf appetitliche Art eine fundamentale Verstörung, die kein Happy End aus der Welt schaffen kann. Schon mit diesem vergleichsweise frühen Beispiel beweist die unheimliche Literatur damit ihre speziellen Stärken.

Auch als Geschichte über das behagliche Herumsitzen ist das Buch mehr als gelungen. Immer wieder muss an entscheidenden Stellen der Handlung erst einmal ausgiebig herumgesessen werden, und die Geschichte beginnt, nach einer kurzen Exposition, mit unserem Protagonisten, der unter komfortablen Umständen mit seinen zwei Schülerinnen herumhängt, zeichnet, liest und musiziert und sich in mindestens eine der beiden verliebt. Und draußen schleicht die Weiße Frau übers Moor, was das Beisammensein zumindest zunächst natürlich noch behaglicher macht.

 

„Man kann keinem Größeren auf die Schulter klopfen“, hat Tucholsky richtig geschrieben. Aber man kann ihn oder sie lesen, in der guten Stube, alleine und in Rufweite, und das kann erden und erleichtern und den Kopf befreien (Fortsetzung folgt).

 

 

31.03. 2020 Eskapismus (II): "Der König auf Camelot" von T. H. White

Fantasy (in seiner real existierenden Form nicht unbedingt mein Genre) gilt natürlich als das perfekte Genre zum konzentrierten Ganzweitwegdriften, nicht unbedingt zu Recht. Ambitionierte zeitgenössische Fantasy möchte entweder so vehement nicht zum Schund gerechnet werden, dass sie die Einstiegshürde über Sondersprachen oder für das Verständnis der Geschichte zu verstehende Alternativphysik hochlegt, oder sie schwelgt gleich auf den ersten Seiten in der erfundenen Geschichte ganze Zeitalter ihrer Welt.

Und selbst die einsteigerfreundlichen, häufig aber leider ein bisschen klischeeanfälligeren Werke sind heutzutage in der Regel so lang, dass sich die Lektüre des ersten Kapitels wie der hilflose erste Schritt in einem vermutlich lebenslangen Marathon anfühlt. Lesespaß kommt da erst einmal nicht auf, und Fantasy gibt sich auch gerne mal ein bisschen so weihe – und würdevoll, betont altmodisch und vertrackt, als würde das Genre in einer seltsamen und durchschaubaren Doppelmoral den Gedanken an „Spaß“ weit von sich weisen.

Klar, der Reiz an früheren Zeiten oder einem erfundenen vormodernen Leben ist eine der entscheidenden Triebfedern des Genres, aber damit lässt sich ja cleverer spielen, als es der wackelig hohe Ton (der an das unselige „Marktsprech“ auf Mittelaltermärkten erinnert) mancher Bücher vermuten lässt.

Es käme mir unanständig vor, an dieser Stelle eine Saga zu empfehlen, deren einzige lieferbare Ausgabe ich mir selber aufgrund des Preises nicht leiste. Ich habe die sagenhaften „Chroniken von Erdsee“ der leider jetzt auch schon toten Ursula K. Le Guin in Taschenbüchern gelesen, und auch nicht alle sieben Teile. Die prächtige, komplette Neuedition (mit den in meinen Augen ein klein wenig süßlichen Illustrationen von Charles Vess) kostet 58.- Euro, und das ist dafür ganz sicher nicht zu teuer, aber trotzdem viel Geld. „Erdsee“ ist eine Fantasyreihe (ursprünglich begonnen in den 1960er Jahren), die geschrieben ist, als gäbe es keine Genreklischees. Wir müssen uns keine spezielle Brille aufsetzen, um diese Bücher zu lesen (die, grob gesagt, die Entwicklung der Magie auf einem magiereichen Kontinent erzählen). Obwohl jede Menge Standartelemente und – situationen der Fantasy vorkommen, erscheinen sie alle als zwangsläufige, passende Einzelheiten der Geschichte. Und obwohl die Geschichte an allen Ecken und Enden eindeutig und nicht einmal sonderlich dezent kaschiert in knalligen Metaphern von unserer Welt erzählt, liest sie sich trotzdem nicht wie eine anstrengende Allegorie, die für das Verständnis wieder rückübersetzt werden muss (das gilt leider für einige von Le Guins großartigen Science Fiction – Parabeln), sondern funktioniert wunderbar in sich. Das Wunder der Fiktion usw. Erdsee ist dabei ein würdevoll raues Werk mit für heutige Verhältnisse zum Teil eher flüchtig und sperrig skizzierten Figuren, umso süffiger fallen die Exkurse über einerseits die Farbe des Meers und andererseits magische Namen aus. Aber eine günstigere Ausgabe ist leider zumindest gedruckt und auf Deutsch zur Zeit nicht erhältlich.

Das bringt uns zu den Artus – Büchern von T.-H. White, die immer wieder als erste Fantasy – Bücher überhaupt bezeichnet werden. Das ist ein nicht unbedingt befriedigendes Spiel mit Begriffen: da die damalige zeitgenössische Kritik noch nicht in Genres gedacht hat, liegt es an uns, frühere Werke in passende Schubladen einzuordnen. Ob er der erste war oder nicht, jedenfalls war T. H. White mit seinen Nacherzählungen der Artus – Sage ein Fantasyautor.

Die vier schmalen Bände von „Der König von Camelot“ (Das Schwert im Stein, Die Königin von Luft und Dunkelheit, Der missratene Ritter, Die Kerze im Wind) erzählen die Geschichte von König Arthur, seinem Lieblingsritter Lancelot und seiner Tafelrunde als eine modern anmutende Tragödie mit vielen Gags und verschränkten Nebenwegen und einer ungewöhnlichen und melancholischen Moral: das Zeitalter der Gewalt muss aufhören, aber vielleicht können wir es genau so wenig beenden wie der unglückliche Arthur. Wir sind entfremdete Tiere, zu weit weg und doch nicht weit weg genug entwickelt von der Natur, um uns nicht klein und hässlich zu fühlen und uns deswegen zumindest hier und da in Gewalt zu flüchten, was die schönsten Pläne für eine gerechtere Welt verdirbt.

Begonnen hat White sein Epos vermutlich mit der Absicht, das Lob der gewaltlosen Gerechtigkeit zu singen. Vermutlich kam ihm eine genauere Betrachtung der überlieferten Artussage dazwischen. Vielleicht das Leben. Ganz sicher aber der Zweite Weltkrieg.

 

Erschienen ist zumindest der erste (und beste) Band, Das Schwert im Stein, in seiner ursprünglichen Fassung von 1938 als exzentrisches und fabulierfreudiges Kinderbuch, wie es sie in England nicht gerade selten gab.

White schildert darin die (bis dahin unerforschte) Kindheit von Arthur, der als klassisches hässliches Entlein beginnt, also: als schwächlicher, verträumter Junge in einer dumpfen, brutalen Welt. Erst sein Mentor, der exzentrische, rückwärts durch die Zeit reisende und alleine schon deswegen weise Zauberer Merlin, lässt ihn durch Streifzüge durch die Welt der Tiere erkennen, dass die Geschichte auf Seiten der Klugen und Gerechten ist. Das klingt vielleicht nach der abgegriffensten Erzählung überhaupt (und jeder Film, der beim Sundance – Festival aufgeführt wird, ist, glaube ich, vertraglich dazu verpflichtet, sie in irgendeiner Form zu variieren), aber das war speziell 1938 noch ziemlich neu und im besten Sinn nicht unbedingt zeitgemäß.

Whites weitere historische Verdienste können auch nicht bestritten werden: wir verdanken ihm den schusseligen Merlin, das Urbild des weisen Zauberers. In vorangegangenen Versionen des Stoffs war Merlin meist entweder blass oder unheimlich angelegt gewesen, und speziell Mark Twain macht aus ihm in „Ein Yankee aus Conneticut am Hofe König Arthurs“ einen machtbesessenen Intriganten, der die Welt mit Hilfe von Aberglauben tyrannisieren will.

White dagegen, und das ist in diesem Moment ein neuer Gedanke, zieht Parallelen zwischen alter Magie und neuer Wissenschaft, sieht sie als weitgehende Äquivalente oder verschiedene Stufen auf dem gleichen Weg. Auch das nicken wir heute als Konvention vieler guter Geschichten im Halbschlaf ab, war aber zu seiner Zeit wirklich wild und bleibt, ernst genommen, für viele bis heute ein rotes Tuch. Merlin verkörpert diese Kontinuität einer geistigen Durchdringung der Welt, und zwar als selbstironischer Schussel. Er ist wirklich deppert und gleichzeitig als Autorität beinahe absolut gesetzt. Sowohl die Gestalt des guten Zauberers (den wir uns dank der Wirkungsmacht von White gar nicht mehr als streng und unerbittlich denken können) als auch dieser ausgesprochen freundlich - bestimmte Ansatz können als Erfindung von White gesehen werden.

Dadurch, dass Merlin aus unserer Gegenwart stammt, kann er das mittelalterliche Geschehen um sich herum respektlos mit modernem Blick kommentieren. Da ist er dem allwissenden Erzähler der Bücher nicht unähnlich, der ständig aus der Zeit und der Rolle fällt und naseweis auf die Beschränktheit seiner Figuren verweist. White bringt die Ironie in die Phantastik, dazu noch eine ziemlich freudsche/adlersche Psychologisierung (der edle Ritter Lancelot wird wegen seiner tiefsitzenden Komplexe zum Helden) und eine ungewöhnlich realistische Beschreibung der Natur.

Der Autor White ist ein Romantiker mit einer Vorliebe für alte Mythen, gleichzeitig ein Naturschilderer und ein skeptischer Humanist mit einem Humor, der zwischen bitterem Sarkasmus und vergnügter Fabulierfreude hin – und herspringt. Die Kombination ist nicht gerade häufig. In variierender Abmischung hat sie Hunderten von inspirierten NachfolgerInnen gedient: Neil Gaiman behauptete nicht ohne Grund, sowohl er als auch J. K. Rowling würden White viel verdanken (in Zusammenhang mit der Debatte darüber, ob Rowling Gaiman plagiiert hat,- was eine völlig andere Frage ist. In Bezug auf White hat Gaiman sich eher das Schwelgen in Überlieferungen und die ständigen Besserwissereien ausgeborgt, während Rowling ganz sicher z.B. ihren Dumbledore nach dem deutlichen Vorbild von Whites Merlin gestaltet hat).

Nach dem ersten, erfolgreichen Band sah sich White dem erwachsenen König Arthur und damit einer Reihe von Problemen gegenüber: die alte Geschichte des Artuslieds (in Literatur gefasst vor allem durch das ausufernde Epos eines Thomas Malloy) geht weiter mit Inzest, Impotenz, als Liebesglück beschriebenem Ehebruch, der blutigen Suche nach einer religiösen Reliquie und mit sehr viel Krieg. Am Ende dieses Durcheinanders ist das Reich von Artus zerstört und von Schlachten durchzogen, seine Ritter sind tot oder untergetaucht, die magische Insel Avalon verschwindet für immer im Nebel, usw. usf. White versuchte mehrere Auswege auf einmal: sein Tonfall wurde nachdenklicher und seine Umschreibungen wurden kniffeliger, er begann, auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu erzählen und wurde somit ein früher postmoderner Autor (und er schrieb die beiden ersten Bände um). Und ähnlich wie viele spätere postmoderne Autoren versuchte er dem dicken Ende zu entkommen, in dem er ihm auf immer neuen Nebenwegen auswich. White weigerte sich, unten anzukommen und machte daraus in mehrfacher Hinsicht eine Kunst.

 

Über Whites Privatleben gibt es einige einander widersprechende Theorien: ich bin mit der Behauptung aufgewachsen, White sei schwul gewesen, habe das aber nicht ausgelebt. In jüngeren Publikationen ist er dann aber ein aktiver Heterosexueller, häufig einer, der aufgrund traumatisierender Internatserfahrungen einen lebenslangen Hang zu lustvollen Schlägen entwickelt haben soll. Dazwischen wurde schon so ziemlich alles behauptet, außer, dass White mit seiner Sexualität glücklich gewesen sei. Das war er mit Sicherheit nicht, was vermutlich zu Spekulationen einlädt-Sexualität bringt in seinen Werken tendenziell Jammer und Kummer (Lancelots Virilität führt zu allen Arten von Tragödien und erscheint gemeinsam mit Arthurs Verführung durch Morgaine als Grund für das Scheitern von Camelot), besser für alle Beteiligten ist, es, durch die Natur zu tollen oder sich zu bilden (beides ohne Sex). Dabei ist White von den Kreisläufen der Natur und dem Leben mit der Natur ohne Ende fasziniert (auch wenn ihm die Natur häufig grausam vorkommt).

Vielleicht sind Whites Auslassungen über bspw. Tiere genau wie seine Nebenerzählungen über verliebte Monster, seine Witze über Sportveranstaltungen oder sein Nachdenken über Lancelots Gefühle des Ungenügens, vor allem Versuche, nicht von der Schwerkraft erfasst zu werden, nicht von seiner eigenen bedrückenden Gegenwart, nicht von der rasanten Fallgeschwindigkeit seiner zum Unglück verdammten Figuren. White kullert einen Abhang hinunter und schlägt dabei Haken, wie es sein Arthur von Merlin gelernt hat. Auch deswegen eignet sich Der König auf Camelot ausgezeichnet als eskapistische Lektüre – für den Autor hat es auch schon funktioniert, er kennt alle Tricks. Wir können uns mit ihm immer in noch eine Beschreibung von Raubvögeln oder dämlichen Rittern retten, der Geist hält den Tod in Schach (und die vierbändige Erzählung endet im Nirgendwo kurz vor dem Untergang).

 

Am Ende kam White dann doch unten an – geläutert, bewusst, und am Ende stand dann doch wieder der Anfang. Er schrieb einen fünften Band, „Das Buch Merlin“, der vom Verlag abgelehnt wurde und zu Lebzeiten nicht mehr erschien. Vor seiner letzten Schlacht wird Arthur von Merlin besucht, der ihn noch einmal auf Ausflüge in die Welt der Tiere mitnimmt. Hier packt White den Stier bei den Hörnern, bündelt die verschiedenen Stränge und grübelt ungeschminkt über das Wesen der Destruktivität (und die möglicherweise zyklische Natur der Natur) nach. Arthurs Zeit ist vorbei, aber weder die gerechtere Zeit, die er angestrebt hat, noch die Zeit der Natur. Dazu wird er, wie Merlin, zu seiner eigenen Idee, die außerhalb der Zeit steht. Die Beschäftigung mit dem Faschismus ist der modernen Fantasy von Beginn an eingebaut und prägt sie bis heute, das reicht von Gollum und dem Reich Mordor bis zu Voldemort und Grindelwald. White nennt die Dinge allerdings ungewöhnlich deutlich beim Namen und gibt dem Genre, das er begründet hat, damit bereits ein mögliches Ende. „Das Buch Merlin“ ist mit seiner reduzierten Handlung ein eigentümlicher Grenzgänger am Rande des Essays, aber fügt sich doch noch einmal wunderbar in die fiktive und überlieferte Erzählung ein (unter den Varianten von White lohnen vor allem der Disney- Trickfilm Merlin und Mim, die (post)feministischen, positiv esoterischen Nebel von Avalon von Marion Zimmer – Bradley, trotz furchtbarer Längen und sehr viel Schmand, und Ishiguros Nobelpreisbringer Der begrabene Riese, trotz einer  Bitterkeit, die kaum über White hinausgeht, das aber denkt).

 

Leider gab es noch nie eine deutschsprachige Gesamtausgabe aller fünf Romane in einem Band und in einer Übersetzung, geschweige denn eine, die noch dazu die verschiedenen Textvarianten berücksichtigt. Das führt zu ein paar kleineren Irritationen (und zu dem Irrglauben, Disney habe die böse Zauberin  Madame Mim für die Verfilmung erfunden), dafür hat der fünfte Band ein Nachwort von Frederik Hetmann. Vermutlich würde eine Gesamtausgabe doch nur wieder zu viel Geld kosten, um sich einigermaßen unbeschwert davon davontragen zu lassen.

 

24. 03. 2020: Eskapismus (I): "Dracula" von Bram Stoker

Das beste Buch zum Abtauchen (denn das muss ja auch einmal sein)? „Dracula“ von Bram Stoker. Allerdings ist der Vampirroman mindestens doppelt so spannend und höchstens halb so sympathisch, wie sein ambivalenter Status als „Klassiker“ vermuten lassen würde.

Gut, manche unter uns (und es sind wirklich nicht die Schlechtesten) wollen gerade zur Zeit alles andere lieber lesen als einen kruden, morbiden Schauerstoff.

Klar, es gibt so viele bunte und bessere, bezauberndere (und unbekanntere) Bücher, aber Dracula packt. Nein, Dracula handelt nicht von einer Pandemie (das sind die Verfilmungen unter dem Namen „Nosferatu“). Aber er entführt uns in die abgründige vorletzte Jahrhundertwende, schüttelt uns durch und entlässt uns mit dem kathartischen Gefühl, etwas überstanden und etwas besiegt zu haben (und seien es die schwülstigen Monologe des Vampirjägers Van Helsing). Das ist vielleicht trügerisch und ganz sicher problematisch, aber es kann sehr gut tun (und die nächste Empfehlung wird ganz anders).

Unsere „Klassiker“ bestehen in allen Sparten der Kunst streng genommen aus verrücktem, wilden und häufig wenigstens teilweise unförmigem Zeug.  Der seit seinem Erscheinen 1897 in seinem literarischen Wert heftig umstrittene Roman „Dracula“ von Bram Stoker hält als schauerromantischer Klassiker eine Sonderstellung. Ihn umgibt die Aura eines eher halbseriösen und eines halbverbotenen Buchs. Geliebt haben ihn die üblichen Verdächtigen, die LiebhaberInnen der heftigen, naiven und subversiven Poesie: späte RomantikerInnen, DecadentEs, SurrealistInnen, Dark Waver. Sie haben ihn allerdings in der Regel weniger als ein gebautes Kunstwerk gefeiert, als als Ausdruck eines abgründig- wohligen Blicks auf die Welt.

Entsprechend unbeliebt war er die meiste Zeit bei der seriösen Literaturwissenschaft (und in Deutschland erst recht), da galt er als Schund, als guilty pleasure, bestenfalls als Symptom für soziologische und erotische Subtexte im Horrorroman (eine einflussreiche Ausnahme ist Stephen King, unter anderem auch ein Anglist, der sich immer wieder in einer seltsamen Mischung aus Hochachtung und Herablassung zu diesem Roman geäußert hat – da sein erstes veröffentlichtes Buch, Carrie, formal an Dracula erinnert, sein zweiter Roman – Salem`s Lot – dann gleich eine Neuinterpretation von Dracula war, muss er sich wohl abgrenzen, ist aber offensichtlich milde besessen).

Dracula ist als Kunstwerk, wie als Idee ein sperriger Fall. Beinahe nichts an dem Buch ist unschuldig, und beinahe nichts an ihm und seiner Geschichte ist romantisch. Geschrieben wurde es von einem nicht vollkommen zynischen viktorianischen Medienprofi, der Geldprobleme, originelle Einfälle und ein Gespür für den Zeitgeist hatte. Für ein Kunstwerk im unterstrichenen Sinn (auch für ein naives oder schundiges Kunstwerk) sind viele Passagen zu gedrechselt kitschig, zu effekthascherisch und zu populistisch. Und gleichzeitig besitzen lange Strecken, wie die ersten Kapitel, trotzdem bis in die kleinsten Details eine erzählerische Dichte und eine lyrische Klarheit, die auch nach der xten Lektüre verblüffend bleibt.

Ähnlich ambivalent verhält es sich mit der Originalität:

Dracula ist nicht der erste, sondern schon der vorletzte große Schauerroman (der letzte wäre dann „Das Phantom der Oper“, 1910), geschrieben über 150 Jahre nach Erfindung des Genres, über hundert Jahre nach dessen Schlüsselwerk „Der Mönch“ und nach der Wiederentdeckung des antiken Vampirmythos für literarischen Grusel. Stoker hat sich seinen Vampir aus vorhandenen Teilen zusammengeborgt. Und trotzdem besitzt sein Graf eine völlig neue Qualität gegenüber seinen Vorgängern, und sein Roman einen einzigartigen (wenn auch reichlich perversen) Sog. Stoker kannte Oscar Wilde und Arthur Conan Doyle persönlich, und Dracula wäre ohne Dorian Gray und Sherlock Holmes nicht denkbar, nicht obwohl, sondern weil er ein so viel dunkleres und konservativeres Werk ist. Nicht nur chronologisch war Stoker  von E. A. Poe so weit entfernt wie George R.R. Martin von J. R. R. Tolkien.

 

Meiner Meinung nach ist  Dracula weder sonderlich literarisch, noch Trash, aber er verdient auch keinen Klaps auf die Schulter,- es ist der größte kommerzielle Thriller aller Zeiten, der perfekte Spannungsroman. Du könntest die Namen „Dracula“ und „van Helsing“ ersetzen, und unbeleckte LeserInnen würden das Buch für neugeschriebenen Steampunk- Grusel halten. Und wenn du die Telegramme und Grammophone durch Mails und Chatnachrichten ersetzten würdest, könnte es bei einem Publikum ohne Vorkenntnis locker als zeitgenössischer Schocker durchgehen. In Dracula gibt es weniger Spinnweben als bei der Addams Family.

Leider trifft diese Modernität auch für die problematischeren Seiten von Stokers Fabel zu. Im Grunde verdankt ihr das Horrorgenre seinen reaktionären Ruf. In direktem Gegensatz zu Vorgängern wie den „Elixieren des Teufels“ feiert Stoker das Establishment (genauer: das britische Empire), labt sich am technischen Fortschritt und dämonisiert alles, was nicht zu Establishment und Fortschritt gehört. Wenn er (wie die meisten Verfilmungen) seinen Grafen wenigstens zum Spross eines Fantasielandes gemacht hätte, wäre es vielleicht schlecht für den Fremdenverkehr in Rumänien, aber der xenophobe Anteil an Stokers Alptraum bliebe abstrakt und psychologisch. Die hier und da eingestreuten, reichlich pathetischen Lobreden auf das Empire können/wollen wir heute ohnehin nicht mehr lesen. Anders als die viel naiveren Passagen bei bspw. Sherlock Holmes lassen sie sich nicht nostalgisch schöntrinken. Und die Behandlung von Weiblichkeit und Erotik entwirft im Grunde die Blaupause für alle schmierigeren Erotikthriller der folgenden hundert Jahre.

Die triefenden Krokodilstränen, mit denen betrogene Männer und ihr Ersatzvater über Leben und Tod, Erlösung und Verdammnis von Frauen entscheiden (um hier nicht zu viel zu spoilern) lässt sich gerade nicht mit dem Verweis auf vergangene, andere Zeiten entschuldigen- denn diese Passagen gehen aufs Konto der neuen Doppelmoral der Jahrhundertwende, nicht auf das einer problematischen Tradition. In Dracula zeichnet sich, in etwa zeitgleich zu Carmen, schon die Erfindung der femme fatale ab- Frauen sind modern und leidenschaftlich, was können wir gegen dieses Teufelszeug tun? Zum Glück sind Stokers Antworten komplexer als diese Frage.

Aber schauen wir uns die Geschichte einmal an:

Der junge, frisch verlobte Anwalt Jonathan Harker muss nach Transsylvanien reisen, weil ein reicher Klient seines Büros einen Immobilienkauf nur persönlich abwickeln möchte. Dieser Kunde, Graf Dracula, sperrt Jonathan faktisch in seinem Schloss ein. Dracula lässt Joanthan ihn alleine durch sein ödes Gemäuer stolpern und ein paar eigenartige, erotisch einladende Frauen treffen und fragt ihn nachts über London aus. Harker beschließt sein Tagebuch, in dem wir die Geschichte lesen, mit der Überzeugung, dass er todkrank sei und Dracula ein blutsaugendes Monster, und dass er versuchen werde, dem Schloss zu entkommen.

In der Folge werden vor uns parallel das Tagebuch von Jonathans Verlobter Mina und die Aufzeichnungen von einem Schiff Richtung England aufgeblättert. Mina sitzt ohne neue Nachricht von Jonathan in London und beobachtet ambivalent amüsiert, wie ihre Kinderfreundin Lucy gleich mehrere adrette Verehrer um den Finger wickelt. Auf dem Schiff wird dagegen nach und nach die ganze Besatzung von einem unbekannten Wesen dahingerafft. Einer von Lucys Verehrern, der Nervenarzt Seward, beschreibt in seinem Tagebuch das seltsame Verhalten eines Patienten von ihm, der entfesselt verkündet, ein Erlöser sei auf dem Weg. Das ist das erste Viertel des Buchs.

 

Unterwegs hagelt es denkwürdige und häufig variierte Schlüsselszenen, bei denen wir uns immer wieder einmal kneifen und uns vergewissern müssen, das wir hier die Urform lesen, keine Variation: Der stumme, vermummte, unmenschlich starke Kutscher (vermutlich niemand anderes als der Graf), Draculas Begrüßung von Harker, der Kampf um den Taschenspiegel, Draculas Gier angesichts einer kleinen Wunde von Harker, usw. usf. Wie Tegtmeier über Schiller schrieb: Das ganze Stück besteht aus Zitaten (nun fühle ich mich alt). Tut es nicht, das war damals alles neu.

Und wir haben es mit einer sehr modernen Welt zu tun: ständig ist von neuen Erfindungen die Rede, ein Teil des Buchs gibt sich als Abschrift von Grammophonaufnahmen aus, und unser erster Erzähler Harker ist von einer beinahe rührenden allgemeinen Aufgeschlossenheit. Genau das rächt sich natürlich schrecklich, Dracula, von Anfang an ein Achtungserfolg, wurde erst nach dem ersten Weltkrieg von Jahr zu Jahr heißer geliebt. Der Roman watscht die erste Welle der Globalisierung ab. Alle aufrechten Menschen müssen gegen den unheimlichen Fremden zusammenstehen.

Neu ist allerdings, wie die aufrechten Menschen - in Dracula sind es plusminus die Verehrer Lucys (ein Graf, ein Nervenarzt und ein amerikanischer Millionär – so beginnen Witze), Lucys Freundin/ Harkers Verlobte Mina und der Vampirjäger van Helsing- definiert werden- es sind durch die Bank modern entwurzelte Menschen unterschiedlichster Herkunft, die erst durch den Kampf gegen den Vampyr zusammenfinden. Nicht zufällig stammen sie alle aus protestantischen Ländern und äußern sich, zumindest anfangs, abfällig gegenüber Aberglauben.  Ihr Anführer ist nicht nur ein Gelehrter verschiedenster Disziplinen und ein emsig forschender Wissenschaftler, sondern auch noch ein Niederländer, der den gleichen Namen trägt wie sein offiziell erzprotestantischer Schöpfer: Abraham van Helsing. Van Helsing ist aber schon nicht mehr fortschrittsgläubig, sondern weise und skeptisch: er bringt den jungen Männern und Mina wieder Demut bei und überzeugt sie von der Existenz von Vampiren, erst dann sind sie in der Lage, Dracula zu bekämpfen (unter großen Opfern).

Graf Dracula ist die personifizierte Kritik an arroganter, ignoranter Fortschrittsgläubigkeit, und konnte deswegen zum fiktiven Idol von TräumerInnen und RebellInnen werden und Tausende von Imitaten inspirieren, die ihn an morbider Pracht und tragischem Außenseitertum weit übertreffen. 

Stokers Buch aber ist nicht auf seiner Seite: bestenfalls ist Dracula der Anlass für eine Hinwendung zum unterschätzten Okkulten. Der, noch einmal, angeblich eifernde Protestant Stoker legt reichlich katholische (Weihwasser, Kreuz usw.) und heidnische (Pfahl, Feuer) Waffen gegen Vampire fest. Dracula ist gerade sympathisch genug, um ein interessantes Monster zu sein. Aber er ist keine Fantasygestalt mit diesen oder jenen Kräften und Eigenheiten, er verkörpert und beherrscht schlicht das Böse: er kann sich in einen Werwolf verwandeln und dem Sturm gebieten. Die häufig aufblitzende wilde, zweispältige Poesie von Stokers Prosa lässt sich im Zweifelsfall den Erzählerfiguren und ihren durch Dracula ausgelösten extremen Gefühlszuständen zuschlagen. Ob der Graf selber überhaupt zu einer anderen Regung als zu brutaler Machtlust und aggressivem Überlebenswillen fähig ist, bleibt offen. Dabei hilft, dass er immer nur durch subjektive Erinnerungen geschildert auftaucht, und dazu lediglich am Anfang und am Ende des Buches im Rampenlicht und in längeren Passagen. 

Dracula ist definitiv nicht gleichzusetzen mit seinem vagen historischen Vorbild Vlad Tepes (wieder eine schlechte Nachricht für den rumänischen Fremdenverkehr), und er ist, im Buch, ganz sicher nicht verliebt in Mina. Seine Motive sind, trotz ein paar wuchtiger Monologe, unklar und verworren. Er will, möglicherweise, London oder die westliche Welt unterjochen, aber entscheidend ist, dass er reizende junge Londonerinnen verführt, aussaugt und korrumpiert.

Das zweite große Thema des Buchs (neben der zwiespältigen Hinwendung zum Vormodernen unter den Vorzeichen von Modernität) ist die erotische Angst. Zum einen ist Dracula ein Werk der totalen erotischen Paranoia: Was macht der Partner wirklich auf der Geschäftsreise? Er vergnügt sich mit einem ganzen Trio unmenschlicher Flittchen. Was macht die kokett abweisende Angebetete heimlich? Sie gibt sich einem Fremden auf dem Friedhof hin. Was passiert, wenn die Frischvermählte alleine durch die Stadt schlendert? Sie wird von deinem Erzfeind hypnotisiert und in bizarre Rituale verwickelt. Zum anderen enden alle diese illegitimen Begegnungen in schrecklicher Krankheit.

 

Der Graf ist die meiste Zeit über nur eine grobe Chiffre und sorgt für die nötige Außenspannung. Dracula ist das Monster, nicht die Hauptfigur. Das hat Stoker besser begriffen als alle seine NachahmerInnen. Sein Widersacher, der Vampirjäger Van Helsing, ist zwar ähnlich überlebensgroß, aber tritt erst spät und als Mentor in die Geschichte ein. Haben wir überhaupt eine Hauptfigur? Wir kriegen die Geschichte als Collage aus Aufzeichnungen, Artikeln und Briefen erzählt.

Ich würde behaupten, wir haben zwei extrem starke Hauptfiguren, und die sind so meisterhaft entwickelt, dass sie für den anhaltenden Spaß an Stokers Roman verantwortlich sind – Dracula und van Helsing sind da nur Mittel zum Zweck.

 

Die eine Hauptfigur ist Mina Murray, später Mina Harker. Sie beginnt als Jonathans ahnungslose Verlobte und Lucys prüde Sandkastenfreundin. Sie beendet das Buch als Veteranin und als gezeichnete Heldin. Sie hat alles hinter sich, was diese Geschichte ihr auferlegen konnte, und erlebt zum Dank ein klassisches Happy End. Dracula und Van Helsing entwickeln sich kaum, Lucys Männer wandeln sich gerade einmal von eifersüchtigen Rationalisten zu loyalen Aberglaubensbrüdern. Minas Entwicklung dagegen trägt den Roman (und konterkariert in mancher Hinsicht Stokers Umgang mit der zweiten wichtigen Frauenfigur, Lucy).

Die andere Hauptfigur sind wir, das Publikum. Dracula hat keinen allwissenden Erzähler, sondern präsentiert sich als Collage. Die Folge ist, dass wir beinahe allwissend sind. Wir wissen mehr als die brillanten Gegenspieler Dracula und Van Helsing. Ständig werden wir in neue, unglaubliche Geheimnisse eingeweiht, und trotzdem kann gleichzeitig außer uns niemand alle Hinweise verstehen, alle Zeichen lesen und den Überblick behalten. Von Anfang an möchten wir bspw. Harker warnen (und als heutige LeserInnen alleine schon deshalb, weil er so dumm ist, beim leibhaftigen Grafen „Dracula“ einzukehren – alleine der Name muss ihn doch abschrecken!), Stoker melkt die dramatische Ironie bis zum letzten Tropfen. Und im gleichen Atemzug zaubert er bis zum Schluss permanent neue schockierende Enthüllungen vor uns aufs Papier. Dracula hat keine eigentlichen Storytwists – das würde die dramatische Ironie schmälern – aber überrascht ständig durch die sorgfältige (häufig: grausige) Gestaltung von Details.

Und mit jeder neuen Nuance, die uns gleichzeitig gottgleich hinunterguckenden und fiebrig gefangenen LeserInnen zum Weiterdenken präsentiert wird, verstricken wir uns mehr, arbeiten stärker als in anderen, vielleicht besseren, Büchern komplizenhaft mit an unserer faszinierten Beklemmung (auch wenn unsere  Ängste und Phantasien sich sicher von denen der Jahrhundertwende unterscheiden). 

Kein anderes Buch wurde häufiger bearbeitet und verfilmt (bereits vor dem eigentlichen Erscheinen hatte eine szenische Lesung Premiere), doch dieses exquisite Spiel funktioniert nur mit dem Text (und offensichtlich mit gleich mehreren ungewöhnlich aufwändigen Hörfassungen auf Englisch und Deutsch, die sich extrem eng an den Roman  zu halten scheinen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich keine Hörfassung komplett kenne und in diesem Fall, wie es so gehen kann, zwar beide gängige Übersetzungen, aber nie das Original gelesen habe).

Es gibt buntere, bessere, beseelendere Bücher. Und für Draculas Unterströmungen würde ich meine Hand nicht ins Feuer und in kein Wolfsmaul legen. Aber wer einmal abtauchen und sich einmal wohlig ängstigen und gefangen nehmen lassen möchte, und sei es auf alberne und fragwürdige Weise und in einem öden Schloss, ist mit Dracula immer noch mehr als gut beraten.

16.03. 2020: Orte, im Guten wie im Bösen

Und auf einmal gibt es wieder Orte, im Guten wie im Bösen. Ich bin nicht mit einem Bein an der Nordsee und du nicht eigentlich auf dem Weg in die USA, sondern wir sind, wo wir sind, und im nächsten Supermarkt ist Linsensuppe ausverkauft.

Bei allen schrecklichen Seiten einer Pandemie hat das, natürlich, auch etwas Heimeliges, und deswegen hat sich in den letzten Jahren ja auch die Zombie – Apokalypse als eigenes Genre mit diversen Untergenres etabliert, im Grunde als ein betont hartes Genre der Fantasy, die ja auch häufig vom einfachen Leben handelt. Die Zombies waren in den Zombieapokalypsen die meiste Zeit nur narratives Alibi und beliebig einstreubares, artifizielles Spannungsmoment (wie die Autoverfolgungsjagden bei Magnum, deren Sinn für die Story selbst das aufmerksamste Publikum nicht begriff).

Vor allem ging es um: Schatz, ich bin zu Hause, ich habe mich mit dem frsichen Brot tapfer durch die feindliche Welt gekämpft, mach den Kamin an, ich bereite die Suppe vor.

Der entscheidende Punkt ist nun der, dass wir nach all den Survivalgeschichten wieder begreifen, dass die Umwelt nicht feindlich ist (und dass die dummen, infektionswütigen Teenager, die sich in Horden auf der Straße rangeln, keine Zombies sind).

 

Vor vierzig Jahren, ich spielte noch mit Schlümpfen (okay, eigentlich habe ich nie aufgehört), hieß es in den Medien und in den Katalogen von Kinderbuchverlagen überall, wir müssten jetzt lernen, ökologisch zu denken, d.h., zwei Gedanken begreifen und verinnerlichen:

1.       Dass alles mit allem zusammenhängt.

2.       Dass wir alle immer Teil einer unmittelbaren Umwelt sind, auch wenn wir nur im Sessel sitzen und die Programme von Kinderbuchverlagen lesen.

Der Slogan dazu lautete „Global denken, lokal handeln!“, und er passte gut auf Aufkleber (wenn die Ausrufungszeichen nicht zu groß gestaltet waren, was allerdings häufig passierte). Ein paar Jahre früher hatten alternativ gesonnene Menschen begonnen, auf abgewirtschafteten Höfen krumme Rüben zum Selberessen anzubauen, und jeder politisch interessierte Mensch boykottierte ein paar Produkte (weil die mit Ausbeutung oder Unterdrückung zusammenhingen) und unterstützte gezielt andere (irgendwann war dann zum Beispiel die „Nica – Banane“ ein beliebtes Partyaccessoire). Selbst der ehrenwerte Langweiler Al Gore eröffnete noch in den 90ern seinen ökologischen Bestseller „Wege zum Gleichgewicht“ mit Auslassungen über den Fluss vor seiner Haustür, und wie er gelernt hätte, dass auch der mit dem Golfstrom zusammenhinge.

Kurz: die Menschen schauten auf ihre Füße, als würden sie Fußabdrücke in der Welt hinterlassen. Und viele Menschen wollten verstärkt essen, was nebenan im Garten wuchs. Und wenn es da keinen Garten gab, und Früchte schon einmal gar nicht, dann wollten sie genau das ändern. Da gleichzeitig global gedacht werden sollte, bzw. der Gedanke an die ganze Welt drum rum häufig die Ursache dafür war, die krummen Rüben lieber selber anbauen zu wollen (dann mussten sie nicht um die halbe Erde gefahren werden und finanzierten keinen Militärputsch in einem fernen Land), war dieses Weltmodell nicht so eng, wie es heute vielleicht klingt. So war bspw. Popmusik aus Frankreich und Italien viel verbreiteter als heute, von Filmen und Comics ganz zu schweigen, und speziell wer sich als links sah, kannte sich häufig mit griechischen oder spanischen Subkulturen aus.

Der Traum war offensichtlich eine Welt voll zufriedener Kleinbauern, die abends am Lagerfeuer „This Land is your land“ auf Portugiesisch sangen. Das fanden nicht alle sexy.

Ich selber war in Bezug auf dieses Ideal zerrissen (so zerrissen wie sonst nur bei der Frage, ob das Märchen nun Rotschlümpfchen oder Schlumpfkäppchen) hieß. Ganz abgesehen davon, dass die Frage nach der Rolle der Kultur in diesen zukunftsträchtigen Gemeinschaften nicht so ganz geklärt war (von „This land is your land“ wird ja niemand seelisch satt), und, damit zusammenhängend, auch unklar war, ob es da eine Zukunft oder ewigen Stillstand geben würde, war ich als Kind alles andere als ein Naturbursche. Auch als ich mit 12, 13 dann ordentlich durchagitiert war, mochte ich heimlich Neonröhren und kaufte mir alle Jubeljahre auch mal neongrelle Zeitgeistmagazine.

Auch die VertreterInnen des „Weniger ist  mehr“ kippten in der Folge fatalerweise reihenweise um, wie bei so vielen guten Bewegungen der letzten Jahrzehnte vielleicht nicht zuletzt deswegen, weil sie wichtige Grundgedanken zu eng an einen konkreten Lebensstil gebunden hatten. Autos und Flugzeuge sind eine Sache, aber gesellschaftliches Engagement in eine bestimmte Richtung sollte nicht an eine Verpflichtung zu bspw. bestimmter Musik oder einem bestimmten Lieblingseis gebunden sein. „Global denken, lokal handeln!“ hätte vielleicht weniger an Lagerfeuer gekoppelt sein sollen, sondern ausdrücklich auch Leute einladen, die bspw. schick oder mondän sein wollten.

Und so wurde in den folgenden Jahrzehnten im Gegenteil tendenziell gerade von den Milieus, die einmal das Leben in der kleinen Butze neben dem selbst gepflügten Beet propagiert hatten, die Welt als geheimnislose, gefälligst immer bereit stehende Bühne für das eigene Leben entdeckt. Das für das Schwärmen von anderen Orten eigentlich notwendige komplexe Zusammenspiel von Phantasie und konkreter Realität, die verzückte Ambivalenz, mit der im Alltag und auf Reisen utopischen Tupfern nachgespürt werden kann, wurde ersetzt durch den schalen Dauertrost: wenn ich will (und dies und das absage oder vortäusche), kann ich Donnerstag in Mailand sein (und eine neue Powerbank kann ich auch da kaufen).

 

Ich will die derzeitige Lage wirklich nicht romantisieren (und ich wäre wirklich gerne an der Nordsee, oder wenigstens in Schlumpfhausen), aber vielleicht können wir uns jetzt tatsächlich besser nach Mailand sehnen als vorher, als es scheinbar um die Ecke war, aber eben doch nicht wirklich, als unser Handeln gefühlt abwechselnd keine oder alle möglichen Konsequenzen hatte. Vielleicht geht es nicht darum, sich reumütig in neuer Bescheidenheit einzurichten, sondern sich genau anzuschauen, welches erträumte Mailand wirklich in Mailand liegt, welches nur in unsere Träume gehört und was aus unserem erträumten Mailand wir vor Ort finden können (unabhägig davon, welche Ausfälle wir dadurch haben, dass wir in zwei Wochen nicht in Hannover sein können).

Global denken, lokal handeln. Auch ohne Zombieapokalypse und angesichts leerer Regale für Linsensuppe. Und klug hoffen, wie es Ernst Bloch gefordert hat (und der hätte die Schlümpfe auch toll gefunden).

P.S.: Ja, das nächste Mal Rezensionen. Und bald. Danke für das Feedback!

 

 

16.02. 2020 Keine Gnade für Bojack

Vor zwei Wochen erschienen die letzten acht Folgen von „Bojack Horseman“ bei Netflix, vielermenschs und meiner Meinung nach die beste „Fernseh“serie dieses Jahrtausends (bisher, mal schauen, was die restlichen 980 Jahre noch so kommt) ,- und nicht zuletzt deswegen ein gelungenes Beispiel dafür, warum Serien eigentlich nur scheitern können. Selbst die großartigste Serie endet trotz aller Bilderstürmerei, Formatsprengerei und innerer Logik als – Serie. Warum muss das so sein?

Bojack Horseman ist ein ziemlich düsteres Psychodrama über ein Pferd in einer langen und qualvollen Midlifecrisis in einer satirischen Trickfilmwelt. Der ehemalige Seriendarsteller Bojack (Will Arnett) war ein Star und ist nun reich und ausgebrannt. Gemeinsam und gegen ein Ensemble exzentrischer Nebenfiguren versucht er, auf seine mittelalten Tage ,trotz einer um ihn herum bunt in die Binsen gehenden Welt, so etwas wie persönliche Integrität zu entwickeln und ein weniger kaputtes Leben zu beginnen. Showrunner Raphael Bob – Waksberg (und der Name klingt sicherlich nicht zufällig ähnlich dem seines Serienstars) sprach einmal von „einer sehr langen, sehr traurigen Folge der Simpsons“ als grundlegender Konzeption (der Großteil des Teams hinter der Serie zählt zur sog. Generation Y, und die Simpsons waren da so etwas wie die Sesamstraße) . Tatsächlich entpuppt sich im Laufe der (für Serienverhältnisse mustergültig konsequent verzahnten) Handlung Bojack als eine lange und dabei sehr witzige Refelktion über die Frage, ob allgemeine Korruptheit, persönliche Traumata oder umfassende Idiotie persönliches Wachstum so schwierig machen (und jetzt würde ich so gerne Beispiele für all das aus der Serie nennen, aber es würde in diesem Fall wirklich etwas vom Genuss kaputtmachen, zu einem groben Abriss der Handlung kommen wir gleich).Die Serie stellt diese Frage dabei ohne jede Selbstgerechtigkeit, mit einem sehr ernsten Tonfall bei psychologischen Themen und einem sehr respektlosen bei allen anderen, aber das kann sich jederzeit und in jeder Szene für ein paar Sekunden umdrehen. 

Immer noch wird sich in vielen Kritiken gewundert, dass ein gezeichnetes Pferd so anrührend sein könnte und gewarnt, dass die Serie trotz ineinander verknoteter Giraffen und Sardinen in Anzügen ziemlich tief ins Herz/bzw. unter die Gürtellinie trifft. Naja, wundern geht natürlich immer, aber: ja, die Simpsons haben vier Finger, in Musicals wird plötzlich gesungen und in den Romanen von Murakami werden innere Befindlichkeiten in Beschreibungen von Suppe verpackt. Es kann halt nicht alles der „Tatort“ sein (eher umgekehrt), und solche ästhetischen und erzählerischen Entscheidungen werden ja nicht ohne Grund getroffen (und dass sie im Tatort so auffällig fehlen, ist eben auch eine ziemlich drastische Aussage). Bojack muss gezeichnet sein, denn sonst könnten Wale keine Taxis fahren (es sind ehemalige Stripperinnen) oder Paparazzo – Vögel auf den Simsen sitzen (Design und künstlerische Leitung: Lisa Hanawalt). Und ansonsten könnte das nahe, nackte Grummeln von Will Arnett vor dem Mikrofon (vor der Kamera ist er üblicherweise ein, tragischer, Clown, in "Arrested Development" und "Transformers") nicht so gut funktionieren.

Der eigentliche Zeichenstil ist dabei allerdings ein bisschen gewöhnungsbedürftig: Immer wieder wird im Dialog das bei uns wenig bekannte, ernstere "Beavis and Butthead" spinoff "Daria" erwähnt (über eine sensible, aber nicht unzickige Jungintellektuelle), und ähnlich eckig und fahl und verlegen hinten ins Schulbuch skizziert sieht Bojack aus. Zum Glück werden innerhalb dieses etwas kargen Rahmens alle ästhetischen Möglichkeiten ausgereizt, von mehr oder weniger niedlichen Tieren, semipoetischem Slapstick und phantastischen Gestalten bis hin zu Traumszenen, Tripszenen, wüst nacherzählten Szenen, verrückten Rückblenden usw. usf. 

In einem krude gezeichneten Los Angeles lebt der ehemalige Fernsehstar Bojack grummelnd seine Alkohol – Tabletten-, Süßigkeiten-, Selbst – und Sexsucht aus und füllt die meisten Tage mit dem Betrachten seiner alten Sitcom. Seit Jahren lässt er den jungen Slacker Todd (Aaron Paul) auf dem Sofa seiner modernistischen Villa in den Hügeln hausen, der sich dafür Bojacks sarkastische Monologe anhören muss. Klingt das nervtötend cool? Das ist es zum Glück gar nicht (bis auf die unfassbar lässige Titelmelodie aus Geplucker und Saxophon von Patrick Carney). Bojack ist ein mehr als ängstliches Pferd und auf seine abgewirtschaftete Art ein Narzisst mit Gewissen, der sich immer wieder um ein winziges bisschen Größe und Selbstlosigkeit bemüht, aber dafür fehlt ihm dann doch das Durchhaltevermögen.  Zu Beginn der Serie trennt sich seine Langzeitbeziehung und Agentin Princess Carolyn (Amy Sedaris), eine Katze von ihm – als Partnerin. Als rast – und gewissenlose Agentin drängt sie ihn jedoch zu einer Autobiographie. Die kriegt Bojack nicht hin, also wird ihm die junge, spröde, intellektuelle und nervöse Feministin Diane (Alison Brie) als Ghostwriterin zugeteilt. Diane ist, natürlich, vom Showbiz so abgestoßen, wie sie von Bojacks verwundeter Seele angezogen wird. Dazu ist Diane ist mit Bojacks Nemesis und Dauerrivalen zusammen, dem ewig gutgelaunten, schwer verträglichen ehemaligen Fernsehstar Mr. Peanutbutter (Paul F. Tompkins), einem Golden Retriever.

Diese Ausgangssituation könnte billig sein, eine naheliegende Teenagerwunschphantasie, wie sie nur selten („Notting Hill“) tatsächlich verfilmt wird, und dann meist mit extra kunstbemühten Szenen voll von bedeutungsvollem Schweigen („Lost in translation“ – wie „Notting Hill“ in meinen Augen alles andere als ein schlechter Film). Bojack und Diane tauschen bedeutungsvolle Dialogzeilen am Strand. Bojack taucht tief in seine traumatische Kindheit ein (u. a. lieblose frustrierte Mutter, anders liebloser und frustrierter Vater, Streits, Kämpfe und Alkohol) und stellt sich Leichen in seinem Keller, die aus seiner nur scheinbar glanzvollen Zeit als Serienstar stammen (und hier wird es schon wieder schwierig mit der Beschreibung, denn bei Bojack baut alles Wichtige aufeinander auf und bleibt wichtig, und das überraschende Entrollen der Themen gehört nun einmal zu den großen Stärken des Programms). Diane dagegen sieht, wie der arme Mr. Peanutbutter, die Verbundenheit zwischen sich und Bojack. Trotz der animationstypischen Gags über bspw. Frösche mit unpraktischen Saugnäpfen an den Fingern und einer zum Teil fröhlich überdrehten Erzählweise könnte diese Haupthandlung schnell in aus anderen Filmen bekannte Klischees über entweder tiefe Freundschaft oder wahre Liebe münden. Aber Bojack, die Serie, bleibt nicht stehen, bleibt nie stehen. Und darum muss Bojack erkennen, dass ein paar Einsichten über persönliche Abgründe nicht direkt zu einem besseren Charakter führen, während Diane begreift, dass die in vieler Hinsicht auf falschen Voraussetzungen basierende Beziehung mit Mr. Peanutbutter das ist, was sie will, und sie und Bojack  einander nicht nur auf gute Weise verstärken. Zudem bleibt sie von der Medienbranche weder unberührt, noch wird sie von ihr (zunächst) dramatisch korrumpiert, stattdessen findet sie sich in einer unbequemen Zwischenposition wieder (das korrespondiert in mancher Hinsicht mit der Charakterisierung von Princess Carolyn, die weder eine herzlose Charaktermaske, noch eine nette Person in einem schrecklichen Job ist, sondern etwas dazwischen und keines von beidem). Und der Wahnsinn der Welt um unsere Hauptfiguren herum ist trotz ihrer besinnlichen Momente ansonsten kein Stück besinnlicher geworden. Und das macht Bojack Horseman zu einer so verblüffenden und großartigen Serie.

Immer wieder versucht Bojack einen Neustart und stolpert doch immer wieder über die ihm nun bekannten persönlichen Probleme, deren Thematisierung seiner Umwelt bald zum Hals heraushängt. Bojack wird Kinostar, in gewisser Weise, und schließlich Star einer harten Prestige – Serie über einen gemeingefährlichen Antihelden (ist zwar ein – gut parodierter – Krimi, aber in der gleichen Staffel wird Bojack natürlich selber zu einem gemeingefährlichen Antihelden). Bojack wird beinahe Theaterstar und Collegedozent,- und auf dieser langen, in vieler Hinsicht qualvollen Odyssee lernt Bojack nicht etwa, dass all dies vergeblich wäre (das wäre ja einfach, und dafür bräuchten wir keine akribisch fortlaufende Handlung), sondern dass es das in mancher Hinsicht vielleicht ist, und das ist viel schlimmer.

Bojack ist das absolute existentialistische Drama, wie es jede und jeder mit 15 einmal schreiben wollte (vielleicht ohne Pferde), und darum gibt es hier keine Verdammnis und keine Erlösung, sondern nur kleine Epiphanien. Hübsche, traurige Lieder, die durchs stumme, bunte Meer wabern (in der besten Episode besucht Bojack ein Filmfestival auf dem Meeresgrund). Elegant bizarre Eskapaden (ständig stolpert vor allem Bojacks junger Freund Todd durch wahnwitzige Handlungen, in denen er sich u.a. als Monarch, Millionär oder als Erfinder einer Dating- App für Asexuelle überraschend bewährt). Es gibt Trips und Alpträume und Seitengeschichten (in der zweitbesten Folge behandelt eine Schulklasse in der Zukunft einen schlechten Tag von Princess Carolyn, jedes weitere Wort dazu wäre ein Spoiler). Erotik gibt es hier leider nur mit Selbsthass und gute Gespräche nur über Weltschmerz. Aber nicht nur wurden Demenz und Depressionen selten origineller und tiefgründiger dargestellt (es gibt kaum etwas Erschütternderes als Rückblicke voller durchgekritzelter Gesichter), auch ein durchaus liebevoller Blick auf absurdes Leben bleibt sehr eigen (eine Zeit lang bemüht sich Princess Caroyln um den geheimnisvollen Vincent Adultman. Nur Bojack scheint zu begreifen, dass es sich dabei um drei Kinder in einem Trenchcoat handelt. Dieser Gag wird so lange variiert, bis das Gehirn in schwerelose Wölkchen verpufft, und wir nicht mehr sicher sind, was die Wahrheit über Vincent Adultman ist). ´

Bojack blieb im Laufe seines mittellangen Lebens von allen üblichen Katastrophen bei der Herstellung von sogenannten Qualitätsserien verschont: kein Star wollte plötzlich weniger Szenen („The Wire“), sprang mit vermutlich sehr gutem Grund ab („The Affair“), galt mit einem Mal als untragbar („Transparent“, „House of Cards“) oder starb unverhofft an einer Drogenüberdosis („Glee“); keine Geschichte wurde über ihr Ende hinaus erzählt (u.v. a. „Homeland“, „Broadchurch“, „Mr. Robot“, „Westworld“, „Orange is the new black“), vor der Zeit beendet („Deadwood“, „Serenity“, „Freaks and geeks“) oder entpuppte sich als Blendwerk („Lost“, „Utopia“, „The walking dead“). Nie geriet die (ohnehin parodistische) Serie durch Wiederholungen und Vergröberungen zur eigenen Parodie (wie „Girls“, „Breaking bad“ oder „Mad Men“). Und, zumindest im Netflix – Rahmen, war sie einem lebensnotwendig breiten Publikum nie durch zu große Eigenwilligkeit voraus und arbeitete sich also auch nicht daran ab („Leftovers“, „Legion“, „Crazy Ex- Girlfriend“). Nie gingen der Reihe Inspiration und/oder Schwung aus. Die letzten zwei geplanten Staffeln wurden auf Druck von Netflix zu einer zusammengelegt, aber gemessen an den möglichen und üblichen Prokrustes – Befehlen (und dem, was auf künftige Netflix – Serien zukommen mag) ist das kaum ein Plätschern unter der Klippe.

 

Gerade deswegen stechen die prinzipiellen Probleme einer solchen Serie meiner Meinung nach so scharf heraus. Vielleicht werden in diesem angeblich goldenen Zeitalter der Fernsehserien die zumindest im Moment unumschiffbaren Grenzen der Form deutlich.

 

Dass die Figur des Todd im Grunde nach der Hälfte der Folgen auserzählt war und besonders zur Beleuchtung des Protagonisten nicht mehr benötigt wurde, mag eine verhältnismäßig kleine Banalität sein, aber eben eine, die sich so nur bei einer Serie bemerkbar macht. Zu Beginn der Produktion war Aaron Paul als Co- Star von „Breaking Bad“ der aktuell größte Name in der Besetzung, und er produzierte die krude Independent – Serie auch mit (als einer in einer ganzen Mannschaft aus Produzenten und ausführenden Produzenten, Co – Produzenten und Leitenden Produzenten, zu der auch Hauptdarsteller Arnett gehört). Nur in einer Fernsehserie konnte die Rolle nicht einfach wegfallen oder zumindest drastisch reduziert werden, was zu einem ständigen Kampf des Programms um seinen Tonfall führte (Todds Nebenhandlungen wurden immer verrückter, was die Serie in anderen Szenen wieder ausgleichen musste, usw.).

Entscheidender war sicher die kritische Rezeption. Ab der zweiten Staffel wurde der sehr eigensinnige Spaß von der Kritik gefeiert. Ab der zweiten Staffel bestand allerdings auch ein großer Teil der Witze aus Showbusiness – Seitenhieben, die nicht immer ganz frisch waren (und auch nicht immer wirkten wie aus Insidereinblicken in Hollywood gespeist, aber was weiß ich als Outsider schon. J.D. Salinger als Moderator einer besonders dummen Quizshow klingt für mich eher nach einem Scherz unter LiteraturstudentInnen, als nach einem unter ProduzentInnen). Eine Tarantel muss Quentin heißen, und für eine Oscar – Nominierung gibt es einen Tesla (in meinen Augen dafür extrem lustig: die Überlegungen, ob ein Stoff am Besten in einen Film, in eine Serie oder in einen Präsentkorb umgesetzt wird). Je nun. Dass die amerikanische Medienbagage aber wesentlich dünnhäutiger und gebildeter als ihr Image ist (und sich deswegen bei weniger mitfühlenden Karikaturen auch nicht getroffen fühlt) leuchtet ein (eines der vielen entsprechenden Highlights der Serie ist  Stanley Tucci als abgrundtief verbitterter Sitcom – Produzent). Und es ist symptomatisch für das Ringen um Klischeefreiheit bei Bojack, dass der eine dumme Kerl, der jedem Klischee über dumme Leinwandpersonen entspricht, Mr. Peanutbutter, in seiner angestrengten Unreflektiertheit und seinem fragilen Optimismus nichts weniger als herzzerreißend ist, auch wenn er durchs Leben tänzelt wie Gustav Gans als Hund. Nur verlagerte sich unter großem Beifall nach und nach der Schwerpunkt der offensiv intellektuell eher an der Ostküste angesiedelten Serie hin zu einer nicht gerade redundanzfreien Mediensatire. Warum verließ Bojack nicht einfach diese ihm ohnehin entfremdete Blase (und warum entfiel der ursprünglich angelegte Handlungsstrang im Theatermilieu von New York)?

Dazu liebte die Kritik die überraschenden Tragödien der Serie, sowie deren unbeirrbar gallige Behandlung. Die von Jahr zu Jahr zwischen den mit einem Schlag veröffentlichten Staffeln verlängerte Serie (die letzte Staffel wurde geteilt, im Grunde handelt es sich aber um zwei Staffeln in kurzer Folge) wurde also immer auf ein vorläufiges erschütterndes Ende hin konzipiert, das im Zweifelsfall auch zum Ende der gesamten Serie taugte. In der Folge mussten die MacherInnen alles an Ernst, Komik und Finesse aufbieten, um den Seifenopereffekt zu vermeiden, dass die Handlung einfach jeden melodramatischen Twist nehmen und das Publikum entsprechend langsam abstumpfen konnte. Völlig vermeiden ließ sich das trotzdem nicht.

Ein anderer, kniffeligerer Punkt war, dass viele Kritiken Bojack entweder in einer Reihe von Shows sahen, die die sog. toxische Männlichkeit zelebrierten, oder ihn genau dagegen in Anschlag bringen wollten. Die damit gemeinten Shows wie „The Sopranos“, Mad Men oder Breaking Bad hatten dabei mit Bojack Horseman nichts gemein außer einem schwierigen Mann in mittleren Jahren als Hauptfigur. Sie gehörten in eine völlig andere Traditionslinie, verfolgten völlig andere Konzepte und zogen in der Regel ein anderes Publikum an (lediglich „Better call Saul“ ließe sich anhand der Hauptfiguren vielleicht mit Bojack vergleichen, aber Better call Saul ist eine langsam erzählte, realistisch gespielte Serie über eine nur zäh veränderbare Wüstenwelt, in der ein beinahe biblisches Schicksal wirkt, während in der herumflatternden karikierten Welt von Bojack ständig alles im Fluß ist und nur immer wieder auf neue Art falsch entscheiden wird). Weder die Person, noch die Serie Bojack lassen an früheren Idealen von Männlichkeit auch nur ein gutes Haar. Und auch wenn Bojacks Verhalten gegenüber Frauen grauenvoll ist, sobald es um Sex auch nur gehen könnte, verhält er sich ansonsten gegenüber Männern weitaus destruktiver und in jedem Fall respektloser. Im Guten wie im Bösen sind alle seine Bezugsgrößen Frauen, und nicht nur Mr. Peanutbutter muss erkennen, dass Bojack sich für Männer in gewisser Weise nicht interessiert. Trotzdem, vielleicht auch deswegen, bleibt Bojack bei all seinen liebenswerten Eigenschaften die meiste Zeit der Inbegriff einer giftigen und andere vergiftenden Persönlichkeit und taugt nicht als Gegenmodell. Die Serie wollte nun aber mehr und mehr nicht "nur" komplex sein, sondern progressiv Haltung beziehen. Und darum begnügte sie sich in späteren Staffeln nicht mit einer vage feministischen Grundhaltung als weltanschaulicher Grundlage, sondern versuchte tatsächlich, aktuelle Bewegungen wie „Metoo“ sozusagen in Echtzeit in die Serie einzubauen und mit dem schwierigen Titelcharakter und der durchgeknallten Satire abzugleichen (tatsächlich geht Feminismus als Grundlage von Gesellschaftskritik so weit, dass in einer vergleichsweise frühen Folge dargestellt wird, dass die Waffennarren der USA lieber auf ihre Waffen verzichten, anstatt Frauen den Waffenbesitz zu ermöglichen – einer der wenigen Fälle, in denen die Satire wirklich völlig am Ziel oder zumindest an unserer Realität vorbeizielt). Das konnte nicht funktionieren.

Bojack war auf der einen Seite zu eigenständig, auf der anderen aber auf der anderen Seite eben auch kein Beginn einer neuen Zeit. Das naheliegende, etwas absurde Ergebnis (das durch den eigenartig überdrehten Fatalismus der Serie begünstigt wurde):

Bojack muss sich immer heftiger um Erlösung bemühen (leider lässt sich das, ich weiderhole mich, ohne Spoiler nicht konkreter ausführen), kann aber, da Männern in toto ja nicht verziehen, sondern der Prozess gemacht werden soll, auf keiner Ebene irgendeine Art von Erlösung erfahren und muss im Gegenteil immer wieder beweisen, dass er trotz Läuterung, Selbsteinsicht, Lernfähigkeit und Empathie, usw. jeden ausgestreckten Finger (und es muss ein weiblicher Finger sein, der ausdrücklich im Namen mehr oder weniger der gesamten Weiblichkeit ausgestreckt wird) dazu benutzt, sich jetzt wirklich dumpf, dumm oder sogar ekelhaft zu verhalten.

Und damit dieser Mechanismus nicht zu albern erscheint, wird er als eine weitere Methode der Selbstzerstörung von Bojack behandelt, ohne, dass klar würde, wie er konstruktiv mit gewährter Gnade oder einer Chance auf Neubeginn umgehen könnte. Kann er nicht, darf er nicht, denn die Serie hat sich entschlossen, sich auf die Seite derer zu stellen, die toxische Männer nicht mehr begnadigen wollen. Blöderweise haben die MacherInnen das damit verwechselt, dies durch das Schicksal ihrer Figur deutlich zu machen, die bewusst brüchtig angelegt ist (die Fragestellung nach der möglichen Erlösung Bojacks wird von dem Konzept der Serie einfach anders behandelt, als eine öffentliche Stellungnahme zu Metoo das systemische Problem behandelt, auch wenn es natürlich Überschneidungen gibt). Gleichzeitig werden aber Filme und Serien „aus weiblicher Sicht“ verspottet.

Und so endet die Serie bei aller Brillanz gerade auch der letzten Folgen bei einem schlecht gelaunten und seltsam verwirrten Patt (und bei mir bei dem Gefühl, zuviel erwartet zu haben, einfach, weil von dieser Serie, die Themen von der Entwicklungshilfe über Sekten bis hin zu Vegetarismus frei drehend und einzigartig behandelt, mehr zu erwarten war). Ohne Spolier: alles endet lakonisch und melancholisch. Die Figuren machen doppeldeutige Meta – Witze, dass Kunst ja nicht nur aus Standpunkten bestünde und Moral immer eine schwierige Sache sei, und das Leben sei nun mal indifferent, und dann gibt es einmal mehr Sprachlosigkeit und kleine menschelnde/pferdelnde Momente, und selbst das Thema von Sackgassen und Wiederholungen wird mit für Trickfilmverhältnisse bewusst beinahe theaterhaften Szenen voll melancholischer Halbsätze angeschnitten.

 

Können wir von SerienschöpferInnen nun erwarten, dass sie immun sind gegenüber großzügigen Stars, die ihnen Geld und ihren kostbaren Namen kredenzen, gegenüber einer Kritik, die sie aus der Obskurität ans Gipfellicht holt, gegenüber einer aktuellen gesellschaftlichen Debatte, die wie gemacht dafür scheint, von ihnen behandelt zu werden?

 

Nein, das können wir nicht erwarten. Serien (sofern sie keine vor der Ausstrahlung fertiggestellten Mehrteiler sind) werden von vielen Menschen für viel Geld über einen langen Zeitraum unter den Augen der Öffentlichkeit geschaffen. Sie sind immer auch Notlösungen, immer auch Kompromisse, immer auch korrumpiert. Selbst wenn sie so großartig sein sollten wie Bojack Horseman.

 

 

09. 02. 2020 Katzen kriegen keine Oscars (geschrieben vor der Oskarverleihung)

Aktuelles Update: Die südkoreanische Satire "Parasite" ist der erste Film von außerhalb, der je bei den von und für und in Hollywood geschaffenen Haupkategorien der "Oscars" gewonnen hat. Offensichtlich ist der unten beschriebene Teufelskreis auch den Stimmberechtigten bewusst geworden (die entgleisende Rezeption und die eigenartige Qualität von "Cats", die eigentlichen Themen, bleiben davon aber unberührt).

 

In wenigen Stunden werden die diesjährigen Oscars verliehen, und ein Verlierer steht bereits fest: „Cats“. Die Musicalverfilmung wurde nicht nur kein einziges Mal nominiert (selbst den Preis für den besten Tonschnitt machen die üblichen Verdächtigen dieses Jahres plus Star Wars unter sich aus), sondern dafür gestern gleich neunmal für den Negativpreis „Goldene Himbeere“. Vorgeschlagen als mieseste Schauspieler sind u.a. Popstar Jason Derulo und Leinwandlegende Judi Dench. Ende des Jahres hat es das singende, klingende Katzenspektakel wenige Wochen nach seinem Start (und in Deutschland waren es nur wenige Tage) in diverse Listen über die schlechtesten Filme des JAHRZEHNTS geschafft. Monate vorher galt der erste Trailer eine Zeit lang als der aktuell unbeliebteste Videoclip der Welt (nicht, dass ich die Kriterien dafür nachvollziehen könnte). Der Verleih schickte, ein filmgeschichtliches Novum, NACH dem Start via Satellit eine neue Fassung (mit anderen Computereffekten, siehe unten) in die Kinos. Genützt hat es nicht, nicht eine seriöse Kritik war positiv, und nach einer über 30jährigen Entwicklungsphase gilt Cats als absoluter Flop. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite hat die Tierschutzorganisation PETA im Rahmen der Verkündung ihrer „Oscats“ für tierfreundliche Filme (als besonders tierfreundlich gelten dabei nachvollziehbarerweise jene Filme, die ohne das stressige Einbeziehen echter Tiere zur besseren Behandlung von Tieren auffordern, wie zum Beispiel der letzte „Dumbo“) den Film mit einem Preis bedacht, dessen Name nicht nur mich verzückt, nämlich mit dem für „Best Movie Called Cats About Cats Without Using Any Cats“.

Laut der einschlägigen Medienseiten hat sich in der englischsprachigen Welt bereits ein verlässlicher Kult um das seltsame Werk gebildet: in Mitternachtsvorstellungen tauchen stylishe Freaks geschminkt, in Fellkostümen oder nackt auf und singen bspw. fröhlich das Lied über Skimble von der Eisenbahn mit (eine Katze, ohne deren Stepptanz der Nordexpress nie ans Ziel gelangen würde, auch wenn niemand so genau weiß, warum). Rituale beginnen sich herauszubilden. Die „Furries“, jene vielleicht nur in Kneipengesprächen nach halb zwei existierende Subkultur von Menschen, die in Tierverkleidungen Sex haben, sollen den Film genau so für sich entdeckt haben wie Teile der Schwulenkultur und das allgemeine Partyvolk. Aber es geht auch weniger schrill: der ehrwürdige britische „Guardian“ hat seine LeserInnnen dazu aufgefordert, ihre eigenen Rezensionen von Cats einzuschicken, und es prasselte eine Menge vergnügter oder ergriffener Lobreden auf einen Film, der laut gesellschaftlichem Konsens als absolut misslungen gilt.

Ich selber habe mir den Film zwischen den Jahren in einer Matinee angesehen und kenne schon mein Allzweckgeschenk für die nächsten Jahre.  Die Multiplexbetreiberin hat persönlich in bester Stimmung die Karten verkauft, der Eisverkäufer hat unserer kleinen Gruppe zugezwinkert (und niemand von uns trug Katzenohren oder ein Bustier, gehörte zu einer bekannten Subkultur oder wirkte anders als angespannt und ernst). In der Vorstellung lästerte eine offensichtlich unvorbereitete Teenagerbande in den ersten Minuten noch über das Offensichtliche (u. a. als Katzen verkleidete und durch tonnenweise Computertricks verfremdete Menschen, pausenlose Songs, die sehr, sehr eigene Mischung aus bemühter Schrulligkeit, bizarrer Sexyness und halbironischem Pathos) anschließend hüpften sie aufgekratzt aus dem Saal.

Und hier und da gab es während des lahmsten Showdowns der bekannten Filmgeschichte sogar Szenenapplaus im Kino: die magische Katze Mr. Mistofelees zaubert durch hektische Breakdance – und Beschwörungsbewegungen auf vollkommen unklare Art und Weise möglicherweise das entführte Katzenoberhaupt Old Deuteronomy herbei, das plötzlich befreit und putzmunter aus den Schatten tritt. Alle Katzen drumherum tun, als hätten wir einen cleveren Trick oder einen packenden Kampf beobachtet (und das in einer Zeit und Medienwelt, in der Don Draper eine komplexe Vorgeschichte braucht, um reich mit Coca Cola Werbung werden zu wollen, und jeder Nackenschlag und jeder Bauchmuskel von BATMAN scheinkorrekt erklärt wird). Ich hätte auch beinahe die Hymne auf den brillanten Zauberer mitgesungen, und in einem besser oder anders gefüllten Kino hätte ich das vermutlich getan. Seit einem Monat habe ich die verfluchten Songs als Ohrwurm, obwohl ich sie mir wohlweislich kein einziges weiteres Mal angehört habe. Ich habe es noch nicht in „Parasite“ oder in den Aufstieg Sykwalkers geschafft, aber Cats will ich mir noch ein zweites Mal auf der Leinwand anschauen. Was ist hier los?

 

Das Offensichtliche vorneweg: die derzeitige Filmlandschaft ist ziemlich freudlos und gleichzeitig sehr nerdy, allgegenwärtig und besteht vor allem in den englischsprachigen Ländern beinahe ausschließlich aus verkniffenen Allmachtsphantasien, die mehr oder weniger offensichtlich ohnmächtige Rachephantasien sind – im harmlosesten Fall haben wir dann das zeitgemäß umgeschriebene „Little Women“ und die beschaulich vor Weißglut brodelnde Nabelschaustrapaze „Marriage Story“ , in unangenehmeren Fällen landen wir dann bei den anderen Nominierten für den besten Film (als kleine Anmerkung stellvertretend fürs Ganze sei nur angemerkt, dass der echte „Irishman“, Frank Sheeran, in Wahrheit vermutlich ein unbedeutender Mafiamitläufer und kein Killer war, von Tarantino wollen wir hier gar nicht erst anfangen). Wenn wir einen glaubwürdigen Teenager auf der Leinwand sehen wollen, müssen wir wohl bis zum nächsten „Spider Man“ warten. Es gibt viele bunte kleinere Filme, aber da kannst du nicht mitsingen. Im Vergleich wirkt das früher für kritische Menschen so große, böse, kommerzialisierte Megamusical Cats nicht nur vergleichsweise unschuldig (es gibt dazu nicht einmal Spielfiguren oder ein Handyspiel), sondern auch auf verwirrend coole Art erschütternd spaßig.  

 

Woran Spötter wie Fans gerne erinnern: Cats war schon immer ein mehr als eigenartiges Phänomen. Das bis dato (frühe 1980er) erfolgreichste Bühnenmusical aller Zeiten basierte auf nur in England unter Liebhabern bekannten Scherzgedichten eines umstrittenen Literaturnobelpreisträgers, der schon seit Jahrzehnten mausetot war, und war ein wilder Liederreigen, praktisch ohne Handlung, dafür aber mit bahnbrechender Tricktechnik: Der ganze Theatersaal, inklusive der Zuschauerreihen, war eine vierfach vergrößerte Müllkippe, gigantische Plastiknachbildungen von rostigen Fahrrädern, Fischdosen und von eingerissenen Waschmittelpackungen. Durch diese surreale Traumlandschaft kobolzten scheinbar kreuz und quer sexy TänzerInnen in mehr oder weniger spärlich verhüllenden Fellfetzen und mit jeder Menge Glamrock- Schminke im Gesicht, die über hochmoderne schnurlose Mikrophone so befremdliche wie eingängige altmodische Anekdoten über possierliche Katzen sangen, während sie über dem Zuschauerraum entlangflogen, menschliche Pyramiden formten oder sich perplexen BesucherInnen auf den Schoss setzten. Höhepunkt der Show waren ein herzzerfetzender sehnsüchtiger Schlager über verpatztes Leben und die Himmelfahrt seiner Sängerin. Das war Karneval in seiner höchsten, heiligsten und albernsten Form. Das war Weltschmerz in seiner fröhlichsten Form. Das war würdevolle Frivolität ohne jede Brutalität.

Komponist Andrew Lloyd Webber hatte in all seinen vorangegangenen Werken mehr oder weniger geschmackvoll seine religiöse Prägung mit Popparodien und Puccini – Plagiaten verbunden, nun hatte er einen Rahmen gefunden, um sein Talent reifen zu lassen. Nun war Postmoderne, nun durften Ernst und Ironie gleichzeitig sein, und Webber schöpfte aus den Vollen: Die Funk – Parodie „The Rum-Tum-Tugger“ war funky, alberne Kinderlieder wie „Mr. Mistofelees“ oder „Skimbleshanks“ erinnerten in ihrer ernsten Ergriffenheit an den Paul Mc Cartney von „Wonderful Christmastime“. Zum ersten Mal fand Webber seine eigene musikalische Sprache: schlichte, schöne, melancholische und vage nostalgische Balladen mit kleinen, bewegenden Twists in der sich wie von selber singenden Melodie: „Old Deuteronomy“ und „Gus“ waren die Wegbereiter für die späteren Evergreens aus dem „Phantom der Oper“ (zu dem unkaputtbarem „Memory“ gleich mehr). Der wahre Triumph von Webber ist aber möglicherweise die auf den ersten Blick nicht besonders inspirierte Eröffnungsnummer, in der das Ensemble scheinbar zum immer gleichen rhythmischen Melodiefragment inkonsequenten Mus über die vielen tollen Eigenschaften einer fiktiven Katzenart krakeelt. Tatsächlich aber funktioniert das Lied von den „Jellicle cats“ wunderbar als Eröffnungsnummer neuen Stils, jenseits von Operette und Schlager, andererseits aber auch unbeleckt von jeder Form von Rockmusik.

In den Vorstellungen durfte damals nicht fotografiert werden, und es gab noch kein Internet. Die Fernseher, waren vergleichsweise klein, das durchsickernde Bildmaterial zu Cats war spärlich, offiziell und machte Lust auf mehr: Angela Milster, die im zerrissenen Pelzmantel über die Bühne der „Hitparade“ schlurfte, ein akrobatisches Katzenpärchen in den großen Samstagabendshows, lüstern feixende geschminkte Tänzer auf dem Innencover der Platte. Nur das Logo der Show war überall und auf jeder zweiten Seifenschale: die gelb leuchtenden Katzenaugen. Cats war ein Geheimnis und ein exklusiver Club (vorher war es undenkbar gewesen, dass Normalsterbliche nur für den Besuch einer Theateraufführung so viel Geld und Mühen aufwandten), es war das erste Event, das ein halbes Jahr im Voraus gebucht wurde (ich erinnere mich an den Erlebnisstress, als Kind Cats nach jahrelangem Träumen und Vorfreuen nun wirklich optimal Sekunde für Sekunde auskosten zu wollen).

Cats galt nie als wirklich hip und schon gar nicht als „gut“ (trotz vieler Preise, vor allem für die Ausstattung, galt es häufig als Ausverkauf der Kunstform), aber es brachte die populäre Kultur auf den Punkt wie anderswann „Pac Man“ oder „Wind of change“. Es ist im Rückblick etwas ernüchternd, dass Webber in seiner Autobiographie das kommerzielle Kalkül dabei offenbart(vom pfiffigen Logo bis hin zu der griffigen Mischung aus Katzenliebe, Klassikerhuldigung und state of the art – Gymnastik). Selbst der Ausnahmehit „Memory“ war von Anfang an als Ausnahmehit geplant gewesen und hatte wenig mit dem Originalautor T.S. Eliot zu tun (dafür aber mit dessen Gedicht über eine heruntergekommene Katzendiva, das Webber zu dem ganzen Projekt inspiriert hatte). Diese Mischung aus Chanson, Kunstlied und einem Beitrag für den Eurovision Song Contest gehört zu den wenigen Songs die klingen wie schon immer dagewesen und von keiner spezieller Person geschrieben (Memory klingt bspw. älter als sein ebenfalls zeitlosklingender Vorläufer „Those were the days“ ). Noch etwas mehr Akkordeon oder Wucht, und das Ding wäre unerträglich. So bleibt es in feiner Balance (nicht zuletzt durch eine schwerelose Puccini – Paraphrase mit der Überleitung Wenn es hell wird/ wird diese Nacht Er -in-ne-rung sein“) und trifft (T. S. Eliot, der Verfasser der Katzengedichte „Old Possum´s Book of practical cats“ und des in jedem zweiten Computerspiel nachhallenden Langgedichts „The waste land“ wird als Antisemit, der seine Frau buchstäblich in den Wahnsinn trieb, heute häufig aus eben diesen Gründen nicht mehr als Klassiker behandelt. Eliots Verteidiger, zu denen ich mich nicht zähle, verweisen auf die vorangegangene Labilität und Dominanz von Eliots Frau wie auf die Freundschaft des Dichters zu Groucho Marx, der speziell die Katzengedichte sehr mochte).

 

Cats versammelte noch einmal die Überbleibsel der 70er Jahre: Warhol und Disco und Rocky Horror und, in Großbritannien, ganz viel Rückbesinnung auf ein erträumtes Bilderbuchengland. Dekadenz war bodenständig geworden. Bowie war nicht mehr böse. Märchen waren wieder erlaubt, genau wie Humor ohne Kloß im Hals. Die Technik erlaubte bislang unbekannte Illusionen. Gleichzeitig hatten alle Angst vor dem Atomkrieg (und auch schon vor der Umweltkatastrophe). Tragödien wiederholten sich als Farce, wie Gus, der Theaterkater, das tragische Schicksal des Piraten Growltiger als Stück im Stück der Lächerlichkeit Preis gab. Die schmale Haupthandlung handelte von der abgetakelten feline fatale Grizabella, die in den Himmel fährt. Wir schwelgten in gesäuberten Erinnerungen und wünschten uns eine fröhliche Wiedergeburt. Das war Jellicle – Stil und Jellicle  Art.

 

Webber hatte zur Hochzeit des Cats – Phänomens trotz vieler Anfragen wenig Lust, sich ins eigene Fleisch zu schneiden (und Außenseitercharme hätte eine Verfilmung damals auch nicht besessen). Lange Zeit war ein eindeutiger Animationsfilm im Gespräch (im Gegensatz zur jetzigen Mischform), der aber vermutlich nicht den notwendigen Zirkuscharakter besessen hätte. Vor zwanzig Jahren wurde eine späte Aufführung abgefilmt, aber das war eher ein schwacher Ersatz. Der Versuch eines melodramatisch aufgezogenen klassischen Spielfilms, hatte sich bei „Evita“ und dem Phantom als unpassend erwiesen (Evita, ursprünglich ein Konzeptalbum, ist schon als Stück im Stil der „Dreigroschenoper“ – ohne schiefe Töne- ein Problem, beim Phantom wurde ein schauerromantischer Stoff im Stil einer Raffaelowerbung verfilmt).

Computerverstärkte Menschen mit künstlichem Fell in dreckigen und detailreichen Bilderbuchkulissen waren an sich keine schlechte Wahl. Vielleicht hätten Wes Anderson oder Tim Burton mehr aus den überdimensionierten Straßenecken und Wohnzimmern herausgeholt oder auch nur noch begabtere Ausstatter an der Hand gehabt, aber die machen ihren eigenen Kram, und in dem lebenden und etwas furchteinflößenden Kinderbuch zum Herumtollen, das uns der Film als Welt präsentiert, gibt es immer etwas zum Entdecken. Ebenso gut durchdacht war die Entscheidung, die Nummernrevue intakt zu lassen und nur die für die Reise entscheidenden Figuren durch ein paar Großaufnahmen und wenige hinzugefügte Dialogsätze hervorzuheben. So sinn  und spannungsarm das Drehbuch ist, so sorgfältig sind gleichzeitig die Figurenkonstellationen gestaltet (ich hatte damals heftige Auseinandersetzungen darüber, ob es überhaupt zwischenmenschliche/feline Beziehungen zwischen den Figuren des Stücks geben würde, denn für andere Fans war in dem ganzen Getanze nichts davon zu erkennen). Im Theater kannst du dich an einer Lieblingskatze im Gewusel festgucken und den Rest des Spektakels verpassen, der Film setzt darum dagegen auf spaßig verunstaltete Charaktermimen und auf benennbare Charakterbögen:

Die junge Katze Victoria lernt die Bande der „Jellicle cats“ kennen, die sich in einem alten Theater trifft und sich für ein rituelles Fest mit anschließender Himmelfahrt einer ausgewählten Katze vorbereitet. Unklar gestört wird das Ganze durch die kriminelle Katze Macavity, die die AnwärterInnen nach und nach auf ein Boot in der Themse zaubert. Victoria hat einen One night stand/eine Orgienerfahrung mit dem Herumtreiber Rum Tum Tugger, freundet sich mit der gefallenen Katze Grizabella an, ermutigt die dazu, sich für die Wiedergeburt zu bewerben (ist heutzutage nicht einfach alles eine Castingshow?) und ermutigt den Zauberer Mr. Mistofelees, die entführte Katzenmatriarchin Old Deuteronomy zurückzuzaubern. Die spendiert Grizabella die anstehende Wiedergeburt und heißt Victoria in ihrer Familie willkommen. Victoria und Mr. Mistofelees finden zueinander.

Diese Handlung ist rund und auch nicht blöder als viele andere (tatsächlich hat sich „Linie 1“ recht offensichtlich das eine oder andere abgeschaut), die Verfilmung gibt sich nur keinerlei Mühe, das auf die zur Zeit übliche Art (Rückblenden/Seifenoperdialoge/Theatermonologe/unübersichtliche Action) zu kaschieren. Ja, manche Sequenzen zelebrieren altmodischen bad taste und noch altmodischere Discolichter im Kontrast zur sonstigen Pastelligkeit, viele Momente sitzen nicht oder landen nicht auf den Füßen, und das gilt besonders für die Computereffekte. Aber schreckt das in Zeiten von Dead Pool, Birds of Prey und „Irgendwo in Doom Patrol versteckt sich ein guter 2stündiger Film“ noch jemanden ab? Sitzt Cats als ziemlich sinnfreie Zelebrierung eines Lebensgefühls zwischen den Stühlen unserer zersplitterten Zeit (Macher Tom Hooper verwies zum Start auf die angeblich antitribalistische Botschaft seines Werks, denn jeder und jede könne zur Jellicle – Katze werden. Gefällt mir jetzt sehr gut, finde ich aber nicht unbedingt im Film)? Auf äußerst beiläufige Art ist nicht eine der Figuren ein älterer weißer heterosexueller Mann (und der junge Mr. Mistofelees scheint sich auch noch nicht so ganz sicher zu sein. Das Bühnenstück im Stück hatte in der ersten Fassung noch lustig gemeinte asiatische Schurken). Die Besetzung ist schon surreal stargespickt (Taylor Swift in einer Nebenrolle, dafür durfte sie einen, überflüssigen, neuen Song beisteuern). Hier ist nichts elend und nur sehr wenig schmierig (die sinnlichen Katzen mit ihren obszön neutralen Körpern sind eine Designentscheidung, und vermutlich die richtige) und nichts formelhaft. In manchen Augen sehen wir in dem Film sicher nicht aufgehenden Konzepten oder misslingenden Szenen zu, aber: wo denn nicht? Und: was gibt es hier zu hassen?

 

Es fehlt die Konsistenz, vielleicht scheiden sich daran die Geister: am Anfang zelebrieren zwei ungeschickt hintereinander geschaltete komische Nummern den schlechten Geschmack. Jeniffer Hudson singt „Memory“ in einer rauen, beinahe aufschreienden Interpretation, die in einem weniger bonbonbunten Film vermutlich eindrucksvoller wirken würde (Hudson orientiert sich an der oscarprämierten „I dreamed a dream“ – Version von Anne Hathaway, aber Cats ist nicht Les Miserables). Ihre verwundete Grizabella (die des Bühnenstücks ist eher eine stolz kaputte Juliette Greco o.ä.) kann nicht von Idris Elbas lässigem Cartoon – Macavity korrumpiert worden sein (genausowenig, wie Scarlett O´ Hara glaubwürdig vor Kater Karlo fliehen kann). Sir Ian Mc Kellens Gus ist einfach bis hin zum Pfotenlecken viel mehr Katze als die meisten anderen auftretenden Katzen, was seine eindrucksvolle Darstellung besonders seltsam wirken lässt. Aber auch hier befindet sich Cats in der Gesellschaft von bspw. The last Jedi, der, im Gegensatz zum deutlich geschlosseneren Cats, aus mindestens drei aneinander vorbeilaufenden Filmen bestand und von der Kritik geherzt wurde wie kein anderer Star Wars – Film.

 

Um es kurz zu machen: ich denke, Cats ist ein Außenseiterprojekt. Es entstammt nicht primär der Filmkultur, es ist nicht kongruent zu den derzeitig gängigen inhaltlichen und ästhetischen Mustern in Hollywood. Und nicht, weil es gegen sie rebellieren wollen würde: der Film kommt einfach von woanders her und will woanders hin (dass er ganz sicher gegen die Sehgewohnheiten eines filmferneren Musicalpublikums verstößt, nützt ihm da auch nichts). Und, im Umkehrschluss heißt das eben auch: würde Tarantino mit seiner geschmäcklerischen, geschichtsrevisionistischen filmischen Tapete nicht ausgerechnet das alte Hollywood feiern, gäbe es für ihn ganz sicher keine Oscar – Nominierungen, wie brillant die Gestaltung seines Films im Einzelnen sicher ist. Und ohne Al Pacino, der Jimmy Hoffa fröhlich als Selbstzitat an der historischen Figur vorbei spielt, würden nach The Irishman so viele Hähne krähen wie nach den vorangegangenen Filmen mit Robert de Niro (und auch Scorseses Bob Dylan – Doku ist untergegangen). Und genau aus diesem Grund werden wir an kalten, einsamen Abenden in der Zukunft entzückt auflachen, wenn wir unverhofft in Cats hineinzappen: Nicht, weil der Film einfach, lustig, einfach lustig oder anspruchslos wäre (das ist er nicht und so etwas gibt es auch nicht), sondern weil es ein flotter und interessanter Film mit vielen guten Momenten ist, ganz ohne trostlose Rachephantasien und endlose authentizistische Nahaufnahmen computerbearbeiteter Gesichter. Mr. Mistofelees verdient jeden Applaus, am Mittag und um Mitternacht.

 

Noch kurz zum Oscar: Beim Animationsoscar gibt es die kleine Überraschung, dass der ambitionierte lyrische Erwachsenenfilm „I lost my body“ (eigentlich ein französischer Titel, aber so heißt er in den Zeiten von Netflix) statt der zweiten Eiskönigin ins Rennen geht. Ihm ist der Preis sehr zu gönnen, auch wenn „Toy Story 4“ eine erschütternde Wucht ist und beinahe jeden Preis verdient hätte.

 

 

 

 

 

 

 

23. 01. 2020: Rückstand durch Technik

Um die Jahrtausendwende wohnte ich die Hälfte der Zeit in Köln unter einem jungen und schönen Paar, das sich die ganze Zeit stritt (ja, es nervt, dass ich über mich schreibe, aber ich bin hier nun mal das Probeteilchen). Er brüllte sie an, sie warf mit Schränken (hätten den Geräuschen nach auch Mammuts sein können), dann fanden sie wieder zueinander (und das war akustisch auch nicht immer erhebend). Ich trug zu diesem Zeitpunkt Löcher in den Schuhen, wenn ich dagegen seine Sneakers anstaunte, musste ich geblendet meine Augen bedecken. Als sie ein nettes Baby bekamen, steckten sie meine Glückwünsche (und einen Stofffrosch) routiniert weg, und er kam schnell zum eigentlichen Thema: seinem Karrieresprung. Er programmierte an special effects herum und wusste, dass ich irgendwas mit Medien zu tun hatte, und so erzählte er stolz von seinem aktuellen Top secret -Job: er arbeitete an dem Troll in Harry Potter.

Ich platzte vor Neid, und ich platze eigentlich nie. Das passierte nach dem hervorragenden „Gefangenen von Askaban“ (dem Buch), vor dem ersten Film, vor der ersten Welle von Merchandising, noch war niemand genervt von Harry, jeder anständige Mensch liebte ihn, Harry Potter würde uns alle in ein Zeitalter des Friedens, der Gerechtigkeit und der Klimarettung führen (und das ist nicht übertrieben. Klima gab es tatsächlich schon im letzten Jahrtausend, und der eher tiefenpsychologische Ansatz der ersten Bücher von Rowling galt vielen als erster Schritt in eine bessere Welt von bewussteren Menschen, die keinen destruktiven Quatsch mehr nötig hatten. Es waren andere Zeiten). Ich hätte meinen rechten Arm dafür gegeben, den inneren Monolog von Harrys Mitesser zu schreiben (ich bin Linkshänder).

Mein Mehroderweniger – Nachbar von oben befand sich, wie ich später herausfand, in guter Gesellschaft. Anderswo in Köln wurde an der „Matrix“ und an dem Nieselregen in Jane Austen – Filmen herumgerechnet. Die Kameralinsen für Hollywood und die GewinnerInnen des Studentenoscars kamen aus Baden -Württemberg (und wurden vermutlich von Lothar Späth persönlich in Kisten verpackt). Vom flamboyanten Kameramann bis hin zum besessenen Tonmeister und dem konkurrenzlos günstigen Blockbusterregisseur – wo immer es in der teuren Medienwirtschaft um den besonders effizienten Einsatz besonders cleverer Technik ging, wimmelte es von deutsch anmutenden Namen (und, Spoiler, deren TrägerInnen kamen tatsächlich meistens aus Deutschland). Wer korrespondiert mit dem Landestheater Rheinland Pfalz in Kaiserslautern? Nicht du, nicht ich, aber J. J. Abrams, der aktuelle Star Wars – und Star Trek – Regisseur, denn dort benutzen sie international auffällig Bühnenmikrophone und – Lautsprecher (und Mark Knopfler kauft in der Gegend seine Hörgeräte. Aber das darf ich eigentlich nicht weitererzählen).  

Deutschland ist in der Medienbranche weder ein unbeschriebenes Blatt, noch ein sich aufrappelnder Underdog. Deutschland (wenn wir das Land mal wie eine Person behandeln wollen, was natürlich hinten und vorne nicht hinhaut) ist vielmehr der echt gute Computerprogrammierer, der nicht nur angeklingelt, sondern auch teuer bezahlt wird, wenn der Speicher nicht mehr will oder die Grafikkarte nicht mehr passt. Der arme Nerd selber wundert sich aber, warum mit ihm niemand über Persönliches reden oder seine Gedichte lesen möchte und denkt bei sich: „Naja, irgendwann werden denen die Gedichte schon ausgehen! Dann bin ich endlich an der Reihe (eigentlich sind meine Gedichte ja sowieso tiefgründiger als ihre und dazu auch noch technisch exakter)!“ Während seine Buddys mit tapferen Grinsen seine furchtbaren Gedichte ertragen, wenn sie müssen, und entsorgen, wenn sie können, denn sie wollen ihn als technischen Hausmeister behalten.

 

An diesem Bild fehlt Einiges. Da fehlt nicht zuletzt die deutsche Geschichte, die ich speziell dieser Tage nicht in einem Nebensatz behandeln möchte. Aber, warum auch immer, die Medienwelt schwört ausgerechnet auf Kameralinsen, visuelle Effekte, Verstärker und natürlich auf die verdammten Autos aus Deutschland. Also auf all das, was in der skeptischen landläufigen Meinung in Deutschland an Filmen und Fernsehserien billig und oberflächlich und „typisch amerikanisch“ ist. Während sich amerikanische Medienschaffende als die naiven blutenden Herzen empfinden und die teutonischen Techniker im Kontrast als Scotty von der Enterprise, der sich mit Menschen und Geschichten schwer tut (noch einmal: das sind natürlich bis über jedes erlaubte Maß überspitzte Verallgemeinerungen. Aber diese Klischees, behaupte ich, existieren tatsächlich und finden an tausend verschiedenen Stellen der Medienbranche ihren Niederschlag).

 

Warum schreibe ich jetzt darüber? Aktuell beschwert sich der „Filmdienst“ völlig zu Recht, dass im Rahmen des „Deutschen Filmpreises“ ein gemeinsamer Preis für „Beste Visuelle Effekte und Animation“  vorgesehen ist. Im übertragenen Sinne hieße das: ein gemeinsamer Oscar für die Laserschwerterfunken in Star Wars und für Toy Story 4. Oder, in unserem Bild: für das Formatieren von Festplatten und für Gedichte. Scotty zementiert seine Rolle.

 

Das Problem liegt, vermutlich, immer noch darin, dass es in Deutschland schwerfällt, in der kommerziellen, korrumpierten, störanfälligen, vulgären und marktschreierischen Kunstform Film das Gedicht zu sehen (und nein, das betrifft nicht nur die großen Publikumsfilme. Auch im Arthousebreich wird immer noch jeder Film automatisch überschätzt, der sich auf eine anerkannte Vorlage aus einer anderen Kunstform beruft). Das hat sicherlich auch mit den anstrengenden Fans zu tun, die behaupten, es habe in der Kunstgeschichte nie ein erhabeneres Bild gegeben als das lila Kantenkinn von Thanos in „Avengers: Endgame“. Aber trotzdem vermuten selbst unsere Insider noch 30 Jahre nach den ersten übersetzten Drehbuchhandbüchern hinter dem Erfolg der Hollywood – Erzählweise einen technischen Trick, und sei es ein dramaturgischer.

In Wahrheit geht es, würde ich sagen, keineswegs um einen Trick, sondern um eine Erzähltradition, die ein paar Tricks und Kniffe entwickelt hat. Diese Tradition hat einige problematische und einige regelrecht furchtbare Seiten, und sie löst sich aus einer ganzen Reihe von Gründen gerade vor unseren Augen auf (die aktuellen Sequels, Prequels, Reboots und Variationen, und da würde ich den „Irishman“ ausdrücklich mit dazu zählen, versuchen gar nicht mehr, den Anschein zu erwecken, in sich stimmige Einzelwerke sein, -und der Fokus verlagert sich immer noch so oder so immer weiter hin zu Serien). Aber zum möglichen Ende der klassischen Filmgeschichte können wir zusammenfassen: eine Kunstform liegt nach einem langen, aufregenden Leben, das Milliarden von Menschen beeinflusst hat, das Millionen analysiert haben, im Sterben --- und in Deutschland wird selbst in diesem Moment noch ein gemeinsamer Preis für Computerreperatur und Gedichte vergeben.

So ein blinder Fleck wäre bedauerlich, aber nicht unbedingt ein relevantes Problem (leiden wir in unseren Breiten darunter, dass wir leckeres Essen weniger wertschätzen als unsere Nachbarländer?). Es gibt genügend andere Kunstformen, und bspw. ich habe Filme bei aller heißen Liebe nie als Königin unter den Künsten gesehen (und bin dazu sicher nicht der einzige Irgendwasmitmedien, der einige Wunden und Narben in der Branche gesammelt hat). Aber: ist das wirklich nur ein blinder Fleck oder nicht vielleicht doch eine mühevoll kultivierte umfassende Schwäche, sich ernsthaft mit den Geschichten zu beschäftigen, die die Menschen so umtreiben?

 

Der Troll aus „Harry Potter und der Stein der Weisen“ taucht übrigens mittlerweile gleich in mehreren Listen der schlechtesten und der besonders schlecht gealterten Spezialeffekte der Filmgeschichte auf. Freut mich auch nicht. Vermutlich will ich nur den Stofffrosch zurück.

 

19. 12. 2019: Tröstliche Trends - Strauchelspiele (Teil 2 von 2)

Was bisher geschah: Videospiele werden immer erfolgreicher, und sie bestehen immer häufiger aus Spaziergängen (und Spieler stellen sich parallel bei der Diskussion über „Killerspiele“ dumm).

 

Im Grunde bräuchten wir alle einen Wandelgang, aber dafür ist nun einmal nicht genug Platz. Höfe und vor allem Klöster wiesen früher solche Anlagen auf: überdachte Quadrate zum hin – und herschlendern, mit einem Quadrat Gras und ein paar Blumen in der Mitte. Es gibt vergleichbare Einrichtungen in vielen Gefängnissen, aber die sind erstens hässlicher und zweitens im Gefängnis. Wandelgänge brauchen den Blick in den offenen Himmel, inspirierend unebenen Boden unter den Füßen und, vor allem, die Möglichkeit zur Einsamkeit (gut, unfreiwillig gibt es die für manche Gefängnisinsassen, aber das ist dann wieder ein völlig anderes Thema). Zarte Geräusche von ratschenden Zykaden, summenden Bienen oder vom durch Blätter brausenden Wind erhöhen die Geistigkeit und Sinnlichkeit des Herumwandelns. Die achtsam wahrgenommene Außenwelt und die aufbrandende Innenwelt fließen erst eindrücklich ineinander und werden dann später umso klarer unterscheidbarer. Ohne Wandelgänge wäre die Menschheit vermutlich nie so weit gekommen, und wir bräuchten sie nötiger denn je.

Bei Spaziergängen müssen wir aufpassen, nicht überfahren zu werden und keinen wichtigen Anruf zu verpassen, und in der Stadt möchte uns vielleicht möchte jemand zulächeln oder zusammenschlagen. In diese Lücke springen mittlerweile die Computerspiele (full disclosure: ich habe nicht alle hier behandelten Spiele gespielt oder auch nur angespielt, was mich in Gamerkreisen als Beobachter disqualifizieren würde, mich aber nach bestem Wissen und Gewissen informiert. Ich wiederhole mich: Videospiele sind nicht nur zeitaufwändig, sondern auch sehr teuer, nicht zuletzt dank der erforderlichen Hardware).

 

Dass so viele frühe Spiele von Labyrinthen voller Monster handelten, hatte damit zu tun, dass sie sich von der Nerdkultur des Rollenspiels am Tisch ableiteten und dass Labyrinthe voller technisch und erzählerisch zu bewältigen waren (deswegen waren sie übrigens auch zum Grundmodell für die Nerdkultur des Rollenspiels geworden). Ständige Entdeckungen und ständige Spannung: was verbirgt sich hinter der nächsten Tür? Ein Schatz oder ein Verhängnis? Diese Labyrinthe machten das Angebot, in gesichertem Rahmen in neue Gebiete vorzudringen. Wie bewusst auch immer war das eine Metapher für die Selbsterforschung und generell für geistige Arbeit und regte beides an: wer an einem heftigen Problem oder an einer schwierigen Aufgabe zu knabbern hat, tut häufig gut daran, ein Videospiel zu spielen. Allerdings eher keines mit tickenden Uhren, kniffligen Schalterrätseln und zu bedrohlichen Monstern. Solche Spiele erhöhen eher das Stresslevel und nehmen das Gehirn zu sehr in Beschlag. Während ein Teil der Gamingindustrie, der bekanntere und umstrittenere, genau das zu neuen Spitzen treibt und so Spiele mehr denn je zur echten Aufgabe und zum echten Abenteuer macht (mit Möglichkeiten zum Aggressionsabbau als Belohnung), hat ein anderer sich vor ein paar Jahren die entscheidende Frage gestellt: wie sähen Labyrinthe voller Monster ohne Monster und ohne Labyrinthe aus?

Und der „Walking Simulator“ war geboren. Wie die meisten Gattungs – und Epochenbezeichnungen der Kunstgeschichte war der Ausdruck ursprünglich als Beleidigung gemeint und wurde nach und nach zum selbstbewussten Genre. Ein „Walking Simulator“ meint ein Videospiel, das tatsächlich die meiste Zeit einen Fußweg simuliert, aus der Sicht der zu steuernden Person erzählt wird und nur reduzierte, beinahe nie aggressive Interaktionen mit der Umwelt erlaubt. Enger gefasst sind die meisten Spiele des Genres ruhig und introvertiert, neigen zu einem Schuss magischen Realismus und behandeln psychologische Themen. Und bedauernswerterweise wird ein beachtlicher Teil von ihnen mit Hilfe eines bekannten vorgefertigten Baukastens zum Spielweltenentwerfen hergestellt, der „unreal engine“ (genau wie die ebenfalls häufig verwendete „unity“ – Engine eine erst bei Erfolg kostenpflichtige Möglichkeit für kleine Studios, für ein Videospiel bspw. keine eigene Schwerkraft samt Auswirkungen auf alle Figuren und Objekte erfinden zu müssen). Diese elaborierte Spielemechanik verdonnert u.a. die meisten Figuren beim Gehen zu einer Art Moonwalk, einem unsicheren und schwer zu steuernden Schweben (in neueren Versionen ist es besser geworden). Ironischerweise ist ausgerechnet das Gehen bei „Walking Sims“ nicht immer ein Vergnügen. Auch eine halbrealistische Ästhetik gehört häufig zur Grundausstattung der Spiele, bei der z.B. Holz häufig wie bemaltes Plastik aussieht (und diese Spiele spielen entweder in Wäldern oder in Räumen voller Holzregale). Der Gesamteffekt des Unwirklichen, Blassgelebten passt allerdings gut zu den Inhalten der Spiele.

Es gab Vorläufer, jede Menge (eine menschenleere Insel voller Maschinen in „Myst“, eine leere Villa voller Geistererscheinungen in „The 7th guest“, beide in den 1990ern), aber allgemein gilt „Gone home“ von 2012 als erstes Spiel seiner Art. In diesem Spiel huschst du, an einem Tag in den 1990ern, durch ein verlassenes, villenähnliches Haus (voller 90er Krempel) und kommst einem Familiendrama auf die Spur. Zum Genre gehört es leider, dass eine Inhaltsangabe in der Regel mindestens den halben Spaß nimmt, darum nur der hier notwendige Hinweis, dass „Gone home“ vor allem von einem gescheiterten Coming out erzählt. Kurz darauf entdeckte die Firma „Friction games“, dass Gruselspiele gruseliger wurden, wenn es nichts zu tun gab, außer dunkle Räume zu erforschen oder hilflos vor Monstern zu fliehen (und sich über die eigene Dummheit zu ärgern, die verdammten dunklen Räume erforscht zu haben). 

Damit waren die Grenzen des Genres vorerst abgesteckt: es schilderte von nun an melancholische und schwelgerische Reisen ins Innere von Außenseitern am Beispiel von tapsigen Untersuchungen von unheimlich anheimelnden Häusern und abweisend einladenden Naturidyllen (in dem besonders hypnotischen „Firewatch“ tappst du gleich als beschützender Hilfsfeuerwehrmann mit tragischem Beziehungshintergrund durchs Unterholz) im Spannungsfeld zwischen Melodram und Horror (in manchen besonders eindrücklichen Fällen wie „Dream“, „What happened to Edith Finch?“ oder „Dream“ wurde offensiv Magischer Realismus angestrebt). Bei manchen suggestiven Spielen, wie „Layers of fear“,Soma“ oder „The vanishing of Ethan Carter“ war das eine endgültig nicht mehr vom anderen zu unterscheiden: hier musstest du bspw. durch das verlassene viktorianische Haus eines verrückt gewordenen Bildermalers schleichen (und wieder wären weitere Inhaltsgaben Spielverderberei). Bei allen konkreten Unterschieden zwischen den Spielen passt auf alle die überstrapazierte Bezeichnung „Meditation“. Diese virtuellen Spaziergänge sind Meditationen und als ein erweiterter, mit dem Controller begehbarer Innenraum für das private und meist nicht besonders konzentrationsintensive Medium Videospiel so gut geeignet. Sehr filmische, sehr ambitionierte (und sehr empfehlenswerte) interaktive Geschichten voll Außenseiter – Weltschmerz wagten Experimente mit der Formel (und verzichteten zum Beispiel auf den starr subjektiven Blickwinkel). Spiele wie „Life is strange“ oder „Oxygen“ wandten sich offensiv an ein studentisches (möglicherweise auch weiblicheres) Arthouse – Kinopublikum, das nicht mehr ins Kino ging.

Die sogenannten Hardcore – Gamer, die den Wert ihrer Spiele häufig an den Aktionsmöglichkeiten, ihrer Schwierigkeit für Uneingeweihte und an fotorealistischen Grafiken festmachen, empfanden diesen Trend natürlich von Anfang an als Betrug. Einmal mehr sollte anscheinend ihr Hobby gezähmt, zensiert, verwässert werden (und sie haben es tatsächlich nicht einfach). Allerdings boykottierten sie das neue Genre offensichtlich nicht, sonst hätten die großen Firmen wohl kaum entscheidende Elemente der „Walking Simulators“ in ihre in alle Dimensionen ausufernde Vorzeigetitel für die marktführenden Konsolen integriert („Walking Simulators“ wurden ursprünglich auf Heimcomputern populär, aber ihre Betonung der dreidimensionalen Erfahrung führt bei nicht speziell aufs Spielen ausgerichteten Rechnern schnell zu Problemen – ein weiterer Widerspruch dieses Genres, das sich eigentlich an ein weniger technikaffines Publikum wendet).

Ob die offene Westernwelt von „Red Dead Redemption 2“, der erkletterbare Kontinent von „The Legend of Zelda: Breath of the wild“ oder die Endzeithorizonte des aktuellen Kritikerlieblings „Death Stranding“, auf allen sogenannten Plattformen straucheln und schlendern Avatare durch Schneewüsten und Steppen, ein verschwommenes Ziel vor Augen, Naturgeräusche im Ohr. Wie wir in unseren virtuellen Wandelgängen.

 

 

12.12. 2019: Tröstliche Trends - Strauchelspiele (Teil 1 von 2)

Die Videospielindustrie mag viele Probleme haben, übermäßige Bescheidenheit gehörte noch nie dazu: so verkündet sie seit zehn Jahren stolz, mehr Umsätze zu generieren als Hollywood, und es werden immer mehr (ich verlinke hier aus Prinzip nicht, aber bspw. unter „videogameindustrie“ findet sich eine Menge). Wer entgegnet, dass selbst im Vergleich angesichts heutiger Eintrittspreise Games unvergleichlich teuer sind (da kommen nur Karten für Bayreuth oder für Pearl Jam auf dem Schwarzmarkt mit), dem wird beschieden, dass Videospiele in der Herstellung ja auch sehr viel Geld kosten würden (nicht so viel wie Filme, nie, natürlich nicht, obwohl in den computernahen Industrien die gewöhnlicheren Mitarbeiter einfach immer noch besser bezahlt werden als überall sonst, aber das Verhältnis zu Geld ist da eben ein anderes).

Und nach der Verkündung der tollen Gewinne kommen dann gerne die Hinweise auf den hohen Prozentsatz an Gamern in der Bevölkerung und, zu seriösen Anlässen, der Stolz darauf, dass sich immer mehr Videospiele relevanter Themen annehmen und zum Einüben sozialer Handlungsweisen verwendet würden. Der Trick bei diesen Selbstbepreisungen liegt darin, zu unterschlagen, dass dies drei völlig verschiedene Paar Schuhe sind.

Die riesigen Umsätze kommen, so lange sie nicht noch aus den sukzessive zu verbietenden Bezahlsystemen innerhalb eines angeblich kostenlosen oder bereits erworbenen Spiels stammen, mit Hilfe ein paar teurer Spiele zusammen, von denen ein Großteil der Bevölkerung (außer in Japan) noch nie etwas gehört hat.

Wer auf einer Party über „Red Dead Redemption“ sprechen will (dass ich bspw. nicht einmal gespielt habe, das aber nun wirklich ein faszinierendes Phänomen ist), erntet in den meisten Fällen Fragezeichen, scheele Blicke und nur ein, zwei geflüsterte Solidaritätsbekundungen. „The Irishman“ ist da immer noch die sicherere Bank. Die Mehrheit der Bevölkerung daddelt an der Bushaltestelle auf dem Telefon irgendein Spiel über bunte Kleckse (wogegen nun wirklich nichts zu sagen ist).

Die „serious games“, die ernsten Spiele über ernste Themen, die experimentellen oder metatextuellen Spiele  sind dagegen der Progrock unter der Software: einzelne Titel oder Firmen sind immens erfolgreich, immer mehr treffen auf ein zahlungswilliges Publikum, damit beschäftigen sich die ambitionierten Kritiker, und dort liegt die Zukunft (anders als beim armen Progrock, dafür flossen dort früher Champagner und LSD anstatt Limonade ohne Bitzel). Aber der Großteil sowohl der Fanboys als auch der Gelegenheitsspieler lässt Spiele über den Bosnienkrieg oder über Depressionen genau so an sich vorbeirauschen wie Spiele mit einer vertrackten Zeitmanipulations – Mechanik, einer sich verändernden Steuerung oder haufenweise Anspielungen auf den Commodore 64.

Was es offiziell gar nicht gibt, und immer selbstverständlich als Nebenthema behandelt wird, ist die Ästhetik von Videospielen. Dabei werden die Spiele, gerade im Independent – Bereich, immer schöner und gestalterisch schlüssiger. Gab es früher eigentlich nur verschiedene, der Zeit angepasste Versionen von einem gruseligen Pseudo – Realismus und die psychedelische Niedlichkeit von Nintendo, gibt es heute impressionistisch, expressionistisch und neuartig aussehende Spiele. Ästhetik ist ohne Frage ein wichtiger Kauf – und Spielgrund, wird aber üblicherweise nicht so gehandelt.

 

Stattdessen sprechen Gamer über Spielemechanik und Inhalte. Und wehren Kritik an dem einen Punkt routinemäßig mit der Rechtfertigung des anderen ab. Das meint: wer sich über die unmögliche Steuerung beschwert, kriegt erklärt, dafür wäre es doch einfach so ein irres Gefühl, den gegnerischen General endlich abzuknallen. Wer sich darüber beschwert, den gegnerischen General abknallen zu müssen, kriegt gesagt, da ginge es doch einfach um das irre Gefühl einer flüssigen Steuerung.

Faktisch lassen sich Gameplay, Story und Dramaturgie bei jedem bereits halbwegs gelungenen Spiel nicht voneinander trennen, und genau darin liegt das Dauerproblem der Branche. Ambitionierte Spiele vermitteln bspw. die Hilflosigkeit angesichts psychischer Erkrankungen dadurch, dass sich Alptraumsequenzen nicht verhindern oder stoppen lassen (ja, solche Spiele gibt es, und sie meinen es angeblich gut) oder umgekehrt Hoffnung angesichts psychischer Erkrankungen durch Aktionsmöglichkeiten. Das grimmig satirische Spiel „Papers, please!“ vermittelt seine Kritik an politischen Grenzen über ein nicht zu meisterndes Gameplay.

Und genauso, und nun sind wir beim chronischen Stein des Anstoßes, kämpfst du in einem der teuren, megaerfolgreichen Spiele, die vom zweiten Weltkrieg handeln, natürlich nicht einfach als Guter gegen die Bösen, sondern hast Spaß am Entwickeln von effizienten und/oder grausigen Tötungsstrategien. Und das ist allerdings etwas anderes als ein Film.

Ich selber habe eines der ersten sogenannten „Killerspiele“, die diesen Namen auch verdient hatten (subjektive Kamera und fürchterlich nuancierte Gewalt, das dazugehörige Genre heißt offiziell „First Person Shooter“), komplett durchgespielt, den bizarren Science Fiction – Horror „Doom“. Ein paar Mal hatte ich es für eine halbe Stunde gespielt, aber es war mir zu frustrierend gewesen, zu eklig, und mit einem „Cheat – Code“ für unbegrenzte Gesundheit oder Munition war andersrum der Witz weg. Um mich zu gruseln las ich lieber endlich diese klassische unheimliche Novelle von Henry James. Dann hatte ich eine Weisheitszahnentzündung und meine damalige Freundin war ohne mich in den Sommerferien. Nun war ich reif für die Feinheiten von „Doom“. Wegducken, Anschleichen und dann so mit der Schrotflinte aufs Säurefass zielen, dass vier Monster auf einmal getroffen werden. Gefällt Euch das, hmmmm (später hatte ich keine Weisheitszähne mehr und wurde dadurch wesentlich lockerer)? Diese Spiele erfordern Hingabe, sonst machen sie keinen Spaß. Wer sich an einem sogenannten „First Person Shooter“ erfreut, der findet in diesem Moment Genuss am Planen von virtuellen Tötungen.

Jetzt heißt es von Gamerseite gerne, die Wissenschaft habe bewiesen, dass es keinen Zusammenhang zwischen „First Person Shootern“ und realer Gewalt gäbe. Das stimmt so nicht, seriöse Wissenschaftler (Neurologen, Psychologen, Kriminologen, Sozialwissenschaftler) lehnen nur die Behauptung einer nachweisbaren Kausalität ab. Keine friedlich vor sich hinlachende Person wird durch das Durchspielen eines Auftragskillersimulators zu einem Todesschützen.

Aber außer Waffenlobbyisten und dem amtierenden US – Präsidenten würde das auch niemand behaupten. Heftig umstritten ist dagegen, ob solche Spieler eher das harmlose Ausagieren von Aggressionen ermöglichen oder eine immer wieder bei einigen Spielern beobachtete Desensibilisierung stärker wirkt. Dann geht es um die Frage der Habitualisierung, ob also durch First Person Shooter Handlungen eingeübt und verselbstverständlicht werden, die in der echten Welt zu Verletzung und Tod führen. Ein besonders schwieriger Punkt ist die Frage, ob diese Spiele dazu erziehen, die Welt unter dem Blickwinkel von Wegducken, Anschleichen und mit der Schrotflinte aufs Säurefass zielen wahrzunehmen. Unbestritten ist lediglich, dass das Spielen die Hand/Augen – Koordination verbessert und spezielle Formen der Seekrankheit auslösen kann.

 

Das Problem an dieser Debatte ist, dass so gut wie niemand Interesse an einer umfassenden skeptischen Untersuchung zu haben scheint. Ergebnisse à la „x Stunden First Person Shooter in einem surrealen Setting können bei soundso prädestinierten Menschen in dieser und jener sozialen Situation dies und das auslösen, sofern nicht von der Seite des Spiels aus auf diese und jene Art dagegen gearbeitet wird“ oder „Weltkriegssettings verführen zum Begehen grausamerer virtueller Akte“ oder auch umgekehrt „aggressive Videospiele führen bei x Prozent zu größerer Toleranz gegenüber anderen Meinungen“ würden den beiden die Debatte verhunzenden Lagern die Argumentation vermiesen. Auch wer die Gamerszene deutlich mehr schätzt als die amerikanische Waffenlobby kann sich dabei über die Doppelmoral der Videospieler ärgern. Denn dass First Person Shooter in den Armeen der Welt zu Trainingszwecken eingesetzt werden (allerdings meist in realistisch modifizierter Form) und dass die Spieleentwickler sich vor allem mit den amerikanischen Streitkräften häufig austauschen, steht lobend in jeder zweiten Spielerezension. Ebenso lässt es sich nicht als merkwürdiger Zufall abtun, dass manche realen Gewalttaten sich vom Ablauf her am Ablauf einschlägiger Spiele zu orientieren scheinen. Videospielhelden haben sich aus Kostengründen in weitgehend leeren Gängen hinter Kisten und Regalen versteckt und aus dem Hinterhalt auf Passanten geschossen, bevor echte Amokläufer das Gleiche taten.

Wenn es so egal ist, was wir tun, wenn wir einen Controller in den Händen halten, dann müssen wir auch keine „serious games“ anerkennen oder zustimmen, dass Kinder durch „Animal Crossing“ schreiben und schenken lernen. Dann muss die Firma „ubisoft“ nicht damit werben, dass sich ihr historisierendes Meuchelspiel „Assassin´s  Creed“ nun auch in einem gewaltlosen Informationsmodus spielen lässt, in dem nichts passiert, außer, dass geschichtliches Wissen vermittelt wird. Dann müssen Gamer bei öffentlichen Diskussionen auch nicht mehr betonen, dass der Großteil der gespielten Spiele gewaltfrei ist.

Wenn aber Videospiele tatsächlich das erste Medium sein sollten, das ausschließlich positive Lerneffekte auslöst, dann ist die Industrie noch viel zu bescheiden, sollte eben dies auf große Plakate drucken und endlich mit bspw. den untersuchenden Neurologen siegessicher und bedingungslos zusammenarbeiten.  

Die sogenannten „Hardcore“ – Gamer, also die, die sich über dieses Hobby definieren, die Geld und Geduld und Leidenschaft hineinstecken, haben einen miesen Ruf und hatten ihn schon immer. Sie gelten als verklemmt kichernde Loser, selbst wenn sie Vermögen verdienen, sie sind so etwas wie die früheren Märklin – Freunde ohne Pfeife und Pollunder, dafür mit einer Schulung in virtuellen Metzeltechniken. Darin liegt die Gemeinheit (auch wenn speziell in den USA einige Gamer tatsächlich viel dafür tun, als letzte Bastion toxischer Männlichkeit zu gelten), und deswegen führen die Gamer die Diskussion so unehrlich und behaupten, sie sei seit Jahrzehnten abgeschlossen (und schrecken damit endgültig Interessierte ab, die bei einem spannenden neuen Medium nicht ausgerechnet mit dem Mief einer Wagenburg konfrontiert werden oder als Verräter beschimpft werden wollen, bevor sie auch nur mit dem Zeh über der Türschwelle sind).  

Das Eigenartigste an der heillos verzettelten Debatte ist jedoch, dass der Trend bei großen, teuren Spielen weg vom Massaker und hin zum Wandern wandert. Vom Progrock in die Charts.

25. 11. 2019 Die Kinder von Ernie und Bert

Sesame Street? It`s a cult!“, verkündete ein britischer Kinderfernsehmacher einmal pikiert.

Na ja, zumindest war die Straße früher eine ganze Kultur, ein selbstverständlicher Referenzrahmen für die Weltwahrnehmung und wichtige Fähigkeiten, nicht nur in Kindergärten. Sekte stimmt aber selbstverständlich auch: bis heute sprechen die, die ihn noch leibhaftig gekannt haben, mit erstickter Stimme über den viel zu früh verstorbenen Puppentheaterleiter Jim Henson als einem spirituellen Leitstern in allen Lebenslagen, und mindestens eine mir teure Person hält Henson einfach für den beeindruckendsten Menschen, der je gelebt hat. Der Grund für die Verehrung ist, dass Henson Puppen designt, Puppenspieler angeleitet und Puppenfilme gemacht hat. Und als Puppenverantwortlicher hatte Henson entscheidenden Einfluss auf das wundersame Experiment der Sesamstraße, das ganzen Generationen Lesen, Baden, ins Kinogehen und die Zutaten von Toastbrot beigebracht hat, gerne anhand von Hensons Puppen (von denen das Toastbrot seit jeher mein Favorit ist). Nein, hier nicht noch eine Jubiläumsmischung „Hätten Sie`s gewußt?“ und „Mein schönstes Kindergartenerlebnis“ (schade, aber ich beherrsche mich), und für eine umfassendere Würdigung ist hier nicht der Ort, - an dieser Stelle nur ein Hinweis auf die deutschen Versuche, Ernie und Bert Konkurrenz zu machen, und auf die Frage, ob sie gescheitert sind (und warum).

 

Die Sesamstraßen – Kontroverse (1969 – 1973)

Das US -amerikanische Original „Sesame Street“ der Vorschulsendung vom „Children`s Television Workshop“ schlug ein wie damals manche Popsingles und war speziell in Deutschland anfangs heiß umstritten. „Sesame Street“ spielte in einer mittelschäbigen New Yorker Innenstadt – Straße, in der auf Treppen und in Hauseingängen herumlungernde Kinder von herumlungernden Erwachsenen und bunten Monstern (den sogenannten „Muppets“) das Alphabet und den Unterschied zwischen hoch und niedrig beigebracht bekamen. Stars und Gastgeber der Serie waren der riesige und schüchterne quietschgelbe Vogel mit dem naheligenden Namen „Big Bird“ (auf Deutsch: Bibo). Er war ein Ausbund an Höflichkeit und freundlicher Naivität. Sein Gegenpart und Nachbar war der in einer Mülltonne hausende miesgelaunte und cholerische Zottel Oscar (Oskar). Das alles sollte die Zielgruppe der tagsüber allein gelassenen unterprivilegierten Kinder abholen. Zu den weiteren beliebten Figuren gehörten Ernie und Bert, zwei menschenähnliche Mitbewohner unklaren Alters, die sich nach klassischem Muster kabbelten: Ernie war der fröhliche dumme August, Bert der dauerdüpierte weiße Clown. Ihre Szenen waren pointierte Kabinettstückchen alter Schule in einer Sendung, die ansonsten mehr auf absurde Komik, Parodien oder einen freien Flow der Heiterkeit setzte. Dazu wurden sie von den beiden Chef – Puppenspielern Henson und Frank Oz gespielt und gesprochen.  

Als die Ausstrahlung von „Sesame Street“ in Deutschland bald Thema wurde, kam es unter den Fernsehverantwortlichen zu hitzigen Diskussionen, die nach der testenden Ausstrahlung einiger (zunächst untertitelter, dann synchronisierter) Folgen im westdeutschen Regionalprogramm zu einem regelrechten Kampf vor allem zwischen dem bayrischen Rundfunk und dem Rest der ARD – Anstalten ausartete.

Kleinkinder, so die damaligen Gegner, sollten weder vor dem Fernseher, noch auf der Straße herumlungern, und sie sollten nicht denken, das Mülleimer zum Wohnen da wären. Ganz allgemein würde der Realitätsbezug durch die Vermischung von Fantasiekreaturen und Alltagsszenen nachhaltig gestört. Eine etwas differenziertere Kritik bemängelte das hohe Tempo vieler Beiträge. Gegner und Freunde einigten sich darauf, dass die Straßenszenen für Deutschland aus verschiedenen Gründen nicht passten. Das war das Aus für Bibo und Oskar.

Da die Verantwortlichen des BR gerade so gut in Fahrt waren, verhinderten sie die Ausstrahlung der nun weitgehend straßenfreien „Sesamstraße“ im Ersten Programm, verzichteten als einziger ARD – Sender auf die regionale Ausstrahlung und starteten ein Konkurrenzprogramm, „Das Feuerrote Spielmobil“ (s.u.).

Erst gut fünf Jahre nach Beginn der deutschen Ausstrahlung sorgte der NDR zusammen mit Henson für Ersatz in Form von Samson und Tiffy. In der Zwischenzeit waren aus der Not heraus Ernie und Bert die Gesichter der „Sesamstraße“. Und das blieb nicht unbemerkt.

Minifant und Maxifant (1972) von Wolfgang Buresch

Das Feuerrote Spielmobil“, immer noch unsterblich dank seines kirre machenden Titelliedohrwurms, geriet faktisch zu einer ziemlich „Sesamstraßen“ – ähnlichen Sendung und bekam seine eigene Version von Ernie und Bert verpasst, die grandiosen „Maxifant und Minifant“, die später Titelhelden einer ausgekoppelten eigenen Sendung werden sollten.

Maxifant und Minifant sind keine Elefanten, sondern Kreuzungen aus Clowns und Plüschtieren, mit Stofffetzen als Körpern und Menschenhänden, riesigen oder winzigen Pupillen und einer sehr langsamen Art, zu sprechen. Irgendwie musste man sich einen Reim auf die neuartigen Puppen von Henson machen (der legendäre Puppenbauer Wolfgang Buresch hatte sich vorher mit den vergleichsweise bodenständigen Welten von Kasper, dem Hasen Cäsar, Stoffel und Wolfgang einen Namen gemacht). Maxifant hat gelbe Schlappohren, eine lange Nase und ist etwas größer, Minifant hat rote Teddyohren und komplett verstrahlte Tassenaugen. Anders als bei Ernie und Bert ist ein Altersunterschied offensichtlich: Maxifant ist die Autorität (ob Vater oder eher großer Bruder bleibt unklar). Maxifant ist allerdings eine überaus freundliche und geduldige Autorität, was damals revolutionär war, Minfant ist ein sympathisch nerviges Kind (darf sich dauernd die Welt erklären lassen, nachfragen und dann trotzdem alles falsch machen – auch das im Vergleich schon ganz schön hippie). Dafür geht natürlich andererseits die Komik von Ernie und Bert etwas flöten (deren überdrehte Szenen des häuslichen Wahnsinns ja das am wenigsten didaktische Element der „Sesamstraße“ sind und auch deswegen so populär). Maxifant und Minifant hüpfen dabei offensichtlich durch eine mehr oder weniger psychedelische Alltagswelt. Ärger soll es wegen ihrer anschaulichen Behandlung von Geburt (ein echter Mensch) und Tod (ein echtes Kaninchen) gegeben haben, was zur frühen Einstellung des Programms beigetragen haben mag. Genau lässt sich das nicht mehr nachvollziehen: Die Episoden wurden vor meiner Zeit ausgestrahlt und so gut wie nie wiederholt.

Allgegenwärtig waren die beiden trotzdem noch über Jahre hinweg, wir hatten ja nichts anderes, dafür aber eben Handpuppen, Hörspielkassetten und von den Älteren an die Jüngeren weitergegebene Legenden. Die (auf Schulhöfen ironische) Fragefloskel „Du, Maxifant?“ löste sich bald von den freundlichen Freaks und bildete vielleicht sogar die Grundlage für das gefürchtete 70er Jahre – „Du“ (Maxi und Mini kriegten wirklich einige „Du“s in einem beliebigen Hauptsatz unter). Nicht zu Unrecht erinnern sich Menschen mittleren Alters an die ewige leise Angst, die Maxi und Mini in ihren auslösten. Sie waren insofern unheimlich, als dass sie verrückte Figuren ohne direkte Vorgänger waren. Das waren allerdings auch Hensons Sesamstraßen – Muppets, bevor sich alle an sie gewöhnten. Deren Brillanz erreichten Maxi und Mini sicher weder beim Figurendesign noch in ihren tranig surrealistischen Belehrungsszenen. Aber wild, sanft, eigenständig und erfreulich, wie sie waren, würde Maxifant und Minifant definitiv mehr Anerkennung gebühren.

 

Ratz und Rübe (1973) vom „Team der RAPPELKISTE“

„RAAA- HATZ!!“, das muss so pampig gekrischen werden wie möglich, sonst ist es nicht stilecht, sonst ist es nicht Rübe. Die „Rappelkiste“ ist derartig deutlich ein Produkt ihrer Zeit, dass jede Diskussion über das Programm in eine Diskussion des damaligen Stands der progressiven Medienpädagogik ausartet.

Nichts anderes hat das „Team der Rappelkiste“, wie es sich im Abspann nennt (denn „Kollektiv“ klang dann wohl doch damals zu miefig), beabsichtigt (und alle rätselten damals, was denn wohl ein „Team“ sein könnte, in der damaligen Presse ist gerne von einer „Projektgruppe“ die Rede). Die „Rappelkiste“ wollte über gesellschaftliche Missstände aufklären und auf ihre Beseitigung hin agitieren, und das im CDU – nahen ZDF (wenige Jahre zuvor gegründet gegen den „Rotfunk“), denn das ZDF hatte sich die „Sesamstrasse“ durch die Lappen gehen lassen und biss sich jetzt hierhin und dorthin (fragt Rübe nach den passenden Vokabeln). In der zeitgenössischen Berichterstattung wurde der schlechte alte Anti – Amerikanismus ausgebreitet, wenn engagierte Journalisten die „Rappelkiste“ als Gegengift zum „Pop“ und zur „Coca Cola“ der „Sesamstrasse“ ausriefen. Dass der hinter der „Sesamstrasse“ stehende „Children`s Television Workshop“ nicht gewinnorientiert arbeitete (was heutzutage Auftritte vom mittlerweile anderweitig aufgekauften Kermit im Programm verhindert) wurde nicht berichtet, dass er Begleitprodukte wie Stofftiere und Bettwäsche genehmigte, schon. „Sesame Street“ war zu diesem Zeitpunkt bereits eine internationale Marke, das Programm war lustig und nicht ausgesprochen politisch (wenn auch nicht unpolitisch), das reichte als ambivalentes Feindbild. Die lustigen Puppen wurden dabei, nicht zu Unrecht (aber auch nicht völlig zu Recht) als Grund für den Erfolg ausgemacht, und da Bibo und Oskar bereits von der Bühnenmitte verschwunden waren, siehe oben, war dem „Rappelkisten“ – Team klar, dass sie ihr eigenes Äquivalent zu Ernie und Bert brauchten.

Auftritt Ratz und Rübe, Junge und Mädchen, angeblich im Vorschulalter, Nachbarn. Sie füllten die Lücke, die Ernie und Bernie ließen und taten, was diese nicht taten (= sich über Bezeichnungen für Geschlechtsteile austauschen, in die Badewanne, Entschuldigung, kacken und den Kapitalismus in Arbeiterliedern mit Querflöte angreifen). Das Puppenpaar war Aushängeschild der Sendung, aber im Zentrum stand es nie. Von 30 Minuten „Rappelkiste“ fallen in den frühen Folgen vielleicht 5 ans Puppenspiel (dabei war das restliche Material sicherlich aufwändiger in der Herstellung). Das Reizvolle an der Rappelkiste waren nicht die Puppen-, sondern die Straßenszenen, also genau das, was der Sesamstraße in Deutschland gerade so erfolgreich ausgetrieben worden war. Trotz jeder Menge Agitprop sind die Realfilme überraschend gut gealtert, und die echten Hinterhöfe, echten Kinder und die Nuancen bei ihrer Darstellung sind tatsächlich beeindruckend (und reichen mit ihrer meistens verblüffend souveränenThematisierung von bspw. Krieg und Arbeitslosigkeit über andere Programme hinaus).

Die Puppen stehen dagegen auf einem anderen Blatt. Die Ausstattung der Szenen ist sehr hübsch und erinnert an die „Sesamstrasse“ – Kinderzimmer, Badezimmer, Hausflur, Wiesen,- ist eher noch detaillreicher und häufig mit etwas experimentelleren Perspektiven aufgenommen als die puppenbühnenartigen Sets bei Ernie und Bert. Die Puppen sind unverkennbar Ernie und Bert nachempfunden, weisen aber Leim – und Stoffspuren auf, was seinen eigenen Reiz hat (wobei bei den kleinen Schwarzweißgeräten der 70er solche Feinheiten in der Fertigung nicht wahrnehmbar waren). Während Ratz kaum mehr ist als ein unscharfer Ernie ohne dessen Pep, ist seine Freundin Rübe eine der originellsten deutschen Puppen .Mit ihren kringeligen Brezellocken, den hellen kleinen Augen und dem schiefen Kräuselmund (ständig beißt sie sich auf die Lippen oder in die Hand) ist sie unverwechselbar, und wenn sie dann noch im halben Schneidersitz lässig in grünen Leggings auf einer Fensterbank herumsitzt sieht sie so aus, wie das aktuelle Publikum Neukölner in – Cafés. Ihr didaktisch grauenvoller (und grauenvoll didaktischer) Charakter steht dagegen auf einem anderen Blatt. Rübe hat einen saumäßigen Umgangston, denn gute Manieren schützen nur die Besitzenden; sie ist egoistisch, denn das sind wir im Grunde alle und vulgär, weil das Ende der bürgerlichen Moral schon mal ein Anfang ist. Sie ist rabiat, weil du anders nicht für eine gerechtere Gesellschaft kämpfen kannst, und das alles ist erst recht so, weil sie ein Mädchen ist, und die spießige Vorstellung von Weiblichkeit die Frauen gefangen hält (und tatsächlich waren zu ihrer Zeit die viel zitierten „frechen Frauen“, bzw. Mädchen noch KEIN allgegenwärtiges Klischee). Die Figur ist mit so viel Zukunft überfrachtet, dass sie nicht mehr fassbar ist: in einem Moment redet sie wie eine mit allen Wassern gewaschene Agitatorin, im nächsten ist sie ein überfordertes kleines Kind, das unter seiner Ohnmacht leidet. Sie ist die erste Puppe mit Borderline – Syndrom. Dabei ist sie in jeder Situation laut, denn Mädchen waren schon viel zu lange leise. Nur Ratz ist als passiv – aggressiver Schleimer, der auf betulich – verdruckste Art vor seiner furchtbaren Freundin kuscht, sie rückgratlos unterstützt und sie dann bei beinahe jeder Gelegenheit hämisch korrigiert, sabotiert und übervorteilt, noch schlimmer. Weder gegeneinander, noch gemeinsam gegen Dritte sind sie beim Durchsetzen ihrer Interessen sonderlich angenehm, aber das ist halt der V- Effekt. Auch wenn es Spaß macht, gegen die „Rappelkiste“ zu polemisieren (und sei es als späte Rache für manchmal wirklich schwer erträgliche halbe Stunden vor dem Fernseher), lächerlich war sie nicht, und im Nachhinein fällt der wohlfeile Spott natürlich so leicht wie bei Schlaghosen. Auch in den Puppenszenen gelangen der Projektgruppe immer wieder Momente, die tatsächlich nahe am Leben Kinderthemen aufgriffen, die sonst nirgendwo dargestellt wurden (nein, ich meine damit bspw. Alltagsängste und verschiedene Formen des Vertrauens). Ratz und Rübe gehören definitiv in die nicht allzu üppig ausfallende Ruhmeshalle des Deutschen Fernsehens.

Hätte die Projektgruppe wissen können, wie wenig subversiv patziges Durchsetzungsvermögen einmal in den Zeiten von Trump und Co. wirken würde und wie regelfern der Spätkapitalismus? Ja, doch. Ratz und Rübe werden schrille Kultfiguren bleiben, genau wie in betrunkenen späten Stunden auch unter Jüngeren gerne mit einem Heidenspaß das Titellied zitiert wird: „Willste übern Rasen laufen/musste dir ´n Grundstück kaufen.“

 

 

1978 begann die deutsche „Sesamstraße“ eigene Rahmenhandlungen mit eigens dafür angefertigten Puppen zu kreieren. Der produzierende NDR ging auf Nummer sicher und siedelte diese Geschichten von vorneherein in einem „Studio“ an, auf dass kein Kind je Wirklichkeit und Puppenspaß verwechseln sollte (in Wahrheit rätselte es nächtelang herum, wie Lilo Pulver denn in einem „Studio“ wohnen konnte und ob sie wenigstens manchmal raus an die Luft gelassen wurde). Leider würden Samson usw. das Thema sprengen, und sie füllten die Lücke, die Bibo und Oskar hinterlassen hatten, darum nur als Bemerkung: sie sorgten für einen neuen Anlauf der Ersatzpuppen für Ernie und Bert.

 

 

Spencer und Elvis (1979) von Winfried Debertin (Puppen) und Peter Podehl (Buch)

Wir befinden uns in einem beschaulichen Puppendorf, in dem Menschen,- Tier,- und Monsterähnliche im Dauerkonflikt mit - und durcheinander die Bedeutung von grundlegenden Begriffen (wie : "Zeit") erfahren. Der eine schreibt ein Lexikon (ein Bücherwurm, was sonst), dann gibt es u. a. noch eine Band und ein Fernsehstudio,- säen und ernsten und bauen tut hier, ganz sicher mit Absicht, eigentlich niemand, aber alle haben ständig mehr als genug zu tun (ist das der Postmaterialismus ).

Spencer und Elvis, die beiden Moderatoren von „Hallo Spencer“ sind die Antwort des Kinderfernsehens auf das damals populäre Duo Schimanski und Thanner und zeigen als Abkömmlinge von Ernie und Bert, wie weit die 68er auf dem Marsch durch die Institutionen in dem dazwischenliegenden Jahrzehnt bereits gekommen waren: Der flotte Erniecharakter Spencer lebt seine anarchische Seite als brav blödelnder Entertainer aus, dabei ist er der Vorgesetzte der ältlichen, gehemmten, konservativen Bert- Figur Elvis (alleine dieser Name hatte vor dem 50er – Revival der 80er – ja, die Welt ist irre- etwas unfassbar Verschnarchtes: Ok, Boomer!). Spencer (ist er etwa nach dem damals in Deutschland populärstem Leinwandstar benannt?) ist keine sonderlich einnehmende Gestalt, und mit dem gebeutelten Elvis, der nicht einmal mehr bewusst geärgert wird, haben wir noch deutlich mehr Mitleid als mit der Spaßbremse Bert (ja, der beliebteste Filmschauspieler war in Deutschland von Mitte der 70er bis zum Anfang der 80er Bud Spencer). Damit beschrieb die Kinderserie des NDR die veränderte Gesellschaft genauer, als ihr vielleicht bewusst war (wobei Ernie und Henson sich auch im Erfolg immer treu blieben, das sagt zumindest die Sekte). Anarchische Freude wurde zu abgebrühter Schnodderigkeit.

„Hallo Spencer“ ist trotz dieser beiden schwierigen Puppen (und insgesamt eines Schlingerkurses zwischen pfiffig und niedlich, Themen und Stories) eines der interessantesten deutschen Fernsehprogramme: Selten vorher oder nachher wurde eine komplette kleine Welt aus exzentrischen Figuren gebaut, die sich mindestens in der Summe auf kein Vorbild zurückführen lässt, sondern originärer und origineller Ausdruck eines Blicks auf das Leben ist. Der schwächste Punkt ist Spencers „Studio“, das Fernsehstudio, von dem aus er als Erzählerfigur die Geschehnisse im Dorf beobachtet und uns beobachten lässt – es bleibt unklar, welche Funktion dieses Studio für seine Puppenkollegen erfüllt, so wie es unklar bleibt, wieso eine Geschichte einen „Moderator“ braucht (Spencer selber trägt zu den Geschichten in der Regel auch nicht viel bei). Der NDR konnte die fixe Schnapsidee des „Fernsehstudios“ als „Heimat“ für Puppen offenbar nicht loslassen. Die sonstigen Schauplätze und Figuren bilden aber einen überzeugenden und geschichtentauglichen Mikrokosmos menschlicher Macken ab. „Hallo Spencer“ ist die psychologischste der Vorschulserien und lässt mit ihren durch die Bank einnehmend nervtötenden Figuren unser Thema im Guten wie im Bösen hinter sich.

Zur beliebtesten Puppe der Serie wurde in der Zielgruppe nicht Spencer (und der öde blaue Elvis schon gar nicht), sondern der kindliche, flauschige rote Teufel Kasi, auch wenn seine herausgestrichene Kindlichkeit ältere und unfreiwilligere Zuschauer zur Weißglut bringen konnte (oberhalb der Zielgruppe brachte es dafür der grammatikschwache Drache Poldi zu Bekanntheit). Vielleicht war die Zeit einfach reif für eine Kinderfigur als Star einer didaktischen Puppenbande. Es ist bekannt, dass Henson und seine Crew immer mit großem Interesse die ganze Welt des Puppenspiels im Auge behielten. Die Indizien dafür, dass sie sich tatsächlich vom Werk des NDR inspirieren ließen, sind mehr als schwach. Jedenfalls stieg Anfang der 90er der kindliche und flauschig rote Elmo zum Leidwesen irritierter Eltern zum absoluten Star von „Sesame Street“ auf, degradierte Ernie und Bert zu Nebenfiguren und überließ sie und ihre Nachahmer vor allem uns Nostalgikern.

 

03.09. 2019 "The Dark Crystal: Age of Resistance"- als Aschenputtel noch Gabi hieß

Genau drei Langfilme habe ich mehr als dreimal als zahlender Gast im Kino gesehen (wie aussagekräftig das auch immer sein mag): „Star Trek IV“, „2001“ und „Der dunkle Kristall“. Bei „Star Trek IV“ und „2001“ hatten drei Besuche vor allem soziale Gründe (so etwas kann böse nach hinten losgehen: ich habe bei gleich zwei Spätvorstellungen von „2001“ die letzten 40 Minuten verschlafen. Schnarchend. Obwohl ich angerempelt wurde. Toller Film), beim „Dunklen Kristall“ war ich dagegen zweimal alleine. Und wenn es mehr Wiederaufführungen in meiner Nähe gegeben hätte, hätte ich ihn mir häufiger im Kino angesehen (obwohl ich auch nur eine Handvoll Filme dreimal im Kino gesehen habe und tendenziell sogar dagegen bin, Filme mehrfach im Kino zu sehen).

Der dunkle Kristall“ ist ein Fantasy – Puppenfilm aus dem Studio von Jim Henson, der vollständig auf menschliche Darsteller verzichtet und einmal mehr von der Beendigung einer ungerechten Herrschaft in einer mittelalterlichen Welt voller Fabelwesen erzählt. Das eigenartig knotig – organische Design vieler Puppen und Landschaften stammt dabei vom Kultilllustrator Brian Froud. Die Produktion dieses bis zum letzten Blütenblatt durchstilisierten Kunstmärchens erstreckte sich über mehr als zehn Jahre (und tötete, der damaligen Presse nach, einen Puppenspieler, der von Stelzen hinunterfiel), trotz größtenteils beeindruckter Berichterstattung (und, so weit ich das mitbekam, durchweg beeindruckter Zuschauer) floppte es und gehört zu den legendären verrückten Einzelstücken der Filmgeschichte, die sich, warum auch immer, in keinem Kanon festsetzen.

Ich würde den „Dunklen Kristall“ nicht einmal unbedingt als einen meiner „Lieblingsfilme“ bezeichnen, weil der Begriff eine spezielle, individuelle Bedeutung oder Wellenlänge suggeriert, die der „Dunkle Kristall“ für mich abgesehen von seiner Qualität nicht unbedingt besitzt (ich bin nicht einmal sicher, wie einverstanden ich im Detail mit der Ästhetik bin, auch wenn ich mit aufgeklapptem Mund davor sitze). Und umgekehrt würde ich ihn ungern ein „Meisterwerk“ nennen (wie etwa „2001“), weil er so viele auf Filme sonst abgewandte Meisterwerkkriterien nicht unbedingt erfüllt (Regie und Schnitt im üblichen Sinn sind z. B. in diesem Film von den Bildern auf der Leinwand her nicht gerade spektakulär, spektakulär werden sie dadurch, dass solche Bilder zur Produktionszeit eigentlich gar nicht möglich waren). In meinen Augen ist er ein einzigartiger großer Wurf, ein unvergleichliches Artefakt. Kunsthandwerk, so elaboriert und reflektiert, dass es zur Kunst wird, und umgekehrt vielleicht viel mehr Film als eigenständige Kunstform als ein perfekt montierter Streifen. Und dazu halte ich den „Dunklen Kristall“ für ein unvergleichlich sympathisches Werk.  

Seit Freitag steht nun die langerwartete Prequel – Serie „The Dark Crystal: Age of Resistance“ bei Netflix, und für sie gilt in vieler Hinsicht das Gegenteil: so wunderschön gestaltet und konsequent entwickelt sie ist, so wenig zwangsläufig, einzigartig und besonders sympathisch ist sie. Und darin ist sie, vermutlich sehr symptomatisch für unseren derzeitigen Umgang mit Geschichten und Stoffen.

„Eine andere Welt. Eine andere Zeit. Im Zeitalter der Wunder“ lautete der Slogan des Films 1982 in der nicht sehr eleganten deutschen Übersetzung (im Original: „..another time. In the age of wonder.“). Der Name dieser Welt wird nie genannt. Nur vier der über hundert Figuren besitzen individuelle Eigennamen, und einer davon („Fitzgig“) ist ein Hundename, der andere eher ein Titel („Aughra, die Seherin“). Bleiben nur unsere Protagonisten/Stellvertreter Jen und Kira, ein Mann und eine Frau, tapfere und ohnmächtige kleine Ichs in einer pausenlosen Abfolge von Traum – und Alptraumsituationen. Es gibt keine wirklichen Kämpfe, keine nachvollziehbare Historie, keine Erklärungen und keine mittelalterliche Sprache: böse Kreaturen streben vergeblich nach Unsterblichkeit und Allmacht und versklaven dabei jedes Leben und jede Kultur, bis sie aufgehalten werden. Die Geschichte ist offensichtlich stark geprägt von Tolkien, den „Elfenwelt/ Elfquest“ – Comics des Ehepaars Pini und der unaufdringlich harten Hippiefantasy der frühen Ursula K Le Guin. Und doch geht der Film einen Schritt weiter, in dem er auf alle Genrekonventionen verzichtet und versucht, sie noch weiter zu kondensieren, die Allegorie noch kompakter hinzukriegen, Fantasy nicht als Genre zu nehmen, sondern (wie Tolkien und Le Guin, anders als ihre Nachfolger) als einzige mögliche Ausdrucksform für diese prägnante Parabel über Macht und Bewusstsein, Biologie und Kultur.

In den ambitioniertesten Horrorfilmen kommen keine Vampyre oder Werwölfe vor. In den ernsthaftesten Science Fiction – Filmen gibt es keine pfiffigen Roboter. Aber vielleicht, und das ist das Mutigste am „Dunklen Kristall“, besteht die purste, unkonventionellste Fantasy aus nichts anderem als aus laufenden Bäumen und magischen Amuletten, aus Elfenflügeln, Spielleuten und niedlichen Tieren,-  und aus Gut und Böse. Und vielleicht ist das Gewusel glücklicher Muppets in ihrer reduziertesten Form der passende filmische Ausdruck für Tolkiens Sehnsucht nach dem unverfälschten Leben.

 

In der Fernsehserie „The Dark Crystal: Age of Resistance“ werden die Genrekonventionen dagegen übererfüllt: Alles hat einen Namen und eine Geschichte. Wir haben Stämme und Herrscherfamilien. Kriege und Intrigen und ambivalente Charaktere. Die Geschichte des Prequels handelt davon, wie die elfenähnlichen Gelblinge (im Kinofilm sind Jen und Kira die letzten dieser Art) endlich begreifen, dass die sie beherrschenden raubvogelartigen Skekse ihre Unterdrücker sind. Die Skekse gehören zu den bösesten Gestalten der Filmgeschichte. Selbst untereinander sind sie nicht in der Lage, auch nur ein Minimum an verlogener Freundlichkeit länger als wenige Sekunden zu simulieren. Vorsicht, Spoiler: Sie sind nichts anderes als die böse Seite zweigeteilter älterer Wesen. Die Gelflinge, die in der Netflix – Serie nur in Einzelfällen und über stundenlange erlittene Grausamkeiten kapieren, dass die Skekse keine netten Typen sind, sind die mit Abstand dümmsten Protagonisten in der aktuellen Streaming – Landschaft – und das will wirklich etwas heißen.

Ja, natürlich will „The Age of Resistance“ damit etwas über Propaganda und Kolonialismus aussagen. Nur beißt sich das bspw. mit der beibehaltenen Grundkonzeption (zu der bspw. auch die ausdruckslosen Kristallaugen und die zerbröckelnden Gesichter der Skekse gehören).

Natürlich ist ein Prequel zu Aschenputtel denkbar, in der sie noch Gabi heißt und sich mit ihrer leiblichen Mutter darüber streitet, dass sie nicht magersüchtig ist, sondern nur keinen Kuchen essen will. Natürlich wäre ein Prequel zur „Verwandlung“ möglich, das von Gregor Samsas sexuellen Ängsten und einem misslungenen Kegelabend mit seinem Vater erzählt.

Solche Geschichten würden auch keine dem Stoff fremden Themen behandeln. Sie würden nur den gleichen Subtext auf völlig andere Art, unter anderen Aspekten aus einem anderen Blickwinkel mit Hilfe einer anderen Art von Stilisierung bearbeiten als die Originalgeschichten und dadurch im besten Fall albern wirken.

Wir tappen als Erzählgemeinschaft vermutlich gerade in die übliche Falle, eine Form des Erzählens absolut zu setzen. So wie es in der klassischen Moderne nicht wirklich gestimmt hat, dass sich alle Stoffe am Besten über kurze, lakonische Hauptsätze erzählen lassen, so ist es ein Irrtum zu glauben, dass noch jedes nachdenkliche Märchen (und vermutlich noch jeder gespielte Witz) seine endgültige Form in einem horizontal erzählten audiovisuellen Mehrteiler voller Anti – Helden und sich langsam entwickelnder Intrigen findet. Ja, so eine Form eignet sich großartig für bspw. Psycho- und Politthriller und für verwickeltere Detektivstoffe.  Aber opportunistische Gelflinge mit langen Dialogpassagen vertiefen den Originalstoff nicht, weil innerhalb seiner Prämissen Opportunismus nun einmal anhand der Skekse (Fantasy, da gibt es halt solche Namen) dargestellt wird (wie es der Kinofilm auf brillante Weise tut). Und darum müssen, damit die Geschichte nicht völlig aus dem Tritt gerät, opportunistische Gelflinge mit immer größeren Gräueltaten von Skeksen kontrastiert werden, was zur Rechtfertigung erneute „tiefgehende“ Dialoge zwischen Gelflingen nach sich zieht, usw. usf.,bis die ganze Geschichte zu einem so undurchschauberen wie neurotischen stillstehenden Durcheinander gerinnt, - aus brutalen Szenen der Unterdrückung, langen Diskussionen unter Unterdrückten, ob sie unterdrückt werden, und einigen wunderschönen Schwelgereien in beeindruckenden Landschaften und Puppen, die mit der Story beinahe so wenig zu tun haben wie die Story mit den Problemen unserer Welt.

The Dark Crystal: Age of Resistance“ entpuppt sich also als nicht mehr und nicht weniger als eine „Game of Thrones“ – Alternative ohne abgeschmackte Plattencover – Ästhetik, Sadismus und Voyeurismus, dafür voll gewohnt perfekter Henson- Puppentricks (auch in Verbindung mit Computertricks unbeirrt stilsicher), atemberaubender Kreaturen und lyrischer Schlenker, die mit traumwandlerischer Sicherheit nie in Kitsch abgleiten. Am Besten funktioniert die Serie (in meinen Augen) als den Geist herunterdimmendes Eyecandy, das auch durch die wenig erfreuliche Handlung nicht ausgehebelt wird. Opern leben ja auch nicht von ihrer Handlung, und die Arien sind im vorliegenden Fall nun einmal die Schmetterlinge über dem Wasser, die Steinkäfer, der plötzliche Folk – Gesang, die Kostüme und Licht zwischen den Blättern, während schlecht gelaunte kleine Hunde herumpurzeln.

Matt Groening, dessen eigene Fantasyvariante „Disenchantment“ in den nächsten Wochen die zweite Staffel präsentieren wird, behauptete früher mehrfach (und sicher zu Recht), das dümmste Sprichwort wäre „Hüte dich vor erhörten Gebeten.“

Aber in manchen Momenten scheint es zu passen: Jahrelang habe zumindest ich auf ein besseres „Game of Thrones“ gewartet. Und nun haben sie ausgerechnet den „Dunklen Kristall“ dafür benutzt.

Und während jeder Folge schlafe ich bei der ersten Sichtung ein. Aber zumindest bin ich dabei alleine und habe dazu viel angenehmere Träume als damals während „2001“.

26.08. 2019: Sagt "Telling Lies" die Wahrheit?

Ich habe meine „Habenhaben“ – Impulse eigentlich altersweise auf ein kaum noch wahrnehmbares Maß heruntergepegelt, aber bei dem neuen Computerspiel von Sam Barlow,„Telling Lies“, (erschienen am Freitag, Annapurna Interactive) griff ich dann doch sofort zu. Das Konzept war zu interessant, und ich saß ohnehin am Schreibtisch.

Telling Lies“ (geschrieben von Barlow und Amanda Gray) kostet bei der verdienstvollen Nostalgie- und Indieplattform „GOG – good  old games“ im Moment etwa 17 Euro. Einmal heruntergeladen läuft es ohne Zwang zur Internetverbindung und ohne Kopierschutz auch auf schlapperen Laptops neueren Baujahrs, allerdings macht es sich auf 5 GB breit. Die Spielzeit beträgt meiner Erfahrung nach 5- 10 Stunden, aber kann extrem variieren. Denn das Spiel besteht, wie sein schmalerer Vorgänger „Her Story“ aus nichts als Videoaufzeichnungen, durch die du dich wühlst und klickst, bis sich ein (reichlich melodramatischer) Thriller vor dir entfaltet.

In einer klassisch gefilmten Anfangssequenz setzt sich die Agentin Karen an einen Laptop voller geheimer Aufzeichnungen. In der Folge schaust du auf ihr Desktop (ihr Gesicht spiegelt sich immer wieder leicht im Monitor) und hast über eine Suchmaske Zugriff auf eine Datenbank aus archivierten Videoanrufen und Aufnahmen von einer versteckten FBI- Kamera. Die Suchmaske funktioniert über Schlüsselbegriffe, „Tags“, die in den jeweiligen Aufnahmen erwähnt werden. Maximal 5 dazu passende Filmclips werden angezeigt. Karens erster Suchbegriff lautet „Love“/“Liebe“. Danach bist du dran und musst weiterführende Begriffe im Dialog, den Untertiteln oder im Bild aufschnappen (Untertitel für die gesprochenen Passagen sind ratsam, und sie können direkt als mögliche Suchbegriffe angeklickt werden. Die Bildschirmsprache ist wählbar, aber zwangsläufig sind nur im Englischen Dialog, Untertitel und Suchbegriffe wirklich kongruent).

 

Die Filmschnipsel von „Telling Lies“ gruppieren sich um David (Logan Marshall – Green), einen Umweltaktivisten in Michigan. Ist er der Gesprächspartner der jungen Mutter (Kerry Bishé) mit Kind, dem bezahlten „Cam“ Girl (Angela Sarafiyan) oder der jungen Sängerin im Plattenladen (Alexandra Shipp)? Warum interessiert sich das FBI dafür? Wo ist der Thriller? Was ist in den 1 ½ Jahren passiert, die die Aufnahmen dokumentieren? Nützt es etwas, „Moon“ in die Suchmaske einzugeben?

Du kriegst einen virtuellen Notizblock zur Verfügung gestellt, aber der lässt sich nicht parallel zum Sichten der Filmaufnahmen benutzen. Du kannst in den Filmschnipseln, in die du punktgenau zu deinen Suchbegriffen geworfen wirst, vor – und zurückspulen, aber es ist hakelig und mühsam, und häufig genug blitzt eine entscheidende Information nur kurz auf. Dafür gibt es in den Szenen minutenlange Phasen, in denen nichts Relevantes passiert oder gesagt wird.

Faktisch sitzen wir in der realen Welt mit Papier und Stift vor dem Computer und schauen stundenlang Schauspielern zu, die unter Einsatz aller Tricks und Mätzchen „Zuhören“ spielen. Zur Stärkung unserer Motivation ist in den meisten Clips eine von drei leichtbekleidete Frauen oder ein leichtbekleideter Mann zu sehen, und die meiste Zeit flirten sie mit der Kamera.

Sicher ist das ein großartiges Konzept (nein, nicht unbedingt die Bekleidung), nicht zuletzt, wenn sich zeitgleich auf der „Gamescom“ die neuesten bombastischen Nachklapp – und Nachahmspiele brüllend selber feiern (nein, natürlich gibt es auch großartige große Spiele) und immer noch zu wenige Spiele (es werden wieder mehr, und sie werden immer besser) Ideen übers Denken, Spielen und Erzählen entwickeln, über Beobachtungen und Rahmungen. Und ich möchte dieses Experiment schon aus Prinzip weiterempfehlen. Aber ist es ein gutes Spiel? Hier nur ein ambivalenter Zwischenbericht:

Der Witz des Spiels scheint in lebensnahem Realismus und in der Freiheit für die Spieler zu liegen: Statt auf vorgegebenen Wegen computergenerierte Drachen zu erlegen, siehst du selbstbestimmt echten Menschen zu und erkundest die Abgründe der wirklichen Welt.

Das Gegenteil trifft zu.

Der Begriff „Uncanny Valley“ wird beim Umgang mit Computerspielen immer populärer – er beschreibt das diffuse Unwohlsein angesichts beinahe real wirkender programmierter Gestalten. „Telling Lies“ beschreitet ein „Uncanny Valley“ besonderer Art – wir beobachten echte Menschen in echten Umgebungen, aber alles fühlt sich falsch an. Das ist zum Teil natürlich Programm: alle Figuren haben Geheimnisse und erzählen, wie der Titel verrät, ihrem jeweiligen unsichtbaren Gesprächspartner auf der anderen Seite der Kamera Lügen (einen Großteil der Spielzeit verbringen wir damit, herauszufinden, welche Gesprächsschnipsel zu einem Dialog gehören). Das heißt: die durch die Bank im kleineren Rahmen renommierten Schauspieler bauen bewusst Irritationen und Hinweise auf Ungesagtes in ihre Darstellung ein. Gleichzeitig will auch der beste im kleinen Rahmen renommierte Schauspieler entdeckt werden und baut folgerichtig in seine Darstellung eines zuhörenden Menschen möglichst viele kleine Kabinettstückchen an Ohrenkratzen und Deckenzerwühlen ein und in die Darstellung bspw. eines ungeschminkten letzten Geständnisses einen extra Schuss Dramatik. Zusätzlich sollen potentielle Schlüsselbegriffe ja auch nicht völlig untergehen, und sei es als falsche Fährten, weswegen die Darsteller plötzlich Namensschilder in die Kamera recken oder so bedeutungsschwanger „Peter“ oder „Brücke“ sagen als wären sie Dr. Evil (glaubwürdig wirken nur die Szenen des großartig aufspielenden Grundschulkinds Vivian Lyra Blair).

Auch unsere Freiheit beim Durchforsten des Materials ist ausgesprochen beschränkt –  faktisch lassen sich ausschließlich die unmittelbar auf David bezogenen Ereignisse einigermaßen lückenlos ermitteln. Die furchteinflößende Vorgeschichte von Peter (und:  wer ist eigentlich Peter?) lässt sich eben so wenig weiterverfolgen wie die Hintergründe einer radikalen Umweltgruppe, und ich wollte viel mehr über den alten Hippie John erfahren. Unterm Strich erscheint dieses scheinbar so frei verfügbare Spiel wesentlich zielgerichteter zu sein als die zeitgenössische Konkurrenz.

Kurz: Das Ganze ist ein einziger theatralischer V – Effekt und auf fast schon paranoide Weise unglaubwürdig. Wer ist der echte David? Wer hat dieses Muster für unsere Stellvertreterfigur Karen angeordnet? Wer ist Karen (wer sind wir? Wer bist du?)? Das Spiel hat etwas von einer Truman – Show ohne Ausbruch, von einer Philip K. Dick Erzählung ohne Pointe. Nach nur zwei Stunden vor dem Spiel erscheint das menschliche Leben als so unauthentisch, fremdbestimmt und bizarr wie nach einer ausufernden Adorno – Lektüre.

Das ist sicherlich wenigstens teilweise beabsichtigt, und die glänzenden Kritiken rühren vielleicht daher, dass das Spiel mit einem Aura des ausgestellten Unechten daherkommt, wie sie für Theater, klassische moderne Literatur und vor allem hyperrealistische Videoinstallationen typisch ist.

Und doch erzählt „Telling Lies“ im Endeffekt eine ziemlich krude Seifenoper ohne fundamentalere Erschütterungen. Die plötzlich immer wieder aus dem Nichts aufbrandende Musik klingt nicht ironisch, die (in meinen Augen) teilweise etwas abgeschmackten Storytwists werden mit heiligem Ernst präsentiert.  

Vielleicht würde sich eine solche Spielarchitektur, die nicht zufällig an analoge Kriminalspiele erinnert, viel besser für ein altmodisches Whodunit eignen (schaut mal, Oberst Gurke steht aus dem Rollstuhl auf und gießt sich einen Brandy ein!). Aber da würde dann natürlich die Kritik an unseren Intimität vorgaukelnden Bildschirmen samt ihrer erzählerischen Möglichkeiten fehlen.

Also bleibt wohl doch nur: weitergehen. Kein Abschluss. Ich bin gespannt. Habenhaben.

12.08. 2019 Das letzte lebende Filmgenre

Die Frage klingt schnell wie der ungewöhnlich flaue Witz eines ungewöhnlich faulen Kabarettisten mit lustig aufgerissenen Augen: „Wie kommt es nur, dass Horrorfilme gerade so erfolgreich sind?“ Aber ein bisschen komplizierter ist es dann doch:

Wenn es um die erzählenden Künste geht, wird spätestens seit der Jahrtausendwende immer wieder mal der ein – bis dreistündige, in sich abgeschlossene Spielfilm als Form für tot erklärt. Als einer der Ersten tat sich da Paul Schrader hervor, der trotzdem immer noch relativ unbeirrt Spielfilme dreht. Ohne in diese Debatte an dieser Stelle einzusteigen, trotzt ein klassisches Genre unübersehbar dem Trend: eben der Horrorfilm

In den aktuellen Jahrescharts findet sich weltweit ein einziger Originalstoff unter den beliebtesten Filmen, es ist der fiese, kleine Horrorfilm „Us“/“Wir“ von Jordan Peele. Auf späteren Plätzen folgen dann Stoffe wie „Midsommar“ oder „Ma“.

Wenn es um Franchises geht, kratzt zwar kein Horrorfilm auch nur annähernd an den Monsterhits aus dem Hause Disney, aber ungewöhnlich viele Stoffbiotope, die nach der Jahrtausendwende entstanden sind, gehören zum Genre: vom verdammten „Conjuring – Universum“ (dieses Jahr bisher zwei erfolgreiche Filme) über „Glass“ bis hin zur schnell produzierten Fortsetzung „Happy Dead Day 2 u“. Nur die „Pets“ und die notorischen Klopper aus der „Fast & Furious“ – Welt leiten sich von ähnlich frischen Stoffen ab, verglichen mit den 22 Jahren „Men in Black“ (wenn wir nur die Kinofilme zählen, nicht das zugrundeliegende, sehr andere Comicbook), den 25 Jahren, die „Der König der Löwen“ und „Aladdin“ auf dem Buckel haben, den 57 Jahren, die „Spiderman“ schon unter uns weilt und „Dumbos“ stolzem Alter von 79 Jahren.

Nirgendwo werden Arthousewestern gezeigt, aber Arthouse – Horror („Suspiria“, „The House that Jack built“, „The dead don`t die“) hält Traditionskinos am Leben. Uns fehlen Science  Fiction – Satiren, aber Horrorsatiren wie „The Purge“ oder (wesentlich mehr Witz) „What we do in the shadows“ gehen multimedial in Serie. Und Empowermentfilme ohne Vampyre verblassen gegenüber dem klug schwarzweißen „A girl walks home alone at night“.

Warum ist das unheimliche Genre das einzige, um das wir uns keine Sorgen machen müssen (Superhelden jenseits von Marvel haben keine besonders guten Karten, siehe „Hellboy“, und der klassische Animationsfilm könnte durch neue Formen à la „König der Löwen“ oder „Dumbo“ abgelöst werden)? Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der unheimliche Film, das ewige Stiefkind, in den Kinos das Licht ausmacht, bzw. wieder anknipst? Noch vor dreißig Jahren wurde speziell er durch Home Entertainment, durch verschämtes, kostengünstiges Ausleihen im Pulk am öden Freitagabend am Leben gehalten (hat überhaupt jemals jemand einen „Nightmare on Elmstreet“ – Film im Kino gesehen?).

Nun leben wir, siehe oben, in Zeiten, in denen es an Schocks und alptraumartigen Situationen und Szenarien nicht unbedingt mangelt. Ein Ergebnis davon ist, dass unsere Krimis tendenziell immer brutaler und verworrener werden. Horror (oder, wie viele mittlerweile wieder favorisieren: Grusel) hat den Vorteil, dass das Genre dazu gemacht ist, unmittelbar und ohne rationalisierende Erklärungen von existentiellen Verunsicherungen und die bisherige Realität sprengenden Erfahrungen zu erzählen, die mindestens zum Teil angstbesetzt sind (so würde ich das Genre definieren).

Nur boomt das Genre eben nicht in der Literatur (bzw.: noch nicht wieder, warum auch immer), es berappelt sich lediglich wieder nach gut zwanzigjähriger Flaute, und auch was audiovisuelle Serien angeht, glänzt es gerade einmal mit ein, zwei Hits („American Horror Story“, „Black Mirror“) und ein paar Achtungserfolgen (wie „Spuk in Hill House“). Es gibt deutlich mehr Serien über bspw. die lustigen Erlebnisse von Patchworkfamilien. Ein Boom sieht anders aus.

Nein, es geht um das Kino, um das soziale audiovisuelle Event, das ansonsten mit Förderungen, Sonntagsreden und den von ihnen unterfütterten Festivals am Leben gehalten wird.

Warum?

 

Zum Einen profitiert sicherlich der Horrorfilm besonders deutlich von einer großen Leinwand in einem dunklen Raum. Und vom Ton wollen wir gar nicht erst anfangen. Vor allem aber geht es um die Konzentration in der Summe. Die überreizte, ängstlich detailversessene Wahrnehmung, die das Genre voraussetzt, lässt sich mit Dazwischenplappern und Ablenkungen kaum erzeugen (einer der Gründe, übrigens, warum Horrorfilme früher auf Video so einen Erfolg auch unter ängstlicheren Zuschauern hatten). Cineasten sind, ohne es zu merken, in der Regel mehr als geübt darin, von einem kleinen, unscharfen Bildschirm auf 35mm hochzurechnen, sie bilden sozusagen eine innere Leinwand aus. Bei einem Horrorfilm dagegen geht der sinnliche Eindruck in die Eingeweide – bei den meisten Filmen muss ich nachdenken, in welchem Medium ich sie kenne, bei Horror weiß ich es immer – „Alien“ ist im Kino ein anderer Film, und den Reiz von „Halloween“, der ganze Subgenres begründet hat, habe ich (nach drei Bildschirmsichtungen im Lauf von drei Jahrzehnten) erst bei der Wiederaufführung vor einer Leinwand verstanden.

Damit zusammen hängt die Ohnmacht des Zuschauers. Achterbahnen mit individueller Fernbedienung für die Passagiere würden tagelang auf ihrem höchsten Punkt stehen bleiben, Loopings auslassen oder sich auf halber Strecker immer wieder mal zur Hälfte leeren. Horrorfilme leben davon, dass es nicht in deiner Hand liegt, ob der Film weitergeht, dass das Geschehen sich zuspitzt, auch wenn du das in diesem Moment nicht willst – du kannst hinausgehen oder dir die Augen und Ohren zuhalten, aber die Abgabe der Kontrolle gehört zum Reiz der Erfahrung.

Wenn es nach mir als Kinozuschauer ginge, würde Jack in „The Shining“ niemals die Tür zum Badezimmer öffnen, die grimmige Unausweichlichkeit haben Szene und Film nur im Kinosaal. Und umgekehrt habe nicht nur erst auf dem kleinen Bildschirm in „The House that Jack built“ hineingelinst (und nach der Hälfte ausgeschaltet).

Dazu passt, dass die im Kino reüssierenden unheimlichen Filme vor allem im Vergleich zu unseren Videomutproben mit Lucio Fulci in der Grundschule zu einem verhaltenen Tonfall neigen. Sie sind eine deutliche Abkehr vom Terrorkino der Jahrtausendwende. Damit ist nicht nur der Verzicht auf Splattereffekte gemeint (etwa die Hälfte der hier gemeinten Filme erlaubt sich ein, zwei drastische Szenen – und erreicht selbst damit in dieser Hinsicht häufig nicht einmal „Tatort“ – Niveau), sondern der geradezu gedämpfte, introvertierte Tonfall selbst und gerade bei potentiellen Krachern wie „A quiet place“. Die Horrorfilme der derzeit dominierenden Firmen (siehe unten) sind  in der Regel tatsächlich Werke, die, wie das klassische Programmkinoprogramm, für ein Sofa voll mit Ablenkungen zu ruhig sind. In einem Kinosaal dagegen, und sei er noch so klein, extrem eindrücklich wirken. So sind sie mindestens ideales Kanonenfutter für die Kinos.

Denn die Kinos müssen ihre großen Filme in großen Sälen und zu Stoßzeiten zeigen. Die Verleiher legen ihnen immer schmerzhaftere Daumschrauben an. Wie kann da der übriggebliebene kleine Saal oder die übriggebliebene Vorstellung am späten Abend gefüllt werden? „Avengers: Endgame“ darf dort in den ersten Wochen nicht gezeigt werden, und ist in den späteren Wochen dafür viel zu lang. Aber für einen Horrorfilm sind die drei Sitzreihen um 23.00 ideal.

Nicht umsonst bestehen die neuen Grusler aus relativ kleinen und relativ kurzen Filmen.

Früher hieß es gerne, die optimale Grundlage für einen Spielfilm sei eine Erzählung. Mittlerweile hat sich auch beim Publikum herumgesprochen, dass Romane für eine zweistündige Verfilmung zu lang sind, und zur üblichen filmischen Form für umfangreiche Stoffe mit komplexen Entwicklungen und eindrücklichen Figuren wurde, mit welcher Weisheit auch immer, die Fernsehserie.

Die Begründer des Horrorgenres Poe, M. R. James und Lovecraft, schrieben durch die Bank nicht einen ausgewachsenen Roman, und seine weiteren frühen Vertreter, wie Bierce, Doyle, Le Fanu, Saki schrieben zumindest keine Romane in diesem Genre. Der einzige frühe Querschläger ist „Dracula“, auch wenn er eigentlich (wie „Frankenstein“, „Melmoth“ oder „Die Elixiere des Teufels“) eher zum Schauerroman gehört, und es ist sicher kein Zufall, dass er angeblich der am Häufigsten verfilmte Roman überhaupt ist. Es gibt viele großartige Horrorromane, aber in keinem anderen Genre ist die Herrschaft der Erzählung ähnlich deutlich, und selbst heutigere Größen wie Clive Barker und Neil Gaiman haben ihre Romane im Nachbargenre der Fantasy geschrieben und sich bei ihren literarischen Alpträumen an kürzere Formen gehalten.

Kurz: Das Genre eignet sich hervorragend für kurze, intensive Geschichten, die eine unwirkliche Grenzerfahrung in ihrer emotionalen Tragweite ausloten. Es sind im Kino im Moment extrem filmische Originalgeschichten (häufig um erzählerische Gags gebaut, die in anderen Medien nicht funktionieren würden: „lights out“, „Oculus“).

Und diese Geschichten lassen sich vergleichsweise günstig produzieren. Nicht wirklich günstig nach dem üblichen Sprachgebrauch im Alltag, natürlich, aber günstig nach den Maßstäben der teuersten Kunstform der Geschichte (wenn wir Kathedralen, Pyramiden und Legobausteine aus Diamantensplittern als eine andere Baustelle betrachten).

Es schwirrt hier und da die irrige Annahme herum, Horror bräuchte teure Monster, aber ausgerechnet teure Monster sind das finanziell unzuverlässigste Subgenre des phantastischen Films (fragt Tom Cruise und die Mumie).

Nein, eine romantische Komödie jenseits von Mumblecore kann durch Stars, Sonnenuntergänge über Inselbuchten, riesige Altbaulofts, in denen abgebrannte Singles leben und eine Million Kerzen, die zwischen zwei Szenen in einer regnerischen Nacht ums Bett herum aufgestellt werden sehr teuer werden. Von Kostümepen oder Superhelden ganz zu schweigen.

Das Horrorgenre lebt ganz vom präzisen Einsatz seiner Mittel, und so ist es das einzige Genre, in dem die Klassiker in der Regel Low Budget – Filme sind (hier ein paar unwirkliche Zahlen für diese geisterhafte Welt): von „Carnival of souls“, der 1962 30.000 Dollar gekostet haben soll, bis hin zu dem angeblich 100.000 Dollar teuren „The night oft he living dead“. In jüngerer Zeit, mit gefälschten Dokumentationen auf Video, hat sich der unheimliche Film endgültig zum Traum hechelnder Investoren entwickelt: „The Blair Witch Project“ (1999, 50. 000 Dollar Budget) und „Paranormal Activity“ (2004, 15.000 Dollar) gelten als die lukrativsten Filme, die je gedreht wurden. Und selbst eine prestigeträchtige Hochglanzproduktion wie „The Babadook“ kostet mit 2 Mio Dollar so viel wie 20 Minuten der (großartigen) Fernsehserie „Legion“. Und wenn ich Probleme mit „Get out“ habe, hat er doch  mit 5 Mio Dollar so viel gekostet wie 20  in meinen Augen sehr viel problematischere Minuten der letzten Staffel von „Game of Thrones“ (zum Vergleich: der letzte „Avengers“ wird dagegen auf Kosten von unterm Strich etwa 400 Mio. Dollar geschätzt).

Solche Renditen ziehen schlechte Menschen und schlechte Filemacher an, und so gibt es in keinem Genre (das im vorderen Bereich von Videotheken verliehen wurde) mehr Schund als in der unheimlichen Phantastik. Dafür gibt es in keinem anderen Genre eine ähnliche Dichte an dichten, ästhetisch ökonomischen Spitzen.

Häufig genannte Argumente gegen „Ekel“ (den Film) reichen von Catherine Denevue bis zu Roman Polanski, aber niemand bestreitet, dass es ein äußerst stilbewusst und sorgfältig gearbeiteter Film ist.

Wie ein geduldiges Publikum in diesem Meer aus Schott immer wieder die Perlen findet, lässt einen beinahe an den Markt glauben, oder zumindest an Fankulturen. Tatsächlich ist dieses harmonische Aufspüren der guten Filme seit der Jahrtausendwende durch „Französisches Exzesskino“ und „Torture porn“ so in Mitleidenschaft gezogen worden, dass sich die Zuschauer im Moment eher an einige verlässliche, vielleicht ein wenig gediegene Firmen halten.

 

Die Firmen, die diese bösartig schlummernden Perlen im Moment produzieren, sind die klassischen „Indie“ – Firmen, immer mit einem Bein auf dem „Sundance“ – Festival, neben dem aktuellen Grusler immer auch zeitgleich und zum Teil mit dem gleichen Team mit der nächsten Tragikomödie über jugendliche Außenseiter in der Provinz beschäftigt – das gilt vom trashanfälligen Platzhirsch „Blumhouse“ („Insidious“, „Get out“ und „BlackKklansman“) über den schrägen Kunstsalon A 24 („Hereditary“, „The Witch“ einerseits, andererseits „Moonlight“ und „Ladybird“) bis hin zum Programmkino – Monument Focus Features („Sinister“, „Greta“ und „Phantom Thread“). Was die unseligen Weinsteins einst in zwei Partnerfirmen, „Miramax“ und „Dimension“ aufteilten, in Mainstream an der Grenze zur Filmkunst (oder umgekehrt) und gruseligen Genrestoff, das mischen die heutigen Grenzgänger munter ineinander – wer beim elegischen Experiment „A ghost story“ auf  Spannung hofft, sitzt im falschen Film, aber hat vielleicht trotzdem eine interessante Zeit. Dieses Irrlichtern spiegelt sich bis in die Besetzung hinein: Ethan Hawke und Toni Colette sind nicht gerade Stars für schrille B – Filme. Ein beunruhigtes, anspruchsvolles und ästhetisch aufgeschlossenes Publikum, das grobe Effekte nur in kleinen Dosen akzeptiert, taucht beim Betrachten dieser Filme in milde schlechte Trips ein und denkt über die Welt nach. Das gefällt nicht allen Genreliebhabern- Traditionalisten lästern gerne, die neuen Horrorfilme wären in keiner Hinsicht intelligenter oder künstlerischer als die Klassiker, nur einfach viel, viel langsamer.

 

Beim letzten mindestens untoten Kinogenre geht es mittlerweile weniger um Begeisterungs- oder Entsetzensschreie als um die nachdenkliche Beschäftigung mit ängstlichen Gedanken , gerade sinnlich und süffig und genug, um besser zu sein als Zittern ohne Filme. Wir sehen uns im schönen Schein der schönen Schatten.

21.07. 2019: "unfucktheworld" in Kreuzberg

Hier geht es nicht um fröhlich hämische Polemik: Ich wollte das „Town Hall Meeting“ in der Berliner „Markthalle IX“ am 17.07. mit dem Schwerpunktthema Klimaschutz unter dem Titel „Unfucktheworld“ gut finden und ich will es immer noch, aber es geht halt nicht. Nach tagelangem Grübeln ob und warum ein Blog darüber sein sollte, hier ein paar skizzenhafte Eindrücke:

Die „Markthalle IX“ in Kreuzberg ist eine Markthändler für Delikatesshändler (heute mal kein Binnen – I) zu der eigene, offizielle Wegweiser für Touristen führen. Im Unterschied zu entsprechenden Örtlichkeiten bspw. in München, nennen sich die Gourmets hier „Foodies“ und sind ein bisschen jünger, und die Stände geben sich ein bisschen schnuftiger und nachhaltiger: Preise werden mit bunter Kreide und Blümchenverzierung auf Tafeln geschrieben, über denen auch schon einmal ein schlauer Spruch von Paolo Coelho klebt, Metzgereien und Bäckereien bezeichnen sich als „gläsern“ (d.h.: sie lassen sich auf die Finger schauen, allerdings nicht beim Schlachten) und die meisten Produkte sind entweder bio, fair oder regional (und kommen zum Beispiel aus der Uckermark, der „Toskana des Nordens“). Alle sind von erlesener Qualität und alleine dadurch Teil des Kampfes gegen die Wegwerfgesellschaft (und das stimmt vermutlich). Alle sehen appetitlich aus (auch und vor allem die Brettchen aus Olivenholz) und sind schön und teuer.

Die „Markthalle IX“ hat es vor ein paar Wochen in die bundesweiten Schlagzeilen geschafft, weil zwischen den Kuchenmanufakturen und den Bio- Smoothies sich auch noch eine „Aldi“ – Filiale hält. Anders als in den Nachrichten suggeriert, ist das eine Filiale mit dezentem Neonlicht und mehr Platz zwischen den Regalen als anderswo zwischen Obst und Bier. Ja, es wuseln einige abgerissene Gestalten herum, und ein paar von ihnen sind auch arm, aber deutlich weniger als an anderen Ecken von Berlin und ungleich weniger als zu früheren Zeiten in der Markthalle, als sie noch voll von authentischen Krempelläden war und noch niemand ohne rot zu werden (oder Museen zu meinen) für „kuratierten Käse“ warb. Für den Erhalt des „Aldi“ kämpfen zumindest als Motoren des Widerstands die gehobeneren Kreise, die in den letzten Jahren in den Kiez gezogen sind. Denn sie wollen sich nicht als Snobs fühlen. Und vor allem wollen sie zumindest hier und da bei „Aldi“ die Sachen kaufen, die sie an den Markständen nicht kaufen und dann extra nicht noch einmal los (mit welchem dialektischen Dreh ausgerechnet Discounter für manche  zum nachhaltigen Leben dazugehören, werde ich nie verstehen ).

In jener Markthalle fand vergangenen Mittwoch nun ein „Town Hall Meeting“ statt, also angeblich eine Bürgerversammlung wie bei „Asterix“ oder den „Gilmore Girls“, mit dem in meinen Augen etwas anstrengenden Titel „Unfucktheworld“ (das ist, hoffentlich, richtig geschrieben. So schrieb sich zumindest der alles andere als anstrengende, sehr schöne Song von Angel Olsen aus dem Jahr 2014, ein trauriges Liebeslied. Es gibt auch noch eine vermutlich nicht identische amerikanische Bewegung namens „Unfuck The World“, die „positive local action“ verstärken will), das einladende Logo des Events war konsequenterweise ein gestreckter Mittelfinger. Die Stimmung in der Halle war im Kontrast dazu mehr als gepflegt.

Theoretisch stand zumindest in den Ankündigungen die  Diskussion um den Klimawandel und damit zusammenhängende Themen im Zentrum, und Lisa Neubauer  von „Fridays for Future“ war vor Ort.

Faktisch war das Event eine Ansammlung von kommerziellen und nicht – kommerziellen Ständen, die von start ups oder politischen Gruppen betrieben für nachhaltige Produkte oder Geschlechtergerechtigkeit warben, vergleichbar den Ständen bei einem politischeren Musikfestival oder dem Kirchentag. Diese Stände trugen mottogesättigte Namen wie „Unfuck business“ (soweit ich es verstanden habe der kommerzielle Stand eines Start ups) oder „Unfuck capitalism“ (soweit ich es verstanden habe, der Stand einer politischen Gruppe), über „Unfuck patriarchy“ (womit, mit dem Untertitel „Bye bye, Thomas“ vermutlich eher „Fuck patriarchy“ gemeint war- und wer war dieser Thomas? Piketty?) bis hin zu „Unfuck periods“ (da ging es um neuartige Hygieneartikel, was die Formulierung vermutlich auch nicht besser macht). Jeder Stand war durch aufgespannte Papiere verschönert, auf denen mit Edding spontan ein mögliches „Unfucking“ des jeweiligen Bereichs in Stichworten zusammengeträumt werden sollte (auch am Mittwoch habe ich übrigens einmal mehr niemanden tatsächlich auf diese Papiere schreiben sehen – meiner Erfahrung nach machen das in der Regel die Veranstalter mit variantenreich verstellter Handschrift). Beim Stand mit dem schönen Titel „Unfuck food“ hieß es auf dem Papier (ich glaube in Blockbuchstaben): „Nur noch Biofleisch“, und daneben (ich glaube in Schreibschrift): „Alles nur noch vegan“, was wohl gleichzeitig die allgemeine Stoßrichtung und eine erlaubte Bandbreite umreißen sollte.

Laut „Tagesspiegel“ sollten sich Besucher an den verschiedenen Ständen über die jeweiligen Themen informieren und sich anschließend einen Stempel in Form eines primären Geschlechtsorgans in ein Heft stempeln lassen, das die „Stationen“ des Abends analog zu den Stationen des Jakobswegs zeigen sollte, aber zum Glück war es an den Ständen so voll, dass zumindest ich weder Informationsportionen noch Stempel ausmachen konnte.

Aber im Zentrum der vierstündigen Veranstaltung stand ja das „Town Hall Meeting“, was meint: ein Podium, auf dem die Veranstalter (zwei lustige gekleidete junge Männer, die sich „Das Einhorn“ nennen und sich als Entrepeneure verstehen) Pioniere des Unfucking interviewten und theoretisch zur Diskussion stellten (praktisch kam es jedoch zumindest in keinem von mir beobachteten Fall dazu). Parallel dazu hatten die meisten üblichen Marktstände und der „Aldi“ geöffnet, Zuhörer flippten kurz weg auf einen Cocktail, Diskutanten zeigten bei Problemen mit großen Konzernen auch mal grimmig zum „Aldi“ herüber, was tatsächlich eine kleine Gruppe am Rand zu einem spontanen Einkauf inspirierte, und ich selber landete bei der Suche nach „Unfuck media“ bei portugiesischen Häppchen. Dazu brummte die rappelvolle Halle von einer Fülle an privaten Einzeldiskussionen in der Summe ohrenschädigender Lautstärke.

Die Menschen waren, ob mit oder ohne Cocktail größtenteils interessiert und aufgescheucht und verifizierten einander Informationen über den CO2 Ausstoß von Flugreisen oder Kohlekraftwerken. Ein tatsächliches „Town Hall Meeting“ wäre mehr als drin gewesen.

Die Veranstalter setzten jedoch eher auf die Vorstellung von  BWL- Strategien, Selbstinszenierung und Benimmregeln für die Szene der halbengagierten Hipster, und damit, nicht durch das Durcheinander der Teilnehmer und die Kramlädenstände, haben sie diese potentiell interessante Veranstaltung zumindest für mein Empfinden weitgehend in den Sand gesetzt. Denn trotz bspw. der „Scientists for the future“ die vor allem die aktuellen Klimadiskussionen zusammenfassten und ohne, dass sie es selber zu bemerken schienen, ging es den Veranstaltern vornehmlich nicht um eine neue Umweltpolitik, sondern eher um ein neues Businessideal.

Der alternative Entrepeneur ist in diesem Denken nach wie vor die Heldengestalt der Stunde, auch wenn die Zeichen in Umweltfragen aktuell auf politische Lösungsversuche hindeuten, Ben & Jerry auf die Rente zueisen, und Funny van Dannen schon vor rund 15 Jahren sang: „Baut kleine, geile Firmen auf!“, und danach war eher Katzenjammer.

Die Veranstalter, „Das Einhorn“ (zwei so eitle Akteure, dass ich alleine schon aus Protest bei diesem Sammelnamen bleibe) führten die beiden einvernehmlichsten Gespräche auf der Bühne mit einerseits dem linken Ökonomen Günter Faltin, der würdevoll ergrauten Eminenz der alternativen Wirtschaftswissenschaft, andererseits mit Christian Kroll, dem Gründer der ökologischen Suchmaschine „Ecosia“. Faltin, seit Jahrzehnten selber als Mitproduzent von fairem Tee auch in der Praxis aktiv, beschwor das Publikum, zu Entrepeneuren zu werden. Die logistischen und finanziellen Hürden seien viel kleiner als häufig angenommen, die großen Konzerne würden „nicht mehr sympathisch rüberkommen“, und für jedes problematische Produkt solle ein besseres Gegenprodukt entwickelt werden. Faltin sprach sich dafür aus, auf gute Produkte, nicht auf Marketing und Verschleiß zu setzen. An dieser Stelle widersprach das „Einhorn“ nicht ungönnerhaft: mit social media und nicht zuletzt dem vom „Einhorn“ perfektionierten „Storytelling“ sei Reklame ehrbar geworden und müsse selbstverständlich von neuen Firmen für eine bessere Welt eingesetzt werden. Und spätestens in diesem Moment hatte sich die Richtung der Veranstaltung gedreht, und es ging nicht mehr um Umweltpolitik, sondern um einen allgemeinen gesellschaftlichen Umbruch, der durch eine neue Art von Unternehmertum ausgelöst würde.

Zur weiteren Bestätigung wurde die Bühne an Christian Kroll, denjenigenwelchen von „Ecosia“ übergeben. „Ecosia“ ist eine Suchmaschine, die nicht vom Marktführer betrieben wird, beinahe frei von Anzeigen ist und Bäume pflanzt. Ihr Erfinder wurde nun nicht zu Bäumen oder auch Suchmaschinen befragt, sondern ausschließlich zu seiner Entscheidung, sein Unternehmen NICHT an einen größeren Konkurrenten verkauft, sondern in eine Stiftung überführt zu haben. Kroll, der sehr integer und sympathisch wirkt, ließ sich immer wieder dafür feiern, dass er in seinen jungen, also: mittelalten Jahren nicht die ansonsten angeblich übliche „Exit – Strategie“ der neuen Medien verfolgt hätte,- eben sich aufkaufen zu lassen und dann zur Ruhe zu setzen,- sondern nicht mehr als ein „übliches Gehalt“ in Anspruch zu nehmen und „Ecosia“ wie bisher weiterlaufen zu lassen. Dieses neuartige Stiftungsmodell stand in der Folge im Zentrum des Gesprächs, denn Kroll musste deutlich machen, dass eine Umwandlung zur „Gemeinnützigkeit“ für ihn nicht in Frage käme, denn da käme nie etwas bei rum, und „ich bin ja schließlich Unternehmer“.

Ich als naiver „Ecosia“ – Nutzer seit der ersten Stunde hätte mit portugiesischen Häppchen nach Kroll geworfen, wenn für ihn der Verkauf seiner Suchmaschine ernsthaft in Frage gekommen wäre, schließlich lebt deren Erfolg alleine von ihrer Stellung als Alternative (und von den gepflanzten Bäumen. „Ecosia“ erfüllt den Zweck als Suchmaschine, also: weiterhin klare Empfehlung, ist aber grafisch und von den erweiterten Funktionen her recht lahm). Das ist keine Band, die zu einer größeren Firma wechseln will.

Die anschließenden Diskussionen drehten sich dann vor allem darum, ob das Klima für vor allem weibliche Aktivisten und Gründer (was wiederum elegant in einen Topf geworfen wurde) reichlich rau wäre, wie man mit Shitstorms umgehen solle, oder ob „jemand, der schon etwas richtig macht, gleich alles richtig machen muss“, nach den Maßstäben einer Szene, in den Augen einer Szene, ohne Shitstorms von der Szene in Kauf nehmen zu müssen. Diese Szene der Gleichgesinnten war die weibliche und die gemeinschaftsstiftende Ergänzung zu den genialischen Gründern. Auch hier wurden Diskussionen durch den Appel an Haltung und Benimmregeln ersetzt: benutzt wenig Plastik, heizt keine Shitstorms an. Nichts gegen zu sagen, aber als Ergebnis in meinen Augen auch reichlich mager.

Es lungerten etwa 300 konzentrierte Zuhörer vor dem Podium herum (anwesend in der Halle waren vielleicht noch einmal viermal so viele Menschen). Nach der Logik von Faltin, Kroll und dem gastgebenden Einhorn müssten sie zur Veränderung der Welt 300 Firmen gründen, die nachhaltige Alternativprodukte zu fragwürdigen Marktführern anbieten, sie bis zur Millionengewinnen führen, sie dann nicht zu verkaufen, nicht zugunsten von Rekordrenditen für Shareholder zu zerlegen, sondern einfach weiter ihren guten Zweck vollbringen lassen und damit möglichst vielen Angestellten ein „übliches Gehalt“ ermöglichen. Das nenne ich mal einen einfachen, handlichen, konkreten und zielgerichteten Plan zur Bekämpfung des Klimawandels.

Alleine in der Markthalle IX residieren schon zwei Stände für „handgefertigte Pasta“ – zählen die beispielsweise auch? Ist an konventionell hergestellter Pasta etwas problematisch (zumal, wenn sie auf Eier verzichtet), abgesehen von den Plastikverpackungen, die allerdings auch mindestens einer der angeführten Stände verwendet ? Könnte eine Firma für handgefertigte Pasta Millionenumsätze generieren und anschließend in eine Stiftung überführt werden? Könnte da intelligentes Storytellig auf Instagram helfen? Was wäre dadurch gewonnen? Wie viele Firmen für handgefertigte Pasta könnten in der Markthalle IX nebeneinander überleben? Ich würde eher auf eine CO2- Steuer setzen.

Dass eine engagierte Szene aus dem Gewusel unterschiedlichster Akteure zusammensetzt, dass sie sich eher an ihrem Selbstverständnis als an konkreten Projekten abarbeitet, dass ihre Stars häufig konkurrenzlos eitle Vögel mit monomanischer Agenda sind – das ist alles nichts Neues und spricht gegen nichts und niemanden bei „Unfucktheworld“.

Angesichts des allgemein brennenden Interesses an Umweltfragen und dem aufgeregtem Geplapper im Publikum kommt mir dieses Event aber vor wie eine verpasste Chance. Doch wie Günter Faltin tröstend auf der Bühne angemerkt hat, hat es vom Hambacher Fest bis zum Schweizer Wahlrecht für Frauen 140 Jahre gedauert. Fürs Klima wird das vermutlich ein bisschen knapp, aber vielleicht stimmt das ja an sich in Bezug auf eine weisere Welt (gerne mit handgemachter Pasta).

14. 07. 2019 Die Sollbruchstelle (kurz und schmerzhaft: noch einmal "Game of Thrones")

Es war so heiß, es gab so viel zu tun, alles kracht und zischt, Blogthemen stapeln sich, und wenn es um Fernsehserien geht (falls das überhaupt noch der richtige Begriff ist) schauen sehr viele Menschen (darunter verblüffend viele sehr junge) „Stranger Things“, aber wir haben den Schluss unserer Überlegungen zu „Game of Thrones“ und dem „MCU“ noch nicht beendet, darum: versuchen wir das doch.

Ich bin ja mehr als froh, dass der Spuk von „Game of Thrones“ erst einmal vorbei ist. Ob die Macher es wollten oder nicht (ich denke: sie wollten es nicht ausdrücklich, aber sie haben es in Kauf genommen) hat die Serie (neben Heerscharen wundervoller Fans, wie ich weiß) offensichtlich TONNENWEISE „Bad Fans“ produziert (leider waren es so viele böse Menschen, die sich auf einer Linie mit „Game of Thrones“ wähnten, dass die Serie nicht mehr völlig unabhängig von Hinrichtungsvideos und Gewaltaufrufen gesehen werden kann, die sie zitierten). Gemessen an den ersten Staffeln sind die (sicherlich auch erschrockenen) Macher immer weiter zurückgerudert, was vor allem die Darstellung von sexualisierter Gewalt angeht, aber erst das vielerorts als enttäuschend wahrgenommene Ende hat die Seance beendet und die Vorhänge wieder aufgerissen (was eben auch manchmal sein muss).

Game of Thrones“ war eine Geschichte darüber, wer die Macht in einer kaputten Welt übernimmt, wenn die aktuelle korrupte Herrscherkaste wackelt.

Die Fabel steuerte meiner Ansicht nach dabei von Anfang an sehr genretypisch auf die Pointe „Macht dürfen nur die erhalten, die nicht nach ihr streben“ zu, aber nicht nur böse Menschen haben die mörderische und angesichts einer absolut ungerechten Fantasywelt alles andere als ungerechtfertigte Wut der Zukurzgekommenen, von der die Serie AUCH handelt, als moralischen Kern der Geschichte missverstanden. Dazu wurde die Kaputtheit dieser Welt gleichzeitig so lustvoll ausgemalt und ambivalent abgewatscht, dass hier und da der unangenehme Geifer von Boulevardzeitungen und der unangenehmeren Kolportageliteratur vorherrschte, die Menschenrechte, Demokratie und Rechtstaat nur als Augenwischerei darstellt.

Auch für hochproblematische Gefühle wie „Da draußen sind alle eklig, wollt Ihr mehr darüber hören? Wir müssen unsere Leute bewaffnen!“ findet die Popkultur immer wieder Rahmen, innerhalb derer sie auf ungefährliche, kathartische, reflektierte Art ausgekostet werden können. „Game of Thrones“ hat seine Ansätze in diese Richtung meiner Meinung durch die beim Zuschauer erzeugte permanente Angst vor Gewaltausbrüchen und Vorfreude auf Gewaltausbrüche, durch emotionale und ethische Doppelbotschaften (die ich weniger als komplex, denn als unfair wahrgenommen habe) sabotiert.

Das ist sicher Einschätzungssache und mag an meinen Augen liegen, aber die ironiefreien Artikel über die angeblichen Lehren der Serie und die enttäuschten Essays über das angeblich gebrochene Versprechen der Serie, uns bspw. zu zeigen, wie eine despotische Herrscherin auf gute und gerechte Art ihre Feinde verbrennt (alles geschrieben von Menschen mit Herz und Hirn) legen zumindest nahe, dass bei der Rezeption dieser Geschichte etwas gewaltig schief gelaufen sein könnte.

„Game of Thrones“ wurde von seinen Fans eben nicht als trashiger Spaß gefeiert, sondern als seriöse, kritische, „qualitativ hochwertige“ Auseinandersetzung mit der Welt. Als schmerzhafte Initiation für Feingeister (als virtuelle Erziehung für den Prinzen von Homburg, um mir mal diesen Vergleich zu erlauben).

Natürlich war diese Geschichte ein Spiel mit ernstem Anliegen, wie jede Geschichte (inkl. trashigem Spaß). Natürlich wollte sie etwas Ernstes über unsere Welt lehren wie jede Geschichte. Nur hatte sie genau über Politik nichts zu erzählen, oder zumindest nichts, was nicht unangenehm oder absurd gewesen wäre (in der Fernsehfassung, „Ein Lied von Eis und Feuer“ wäre, soweit ich weiß, noch einmal ein schwierigeres Thema).

Macht wird im Westeros der Fernsehserie durch eine Mischung aus Kriegen, Hofintrigen und Akten privater Grausamkeit verhandelt. Die Serie erklärt zu keinem Zeitpunkt, wie das funktionieren soll. Gesellschaft kommt nicht vor. Es gibt mächtige, meist perverse Herrscher und eine getretene beherrschte Masse (zu der beinahe jeder plötzlich gehören kann). Gesellschaftliche Prozesse existieren nicht, nur konspirative Treffen der immer gleichen Akteure, bei denen nie genau klar wird, wen sie in der Welt drumherum eigentlich repräsentieren oder auf wen sie wie Einfluss nehmen. Informationen über das soziale und wirtschaftliche Leben in Westeros werden in parallel zu Sexszenen weggenuschelten Sätzen versteckt, die keinen Sinn ergeben.

Das ist an sich nichts Schlimmes, solange wir nicht vom Apfelbaum Birnen erwarten, bzw. von der archaisierenden Verschwörungsphantasie über die schlechte Welt Tipps zur politischen Willensbildung. Oder von einer Geschichte über die tribalistische Herrschaft von Königsfamilien, über legitime und illegitime Erben, Familieneigenschaften usw. usf., die auch deswegen hochproblematisch ist, dass NICHT die Familie am Schluss herrscht, die von Anfang an als „gut“ dargestellt wurde.

Eine im Sinne von sozialer Übertragbarkeit befriedigende Geschichte konnte „Game of Thrones“ nie werden, weil die erzählerische Grundlage und der Reiz der Serie eben eine totale Ambivalenz in Bezug auf die Vorstellung einer unheilbar grausamen Welt  war, die nicht zu einem neuen Entwurf führen konnte, sondern im besten Fall konventionelle Vorstellungen von einem Neuanfang unter guter Herrschaft und wiederentdeckter Ethik wiederbeleben.  

Verschieben wir die Gedanken über Marvel in eine unbestimmte Zukunft.

 

08.06. 2019: "Shock Treatment" (immer noch: Rächer, Throne und ausgeleierte Geschichten)

(Kommen wir jemals zurück zu „Game of Thrones“ – von den „Avengers“ ganz zu schweigen? Ja. Und heute gibt es auch wieder mal Gendersternchen)

 

Die Nicht – Fortsetzung von „The Rocky Horror Picture Show“ heißt „Shock Treatment“ (1981) und es gibt sie nur als Film. In diesem Film kehren die Rocky - Überlebenden Janet und Brad in ihre piefige amerikanische Heimatstadt zurück, und die entpuppt sich als Game Show/Werbespot/Simulation/Irrenhaus. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, aber dafür eine kleine, nie näher definierte Subkultur depperter Gameshow – Anhänger*innen, die zum Teil aussehen und klingen wie „Rocky Horror“ – Fans.  

(((Das Ganze hat deutlich mehr Hand und Fuß, pfiffigere Songs und ist dazu noch wesentlich satirischer als „Rocky Horror“, aber selbst ich -kein Fan, keine Zielgruppe, dafür Fan von der neuen Hauptdarstellerin Jessica Harper- habe „Rocky Horror“ mindestens zehnmal gesehen und „Shock Treatment“ nur einmal, vor 28 Jahren, in zwei Anläufen, mit Vorspultaste)))

Macher Richard O`Brien glaubte, im Gegensatz zu seinen Bewunder*innen, offensichtlich nicht an den Ausweg aus dem schlechten Ganzen durch Glam Rock, wilde Parties und fröhlich durcheinandergewürfelte Geschlechtergrenzen und sah diesen Anspruch ähnlich wie die damaligen akademischen Kritiker*innen des Phänomens, die es in der Regel als hohlen Freizeitspaß abtaten (was heute niemand mehr täte).

Ähnlich ging die andere entscheidende Kultfigur, Tim Curry, durchaus geschmeichelt auf größtmögliche Distanz zur Frank`n`Furter – Verehrung und „Don`t dream it, bei t!“. Das erschütterte denn Kult so wenig wie Franks Hinrichtung am Ende des Films.

Die Szenen, Gesten, Kostüme, Lieder, überraschenden Sekunden von „Rocky Horror“ mit all ihren Assoziationen und Möglichkeiten ( bei so einem grellen und lauten Inhalt will ich es nicht „Subtext“ nennen) waren stärker als die Dramaturgie des Drehbuchs und die Selbstaussagen der Macher*innen. Die hatten nur ungewöhnlich hellhörig eingefangen, was popkulturell in der Luft lag und in eine gleichzeitig stimmige und inspirierende wie stabile und bannende Form gegossen. Vielleicht ist das die Aufgabe von Schlüsselwerken der Popkultur.

Anderen gelang das weniger gut: Stanley Kubrick ließ ein paar Jahre früher „A Clockwork Orange“ nach von dem Film beeinflussten Nachahmertaten für Großbritannien sperren, die Rezeption von „Taxi Driver“ durch Skinheads und mindestens einen Attentäter (Anzahl umstritten) in den 1980er Jahren ging der eigenwilligen Umdeutung mancher bitterböser Gangsterfilme in den 2000er Jahren voraus, als „Scarface“ und „Good Fellas“ für eine jüngere Generation offensichtlich als die Heldengeschichten funktionierten, als die sie angeblich  gerade nicht gedacht waren (was nach Meinung mehr oder weniger aller professionellen Kritiker*innen auch außer Frage stand, ob sie die Filme nun mochten oder nicht).

Die tatsächliche ethische Ausrichtung eines Werks ließ sich als durchschaubares Zugeständnis an die bürgerliche Moral der Filmbranche, feige Verwirrung der Filmemacher*innen angesichts der eigenen Erkenntnisse oder als zu vernachlässigende Trägerrakete der Sensibilität gelten, die faktisch gefeiert würde, die faktisch zum Schwelgen auffordere.  

Wer im Film mit den fetischisierten Symbolen und Narrativen einer aggressiven Subkultur spielte oder sie gar (wie unbeabsichtigt auch immer) miterschuf, schuf einen Kultfilm für diese Subkultur, ein bestätigendes Fetischobjekt, auch gegen die explizite Aussage des Drehbuchs.

Kein neues Phänomen, nein. Die meisten Anti – Kriegsfilme sind den meisten Pazifist*innen zu militaristisch, Spätwestern sind nur etwas für Westernfreund*innen. Das ist nicht  so selbstverständlich, wie das in den Zeiten von Streaming – Empfehlungen manchmal wirken mag: Pazifist*innen sind das denkbar dankbarste Publikum für Antikriegsromane, und die Leser*innen von Cormac Mc Carthy schauen eher selten Filme von John Ford.

Film als Form bringt halt einige Besonderheiten mit sich, und zwei davon sind

a)       die tatsächliche Allgegenwart von Kompromissen, weil Filme sich nun mal strukturell immer an mehr Menschen wenden (müssen) als Bücher und gleichzeitig die meiste Zeit ihrer Geschichte wesentlich misstrauischer beäugt wurden

b)      der fetischistische Aspekt bei der Filmrezeption, für den es keine Entsprechung in der Literatur gibt (und der einer der Gründe für das Misstrauen von Elternverbänden usw. ist). Prosa kann bspw. eine rauschende Party sinnlich erfahrbar beschreiben und sich gleichzeitig davon distanzieren, die Party karikieren, sezieren, usw. usf. Theoretisch kann Film das auch, praktisch wird es sehr schnell sowohl extrem manieriert als aufwändig und wurde bei Spielfilmen (Animations- und Experimentalfilme stehen auf einem anderen Blatt) eigentlich immer nur von ein paar versprengten Surrealist*innen und Stilisierungskünstler*innen erfolgreich praktiziert. Ansonsten gilt, in unterschiedlichem Ausmaß, eine stillschweigende Komplizenschaft mit dem Gezeigten (übrigens bis heute häufig auch bei den Stilisierungskünstler*innen wie Wes Anderson, obwohl die Möglichkeiten der Computerbearbeitung theoretisch unauffälligere und günstigere Akzentuierungen bei ambivalenteren Darstellungen als früher ermöglichen).

 

Die Faustregel, dass ein Film immer zumindest auch feiert, was er ausmalt, trifft einerseits also zu. Andererseits ist sie beleidigend flach und erklärt kritische Filme an sich zur Unmöglichkeit.

Nun gibt es aber kritische Filme, Tausende, deren Haltung gegenüber dem gezeigten Gegenstand über schillernde Ambivalenz deutlich hinausgeht. Karikierende, anprangernde, verfremdende, sezierende, „dekonstruierende“ Filme. „Shock Treatment“ ist, sehr bewusst, nur einer von ihnen. Und nicht selten sind es gleichzeitig, wenigstens bis zu einem gewissen Punkt, Filme zum Mitfiebern/Mitsingen: Auch Ablehnung verbindet, und Kritik kann kathartisch und befreiend wirken (Fans von „Die Marx Brothers im Krieg/ Duck soup“ leiden nicht im Moment der Filmrezeption und wollen trotzdem nichts weniger als Rufus T. Firefly als Präsident).

Noch jedes auch nur halbwegs gute gesellschaftliche Klima lässt sich daran ablesen, was auf den Tisch gebracht, gesagt, gezeigt, behandelt werden darf, während noch jede repressive Gesellschaft in der Kultur die eine oder andere Form von zahmer Sentimentalität fordert (für Prosa, Theater und bildende Kunst gilt das sicherlich noch viel stärker, aber auch in der Filmgeschichte zeigen ätzende Bestandsaufnahmen verlässlich beschwingten Aufbruch an).

Und „Game of Thrones“?

(Fortsetzung folgt)

      

 

 

 

01.06. 2019 "Bad Fans" (Rächer, Throne, ausgeleierte Geschichten, IV)

Prima, dass wir unseren beschaulichen Blick auf „Game of Thrones“ trotz der heftigen Konkurrenz an aufwühlenden Themen noch nicht abgeschlossen haben, denn das Finale der Serie wird offensichtlich tatsächlich als richtig oder schiefliegendes Welterklärungsnarrativ wahrgenommen (besonders übrigens angesichts der heftigen Konkurrenz an aufwühlenden Themen), und das Nachbeben geht ja tatsächlich immer noch weiter:

 Zumindest im Internet grollen kluge Menschen (inkl. offenbar Zizek, denn die Welt wird immer unfassbarer) ungebrochen, weil die Moral der blutigen Geschichte so verlässlich und konventionell ausgefallen ist: Die Letzten werden die Ersten sein, Hochmut kommt vor dem Fall, Wer anderen eine Grube gräbt, usw.usf.

Nun tobt es hier und da durchs Netz, den Fans sei etwas ganz anderes, wilderes versprochen worden-

Haben diese Fans recht oder etwas falsch verstanden? Beides, würde ich sagen (und, um das mal voranzuschicken, ich selber bin froh, dass die Serie -wie erwartet - diesen letzten Schwenk noch gemacht hat und denke nicht, dass das von manchen Fans geforderte Ende cleverer, ehrlicher oder gar auf irgendeine Weise progressiver gewesen wäre).

Sind diese Petitionen unterzeichnenden Fans „schlechte Fans“?

Der Begriff „Bad Fan Dynamic“ wird auf die häufig brillante Fernsehkritikerin Emily Nussbaum zurückgeführt, die ihn vor allem in einer ausgewogenen Auslassung über „Breaking Bad“ popularisierte. Nussbaum argumentierte im „New Yorker“, im Gegensatz zu „Breaking Bads“ Eigencharakterisierung als Warnung, bittere Satire oder Schreckmärchen, würde es für nicht wenige seiner Fans als Heldengeschichte funktionieren. Und das sei kein wirklich neues Phänomen, faktisch habe es bereits die Begeisterung für Gangsterfilme in den 1930er Jahren geprägt. 

Während die kreativen Drahtzieher solcher Geschichten es gerne von sich weisen, derartige Fehlinterpretationen zu unterstützen, warf ihnen Nussbaum vor, den „schlechten Fans“ durch ein Zugehen auf die von ihnen im Internet zum Teil lautstark geäußerten Wünsche zu viel Zucker, zu viel Futter zu geben („to cater to the Bad Fan“). Als eindrücklichstes Beispiel führte sie „Breaking Bad“s „Skyler White“ ein, die Frau des Protagonisten, die von manchen Fans so innbrünstig gehasst wurde, dass es die Schauspielerin erschreckte. Serienschöpfer Gilligan verteidigte den Charakter (und seine vielen problematischen Entscheidungen) und bescheinigte den Fans auf die Serie projizierte Probleme  mit Frauen, Nussbaum setzte ein dezentes, aber unerbittliches Fragezeichen hinter seine Rechtfertigungen.

Sobald ich das gelesen hatte, sah ich mir die erste „Breaking Bad“ – Folge noch einmal an (ich hatte gerade ein bisschen Luft und darum ja auch den Artikel lesen können), und Skyler White war nichts als ein weiteres Problem für den gepeinigten Protagonisten, wann sie besorgt und wann herablassend war entsprach keiner anderen Logik als der der größtmöglichen Stresserzeugung. Ihr letzter Auftritt in der Pilotepisode besteht darin, dass sie ihren todkranken Mann, der gerade in Kämpfe gegen das organisierte Verbrechen stolpert, an seinem Geburtstag um Sex betteln lässt und ihm anschließend gönnerhaft den Rücken tätschelt. Bei Skylers Verhalten an sich können die Autoren ihre Hände in Unschuld waschen, sie zeigen ja nur Menschen, aber dramaturgisch ist dieses Verhalten so eindeutig zwischen Gefahr, Verzweiflung und die allgemeine Schrecklichkeit der Welt eingebettet wie schreiende Kinder, bellende Hunde oder ein plötzlich sehr dicker Mann auf dem sehr schmalen teuren Stuhl zwischen Zahnarztbesuch, Regenguss und einem betrunkenen Polizisten in einem Slapstickfilm aus den 1920ern.

In den 1930ern mussten die Macher von Gangsterfilmen (Slapstickfilme waren nicht mehr angesagt) auf Druck hastig eingerichteter Regierungsbehörden dick unterstreichen, dass sich Verbrechen nicht lohne. Das obligatorische katastrophale Ende für die gesetzlosen Anti – Helden gerann allerdings bald zur obligatorischen Konvention, die niemand ernst nahm (am Wenigsten die cleveren Kritiker in den 1960er Jahren, die diesen Filmen ihre anti – idealistischen, anti- bürgerlichen Identifikationsfiguren gutschrieben).

Ganze Genres lebten davon, dass das Publikum es verstand, zwischen den Zeilen zu lesen und mindestens eine ambivalente, wenn nicht gar eine der Fabel entgegenstehende Haltung einzunehmen.

Nicht zuletzt im Horrorgenre wurde eine ironische Mehrfachcodierung im Umgang mit seinen Antihelden gepflegt, nicht, weil die Fans sich in Wahrheit in ihrem Sadismus suhlen wollten (richtiger Sadismus reüssierte erst nach der Jahrtausendwende richtig im Genre und vergraulte tendenziell das Stammpublikum), sondern weil umgekehrt die Monster mindestens nachvollziehbar schrecklich waren. Klar mussten sie am Ende untergehen, das war halt die Strafe, das war der Preis für den Spaß.

Ähnlich waren später andere Genres, die mit für die Gesellschaft unter Umständen problematischen Wünschen spielten, mit einer Art Kindersicherung ausgestattet:  Rachegeschichten endeten mit dem Tod des Protagonisten oder seiner ewigen Einsamkeit, Gaunerkomödien mit dem Gefängnis oder einer unglücklichen Heirat, Erotikkomödien mit Peinlichkeit, Erotikdramen mit Liebeskummer, und wer eine ganze schöne Operettenwelt zerlegte, um ein sehr frühes und sehr verstörendes Beispiel für diese Logik anzuführen, wurde am Ende lebendig gehäutet und klapperte anschließend unglücklich als Skelett herum, zumindest im Fall von Laurel und Hardy.

Nun passten diese dicken Enden längst nicht allen Filmemachern, und sie untergruben sie entsprechend häufig. Besonders beliebt war dieses Spiel wohl bei der Darstellung von offen homosexuellen Charakteren, die sich zwar immer wieder umbringen mussten, aber davor und dafür einem eingeweihten Publikum noch ein ermutigendes Augenzwinkern zustecken oder umgekehrt eine erschütterte Geste des Mitgefühls andeuten konnten.

Diese geheime und widersprüchliche Kultur der ethischen Ambivalenz von und in Filmen wurde Mitte der 1970er mit Wucht ins grelle Tageslicht gespült, als die ironischen Außenseiterfans eines ironischen Außenseiterfilms (über, für und von Monsterfilmfans) unübersehbar wurden und die Fan – Dynamik ins Zentrum des theoretischen Interesses rückten.

Ja, gemeint ist die „Rocky Horror Picture Show“ mit ihren verkleideten, organisierten, den Film mitsprechenden Fans,  die im Kino Reis waren, mit Wasser spritzten und eine offensiv eine erfundene Figur verehrten, die nicht nur ein Mann in Strapsen war, sondern ein gieriger Bisexueller, ein Muskelfetischist mit Reitgerte, ein Mörder und Kannibale mit einer Vorliebe für Makeup und Luftballons, ein Alien, das sich hämisch über Spießbürger amüsierte.

In einem sehr klugen Buch („Der Horror – Film“ von 1987, Heyne) behauptet Norbert Stresau, das Ende dieses Antihelden sei die eigentliche Moral der „Rocky Horror Picture Show“: letztendlich fungiere der von Tim Curry lustvoll dargestellte oben beschriebene Frank`n`Furter als klassischer Filmschurke. Er wird erschossen (von seinen eigenen Leuten, da sein Lebensstil einfach zu dekadent sei), und das jungverheiratete Heldenpaar kehrt zurück in sein geordnetes Leben (nicht unähnlich vieler Horrorehepaare, die vor ihrem stillen Glück eigentümliche Abenteuer erleben, zum Beispiel den Harkers in „Dracula“). Er setzt diesen Verlauf mit der allgemeinen Anpassung an das Realitätsprinzip und die nach Freud notwendige grundsätzliche Bereitschaft zur Verdrängung gleich.

 Stresau unterschätzt zu diesem Zeitpunkt die Sprengkraft des Films und die Entschlossenheit des Publikums, das zehntausend Vorstellungen in Folge Frank`n`Furter huldigt, ihn verkörpert und mit parodistischer Religiosität seinen Namen preist.

Und das, anders als Frank, keine Rocker mit dem Eispickel ermordet und verspeist, weil ihre Motorräder wirklich nerven

Stresau sah (noch einmal: zu diesem Zeitpunkt und in einem trotz vielleicht zu viel Freud extrem findigen Text, Queerculture hatte es noch nicht übers Meer geschafft) den allgemeinen temporären Protest gegen alle Tabus so stark, dass er nicht erkannte, welcher „ernste“ Protest bei diesem Karneval im Zentrum stand und was nun eigentlich Beiwerk, Polemik und Spiel mit Klischees war. 

Diesen Fans stellten sich nach einer Weile, wir befinden uns noch immer im abgerockten New York der mittlerweile späten 1970er, Gegenfans in den Weg, wobei die Literatur widersprüchlich bleibt, ob es sich bei diesen ursprünglich um verfeindete Fangruppen oder um homophobe, reaktionär motivierte Anti – Fans handelte. Das Gemeinste, was diese in den Kultkinos auftauchenden Rüpel taten (und es IST gemein): sie johlten und applaudierten, wenn Frank`n`Furter erschossen wird, was nach der Logik des Drehbuchs, wenn wir es auf Augenhöhe ernst nehmen wollen, ja tatsächlich den Sieg über das Böse darstellt.

Richard O` Brien, der Drehbuch und Lieder und das ursprüngliche Bühnenmusical geschrieben hatte und in der wichtigen Nebenrolle des „Riff Raff“ im Film höchstpersönlich das Urteil über Frank`n`Furter sprach und vollstreckte, unterstützte, was niemanden verwunderte, schließlich öffentlich die „Bad Fans“ mit den schwarzgeschminkten Lippen.

Und dann präsentierte er ihnen eine höhnische, selbstzerstörerische Nicht – Fortsetzung, die ihnen wie eine kalte Dusche vorkommen musste (wird fortgesetzt).    

 

  

 

 

 

 

 

20.05. 2019: Die Unschuld der Fantasy (Rächer, Throne, ausgeleierte Geschichten Teil III)

Game of Thrones“ ist beendet, und der umkämpfte Eisenthron ist, vorsicht: Spoiler!, den Weg des Rings aus dem „Herrn der Ringe“ gegangen. Bei diesem schaurigen Spiel war kein anderes ehrenwertes Ende möglich als der Niedergang aller, die beim Hauen und Stechen begeistert mitgemacht haben, sowie ein Neuanfang mit den vergleichsweise unschuldigen Charakteren der jüngeren Generation (alles relativ, inkl. Massenmörder). Und manche Fans erwachen verwirrt aus einem schrecklichen Traum, denn sie haben die Erzählung der Serie falsch gelesen, die Serie hat allerdings auch eine Menge dazu beigetragen.

Game of Thrones“ wurde zu einem Phänomen, weil es angeblich davon erzählt hat, welche Art von Härte in einer entsetzlichen Welt zum Sieg führt. Diese Lesart hat buchstäblich Tausende von Analysen und Essays inspiriert und wurde von den Machern der Serie aktiv geduldet, wenn nicht hier und da tatsächlich irreführend unterfüttert (wir kommen darauf zurück). Trotzdem hat die Serie ihre grundsätzliche Erzählrichtung von Anfang an unmissverständlich umrissen: die erste Folge beginnt mit einer grausamen, nach dem Gesetz „gerechten“ Hinrichtung und endet damit, dass ein Kind aus dem Fenster geworfen wird. Beide Momente werden als verstörender Schock eingesetzt und nicht etwa als makabrer Scherz.

Die Serie zeigt sich (auf schwer erträglich zwiespältig gestaltete Art, wiederum wir kommen auch darauf zurück) angewidert von Machtmissbrauch und Grausamkeit, positioniert sich auf der Seite der vergleichsweise unschuldig und machtlos bleibenden Überlebenden, deren (deformierte) Art von Integrität Leid, Entbehrungen und sogar den Tod besiegt.

Eine besondere Rolle weist die Serie dabei den Zynikern und Bescheidwissern zu, die die Verlogenheit der Mächtigen durchschauen und sie mit modernem Blick kommentieren. Dies will sicherlich in der Tradition der Narrenfiguren in Shakespeare – Tragödien stehen (die herausstechende Narrenfigur wird von einem Kleinwüchsigen dargestellt, wie die historischen Hofnarren nicht selten Kleinwüchsige waren), bzw. in der englischen Theatertradition in der einem Sprichwort nach „der Teufel immer den besten Text“ erhält. Zumindest ist er kein Heuchler.

Wie viele Geschichten der Fantasy will „Game of Thrones“ offensichtlich an Erzählformen anknüpfen, die älter sind als das Hollywoodkino. In diesen Formen (im Zweifel meint das in der Regel: Heldenmythen, Sagen, Tragödien von Shakespeare,- keine Märchen, keine Naturmythen, keine Komödien von Shakespeare o.ä.) scheitern die charakterlich ursprünglich edlen Figuren, um uns eine Lehre in Demut  zu erteilen,  die anderen Figuren sind keinem deutlichen Gut/Böse – Schema zuzuordnen. Das steht im deutlichen Kontrast zum Hollywoodfilm, der war, wie er war, weil er eben KEINE Shakespearetragödie sein wollte.

Der Hollywoodfilm sollte in seiner Idealform demokratisch sein und an alltägliches Heldentum appellieren, seine Protagonisten waren folgerichtig an sich wenig eindrucksvolle Jedermänner mit gutem Herzen. Der didaktische Ansatz des Hollywoodfilms zeigte sich auch darin, dass er, im Gegensatz zu den genannten älteren Erzählformen, seine Figuren häufig recht deutlich in Gut und Böse gemäß einem alltagspsychologischen Tugendverständnis unterteilte (während es in Heldenmythen von schwer einzusortierenden Gestalten wimmelt).    

Die moderne Fantasy geht nun traditionellerweise einen noch anderen Weg: sie knüpft an die alten Heldengeschichten an-  und lehnt sie ab. Als erstes Beispiel für moderne Fantasy gilt häufig die Artus – Nacherzählung von T.H. White („Das Schwert im Stein“, „Das Buch Merlin“ u.a.), in der die Tragik von Artus darin liegt, überhaupt auf den Thron gestiegen zu sein (ein halbes Jahrhundert später unterstreicht Marion Zimmer Bradley in den „Nebeln von Avalon“ diese Lesart, auch wenn bei ihr weniger die Macht an sich, sondern die Macht von Männern als Erbsünde angesehen wird). Im „Herrn der Ringe“ müssen die wenig heroischen Hobbits den mächtigen Ring zerstören. In der „Ghormenghast“ – Trilogy von Melvyn Peake ist das titelgebende Schloss und Königreich das Böse an sich, Herrschaft verdirbt dort jeden Charakter auf die eine oder andere Art.

Die moderne Fantasy ist nach dem ersten Weltkrieg entstanden und erlebte ihre erste kommerzielle Blüte in der Hippie – Kultur.

Inspiriert von der sogenannten „High Fantasy“, die in ihrer Problematisierung von Macht und Gewalt meist recht deutlich ist, entstanden jedoch auch weniger hohe Formen der Fantasy, die in Heften aus holzhaltigem Papier erschienen, die nach ihrem bröckeligen Material „Pulps“ („Brei“, „Matsche“) genannt wurden. Auf deren Seiten kämpften keine Hobbits, sondern Helden wie Conan, der Barbar, Erniedrigte und Beleidigte, die sich mit fröhlicher Grausamkeit an die Spitze von mittelalterlichen Reichen voller Drachen und Flugsaurier mordeten (und zur Belohnung dekadente Orgien feierten). Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gerieten sie jedoch weitgehend in Vergessenheit. Erst nachdem die „High Fantasy“ salonfähig und erfolgreich geworden war, wurden sie als „Guilty pleasures“ wiederentdeckt und vor allem in kunstvolle, inhaltlich aber meistens nach wie vor sehr derbe Comics überführt (als Gegengewicht dazu entstanden dann wiederum Fantasycomics mit vergleichbar opulenter Optik, die sich gegen die gewalttätigen Pulp – Adaptionen richteten, aber das würde hier nun zu weit führen). Kurze Faustregel also:

Klassische Fantasyromane problematisieren mindestens bis in die 1970er Jahre hinein Gewalt und huldigen umgekehrt Natur und Unschuld (ein neueres, gebrocheneres Beispiel wäre der „Erdsee- Zyklus“ von Ursula K. Le Guin), Fantasypopkultur in Pulp – Tradition zelebriert Gewalt (wenn auch häufig ironisch) und  huldigt einer völlig synthetischen grausamen und dafür bunten Trash – Welt.

In den USA wird die Lage in der Folge unübersichtlicher, nicht zuletzt deswegen, weil in der offiziellen amerikanischen Geschichtsschreibung vergangene Epochen der europäischen Geschichte als blutige und barbarische Zeitalter dargestellt werden. Ein positiver Bezug zu vormodernen Zeiten, wie er  eindrücklich das Werk von bspw. Tolkien prägt, ist amerikanischen Autoren nicht so bruchlos möglich. Und das führt uns zu George R.R. Martin.

George R. R. Martins erste Veröffentlichung war ein Leserbrief an die „Fantastischen Vier“ (das Superheldenheft, nicht die schwäbischen Rapper). Von seinem bizarren Reichtum hat er sich (u.a., nehme ich an) den Wagen aus „Zurück in die Zukunft“ gekauft. Das einzige Buch, das ich von ihm fertiggelesen habe, ist der interessante Horrorroman „Armageddon Rock“ (zuerst im unbeirrbar  tapferen Golkonda - Verlag erschienen, später bei Heyne) aus den 1980er Jahren, in dem Martin ausführlich, wohlfeil und nicht frei von Kitsch (im Rahmen einer guten Gruselgeschichte über eine legendäre Band) das Ende der Hippie – Ära beweint.

Martin offenbart auch in diesem Roman Standpunkte, die noch die Verfilmung von „Game of Thrones“ prägen werden: totale Ambivalenz gegenüber sexueller Libertinage und absolute Abscheu gegenüber dem Quälen und der Korrumpierung von Unschuldigen (inkl. Entsetzen angesichts sexueller Gewalt), die fließend in blutige Fantasien von ambivalent dargestellter Rache und in zwiespältige apokalyptische Tableaus übergeht (wird fortgesetzt).

 

 

 

   

14,05. 2019 Rächer, Throne, ausgeleierte Geschichten (II): Katzenjammer

Jetzt beschweren sie sich, die Fans der aktuell auslaufenden Epen „Game of Thrones“ und „Die Marvelfilme der letzten zehn Jahre“.  Die Fantasywelt sei gar nicht fortschrittlich, die Superheldenabenteuer nicht logisch. Was ist hier geschehen?

Für ein grobes Missverständnis ist dieses Publikum (entweder: hip, kosmopolitisch, mediengewieft, oder: auf irgendeine Art ansonsten grenzwertig anspruchsvoll und skeptisch beim Filmkonsum) zu clever. Darum: Wie konnten (sehr) intelligente Menschen „Game of Thrones“ jemals für „feministisch“ halten, und sei es für einen Wimpernschlag, die Serie, für die der schöne neue (englische/lateinische) Begriff „Sexposition“ geprägt wurde (=dröge Hintergrundinformationen werden durch plötzliche parallele Sexszenen oder unmotivierte Nacktheit aufgepeppt)? Wie konnte eine Serie auch nur im Vorbeigehen je als „erzählerisch innovativ“ und als „progressiv“ gelten, die auf blutige, mühsam gebaute „Archaik“ setzt und ein finsteres Mittelalter so erzählt, wie es sich Fritzchen (bzw: Georgie, der resignierte amerikanische Exhippie) vorstellt?

Und, auf der anderen Seite: wie konnten die Marvel  - Filme der letzten Jahre als gut gebaute erzählerische Wundertüten durchgehen, wenn mir bisher KEIN*E Marvelverfechter*in erklären konnte, was ein „Tessaract“ ist oder kann und wer ihn wann warum aus welcher Dimension eingeschmuggelt hat? Bei jeder sich bietenden Gelegenheit hat das „Marvel Cinematic Universe“ seine Regeln umgeworfen, wer wen wie zu besiegen vermag und wer wie welches magische Artefakt nutzen darf. Und sein Blick auf das Funktionieren der Welt war immer…speziell, völlig unabhängig von Magie und Extrafähigkeiten. Es gibt Schlimmeres, resp. Wichtigeres, aber woher kommt jetzt die Verbitterung über die Logiklöcher? Haben diese Geschichten auf den letzten Metern ihre Versprechungen nicht erfüllt?

Oder wurden die Throne und die Avengers auf andere Art als Squashwand genutzt, gegen die viele Zuschauer*innen ihre eigenen Fragestellungen geschmettert haben?

An dieser Stelle ein kurzer Rückgriff auf den ersten Teil dieser launigen Ausführungen:

Was bisher geschah: „Das Omen“ war als Idee wesentlich gruseliger als als Film, Hulk – Fäuste aus Schaumstoff verkaufen sich deutlich besser als Comichefte über den Hulk.

 

…und der Hulk kriegt auch keine eigenen Kinofilme mehr geschrieben, und in den anderen Marvel – Filmen ist er ein unterbeschäftigter Dauer – Gaststar.

Es lässt sich also nicht behaupten, dass GESCHICHTEN über den Hulk zur Zeit sonderlich erfolgreich wären (ein paar reifere Nerds schwören auf ein paar neure Animationsfilme, aber das sind ein paar reifere Nerds, die von früher populären Comicheften auf diese Spur gebracht worden sind). Trotzdem ist der Hulk aktuell eine der erfolgreichsten Figuren, Ikonen, Marken und wenn man so will IDEEN auf der Welt, wesentlich beliebter und erfolgreicher als bspw. Ethan Hunt, auch wenn die „Mission Impossible“ – Filme so erfolgreich waren wie die „Hulk“ – Filme Reinfälle, Tom Cruise leider um Lichtjahre bekannter ist als der wunderbare Mark Ruffalo, und jeder (außer mir) den Geschichten um Ethan Hunt Tiefe und Stringenz attestiert, während der Hulk im Marvelkino eigentlich nur um sich haut. Jetzt ließe sich natürlich einwenden: der Hulk sei nun einmal Dauergaststar bei den „Avengers“, und deren Geschichten seinen sehr wohl beliebt, aber: stimmt das denn? Sind wirklich Geschichten beliebt, oder schaffen Ikonen, Konzepte und Gesetzmäßigkeiten von erfundenen Welten nicht vielmehr Resonanzräume, die als inspirierend oder herausfordernd wahrgenommen werden können, und in denen sich zumindest Menschen treffen können, um in behaglicher Gemeinschaft über schwierige Themen nachzugrübeln ?

Zur Zeit quillt das Netz also über von wenigstens zum Teil mittelschwer enttäuschten Exegesen, Anmerkungen und Parodien, die sich auf die beiden auslaufenden Über- Erzählungen „The Avengers“ und „Game of Thrones“ beziehen. Der Gang der Ereignisse bei „Game of Thrones“ wird dabei als kohärent, aber unbefriedigend wahrgenommen, während „Avengers: Endgame“ (bricht immer noch Rekorde) als emotional befriedigend, aber auf der Erzählebene mehr und mehr als widersprüchlich und fehlerhaft wahrgenommen wird. Und gleichzeitig scheint beides großen Publikumsschichten, die zu groß sind, um sie als „Fans“ zu bezeichnen, weitgehend egal zu sein. „Avengers“ und „Game of Thrones“ bleiben trotzdem weitgehend allgegenwärtig, werden von immer mehr Menschen angeschaut und erneut angeschaut, analysiert und weitergedacht.

Es wirkt fast, als wären diese Erzählungen Fußballspiele, Songwettbewerbe oder Nachrichten, die kaum jemanden zufrieden stellen, geschweige denn glücklich machen, aber nun mal in der Luft liegen, da sind, verbindende Events. Und ein Verweis auf „Die Gesellschaft des Spektakels“ passt irgendwie auch immer.

Nur sind Hunderte von Millionen von Dollar dafür ausgegeben worden, Zeilen Dutzende von Malen umgeschrieben und Momente umgeschnitten worden, damit diese Fiktionen das Gegenteil eines Sportereignisses oder einer Castingshow sind. Jede Sekunde davon ist offensiv künstlich gestaltet, und schon ein unpassender Kaffeebecher im Fantasy – Setting sorgt für weltweite Schlagzeilen. Die ganzen Schlagworte des Spektakel – Gedankens – Pseudo – Authentizität, Pseudo – Teilhabe, Pseudo – Gleichzeitigkeit usw., treffen absolut nicht auf das Betrachten von hochartifizellen Traumwelten zu. 

Das pseudo - authentische Spektakel sind vielleicht nicht die Geschichten, sondern ist das gemeinsame Erleben der von ihnen kreierten Resonanzräume (und das ist nicht einmal eine abstrakte Erfahrung: viele Zuschauer*innen schauen diese Geschichten als Event in Gruppen).

Die (nennen wir sie doch mal so) Fans sprechen dabei „Game of Thrones“ üblicherweise eine Art „realistische Härte“ zu, einen ungeschminkten, illusionslosen und unverstellten Blick auf die schäbigeren Seiten des Lebens. Besonders auch Menschen, die ansonsten Gewaltdarstellungen bewusst umgehen verteidigen das Übermaß an Grausamkeiten der Serie mit irgendeiner Variation von „Ist nicht schön, aber so ist es halt!“ („Cruel, but very true to life“, wie es früher mal hieß). Der Marvel -Kino- Kosmos dagegen wird von den selben Personen normalerweise als „reine Unterhaltung“ bezeichnet, als Eskapismus, Rambazamba und als U zum E von bspw. „Game of Thrones“. Dabei gehören beide Epen nicht nur unbestreitbar erst einmal gleichermaßen zum großen Meer der vergnüglichen sinnstiftenden Geschichten, sondern sind beides extrem erfolgreiche Premiummodelle der cleveren Popkultur, also der Inbegriff von Erzählungen, die gleichzeitig Eskapismus und grundsätzliche Wertediskussionen betreiben.

Tatsächlich lebt das als ernstes Lehrstück verbrämte „Game of Thrones“ nicht zuletzt von Schauwerten und Budenzauber, während die angeblich so vergnüglichen Marvelfilme von permanenten und ziemlich ernst behandelten Verunsicherungen und Krisen erzählen und häufig wie Tragödien gebaut sind.

Es sind beides Kriegsgeschichten. Der Titel „Game of Thrones“ ist ein ziemlich zynischer Euphemismus für einen blutigen, ausufernden Erbfolgekrieg, wichtige Marvel – Episoden heißen Bürgerkrieg, Endloser Krieg oder Endspiel, womit sich der Kreis wieder schließt.

Beide Großepen werden von ihren Bewunderern für ihre angeblichen Plottwists und überraschenden Figurenentwicklungen gelobt, auch wenn alle ihre Schlüsselfiguren samt hervorstechender Eigenschaften zu jedem Zeitpunkt nach wenigen Sekunden im Dunkeln zu erkennen sind. Das heißt nicht, dass die Fans vernagelt wären, sondern ist Ausdruck eines bedeutungsvollen Begriffschaos: die Hauptfiguren von „Game of Thrones“ und dem „MCU“ werden ausführlich ausformuliert und von verschiedenen Seiten beleuchtet,- und um sie herum passiert natürlich dauernd eine Menge, und einige Nebenfiguren machen im Kontrast zu den vergleichsweise statischen zentralen Charakteren überraschende Wandlungen durch (beispielhaft sei hier Thor genannt, der in dem Moment freier entwickelt und gebrochen werden kann, in dem er auf Wunsch des Darstellers als Heldenfigur aus dem Zentrum tritt) .

Der Reiz beider Welten besteht nicht zuletzt darin, die eigenen immer wiederkehrenden Kehrreime als etwas Neues erscheinen zu lassen, so dass die letztendlich durchbrechenden klassischen Erzählmuster wie eine verblüffende Wendung erscheinen. Um die Sache noch komplizierter zu machen, sind beide Über – Epen auf ihre jeweilige Art dann doch sehr originelle Mischungen.

Konkret (und kurz rein in die Materie): Von der ersten Episode an ist Jon Snow der klassische Held aus Sagen und Legenden, bis hin zu seiner unklaren Herkunft, während Cersei Lannister die klassische Schurkin aus den gleichen Erzählungen ist, bis hin zu Inzest und einem monströsen Sohn. Daenerys als die gebrochene Frau, die mit den Wölfen heult und die Untiere befehligt, die deformiert das Schwert führt und vermutlich dadurch umkommt entspricht  genau so zu den übergroßen rächenden Frauen aus der Welt der Mythen und der (stilisierten) Geschichtsbücher vergangener Zeiten wie die vom Leid geplagten Töchter des Hauses Stark (von denen aber mindestens eine zum Symbol des Neubeginns werden wird, und die rachelustigere wird der Rache abschwören oder ihre Verblendung begreifen müssen, denn so sind Heldengeschichten nun mal). Indische, mittelamerikanische und griechische Mythen haben die bekanntesten Beispiele dafür hervorgebracht, aber auch in den verdammten Nibelungen treiben streng genommen sie die Handlung an. Das Besondere an „Game of Thrones“ ist meiner humpelnden Meinung nach eher, dass ein traditioneller moderner Held fehlt, und dass die klassische Narrenfigur, die zu einem solchen Heldenlied gehört, so düster, so cool und so psychologisch ausfällt:

Dieses Fehlen eines klassischen Hollywood – Helden (oder auch nur eines Bildungsromanhelden) wurde von den Fans als „Jeder kann sterben“ gelesen, oder sogar (siehe oben) als angewandter Feminismus oder wenigstens als Ende des alten weißen Mannes.

Aber, ohne hier spoilern zu wollen, bspw. die schockierende letzte Szene der ersten Staffel korrespondiert ganz traditionell mit der schockierenden ersten Szene und verkündet wie im alten Griechenland: wer sich in der Welt von Westeros für rechtschaffen hält, ist der Hybris verfallen und muss untergehen. Wir werden am Ende der Serie (in wenigen Tagen) entweder  ein zerstörtes Westeros sehen oder einen Neubeginn (vermutlich beides), aber wer lebt und wer stirbt, die Frage, mit der die Serie permanent und penetrant beworben wird, ist im Grunde so unwichtig wie bei jeder klassischen Tragödie.

Und weil dieser Blogeintrag schon wieder zu lang ist und ich auf häufigere und kürzere Einträge hinarbeite, lesen wir uns mit tastenden abschließenden Überlegungen darüber, warum wir uns in diesen Geschichten herumtreiben, erst nach dem Finale von „Game of Thrones“ wieder, das ich NICHT sehen (und erst recht nicht behandeln) werde (Nachtrag am 15.05.: Hier stand gestern trotzdem eine halbe Prognose, die sich offensichtlich unerträglich naseweis las, darum gelöscht).  

Vielleicht besaß die Frage, wer den Kampf um den Eisenthron überlebt, nie wirkliche Brisanz, aber wer diese hochgehandelten Geschichten wie verdaut und was sie wie verdauen, ist vermutlich alles andere als egal (Fortsetzung folgt).

 

30.04. 2019 Rächer, Throne, ausgeleierte Geschichten (I)

Manche Vorschulkinder kennen Freddy Krueger, fast 10 Jahre nach dem letzten (erfolglosen) „Nightmare on Elm Street Film“, 25 Jahre nach dem Abschluss der Originalreihe (bzw. dem letzten guten Film mit Freddy, auch erfolglos).

„Gucken wir Nightmare mit Freddy?“, fragen sie mit herausfordernd blitzenden Augen beim Einlass ins Kleinkinderkino, und natürlich sind es die Jungs, die ihre Freunde schubsen und gleichzeitig dauerverwundet und beifallssüchtig wirken, aber sag ihnen das bloß nicht.

Meine übliche Erwiderung auf die Frage ist ein halb belustigtes, halb strafendes Kopfschütteln und die Bemerkung, ein Film mit Freddy wäre doch zu dumm und zu gruselig, worauf die angehenden Ärgermacher stolz verkünden, sie fänden Freddy toll und gar nicht gruselig. Und dann sind sie friedlich. Ein anderer Kandidat für dieses ermüdende Grenzenaustesten ist „Chucky“ („die Mörderpuppe“), der als frei flottierende grausige Idee schon immer beliebter war als als Filmfigur.

Bei Kindern im Vorschulalter scheinen Freddy und Chucky im Allgemeinen allerdings nicht besonders populär zu sein (zumindest erwähnen sie sie nicht von sich aus, aber ich werde den Teufel tun und nachfragen), doch Teenager kennen sie mehr oder weniger alle. Sie haben in der Regel keinen Film gesehen, sie wissen nicht, wer Wes Craven oder Robert Englund sind, die genauen Prämissen der jeweiligen Filmreihen sind ihnen nicht unbedingt klar und sie würden beide Figuren auch nicht auf Anhieb erkennen. Aber die Ideen leben: tödliche Albträume, die Mörderpuppe. Und passenderweise handelt der letzte und gute Freddyfilm der Originalreihe genau von diesem Phänomen: „Wes Craven`s New Nightmare“ handelt davon, dass die Idee von Freddy zu mächtig geworden ist und in eine kohärente Geschichte mit einem endgültigen Ende überführt werden muss, um keinen Schaden anzurichten.

Ich hatte als Vorschüler Angst vor dem Weißen Hai und vor Damien aus den „Omen“ – Filmen. Und ich kannte von beiden nicht ein Filmbild (allerdings die ordentlich beunruhigenden Kinoplakate). Ich wusste nichts über diese Filme, aber alles, was wichtig war: der weiße Hai war ein riesiger menschenfressender Hai und Damien war ein allmächtiges Kind, das der Teufel war. In ihrer schwammigen Unschärfe und ihren schemenhaften Umrissen konnten diese Ideen beinahe grenzenlosen Terror auslösen. Kindergartengespräche über den Weißen Hai und Damien waren unsinnig und im Grunde egal: irgendein Angeber behauptete, irgendein gruseliges Detail über die Filme zu wissen, die anderen kreischten und hielten sich die Ohren zu. Wir wussten alles, was es zu wissen gab.

Die tatsächlichen Filme wirkten im Kontrast dazu später beinahe beruhigend. Die Wundermaschine des klassischen psychologisierenden Hollywoodfilms präsentierte keine fragmentarischen Alpträume sondern Erlösungsgeschichten auf Augenhöhe, der „Weiße Hai“ handelte von einem sympathisch schlecht gelaunten Strandpolizisten und seinen Mitstreitern gegen das Böse (einer starb, das Gute siegte), das „Omen“ von einem sympathisch überforderten Botschafter und seinen Mitstreitern (alle starben, das Böse siegte). Es waren gut ausgeleuchtete, künstliche und auf etwas zynische Art rührend verantwortungsvolle Filme mit hervorragenden Soundtracks.

Und wenn ich später furchtsame Skeptikerinnen zu dem einen oder anderen Horrorfilm überreden wollte, argumentierte ich meistens damit, dass jede wirr und stümperhaft zusammengewürfelte Geisterbahn verstörender wäre als noch der grausigste Horrorfilm mit seinen liebevoll entwickelten Figuren, Themen, Subtexten, mit seinen verspielten Kameraeinfällen und stilisierten Effekten, mit seinen penibel abgemischten Pauken und Geigen.

 „Der weiße Hai“ handelte IN WIRKLICHKEIT von Polizeichef Brody und „Nightmare“ später vom extrem glaubwürdig genervten Teenagermädchen Nancy. IN WIRKLICHKEIT konnte Batman nicht fliegen und war Spiderman der netteste Nerd, der durch die Popkultur hüpfte, IN WIRKLICHKEIT war Bruce Lee in seinen Filmen keine Mordmaschine, sondern ein bescheidener und strauchelnder Kämpfer für die Kleinen und Schwachen. IN WIRKLICHKEIT war „Krieg der Sterne“ kein Kriegsfilm, sondern eine Sesamstraße im Weltraum mit Luke, Leia und Han, die zu besseren Menschen wurden und keine Soldaten waren, sondern unsichere Abenteurer. IN WIRKLICHKEIT waren James Bond – Filme vor allem witzige Wunschträume. Und wer seinen Mitschülern etwas anderes weiszumachen versuchte, war ein Idiot und Lügner.

Je älter du wurdest, um so mehr schaurige Schatten entpuppten sich als verblüffend freundliche Einladungen, furchtlos an der Welt teilzunehmen. Stephen King war Christine Nöstlinger mit mehr Grusel und konsequenterer Phantastik, Heinrich Böll mit Kraftausdrücken, Splatter, Spannung und mit dem faszinierenden ländlichen Amerika als Schauplatz anstelle des damals dröge erscheinenden Kölns (ein Irrtum). Vertraut den Autorinnen. Das blieb mein Credo mindestens bis zum Start von „you tube“. Wes Craven hätte darüber vielleicht gelacht und dabei wieder einmal Recht gehabt.  

 

IN WIRKLICHKEIT zeigte das Merchandise vom „Weißen Hai“ nämlich nicht Roy Scheider, sondern den Hai. Und das Merchandise war überall (es war die erste systematische und flächendeckende Welle von Begleitprodukten für einen Kinofilm). Die Kinder, die sich im Schwimmbad gegenseitig mit „Unter dir! Der weiße Hai!“ erschreckten waren tatsächlich genauso gewissenhafte Rezipienten des kulturellen Phänomens wie die Cineasten, die den witzigen Dialog zwischen Scheider, Dreyfuss und Shaw als Kern des Films ausmachten und darüber spekulierten, inwieweit er von wem improvisiert worden war. Spidermans Maske ist gruselig, wie schnufte unser Peter (oder Mike. Oder Otto. Oder May. Aber das ist wieder eine ganz andere Diskussion) auch sein mag. Und es scheinen zur Zeit deutlich mehr Masken als Comichefte verkauft zu werden. Auch in den „Disney Stores“ wird nicht ein Marvel – Comic verkauft, dafür gibt es Hulk – Fäuste aus Schaumstoff.

„Ich will den Hulk sehen. Der Hulk tötet alle Bösen!“ erklärt mir ein Vierjähriger (ich sollte mit der Arbeit im Kinderkino vielleicht wirklich aufhören). Der Hulk tötet nie jemanden (außer in Geschichten außerhalb des Kanons). Der Hulk tötet jede Menge unglückliche Gladiatoren vor „Thor: Tag der Entscheidung“, aber das ist doch parodistisch und wird nicht erzählt. Oder bin ich mittlerweile unzureichend informiert?  Wer hat Recht?

Im Nachhinein stellt sich heraus, dass die narrative Popkultur bis vor kurzem auf mehr parallelen Ebenen erzählt wurde, als selbst die postmodernen Semiotiker immer behauptet haben: da gab es nicht nur tiefe  Subtexte oder augenzwinkernde Metaebenen, sondern gleichzeitig Ikonographie und Fabel, bzw.: den beinahe konturlosen durch die Popkultur geisternden „Weißen Hai“ auf der einen Seite, die Geschichte von Polizeichef Brody auf der anderen.

Und vielleicht ist es diese Unterscheidung, die nun mit dem „Endgame“ der Avengers und der letzten Staffel von „Game of Thrones“ endgültig und allgemein sichtbar verschwimmt. Und vielleicht liegt darin das immer wieder behauptete Neuartige dieser sich vor unseren Augen auflösenden Geschichten (wird fortgesetzt).

 

06.04. 2019 Leben ohne Michael Jackson

Vermutlich ist sie mittlerweile fürs Erste halbwegs verdaut (spätere Wellen der Verarbeitung werden folgen), aber nun strahlt Pro 7 am heutigen Samstag Dan Reeds vierstündige Dokumentation „Leaving Neverland“ zum ersten Mal auf Deutsch aus (vermutlich ähnlich der britischen Version gekürzt, damit die Werbung noch Platz hat – aber wer will in diesem Programm welche Werbung schalten?).  Und anschließend wird die Musik von Michael Jackson vermutlich nach und nach aus vielen Playlists, aus einigen Supermärkten und Hochzeitsfeiern verschwinden.

Dan Reeds Film ist, wie der Autor/Regisseur/Interviewer betont, kein Film über Michael Jackson an sich. Es geht nicht um seine Biographie, sein Werk, seinen Werdegang und schon gar nicht um seine Psyche. Statt dessen erzählen zwei Männer, Wade Robson und James Safechuck Jr., davon, wie Michael Jackson vor gut 30 Jahren in ihr Leben trat, welche Rolle er darin spielte, wie er daraus wieder verschwand und wie sie heute mit ihren Erlebnissen umgehen. Dabei wird tatsächlich, wie Kritiker betonen, nicht erwähnt, dass beide mit Schadensersatzklagen gegen die Erben Jacksons (bislang) gescheitert sind und inwieweit beide nach dem Ende ihrer näheren Bekanntschaft mit Jackson direkt (und auch indirekt) finanziell und beruflich von ihrer Verbindung zu Jackson profitiert haben. Der Film beschreibt statt dessen die (zeitlich leicht versetzten) Geschichten von Robson und Safechuck als zwei Varianten eines Musters von systematisch geplantem jahrelangen sexuellen Missbrauch und seiner anschließenden sorgfältigen Vertuschung.  Dabei werden Robson, Safechuck und ihre Familien, ihrer Darstellung nach, zu jedem Zeitpunkt geschickt von Jackson manipuliert. In der Folge wähnen sich beide Männer in einer ungeplant entstandenen, weitgehend exklusiven authentischen Liebesbeziehung mit Jackson, fühlen sich erwählt und verantwortlich für die extrem ambivalent erlebten sexuellen Handlungen. Erst als beide Väter von Söhnen werden, bricht die zurückgedrängte Erschütterung durch den Missbrauch in ihnen auf, womit sie bis heute hadern. Beide zeigen sich trotz aller Ablösungen und Therapien bis heute emotional so verstrickt, dass sie die jeweilige Beziehung zu Jackson noch immer widerwillig wie eine romantische Beziehung beschreiben. Die Verwandten, vor allem die Mütter schildern ausführlich, wie sie von Jackson nach eigenen Angaben bestochen,  umschmeichelt und regelrecht umworben wurden, zeigen sich schuldbewusst und hadern mit dem eigenen Anteil an dem Geschehen. Der Film verzichtet nicht nur auf einen Kommentar, sondern auch auf kommentierende Gesprächspartner. Wir, die Zuschauer, sind die einzig für uns sichtbaren Teilnehmer, die von außen die Ähnlichkeit der Geschichten und ihre grauenvollen Gesetzmäßigkeiten begreifen.

Darin liegt der Skandal des Films, und deswegen provoziert er auch zum Teil so heftige Reaktionen (und nicht nur bei entgeisterten Jackson -Fans, die ihn sich niemals anschauen werden). Er erlaubt sich, was viele Kritiker ankreiden, ein paar schwelgerische Orchesterklänge (die meiste Zeit mit böser Ironie eingesetzt), ansonsten versagt er sich beinahe alles Grelle und Einordnende (auch die mehr oder weniger unerträglichen Schilderungen des physischen Missbrauchs beschränken sich auf wenige Minuten). Er erzählt seine Doppelgeschichte von A – bis Z in nahezu therapeutischer Ruhe. Vielleicht können wir nicht nachvollziehen, welchen Reiz die besondere Freundschaft zu einem Priester hat, vielleicht können wir uns nicht vorstellen, dass ein Familienoberhaupt heutzutage jahrzehntelang mit dubiosem Verhalten kokettieren kann, vielleicht sagt uns Jimmy Saville nichts oder zumindest zu wenig, um zu begreifen, wie er so lange davonkommen konnte. Bei Michael Jackson waren wir sozusagen alle dabei, und das macht „Leaving Neverland“ zu einem so exemplarischen und aufwühlenden Film.

 

Die einzige polemische Zuspitzung, die sich „Leaving Neverland“ erlaubt (und die Versuchung muss groß gewesen sein, da ganz andere Haken und Ecken einzubauen), die, wie alle polemischen Zuspitzungen in Dokumentationen ganz unschuldig daherkommt ist, dass wir immer wieder im von der Erzählung ganz naiv passenden Moment ein paar Brocken von Jacksons Liedern mitbekommen: In denen fragt, er denn jetzt böse oder krass ist oder behauptet, dass die Welt das fragt, singt über das aus ihm herausbrechende Monster oder darüber, dass wir vorsichtig sein sollen, wen wir lieben (und der Junge, der aussieht wie er, ist nicht sein Sohn). Wir kennen diese Lieder. Wie wir auch die Bilder von Jackson kannten, der vor Kameras mit Zehnjährigen Händchen hielt. Oder das missglückte, als Comeback geplante Interview von 2005, in dem er einräumt, mit Jungen in einem Bett zu schlafen. Das Interview, das ihm sozusagen das Genick brach, zu seinem letzten Prozess, der mit Freispruch endete, führte. Nach diesem Prozess verschwand er allerdings nach und nach so deutlich wie unauffällig aus den Radios und aus den vorderen Seiten der Popberichterstattung. Erst sein Tod katapultierte ihn posthum wieder in den Olymp und nonstop in die Setlists beinahe aller Parties. Insofern wurde die scheinbar naive Frage, ob eine Welt ohne Dauerbeschallung mit Jacksons Werk überhaupt vorstellbar wäre, schon längst beantwortet: die gab es schon immer, nur die letzten zehn Jahre fallen da aus dem Rahmen.

Als 1982/83 die „Michaelmania“ herrschte, machte Westdeutschland nicht mit. Es gab hierzulande noch kein MTV, dafür aber in Folge der Friedensbewegung massive Kritik an der amerikanischen Politik. Und auf dem Höhepunkt der damit assoziierten Alternativbewegung wurde der Konzernkapitalismus bekämpft. Michael Jackson, der mit dem verhassten Präsident Reagan posierte, Werbung für Pepsi Cola machte, die teuersten Konzerte gab und einzelne Videos von sich zu horrenden Preisen auf den Markt brachte, eignete sich, im Gegensatz zu seinen ewigen Konkurrenten Prince und vor allem, später, Madonna, einfach nicht zum allgemeinverbindlichen Megastar. Das „Thriller“ – Video war zu teuer, zu lang und zu furchteinflößend, um im öffentlich – rechtlichen Fernsehen mehr als einmal (größtenteils) ausgestrahlt zu werden. Meiner Generation ist die Parodie aus „Otto- der Film“ wesentlich vertrauter (und du warst sehr cool, wenn du sie als Parodie erkennen konntest,- und das, ohne „Thriller“ wirklich gesehen zu haben), das Video selber war nur Prä-Text für Analysen und Polemiken. Das erste Mal las ich von Michael Jackson in der „Hörzu“ meiner Oma, und in dem Text ging es nur um die nach Meinung des Autors peinliche Heldenverehrung in Amerika (in einer interessant bizarren und sehr typischen Herablassung herrschte dazu medialer Konsens, dass wir in Deutschland Michael Jackson nicht feiern müssten, da wir keine Rassisten seien). Der Sound der Stunde waren die Neue Deutsche Welle, die New Romantics und, für die ganze Familie, Italo – Pop. „Beat it“ war ein Riesenhit, aber in Radios und auf Rummelplätzen (in Supermärkten herrschten noch James Last oder Stille) nicht annähernd so allgegenwärtig wie „Der Kommissar“ von Falco oder Gianna Nanninis ebenfalls provokantes „Fotoromanza“. Nur im durch G.I.s geprägten Frankfurt am Main hingen meiner Erinnerung nach in den Boutiquen Poster von Jackson. Erst anlässlich von „BAD“, 5 Jahre später, in einer veränderten Medienlandschaft, kam das Gesamtkunstwerk Michael Jackson bei den heimischen Hörern richtig an.

Michael Jacksons Musik gab es nie ohne Performance, Image, Medienwirbel. Statt Texten präsentierte er in seinen Klappcovern Tanzschritte oder seine hingeräkelte Gestalt. Wer Mitte der 1990er seine fulminant paranoide Platte „HIStory“ kaufen wollte, musste, für den vollen Preis, eine „Greatest hits“ dazukaufen und über hochhaushohe Stauen von Michael Jackson hinwegsehen, die der „King of Pop“ temporär weltweit in verschiedenen Großstädten aufstellen ließ. Erste Vorwürfe wegen seines Umgangs mit Kindern dementierte er so vehement wie Gerüchte über später von ihm eingestandene Schönheitsoperationen. Seine Kritiker waren seiner Meinung nach nur hinter Geld her, er und er rief, als „berühmteste Person des Planeten“ zum Kampf gegen sie auf (wir wissen nicht, woher diese manchmal aufblitzende Bezeichnung stammt, aber wissen, dass sein eigenes Management ihn zum „King of Rock, Pop and Soul“ erklärte). Später stellte er (als sehr religiöser Mensch) seine, mittlerweile zugegebenen, „Übernachtungsparties“ in eine Linie mit den Taten von Jesus und verkündete in Zeitungsanzeigen, er wäre auserwählt, für die Kinder der Welt zu kämpfen. Nur über seinen kommerziellen Erfolg redete er möglicherweise noch lieber als über seine angebliche Liebe zu Kindern. Ohne seine Macht und sein Image wäre er nie an Robson und Safechuck herangekommen, hätte sie weder kennen gelernt (Robson war zum Zeitpunkt des Kennenlernens ein Jacksonimitator im Vorschulalter, Safechuck drehte als 10jähriger einen Werbespot mit ihm), noch hätte er ihre Familien umgarnen können, und niemand anderem wurde es quasi von der Öffentlichkeit erlaubt, für Wochen mit Minderjährigen ein Bett zu teilen.  

Eine Ernüchterung, die Reeds Film auslöst, ist das Gefühl, hereingefallen zu sein. Unter angeblich kritischen Menschen war bis vor kurzem ein scheinbar reflektierter Blick auf Jackson üblich: Jackson galt nun als tragischer Weirdo, der sich sicherlich auf etwas unbestimmte Art falsch verhalten hatte, aber als geprügelter, im Grunde asexueller Kindmann und Megastar keine Grenzen kannte und vermutlich nie wusste, was er eigentlich tat. Der Urheber dieser widerwillig mitfühlenden Sicht war natürlich niemand anderes als Jackson, der auch die auf den ersten Blick gebrocheneren Erzählungen über sich kreierte und unterfütterte. Wem das erfolgreichste Album aller Zeiten gelingt, der kann mit den Medien und mit seiner Rolle als Projektionsfläche umgehen. „Leaving Neverland“ legt nahe, dass Jackson vermutlich zwar tatsächlich selber kein Unrechtsbewusstsein hatte und sich zumindest als geradezu wohltätiger und liebevoller Mensch sehen wollte, aber dass er zu jedem Zeitpunkt hochgradig strategisch und ohne erkennbare Skrupel handelte.  Er hatte sogar aus seiner unbestritten tatsächlich traumatischen Kindheit ein Werkzeug und ein Alibi gemacht.

Nun wird hier und da eine differenzierte Sicht auf die Unterschiede zwischen Kunst und Leben gefordert und vor Zensur gewarnt. Und dann wird Jackson vor allem in amerikanischen Medien gerne mit, glaubt es oder nicht, Pablo Picasso verglichen, der gegenüber Frauen ein ziemlicher Mistkerl war. Nicht nur lassen sich die gegen die beiden Männer erhobenen Vorwürfe nun wirklich nicht miteinander vergleichen (ohne zu bestreiten, dass Picassos Verhalten anscheinend zum Teil widerlich war), Picassos Werk besteht nicht aus Bildern, die die gleichberechtigte platonische Liebe zwischen Frauen und Männern feiern oder gar Pablo als Erlöser der Frauen feiern (Parallelen gibt es allerdings darin, dass sich beide Männer immer wieder mit Monstern identifiziert haben, was ihrer Kunst einen Teil ihrer Spannung verleiht). Das Versprechen der Musik Michael Jacksons war ja nicht zuletzt (vor allem in den USA) das, Erotik und Nicht – Erotik auf harmlose Art zu verbinden, gerade obwohl die von ihm ausgesendeten Signale mindestens widersprüchlich waren und dazu Groove und Grusel zur sauberen Familienunterhaltung zu verbinden. Das macht eine Rezeption jenseits der Missbrauchsdebatte nahezu unmöglich.

Auf der anderen Seite ruft aber auch niemand nach Zensur (was in einer Welt, in der, im Moment, immer mehr Länder immer offener Kultur zensieren, noch einmal betont werden muss). Über 100 Millionen physische Tonträger mit Jacksons Musik schwirren durch diese Welt, und weder private Initiativen (wie einst bei den Platten der Beatles) noch Behörden (wie früher bei den Filmen von Jörg Buttgereit) rufen zu ihrer Vernichtung auf. Radiosender und DJs spielen zwangsläufig immer nur einen Bruchteil der verfügbaren Musik und entscheiden dabei nach ästhetischen, ethischen und häufig auch kommerziellen Gesichtspunkten. Die, die offen aus Jacksons Musik verzichten, sind in der absoluten Minderheit, und umgekehrt war Jackson bereits von 1993- 2009 äußerst umstritten und längst nicht überall zu hören. Niemand will seinen Namen aus der Popgeschichte streichen. Die Musik ist immer noch überall.

Und fluffige Plastikbässe, gepresste spitze Schreie, butterweiche Streicher aus dem Synthesizer, sich langsam steigernde Songs ohne erkennbaren Refrain und alle anderen popmusikalischen Innovationen, die sich auf Jackson zurückführen lassen, werden sich auch unabhängig von seinen eigenen Aufnahmen nicht wieder einfangen und aus dem Klangbild herauskürzen lassen, und das will auch niemand. 

 

 

Aber dass das Gesamtpaket Michael Jackson so unverzichtbar, essentiell und im Guten wie im Bösen so unzerstörbar sein soll, wie es vor allem in amerikanischen Qualitätsmedien gerade behauptet wird (die von der Sonne, den Bausteinen, dem Geschenk an sich und der Mahlzeit an sich schreiben, wenn sie Jacksons Werk meinen – siehe bspw. NYTimes, The Atlantic und Slate), halte zumindest ich für eine seltsame Art von Wunschdenken: Wenn ein missionarischer Popmusikkritiker sich persönlich nicht vorstellen kann und will, auf Michael Jackson als innere Richtgröße zu verzichten, behautet er anscheinend lieber, das wäre der ganzen Welt unmöglich oder sie müsste ansonsten allem Schönen entsagen.  Dass gerade in einer Zeit, in der das Spiel mit angeblichen Identitäten und Zuordnungen wieder weniger erlaubt wird, ausgerechnet der ewige Freak und Grenzgänger Michael Jackson in fürchterlicher Eindeutigkeit als zerstörerische und zerstörte Person dasteht, ist mehr als bedauerlich.

Dafür müssen wir uns eben eine bessere Gallionsfigur suchen. 

Zumindest für den Moment ist Michael Jackson zur Fußnote der Geschichte von Robson und Safechuck und dem, was sie bedeutet, geworden. Das ist kein gutgemeinter Kitsch, sondern, wenn wir uns die Stellungnahmen von Psychologen und Pädagogen zu „Leaving Neverland“ anschauen, eine Tatsache. Und so mag Jackson indirekt, in einer bizarren Variante von poetischer Gerechtigkeit, doch noch zum Schutz von Millionen von Kindern beitragen, wie er es angeblich immer wollte.

 

 

 

 

24. 03. 2019 "Wir" und der Horror für Familien

Wer setzt sich bei (in Berlin) herrlichem Wetter sonntagnachmittags ins Kino und schaut sich einen beklemmenden Horrorfilm an? Ich, aber nicht nur ich. „Wir“ von Jordan Peele war voll, und zwar selbst im Schachtelkino von einem größtenteils eher gesetzten Publikum aus nicht mehr blutjungen Paaren. Menschen, die tendenziell miteinander Kinder machen wollen (nicht oder nicht nur im Anschluss an die Vorstellung, sondern längerfristig). Im Vergleich zu den Horden junger Menschen in Superheldenfilmen und den besten Freundinnen, die überwiegend ins Arthousekino gehen ein deutlich anderes Publikum.

Lange habe ich mich gefragt, was die aus den Kinos verschwundenen Liebeskomödien als Datemovies abgelöst hat, seit letztem Jahr begreife ich endlich: Horrorfilme. Und zwar nicht das sexy Zeug (Vampyre, lustvolle Grenzüberschreitungen usw.), sondern Filme über bedrohte Familien.

In den letzten Jahren wird immer mal wieder gerne behauptet, das Genre sei „erwachsen“ geworden oder hätte sich diesen oder jenen sozialen, politischen oder psychologischen Fragestellungen gegenüber „geöffnet“. Ältere Horrorfilme scheinen nach dieser Sicht solche dumpfen Pleiten gewesen zu sein wie das „herkömmliche Waschmittel“, das in der Werbung einfach keine Flecken herauskriegt. Diese Verachtung aber ist unbegründet.

Horror ist das Genre, das praktisch nur aus Subtext besteht, natürlich hat es schon immer und in allen künstlerischen Formen brisante Themen verarbeitet. „Dracula“ verhandelt vergleichsweise unverblümt weibliche Sexualität, Adel gegen neue Bürger, industrielle Revolution und Globalisierung (wenn auch auf ziemlich konservative Weise). Und „Die Körperfresser/Body Snatchers“ (wenn die auch manchmal unter Science Fiction laufen) beschreiben in jeder neuen Verfilmung einen anderen bedrückend dominanten Zeitgeist, der die Integrität und Individualität auslöscht (besonders tragisch in der Philip Kaufman Version von 1978, die das Scheitern der Alternativkultur prophezeit). Menschen haben nach dem Betrachten von (guten) Horrorfilmen nicht deswegen das Gefühl, eine wichtige Konfrontation überstanden zu haben, weil sie blöd sind oder damit rechnen, auf dem Nachhauseweg selber den Kampf gegen Killeraffen, Killerroboter oder den Blob aufnehmen zu müssen.

Die geschätzten und zum Teil auch überschätzten Horrorfilme der letzten Jahre, die bei Kritik und an den Kassen wirklich abräumen konnten, haben, mit zwei Ausnahmen (wir kommen gleich dazu), zwei Dinge gemein: sie bedienen sich einer zeitgenössischen Indie  Ästhetik und sie handeln von bedrohten Familien. Das reicht aus, um sie als etwas Neues behandeln zu können.

Wenn der hotteste Arthousefilmer ein Remake eines der beliebtesten Horrorfilme aller Zeiten dreht, bleiben die Kinos leer und die Kritiken ambivalent („Suspiria“, 2018). Aber der krude, offen mit Aberglauben kokettierende Gespenstermumpitz von „The Conjuring“ (ab 2013) mündete in eine der erfolgreichsten Reihen der Filmgeschichte (mit den Nebenprodukten „Annabelle“ und „The Nun“), und er erzählt in weichen Farben und mit guter Musik von -beinahe -zerbrechenden Familien. In den erfolgreichen aktuellen Horrorfilmen finden wir nichts von dem öden Blau und Stahlgrau der schrottigeren Genreproduktionen, und statt dräuender Orchesterklänge erklingen meistens stilvolle Oldies oder elegante Electronica. Wir treffen auf Familien voll unheimlicher Kinder, ohnmächtiger Väter und, Achtung . Spoiler!, häufig (nicht immer) auf starke Mütter, die zum Einfallstor des Bösen werden. Das kann kein Zufall sein. Ich halte die, auch erfolgreichen, „Insidious“ – Filme (ab 2010) aus der „Conjuring“ – Schmiede (Blumhouse, James Wan et al) für viel gelungener, aber die Frauen im (natürlich muss es heute so genannt werden) „Conjuring- Universum“ sind abgründiger und interessanter, und das zahlt sich unmittelbar aus. Horror war nie ein betont maskulines Genre (beinahe alle erfolgreichen Filme hatten schon immer weibliche Protagonisten), mittlerweile hat es sich von den eher existentialistisch- einsamen Heldinnen (bspw. aus den „Halloween“, „Alien“ oder „Scream“ – Reihen) hin zu Müttern bewegt, die die Aggressionen gegenüber ihren Kindern, zu angehenden Müttern, die ihre Aversionen gegen die Mutterschaft bewältigen müssen und zu Töchtern, die sich von ihren bösen Müttern emanzipieren müssen (und nahezu verschwunden sind die abgerissenen Männer, die in eine unheimliche Welt stolpern, mit denen ich mich nicht nur als Teenager gerne identifiziert habe).

 

Der Trend hin zu Familiengeschichten begann zufällig mit dem Glückstreffer des ersten „Paranormal Activity“ – Films (2007). Eine junge Familie fühlt sich bedroht, der Mann stellt eine Videokamera auf, die das Haus überwachen soll (ihre Aufzeichnungen sind der wenig spektakuläre Film, den wir sehen), hier und da verhalten sich Alltagsgegenstände seltsam, SPOILER: die junge Mutter entpuppt sich als Hexe und bringt ihren Mann um. In der Folge erzählten die Fortsetzungen des Films, die „Sinister“, die „Insidious“, die „Conjuring“- und die „Ouija“ (ab 2014)– Filme ganz ähnliche Geschichten. Die „Purge“ – Reihe verlagerte die Bedrohung aus der Familie in die gesellschaftliche Umgebung, diese vor allem soziale Apokalypse wurde in „It comes at night“ (2017) und „A quiet place“ (2018) bis in die Filmkunst veredelt und lässt eine gute Mutter Gegengewicht zur kalten Welt sein (dann ist auch ein hoffnungsfrohes Ende in einer bescheideneren Welt möglich). Näher an „Paranormal Activity“, aber noch intimer und deutlich bewusster gestaltet waren die mächtigen schrecklichen Mütter von „The Babadook“ (2014), „Pywejacket“ (2017) oder „Hereditary“ (2018). Gemäß dem Trend hätte „Suspiria“, ein Film über eine beinahe allmächtige böse Mutter, eigentlich Publikum und Preise abräumen müssen, aber, alas!, der handelte eben von keiner Kleinfamilie.

Die Apotheose dieser Geschichte in aller Länge, Breite und Melodramatik (ja, die Kleinfamilie ist Einfallstor des Bösen, und ja, das Medium des Bösen ist die Mutter, aber trotz aller Verluste hat niemand Schuld und steht nach durchgestandenen psychologischen Proben am Ende der Neubeginn der geläuterten Familie) gelang Mike Flanagan mit seiner ausufernden und freien (und trotz des Trends zu – hoffentlich- metaphorisch gemeinsam metzelnden Familien gewaltfreien) Verfilmung von „Spuk in Hill House“ für Netflix (2018). Hier scheint am Schluss alles gesagt, aber satt macht es nicht (trotzdem eine extrem interessante Serie). Vielleicht fehlt da ein bisschen die Welt, im Guten wie im Bösen.

Neben Kult- und Randphänomenen (wie dem beinahe fröhlich geschmacklosen „American Horror Story“ oder dem schwer erträglichen „Ghostland“) brechen zwei mit viel Prestige und Preisen geadelte Ausreißer mit diesem Erfolgsmuster: „It follows“ (2014) und „Get out“(2017). „It follows“ erzählt von Teenagern und Sexualität, wie es früher bestimmend für das Genre war (der Film strotzt vor offensiv nostalgischen Anspielungen), aber auf eine andere und verwirrendere Art.

Get out“ passt interessanterweise im Grunde zur Formel, nur, dass hier aus der Sicht eines jungen Mannes erzählt wird, der als Schwiegersohn/Partner der Tochter in eine der mittlerweile beinahe obligatorischen bösen Kleinfamilien mit einer sehr unheimlichen Mutter hineingerät (tatsächlich werden im Lauf der Handlung gleich mehrere Versionen der archetypischen Hexe durchgespielt). „Get out“ erzählt natürlich von einem afroamerikanischen Mann, der erkennt, dass die weiße, liberale Familie seiner Freundin die Körper von Afroamerikanern für sich ausbeutet (die Konstruktion ist selbst für Horrorverhältnisse etwas kompliziert). Es ist nicht der erste Genrefilm, der die amerikanische Rassenproblematik behandelt, und meiner Meinung nach auch kein guter Film (und unterm Strich auch nicht sonderlich sympathisch), aber in den USA gilt er als Politikum und Meilenstein (darum will ich als Außenstehender an dieser Stelle nicht in die Diskussion um vergleichbare Filme einsteigen). Autor und Regisseur Jordan Peele bekam die Neuauflage der legendären Fernsehserie „The Twilight Zone“ anvertraut (läuft in den USA ab dem ersten April) und dazu drehte er noch mit nun etwas größerem Budget seinen Zweitling „Wir“, bzw. „Us“.

 

Wie auch „Get out“ wäre „Wir“ mit seiner guten Idee und seinem etwas durchhängenden Plot als „Twilight Zone“ – Episode (also: sozusagen als pointierter Denkanstoß) fantastisch und sieht fantastisch aus (und der Soundtrack will es erst recht wissen und verspottet sogar beiläufig die Beach Boys). Auf zwei Stunden ist er in meinen Augen wieder deutlich zu langatmig, zu brutal und zu durcheinander geraten (in diesen 116 Minuten wird meiner Ansicht nach eine wirklich spektakuläre halbe Stunde unter brachialer Action begraben). Aber nur in dieser Ausführlichkeit kann er von Familien (und wie sie sich gemeinsam und blutig gegen die Außenwelt verteidigen), von einer Familie und (leichter Spoiler) einer gefährlichen Mutter erzählen und dabei (noch ein leichter Spoiler) das Thema der gesellschaftlichen Ungleichheit anschneiden (ohne es zu vertiefen). Er wird noch viele angehende LebenspartnerInnen in die Kinos locken, in schlaflosen Nächten beschäftigen und, vielleicht, in Familienleben voll grimmiger Hoffnung führen (mit „Luz“ läuft tatsächlich ein mutmaßlich sehr guter deutscher Horrorfilm jenseits dieser Thematik in sehr viel kleineren Kinos, - ich bin beschämenderweise im Sommer dabei eingeschlafen, der Sommer war zu heiß, darum kann ich mir darüber noch kein Urteil erlauben). Der Themenkomplex, den diese Filme angerissen haben, ist noch längst nicht erschöpft, und wir können beinahe unbesorgt weiteren Filmen über Familien in einer unheimlichen Welt entgegenschaudern.

 

  

17.03. 2019 Greta ans Eingemachte

Trotz der ansonsten furchtbaren Nachrichten heute hier ein paar Worte über die „Fridays for future“, die heute ihren bisher massenwirksamsten Tag mit Demonstrationen in, so heißt es, über 100 Ländern hatten (und alleine 20.- 25.000 TeilnehmerInnen in Berlin- heute gendern wir mal, mal schauen, wie es nächste Woche aussieht).

Selbst in den wohlwollenden Medien, und das sind längst nicht alle, werden m. E. einige Aspekte dieser denk- und merkwürdigen Bewegung nach wie vor ziemlich verzerrt dargestellt (es sind genau die wohlwollenden Medien, die trotz ein paar besinnlicher „Hätte ich mehr gegen den Klimawandel tun?“ – Aufsätze, einer launig – halbironischen Hofberichterstattung zu „Greta“ und der täglichen apokalyptischen Umweltmeldungen keine Skrupel haben, scham-, hirn – und zukunftslose Titelgeschichten wie „Reisen zum Ich“ mit massiver Werbung der mutmaßlichen Klimawandelverursacher zu garnieren). Wer solche FreundInnen hat, hat trotzdem andere Probleme. 

Wollen wir die einzelnen Punkte dieser (wg. Ergriffenheit etwas holperigen) Richtigstellung durchnummerieren, so, als wären wir im Internet? Au ja.

1.       Nichts an „Friday for future“ ist bequem

Selbst von solidarischer Seite, von anderer ganz zu schweigen, werden die Demonstrationen für den Klimaschutz während der Schulzeit als eine quietschvergnügte, lässige Teeniekiste für die gute Sache angesehen. Die KommentatorInnen rechnen dabei völlig ungerechtfertigterweise von ihrer eigenen Schulzeit hoch, als sie flirtend im Schulcafé Geschi blau machten und sich alibimäßig einredeten, das wäre eine Aktion gegen bspw. völkerrechtliche Kriege. In den bösartigeren Wortmeldungen heißt es dann auch schon einmal, die Schulstreiks wären eine bequeme Art des Schuleschwänzens.

Nun, nicht entschuldigte Fehlzeiten sind nichtentschuldigte Fehlzeiten und werden durch einen guten Grund nicht bequemer, und Fehlzeiten und schulische Leistungen sind für derzeitige Teenager eine Riesensache und ein riesiges Tabu.

Im Gegensatz zu früheren Generationen verfügen sie, leider, nun über gar keinen Rest mehr an gutmütigem Weltvertrauen bzw. Respektlosigkeit gegenüber Fehlzeiten im Zeugnis. Eine bruchlose Schulkarriere gilt, völlig anders als früher, gerade unter den kritischeren SchülerInnen als Königsweg, um massiven Existenzsorgen, entweder Leben im Elend oder in der Korruption (oder beidem) zu entgehen. Sie kommen dazu häufig aus Elternhäusern, die bei allen möglichen Teenagerkapriolen beinahe grenzenloses Verständnis zeigen, mit Ausnahme von selbstverschuldeten Schulproblemen.

Die SchülerInnen leiden und ringen einsam mit sich und bekakeln tagelang in großen Kleingruppen, ob wer wann wie streikt, wie Klima gegen Karriere aufgerechnet werden soll, usw. Das mag alles in alle Richtungen zwei Nummern zu heftig gehandelt werden, aber es sind Teenager. Jedenfalls haben sie in diesem Punkt keinerlei Ähnlichkeiten mit bspw. uns damals.

 

2.       Klimaschutz hat keine echte Lobby

Vor einigen Wochen deutete die Kanzlerin noch an, hinter den Schulstreiks könnte der Einfluss fremder, übelwollender Mächte stehen (mittlerweile hat sie bei dieser Einschätzung eine Kehrtwende vollzogen, vermutlich hat sie in der Zwischenzeit in irgendeiner offiziösen Meinungsumfrage etwas über die breite Sympathie für Greta gelesen). Ein bisschen unklar bleibt, wer ein Interesse an den Protesten haben könnte: Die bekannten klimaskeptischen Schwergewichte China, Russland (mutmaßlich von der Kanzlerin gemeint) und die USA, die sich eine internationale Klimaschutzbewegung so innig wünschen wie eine Choleraepidemie ? Die SPD, die davor warnt, sich angesichts des Klimawandelns zu wenig mit dem Versprechen auf Arbeitsplätze erpressen zu lassen (und weiter nach rechts müssen wir erst gar nicht gucken)?

Wer, außer den tatsächlichen Umweltschutzverbänden, hatte denn in den letzten Jahren noch den Kampf gegen den Klimawandel und seine Auswirkungen als Chefsache auf dem Zettel? Gut, die Deutsche Bahn, aber die hat trotzdem zeitgleich die abgelegeneren Strecken stillgelegt, Flugreisen verkauft und bei Gewinnspielen Eintrittskarten für Automessen und – ausstellungen ausgelost. Es fallen mir mehrere Städte, im Süden, im Norden und in der Mitte ein, die unbeirrt vom Zeitgeist auf kommunaler Ebene offensiv an ihrem CO2 – Ausstoß geschraubt haben und es damit, mit wenigen Ausnahmen, nicht einmal in die Regionalnachrichten geschafft haben. Ansonsten könnte ich noch eine marktbeherrschende Arthouse – Kinokette in Berlin nennen, die recht lautstark mit ihrer ausschließlichen Nutzung von Ökostrom wirbt.

Ansonsten: niemand da, wo sich früher selbst Bierfirmen als RetterInnen des Regenwaldes aufgespielt haben. Durch die Hinterköpfe der PolemikerInnen spukt bei unklaren Vorwürfen gegen die Bewegung wohl die Erinnerung daran, dass die Friedensbewegung vor etwa 40 Jahren im Westen tatsächlich (auch) vom Osten finanziert wurde. Wie so häufig vernebelt die persönliche Biographie da den Blick auf den aktuellen Moment.

Auch und gerade die GRÜNEN haben den Klimaschutz ausgerechnet in den letzten Jahren zumindest auf Bundesebene als Ziel immer so geschickt vernuschelt zwischen anderen versteckt, dass es die für die Zukunft (nicht nur an Freitagen) als Partnerin ausgeguckte CDU nicht um den Schlaf gebracht hat. In vielen Qualitätsmedien stand bis zum erschütternden Sommer 2018 bis auf dürre Berichte über offizielle Klimagipfel und Glossen über die vielen Aspekte von Donald Trumps Ignoranz jahrelang buchstäblich nichts zum aktuellen Klimawandel. Umweltthemen tauchten nur noch auf, wenn sie nicht aus Interviews mit Leonardo Di Caprio, Thom Yorke oder den Ärzten herausgekürzt wurden.

Denn das Klimathema geht dahin, wo es weh tut:

3.       Es geht ans Eingemachte

Die Diskussion um den menschengemachten Klimawandel verkeilt sich an allen Ecken und Enden mit der aktuellen Vorstellungen davon, welcher Luxus das Leben lebenswert macht: Reisen und Streamen. Als Tourist und als Medienkonsument haben wir unserem Selbstverständnis nach immer das Recht auf den totalen Zugriff auf die Welt, über alle materiellen Grenzen hinweg. Das war immer ein vermessene Idee, die mit der Wirklichkeit streng genommen nichts gemein hatte, aber sie war trotzdem mächtig und half über bspw. sinkende Löhne, steigende Mieten und geschlossene Schwimmbäder in der Nachbarschaft hinweg. Wir waren ja, eigentlich, immer woanders, und da trafen sich Elite und Prekariat.

Auch die SchülerInnen, die nach eigener Einschätzung häufig von Standleitungen zu youtube und die Aussicht auf Ferien am Meer am Leben erhalten werden, schneiden sich auf einer kurzsichtigen und oberflächlichen Ebene hier, wie schon bei den Fehlzeiten, ins eigene Fleisch. Und sie konfrontieren die ökologisch bewussteren Eltern unüberhörbar mit deren Doppelmoral: es gibt Ökos, die nicht per Auto oder Flugzeug verreisen, es gibt welche, die so wenig Strom wie möglich für Rechner u.ä. verbrauchen und es gibt die, die bewusst konsumieren (und von alledem gibt es mehr, als manche Qualitätsmedien mit ihren erschütternden Artikeln über „Ein Jahr ohne Weltreise im Selbstversuch“ oder „Ein Monat ohne Smartphone und trotzdem keine gefährlichen Wucherungen am ganzen Körper“  vermuten lassen). Aber alles zusammen ist sehr, sehr selten.

 

4.       Es geht nicht um Greta Thunberg (und nicht um eine Mode)

…sondern es geht um den letzten Sommer. Vielleicht erinnert sich da ja noch jemand dran. Felder und Wiesen waren bleich und verdorrt, in manchen Supermärkten gab es keine Getränke mehr, in anderen wurden Kurzaufenthalte im Kühlraum verkauft. Hier und da platzten Schienen und Straßen auf. In vielen Häusern ohne Klimaanlage wurde Schlaf zum Problem. Noch mehr Menschen rutschte die Gesundheit weg. Neben mir fiel eine Touristin in der U Bahn um. Ein Viertel weniger Kartoffeln als bei der Ernte davor (unumstritten), dafür mindestens zwei volle Wespen – Zyklen (umstritten). Notfallgelder in Milliardenhöhe. Konkreter geht eigentlich gar nicht.

 

5.       Greta Thunberg verstößt gegen jedes Klischee

 

Ja, Greta sieht aus wie aus den 1980ern, aber da sind wir nicht mehr. Heutzutage sehen selbst WaldorfschülerInnen aus, wie es für Hollywoodstars früher zu grell gewesen wäre. Kosmetikprodukte für junge Jugendliche verkaufen sich 10mal mehr als in der Welt vor „Bibi`s Beauty Palace“ (falsch geschrieben? Na hoffentlich!). Greta dagegen sieht aus, als wüsste sie eventuell nicht einmal, was das Wort „Concealer“ bedeutet.

Dazu ist sie störrisch und wenig diplomatisch. Ja, sie wird verehrt, aber auch das in absolutem Kontrast zu den derzeitigen offiziösen Trends bei medialen Vorbildern. Die beliebteste Sängerin ist für Teenies Ariana Grande, deren derzeit beliebteste Single von Champagnern und Juwelen handelt (und auf interessante Art einen klassischen Oldie zersägt, aber anderes Thema).

 

Wir haben es, mit anderen Worten, bei „Fridays for future“ ohne Wenn und Aber mit einer originären und verwirrend idealistischen politischen Massenbewegung von jungen Menschen zu tun. Und das völlig unabhängig davon, ob sie in den Medien gerade als Sau durchs Dorf gejagt, als heilige Kuh für den Nobelpreis vorgeschlagen oder als Quatsch denunziert wird oder ob wir uns von ihr ertappt, provoziert oder bestätigt fühlen. Das müssen wir erst einmal verdauen.

Es gibt Schlimmeres. Immer. Jeden Tag. Und gerade heute.

22. 02. 2019: "ULfI" - Aus dem Leben der Marionetten (23:45)

Es ist ja ziemlich schwer, in der heutigen Welt und Medienwelt jenseits der Nachrichten noch das Gefühl zu bekommen, einem echten, unverfälschten Desaster beizuwohnen – dafür wurden unsere Hirne und Herzen schon zu weit abgeschliffen, btw. davor sind wir doch für die meiste Zeit in unser individuelles Programm geflüchtet. Insofern könnte eine tatsächlich, unbeabsichtigt und unaufregend vergurkte und vergeigte Sendung mit massenhaft Zuschauern ja beinahe wieder eine eigene Faszination entfalten, wenn es nicht in der Natur der Sache läge, dass eine solche Sendung etwa so faszinierend ist wie ein Kleinwagen beim Einparken. Gerade ist „Unser Lied für Israel“ zu Ende, und das mit Abstand Prickelndste an der ganzen Unternehmung war der spontan einnehmende Hashtag „ULfI“. Interessant war sie dennoch, im schlimmsten Sinn, denn einmal mehr und im Eurovisionsrahmen so deutlich wie nie wurde klar gestellt, dass selbst potentielle „ESC“- Teilnehmer in erster Linie qualvoll mit sich selbst identische Abstrampler sind, deren Weg in den innersten Ring des Konkurrenzkampfs immer das eigentliche Werk ist und die HINTER den Kulissen eventuell sympathische oder sogar originelle Menschen sein können. Konkret: Aus sieben Liedern und acht Menschen, die beim besten Willen nur schwer aus einer beliebigen Masse von bspw. acht Liedern oder neun Menschen herausgefunden werden könnten, wurde im Laufe eines langen, noch länger gezogenen, absolut intransparenten Prozedere der Siegertitel ermittelt. Das Gewinnerlied hob sich durch zwei beinahe problemlos erkennbare Merkmale aus der frischen grauen Masse ab: statt einer schönen jungen Person auf der Bühne waren es hier gleich zwei, und das Lied handelte nicht von Liebe, sondern auf dem Papier von weiblicher Solidarität. „S!sters“ sind, wie schamlos immer wieder ausdrücklich betont wurde, ein frisch und herzlos zusammengecastetes Duo aus Betty und Veronica in zu engen Hosen, die üblicherweise sicher sehr gut singen können, aber irgendetwas stimmte mit dem Knopf im Ohr/ dem Monitor beim ersten Durchlauf offensichtlich nicht (was bei einer weniger abgezirkelten Performance sicherlich auch einen Reiz gehabt hätte). Das Lied beschwor im Text die Abkehr vom Konkurrenzkampf, was selbst nach den dissoziierten Maßstäben von Castingshows (und als das war die sich hinschleppende Veranstaltung vor allem aufgezogen) ziemlich verlogen ist und die abgeschlagenen Konkurrentinnen vermutlich wenig getröstet hat (die sich bei den entsprechenden Zeilen nicht bei den Gewinnerinnen unterhakten durften, sondern geschickt für die Kamera isoliert platziert, gedemütigt und grimassierend grinsen mussten). Der Sieg war S!ster 1 zu viel und sie bekam kaum noch einen Ton heraus, weswegen S!ster 2, um nicht als unangenehm kühler Profi rüberzukommen und also im Vergleich zu versagen, dann auf dem Boden trampelte. Natürlich fließen in das Gestalten und Einüben solcher Reaktionen bei heutigen branchenbewussten Performern sehr viel mehr Liebe, Sorgfalt und Probezeit als bspw. in die Beschäftigung mit Musik, aber, und jetzt wird die Sache komplizierter und noch viel perverser, die entgeisterte Freude (in diesem Fall: das Miteinanderherumzappeln bei der erneuten Darbietung des Siegerlieds am Schluss) hatte tatsächlich Charme und eben den Hauch von Authentizität und unbrechbarer Menschlichkeit, mit dem unsere braven KandidatInnen in allen vergleichbaren Rattenrennen die eigene und die allgemeine Korruption veredeln. Ich war (wie vermutlich das ganze Publikum, sofern es zu diesem Zeitpunkt nicht schon geflohen oder eingeschlafen war) von der schluderigen Nicht – Choreographie begeistert und gerührt, weil die Sängerinnen eben doch Menschen waren und ich eben doch ein Mensch bin, und dank solcher punktueller Epiphanien werden solche Sendungen nicht aus dem Programm gejagt. Das Errechnen der Abstimmungs – und Juryergebnisse dauerte ähnlich lang und war mindestens so unverständlich wie das beim „ESC“ – Finale, denn so geht Weltniveau, und Langeweile, Verwirrung und Müdigkeit sind so verlässliche „ESC“ -Marker für die große weite Welt wie die (auch hier wieder großartige) Stimme von Peter Urban. Kurz: Ein letzter Platz ist definitiv wieder drin. Und warum uns das jucken soll oder zumindest kann, schreibe ich dann zum entsprechenden Termin im Sommer auf, für wen auch immer (ich dachte ja schon manchmal, dass „heterosexueller Spexlesender Grand Prix – Fan“ ein recht guter Projektname wäre, bis mir klar wurde, dass dieses Projekt vermutlich ähnlich beliebt werden würde wie ich, sobald ich mich als solcher oute).  

Zur letztmöglichen Krönung des erschöpfenden Abends wurde Udo Lindenberg wieder einmal wider besseres Wissen als Begründer der deutschsprachigen Popmusik bezeichnet und durfte zum ersten Mal wider alles, was gut und heilig ist, angeblich eine Coverversion von „Walk on the wild side“ singen, mit dem unschlagbaren Titel „Der König von Scheißegalien“. Dieses Stück hatte in Text wie Musik so gut wie nichts mit „Walk on the wild side“ gemein, aber die schöne Refrainzeile „Der König von Scheißegalien“ wurde häufig und  nachdrücklich und dann noch einmal und noch einmal mit Lindenbergs geballter übriggebliebener Verve wiederholt, und kein Gott der Popmusik kam auf die Bühne und machte das Licht aus,- aber das hat er ja schon spätestens bei „Truck Stop“ gemacht, und es stört bis heute niemanden.

15.02. 2019 "Girl in the dark"

Ich dachte ja schon, ich hätte langsam genug neue Psychothriller gelesen, aber die Ankündigung von „Girl in the dark“ (Deutscher Untertitel: „Wer sagt deinem Leben, dass es dein Leben ist?“ von R. T. Firefly (Gemeinschaftspseudonym eines einflussreichen schlaflosen New Yorker Lektorenpärchens und seiner Katze) lässt dann doch aufmerken (nicht zu verwechseln mit H. Z. Hackenbushs „A girl`s girl – vielleicht kennst du sie nicht, vielleicht kennt sie die richtig gut, die du nur so ein bisschen kennst“). Nach einem knallharten Bieterwettstreit mit kübelweise Rohdiamanten um die Verfilmungsrechte soll im Sommer tatsächlich mit der Niederschrift des Romans begonnen werden, und was da steht, ,macht neugierig.

„Alice (43) könnte das perfekte Leben haben: Nach einem wilden Studentinnenleben

a)      a)  mit einem Männergesangsverein

b)      b) in einer Pfütze

c)       c) unter Dosensuppensüchtigen

hat sie endlich das Glück gefunden: ihr Ehemann Adam sieht nicht nur blendend aus, sondern verwöhnt sie auch mit Thermomix, Wasabi- Knabbereien und einem Indoor – Delfinarium mit Blick auf den Central Park. Doch der Schein trügt: Alice

a)       a) spritzt sich Spülmittel

b)      b) versteckt sich bei Geräuschen in den Kühlschrank

c)       c) mag keine Hunde,

weswegen jedes zweite Kapitel

a)       a) rückwärts

b)      b) in Jamben

c)       c) von den Teletubbies

erzählt wird. Könnte das etwas mit dem mysteriösen Geheimnis in ihrer Kindheit zu tun haben, von dem wir immer nur die Erinnerung an einen „sehr, sehr langsamen Ententanz“ mitbekommen?

Aber es kommt noch dicker! Direkt vor Alices Schlafzimmerfenster lungert auf der anderen Straßenseite

a)       a) eine kichernde alte Frau mit Maden im Haar

b)      b) ein wahnsinnig gutaussehender 20jähriger Mann aus purem Gold

c)       c) ein Stück Käse

herum und schreit Tag und Nacht: „Ihr Mann ist doof! Ihr Mann ist doof!“

Alice ist beunruhigt, aber Adam tröstet sie: „Ist doch nur Neid! Keine Sorge, erschieße ich nächsten Montag, trink was!“, und endlich, endlich ist wieder alles, alles gut. Doch schon am nächsten Morgen liegt zu Alices Entsetzen

a)       a) eine abgetrennte Hand

b)      b) ein ausgeweidetes Gürteltier

c)       c) ein Sack blutiger Matsch

auf dem prächtigen Frühstückstisch. „Ach das!“, sagt Adam abwehrend. „Das ist doch nur für die Arbeit!“ Er lächelt so warm, aber kann Alice ihm wirklich noch trauen?

Die geheimnisvolle Gestalt auf der anderen Straßenseite schreit immer lauter und plakatiert die Straße mit diversen Fahndungsplakaten, auf denen unter einem Bild von Adam mit blutverschmiertem Mund in zwei Meter hohen Lettern „Vorsicht! Irrer Mörder!“ steht. Irgendwas will das Alice sagen. Die fremde Person entpuppt sich als

a)       a) Adams angeblich tote Schwester, die in einem Pappkarton im Delfinarium lebt und erzählt, dass er seine Eltern mit dem Beil zerteilt hat

b)      b) Adams angeblich tote erste Ehefrau, die verarmt im Gulli einen Gemischtwarenlanden betrreibt und erzählt, dass er ihre Nachbarn mit dem Beil zerteilt hat

c)       c) Adams angeblich toten besten Freund/Geschäftspartner, der als freischaffender Söldner lebt und erzählt, dass Adam ihm seine Firma und seine Beine gestohlen hat und nie ein Beil besessen hat.

„Mit wem redest du da?“, fragt Adam misstrauisch und lässt seine Maske fallen: Kichernd gesteht er Alice, dass sie gar keine Waise ist (und wir japsen noch erschüttert: Eine Waise? Ach, darum der Ententanz!“), er hat nur ihre Eltern schon früh versteckt, denn er will das Geld ihres Großvaters erben und wartet nur darauf, sie entmündigen zu können. Ihre Krankheit ist seine Schuld und wird in Wahrheit dadurch ausgelöst, dass er ihr dauernd Quark mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum untergejubelt hat. Aus Langeweile hat er dazu mit ihrer Schwester, ihrer besten Freundin, ihrer Therapeutin und mit allen Frauen, die sie in der Tanzschule geärgert haben, vor ihren Augen geschlafen (und sie hielt es für ihr Symptom!). Nun stürzt er mit einer Spritze voller Lobotomie auf sie zu, doch er hat Alice unterschätzt! Sie ist im Waisenhaus viel tougher geworden, als wir alle dachten, hat damals den Plattenspieler verstellt, dass der Ententanz zu langsam war und dabei böse gelacht und sperrt Adam jetzt einfach in den Schrank und wirft den Schlüssel weg. In einer kleinen, fiesen Coda trinkt sie ein Glas Champagner und fragt mit gespielter Unschuld: „Adam? Nie gehört!“, und wir bleiben durchgeschüttelt, adrenalinstrotzend, aber durchaus nachdenklich mit einem Lachen im Hals zurück. Die geplante Miniserie bedeutet entweder das aufregende dritte Comeback von Winona Rider oder ein aufregendes neues Image für Elizabeth Banks, und Daniel Craig spielt einen Flaschenöffner.“

 

 

 

01.02. 2019 Erinnerungen an den Klimawandel

 

Vor über 30 Jahren hielt ich, in „Erdkunde“, ein Referat über den Klimawandel. Der zuständige Lehrer, auf beinahe gutmütige Art proper konservativ, schüttelte mit angespanntem Schmunzeln die ganze Zeit den Kopf und konnte kaum an sich halten.

„Also, was denn nun?“, freute er sich verbissen im Anschluss. Er klang wie Kermit, und das war das Sympathischste an ihm (er las angeblich gerne Poe und spielte mit sympathischen Lehrern Poker aber das waren eher hartnäckige Gerüchte. Wovon er stolz und im Unterricht erzählte war, dass er Bleistifte auf dem Schreibtisch nach Länge sortierte). „Wird es jetzt heiß oder kalt? Kommen jetzt Dürren oder Wirbelstürme?“

„Na ja, alles“, murmelte ich halbwegs tapfer, denn ich hatte meine Hausaufgaben gemacht, ausnahmsweise, resp. alle drei schon damals erhältlichen Bücher zum Thema aus der Stadtbücherei ausgeliehen und gelesen. „Wenn die Pole schmelzen, und der CO2 – Ausstoß…“

Ich verhaspelte mich, bis der Lehrer ein angebliches Einsehen hatte (und er mochte mich sowieso nicht):

„Wir sprechen uns in 20 Jahren wieder“, schlug er gütig glucksend vor, „Und dann hast du entweder Recht gehabt oder kommst dir ganz schön dumm vor.“

Wir haben uns, soweit ich weiß, tatsächlich nie wieder gesprochen, in keinem Zusammenhang (und auf das Referat gab es, glaube ich, eine 3+, was so unfair war wie ohnehin die ganze Welt, inklusive Klimakatastrophe, für einen Teenager).

Zu jener Zeit war ich nicht besonders öko, das waren andere, aber der Klimawandel war als Thema bedrückend allgegenwärtig (zumindest unter kritischen jungen Leuten, und das schreibe ich ohne Selbstgefälligkeit). Wir demonstrierten vor Fastfoodketten und schworen einander, auf Autos und Flugzeuge auch als Erwachsene weitgehend zu verzichten. Viele von uns (ich nicht, aber ich fand die Idee immer anheimelnd) zelebrierten Tage oder zumindest Abende ohne Strom (und am Liebsten nicht alleine).

Selbst in guten Publikationen (selbst die „Titanic“ war sich nicht zu blöd dafür) wurde gewitzelt, ein bisschen wärmere Sommer würden im nasskalten Deutschland ja ganz angenehm klingen, und natürlich hieß es auch damals schon, Klimaverändernungen habe es immer gegeben und gerade in Europa.

Und doch argumentierte der Gegenwind völlig anders als heute, nämlich andersherum. Gegen Fastfood zu demonstrieren wäre Blödsinn, denn die Menschen würden ohnehin immer bewusster und vegetarischer einkaufen und essen. Sich gegen Autos einzusetzen war unsinnig, weil die tollen Katalysatoren in Arbeit wären. Gegen das Fliegen zu predigen wäre ohnehin völlige Zeitverschwendung, weil das ein reines Luxusproblem wäre und keinen Kohl fettmachen würde. Selbst snobbige Ärzte, die mit ihrem Jet Set – Leben angeben mussten, flogen nicht häufiger als alle zwei Jahre. Nur Popstars flogen häufiger als alle zwei Jahre (und David Bowie war unter anderem so cool, weil er angeblich nicht flog, auch wenn das bei ihm eher esoterische Gründe hatte), und die lebten halt in einer eigenen verrückten Welt. Darum wäre es überflüssig, wenn ganze Jahrgänge schicke Reisen (wie die sündhaft teure nach Amerika, die ohnehin nur wenige mitmachten) boykottieren würden, morgen wäre es mit alledem ohnehin vorbei, heute sollten sie diese einmalige Möglichkeit doch noch nutzen. Die Skifreizeit (der ich mich wenigstens als Einzelperson verweigern wollte, wenn ich als Schülervertreter trotz einer anderslautenden Umfrage unter Schülern da nichts ausrichten konnte) würde doch ohnehin bald abgeschafft, in naher Zukunft würde mangels Schnee eh` niemand mehr in die Alpen fahren, aber jetzt hingen da halt noch Arbeitsplätze dran, und sollten denn die armen Almbauern leiden?

In den Supermärkten standen Kühe aus Blech, die gemelkt werden konnten, denn das sparte Verpackung.

Habe ich schon erwähnt, dass damals alle Angst vor einer „Öko – Diktatur“ hatten, die ja quasi vor der Tür stand (und selbst ökologisch Interessierte in düsteren Nächten um den Schlaf brachte)?

Um es kurz zu machen: die Katalysatoren funktionierten, aber die Autos produzierten in der Folge guten Gewissens einfach noch viel mehr Abgase. Der Skitourismus verlegte sich auf Kunstschnee und legte erst so richtig los und entwickelte umgekehrt sogar neue Konzepte wie das Snowboarden. Und das Fliegen…ich kann mir nie merken, um wieviel Tausende von Prozenten es im Vergleich in den vergangenen dreißig Jahren tatsächlich zugelegt hat, das mag seinen Grund in mathematischer Überforderung oder Selbstschutz haben. Aber immerhin verschwanden Styroporverpackungen bis heute aus den Fast Food – Läden (nur in Deutschland. Und das hat höchstens indirekt mit dem Klimaschutz zu tun, aber trotzdem – dagegen war demonstriert worden, und die Demonstrationen hatten Erfolg).

Und schon damals hieß es bald, jetzt hätten wir gesamtgesellschaftlich aber mal genug über das Klima spekuliert, nun müsse aber auch mal Schluss sein, denn wir wollten ja auch Autos und Flugzeuge nicht verteufeln.

(Fortsetzung folgt, aber vielleicht aus mathematischer Überforderung oder Selbstschutz nicht beim nächsten Mal)

25.01. 2019: Serien machen keinen Spaß mehr (III)

Was bisher geschah:

In den Jahren seit der Jahrtausendwende sind in Amerika Fernsehserien zum angesagten popkulturellen Medium geworden und nicht zuletzt zur Arena für gesellschaftliche Debatten. Die stilbildenden Fernsehserien wurden in den ersten Jahren dieses angeblich „Goldenen Fernsehzeitalters“ für den ambitionierten Bezahlsender „HBO“ produziert, der von Abonnenten und Rechten lebt und sich nicht für Quoten an sich interessiert. Auf DVD werden diese Serien gemeinsam  mit einer umfangreichen Backlist von Spielfilmklassikern vom Filmversand „Netflix“ ohne Mahngebühren verliehen. Da die Kinofilme zur gleichen Zeit immer teurer und superheldenlastiger werden, wandert die Nische von anspruchsvolleren Filmen für ein etwas älteres Publikum in der für komplexere Stoffe passenden Form von Serien und Mehrteilern vom Kino in Abonnentensender (nach dem Vorbild von HBO versuchen sich auch andere Kanäle wie FX und Showtime an ähnlichen Modellen). In Deutschland schauen hippere Kreise diese Serien, nur ein paar sehr unglückliche Nerds träumen, absolut vergeblich, von vergleichbaren Projekten in Deutschland. Wir spulen vor und landen im hier und heute.

Noch einmal genauer: hier und heute

So unterschiedliche, in etwas unterschiedlicher Hinsicht  spektakuläre Serien wie „The Path“, „Z“, „sense 8“ und „Gotham“ hätten noch vor 10 Jahren das Internet zum Glühen gebracht, hier und heute werden sie als relative Flops eingestellt. HBO muss sich zum ersten Mal in seiner ruhmreichen Geschichte aufgrund von Druck aus der Teilhaberetage für Einschaltquoten interessieren. Das begeisterte Geplapper über Serien ist aus den Medien beinahe so weitgehend verschwunden wie aus der alltäglichen Konversation. Fast jede schaut Serien, fast jeder schämt sich dafür und erwartet davon nichts weniger als Wunderdinge. Bilderstürmer wie Richard Brody von der Onlineausgabe des „New Yorker“ fordern pure Filme, die sich nicht um die literarisierenden Schwerpunkte auf Figuren, Plot, Thema und Alltagspsychologie scheren, für die Serien mittlerweile bekannt sind. Tatsächlich werden Kinofilme (auch aufgrund des nun wesentlich günstigeren Video als neuem Standart) immer länger und unklarer. Neue Streamingangebote sitzen in den Startlöchern, und es erscheint als ausgemacht, dass alleine von den vermutlich im Lauf des Jahres direkt miteinander konkurrierenden Platzhirschen Netflix, Amazon, Hulu, Showtime, mubi, Disney und Apple mittelfristig nicht alle überleben werden. Unbeirrt propagieren die deutschen Produzenten zeitgleich nach den (internationalen) Achtungserfolgen mit „Babylon Berlin“ und „dark“ bei Netflix ein deutsches Serienwunder.  

Warum das alles nicht hinhaut

Die kleine Revolution von HBO lässt sich aus mehreren Gründen nicht beliebig wiederholen oder verlängern: Sex, Gewalt, Gesellschaftskritik und Bilder in high definition lassen sich halt nur einmal zum ersten Mal ins Fernsehen bringen.  Das europäische und nicht zuletzt das deutsche Fernsehen kannte dagegen schon seit Jahrzehnten Sex, Gewalt und Gesellschaftskritik – und wartete bis zur Jahrtausendwende auch mit einem Bild mit mehr Bildzeilen auf. Auch die mehr oder weniger offen eingestandene politische Agenda der meisten Prestigeserien um die Jahrtausendwende hat sich in gewisser Weise überlebt – damals war es darum gegangen, den zweiten Bush abzulösen, schließlich darum, Obama ins weiße Haus zu kriegen. Die Beschäftigung mit (ja, da müssen wir durch) weißen, alten Anti – Helden hat in den Zeiten von Präsident Trump an Biss und Optimismus verloren. Das plusminus als aktuelle Klammer für Prestigeserien dienende Programm, Geschichten von Identitätskämpfen zu erzählen kann aus den auch sonst mit der Identitätsproblematik zusammenhängenden Fragen (die ich hier jetzt auch nicht mit einem Satz abwatschen will) keinen verbindenden Drive entfalten. Die Qualitätssprünge bei technischen Aspekten lassen sich nicht ganz vom finanziellen Aufwand trennen, es bleibt abzuwarten, wieviel an neuer Ästhetik mit schrumpfenden Budgets möglich sein wird. Die kleinen Quantensprünge beim filmischen Erzählen lassen sich dagegen nicht rückgängig machen und werden vermutlich weiterhin möglich sein, bei einer um sich greifenden zynischen Larifari- Haltung (siehe „Maniac“, „American Horror Story“ oder die späteren Staffeln von „Mr. Robot“ und „Westworld“) verkehren sie sich allerdings in ihr Gegenteil: sie drücken weniger aus und stoßen weniger an als das klassische Hollywooddrehbuch von 1940.

Jetzt stellen kluge Menschen vielleicht die berechtigte Frage:

„Kann es nicht trotzdem weiterhin unter dem ganzen Wust einfach ein paar tolle Serien geben, viel mehr als vor bspw. 20 Jahren? Es erscheinen ja auch Jahr um Jahr Tausende von guten Büchern und hunderte darunter sind innovativ erzählt. Es gibt brillante Hörstücke, berückende und berührende Comics und immer wieder auch ein erschütterndes Videospiel, es gibt auf dieser Welt nun wirklich keinen Mangel an neuen und komplexen Geschichten. Im Gegenteil, wir brauchen sie mehr denn je. Und was eine Fernsehserie kann ist nach schlappen 20 Jahren des halbwegs systematischen Ausprobierens ja nun wirklich noch nicht ausgereizt worden.“

Aber damit landen wir leider wieder beim Geld. Kinofilme sind teurer denn je, und in der Folge sind auch Fernsehserien teurer denn je. Ähnlich wie im Kino setzen Studios, die es sich leisten können, auf astronomische Budgets. Die letzte Staffel von „Game of Thrones“, die angekündigten Serien von „Star Wars“ und „Herr der Ringe“ werden schon jetzt als Rekordproduktionen von nie gekanntem Aufwand gehandelt. Eine Reihe von (hervorragenden) Arthouse – Regisseuren etabliert sich als eine Art Elite unter den Serienregisseuren, was entsprechende Folgen hat, auch wenn der Schwerpunkt bei Serien auf den Autoren liegt (unter denen sich aber auch wenige Starautoren herausschälen). Keine der „klassischen“ Serien der letzten 20 Jahre hat mit echten Filmstars aufgewartet, nun drängeln sie sich in die Neuerscheinungen. Das Korsett bspw. einer Dialogszene in einer Serienfolge (1-5 Minuten, darunter sie sie kurz, darüber lang) lässt sich nicht mit der Freiheit bpw. der Prosa vergleichen (die gleiche Szene kann eine Länge von zwei Sätzen bis zu über 30 Seiten haben, ohne als kurz oder lang aufzufallen), von Cliffhangern, Redundanzen, Running gags und tausend logistischen und materiellen Einschränkungen bei der Fernsehserienproduktion ganz zu schweigen. Kurz: Vermutlich werden Fernsehserien erst einmal nicht mutiger werden, in der nahen Zukunft stärker und vorhersehbarer brav Zielgruppen bedienen als zu ihrer gerade vorbeigegangenen großen Zeit, auch das Publikum wird sich mehr und mehr auf die ihm scheinbar passenden Nischen beschränken. Und das werden voraussichtlich nicht alle Nischen überstehen. Tolle Serien wird es trotzdem weiter geben, aber es gibt ja auch immer noch Konzeptalben in der Popmusik, sie haben nur nicht die Welt und ihre Hirne aus den Angeln gehoben, wie es um 1970 vorausgesagt wurde.

Und zum Dampfablassen nach all den mit Serien verbrachten Stunden hier mein kleines, persönliches worst of der vielversprechenden neuen Serien aus den letzten Jahren (einigermaßen begeistert bin ich, falls es jemanden im Kontrast interessiert, übrigens von den – nicht neuen –  aktuellen Serien „Legion“ und „Crazy Ex- Girlfriend“):

 

Berlin Babylon: Heutigen amerikanischen Serien stehen üblicherweise Drehbuchautoren vor. Berlin Babylon demonstriert, warum: drei nicht unbedingt als Drehbuchschreiber verehrte Regisseure kriegen es als ihre eigenen Autoren und als Diemitdermacht hin, aus einer mehrfach erprobten, grundsoliden Krimi(!)vorlage voller farbiger Figuren irgendetwas hübsch Buntes ohne erkennbare Fabel, ohne Spannung und ohne Charaktere zu zaubern. Wenn das die Zukunft des deutschen Fernsehens ist, brummen bald wieder die Kinos (wäre ja auch was).

Homecoming: Julia Roberts ist klasse, aber das wussten wir ja schon. Eine 25minütige schlappe Twilight Zone – Folge über eine dusselige Regierungsverschwörung, ausgewalzt auf 5 Stunden, besinnungslos gestopft mit einer Masse von Szenen, Einstellungen und Soundtracks aus anderen Werken und darum eigentlich eher ein Filmquiz auf der vergeblichen Suche nach einer Moderation (Julia Roberts?).

Bodyguard: Der stumpfe Gute, die kinky Lady, die Pflicht und die Terroristen – was für das untere Regal einer Videothek in den 90ern, nur länger.

The Romanoffs: Eineinhalbstündige Kurzgeschichten, manchmal sogar mit Pointe, fast wie die alten Episoden mit Carl Heinz Schroth in lang, leider lenkt die tolle Ausstattung ab.

You: Als Buch der beste und böseste Psychothriller diesseits von „Gone Girl“, dabei fragwürdig und von misanthropischer Moral: Alle Menschen sind furchtbar, manche sind gefährlich. Quintessenz der Serie dagegen: Schöne Menschen sind sexy. Und irgendwas mit Mord. Und stalking ist gar nicht so romantisch, wie vielleicht irgendwer gedacht hat.

Forever: Ein glanzlos neurotisches Paar geht sich erst im Diesseits, dann im Jenseits auf die Nerven. Und uns erst.

Maniac: Die Serie mit den virtuellen Realitäten. Das hätte mal gut werden können (wenn nicht müssen). Ein solches Projekt stand längst an (und ich hätte vermutlich einen Arm dafür gegeben, an so etwas mitzuarbeiten). Es ist natürlich schon eine Leistung, Jonah Hill den Witz und Emma Stone den Glam auszutreiben. Macht diese unfröhlich verfranzte, dumpf prätentiöse Strapaze aber auch nicht guckbarer, wirklich nicht.  

The Chilling Adventures of Sabrina: Ein Kindercomic aus den 1950ern, bzw. eine Familysitcom aus den 1980ern neu erzählt mit herausgerissenen Herzen, Häutungen bei lebendigem Leib und bizarr deplatzierten Lippenbekenntnissen zu Feminismus, sowie Trans- und Inter-Empowerment (z. B. werden homophobe Deppen dazu gezwungen, einander zu küssen- und mit den Aufnahmen davon erpresst).  Noch bizarrer als alles im Bild: amerikanische Satanisten haben erfolgreich gegen die ungenehmigte Verwendung eines ihrer religiösen Symbole geklagt und kassieren mittlerweile dafür Lizenzgebühren. Auch lustig: Jeff aus „Coupling“ spielt den Schurken. Weniger lustig (in meinen lahmen Augen/Ohren): Die Hymne von Sabrinas Hexenschule ist die echte Hymne der echten Manson – Family (obwohl meines verschnarchten Wissens nach Mansons Songs trotz des heraufdämmernden Tarrantinofilms zum Thema nach wie vor nirgendwo verwendet werden dürfen). Okay, die letzte „Buffy“ Staffel war damals doch nicht so schlecht.  

 

 

 

 

 

 

 

  

18. 01. 2019 Serien machen keinen Spaß mehr (II)

Was war?

Wir spulen zurück und befinden uns in den Jahren nach dem 11. September. In den USA formiert sich immer deutlicher eine ungewöhnlich nachdenkliche Opposition gegen die Politik des Präsidenten George W. Bush. Sie liest kluge Reflektionen über die Sollbruchstellen des amerikanischen Traums wie „Die Korrekturen“. Sie geht nach dem Mainstreamrutsch der viele Jahre später in Ungnade fallenden Weinsteins kaum noch ins Kino (leider auch nicht in die tollen Filme, die u. a. „focus features“ zu dieser Zeit produzieren), obwohl sie mit den „X Men“ und „Spider Man“ – Filmen nach zum Teil jahrzehntelangem (zumindest behauptetem) Widerstand gegenüber Superhelden über diese Filme (vor allem über den heillos überschätzten „Spider Man 2“) aufgegeben hat. „Bildungsbürger“ ist nicht ganz verkehrt, aber klingt dann doch zu elitär und gesetzt für bspw. die überraschend breite Begeisterung für Green Days punkige Konzeptpolemik „American Idiot“ oder den krachledernen Enthüllungsdrive eines Michael Moore. Zur Kunstform der Stunde, das die inneramerikanische Diskussion (die häufig innerhalb eines einzelnen Kopfes ausgetragen wird) führt und auf eine andere Ebene bringt, avanciert die Fernsehserie. Das hat, wie erwähnt, auch technische Gründe: mit der DVD existiert zum ersten Mal ein Speichermedium für audiovisuelle Inhalte, bei dem die abgerufene Aufnahme mindestens so gut aussieht wie eine Fernsehausstrahlung.  Da die als wichtig wahrgenommenen Serien zum großen Teil im Pay TV ausgestrahlt werden (zu einem großen Teil tatsächlich in einem Abonnentenkanal: HBO) und häufig nicht mehr in deutlich voneinander getrennten Episoden erzählt werden, setzt sich das „Bingewatrching“ auf DVD als verbreitete Rezeptionsweise durch. Das wiederum erleichtert ein neuer Verleihservice namens „Netflix“, der DVDs nach Hause schickt, die zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt gegen neue ausgewählte DVDs umgetauscht werden können. Netflix` Hits sind dabei alte Filme und neue Serien. Kultur aus anderen Ecken der Welt, nicht zuletzt aus Europa, spielt bei diesem amerikanischen Selbstgespräch kaum eine Rolle, und entsprechend amerikanisch werden die neuen Serien: plot – und figurenlastig, psychologisierend, grundsätzlich didaktisch, also in allem das Gegenteil von bspw. Filmkunst aus katholisch geprägten Ländern. Sie erzählten von mehr oder weniger sympathischen Anti – Helden, und warum die nicht anders konnten oder von kleinen Gemeinschaften, die versuchten, anders zu können. Leidlgich eine der als heiß geltenden Serien gab sich damals dabei nicht als (skeptisch, unglücklich) progressiv: das schrille Thrillerexperiment „24“, das sich aber zum einen immer noch als irgendwie kritisch lesen ließ (so missverstand es angeblich auch der Hauptdarsteller), zum anderen aber auch direkt Unterstützung vom Militär bekam und sogar als Speerspitze eines rechtsgerichteten neuen TV – Senders dienen sollte (daraus wurde nichts). Nur in einem kleinen Teil dieser Serien spielten faszinierend kaputte Männer in mittleren Jahren die entscheidende Rolle, aber das waren die, auf die viele Kritiker abfuhren und die besonders ausgiebig besprochen wurden – Rezensionen für einzelne Episoden beliebter Serien setzten sich damals in einigen amerikanischen Printmedien durch (vom Internet ganz zu schweigen). Deutsche Medienmacher schielten neidisch über den großen Teich und mussten sich verbittert eingestehen, dass die Situation in Deutschland eine völlig andere war: die angeblich so günstigen Serien waren nach hiesigem Maßstab immer noch nicht finanzierbar, die beliebten Charakterdarsteller an der Schwelle zum Startum wollten hierzulande in Kinofilmen spielen, und die Zuschauer waren nicht an lange dramaturgische Bögen gewöhnt. Das war sehr frustrierend, da staute sich etwas auf. Und nun, 10- 20 Jahre später, darf es explodieren, ein bisschen, kontrolliert, weil „Netflix“ und die anderen Streamingdiensten nach Programmen aus aller Welt für alle Welt suchen.

Was ist?  

Amerikanische Fernsehserien waren eine sich auftuende Nische, ein Restessen, das zur Delikatesse verfeinert wurde, und das Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung. Vom Hollywooddrehbuch zur Miniserie zum horizontalen Erzählen in Fernsehserien in Verbindung mit Modellen aus der amerikanischen Gegenwartsliteratur war es ein langer, dialektischer Prozess, - und trotzdem sind die neuen Fernsehserien nach nicht einmal zwanzig Jahren schon längst in der Spätphase angekommen und nerven vor allem. In Amerika wird gerade wieder das episodische Erzählen entdeckt, da will in Deutschland endlich auch jemand Sopranos spielen. Und die Serien, die zur Zeit für Hollywood günstiger sind als die kniffligen Superheldenfilme, würden in Deutschland mittlerweile erst recht jedes Budget sprengen. Wenn in Deutschland für „Babylon Berlin“ 40  Millionen zusammengekratzt werden, heißt das, dass dafür 20 Kinofilme nicht gemacht werden, - in den USA bedeutet eine Serie für 40 Millionen, dass das Geld für die Anfangssequenz eines James Bonds statt dessen in 10 Stunden Unterhaltung mit versierteren Autoren, beliebteren Schauspielern und teureren Ausstattern und Kameraleuten gesteckt wird. Entsprechend gegensätzlich sind die Rollen, die Fernsehserien im jeweiligen Kontext spielen: Amerikanische Serien sind spezieller und in inhaltlicher Hinsicht wesentlich ambitionierter als Kinofilme, sie haben zu weiten Teilen die Rolle der Arthouse – Programme übernommen (und machen trotzdem keinen Spaß mehr, aber dazu später). „Babylon Berlin“ und „Das Boot“ dagegen geben sich stolz als die teuersten Produkte der ganzen Branche aus (was nicht einmal stimmen muss), schielen auf die größtmögliche Kommerzialität und den kleinsten gemeinsamen Nenner (ja, natürlich, „Babylon Berlin“ hätte noch gefälliger sein können: die Macher hätten ja auch darauf warten können, das nach den Buchbestsellern, den Hörbucherfolgen und den überdurchschnittlich gut verkauften Comics erst noch eine Videospielserie und ein Musical für Stadtfeste gemacht wird, bevor sie sich an die Verfilmung trauten, und sie hätten aus der zweiten Hauptfigur eine Varietesängerin oder Stripteasetänzerin und Gelegenheitsprostituierte machen können anstatt eine Gelegenheitsprostituierte, die auch gerne mal tanzt und singt, und sie hätten sie von Lotte auch gleich in Lilli, Lolal oder Lulu umbenennen können).  Die deutsche Medienbranche will einfach dabei sein, und wenn das Gebührenerhöhungen, das Einstellen aller anderen Sendungen bis auf  „Tagesschau“ und „Tatort“ und eine Zusammenarbeit zwischen Pro Sieben und dem Kika, Springer und dem „Vorwärts“, Charleys Tante und Schmidts Katze bedeutet. Das ist wie mit weißrussischen Eurovision Song Contest, bei denen für die Bühnenausstattung die eine Hälfte der jährlichen Wirtschaftsleistung verballert wird, für die Kostüme die andere. Das neureiche Kind bringt zum Grillwettbewerb seine zwei Köche mit und bettelt um eine Teilnehmerurkunde. Vor diesem Hintergrund ist die Frage falsch gestellt, ob Fernsehserien aus Deutschland Weltniveau erreichen werden. Wenn der ganze Betrieb mit anschiebt, können sicherlich auch in Zukunft zwei oder drei oder zehn Serien pro Jahr bei „Netflix“ landen, die dort niemanden stören, ein paar Fans und auch mal einen wichtigen internationalen Preis kassieren. Die schrillen Zwanziger sind natürlich nicht ewig melkbar, und „Das Boot“ und „Das Parfüm“, die aktuellen Hypekandidaten, gehen zwar auch ordentlich auf Nummer sicher, aber passen nicht so passgenau zum Zeitgeist. Vielleicht kommt ja auch alles anders und wird ganz toll, aber irgendeine auch nur annähernd mit der Situation in den USA vergleichbare organische Entwicklung und  Neuerfindung der Form kann ich mir im Moment einfach  nicht vorstellen. Ob „4 Blocks“ jetzt gut ist oder nicht (ich mag es nicht), es beschäftigt die medieninteressierten Menschen zumindest nach meiner Erfahrung nicht, sondern sie nehmen es sich vor, damit beschäftigt zu sein, und auch die angeblichen Fans reden lieber über die Bedeutung der Serie für die deutsche Serienlandschaft als über ihren Inhalt. Ich bin kein Sportschauer, aber soweit ich weiß, ist es ein sehr schlechtes Zeichen, wenn die Fans wie Trainer reden. Und ist das überhaupt eine Weltmeisterschaft (und wie werden die Mannschaften eingeteilt)?

(Fortsetzung folgt)

 

11.01. 2019 Serien machen keinen Spaß mehr (I)

„Du willst darüber schreiben, dass der Serienboom vorbei ist?“, pampt mich ein sehr kluger Mensch in meiner Nähe an. „Das wissen doch alle. Schreib` lieber was über deine Vermieter.“

„Und warum tun dann alle noch so als gäbe es bei Serien gerade Neuanfang und Goldgräberstimmung?“

„Pfff. Das sind doch nur die deutschen Produzenten. Die müssen halt auch immer irgendwas behaupten, und das glaubt sowieso keiner.“

Ich bin mir nicht so sicher. Klar, auch in Deutschen Feuilletons wird mittlerweile das Überangebot an Serien (zwischen 450 und 500 neue Staffeln im letzten Jahr) und der heraufziehende Kampf der Streaming – Portale berichtet (Disney und Apple puzzeln derzeit ihre neuen Angebote zusammen). Aber in der Nachbarschaft kämpfen rührige Buchläden und eine legendäre Programmvideothek um ihre Existenz, im repräsentativeren Rest des Landes sterben die Kinos, und kurz vorm Jahresende sprach ich mit einem aufgebenden Videothekar in der Provinz (und kaufte „Ich – einfach unverbesserlich“ zu einem beschämenden Preis).

„2018 war der Einschnitt“, sagte er, „Da war klar: ich halte nicht mehr durch. Und der Grund ist das streaming.“

Und da scheint etwas dran zu sein, zumindest werden anscheinend mittlerweile auch die Romanleser und Theaterabonnenten einerseits, die Privatsenderseher andererseits vom Streamingfieber angesteckt und mitgerissen, und es mischen sich selbst Menschen ins Gespräch ein, die sich früher dabei noch die Ohren zuhielten und trotzig die Namen ihrer Lieblingskinos sangen.

Die Kulturtechnik „Streaming“ ist also in aller Munde, aber die einzelnen Serien sind es nicht. Ich erinnere mich an die stundenlangen Monologe, mit denen mich Menschen früher (erfolglos) für „The Sopranos“ und (erfolgreich) für „The Wire“ begeistern wollten oder mit denen ich umgekehrt erst vor wenigen Jahren andere zu „Bojack Horseman“ und „Les revenants/The returned“ bekehren wollte. Heute dagegen wird irgendwann bei fehlenden Themen oder fehlender Lust zum Streit schlapp in eine lustige Runde gerufen: „Weiß irgendwer noch eine Serie, die sich vielleicht lohnt?“

Und über kaum etwas tauschen Leute sich versöhnlicher aus als über die Erleichterung, wenn eine Serie bis auf „nur noch“ zwei, drei, vier Stunden endlich weggeguckt und abgehakt ist. Begeisterung geht anders, eine kulturelle Revolution eigentlich auch.

Wie war das noch einmal?

Vor dem Beginn des „Goldenen Fernsehzeitalters“ (das amerikanische Kritiker grob etwa mit dem Beginn der „Sopranos“  1999 datieren, auch wenn viele großartige Serien in den Jahren davor entstanden) standen ein paar Grenzverschiebungen bei der Filmproduktion, die das bis dahin gängige Nutzungsverhalten ordentlich durcheinanderwirbelten: Um die Jahrtausendwende stand mit der DVD zum ersten Mal ein Speichermedium für Filme zur Verfügung, das auf der einen Seite handlich war (auf wen jemals ein Regalbrett voller VHS – Kassetten heruntergeprasselt ist, weiß, was ich meine), auf der anderen Seite eine Bildqualität aufwies, die nicht objektiv schauderhaft war (ich habe jahrelang mit dem vergeblichen Versuch zugebracht, die Bildqualität einer guten Fernsehausstrahlung annähernd bei einer Aufnahme auf VHS zu retten- es ging einfach nicht). Mögen viele digitalisierte alte Filme auch gespenstisch clean aussehen, sie ließen sich per Post verschicken, rissen nicht bei Standbild, mussten nicht gespult werden und sahen nicht aus wie eine Ansammlung elektronischer Hüllen in fahlen Farben. Parallel dazu schossen die Herstellungskosten für Kinofilme in astronomische Höhen, und das aus dem gleichen Grund: die Digitalisierung ermöglichte neue Bilder aus dem Computer, die wollten aber nun auch fast alle Produktionsfirmen präsentieren, fast alle Zuschauer sehen, und die Programmierer davon wurden gut bezahlt. Vorbei war die Zeit, als die unterm Strich erfolgreichsten Filme Beziehungskomödien und Psychothriller gewesen waren und auf Spezialeffekte weitestgehend verzichtet hatten. Vorbei auch die Zeit, in der nur alle drei bis fünf Jahre ein potentiell erfolgreicher abendfüllender Animationsfilm erschienen war. Nun drängten sich die „Star Wars“ – Prequels, die „Matrix“ – Filme, „Harry Potter“ und „Der Herr der Ringe“ in den Kinos, „Spider Man“ und die „X Men“, randständigere Superhelden wie „Hellboy“ und „Blade“, und „Disney“/“Pixar“ kämpfte mit den neuen „Dreamworks“ – Studios immer wieder aufs Neue um den neuen „erfolgreichsten Animationsfilm aller Zeiten“. Der dritte Teil von „Spider Man“ galt eine Zeit lang als teuerster Film aller Zeiten: gerüchteweise sollte er zwischen 250 und 300 Millionen Dollar gekostet haben – diese Marke wurde seitdem diverse Male geknackt. Gleichzeitig wurde durch ein schnelleres Internet die Verbreitung von Raubkopien zu einem immer bedrohlicheren Phänomen. Angefangen mit „Star Wars: Die dunkle Bedrohung“ legten Filmstudios in der Folge den Kinos die Daumschrauben an: sie mussten mehr als bisher von den Einnahmen abtreten, mehr Vorstellungen ansetzen, sich faktisch auf mehrere Filme im Paket verpflichten und faktisch wenig von der jeweiligen Konkurrenz spielen (eine Situation, die es zuletzt in den 50er Jahren gegeben hatte und die vom Kartellamt damals verboten worden war). Auch die Filme, die nicht zwangsläufig auf digitale Effekte angewiesen waren, setzten vorsichtshalber darauf, so dass die Filmproduktion auch insgesamt im Zuge der Digitalisierung nicht etwa günstiger, sondern sehr viel teurer wurde. Nur in einigen wenigen Nischen ließ sich nun mit mehr Geld mehr drehen, wie etwa pseudo- dokumentarischen Horrorfilmen, die entsprechend boomten. Für die sogenannten „mittleren“ Filme, aus denen sich Kultfilme und Überraschungshits rekrutieren ließen, die Pretty Women, Dirty Dancings, Basic Instincts usw., war mit einem Mal kein Geld mehr übrig. Ausgerechnet sie galten jetzt als riskant: Originalstoffe ohne auffälligen „Wow“ – Effekte mit jeder Menge teurer Stars, die nach Drehtagen bezahlt wurden, in einer Branche, die für die Filmherstellung immer häufiger Jahre veranschlagte (jahrelange Dreharbeiten sind natürlich eine absolute Seltenheit, außer in der Animation, aber CGI ließ die Grenze zwischen Dreharbeiten und Postproduktion verschwimmen). Nicht zuletzt ließen sich die „mittleren Filme“ zumindest auf den ersten Blick nicht so gut übersetzen und international vermarkten wie die effektlastigen (in meinen Augen ein Trugschluss, aber das ist ein anderes Thema): sie setzten spezifisches kulturelles Wissen beim Publikum voraus. Als Abspielstätten setzten sich auch in Gebieten mit guter Infrastruktur Multiplexe durch, und die waren offensiv Erlebniswelten vor allem für Teenager. Kurz: das klassische Kinopublikum der 70er, 80er, 90er (und seine zeitgenössische junge Entsprechung) kam im Kino für deutlich mehr Geld als früher nicht mehr auf seine Kosten, und das unter johlenden Teenagern. Die Welt war verrückt und gefährlich, wer alt genug dazu war, blieb mehr und mehr zu Hause. Und dort lief im Fernsehen zumindest auf den amerikanischen klassischen Kanälen Reality- Schund.

HBO

In diese Misere preschte nun der ambitionierte Bezahlsender HBO („Home Box Office“). Serielles Erzählen hatte es vermutlich schon immer gegeben, Fernsehserien mauserten sich seit Ende der 80er zu einer immer komplexeren Erzählform. HBO war bereits seit den späten 80ern einem Mix aus Filmen und provokanten Eigenproduktionen aufgefallen. Und nun gab der Sender, während der zweite Bush ein wenig geliebter Präsident war, dem plusminus Bildungsbürgertum ein Zuhause (dieses mehroderweniger Bildungsbürgertum war wesentlich filmaffiner als seine deutsche Entsprechung). Zum Erfolgsrezept gehörten dabei nicht zuletzt Sex und Gewalt. Das herkömmliche amerikanische Fernsehen war vor allem bei Sex, aber auch bei schlechten möglichen Rollenvorbildern viel, viel strenger als bspw. das zeitgleiche deutsche. Bei HBO ging es folgerichtig vergleichsweise derb zur Sache, auch und gerade bei nachdenklichen und anspruchsvollen Serien ,- das Aushängeschild zeigte Folter und nackte weibliche Brüste und parallel dazu auf gebrochene Figure, lange Handlungsstränge, surreal angehauchte Szenen und komplexe Bezüge zwischen den einzelnen Folgen (nein, ich wurde trotzdem nie damit warm und habe nie eine Staffel von A bis Z gesehen). „Six feet under“ die vielleicht literarischste der großen HBO – Serien (dazu das nächste Mal mehr) eröffnete jede Folge mit einem absurden Todesfall und thematisierte in jeder Folge zumindest eine Spielart obsessiver und unkonventioneller Sexualität (auch die von der Serie betont ernsthaft behandelte Homosexualität musste bei aller fortschrittlicher Agenda immer zu dieser höchst ambivalenten Prickelquote beitragen), und manchmal waren Menschen vor der Kamera nackt.

In gewisser Hinsicht war all das nur eine neue Stufe in der Entwicklung der amerikanischen Fernsehserie. Aber trotzdem sprachen Kritiker von einem „Goldenen Fernsehzeitalter“ und machten an einer Handvoll HBO – Serien eine neue Qualität fest, die bspw. wöchentliche Rezensionen und Diskussionen im Internet erforderte. Die Kritiker konzentrierten sich bei ihren ausuferndsten Hymnen dabei auf Variationen einer damals brandaktuellen Geschichte: der Selbstprüfung eines Anti – Helden.    

(Fortsetzung folgt)

 

18.01, 2019 Serien machen keinen Spaß mehr (II)

Was war?

Wir spulen zurück und befinden uns in den Jahren nach dem 11. September. In den USA formiert sich immer deutlicher eine ungewöhnlich nachdenkliche Opposition gegen die Politik des Präsidenten George W. Bush. Sie liest kluge Reflektionen über die Sollbruchstellen des amerikanischen Traums wie „Die Korrekturen“. Sie geht nach dem Mainstreamrutsch der viele Jahre später in Ungnade fallenden Weinsteins kaum noch ins Kino (leider auch nicht in die tollen Filme, die u. a. „focus features“ zu dieser Zeit produzieren), obwohl sie mit den „X Men“ und „Spider Man“ – Filmen nach zum Teil jahrzehntelangem (zumindest behauptetem) Widerstand gegenüber Superhelden über diese Filme (vor allem über den heillos überschätzten „Spider Man 2“) aufgegeben hat. „Bildungsbürger“ ist nicht ganz verkehrt, aber klingt dann doch zu elitär und gesetzt für bspw. die überraschend breite Begeisterung für Green Days punkige Konzeptpolemik „American Idiot“ oder den krachledernen Enthüllungsdrive eines Michael Moore. Zur Kunstform der Stunde, das die inneramerikanische Diskussion (die häufig innerhalb eines einzelnen Kopfes ausgetragen wird) führt und auf eine andere Ebene bringt, avanciert die Fernsehserie. Das hat, wie erwähnt, auch technische Gründe: mit der DVD existiert zum ersten Mal ein Speichermedium für audiovisuelle Inhalte, bei dem die abgerufene Aufnahme mindestens so gut aussieht wie eine Fernsehausstrahlung.  Da die als wichtig wahrgenommenen Serien zum großen Teil im Pay TV ausgestrahlt werden (zu einem großen Teil tatsächlich in einem Abonnentenkanal: HBO) und häufig nicht mehr in deutlich voneinander getrennten Episoden erzählt werden, setzt sich das „Bingewatrching“ auf DVD als verbreitete Rezeptionsweise durch. Das wiederum erleichtert ein neuer Verleihservice namens „Netflix“, der DVDs nach Hause schickt, die zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt gegen neue ausgewählte DVDs umgetauscht werden können. Netflix` Hits sind dabei alte Filme und neue Serien. Kultur aus anderen Ecken der Welt, nicht zuletzt aus Europa, spielt bei diesem amerikanischen Selbstgespräch kaum eine Rolle, und entsprechend amerikanisch werden die neuen Serien: plot – und figurenlastig, psychologisierend, grundsätzlich didaktisch, also in allem das Gegenteil von bspw. Filmkunst aus katholisch geprägten Ländern. Sie erzählten von mehr oder weniger sympathischen Anti – Helden, und warum die nicht anders konnten oder von kleinen Gemeinschaften, die versuchten, anders zu können. Leidlgich eine der als heiß geltenden Serien gab sich damals dabei nicht als (skeptisch, unglücklich) progressiv: das schrille Thrillerexperiment „24“, das sich aber zum einen immer noch als irgendwie kritisch lesen ließ (so missverstand es angeblich auch der Hauptdarsteller), zum anderen aber auch direkt Unterstützung vom Militär bekam und sogar als Speerspitze eines rechtsgerichteten neuen TV – Senders dienen sollte (daraus wurde nichts). Nur in einem kleinen Teil dieser Serien spielten faszinierend kaputte Männer in mittleren Jahren die entscheidende Rolle, aber das waren die, auf die viele Kritiker abfuhren und die besonders ausgiebig besprochen wurden – Rezensionen für einzelne Episoden beliebter Serien setzten sich damals in einigen amerikanischen Printmedien durch (vom Internet ganz zu schweigen). Deutsche Medienmacher schielten neidisch über den großen Teich und mussten sich verbittert eingestehen, dass die Situation in Deutschland eine völlig andere war: die angeblich so günstigen Serien waren nach hiesigem Maßstab immer noch nicht finanzierbar, die beliebten Charakterdarsteller an der Schwelle zum Startum wollten hierzulande in Kinofilmen spielen, und die Zuschauer waren nicht an lange dramaturgische Bögen gewöhnt. Das war sehr frustrierend, da staute sich etwas auf. Und nun, 10- 20 Jahre später, darf es explodieren, ein bisschen, kontrolliert, weil „Netflix“ und die anderen Streamingdiensten nach Programmen aus aller Welt für alle Welt suchen.

Was ist?  

Amerikanische Fernsehserien waren eine sich auftuende Nische, ein Restessen, das zur Delikatesse verfeinert wurde, und das Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung. Vom Hollywooddrehbuch zur Miniserie zum horizontalen Erzählen in Fernsehserien in Verbindung mit Modellen aus der amerikanischen Gegenwartsliteratur war es ein langer, dialektischer Prozess, - und trotzdem sind die neuen Fernsehserien nach nicht einmal zwanzig Jahren schon längst in der Spätphase angekommen und nerven vor allem. In Amerika wird gerade wieder das episodische Erzählen entdeckt, da will in Deutschland endlich auch jemand Sopranos spielen. Und die Serien, die zur Zeit für Hollywood günstiger sind als die kniffligen Superheldenfilme, würden in Deutschland mittlerweile erst recht jedes Budget sprengen. Wenn in Deutschland für „Babylon Berlin“ 40  Millionen zusammengekratzt werden, heißt das, dass dafür 20 Kinofilme nicht gemacht werden, - in den USA bedeutet eine Serie für 40 Millionen, dass das Geld für die Anfangssequenz eines James Bonds statt dessen in 10 Stunden Unterhaltung mit versierteren Autoren, beliebteren Schauspielern und teureren Ausstattern und Kameraleuten gesteckt wird. Entsprechend gegensätzlich sind die Rollen, die Fernsehserien im jeweiligen Kontext spielen: Amerikanische Serien sind spezieller und in inhaltlicher Hinsicht wesentlich ambitionierter als Kinofilme, sie haben zu weiten Teilen die Rolle der Arthouse – Programme übernommen (und machen trotzdem keinen Spaß mehr, aber dazu später). „Babylon Berlin“ und „Das Boot“ dagegen geben sich stolz als die teuersten Produkte der ganzen Branche aus (was nicht einmal stimmen muss), schielen auf die größtmögliche Kommerzialität und den kleinsten gemeinsamen Nenner (ja, natürlich, „Babylon Berlin“ hätte noch gefälliger sein können: die Macher hätten ja auch darauf warten können, das nach den Buchbestsellern, den Hörbucherfolgen und den überdurchschnittlich gut verkauften Comics erst noch eine Videospielserie und ein Musical für Stadtfeste gemacht wird, bevor sie sich an die Verfilmung trauten, und sie hätten aus der zweiten Hauptfigur eine Varietesängerin oder Stripteasetänzerin und Gelegenheitsprostituierte machen können anstatt eine Gelegenheitsprostituierte, die auch gerne mal tanzt und singt, und sie hätten sie von Lotte auch gleich in Lilli, Lolal oder Lulu umbenennen können).  Die deutsche Medienbranche will einfach dabei sein, und wenn das Gebührenerhöhungen, das Einstellen aller anderen Sendungen bis auf  „Tagesschau“ und „Tatort“ und eine Zusammenarbeit zwischen Pro Sieben und dem Kika, Springer und dem „Vorwärts“, Charleys Tante und Schmidts Katze bedeutet. Das ist wie mit weißrussischen Eurovision Song Contest, bei denen für die Bühnenausstattung die eine Hälfte der jährlichen Wirtschaftsleistung verballert wird, für die Kostüme die andere. Das neureiche Kind bringt zum Grillwettbewerb seine zwei Köche mit und bettelt um eine Teilnehmerurkunde. Vor diesem Hintergrund ist die Frage falsch gestellt, ob Fernsehserien aus Deutschland Weltniveau erreichen werden. Wenn der ganze Betrieb mit anschiebt, können sicherlich auch in Zukunft zwei oder drei oder zehn Serien pro Jahr bei „Netflix“ landen, die dort niemanden stören, ein paar Fans und auch mal einen wichtigen internationalen Preis kassieren. Die schrillen Zwanziger sind natürlich nicht ewig melkbar, und „Das Boot“ und „Das Parfüm“, die aktuellen Hypekandidaten, gehen zwar auch ordentlich auf Nummer sicher, aber passen nicht so passgenau zum Zeitgeist. Vielleicht kommt ja auch alles anders und wird ganz toll, aber irgendeine auch nur annähernd mit der Situation in den USA vergleichbare organische Entwicklung und  Neuerfindung der Form kann ich mir im Moment einfach  nicht vorstellen. Ob „4 Blocks“ jetzt gut ist oder nicht (ich mag es nicht), es beschäftigt die medieninteressierten Menschen zumindest nach meiner Erfahrung nicht, sondern sie nehmen es sich vor, damit beschäftigt zu sein, und auch die angeblichen Fans reden lieber über die Bedeutung der Serie für die deutsche Serienlandschaft als über ihren Inhalt. Ich bin kein Sportschauer, aber soweit ich weiß, ist es ein sehr schlechtes Zeichen, wenn die Fans wie Trainer reden. Und ist das überhaupt eine Weltmeisterschaft (und wie werden die Mannschaften eingeteilt)?

04. 01. 2018: "Black Mirror: Bandersnatch" (kreuz und quer durch die Sackgasse)

„Black Mirror: Bandersnatch“ ist der erste interaktive Film der britischen Science Fiction-Horror – Reihe (erst Channel 4, dann Netflix) und, soweit ich weiß, der erste interaktive Film, der jemals offiziell in Deutschland veröffentlicht wurde (der „Cluedo“ – Film „Alle Mörder sind schon da“ von 1985 hat in der Synchronisation anscheinend nie verschiedene Enden zur Auswahl angeboten, - da hat sich die Baronin von Porz im Wintergarten gefreut. Auch das interaktive Musical „Drood!“ hat es nie offiziell nach Deutschland geschafft, aber dafür konnten wir 1991 bei „Mörderische Entscheidung“ zwischen ARD und ZDF hin – und herschalten oder einen begleitenden Comic von der einen oder der anderen Seite lesen, und es erscheinen nach wie vor Rollenspielbücher über bspw. Drachen oder drei Fragezeichen). In dem zwanzigminütigen bis fünfstündigen Film entwickelt ein junger und labil zerstrubbelter Programmierer (Fionn Whitehead als Stefan)  Mitte der 1980er für eine angesagte Londoner Softwarefirma die Idee für ein Computerspiel. Das Spiel, und darüber sollen wir vermutlich klug in uns hineinschmunzeln, beruht auf einem Rollenspielbuch, bzw. interaktiver Prosa eines berüchtigten Autors, der über der Frage nach verschiedenen Realitäten und ihrer Parallelität verrückt und zum Mörder geworden ist.  Buch und Spiel heißen ebenfalls „Bandersnatch“, was ein Ausdruck aus Lewis Carrols immer wieder gerne verwursteten „Jabberwocky“ ist, sowie offensichtlich Gamerslang für ein mythisches und vermutlich nicht existentes Spiel (es existiert auch ein ganzer, extrem faszinierender Zweig von moderner Literatur, der mit der Idee von Geschichten als Spiel spielt. Aber entweder habe ich Mus auf den Augen oder der ansonsten so anspielungssatte Film spielt darauf tatsächlich nie an). An Wendepunkten der Handlung entscheiden wir für unseren schluffigen Anti – Helden Stefan bspw. welche Frühstücksflocken er verputzt und welche Platte er kauft (die prägenden Weggabelungen eines Nerd): Unter dem Film lassen sich zwei unterschiedliche Schlüsselwörter (bspw. „annehmen“ und „ablehnen“) anklicken, während ein  Zeitbalken in sich zusammenschnurrt. Insgesamt über eine Milliarde unterschiedlicher Filmerlebnisse soll dabei möglich sein. Da ich von den Möglichkeiten interaktiver Fiktion mittelschwer besessen bin, hatte ich erwartet, vor Neid und Begeisterung zu sabbern und zu jaulen und wie gebannt auf das Hexenwerk im Fernsehen zu starren. Tatsächlich wischte ich mich parallel zur Sichtung durch Handyspiele, blätterte lustlos in einem alten Krimilexikon und versuchte, anhand von drögen Notizen zu bestimmen, wann ich es endlich durch mehr oder weniger das komplette Filmmaterial geschafft hatte. In einer rudimentär entwickelten Nebenhandlung weiht Stefan ein bewunderter Kollege in das Geheimnis paralleler Universen und unbegrenzter Versuche im Leben nach dem scheinbaren Tod ein. Das destabilisiert Stefan so sehr, dass er sich entweder in verdummende psychiatrische Hilfe begibt oder seinen geheimen Bestimmer (also: uns) anfleht, sich zu erkennen zu geben. Wir können nun das Netflix – Logo auf seinem Bildschirm aufblitzen lassen und ihn mit Informationen über Streaming im Jahr 2018 vollends in den brüllenden Wahn treiben (in der vermutlich verblüffendsten Auswahlmöglichkeit in der Geschichte interaktiver Fiktionen können wir vor seinem besorgt hereinstürmenden Vater entweder kuschen oder ihn mit einem herumstehenden Aschenbecher totprügeln). Nun könnte sich nach und nach eine Architektur von Ursache und Wirkung herausschälen, eine zwingende, vielleicht erhellende Sicht auf Entscheidungen und ihre Konsequenzen. Douglas Adams hat bspw. schon 1984 in einem Textadventure zu „Per Anhalter durch die Galaxis“ seine Sicht auf ein Universum, das von absurden Schmetterlingseffekten beherrscht wird, kongenial in eine Reihe von Umdieeckerätseln gegossen (und damit eine kleine, einflussreiche Tradition von spleenigen Knobelspielen begründet). Im Verlauf von „Bandersnatch“ bleibt dagegen vollkommen unklar, ob bspw. die Entscheidung für „tangerine dream“ im Plattenladen irgendeine andere Auswirkung auf die Fabel hat, außer, dass in der Folge kurz „tangerine dream“ auf der Tonspur läuft (was natürlich auch immer schön ist – aber genau in solchen kulinarischen Schmankerln mit trügerischer Bescheidwissernestwärme  erschöpft sich der Spaß an „Bandersnatch“). Nie können wir auf wirklich bedeutsame Art auf den Verlauf der Geschichte einwirken, und nirgendwo warten „Aha“ – Erlebnisse. Faktisch landen wir immer wieder bei einem frustrierten Menschen vorm Computer und kurz vorm Durchdrehen in einer mitleidlosen Welt, und das ist ein bisschen wenig Kunst und ein bisschen zu nahe am Leben.  Auf verschiedene Art kann Stefan in verschiedenen Enden nun im Gefängnis, aus seiner Existenz oder in das Set von „Black Mirror“ verschwinden, und als wäre das alles nicht schon längst so meta, dass es knirscht, bringt in einer möglichen flauen Schlusspointe die Tochter des ursprünglichen irren Autors Stefans fragmentarisches Spiel in der Zukunft bei „Netflix“ heraus. Je nach Geklicke enthüllt Stefan auch noch eine gebräuchlich tragische Backstory (das mit Abstand beste daran ist der pointierte Einsatz von Laurie Andersons „Oh Superman“ im Fall einer ziemlich schlechten Entscheidung, und wieder sollen wir uns wohl gebauchpinselt fühlen, wenn wir dieses Stück kennen und mögen. Ganz sicher sind dazu tonnenweise für mich unsichtbare „Easter Eggs“, Anspielungen, Miniparodien und Querverweise, in den Ecken versteckt, die nichts mit Musik zu tun haben), manchmal entdeckt er auch, dass seine Therapeutin Teil eines Komplotts ist, aber das mag auch nur eine weitere Wahnvorstellung sein – und tatsächlich macht das für Stimmung und Stimmigkeit so wenig Unterschied wie für Bedeutung der verzweigten Fabel oder das Geschick der hilflosen Figuren.

Einige missmutig wohlwollende Rezensionen haben nun behauptet, bei „Bandersnatch“ würden Form und Inhalt ununterscheidbar ineinanderfallen, jede Kritik an der reichlich dünnen Story ginge an der Sache vorbei, - die interaktive Mechanik mit all ihrer möglichen philosophischen Bedeutung wäre halt der Inhalt, und darin läge die Brillanz. Jede packendere oder pointiertere Handlung wäre da der eine echte Irrweg gewesen. Das ist, mit Verlaub, Blödsinn, denn zum einen haben Dutzende von Computerspielen bei plusminus gleicher Bauart und ähnlichem Reflektionsniveau noch Themen, Einfälle und Gags jenseits der irren eigenen Interaktivität behandelt  (nur ein jüngeres Beispiel: „Timbleweed Park“ ist ein Adventure über Adventures, das zusätzlich eindrücklich von u.a. sterbenden Kleinstädten, Digitalisierung und dem Lebensekel von Zirkusclowns erzählt). Zum anderen besteht „Bandersnatch“ ja auch nicht aus Fußnoten, sondern aus Filmszenen mit Plot und emotionaler Gewichtung. Und die handeln, und nun wird es ein wenig trostlos, angesichts aller Themen auf dieser großen weiten Welt ausgerechnet von Deadlines, Schreibblockaden und Kritikerurteilen. Charlie Brooker, der Autor von „Bandersnatch“ und eben auch derjenige welcher bei allen anderen „Black Mirror“ - Episoden, ist einer der brillantesten, bejubeltsten, beneidenswertesten Autoren der brutalen Medienlandschaft. Durch die begnadete Darstellung fiktiver brutaler Medienlandschaften hat er sich von außen in eine Position scheinbarer totaler künstlerischer Autonomie hochgearbeitet. Und was geht ihm im Kopf rum? Mehrere offensichtlich falsche, unpassende Enden von „Bandersnatch“, so trüb, dass Zuschauer auf jeden Fall zurück an schon einmal genommene Weggabelungen geschickt werden, beschreiben, wie Stefans Spiel im Fernsehen von klugen und gnadenlosen Kritikern schlecht oder mittelgut bewertet wird. In manchen Fällen wird das Spiel nicht einmal veröffentlicht, und der Kurs der Firma stürzt in den Keller. Andersrum sollen offensichtlich Enden als gültig, nicht so schliimm und gerecht gelten, in denen zwar der abgesägte Kopf von Stefans Vater auf dem Regal liegt, das Spiel im Spiel aber von einem Kritiker im Fernsehen fünf von fünf Sternen kassiert. Ganz so, als wäre es ein Film bei Netflix, der von einem dankbaren Zuschauer mit der vollen Punktzahl belohnt wird.  

„Black Mirror: Bandersnatch“, B: Charlie Brooker, R: David Slade; Netflix

11.1. Weltuntergang mit David Bowie

(Ist es peinlich? Monatelang beiße ich mir auf die Zunge und lasse dieses Blog veralten, weil die uns eigentlich umtreibenden Themen nun einmal nichts für 2 schmale Seiten sind, außer man muss, und kaum stirbt David Bowie, greife ich erleichtert zu.)

In den Songs von David Bowie wird entweder der Erzähler verrückt, oder die Welt geht unter. Dann gibt es auch noch Liebes – und Sexlieder, aber die lassen sich in den meisten Fällen einer der beiden oben genannten Kategorien zuschlagen. Die einzigen Ausnahmen von diesem Schema waren seine beiden ursprünglich einzigen Radiohits, die jeweils eine neue Superstarära für ihn einläuteten: „Starman“ (auch wenn der flippige Alien auf der dazugehörigen LP „The rise and falll of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“ natürlich auf einer untergehenden Erde landet und später verrückt wird) und „Let`s dance“ (auch wenn die beißend gutturale Gesangsstimme mindestens den Weltuntergang als Hintergrund für das Getanze einzufordern scheint). Innerhalb dieses Rahmens sind die Variationen allerdings vielschichtig und vielfältig, sowohl musikalisch, als auch textlich. Bowie verzichtete gerne entweder auf eine Strophe – Refrain – Konstruktion (bekanntestes Beispiel: „Heroes“) oder verkomplizierte sie so, dass es auch schon wieder egal  war (bekanntestes Beispiel: „Ashes to Ashes“). Auch wenn seine eigene Melodieführung meistens recht einfach war und sich an dem klassischen funktionsharmonischen „I like the flowers“ -  Lauf orientierte, lebte seine Musik ganz von plötzlich herumflirrenden Hooklines, von einem für ein paar Takte hereinplatzenden Kontrapunkt, von Schnipseln, Störgeräuschen, Ausbrüchen, herumwabernden Ober – und Untertönen. David Bowie – Aufnahmen, auch die schlechten, waren immer hervorragend dazu geeignet, Stereoanlagen, MP3- Player oder Mischpulte  zu testen: wenn es nicht nach einem satten, hypnotisierenden Kaleidoskop klang, waren die Regler falsch eingestellt, das Gerät taugte nichts, oder es war eine Bowie – Platte vor seinem Durchbruch mit „Space oddity“ (1969). Trotz seiner gerne beschriebenen Verwandlungsfähigkeit, was Haarlänge, Jackenfarbe oder provokante Aussagen anging, ist Bowies Werk (wenn wir mal  ganz altmodisch von seinen Alben als seinem Werk ausgehen, was Bowie selber ostentativ nie getan hat) von einer seltenen Geschlossenheit. Immer irren wir über heruntergekommene, fremdartige bekannte und unbekannte Planeten kurz oder nach einer Katastrophe, immer stehen uns schreckhafte Überwesen zur Seite, die sich in diesen Landschaften noch deplatzierter fühlen als wir und nach Sex, spiritueller Erlösung oder manchmal nach Nähe suchen und dabei einen majestätischen Schauder verspüren. Das Bowie – Gefühl ist ein triumphierendes heißkaltes Schwelgen in totaler Entfremdung, die Bowie – Hits sind die Lieder, die es mit einer Einladung an die Hörer verbinden- entweder mit einer Einladung zu einer gemeinsamen Suche nach ein wenig Wärme, oder mit einer Einladung, zu den geilen, durchblickenden Fremdlingen dazugehören zu dürfen (dass diese Einladung häufig bösartig ironisch ist – „we are the goon squad and we´re coming to town- beepbeep“- packt praktischerweise gleich noch die Buße zur Ermächtigung dazu: „You can`t say no to the beauty and the beast, Liebling“) . Wir verzeihen dem häufig ekelhaft arroganten Erzähler (die ganzen Kunstfiguren sind Budenzauber, der Bowie – Erzähler ist immer gut erkennbar) beinahe alles (wie wir Bowie beinahe seinen kurzen, bekoksten, bereuten Flirt mit dem Faschismus verzeihen), weil er so verwundbar ist. Bowie war der erste Emo, aber eben einer, der nicht auf Authentizität, Mitleid und einfache Wahrheiten setzte, und Millionen Teenager haben ihm das gedankt und danken ihm dafür. Bowies letzte Alben lassen den Erzähler weise zur Ruhe kommen und ein beinahe konventionelles Mitgefühl für die Welt entdecken, ohne, dass er seinen verrutschten, pikierten und gierigen Blick auf diese Welt ändern würde, und das ist nicht nur seltsam erhebend, sondern bisher das einzig wirklich überraschende und runde Alterswerk der Popmusik.  Er galt lange Zeit als der Popstar, der mit Sicherheit früh sterben würde (als aussichtsreichste Todesursachen galten Koks, Alkohol, Heroin,  Aids oder Mord), seine im Kontrast beinahe gruselige Langlebigkeit ließ ihn irgendwann unsterblich erscheinen, und nun haben ihn vermutlich doch die Zigaretten umgebracht. Er hat Tapeten entworfen und sich selber an die Börse gebracht, er hat Tesla gespielt und immer wieder sich selber, aber an diesem kalten Januartag hier eine Liste seiner berührendsten Weltuntergänge, beinahe, als wäre dies eine Website, die angeklickt werden soll:

 

3. „Five years“ (1972, Album „The rise and fall of ziggy stardust and the Spiders from Mars“)

 

Schlagzeug, ein Klavierakkord, und dann wird fünf Minuten lang eine kleine Melodie gesungen. Die Welt geht in 5 Jahren unter, das steht in der Zeitung. Die Menschen weinen, ein Mädchen fängt an, kleine Kinder zu schlagen. Der Erzähler sieht u.a. Jungen, Spielzeuge, Bügeleisen, Opernhäuser, und sein Hirn brennt wie ein Warenhaus. Dann sieht er jemanden ein Milkshake trinken und winken, und auf einmal liebt er widerwillig die ganze Welt, und es wird ihm zu viel. All die fettdünnen und kleingroßen Leute, er hätte nie gedacht, dass er sie jemals alle brauchen könnte. Er rettet sich in eine markerschütternde Bowie – Epiphanie: Wir haben nur noch 5 Jahre, das wiederholt er wieder und wieder, und dazu schrillen die Geigen. Danach kam die Weltkarriere.

2.  „When the wind blows“ (1986)

Es konnte kein naheliegenderes Jobangebot für Bowie geben als den Titelsong für einen Zeichentrickfilm über den Atomkrieg. In einer ansonsten künstlerisch flauen Phase legt sich Bowie (gemeinsam mit dem Co – Komponisten Erdal Kizilcay) ordentlich ins Zeug: ein fieses, rumpeliges Riff, danach wird es elegisch: Mach`s gut, mein Kind.  Bowie jault und raunt in seinen besten Stimmen die anklagende Warnung vor der atomaren Vernichtung, die eintreten wird, wenn der Wind weht (und den tödlichen Fallout bringt). Die zickigen Keyboards mit ihrer zerfetzten Rummelplatzmusik verhöhnen das scheinbar unausweichlich voranschreitende Kasperletheater des heranrollenden Atomkriegs. Bowie scheint in den Strophen einmal mehr den grimmig – zufriedenden Untergangspropheten zu geben, doch in der letzten Wiederholung der Schlüsselzeile packt es ihn (wie häufig, wenn es um Kinder geht), und sie wird zur verzweifelten Entschuldigung: Mach`s gut mein Kind, es ist entsetzlich dunkel. Ich habe den dazugehörigen Film im Schrank, aber konnte ihn mir nach 1986 nie ein zweites Mal  ansehen.

  

1.„A better future“ (2001, Album „Heathen“)

Wenn es im Jahr 2001 noch eine echte Musikalbenkultur gegeben hätte, wäre das Alterswerk „Heathen“ meiner Meinung nach als (bis zuletzt) beste Bowie – Platte, Quersumme einer langen Karriere und einfach als fantastische Songsammlung abgefeiert worden. So belebte es immerhin Bowies Karriere neu und das Interesse an seinem früheren Meisterwerk „low“. „Heathen“ verwöhnt uns mit gleich mehreren getragenen Endzeitgesängen, aber den Vogel schießt das flotte, klingelnde Kinderliedchen „A better future“ ab. Eine naive Stimme scheint zunächst von einem anderen Menschen eine bessere Zukunft zu fordern, sonst würde sie nicht mehr lieben und wollen. Erst der aufbrandende dräuende Mittelteil stellt klar, dass hier Gott in die Pflicht genommen wird. Bowie schmeißt sich gegen den Schöpfer in die Waagschale, mit einer betont unschuldig gelispelten Wunschliste, die von Zeile zu Zeile garstiger wird (und wieder, ganz unironisch, die Kinder: „Gib meinen Kindern sonniges Lächeln, gib ihnen Raum und wolkenlose Himmel“). Am Schluss wiederholt er es unverstellt, immer wieder, zu trotzig tirilierenden Gitarren: Ich fordere eine bessere Zukunft. Dafür sollten wir den brillanten, selbstironischen Größenwahnsinnigen lieben (und natürlich auch dafür, dass ausgerechnet er nach Jahrzehnten des kunstvollen Wahnsinns lässig und absolut überzeugend singen konnte: „Ich bin ein blutiger Anfänger, aber geistig völlig gesund.“).

27.10. Es gab nie ein "Sommermärchen"

Es gab nie ein „Sommermärchen“. Und es gibt keine Meta - Ebene. Darum zur Abwechslung einmal ganz plain und persönlich:

Im Sommer 2002 zog ich in eine Stadt, die namenlos bleiben soll, nennen wir sie mal „Laiserskautern“. Die Stadt befand sich in einem langen, mühsamen Schrumpfungs – und Sterbeprozess, Industrie wanderte ab oder wurde zurückgebaut, innerhalb von 10 Jahren verschwanden 10 000 Arbeitsplätze (bei einer Gesamteinwohnerzahl von ca. 90 000).

Beim Einzug waren Strom und Wasser trotz gegenteiliger Versicherungen abgestellt, und an einem Freitagabend um 18.00 ließen sich nirgendwo Kerzen auftreiben. Extrem kultivierte Freunde, die ich im Laufe der Zeit kennenlernte, hatten durch die Bank entweder schon einmal in einem Gerichtsprozess ausgesagt, eine bewaffnete Auseinandersetzung miterlebt oder trugen gleich ganze künstliche Zahnreihen.

Gemildert wurde mein anfängliches Gefühl der Entfremdung im Sommer 2002 durch die malerische „Lange Nacht der Kultur“, auf deren Höhepunkt die Kulturdezernentin verkündete: „Trotz der WM 2006 wird es auch im nächsten Jahr eine „Lange Nacht der Kultur“ geben.“ Der Rest ihrer Rede handelte konsequenterweise dann auch von jener Fußballweltmeisterschaft. Ein paar Spiele des späteren „Sommermärchens“ sollten in der beschaulichen Stadt stattfinden, dazu sollte die australische Mannschaft permanent und die japanische Mannschaft vorübergehend Quartier beziehen. In den nächsten Jahren wurden Plätze begradigt und Brunnen gebaut, und das Stadion wurde erweitert. Es wurde sogar eine Touristenauskunft an einen zentralen Platz gesetzt, und ein paar zweisprachige Hinweisschilder wurden ins Stadtbild eingepflegt. Tatsächlich gab es bald auch den ersten (oder, je nach Definition, zweiten) Stadtführer, der mit ungebremstem Fahrspaß auf den großen Straßen der Stadt warb.

Diese ganzen Maßnahmen hatten natürlich ihren Preis. Diverse soziale Projekte wurden gekippt (zum Beispiel zur Wiedereingliederung straffälliger Jugendlicher), der Ausländerbeauftragte wurde abgeschafft, das Umweltamt auf eine Recyclingtonne eingedampft, und die Stadt kürzte ihre nie exorbitante Förderung der freien Kultur auf Null Euro (später gab es dann doch mal hier und da einen Fuffi an Kulturvereine für die Teilnahme an „Langen Nächten der Kultur“, mittlerweile scheint es ein paar Zuschüsse im dreistelligen Bereich und Sachspenden zu geben). Die WM, um es kurz zu machen, kostete ganz gewaltig, und ein ordentlicher Teil (man sagt: definitiv der größte, aber das kommt auf die Berechnung an) dieser Kosten wurde von der hochverschuldeten Stadt aufgebracht. Trotzdem wurde die WM wie selbstverständlich als wirtschaftlich gewinnbringend gehandelt (und wer das in Frage stellte, galt als mieser Defätist), auch wenn die Einwohner ohnehin wenig hatten, der Fremdenverkehr für ein mögliches Wunder gar nicht ausgebaut genug war, und Spiele von Australien und Japan nicht unbedingt Massenanstürme auslösten.

Der Gewinn war also, wie häufig bei Mammutvorhaben, ein vage ideeller, der gleichzeitig als hypothetisch materieller gedacht und als tatsächlich materieller gehandelt wurde. Genauer: die WM war Chefsache, und zwar die einzige echte Chefsache, satte vier Jahre vor ihrer Austragung. Und satte vier Jahre im Voraus stand auch das Ergebnis der Übung schon fest und wurde verkündet: Deutschland würde ein weltoffenes Land sein, das sich ein wenig gesunden, unverkrampften „Fun – Nationalismus“ (nein, hieß anders, aber kriege ich nie zusammen) gönnen würde. Wie das Motto eben verkündete: „Die Welt zu Gast bei Freunden“ (was wohl hieß, dass Deutschland entweder hinterm Mond lag oder ein paar Alien- Overlords als Gastgeber rekrutieren wollte). Jeder Redner, der in Laiserskautern dem Jubiläum einer Sparkassenfiliale huldigte, wusste es schon, Jahre vor dem spontan über uns hereinbrechenden Sommermärchen: das Ausland würde ein neues, entspanntes und selbstbewusstes Deutschland bestaunen.

Es war der Beginn der Merkelschen Kanzlerschaft, und diese Kanzlerschaft versteht sich auf derlei Inszenierungen (was keinen Millimeter zu auf Pegida et al. meint). Schröder hatte Spießgesellen, Merkel schafft, warum auch immer, ganze blühende, scheinbar nüchterne, Vertrauenslandschaften zwischen sich, den Medien und den Eliten. Ärgerlich vom Ausland angezettelte Diskussionen über „No go areas“ wurden ebenso weggefächelt wie eklatante Sicherheitsmängel in den aufgebretzelten Stadien (nicht zuletzt in Laiserskautern), schließlich wurde das Land mit zu schwenkenden Fähnchen überschwemmt, und wie zufällig hing Sönke Wortmann mit Kamera in den Mannschaftsräumen herum. Kurz: Einige vehemente Multiplikatoren hatten sich schon lange vor dem Anpfiff auf die spätere vorgeblich spontane Euphorie geeinigt, und ein Teil der Bevölkerung verstand und war wild entschlossen, diese Inszenierung als Statisterie zu bekräftigen.

Eine Fußball – Weltmeisterschaft, bei der sich feiernde Gastgeber gleichzeitig der sich feiernde „Weltmeister der Herzen“ ist, ist kein kleiner Image – Coup, und ein unproblematischer schon gar nicht. Ich begriff damals nicht, wieso die ausländische Presse dieses nicht gerade bescheidene Spiel mitspielte – und streng genommen tat sie es auch nicht. Sie übernahm zwar die Bilder und Slogans von der glücklichen Welt zu Gast bei Freunden, aber verbreitete eher selten die Story von der überraschend guten und unwiderstehlich sympathischen Mannschaft. Vor allem aber erschien, entgegen der bis heute in jedem zweiten Leitartikel vorgebrachten Behauptung, so gut wie nie ein Text, der sich ausdrücklich über den „unverkrampften“ deutschen Nationalstolz wunderte und ihn begrüßte. Dass durch die Welt angeblich ein erlöster Seufzer ging, als hupend Deutschlandfähnchen geschwenkt wurden, ist das eigentliche Sommermärchen.

Während der WM, nicht einmal während eines Spiels, landete ich kurz in der Notaufnahme (Kreislaufkollaps – das sind die Gebrechen ganzer Männer) und wunderte mich laut über die Überfüllung durch gebrochene Nasen, ausgerenkte Arme usw. Hieß es nicht, diese Weltmeisterschaft verlaufe faszinierend friedlich? Es könnte viel schlimmer sein, beschied mir der Arzt, vermutlich wäre es bei anderen Weltmeisterschaften anderswo und anderswann auch viel schlimmer. Der herrschende Zustand im Krankenhaus entspreche gerade einmal „Sylvester hoch fünf“ (und die Sylvester in Laiserskautern sind gefährlich).

Noch ein Schlaglicht: Jahre später unterhielt ich mich zufällig in London (das lasse ich stehen, es klingt so weltmännisch) mit einem Wirtschaftslobbyisten der südafrikanischen Regierung. Seine aktuelle Aufgabe war es, der gerade verblichenen dortigen Fußballweltmeisterschaft ein ansprechendes, Unternehmen einladendes Image zu geben. Sein Problem: diese Weltmeisterschaft hatte kein Image und zog darum keine erfreulichen Investitionen oder halbideellle Mehrwertmasse für das Land nach sich. Er bemühte sich aber darum, doch noch eines zusammen zu zimmern (ich weiß nicht genug über Fußball, um einschätzen zu können, ob es ihm und seinesgleichen letztendlich gelungen ist).

Kurz: wer an dieses „Sommermärchen“ geglaubt hat, der mag sich über den Vergabeskandal wundern (was auch immer im Detail jetzt noch enthüllt werden mag).

Genau diesen Sport haben wir verdient und bezahlt, als Chefsache, als hochpreisiges Opium fürs Volk mit erfreulichen Synergieeffekten, als bereits in der Anlage korruptes Repräsentationssystem. Und in Wahrheit weiß es längst jeder Einzelne.

Und die feiernden australischen Fans in Laiserskautern waren trotzdem der Hammer.

 

 

 

Es gab nie ein „Sommermärchen“. Und es gibt keine Meta - Ebene. Darum zur Abwechslung einmal ganz plain und persönlich:

Im Sommer 2002 zog ich in eine Stadt, die namenlos bleiben soll, nennen wir sie mal „Laiserskautern“. Die Stadt befand sich in einem langen, mühsamen Schrumpfungs – und Sterbeprozess, Industrie wanderte ab oder wurde zurückgebaut, innerhalb von 10 Jahren verschwanden 10 000 Arbeitsplätze (bei einer Gesamteinwohnerzahl von ca. 90 000).

Beim Einzug waren Strom und Wasser trotz gegenteiliger Versicherungen abgestellt, und an einem Freitagabend um 18.00 ließen sich nirgendwo Kerzen auftreiben. Extrem kultivierte Freunde, die ich im Laufe der Zeit kennenlernte, hatten durch die Bank entweder schon einmal in einem Gerichtsprozess ausgesagt, eine bewaffnete Auseinandersetzung miterlebt oder trugen gleich ganze künstliche Zahnreihen.

Gemildert wurde mein anfängliches Gefühl der Entfremdung im Sommer 2002 durch die malerische „Lange Nacht der Kultur“, auf deren Höhepunkt die Kulturdezernentin verkündete: „Trotz der WM 2006 wird es auch im nächsten Jahr eine „Lange Nacht der Kultur“ geben.“ Der Rest ihrer Rede handelte konsequenterweise dann auch von jener Fußballweltmeisterschaft. Ein paar Spiele des späteren „Sommermärchens“ sollten in der beschaulichen Stadt stattfinden, dazu sollte die australische Mannschaft permanent und die japanische Mannschaft vorübergehend Quartier beziehen. In den nächsten Jahren wurden Plätze begradigt und Brunnen gebaut, und das Stadion wurde erweitert. Es wurde sogar eine Touristenauskunft an einen zentralen Platz gesetzt, und ein paar zweisprachige Hinweisschilder wurden ins Stadtbild eingepflegt. Tatsächlich gab es bald auch den ersten (oder, je nach Definition, zweiten) Stadtführer, der mit ungebremstem Fahrspaß auf den großen Straßen der Stadt warb.

Diese ganzen Maßnahmen hatten natürlich ihren Preis. Diverse soziale Projekte wurden gekippt (zum Beispiel zur Wiedereingliederung straffälliger Jugendlicher), der Ausländerbeauftragte wurde abgeschafft, das Umweltamt auf eine Recyclingtonne eingedampft, und die Stadt kürzte ihre nie exorbitante Förderung der freien Kultur auf Null Euro (später gab es dann doch mal hier und da einen Fuffi an Kulturvereine für die Teilnahme an „Langen Nächten der Kultur“, mittlerweile scheint es ein paar Zuschüsse im dreistelligen Bereich und Sachspenden zu geben). Die WM, um es kurz zu machen, kostete ganz gewaltig, und ein ordentlicher Teil (man sagt: definitiv der größte, aber das kommt auf die Berechnung an) dieser Kosten wurde von der hochverschuldeten Stadt aufgebracht. Trotzdem wurde die WM wie selbstverständlich als wirtschaftlich gewinnbringend gehandelt (und wer das in Frage stellte, galt als mieser Defätist), auch wenn die Einwohner ohnehin wenig hatten, der Fremdenverkehr für ein mögliches Wunder gar nicht ausgebaut genug war, und Spiele von Australien und Japan nicht unbedingt Massenanstürme auslösten.

Der Gewinn war also, wie häufig bei Mammutvorhaben, ein vage ideeller, der gleichzeitig als hypothetisch materieller gedacht und als tatsächlich materieller gehandelt wurde. Genauer: die WM war Chefsache, und zwar die einzige echte Chefsache, satte vier Jahre vor ihrer Austragung. Und satte vier Jahre im Voraus stand auch das Ergebnis der Übung schon fest und wurde verkündet: Deutschland würde ein weltoffenes Land sein, das sich ein wenig gesunden, unverkrampften „Fun – Nationalismus“ (nein, hieß anders, aber kriege ich nie zusammen) gönnen würde. Wie das Motto eben verkündete: „Die Welt zu Gast bei Freunden“ (was wohl hieß, dass Deutschland entweder hinterm Mond lag oder ein paar Alien- Overlords als Gastgeber rekrutieren wollte). Jeder Redner, der in Laiserskautern dem Jubiläum einer Sparkassenfiliale huldigte, wusste es schon, Jahre vor dem spontan über uns hereinbrechenden Sommermärchen: das Ausland würde ein neues, entspanntes und selbstbewusstes Deutschland bestaunen.

Es war der Beginn der Merkelschen Kanzlerschaft, und diese Kanzlerschaft versteht sich auf derlei Inszenierungen (was keinen Millimeter zu auf Pegida et al. meint). Schröder hatte Spießgesellen, Merkel schafft, warum auch immer, ganze blühende, scheinbar nüchterne, Vertrauenslandschaften zwischen sich, den Medien und den Eliten. Ärgerlich vom Ausland angezettelte Diskussionen über „No go areas“ wurden ebenso weggefächelt wie eklatante Sicherheitsmängel in den aufgebretzelten Stadien (nicht zuletzt in Laiserskautern), schließlich wurde das Land mit zu schwenkenden Fähnchen überschwemmt, und wie zufällig hing Sönke Wortmann mit Kamera in den Mannschaftsräumen herum. Kurz: Einige vehemente Multiplikatoren hatten sich schon lange vor dem Anpfiff auf die spätere vorgeblich spontane Euphorie geeinigt, und ein Teil der Bevölkerung verstand und war wild entschlossen, diese Inszenierung als Statisterie zu bekräftigen.

Eine Fußball – Weltmeisterschaft, bei der sich feiernde Gastgeber gleichzeitig der sich feiernde „Weltmeister der Herzen“ ist, ist kein kleiner Image – Coup, und ein unproblematischer schon gar nicht. Ich begriff damals nicht, wieso die ausländische Presse dieses nicht gerade bescheidene Spiel mitspielte – und streng genommen tat sie es auch nicht. Sie übernahm zwar die Bilder und Slogans von der glücklichen Welt zu Gast bei Freunden, aber verbreitete eher selten die Story von der überraschend guten und unwiderstehlich sympathischen Mannschaft. Vor allem aber erschien, entgegen der bis heute in jedem zweiten Leitartikel vorgebrachten Behauptung, so gut wie nie ein Text, der sich ausdrücklich über den „unverkrampften“ deutschen Nationalstolz wunderte und ihn begrüßte. Dass durch die Welt angeblich ein erlöster Seufzer ging, als hupend Deutschlandfähnchen geschwenkt wurden, ist das eigentliche Sommermärchen.

Während der WM, nicht einmal während eines Spiels, landete ich kurz in der Notaufnahme (Kreislaufkollaps – das sind die Gebrechen ganzer Männer) und wunderte mich laut über die Überfüllung durch gebrochene Nasen, ausgerenkte Arme usw. Hieß es nicht, diese Weltmeisterschaft verlaufe faszinierend friedlich? Es könnte viel schlimmer sein, beschied mir der Arzt, vermutlich wäre es bei anderen Weltmeisterschaften anderswo und anderswann auch viel schlimmer. Der herrschende Zustand im Krankenhaus entspreche gerade einmal „Sylvester hoch fünf“ (und die Sylvester in Laiserskautern sind gefährlich).

Noch ein Schlaglicht: Jahre später unterhielt ich mich zufällig in London (das lasse ich stehen, es klingt so weltmännisch) mit einem Wirtschaftslobbyisten der südafrikanischen Regierung. Seine aktuelle Aufgabe war es, der gerade verblichenen dortigen Fußballweltmeisterschaft ein ansprechendes, Unternehmen einladendes Image zu geben. Sein Problem: diese Weltmeisterschaft hatte kein Image und zog darum keine erfreulichen Investitionen für das Land nach sich. Er bemühte sich aber darum, doch noch eines zusammen zu zimmern (ich weiß nicht genug über Fußball, um einschätzen zu können, ob es ihm und seinesgleichen letztendlich gelungen ist).

Kurz: wer an dieses „Sommermärchen“ geglaubt hat, der mag sich über den Vergabeskandal wundern (was auch immer im Detail jetzt noch enthüllt werden mag).

Genau diesen Sport haben wir verdient und bezahlt, als Chefsache, als hochpreisiges Opium fürs Volk mit erfreulichen Synergieeffekten, als bereits in der Anlage korruptes Repräsentationssystem. Und in Wahrheit weiß es längst jeder Einzelne.

Und die feiernden australischen Fans in Laiserskautern waren trotzdem der Hammer.

 

 

 

12.10. Geständnisse eines "Twin Peaks" - Fans ("Twin Peaks 2017")

Natürlich haben wir alle wichtigere Probleme. Der „Fan“ ist die jämmerlichste Figur der Popkultur. Er wird belächelt (von seinem Umfeld) und gemolken (von der Kulturindustrie), er wird für alles angeblich Gute („Diesen Film hätte es ohne die Fans der alten Serie nie gegeben“) und alles Böse („Wir hätten gerne einen originelleren Film gedreht, doch die Fans hätten protestiert“) verantwortlich gemacht und letztendlich übergangen („Wir haben diesen Film nicht für die paar Fans gemacht, sondern für alle Menschen, die Lust auf zwei Stunden spannendes Actionkino haben“). Der Fan wird immer übergegangen. Seine Helden werden in Remakes, Sequels und Nebenprodukten verfälscht, die ursprüngliche Intention des Originalmaterials wird ins Gegenteil verkehrt, aber er soll sich über die kleinen, ruhigstellenden Anspielungen für ihn, nur für ihn, freuen, das Superheldenkostüm aus den 60ern links hinten in der Ecke, ein paar Takte der Originalmusik, den ungenannten Gastauftritt vom früheren Aushilfs – Bassisten. Der Fan ist ein verwöhntes Kleinkind, das ständig hinters Licht geführt wird und dabei pampig wird. Der Fan wird hinters Licht geführt, damit er ständig neue Produkte kauft, um seinen Seelenfrieden zu bewahren. Spiderman ist tot? Cobain war ein Heuchler? Die erlösende Teilantwort gibt es für einen kleinen Obolus, der nebenbei die sterbende Comicindustrie oder die sterbende Musikindustrie rettet. Die nüchternen Kritiker müssen den Fan verachten und darauf hinweisen, dass ihnen- reifen, verantwortungsvollen Durchblickern-, niemand nach dem Mund redet oder das Händchen hält, sowas ist den Harry Potter – Jüngern vorbehalten (dabei redet niemand dem Fan nach dem Mund, er soll sich nur permanent angesprochen fühlen). Wenn der Rest der Welt seinen Frieden damit gemacht hat, dass bspw. der junge Spock dem alten Spock in einer Höhle begegnet (sie wollten halt auch Leonard Nimoy im Film haben), nervt der Fan mit seinen verbissenen Erklärungsversuchen und verschwendet dabei kostbare Hirnaktivität. Der Fan schreibt sozusagen knospende Liebeslyrik für jemanden, mit dem wir angeblich alle schon irgendwie mal geschlafen haben. Er schreibt Schubladen voll mit hilflosen Exegesen über Anschlussfehler, die aus praktischen Gründen entstanden sind. Er sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht, er kapiert den Witz nicht. Und gleichzeitig, und das ist das Gemeine an der Sache, wird der Fan als Stammpublikum, Multiplikator, unbezahlter PR – Agent nach Strich und Faden benutzt. Mittlerweile erledigt der Fan dazu ehrenamtlich die Arbeit, die die Popkulturwissenschaft nicht mehr erledigt (da sie mittlerweile kommerziell weitgehend tot ist) und bastelt in Eigenbau die Apparate für eine historisch – kritische Rezeption. Dabei verliert der Fan aber leider meist die Fähigkeit zur Kommunikation mit Nicht – Fans. Der Fan ist eine Plage (und das ist er, ich selber hatte schon furchterregende Erlebnisse mit Disney - Jüngern), ein Opfer des Kulturbetriebs, das jederzeit bereit ist, seine zwangsläufige Frustration an dir auszulassen. Der Fan flüchtet vor realen Auseinandersetzungen in Parallelwelten, und natürlich gibt es kein Entrinnen, auf seinem speziellen Spielplatz wird er mit den unschöneren Gesetzmäßigkeiten der Welt nur um so heftiger konfrontiert, und mit den aufwühlenden Themen sowieso – denn ein kulturelles Produkt, das keine aufwühlenden und brennenden Themen verhandelt, hat keine Fans. Scheinbar kann er mit jedem in seiner Alltagsfassade über seine inneren Widersprüche sprechen, in Wahrheit ist er alleine, denn die Obsession wird eben selbst bei größter Popularität doch nicht allgemein geteilt und verrät ihn schnell. Der Fan ist umgeben von einer Kultur voll falscher Freunde, die sich in Wahrheit nicht die Bohne dafür interessiert, wie Wolverine durch seine Erlebnisse in Japan traumatisiert wurde. Wir haben ja wirklich wichtigere Probleme und Besseres zu tun. Es ist eine Situation wie bei den „Körperfressern“, und sie deformiert den Fan sukzessive. Der Fan ist also wie ein Verliebter, und entsprechend hat er im Grunde als Einziger Recht. In all seiner Blödheit kapiert nur er, worum es bei diesem Spiel geht, und genießt und hinterfragt kulturelle Produkte so, wie sie es verdient haben. Und die reifsten Fans (ich arbeite dran) verbinden in bewundernswerter Weise Hingabe mit Distanz. Wer sich über den Fan amüsiert, sollte besser aufpassen, dass das Verdrängte nicht durch die Hintertür kommt, und er selber nicht plötzlich mit einer wirklich destruktiven und albernen Obsession in der Falle sitzt (ich sage nur „True detective“). Wählen wir also weise, von welchem angeblichen Eskapismus wir uns mitreißen lassen und schämen wir uns nicht, wenn wir uns mitreißen lassen.

Ich selber bin Fan von „Twin Peaks“(was für Menschen in meinen Kreisen und meinem Alter etwa eine so überraschende Aussage ist wie „Ich habe früher Blacky Fuchsberger im Fernsehen gesehen“, aber ach, die meisten lügen – nicht bei Blacky Fuchsberger), und für Leute wie mich sind die Zeiten gerade nahezu unerträglich interessant. Ich könnte behaupten, ich sei ein David Lynch – Bewunderer, das bin ich sogar, parallel, und das ist gesellschaftlich allgemein anerkannt, aber das sind zwei Paar Schuhe. Ich mag „Dune“ und „Mulholland drive“ und verehre den ganzen Rest des Ouevres, das natürlich aus „besseren“ Filmen als den „Twin Peaks“ – Episoden besteht. Aber ich hüpfe nicht aufgeregt auf und ab, wenn herausgeschnittene Szenen von „Blue Velvet“ gefunden werden. Dagegen muss ich mich bei Gerüchten, dass David Patrick Kelley doch wieder Jerry Horne spielt (den kein Fan unter auch nur das wichtigste Dutzend von „Twin Peaks“ - Charakteren zählt) erst einmal erschlagen sammeln, bevor ich wieder zurück ins Leben finde.

Gerade wird in Washington an der neuen Staffel gedreht.

Im Zeitraffer: vor rund 25 Jahren war die Detektiv/Horror/Komödien – Soap opera „Twin Peaks“ einen Sommer lang in den USA das heiße Ding. Theoretisch handelte die Serie davon, dass eine Kleinstadt an der kanadischen Grenze durch den brutalen Mord an einer jungen Frau aufgemischt wird. Praktisch handelte sie von rauschenden Wäldern, monströsen Geheimnissen, zitternden Küssen und Gut und Böse. Zum heftigen Abschluss, der Mörder war längst gefunden, erledigte die Reihe ihr verbliebenes Publikum mit einem hinterhältigen Ende. Das Ende sollte die Verantwortlichen beim Sender ABC dazu bewegen, weitere Episoden in Auftrag zu geben, doch das taten sie nicht. Ein anschließender Kinofilm brüskierte die Fans mit einer ehrenwert schonungslosen Darstellung des der Serie zugrunde liegenden Verbrechens und dem Verzicht auf alle wohligen Untertöne, aber ließ den weiteren Fortgang der Geschichte im Unklaren. „Twin Peaks“, eine hypnotische Mischung aus Heimeligem, Unheimlichem, Utopie und hartem, ernst gemeintem Schrecken, traumatisierte ihr Publikum. Zu brisant und vielfältig waren die lässig angerissenen Themen gewesen (u.a. von Missbrauch und dem Ende der Industrie bis hin zu Gnostizismus), zu süß die Darreichungsform und das Versprechen auf eine behaglich neues Bewusstsein (mit der Vergangenheit und der Zukunft als Nebeneinander, Freude an irdischen Freuden und einer westlichen östlichen Spiritualität), zu kompromisslos die Schläge in die Magengrube (und zu verwirrend die Verweise auf ein trotzdem fundamental gutes großes Ganzes). Mit inspirierend gebrochenen Herzen lebten wir alle irgendwie weiter. Vorbereitete mögliche Enden der Geschichte u. a. als Videospiel und Comic, wurden regelmäßig in letzter Sekunde von Lynch per Veto gestoppt. Wir wurden älter und reifer (und konnten uns einige letzte Fragen im Lauf der Zeit aus dem vorliegenden Material und dem Leben zusammenreimen).  Aber die drei ersten synthetischen Basstöne der Titelmelodie, und die Augen werden glasig, und wir fragen uns wieder einmal zusammen mit Julee Cruise, ob wir fallen, fallen, fallen.

Twin Peaks“ besaß utopisches Potential, weil es auf mehreren Ebenen eine neue Welt versprach (darin liegt einer der größten Unterschiede zu all seinen Erben). Es versprach nicht nur, ironisch, einen möglichen Paradigmenwechsel in der westlichen Kultur, sondern es wurde auch von jungen, schönen Menschen mit Zukunft bevölkert („Twin Peaks“ wartete nicht mit Stars auf, sondern mit relativen oder tatsächlichen Newcomern und ein paar wieder ausgegrabenen Kultfiguren), sah aus wie nichts vorher (und klang wie nichts vorher) und versprach erst einmal auch ein anderes, besseres Fernsehen. Die Aufregung über eine Wiederbelebung hat also wenig Nostalgisches—wir wollen das Happyend, das uns einmal versprochen wurde, wir haben lange dafür gelitten, und kein Fan erwartet einen flauschigen Aufguss (dazu haben uns Serie und Film nicht erzogen), jeder erwartet etwas Neues. Nostalgie ist immer vor allem die Sehnsucht nach Möglichkeiten, die sich nie realisiert haben, im Fall von „Twin Peaks“ ist diese Haltung trotz des zukunftsweisenden Charakters von vorneherein in die Geschichte eingearbeitet (die Serie beginnt nun mal mit dem bestialischen Mord an einer jungen Frau, die scheinbar eine große Zukunft vor sich hatte, und ist vom ersten Moment an von Wehmut durchzogen, als würden wir bereits im Moment des ersten Konsums schon die gerade beginnende Serie vermissen) und wurde umgekehrt mit den letzten Momenten der Serie und dem Kinofilm sabotiert. „Twin Peaks“ war also beim ersten Erscheinen schon gleichzeitig utopisch, nostalgisch und ein Ende aller Utopien und jeder Nostalgie. Eine angekündigte Fortsetzung löst an sich bereits also bei aller Begeisterung extrem komplizierte Gefühle beim Fan aus, von der echten Erwartung, etwas wirklich Neues und Bereichenderes zu sehen bis hin zu echter Angst.

Und dann entwickelte sich der weitere Verlauf des Projektes zu einer (bis jetzt) endlosen Achterbahn. Lynch und Co – Schöpfer Frost waren erst versöhnt, dann waren sie es angeblich nicht mehr. Lynch sollte erst die gesamte neue Serie von neun Folgen inszenieren, dann schmiss er hin, dann arrangierte er sich nach zwei verwirrten Monaten voller Appelle und Unterschriftenlisten wieder mit dem finanzierenden Sender Showtime, und mit einem Mal war von "12-18" Folgen die Rede. Der Ausstrahlungstermin (ursprünglich: Herbst 2016) wurde ins Unbestimmte verschoben. Bis auf Kyle MacLachlan als Protagonist Dale Cooper wurde kein einziger Darsteller bestätigt, und selbst MacLachlans Verpflichtung war monatelanges Bangen vorausgegangen. Dafür wurde vehement angedeutet, dass zwei Schlüsselfiguren wieder auftauchen werden, die in der Geschichte seit 25 Jahren unmissverständlich tot sind.

Nun wird seit einem Monat auf beinahe offener Straße gedreht, und nun flippen die Fans wirklich aus. Lynch und Frost weigern sich, verlässliche Informationen herauszugeben. Darsteller der alten Serie hinterlassen kryptische und widersprüchliche Botschaften in sozialen Netzwerken. Ein offiziell für letzte Woche angekündigter Roman von Mark Frost, der die Lücke von 25 Jahren wenigstens zum Teil schließen soll, wurde erst gekippt und dann auf Irgendwann verschoben. Fans erhaschten einen Blick auf einen nackten Cowboy auf einem Pferd und ergingen sich in Spekulationen, doch der Cowboy entpuppte sich als Teil eines Musikvideos, das unabhängig von der Serie in der gleichen Gegend gedreht wird. Gleichzeitig scheint der Dreh mit einem singenden Harry Dean Stanton zur Serie zu gehören (er tauchte kurz in der Parallelwelt des Kinofilms auf). Erschütternde Neuigkeiten verstörten: der tanzende Zwerg wird nicht mehr auftreten! Oder war das nur ein effekthaschender Reklametrick? Drehorte wurden aufgebaut, aber Lynch und Frost bitten vehement um Verschwiegenheit und verbitten sich Fotos. Die Namen von Schauspielern wurden an Trailern gesichtet, aber nicht die entsprechenden Schauspieler. Umgekehrt huschen längst verschollen geglaubte alte Darsteller übers Set, und neu besetzte Stars wurden als Darsteller vorgestellt. Gerüchte über Umbesetzungen (einige Stammgesichter der Serie sind in der Zwischenzeit verstorben, darunter das Gesicht des absoluten Bösen) und Zerwürfnisse schwirren herum. Die Meldung, dass bei den neuen Sets die Farbe Blau verwendet wird, die in der alten Serie verboten war und im Kinofilm auf esoterische Gräuel verweist, wird auf den Fanseiten erregt debattiert, wobei viele meinen, das Blau würde letztendlich nicht auf dem Bildschirm zu sehen sein. Nicht zuletzt sagt bei David Lynch das Filmen an einem bestimmten Ort mit einem bestimmten Schauspieler noch nichts über die spätere Gestaltung einer Szene aus, geschweige denn, ob sie jemals im fertigen Produkt verwendet wird (und das Unterschreiben eines Vertrags noch wenig darüber, ob und wie engagiert der Meister wirklich an Bord bleibt). Und jetzt ist vor zwei Wochen auch noch überraschend die Darstellerin der „Log lady“ gestorben, der verrückten weisen Frau der Serie, ihrem spirituellen Zentrum, und wieder rechnet jeder jede Sekunde mit einem Abblasen des Projekts. Und jetzt könnte man das ganze aufgekratzte Bohei natürlich rechtschaffen dämlich finden, und lustig ist es allemal (bis auf den erwähnten Tod der großartigen Catherine Coulson), aber bei einer Erzählung über Himmel und Hölle, in der bspw. ein blauer Klecks tatsächlich ein Indiz für den Abstieg in die Hölle sein könnte, ist es gemeinerweise angemessen, so lange wir Erzählungen über Himmel und Hölle oder überhaupt Erzählungen noch irgendein Gewicht beimessen wollen. Ich selber halte meinen Umgang mit dem Neuigkeitengewitter für unvergleichlich cool, aber dann weisen mich liebe, wohlmeinende Menschen darauf hin, dass alleine das Hinterherhecheln jede mögliche soziale Norm verlässt und aus mir einen hilflosen Fan macht, der jämmerlichsten Figur der Popkultur.

Der Fan mag meist die falsche Abzweigung nehmen (und gedankenschwer über ein blaues Schild nachgrübeln), doch er weist meist über sich selber hinaus. Ich denke, so wie „Twin Peaks“ einmal die Tür für Fernsehserien aufgemacht hat (und es wurde, außer von Fans, erst Jahrzehnte später in vollem Umfang begriffen), wird es nun die Tür schließen (und wir werden es erst in einigen Jahren wirklich begreifen). Wer erwartet denn von Fernsehserien noch etwas anderes als gutgemachte beinahe – gute beinahe – Filme mit ein paar gewalttätigen Ausrastern und psychosexuellen Untertönen, die vor 25 Jahren Tabus gebrochen hätten? Mehr als ein paar umfassende und kunstvolle Charakterbögen, die nirgendwo anders hinführen als in die wohlfeile Beliebigkeit? Wie gut oder wie schlecht die Wiederbelebung von „Twin Peaks“ ausfallen mag, mit ihr geht eine Ära zu Ende.

Ein sehr lieber und kluger Bekannter, Dr. G., meint, „Twin Peaks“ sei bei aller Liebe eher mittelgut gealtert und die Neuauflage könne nur fürchterlich enttäuschen. Natürlich hat er beinahe mit Sicherheit Recht, aber „Enttäuschung“ ist für einen Fan eine unbrauchbare Kategorie. Es wird auch im schlechtesten und fadesten Fall großartig werden und vermutlich weh tun. Muss wieder eine abgründig unschuldige Frau durch die Hölle gehen? Findet der abgründig unschuldige Held wieder zu sich selber? Gibt es endlich ein paar neue Musikstücke und wieder bessere Witze? Wir Fans sind coole Säue mit heißen, gepanzerten Herzen und Kummer gewöhnt. Don`t let yourself be hurt this time.  

 

 

 

06.10. "Alles steht Kopf - Inside out"

(Das muss Fügung sein, oder angewandte Paranoia: Vor zehn Tagen schickte ich an die Internet – Zeitschrift meines Vertrauens unter verblüffenden Magenschmerzen--wegen Pixar – Lästerung?-- einen langen, wohlwollenden Verriss von „Alles steht Kopf“. Ich habe mich ein wenig über ausbleibendes Feedback der Redaktion gewundert, aber hatte das neu aufgebretzelte Mail – Programm noch nicht vernünftig justiert und offenbar de facto nichts rausgesandt. Jetzt sind schon längst allerorten Kritiken zu dem Film  erschienen und durchgewunken, darum der Text hier nun magenschonend im kleinen Kreis):

Pixar verhebt sich mit „Alles steht Kopf“ an der Erklärung unserer Gehirne. Das ist brillant, ärgerlich – und kaum etwas für Kinder.

Eigentlich ist die Geschichte einfach: Nach dem unfreiwilligen Umzug von Missouri nach San Francisco unterdrückt die 11jährige Riley ihre Trauer und schlittert dadurch in einen Zusammenbruch.

Einfach ist auch die Geschichte hinter der Geschichte: Nach ein paar weniger ruhmreichen Werken will ein Animationsstudio mit einstmals schwindelerregender Reputation die erfolgreiche Konkurrenz dadurch überbieten, dass es wagt, was die nicht wagt: die abstrakte und offensive Darstellung von Konzepten und inneren Welten, eine selten offensiv genutzte Stärke der Animation.

Verkompliziert werden beide Geschichten durch die fünf kleinen Typen im Kopf: Freude (gelb, feenartig, weiblich), Kummer (ein blaues, dickliches Mädchen), Angst (ein lila Fragezeichen, verwirrend unpassend gesprochen von Olaf Schubert), Wut (eine rote, stämmige Dynamitstange, männlich) und Ekel (eine grüne Zicke). Diese fünf Emotionen balgen unter der lockeren Führung von Freude um den Kontrollraum in Rileys Kopf und verwalten ihre Erinnerungen: Murmeln in der Farbe der jeweils beherrschenden Emotion, die nach einer von Riley erlebten Situation in den Kommandoraum auf Regalbretter rollen und von den fünf in den geheimnisvollen Keller des Langzeitgedächtnisses geschickt oder als Unterstützung für Riley konkret abgerufen/abgespielt werden. Die äußere Welt sehen die fünf guten Geister auf einem großen Monitor, der deutlich an die „Enterprise“ erinnert, durch Rileys Augen. Als „Warp – Antrieb“ dieser Kommandozentrale dienen Rileys „Kernerinnerungen“, eine Handvoll golden schimmernder Kugeln in einem handlichen Reaktor. Diese abgeschirmte Chefetage wird über klobige Science – Fiction – Architektur durch  Rileys „Persönlichkeitsinseln“ gestützt, die in einem wüsten, leeren Land voller Nebel liegen. Es sind die Inseln der „Freundschaft“, der „Familie“, der „Fantasie“, der „Ehrlichkeit“, des „Quatschmachens“ und des „Eishockeys“ (und irgendwo da draußen kichert der tote Borges über diese Aufzählung). Die Insel sehen aus wie die voneinander durch Abgründe getrennten Abschnitte eines Freizeitparks  (und tatsächlich thront über der „Insel der Fantasie“ Cinderellas Schloss aus dem „Disneyland“ des Mutterkonzerns).

Weil Kummer die kostbaren Kernerinnerungen begrabbelt, kommt es zum Streit mit Freude, und die beiden stürzen beim Gerangel in die ihnen unbekannten Weiten von Rileys Bewusstsein und müssen sich in einer gefahrvollen Reise wieder zurück an das Schaltpult kämpfen. Dabei passieren sie das Langzeitgedächtnis (eine Bibliothek aus Erinnerungskugeln, in dem sich ein halbvergessener imaginärer Freund von Riley gegen die endgültige Auslöschung durch bürokratische Putzkräfte wehrt), das monströse Unterbewusstsein (in dem ein furchterregender, amoklaufender Riesenclown mit Hammer herumstapft) und die „Traumfabrik“: ein geschäftiges Studio voller aufgeregter Bohnenwesen (sie erinnern ein wenig an die rivalisierenden „Minions“), das mit Hilfe von Erinnerungen und Special effects Rileys Unterhaltung für den Schlaf produziert. Da Kummer und Freude nicht an den Schalthebeln sitzen (sie versuchen, mit dem „Gedankenexpress“ aus der gespenstischen Unterwelt zu fliehen, doch der fährt nachts nicht), stürzen nach und nach Rileys Persönlichkeitsinseln von „Eishockey“, „Freundschaft“ und „Quatschmachen“ ins gähnende Nichts.  Wut, Angst und Ekel verleiten Riley zu schlechten Entscheidungen, die sukzessive auch die Inseln der „Ehrlichkeit“ und der „Familie“ zerbrechen und ins Bodenlose stürzen lassen. Mit der Hilfe von Rileys imaginärem Freund aus Kleinkindertagen (und der Hilfe eines vergessenen erfundenen idealen Boyfriends) kraxeln Kummer und Freude wieder in die Zentrale zurück, gerade rechtzeitig, bevor Riley mit der gestohlenen Kreditkarte ihrer Mutter zurück nach Missouri ausbüxt. Freude erkennt, dass die Unterdrückung von Kummer ein Fehler war, neue Erinnerungen sind ein Gemisch aus Farben und Emotionen, und die Persönlichkeitsinseln steigen schöner und vielfältiger denn je aus dem nichts auf. Im Abspann dürfen wir die fünf kleinen Typen in den Köpfen von Nebenfiguren und einigen Tieren bei der Arbeit beobachten.

Alles steht Kopf“ ist gleichzeitig getragener, derber und atomisierter als bisherige Filme der Firma. Mehr als alles andere ist es ein witziger psychedelischer Horrorfilm. Wer einst die Fahrt mit dem „Yellow submarine“ durch das Meer der Monster goutiert hat und gleichzeitig eine Schwäche für die bizarre Bewusstseinsreise von „Mindgame“ (wenn nicht gar von „Hellbound – Hellraiser II“), kommt bei diesem fulminant und verschwenderisch gestalteten Trip ohne öde Momente auf seine Kosten. Alles schimmert, glitzert, perlt und bitzelt vor Formen, Farben und fließenden Bewegungen. Begleitet von dezenten 3D - Effekten schwelgt der Film in stimmig knallbunten Kaskaden, zu denen es auf der Tonspur satt klingelt und quietscht. Bei dem Errechnen von bspw. flirrenden Lichtpunkten kann sich Pixar so wenig von der Konkurrenz vormachen lassen wie bei dem Entwerfen rührend – glaubhafter, konsequent stilisierter Animationsfiguren: die fünf Emotionen sind, formal und für sich genommen, eine Wucht. Dass sie sich glücklicherweise nicht zu einer allgemeinen Chiffre für unser Erleben entwickeln werden, obwohl sie bei „Skype“ schon seit Monaten zu genau diesem Zweck als Emoticons herumstehen, und obwohl die Merchandising – Industrie bereits auf Hochtouren läuft, liegt an der fragwürdigen Psychologie des Films – innen wie außen, in der Prämisse und in der Umsetzung.

Pixar setzt unterm Strich einmal mehr auf kunstvolles Gezappel gegen die Zeit: in letzter Sekunde über den Abgrund, den letzten Haken um die gefährliche Kurve schlagen, - und das kann Aaardman („Shaun das Schaf“) mit seinen bescheideneren Mitteln nicht nur besser, das läuft auch der ambitionierten psychologischen Aufgabenstellung entgegen. Dass Rileys Glück oder Unglück tatsächlich, auf einer, der dominanten, Ebene des Films buchstäblich von Slapstick – Situationen in ihrem Kopf abhängt, von der Frage, in welcher Millisekunde Freude einem herumpolternden Gesteinsbrocken ausweicht, lässt sich beim besten Willen nicht mehr als Metapher lesen. Da galoppiert die Berufsehre den Animationsfilmern davon, wie einem Heavy Metall – Gitarristen, der mitten in einem  Schlaflied auf seinem zwanzigminütiges Solo beharrt. Immer wieder wird dem cleveren visuellen Einfall die Nachvollziehbarkeit geopfert sowird Rileys Ausreißer zum Fernbus durch ein von Wut gestartetes Selbstzerstörungsprogramm ausgelöst, mit Spezialschlüssel im Kontrollpult und schrillendem Alarm, und wir befinden uns für ein paar Sekunden in einer quietschvergnügten Disney – Version von „Dr. Seltsam“. Auf einer tieferen Ebene unterstreicht dieser Zwang zu fulminantem Suspense, elaborierter Action und ganzen Abfolgen rasanter und kleinteiliger Höhepunkte das Grundproblem der Fabel: Riley ist dem hektischen Budenzauber in ihrem Inneren letztendlich ausgeliefert, sie selber hat keine Repräsentanz in ihrem eigenen Kopf. Und das Unterbewusstsein ist ein alles verschlingender Abgrund, mit ein paar Alpträumen auf halbem Weg in die Tiefe. Ab der Mitte des Films lachen nur noch die Erwachsenen.

Die Ambivalenz des Projekts zeigt sich deutlich in der visuell ansprechendsten, inhaltlich verwirrendsten Sequenz (bei jeweils starker Konkurrenz): auf dem Weg zur Insel der Phantasie nehmen Freude, Kummer und der imaginäre Freund die gefährliche Abkürzung durch den Tunnel des offensichtlich destruktiven „abstrakten Denkens“: dort werden sie kubistisch zerlegt, verflacht und schließlich zu Klecksen und geometrischen Formen verzerrt (die sicherlich nicht zufällig an die Filme des intellektuellen Rivalen UPA aus den 1950er Jahren erinnern, einem Studio, das vor allem als Auffanglager für geschasste und frustrierte Disney – Mitarbeiter diente). Gleichzeitig ist der ganze lange Film um diese spektakuläre Szene herum eine einzige Übung in abstraktem Denken. Dies erscheint wie eine umgekehrte Spiegelung des erklärten Vorbilds, dem Disney – Kurzfilm „Reason  and emotion“ aus dem Jahr 1943, in dem, vor Marcuse, „Emotion“ die Verantwortung für den Faschismus gegeben wird, während der Film trotzdem vor allem auf Nonsense- Humor und Sentimentalität setzt.

Käme der Film nicht mit vagen, aber vehementen psychologischen Handreichungen im Presseheft daher, mit begeisterten medienpädagogischen Empfehlungen als Teil des Werbefeldzugs und einem befriedigend sichtbaren horrendem Budget, wäre es einfacher, ihn für seinen Charme, seinen Mut und seine nie gesehenen Bilder zu lieben. Die rappelvolle, durchaus inspirierende Geisterbahn wäre ein ewiger Anwärter auf den heimlichen Lieblingsfilm, auf das ultimative Kultobjekt. So, als erklärter Grundkurs in Emotionspsychologie, als Kritikerliebling des Jahres und als erster Kinofilm für vermutlich Millionen von Kindern, sind seine Unebenheiten verstörend. Wüsste man nicht, wie in den heiligen Hallen von Pixar monatelang über jede gezeichnete Augenbraue debattiert würde, und wäre das nicht in jeder Augenbraue sichtbar, könnte man schlicht Nachlässigkeit beim Drehbuch vermuten. Einiger der unverfänglicheren Spielverderberfragen: Warum fährt der Gedankenzug nicht nachts (schön wär`s!) und ist in keiner Weise mit der Traumproduktion verbunden (und wiederum: schön wär`s)? Warum sind die Persönlichkeitsinseln so sauber voneinander getrennt (während die Handlung auf dem Zusammenhang zwischen Eishockey, Freundschaft und Quatschmachen verweist) getrennt, frei von kullernden Erinnerungskugeln und, im Unterschied zu den Erinnerungen, nicht durch verschiedene Emotionen einfärbbar? Wer stellt die praktischerweise in Rileys Innenwelt herumliegenden Bedienungsanleitungen für eben diese zur Verfügung (sollen wir uns da eine DNA – Erbse, ein Gesellschaftsmonster oder zurückkugelnde Erinnerungen aus der Familieninsel dazu denken?)? Warum spielt Angst keine Rolle bei der Erschaffung von Alpträumen? Warum ist Ekel gleichzeitig unverzichtbar und ein Mitglied der Bestimmercrew (wofür man evolutionspsychologisch argumentieren könnte) und permanent auf dem Holzweg (Ekel ekelt sich vor einem Haus, für das die meisten von uns morden würden, und ist eindeutig die meiste Zeit ein von Wut und Angst gespeister verzogener Teenager, wobei die Interaktion mit den FIGUREN Wut und Angst im Film rivalisierend bleibt)? Warum wird das Hirn von Rileys scheinbar knuffigem Vater von herumkobolzenden Wut – Männchen beherrscht?

Das Problem liegt nicht darin, dass der Film sein verwickeltes Modell nicht hinterfragen würde, sondern darin, dass er permanent dieses Hinterfragen antäuscht um sich anschließend bruchlos in unverbundenes Halligalli zu retten. Jede anfechtbare harsche Lektion über die Selbständigkeit von Emotionen wird durch Beschwörungen angeblich allgemeiner Werte durchkreuzt, jede Beschwörung allgemeiner Werte durch das menschelnde Herumwuseln seiner Emotions- Figuren, jedes Herumwuseln wiederum durch die strenge, dabei in der allgemeinen Geschwindigkeit unklar bleibende Didaktik. Es ist ein Teufelskreis. Auf dem Papier sind die Zusammenhänge zwischen diesen Ebenen pro forma ganz sicher ausgeklügelt schlüssig, aber das ist das Kleingedruckte. Konkret werden die mitgerissenen Zuschauer mit disparaten Doppel – und Dreifachbotschaften beschossen. Die eindrücklichsten Momente gelingen den Film dann auch mit liebevoll ausgemalten Einfällen abseits dieses Zirkels: mit Wolkenwesen und Traumfabrikwitzen, die sich weder mit seiner Lehrbuchhaftigkeit, noch mit seinem Hymnen auf Familie und Ehrlichkeit oder seiner kleinen Zauberwelt sinnvoll verbinden lassen.

Richard Brody merkte in seinem Blog für den „New Yorker“ an, dass Pixar nicht nur viele kindliche Emotionen nicht personalisieren wolle oder könne (er vermisste unter anderem den „Kritiker“, sein Kollege Anthony Lane räsonierte dagegen über eine Chico Marx – Figur als „Lust“ für Erwachsene), sondern vor allem nicht die, die die eigene Arbeit abbilden würden: Kreativität, Dreistigkeit, laterales Denken, ästhetischen Genuss und das Spiel mit Überlieferungen. Würde der Film in seinem Subtext auch nur einen Funken Leichtigkeit und weiterführende Entdeckerfreude transportieren, wären solche Einwände vielleicht unerheblich. Doch mit grimmiger Konsequenz schildert er unter raunenden Untertönen die ultimative Schreckensvorstellung nicht nur von Kindern: eine totale und fatale Ohnmacht gegenüber den eigenen Emotionen und Erinnerungen.

Der Weg zur finalen Krise führt über verblüffend nonchalant präsentierte Erschütterungen, die zwischen drückendem Ernst und makabrer Spielfreude schwanken: Wunschträume verwandeln sich in Alpträume (der beste Gag des Films ist ein fröhlicher zerschnittener Hund), Freude verwandelt sich in eine verbissene Tyrannin (sie legt aber kein Superverbrechercape an und nennt sich „Manie“), der reizende imaginäre Freund aus der Kindheit muss tatsächlich sterben (die Überspitzung eines alten Topos, der bereits bei „Eliott, das Schmunzelmonster“ nur noch befremdlich wirkte). Und, in einer Folgerichtigkeit, die Kindern wie Eltern die Kehle zuschnüren kann, führen tatsächlich ein schlechter Tag, ein milder Streit am Küchentisch, ein Anflug von Pampigkeit zu vorübergehendem Emotions - , Kontroll- und Persönlichkeitsverlust, zum Diebstahl von Mutters Kreditkarte und zum Ausreißen ins nirgendwo.  Das anschließende Happyend erzählt uns nichts darüber, warum die Persönlichkeitsinseln plötzlich wieder stehen. Es fehlt Riley, es fehlen das Ich, das Selbst, das Bewusstsein. Es fehlen auch die Eindrücke aus der Außenwelt, die nur über die raumgreifenden Kapriolen der Emotionen erfahrbar werden und nicht einmal subjektiv rekapituliert werden können. Und wie wir als Rausschmeißer gezeigt bekommen, rumoren in jedem Kopf von Mann und Maus Variationen von Rileys kleinen heimlichen Herrschern.

Nun ist es nicht so, als würde ein Animationsfilm derartige Themen nicht schlüssig behandeln können, oder als wäre die handverlesene Belegschaft von Pixar nicht in der Lage, einen schlüssigen Film zu produzieren, der auf mehreren Ebenen funktioniert. Das Gegenteil wurde dafür zu oft und zu eindrücklich bewiesen. Das Problem dürfte tatsächlich eher darin liegen, dass Pixar, wohl noch immer das erfolgreichste Studio der Filmgeschichte, wenn man die  Zuschauerzahlen mit der Filmanzahl verrechnet, sich mit Wucht als erste Adresse der Animation wiederempfehlen will. Nach wie vor legitimiert durch die alten Lobpreisungen der Kritiker darüber, was die Firma inhaltlich und technisch ermöglicht hat, sowie durch die unauslöschbaren Verbindungen zu Disney, Apple und George Lucas (dem Popäquivalent zu Goethe, Kant und Schiller), schielt Pixar nun offensichtlich nach der Rolle als Bildungsinstanz der Zukunft. Rivalen punkten mit fröhlichem Quatsch wie den „Minions“, Kritiker konnten sich mit den wenig zwingenden Folgefilmen zu „Cars“ und der „Monster AG“ nicht anfreunden, das Prestige – Projekt „Merida – Brave“ scheiterte als Speerspitze des tiefenpsychologischen und vor allem milde feministischen Trickfilms. Angenagt präsentiert die Firma nun die Ausstellung „Pixar und Naturwissenschaft“, sucht erklärtermaßen den Schulterschluss zu Wirtschaft und Technik, veröffentlicht die Grundlagen seiner Drehbucharbeit im Netz und präsentiert die experimentelle Wundertüte von „Alles steht Kopf“ in den Begleittexten wie eine erfolgreich und akribisch erledigte und zu erledigende Forschungsarbeit.

Es gibt vor allem in der kalifornischen Psychologie den Trend, die Emotionen liebevoll abzuwerten: Du bist nicht deine Affekte. Du kannst nicht verantwortlich für deine psychischen Probleme gemacht werden (die in Amerika mittlerweile durch die Bank ab einem bestimmten Leidensgrad als „Geisteskrankheiten“ bezeichnet werden). Dieser natürlich humanistisch begründete, als Entlastung und Ressourcenquelle gedachte Ansatz, setzt aber eine umfassende Vorstellung von „Persönlichkeit“, oder jungianisch „Selbst“ voraus, eine strukturgebende und erfahrbare Klammer des individuellen Erlebens. Mag sein, dass das Individuum für amerikanische Zuschauer eine so unhinterfragbare und gleichzeitig brisante Größe ist, dass sie sie sich automatisch dazu denken (ganz ähnlich verhält es sich bei vielen amerikanischen Filmen, die für unser Empfinden eine Leerstelle lassen, mit „Gott“). In Amerika, wo der Film die Bestenlisten anführt und sich sogar kurzzeitig beinahe gegen die fröhlicheren und flacheren „Minions“ behaupten konnte (bei uns wurde er wohlweislich um Monate verschoben) ist der Film eingebettet in eine abfedernde psychologische Kultur, kann er als Ergänzung und Bebilderung auch sonst in Kitas und Grundschulen behandelter Fragestellungen gelesen werden. Bei uns schlägt er in ein skeptisches und weitgehend unvorbereitetes Niemandsland, verweist nur auf sich und kommt ohne Bedienungsanleitung daher (dass die nicht plötzlich im inneren Regal herumliegt, will Pixar in seinem disneyfiziertem Positivismus offensichtlich wirklich nicht begreifen). Hier transportiert er vor allem Angst (nicht von Olaf Schubert gesprochen) vor der eigenen Psyche und eine neue, zweifelhafte Kategorisierung des Innenlebens.

Pixar wird erwachsener, als es ohnehin immer schon war, der Poet empfiehlt sich als sozialer Ingenieur und pocht gleichzeitig auf seine Fähigkeiten als Entertainer und Gemeindepfarrer. Das kann funktionieren, führt aber zunächst zu diesem heillos zerrissenen Film, in dem die verschiedenen Rollen einander so abwechselnd vom Kontrollpult boxen wie Angst und Ekel auf der Leinwand.

Mit all seiner Courage, seiner Grandiosität, seinem Einfallsreichtum und seiner technischer Brillanz ist „Alles steht Kopf“ eine meisterhafte Enttäuschung. Diesen Film in richtig gut hätten wir gerade zur Zeit richtig gut gebrauchen können. Zu einem Oscar, ein paar hübschen Stofftieren und einem Eintrag in die Filmgeschichte wird es aber sicher reichen.

 

 

 

29.09. "Ihr macht mir Mut (in dieser Zeit)"

Es gibt kulturelle Hervorbringungen, die einfach nicht zu glauben sind. Es gibt Kulturprodukte, die liegen so überraschend und vielfältig daneben und quer zu allen bisher angenommenen Gesetzmäßigkeiten, sind so ungerührt bizarr, dass sie Tore zu unvermuteten neuen Welten aufstoßen. Bei solchen Produkten handelt es sich häufig um große Kunst oder um Lieder von Dieter Hallervorden. Sein aktueller Internethit „Ihr macht mir Mut (in dieser Zeit)“ ist vermutlich aktuell das schlechteste Lied der Welt (das Titelstück zum neuen Bond schielt dagegen nur fade und ungelenk nach neuen Zielgruppen). Die verhaspelten Neue deutsche Welle – Strophen und der hineingrätschende Kirchentagsrefrain machen in der mutigen Kombination schon sprachlos, bevor sich das Hörerhirn bei der Entschlüsselung des zeitkritischen Textes zerlegt. Das Stück schreit nach einer politischen Auseinandersetzung, die man aber anhand dieses Stücks etwa so sinnbringend führen kann wie anhand von „Du, die Wanne ist voll“. Und vermutlich liegt genau da der Hase im Pfeffer, bzw. Didi im Trend. Und jetzt hat er viele neue Freunde, die er hoffentlich nicht will.

Zum 80. Geburtstag hat Dieter Hallervorden sich und der Welt das Geschenk einer Musiknummer gemacht, eben „Ihr macht mir Mut (in dieser Zeit)“ (Musik von Isaak Herzog und Matt Vandercook , Text von Dieter und Johannes Hallervorden und ebenfalls dem pseudonymen Isaak Herzog). Das Stück ist herausfordernd komplex gebaut: in einer Einleitung zu Klampf- und Jaulgitarre gratuliert ein ungefähr unisono schleppend brabbelnder Chor Hallervorden zum Geburtstag, bevor der würdevoll das Mikrophon an sich reißt und salbungsvoll verkündet, seine schweren Zeiten in dieser „durchgeknallten“ Welt“ („die allein kein Schwein aushält“) habe er nur dank „Euch“/lies: uns/lies: weiß der Kuckuck wem überwunden. Dann werden ein paar Rummelplatz- Keyboards aus den 80ern angeworfen, und Hallervorden feuert mit Verve büttenredenartige Zweizweiler ab, beginnend mit „Aids beherrscht halb Afrika/Gummis sind zu teuer da“. Die Stimme ist die altbekannte Mischung aus schweinchenschlauem Greinen, dick ironischem Nanunanu und sägendem wölfischen Triumph - das Verb „to didi“ gehört schon lange in den internationalen Sprachschatz. Und bereits vor der ersten messerscharfen Pointe des großen Satirikers türmen sich die Fragezeichen: natürlich haben wir alle unser Päckchen zu tragen, und wer weiß, was Hallervorden als Privatmensch hinter sich haben mag, aber wann lag Didi innerhalb der letzten vier Jahrzehnte vor Publikum „am Boden“, wie er es besingt? Als Ende der 1980er seine Filme keine Besucherrekorde mehr brachen? Als er vor drei Jahren für das unsensible „Blackfacing“ bei einer Theaterproduktion überraschend behutsam gerüffelt wurde? Selbst im Vergleich zum ewigen Rivalen Otto steht der stattlich gealterte Hallervorden mit Rauschebart und Honig im Kopf unverrückbar im Scheinwerferlicht. Junge Nostalgiker feiern hingebungsvoll seine alten Dummheiten, seine späte und spezielle Form von Kabarett wird allenthalben als Kabarett bezeichnet, und Berlin liebt seine Original- Prominenz ohnehin beinahe zu Tode. Er ist mehr Filmstar, Theaterpatron und Institution denn je, und selbst zu „Didi und die Rache der Enterbten“ (1985), diesem ambitionierten Großwerk an verhunztem Timing und Missmut (mit Hallervorden u.a. als „Didi Dödel“, „Tante Florentine“ und „Kongo – Otto“), finden sich im Netz nur liebevolle Anmerkungen. Aber, und so wird ein Schuh daraus: auch wenn die Kritiken für die Altersrollen meist begeistert ausfallen, so läuft Hallervorden seit „Nonstop nonsens“ quer zum, palimpalim, intellektuellen Diskurs in den deutschen Medien. Ernsthaft abgearbeitet haben sich Kritiker immer an anderen, die sich viel weniger für die klassische Komödie und den manchmal guten alten Sketch interessierten, und egal, welche breit behandelten heißen Eisen Hallervorden  anpackte, Giftmüll oder Korruption, nie ergaben sich Berührungspunkte. Das muss weh getan haben. Als Komödiant alter Schule und als der selbsternannte kleine Mann in verdrechselten Komödien (wozu zum großen Teil auch noch seine Kabarett- Sketche, ich schreibe mal keine Anführungszeichen, gehören), sowie als hemmungsloser Grimassenschneider füllt Hallervorden eine Lücke, von der viele kluge Menschen bestreiten, dass sie ohne seine Füllung überhaupt bemerkt würde. Würde sie (und was hat das mit dem schauderhaften Song zu tun)?

Kurz das Positive: Hallervorden war/ist der einzige deutsche Slapstickkomiker. Kein anderer hat sich je mit irgendwelchem Erfolg hierzulande an akrobatischer von dem Eimer über den Rechen auf die Kühlerhaube – Choreografie versucht. Das ist nicht nur ein hartes Handwerk, das ist auch eine erhebende ästhetische Form, die viel über den Menschen und die Dinge erzählt. Gewürdigt wird sie in Deutschland selten und wurde sie früher gar nicht. Und wenn Cineasten einmal verhalten von Mack Senett schwärmten, fiel nie der Name Hallervorden. In der Konsequenz gab Hallervorden ab Mitte der 70er den Anti – Intellektuellen jenseits der hippen Kreise (vermutlich spielten auch die damaligen Linksintellektuellen und Hallervordens frühe Flucht aus der DDR dabei eine Rolle). Und auch anschließend bezog er einen einsamen Posten: nicht nur war er zwischen 1970 bis Mitte der 1980er der einzige ausdauernde deutschsprachige Kinokomiker, seine „Didi“ – Figur hat auch nach wie vor einen Ausnahmestatus durch ihren unbeirrbaren Realweltbezug (nur Polts Anti – Helden ab 1984 lassen sich da vergleichen, und die kämpfen sich nicht durch klassische Komödien). „Didi“ ist immer in glaubhaften existentiellen Nöten und verstrickt sich dadurch in seine bösartig karikierte Umwelt. Dieser Ansatz wurde Hallervorden allerdings nie gutgeschrieben, denn zum Zeitpunkt seiner Kinokomödien galt die Komödie an sich weitgehend als untaugliches Mittel zum Erzählen von der harten Welt. Auch wenn die Filme besser gewesen wären, als sie letztendlich waren, hätten sie keine Lorbeeren ernten können (in den USA wurden zeitgleich die Filmkomödien vorübergehend abgeschafft und durch Burt Reynolds – Reifenbrummen ersetzt). So, im luftleeren Raum jenseits der Diskurse und mit nur einer vollständig beschädigten Tradition als Bezugspunkt (die Louis de Funes – und Pierre Richard – Streifen hatten es da leichter), griffen die Filme häufig auf Boulevard und Zote zurück und auf eine vermutete „schweigende Mehrheit“, der man Komödien zum Mitweinen auftischte (in den enthemmtesten Momenten träumt die „Otto“- Figur von Orgien und Schampus, „Didi“ von Rotlichtbars und Curywurst). Mitte der 80er, als sich Otto, Loriot und Polt auf die Leinwand wagten, konnten sie ihre Form der Komik, ihr Publikum und die ihnen wohlgesonnenen Kritiker (zunächst) mitnehmen. Die Lage war entspannter (oder, je nach Sichtweise, resignierter) geworden. Am Katzentisch wurde Hallervorden zum Populisten und ist es bis heute geblieben.

 

Welcher Art war und ist dieser Populismus? In der satirischen (nein, keine Anführungszeichen, wir sind doch nicht im kalten Krieg) Fernsehsendung „Hallervordens Spott-light“ (ein Name voll knackiger Eleganz) waren "die da oben" vor allem doof und gierig. Die Haltung des Satirikers lag vor allem in einer Forderung nach dem (oft besungenen, nie gesehenen) „gesunden Menschenverstand“ und nach Gerechtigkeit gegenüber den (ähnlich mythischen) „kleinen Leuten“ ohne nähere Bestimmung. Man muss dazu sagen, dass in anderen Ländern solche behäbigeren Formen der Satire gang und gäbe sind. Deutschland war satirisch lange Zeit entweder verwöhnt oder Entwicklungsland insofern, als dass sich über Jahrzehnte hinweg nur eine kleine, handverlesene Clique konsequent und unermüdlich an Satire jenseits des klassischen Kabarett wagte –eben die „Neue Frankfurter Schule“ der "Titanic", plus ihr „Pardon“ und später „Mark und Bein“/“Kowalski“ – Umfeld. Zu diesem Umfeld gehörten durch freundschaftliche Beziehungen auch Loriot und Polt, für Otto schrieben Gernhardt/Eilert/Knorr. Die Sozialdemokratie hatte ihr Kabarett, die alternativen Bewegungen Otto (der recht offen mit den „Grünen“ sympathisierte) et al. Die gefürchtete „schweigende Mehrheit“, die verunsicherten Proto – „Wutbürger“ hatten „Ekel Alfred“, aber der war ironisch gemeint und ihnen größtenteils wohl auch zu derb, später kriegten sie Hallervorden. Sein gebremstes Ressentiment passte zu ihrem. Nach einer Zeit als Wahlkampfunterstützer der FDP (die er aus politischen Gründen beendete, er äußerte sich enttäuscht über den mangelnden Mut gegenüber der CDU) sah sich Hallervorden, der vorübergehend ehemalige Filmstar, als unangepasstes Sprachrohr für das Unausgesprochene. Und in dieser Rolle schlägt er in den letzten Jahren immer häufiger ohne Programmatik und Geschmack gegen die „politische Korrektheit“, wo er sie vermutet, und nimmt für sich in Anspruch,  unbequeme Wahrheiten zu sagen, wenn niemand mehr versteht, was er eigentlich gerade sagen will. Manche, denen es ähnlich geht, lieben ihn dafür.

Und dann durfte „Ihr macht mir Mut (in dieser Zeit)“ nicht bei der Sendung „Menschen auf der Flucht – Deutschland hilft“ des (vermutlich wieder einmal vor allem verwirrten) ZDF vorgestellt werden.

Das „am Boden liegen“ aus dem Liedtext von „Ihr macht mir Mut“ ist also vielleicht Ausdruck von Hallervordens im Lauf der Jahre angesammelter Frustration, ganz sicher aber ein Topos (und vielleicht stammt die Zeile auch gar nicht von ihm), eine beliebte allgemeine Leerstelle. Am Boden liegen, trotzdem Mut haben. Es ist ein vor allem bei Rechten beliebter Topos (in deren Liedern liegt eigentlich immer jemand am Boden, vielleicht geht es dabei auch um Alkohol). Der weitere Liedtext geht holterdipolter durch die nonchalant angerissenen Widrigkeiten der Welt, die bei drei nicht auf den Bäumen sind, von der Ölpest in Kanada bis zu „Kiwizucht auf Hiddensee“. Dazu fährt der Jubilar unter der Regie seines Sohnes verschiedene Bötchen, füttert Möven und Hunde, hat ein Spielzeughandy am Ohr oder baut Sandburgen. Jede neue Zeile birgt Rätsel und Wunder: Kriegen auch „Chemietrails“ und „Gammelfleisch ihre fünf Sekunden im Schweinwerferlicht (nein, aber überraschenderweise „Tschernobyl“ und „Automaut“)? Wie wird die NSA wohl mit stumpfer Feder augespießt („Ferkel“ im „Schlafzimmer von Merkel“)? Kommt auch was zum Klimawandel (klar)? Und tatsächlich kriegen auch traditionell links verortete Themen ihren Stoß mit dem Ellenbogen (Trinkwasserhandel, Griechenland, Rüstungsexporte), gleichberechtigt neben Skandaljournalismus und zu vielen Talkshows. Hallervorden spuckt großzügig aus, was immer ihm ins Auge fällt. In der Einleitung zum Refrain heißt es dann, mit Unterstützung durch einen brummelig feixenden Chor (das Brummeln gerät überzeugender als das Feixen): „So steht`s in der Zeitung drin/was glauben die denn, wie blöd ich bin?“ Angesichts des vorangehenden Wortsalats eine interessante Frage, aber auch das, natürlich, ein Anknüpfungspunkt an „Lügenpresse – halt die Fresse“ – Geschrei. Israel plant Mauerbau/SED – Ideenklau“ ist dabei als unverbundener Einschub auf dem verlässlichen Niveau des Restsongs. Nach einem kurzen Exkurs (mit brillanter Treffsicherheit ist jedes Thema entweder mit einem Schlagwort abgewatscht oder schleppt sich wie hier über gleich mehrere verrenkte Sätze) ausgerechnet darüber, dass man keine „Spekulanten kritisieren“ könnte ohne einen „Shitstorm zu riskieren“ folgt dann allerdings die Kernschmelze. Im bei einiger Konkurrenz schlechtesten und unangenehmsten Zweizeiler (das kann kein Zufall sein, auch die Musik hängt hier für ein paar Takte in der Luft) heißt es gleich danach: „Magst du Netanjahu nit/biste gleich Antisemit.“, und es schließen sich wiederum Beschwerden über journalistischen Rufmord an. Dann geht`s, als wäre nichts gewesen, heiter weiter mit der besinnungslosen Nennung vom Berliner Flughafen, „Pflegenot“, „Parteigezank“ und Edward Snowden (u.a. „Nur wer rutscht auf seinen Knien/dem haben die USA verziehen“). Und in einem fassungslos machenden Fazit räsoniert der weise alte Clown leise und salbungsvoll, dass seine Knittelverseexzesse die Welt vielleicht doch nicht retten werden: „Klar allein mit so ´nem Gesang/ ist nichts Großes anzufang.“ Aber bald sind „wir“ alle mehr und machen mehr (ist das eine Drohung? Oder ein Hinweis auf gemeinsames Reimlexikonschlachten? Oder erstmal: Reimlexikonkaufen). „Alt ist`s, sich mit sich bequemen/jung, sich etwas vorzunehmen“- dafür ist die Witwe Bolte wirklich nicht gestorben. Und „100 Prozent“ der Einnahmen von „Dieter und Johannes Hallervorden“ geht an „die Flüchtlingshilfe“. Hallervorden strauchelt abschließend mit aufgerissenen Augen durch Baumreihen.

Das Stück ist, kurz gesagt, unfassbar. Alleine die Vorstellung, das gedidite Sampling wirr herumfuchtelnder Kraut und Rüben – Beschwerden könnte irgendeine Handlungsanleitung zu politischem Engagement sein (oder zu kleinen Schritten hin zu einem freundlicheren Miteinander. Oder zu irgendeinem Gedanken.) macht betroffen. Dass der tapfere Sänger in diesem verquirlten Quark noch eine Hymne oder clevere Generalabrechnung vermutet, ist die zweitbeste Pointe in Hallervordens nicht unbedingt übervoller Laufbahn.

Die beste Pointe ist weniger lustig: Ja, sie haben ihn bereits adoptiert. Die Mahnwachenden, die Verschwörungstheoretiker, die Ken Jebsen – Apologeten. Mit Idiotensicherheit präsentieren sie den unterirdischen  Netanjahu –Zweizeiler und die Absage des ZDF im Netz als Beweis für Hallervordens Rang als „Systemkritiker“, und das meint: als „Kritiker des Zionismus“ (und wieder verblüffen die neuen Rechten mit ihrer offenen Besessenheit, „Israelkritik“ als einen allen Menschen geheimnisvoll innewohnenden Wunsch, Zwang und als Maßstab einer „unzensierten“ Diskussion definieren zu wollen). Dank dieses Einfallstors in Zusammenhang mit richtungsloser USA – und Medienkritik und Geschrammel zum „Mehr zusammen bringen“ hat Hallervorden mit seinem Geburtstags/Flüchtlings/Kein Schwein hält alleine die Welt aus – Lied offensichtlich die fehlende Hymne für Pegida - Deutschland geschrieben. War das beabsichtigt? Gerade hat Hallervorden einen Holocaust – Überlebenden gespielt. Eine tatsächlich von Hallervorden oder, wahrscheinlicher, vom dritten Texter bewusst im Lied platzierte antisemitische Argumentationskette lässt sich nicht völlig ausschließen, aber würde die Angelegenheit angesichts des vorliegenden, ungeordneten Songtextes nur noch bizarrer werden lassen. In „Ihr macht mir Mut“ fehlen, in Einklang mit Hallervordens bisherigem Ouevre, die meisten rechten Themen. Nirgendwo ein Hinweis auf „Fremde“, keine codierten grellen „Kriminellen“, kein Blut und Boden(in den vielen Anspielungen auf die NSA - Affäre fehlt jeder der mittlerweile notorischen Verweise auf ein „besetztes Land“) . Hallervordens „wir“ ist zu keinem Zeitpunkt völkisch konnotiert und versteht sich dezidiert als Gewicht gegen Fremdenhass.  Dass in dieser mythischen „Mitte“ (und damit wäre die Dreifaltigkeit mit „kleinen Leuten“ und „gesundem Menschenverstand“ komplett) bewusst (?) provokante Halbgesagtheiten herumschwirren, die sich so krude von Antisemitismus abgrenzen, dass sie Antisemiten selbstverständlich als Schulterschluss verstehen, ist nichts Neues, aber vielleicht für Hallervorden. Und hier liegen einige Lehren vergraben: wer besinnungs – und gesinnungslos vor der gefürchteten „politischen Korrektheit“ flieht, kann sich seine Freunde schnell nicht mehr aussuchen. Und: nicht jedes Thema lässt sich mit hingeschluderten Karnevalspointen behandeln. Offensichtlich ist keine Aussage flach und konzeptlos genug, um von aufgescheuchten trüben Köpfen nicht als Bestätigung verwertet zu werden. Die Lösung kann nur in weniger flachen und konzeptlosen Aussagen liegen. Dummstellen ist keine Lösung, und wenn die Karriere darauf basiert.  

 

 

 

22.09. "Der begrabene Riese"

Vor über zehn Jahren schrieb Kazuo  Ishiguro „Die traurigste Musik der Welt“, zunächst ein Drehbuch für Guy Maddin , in dem bei einem Wettstreit eben nach der „traurigsten Musik der Welt“ gesucht wurde. Das war unter anderem sicher auch ein wenig heimtückische Selbstironie, denn Ishiguro scheint die traurigsten Romane der Welt schreiben zu wollen. Mit trügerisch heiterer und immer unzweifelhaft warmer Melancholie lockt er Leser in kleine, liebevoll ausgemalte Welten voller wohlwollend aufgespießter menschlicher Schwächen. Auf den ersten Blick, auf den ersten hundert, zweihundert, dreihundert Seiten, scheint er auf lässige und virtuose Art eine eingängige, modernisierte Form von „klassischer“ Literatur aus dem 19. Jahrhundert zu schreiben: ruhig, wortreich und elegant, mit distinguiertem Flair (die tatsächliche klassische Literatur ist dagegen meist viel roher und sperriger). Seine Protagonisten sind unschuldig und sympathisch, rechtschaffene und rührende Naivlinge, intelligent und engagiert, aber unrettbar gefangen in Wertvorstellungen und Träumen, hinter die der Autor mit scheinbar liebevoller Nachsicht diskrete kleine Fragezeichen setzt. Der durchtrieben angenehme Erzählfluss steuert dabei aber unbeirrt auf eine schmerzhaft zuschlagende Pointe hin. Die Hauptfiguren entpuppen sich als brave Kinder (meist in fortgeschrittenem Alter), die ihr Leben durch das Festhalten an veralteten und verlogenen Kodizes und an dünnem Selbstbetrug gehemmt und total verfehlt haben. Und die so verständig beschriebene Welt um die Protagonisten entpuppt sich als Hölle, als ein unrettbares System des Unrechts, in dem das Leben unterdrückt wird, die Unschuldigen geschändet werden und trotz aller Artigkeiten ein grausames Recht des Stärkeren gilt. Ishiguros Geschichten sind keine Tragödien, denn zu einer Tragödie braucht es Drama, Konfrontationen und miteinander ringende Weltanschauungen. Ishiguros Helden hätten dagegen vermutlich auch dann keine Chance zum Aufbegehren, wenn sie klarer sehen könnten. Tatsächlich klammern sie sich auch nach ihrer Desillusionierung an die Reste ihrer falsifizierten Träume, und die markerschütternde, allumfassende, ohnmächtige Traurigkeit am Ende der Fabel bleibt alleine bei uns, den Lesern. Man könnte Ishiguros Literatur als bürgerlich -behagliche Form des Schwelgens in Depression brandmarken (und die Verfilmung seines bekanntesten Romans, „Remains of the day“ will dieser Falle gar nicht  entkommen und steht der Rezeption seiner Romane manchmal im Weg), aber das ginge an Ishiguros blutendem Herzen und seinem klugen Kopf vorbei. Diese Romane wollen die Wahrheit, eine Wahrheit beschreiben, unversöhnlich und präzise, voll messerscharfer Beobachtungen und lyrischer Einsprengsel, sie machen wach und sensibel. Und ihre bitzelnde elegische Ruhe ist keine neutralisierende Sauce auf ihrem Schrecken, sondern Ausdruck einer tiefen Ambivalenz, die sie so faszinierend macht (dass die Welt schlecht ist, ist ein möglicher Standpunkt, aber an sich nicht gerade ein interessanter Ansatz für einen Roman). Verwirrenderweise sind Ishiguros Romane im Grunde eher überlange Novellen, eher Kammerspiele als große Epen. Bei kürzeren Texten gelingen ihm sein spezieller Effekt und die niederschmetternde Epiphanie weniger gut.

Mit dieser Marschroute im Gepäck hat Ishiguro u.a. bereits den historischen Roman, die Künstlerbiographie, den Kriminalroman und die Science – Fiction zerlegt. Sein jüngstes Buch, „Der begrabene Riese“, das seit gut einem Monat auf Deutsch vorliegt, nimmt sich nun die Fantasy vor. In einem ziellosen, von der Zeit vergessenen England vor etwa 1000 Jahren, verlässt ein altes Ehepaar sein unwirtliches Dorf (eher eine Reihe von Erdlöchern, lässt uns der Erzähler wissen, es hätte zwar auch Schlösser und Höfe gegeben, doch in unerreichbarer Ferne) um nach seinem lange nicht gesehenen Sohn zu suchen, den es in einem benachbarten Dorf vermutet. Das Paar schleppt sich über eine unheimliche Ebene, unter der ein Riese begraben sein soll, und trifft auf eigenartige Zufallsbekanntschaften und Wegbegleiter: verschwiegene Fährmänner, müde Ritter, listige Hexen, verstörte Kinder und sich kasteiende Mönche. Ein Nebel liegt über dem Land, und unsere einnehmenden alten Anti – Helden haben Mühe, sich zu erinnern – an ihre gemeinsame Geschichte wie an die Geschehnisse im Land. Die beiden wissen nur, dass sie einander lieben, und dass glücklicherweise alle Bewohner, nicht zuletzt die früher verfeindeten Angeln und Sachsen, durch die Erinnerung an den guten König Arthur vereint sind, der das Land durch seine milde Art der Eroberung geeint hat. Wegen ihrer meist grimmigen Pointen lassen sich Ishiguros Geschichten verblüffenderweise so schlecht nacherzählen wie twistlastige Hollywood – Filme. Darum nur: in sachte aufbrandenden Enthüllungen und kleinteiligen Entwicklungen erfahren wir nach und nach und entlang vieler farbiger Episoden die Wahrheit über die verwunschene Landschaft und die Natur des „begrabenen Riesen“.

Ishiguro bürstet die Fantasy nicht gegen den Strich (wie er es bspw. mit dem Krimi in „When we were orphans“ tut). Eine Welt voller Unsicherheit und fragwürdiger Überlieferungen entspricht dafür seiner Sensibilität zu gut. Menschen, die nicht wissen, ob sich hinter der nächsten Wegbiegung ein Drache, ein feindlicher Soldat oder eine neue Heimat verbergen und die sich deswegen aneinander und an allgemein bekannte Glaubenssätze klammern, sind für ihn perfekte Protagonisten. Seine Form der unauffälligen Poesie findet in sumpfigen Wäldern mit in der Ferne flirrenden Lichtern ihr perfektes Setting. Und die aus vorangegangenen Büchern wiederkehrenden Themen von Mythen über besondere Chancen für Liebende oder verschleppte Mütter finden in der Fabel über eine archaische, besinnungslose Welt voll unklarer Wunder ihre perfekte Form. Bis zur Hälfte des Textes mögen wir uns noch fragen, ob sich der Autor wirklich auf das Spiel mit dem phantastischen Genre einlassen will, doch dann begegnen wir tatsächlich Fabelwesen und Zaubersprüchen. Das melancholische Märchen bricht nicht die Gesetze der Gattung, sondern nimmt sie ernst. Es erzählt von verlorenen romantischen Reichen, von Macht und Schuld und der Frage nach „Magie“,- nur ohne abfedernde Behaglichkeit und ohne beruhigend übereinstimmende Überlieferungen, ohne Mittelaltermarkt aber nicht ohne Feuerschein und Holztische, mit kurzen, wirren Kämpfen und hilflosen Drachen, mit viel Blut und Dreck. Ishiguro betreibt keine abstrakte, naserümpfende Fantasy, er zelebriert die sehnsüchtige, archaische, verzauberte Atmosphäre, nur eben zu seinen Bedingungen (nebenbei: so kann ernsthafte Fantasy aussehen, so fern von „Game of thrones“). Eine überraschender Schwerpunkt liegt dabei auf unheimlichen Elementen- auf geisterhaften Frauen, die bei Gewitter mit irrem Grinsen Kaninchen schlachten, auf Mönchen, die sich an bizarre Opferstätten ketten, auf gespenstischen, unüberquerbaren Flüssen. Dabei verliert der Autor nie sein bewegend hilfloses altes Paar von Wanderern und seine traumatisierten Ritter aus den Augen. Wir mögen diese Figuren, und wir ahnen ein markerschütternd trauriges Ende. Es kommt, natürlich, aber in voller Wucht bleibt es aus. Die Figuren scheitern, natürlich, ihre Siege sind Pyrrhussiege, natürlich, und natürlich halten sie sich selber in berstenden Lügengebäuden gefangen. Doch sie scheitern nicht so fundamental wie Ishiguros vorangegangene Protagonisten, es bleiben Reste von Erlösung, gelebter Zuneigung und Würde, auch mit offenen Augen. Und sie haben dieses eine Mal ihre Gesellschaft verändert, wenn auch vielleicht zum Schlechteren. Vielleicht hat die Phantastik Ishiguro ein etwas spielerischeres Nachdenken über seine nagenden Themen ermöglicht. Vielleicht verschiebt er seinen Fokus ein wenig hin zu den bohrenden Fragen, so brillant und bewegend er gerne erschütternde Antworten gibt. Schön und gut.

     

15.09. "Frank"

(Jedes Jahr das Gleiche in den letzten Jahren: ab Anfang August gilt jede Stunde mit Schlangen vor den Eiskugeln als „der letzte schöne Tag“. Und die Menschen klagen mit Tränen in den Augen darüber, dass die Welt bald wieder grau und bitterkalt sein wird, während sie vor welpengroßen Wespen fliehen und Sturzbäche von Schweiß an ihnen herunterlaufen, die Straßenbeläge unter ihren Füßen schmelzen wie Bilder in den Museen, und Rentner und Kleintiere röchelnd und herztot hinter ihnen zu Boden sinken. Irgendwann kurz nach der Geburtstunde dieses Landes müssen  frei flottierende Eindrücke von Nachkriegswintern und ersten Italienurlauben mit den neuen Ideen des frisch kalten Krieges (aus Sibirien weht immerfort der eisige Grabesatem herüber,wir orientieren uns beim Klima nicht mehr an Riga, sondern an Capri) zu dem zementfesten Mythos vom immerkalten deutschen Wetter verschmolzen sein. Die Folge: selbst Badetemperaturen an Weihnachten führen zu entrücktem Grinsen und nicht zum panischen Beten um die eine oder andere Schneeflocke, und selbst der grimmigste Kommentar dazu endet auf einer beschwingten Note. Vorgestern war Herbst, heute ist wieder Sommer. Das hat natürlich auch seine surreal schönen Seiten, und der Berliner Winter ist zu kalt (unter anderem, weil um die Stadt herum zu wenig steht an Bäumen, Bergen oder Orten) aber beruhigender wären ein schmuddeliger Himmel und eine steife Brise. Und der letzte schöne Tag im Jahr ist im Zweifelsfall immer Sylvester.) .

 

Eigentlich stand nun der „begrabene Riese“ an, aber die betörende britisch – irische Tragikomödie „Frank“ findet ihr Publikum nicht (geschrieben von Jon Ronson und Peter Straughan, inszeniert von Lenny Abrahamson). Möglicherweise ist eine übergroße Pappmachémaske mit starrem Blick doch kein so allgemein überzeugendes Argument für den Kinobesuch wie lange Zeit angenommen. Die puppenhafte Maske auf den Plakaten und in den Foyers scheint für einen grenzensprengenden Undergroundfilm voller Puppen, ungemütlicher schriller Lacher und polymorph perverser erotischer Szenen zu werben. „Frank“ ist ganz und gar nicht dieser Film. Er ist allerdings auch nicht die warmherzige kleine Indie – Komödie, als die er beginnt. So beginnt die Geschichte:  In einer unschlagbar komischen Anfangsszene versucht der junge Musiknerd Jon seine Alltagseindrücke im Kopf zu einem Song zu formen. Jon (Domhnall Gleeson) ist Anfang 20, wohnt bei seinen Eltern und macht irgendeinen Bürojob. Zufall/Schicksal/Persistenz machen ihn plötzlich zum Aushilfs- Keyboarder einer obskuren Avantgarde – Rockband. Das weggetretene Genie der Band heißt Frank (Michael Fassbender) und trägt immer einen Pappmachékopf auf dem Kopf. Jon ist fasziniert von Frank, und auf völlig andere Art von der schnippischen Drummerin Clara (Maggie Gyllenhaal). Nach der Formel des behaglichen kleinen Films müsste die Band nun auf eine katastrophale Tour gehen, zwischen Frank und Jon müsste sich eine heilsame Freundschaft entspinnen, zwischen Clara und Jon eine schüchterne Romanze. Beim melancholischen Ende würde Jon weiser geworden in sein bürgerliches Leben zurückkehren, und wir alle hätten etwas gelernt. Stattdessen bleibt die Freundschaft zwischen Frank und Jon zerstörerisch, die Romanze zwischen Clara und Jon kurz, verachtungsvoll und unpersönlich, und am Schluss bleibt unklar, was wir gelernt haben könnten. Dafür erzählt der Film auf unbequem satirische Art von Wahnsinn und Selbstzerstörung, ohne seine Sensibilität und seine malerischen Bilder von Orten und Landschaften jemals ganz aufzugeben (Kamera: James Mather). Übersetzt in Plot heißt das: die Band bunkert sich ein Jahr lang in einem Gästehaus in Irland ein und versucht vergeblich, ein Album aufzunehmen (Streits, Improvisationen, ein Selbstmord). Jon postet die Versuche in sozialen Netzwerken, leiert einen Gig in Texas an und drängt Frank zu kommerzieller Musik (= seinen eigenen fragmentarischen Songs). Die Band zerbricht, Frank zerbricht, aber Jon führt Frank und seine Band wieder zusammen und zieht sich anschließend schnell und betreten von ihnen zurück. Und Frank legt seine Maske ab.

Frank“ basiert lose auf einigen Sachtexten des Ko – Autoren Jon Ronson . Und die schauderhafte Maske verweist auf einen toten britischen Unterhaltungsmusiker, der darin gebrochene Jahrmarktsmusik und Kinderlieder sang. Doch dieser Hintergrund ist, behaupte ich, für den Filmgenuss unerheblich. Die reale Ereignisse werden nicht übertragen, und „Frank“ will exemplarisch von Musik und Musikern erzählen. Die coole, dabei labile Schlagzeugerin, der ernsthaft existentialistische Bassist, der jüngerartige kaputte Roadie usw. sind liebevoll ausgemalte Klischeefiguren. Die verunglückten Gigs und endlosen Studiosessions sind genauso ewige Witzblattwahrheiten wie die neuen Phänomene des Internet – Erfolgs durch bizarre Unfälle und als Freaks. Wenn der Film greller und lustiger wäre, was sich manche Kritiker wünschen, könnte sich wissende Schadenfreude einstellen. Und die weicheren Momente kämen dann liebenswürdig obendrauf. So werden wir aber nie vom Haken gelassen: die Musik der Band (eine dröhnende Wolke aus wabernden und abgehackten Sounds von u. a. Keyboard, Gitarre und Theremin, Musik: Stephen Rennicks) bleibt befremdlich, aber alles andere als schlecht. Franks gemurmelte oder prophetisch herausgeheulte assoziierende Texte balancieren konsequent auf dem schmalen Grad zwischen komisch ungenießbar, einleuchtend und auch- nicht-schlechter-als- andere- Lyrics. Wenn die Band in seltener Eintracht Naturgeräusche sammelt oder sich in schwelenden Klanggewittern ergeht, kann das mit gleichem Recht als absurd oder als inspirierend gesehen werden.

Die meisten Filme über Kunst, und speziell die über Musik machen uns die Wertung einfach: wenn zu einem lahmen Liedchen Feuerzeuge geschwenkt werden, sollen wir es als gut empfinden, wenn das Publikum flieht und eine Rückkoppelung pfeift, taugt die Musik nichts. „Franks“ große Leistung besteht darin, dass die Frage nach der Qualität so offen gelassen wird wie die nach dem tatsächlichen Ausmaß von Franks Verwirrtheit. Und das mündet nun nicht in Beliebigkeit, sondern in die kompromisslose und unzufriedene Verneigung vor Kunst, bzw. Musik, die sich um eine wie auch immer geartete und möglicherweise sogar fehlgeleitete Integrität bemüht. Bereits die Fähigkeit, Musik zu gestalten wird trotz aller Spitzen so andächtig und verblüfft bestaunt wie die englischen und irischen Küsten und Wälder.

Und der „begrabene Riese“ staunt auch, aber dazu dann halt nächste Woche.

 

08.09. Wimmelbilder gegen Hass

(Ich war eine Weile still, weil ich nichts über die Flüchtlingskrise schreiben wollte, aber auch nicht nicht darüber schreiben wollte. Die Menschen, die das hier lesen, halten Angriffe auf Flüchtlinge und ihre geplanten Unterkünfte ohnehin für das Letzte, andere erreiche ich nicht. Refugees welcome? Aber klar und hallo. Dazu hängt aber an dieser Thematik ein Rattenschwanz von Fragestellungen, die ich in so einem kleinen, bescheidenen, gerade erst wieder auf „Kultur“ getrimmten Blog, das kein Flugblatt ist und alleine aufgrund seiner marginalen Existenz auch nicht als Getrommel taugt, weder umfassend behandeln, noch wegdrücken kann und will. Wenn sich das Hin – und Herschwappen der massenmedialen Meinungen wieder etwas beruhigt hat, gebe ich hier und da etwas komplexeren Senf oder schildere vielleicht, was ich hier und da von der Basis der Flüchtlingshilfe höre. Ich bleibe dran, wie wir alle. Refugees welcome, und vor uns liegen hoffentlich nur die Mühen der Ebene.)

Vor wenigen Wochen feierte der Wimmelbildzeichner Ali Mitgutsch seinen 80. Geburstag, und schon sind wir wieder beim Thema. Mitgutschs Bilder sind unerkannt in die Hinterhirne ganzer Generationen gebrannt. Beim retrospektiven Sichten war ich beinahe überrascht darüber, welche Details der bunten Doppelseiten voll kugelköpfiger Menschen ich immer noch parat hatte: nicht nur die eindrückliche Geisterbahn am Jahrmarkt, sondern auch die Streiche am Strand oder der letzte Hase am Bildrand. Mitgutschs erstes Wimmelbuch erschein 1969, und in den 1970ern waren seine Werke in Westdeutschland diskret allgegenwärtig: in den Kindergärten, den Arztwartezimmern, den Beschäftigungszonen von Kaufhäusern und Sparkassen und überall dort, wo es Bücher gab. Und wo an solchen Plätzen kein Originalband lag, konnte man die Panoramen zumindest als Puzzle zusammensetzen. Ein Wimmelbilderbuch funktioniert immer auch als eine vorsichtig didaktisch vermittelte gesellschaftliche Utopie. In der heißen Phase der engagierten Kinderbücher wurde Mitgutsch hier und da heftig angegriffen, dass er die konfliktreiche Wirklichkeit zu einer idyllischen Puppenstube verkitschen würde. Da ist ein Dieb, da ist ein Polizist, so wunderbar ist es eingerichtet in der Welt. Diese Kritik ist naheliegend und geht so an der Sache vorbei wie die Beschwerde, in Musicals würde zu viel gesungen. Der Sinn eines modernen Wimmelbuchs liegt darin, das meist alltägliche Leben als komplex, erfassbar, reich und gutartig darzustellen (mir selber war als Kleinkind Mitgutschs Modellwelt übrigens bei aller Begeisterung sogar häufig etwas zu derb und doch einen Tick zu soziologisch-  das meint, ich fürchtete mich vor manchen seiner Rabbatzkinder und vermisste manchmal individuellere Figuren). Dazu strotzen Wimmelbücher meist vor satirischen Spitzen, die für Kinder schwer zu entschlüsseln sind (und meist merkt das Kind erst an der Reaktion der Erwachsenen beim Zeigen und Erläutern, welche Information über das Funktionieren der Welt für ernste bare Münze genommen werden können). In der Retrospektive nimmt sich Mitgutschs Werk viel schmaler und ruhiger aus als erwartet- knapp 10 Primärwerke mit überraschend aufgeräumten Doppelseiten. Während ich mich als Kind nach der Betrachtung eines dieser Bücher nach einem steifen Grog und einer Stunde reizarmer Ruhe sehnte (es war ein progressiver Seefahrer – Kindergarten), suche ich heute nach dem titelgebenden Gewimmel. Die Zeiten sind unruhiger geworden, und die Gehirne zumindest kurzfristig aufnahmefähiger. Mitgutschs Welt ist egalitär und einladend. Innen und außen, wir und die kommen nicht vor. Verschiedene Milieus existieren nicht getrennt voneinander, sie werden nur am dezent karikierten Habitus (Zylinder oder Batschkapp) der Figuren und Gruppen deutlich, die in den gemäßigten Slapstick- Szenen aufeinander trennen. Öffentliche und semi – öffentliche Orte spielen eine große Rolle (was keine Selbstverständlichkeit für diese Art von Buch ist auch wenn es dort natürlich besonders schön wimmelt). Mitgutschs Parks und Marktplätze, Häfen und Bahnhöfe appellieren einerseits an die Sehnsucht nach einer idealen Urbanität und bilden andererseits die Wirklichkeit der bundesrepublikanischen 1960er und 1970er Jahre ab, als die Wurst noch beim Metzger gekauft wurde. Genauer: viele Tableaus zeigen offensichtlich die dezent verklärte Innenstadt von München mit vielen Gründerzeitbauten, wenig Fachwerk und so gut wie keiner brutalistischen Architektur. Die zu MItgutschs Hochzeit boomenden Vororte spielen nur selten eine Rolle (auch wenn so moderne Errungenschaften wie Campingwagen und Fernseher gerne eingebaut werden). Und, auch wenn mutmaßliche Südeuropäer deutlich präsent sind, sind so gut wie keine Menschen mit anderer Hautfarbe oder erkennbarer anderer Religion als der christlichen zu sehen.

Das ist nun sicher keine grobe Nachlässigkeit und erst recht keine Botschaft des ausgesprochen weltoffenen Mitgutsch. Es ist eine der Zeit (und in dieser Zeit vielleicht auch dem Respekt und dem Schwabinger Stadtbild) geschuldete Lücke (keine lückenlose Lücke übrigens, aber die weitgehende Lücke bleibt auffällig). Im Grunde lässt sie sich in Gedanken anhand der Bücher problemlos füllen.  Aber vielleicht reicht Dazudenken nicht mehr aus.

Mitgutschs Nachfolgerin in den Herzen und Kindergärten ist Rotraud Susanne Berner (hier fehlen Auslassungen zu u. a. dem herrlichen Richard Scarry und zu Berners aktuellen Kollegen, weil es mir gerade nur um die Utopien im Nervenzentrum der deutschen Kindergärten geht). Ihre offensiv so genannten Wimmelbücher (vier Jahreszeiten und einmal die „Nacht“, dazu diverse Sondereditionen) erzählen Geschichten (die sich jeweils durch ein Buch ziehen) über wiederkehrende Figuren (die sich in allen Büchern finden). Berner schildert in jedem Band die gleiche Stadt, beginnt beim relativ rappelvollen Vorortshaus, führt durch ein Niemandsland mit Äckern und Tankstelle (Fabrik und Hochhaus als Hintergrund in sicherer Ferne), dann über den Bahnhof entlang von Kirche, Kulturzentrum, Marktplatz und Kaufhaus zu einem Park mit Café. Die charmant und treffischer gestalteten Figuren verteilen sich über die luftig und großzügig gestalteten Doppelseiten noch weitaus spärlicher als bei Mitgutsch : Berner zeigt ziemlich exakt entweder 10 (am Anfang des Nachtbuchs), 20, 30 oder 50 Menschen pro Doppelseite, Mitgutsch kommt auf dem gleichen Platz auf ein Personal von bis zu 200 Menschen, scheint aber keine feste Vorgabe zu haben). Beide zeichnen dazu 10-20 Tiere pro Bild. Berners Panoramen sind nicht chaotisch und nicht urban: der Marktplatz entspricht dem einer Kleinstadt oder dem eines abgelegenen Viertels, die meisten Menschen wuseln durch das Kaufhaus. Der abschließende Park ist umgeben von ländlicher Nutzfläche Der Weg von Vorort zum Zentrum spielt eine größere Rolle als das Gewimmel im Zentrum. Ihre Figuren tragen Namen (die Buchrückseite verrät sie und fordert auf, nach ihren kleinen Geschichten Ausschau zu halten). Ihre Gestalten sehen dabei meistens aus, als würden sie, auch wenn ihre Stadt es nicht ermöglicht, Bio kaufen (ich darf das schreiben, ich kaufe selber Bio, soweit meine Stadt es mir ermöglicht). Mittelpunkt der Kinderaktivitäten ist das Kulturzentrum (wir suchen vergeblich nach kleinen Gruppen oder Banden auf dem Bahnhof, dem Marktplatz oder im Kaufhaus). Kurz: Berners Bücher beschreiben die Utopie vom harmonischen Leben im Grüngürtel (der Marktplatz ist eher ein Eventort für Erwachsene) und bilden die reglementierte heutige Kindheit wohlwollend ab (idealisierend ist dabei nicht zuletzt, dass die Kinder trotzdem meist zu Fuß oder auf dem Rad unterwegs sind). Im Gegensatz zu Mitgutsch finden sich dabei auf beinahe jedem ihrer Bilder unauffällig Menschen anderer Hautfarbe oder mit vermutbarem Migrationshintergrund (es sind meistens 2-3, im Kaufhaus können es auch mal 5 sein). In ihren Bildern wird häufiger gelächelt als bei Mitgutsch (bei dem immer wieder Ärger oder Anstrengung gezeigt wird), und ihr Humor ist sanfter. Als beinahe naiver Konsument fehlt mir bei Berners Büchern ein wenig die Entdeckung der großen und verblüffenden weiten Welt (und sei sie noch so klein) und noch mehr Einblick in die Abläufe dieser Welt (die Mitgutsch impliziert oder auf erklärenden Zwischenbildern darlegt) und mich ärgert das Kaufhaus als Hauptspielort. Gleichzeitig ist ihr Stil von formvollendeter Leichtigkeit, ist ihr stilgerechter visueller Einfallsreichtum bei Details ungeschlagen (und bei den Doppelseiten mit Marktplatz muss ich jedes Mal die Tränen zurückhalten). Ohne Naivität bleibt die Frage, ob ihr Werk nicht durch die genau erfasste und bediente Zielgruppe nicht mindestens ebenso gravierende Lücken aufweist wie Mitgutschs durch seine Zeitverbundenheit (wobei sich auch bei Berner die fehlenden Situationen und Lebenswirklichkeiten ähnlich problemlos dazu denken lassen).

Kurz: wir werden neue Wimmelbilderbücher brauchen. Andere Bücher können implizieren, Wimmelbilderbücher stellen für Erstbetrachter grundsätzlich eine Gesellschaft im Zwischenreich von glasklarer Beobachtung und glasklarem wehmütigem Wunsch dar. Und da werden wir Bücher brauchen, die die sich abzeichnende veränderte bundesdeutsche Realität anerkennen und deren inhärente Utopie entdecken und illustrieren. Sie werden die ideelle Muttermilch späterer Kinder sein wie früher die Werke von Mitgutsch und Berner (die mit ergänzenden Bildern daneben im Schrank noch sehr lange Zeit brauchbar bleiben werden). Wie das konkret aussehen wird, was ins Bild genommen, was weggelassen, was milde ironisiert werden wird, und wie idealisiert mitteleuropäisch ein immer noch nostalgischer Marktplatz dann anmuten soll und wird – das werden die Zeichner der Zukunft über Versuch und Irrtum schon herausbekommen.

Soviel zu den Kindern. Was die Erwachsenen wohl brauchen würden….siehe oben. Ich bleibe dran, wie wir alle.

10.08.: "Fantasy Filmfest": "Extraordinary tales", "Pos Eso/Posessed"

Eine gängige Methode zur Sommerbewältigung: viel Alkohol und wenig Kultur. Eine bessere: Wenig Alkohol und viel Kultur. Die Hitze macht schließlich dämmerig und gedankenfrei genug, und auch der Kreislauf hängt schon von alleine in den Seilen (zumindest bei matten, alten Menschen wie mir). Dafür knallt vor allem grelle, leichte und schwer schattenreiche Kultur bei Hitzeflimmern und trägen Abenden besser als sonst in unseren trotz Daueralkohol eher nüchternen Breiten. So wie bspw. Bunuel in seiner Autobiographie die brennende Sonne und die kühlen Keller und Kirchen von Spaniens Süden beschreibt, musste er Surrealist werden, weniger aus einem ästhetischen Temperament heraus, als aus Wetterfühligkeit. Die eindrücklichste Filmerfahrung, die ich bisher erleben durfte, waren „Julia und die Geister“ bei Sommergewitter nachts auf einem eher kleinen Fernseher. Bild und Ton lösten sich immer wieder im Sturm auf, spielten verrückt oder setzten ganz aus. . Dass ich nie jemandem zu diesem leider lustlos umstrittenen Film bekehren konnte, führe ich darauf zurück, dass ich das mit dem begleitenden Gewitter nie wirklich hinbekam.

In eine ähnliche Kerbe schlägt seit den 1990ern das „Fantasy Filmfest“, ein jährlicher Wanderzirkus durch die deutschen Großstädte. Mit einer konkurrenzlosen Mischung aus Experiment, Genrefutter, Trash und Unbeschreibbarem zelebriert es jedes Mal eine Leistungsschau von Filmen der Phantastik (plus Thriller), die zum Teil anschließend nie wieder in Deutschland auftauchen, zum Teil die Arthouse - Kinos aufrollen und zum großen Teil als obskure DVD – Premieren enden. Da die Rezeption des Genre – Kinos gleichzeitig naiver und noch komplizierter funktioniert als die von Cineastenfilmen (von Großproduktionen ganz zu schweigen), lässt sich der weitere Weg dieser Werke kaum vorhersagen (nur einmal, zur Jahrtausendwende, gab es meines Wissens einen Film, über den tagelang wirklich jeder im Foyer sprach, „Memento“). Das Doppelgesicht des Filmfests als gleichzeitig total kommerzialisierte Veranstaltung und als das herausfordernde Lebenswerk von Liebhabern spiegelt den oszillierenden Charakter der vorgestellten Genres, häufig genug den der vorgestellten Filme. Auf der einen Seite zahlen die Zuschauer recht teure Eintrittskarten für Filme, die ohne diesen kuratierten Rahmen selbst Fans nicht einmal als Videothekenschrott ausleihen würden, während in der nächsten Vorstellung ein Geheimtipp läuft, der eine Reise mindestens durch die halbe Republik rechtfertigen würde. Im Lauf der Jahre wurden die beteiligten Kinos größer und klimatisiert, das Gefühl des Speziellen verschwand sukzessive, und das leichte utopische Aufglimmen einer besseren Welt (was das mit der Freude an einem japanischen Monsterfilm zu tun haben kann, lässt sich in der Kürze nicht erklären) erlosch. Dafür ebbte die Post – Tarantino- Flut an cleveren Thrillern beim Festival im neuen Jahrtausend langsam ab, und es gibt und gab mehr und mehr, nun, eben Phantastik zu sehen. Während das Festival in Berlin zum Wochenende hin ausklingt, stehen die Aufführungen in Frankfurt, Hamburg, Stuttgart und Köln noch aus. Hier nur zwei Hinweise auf Animationsfilme, die vermutlich zumindest irgendwann auf 3sat oder arte versendet werden werden (vielleicht sogar bei Gewitter):

Extraordinary tales“ von Raul Garcia, uraufgeführt auf dem „Filmfest München“,  ist eine reichlich überflüssige Anthologie von Kurzfilmen nach E. A. Poe. Gezeigt werden die üblichen Verdächtigen in divergierenden Stilen: „House of Usher“ hat einen hübsch- verspielten Computerspiellook; „The tell tale heart“ präsentiert sich in „Sin city“ – Optik; „The strange case of M. Valdemar“ wird als altes US- Horror – Comicbook gezeigt; „The pit and the pendulum“ sieht dafür wieder aus wie ein Computerspiel, diesmal ein mittelalterlicher Action – Shooter; „The masque of the red dead“ schließlich erinnert an ein aquarelliertes, salon-laszives französisches bande dessinée. Auf der Tonspur röhren und raunen Christopher Lee, Guillermo del Toro, Julian Sands, Roger Corman und (in einer alten Aufnahme) tatsächlich Bela Lugosi um die Wette. In einer unnötigen Rahmenhandlung, deren pointenlos ansprechende Gestaltung eine Kreuzung aus französischen Bilderbüchern und den „Little Big Planet“ – Games ist, spricht, warum auch immer, Cornelia Funke reichlich tonlos den Tod, der den Raben Edgar zum Eingehen in die Sterblichkeit überreden will (auch wenn der doch offenbar als Rabe wiedergeboren wurde und recht glücklich damit ist). Dazu orchestert die Musik schamlos durch alle bekannten Schauerakkorde und grandiosen Finale der (vorletzten) Jahrhundertwende. Die produzierenden Firmen sind sonst für liebevolle und ungewöhnliche Lang – (Melusine) und Kurz(The Big Farm) Filme bekannt.

Der Drang, immer und immer wieder die bekanntesten Kurzgeschichten von Poe zu verfilmen, scheint unausrottbar zu sein und bleibt unerklärlich. Als bewusst moderne, nicht – mythische Geschichten lassen sie sich, anders als viele klassische Horror – Stoffe, kaum variieren. Als Beschreibungen von Geisteszuständen sind sie nicht sonderlich filmisch. Sie lassen sich, speziell als Animation, experimentell erkunden, wild illustrieren und gegen den Strich bürsten, aber das ist mit allen der hier verwendeten Geschichten schon mehrfach und meisterhaft geschehen. Umgekehrt wagt sich kaum jemand an Poes mythischen, filmischen und dankbar grellen Roman „Arthur Gordon Pym“ , an seine makabren Pointengeschichten wie „Berenice“, oder einfach nur an seltener benutztes Gruselmaterial wie „Morella“. Raul Garcias Beitrag zum Kanon sind vor allem die verschiedenen Stile, was seinen Film eher wie eine Visitenkarte aussehen lässt als wie ein geschlossenes Werk. Und die Stile passen nicht unbedingt zu den Stories: Das „Tell tale heart“ im „Sin City“ – Stil ergibt wenig Sinn, denn der ganze Reiz von „Sin city“ besteht darin, dass dort eben niemand wahnhafte Schuldgefühle entwickelt, und der Reiz der Geschichte besteht darin, dass der getriebene Erzähler eben nicht wie ein abgebrühter Kneipenschläger aussehen kann. „The house of Usher“, das ich noch nie verstanden habe (trotz der Lektüre von Interpretationen, danke), wird nicht verständlicher durch üppige Computerspiellandschaften. Nur der „rote Tod“, und den gab es ja auch schon viele Male, gewinnt möglicherweise durch sich elegant flegelnde Schönheiten in venezianischen Masken an Reiz, aber das klingt, zumindest aufgeschrieben, irgendwie nicht nach einem seriösen Qualitätskriterium. Gleichzeitig werden durch (hier) chargierende Erzähler und pompöse Musik die schwächsten, operettenhaftesten Züge von Poes Werk unterstrichen. Zynische Erklärung für das Unterfangen: Englischlehrer lieben Poe – Adaptionen, verlangen nach immer neuen, und speziell nach jenen, die, wie hier, seitenweise Originaltext zitieren. Weniger zynische Erklärung: es ist halt Liebhaberei, und kein Horror – Fan kommt an Poe vorbei. Erst recht keiner, der mühevoll eine verwitterte Tonkonserve von Bela Lugosi ausgräbt. Im Abspann dann die einzige verblüffende Neuigkeit des Films: Bela Lugosi ist ein eingetragenes Warenzeichen von Bela G. Lugosi. Nein, eben.

Eine Überraschung, und eine sehr positive ist dagegen „Pos eso/posessed“ von Sam, eine spanischer Stop Motion- Film, der sich sehr nahe an das Vorbild Aaardman hält, vor allem an „Wallace& Gromit“, und dabei etwas sehr Eigenes erschafft. Statt britischem Unterbiss präsentieren hier die Knetfiguren genauso überzogene iberische Schmolllippen, statt altbackener Marschmusik spielt permanent altbackener Flamenco, statt lispelnder Höflichkeit regiert eine Förmlichkeit mit plötzlichen Temperamentsausbrüchen. Sind bei „Wallace & Gromit“ die Wohnungen vollgestopft mit Teppichen, protzt „Pos eso“ mit zwanzig Variationen von kühlen Kacheln. Macher Sam scheint die Aaardman – Methode regelrecht seziert und sie kleinteilig ins Spanische übersetzt zu haben (das genau so gebrochen klischeehaft daherkommt wie die Englishness von Wallace und Gromit). Auch die Überfülle an eingebauten Filmparodien und schnellen Schnitten verweist auf das Vorbild. Aber Sams Settings sind stylisher und leerer (sicherlich auch aus Budgetgründen), sein Humor ist tragischer und makabrer und, leider, auch viel, viel pubertärer. Die Story: Pater Lenin (seine Mutter, eine wütende Atheistin, hat noch gegen Franco gekämpft) jagt für den korrupten Bischof nach kostbaren Reliquien. Deswegen kann er die Anrufe seiner Mutter nicht entgegennehmen, was ihr fatal das Herz bricht. Unterdes ahnt die jung verwitwete frühere Tanzdiva Trini, dass ihr Sohn Damian vom Teufel besessen sein könnte. Über viele peinliche, peinigende und blutige Umwege finden der zweifelnde Pater und die verstörte Tänzerin zu einem Exorzismus zusammen. Der Film zieht dabei verschiedene Register der Brutalität, von bittersüßem Witz über flotte Satire bis hin zu misanthropischen Zynismen. Dass die Innereien nur aus Plastilin sind, hilft, bei allem visuellen Witz, nicht über alle Szenen hinweg (bspw. das Abschlachten einer Familie durch den vorübergehend besessenen Familienvater stößt sauer auf und ist kaum zu rechtfertigen) . Gleichzeitig bleibt der Film nahe an seinen beschränkten und grundsympathischen Hauptfiguren,- und er bleibt konsequent bei einem magisch – realistischen Subtext, der gut gegen gierig setzt,  Menschen gegen Institutionen, Tanzmagie gegen Monstrositäten. Manche Bauten sind atmosphärische Geniestreiche, und jeder Preis für „Die beste geknetete Seitenstraße in einem romanischen Land“ muss an „Pos eso“ gehen. Es ist tatsächlich ein schönerer und purerer Film als die meisten anderen abendfüllenden Stop motion – Werke. Doch stärker noch als die (kaum missverständlichen, schockierenden) Härten alleine stören in der Kombination die über den Film verteilten blöd- derben Witze (Sam macht aus „Master Card“ „Mastur Bard“ und interessiert sich ein bisschen zu sehr für die verschiedenen Genitalien von Teufeln). Und der abschließende Metall – Song wischt das angedeutete zarte Happy end fort. Vielleicht muss das alles so sein, vielleicht sieht so Integrität aus, aber mit seinen dumpfen Geschmacklosigkeiten als Beigabe zu Melancholie und Komik wird der einfallsreiche und poetische „Pos eso“ wohl kaum die Anerkennung finden, die er verdient hätte. Mit 18 Jahren hätte ich den Film vermutlich als doppelt so bedenklich und zehnmal so gut empfunden (trotz Metall).

Ach, ich wollte, ich wäre 18, und „Julia und die Geister“ liefen im Fernsehen.

 

06.08. "Girl on a train" usw.

Ein schöner Aspekt von Urlaub: Man kann den Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ von Frank Witzel in einem Rutsch lesen (und nicht nur dessen Titel). Ein weniger schöner Aspekt: Es bleibt auch noch genügend Zeit, darüber nachzudenken, ob man ihn in einem Blog rezensieren soll, in dem man schreiben kann, was man möchte. Zumal ich die letzten ca. 150 Seiten tatsächlich nur noch überflogen habe. Nach der Beichte des Erzählers, Brian Jones umgebracht zu haben (und das hatte wieder etwas mit katholischen Heiligen und Rudi Dutschke zu tun), fühlte ich mich als Leser fahl veralbert, und nicht auf die gute Art. Und meine Aversion gegen post-strukturalistische Fiktion ließ sich trotz allen prinzipiellen Respekts vor Frank Witzels ausuferndem Opus nicht länger unterdrücken. Nichts gegen experimentelle Romane, die mutig Wahnsinn, deutsche Zeitgeschichte und Mythologisierungen zusammendenken (und sei es in der mehrschichtigen Beschäftigung mit der verdammten RAF). Nichts gegen Gedanken von Barthes und Foucault et al als Werkzeuge beim Verfassen kluger Sachtexte. Aber ein bewusst dekonstruktivistisch geschriebener Roman bleibt, bis ich endlich mal einen Gegenbeweis in den Händen halte, für mich ein Widerspruch in sich. Aber bevor ich dieses Fass  aufmache und mich als kleiner Stups gönnerhaft über den guten Autor Frank Witzel auslasse, lieber ein paar  bescheidene Gedanken zu „Girl on a train“ von Paula Hawkins.

Girl on a train“ ist eine völlig andere (das meint nicht: bessere) Art von Buch, nämlich der Badetuch – Thriller der Saison. Der Titel schielt offen nach dem Erfolg von „Gone girl“, und im Gegensatz zu dessen titelgebendem verschwundenen/toten/verrückten ewigen Mädchen, sitzt in „Girl on a train“ in Wahrheit eine gestandene, wenn nicht sogar ausgelaugt erwachsene Frau im Zug. Doch ohne Frage gehört „Girl on a train“ dennoch in eine Reihe mit „Gone girl“, „Ich.Darf.Nicht.Schlafen.“ und „You should have known“ und vermutlich einigen Dutzend weiterer Psycho – Thriller (die ich aber nicht gelesen habe). Sie alle erzählen von Frauen, deren Leben bereits vor Einsetzen der Handlung aus der Kurve getragen wurde (ja, wo bleiben die Männer?). Der Reiz der Romane liegt, neben variierender Oberflächenspannung, in der Frage, warum es dazu kommen konnte. Die Protagonistin von „Girl on a train“ ist die geschiedene, alkoholkranke Mittdreißigerin Rachel, die noch vorgibt, einen Job zu haben, und so jeden Tag mit der Bahn durch den Londoner Vorort zockelt, in dem sie einst glücklich verheiratet und beruflich erfolgreich war. Ihr Ex – Mann lebt dort noch mit Frau und Kind, und drei Häuser neben ihm residiert ein strahlendes Paar, das Rachel neidvoll und wehmütig Tag für Tag beim Händchenhalten und Leuchten beobachtet. Eines Tages erhascht Rachel einen Blick auf die fremde Frau mit einem anderen Mann. Kurz darauf ist die verschwunden. Rachel versucht äußert tapsig, das Rätsel  zu lösen und sich an den Abend des Verschwindens zu erinnern, an dem sie selber sturzbetrunken und in der Gegend war. Nach und nach erzählt uns die Verschwundene parallel dazu von ihrem Leben vor dem fraglichen Abend, und wir kriegen die Geschehnisse dazu aus der Perspektive von der neuen Frau von Rachels Ex – Mann geschildert.

Die größte Stärke von „Girl on a train“ sind seine inkompetenten und nicht sonderlich sympathischen Figuren. Zu keinem Zeitpunkt ist Rachel auch nur ansatzweise in der Lage, halbwegs diskrete Nachforschungen anzustellen. Ihre Bitterkeit, ihre Sehnsüchte und ihr Beschädigtsein kommen ihr in jeder Sekunde dazwischen und bringen sie in peinliche Situationen. Auch die anderen Perspektivfiguren, nur scheinbar in besseren Positionen, verhalten sich so selbstbezogen und naiv, dass man ihnen permanent „Pass auf, das Krokodil!“ zuschreien möchte. Nicht, dass die auftauchenden Männer souveräner oder gar ansprechender wären, im Gegenteil. Figuren, die unterhalb ihrer Möglichkeiten agieren, gelten üblicherweise als Fehler. In diesem Fall sind sie jedoch der Kern des Romans und weisen über die Fabel hinaus. Hawkins visiert einen ganz ähnlichen Punkt an wie die Autoren der oben genannten Romane, doch sie trifft ihn nicht durch erzählerische Gimmicks oder kunstvolle Handlungsführungen, sondern durch das unbeirrte Beharren auf der alltäglichen Erbärmlichkeit. Und macht dadurch die gemeinsame Quintessenz der gehypten Psychothriller sichtbar.

Sie alle handeln von gescheiterten Lebensentwürfen, genauer: es ist immer derselbe. Er ist der Traum von der glanzvollen Karriere, dem blangeputztem Heim, der Sicherheit vor den Niederungen der immer bedrohlicher und ärmlicher erscheinenden Welt. In „You should have known“ von Jean Hafff Korelitz, dem schwächsten der hier behandelten Bücher (ab Januar als „Du hättest es wissen können“ auf Deutsch), ist das Leben der Erzählerin, einer Therapeutin in New Yorks besten Kreisen, anfangs perfekt, entpuppt sich aber als Lüge. Im flacheren „Ich.Darf.Nicht.Schlafen.“ von S.J. Watson wurde der berufliche Aufstieg der Erzählerin durch den Verlust des Kurzzeitgedächtnisses verursacht, der dem Thriller seine zunächst bruchstückhafte Struktur verleiht. Wie auch in „Girl on a train“ liegt, soviel sei verraten, der Grund für die geplatzten Träume in beiden Fällen in der unklugen Wahl eines Partners. Biss bekommt diese klassisch melodramatische Konstruktion (die mit Werken wie der „Frau in Weiß“ schon an der Wiege der modernen Gruselliteratur stand) dadurch, dass die dämonischen Liebhaber genau aus der Sehnsucht nach dem schicken und prallem Leben heraus gewählt wurden, und deren Lügen die Lebenslügen der geplagten Protagonistinnen spiegeln. Es ist, als hätten Lucy und Mina in „Dracula“ mitttels einer Kontaktanzeige nach einem reichen und geheimnisvollen Adeligen mit wilden Augen gesucht. Und entsprechend verstecken sich in „You should have known“,“Ich.Darf.Nicht.Schlafen.“ und „Girl on a train“ mehr oder weniger heftige Bestrafungsfantasien (unabhängig vom Geschlecht des jeweiligen Autors). Durch Qualen geläutert dürfen sich die überlebenden Protagonistinnen schließlich an bescheidenere Träume mit mutmaßlich weniger abgründigen Schattenseiten wagen. Als nicht sonderlich erfreuliche Moral dieser Werke bleibt im Grunde die Aufforderung, den Gürtel ein klein bisschen enger zu schnallen und sich viel besser am Riemen zu reißen.

Was „Gone girl“ über dieses Muster hinaushebt, ist vor allem Gillian Flynns böserer und genauerer Blick auf ihre Hauptfiguren und vor allem auf die sie umgebende Welt. Hier haben keine persönlichen Fehler das Herausfallen der Anti – Helden aus der Welt der Gemäßigtreichen und Gepflegtschönen verursacht, sondern ökonomische und kulturelle Verschiebungen. Der Fehler der Protagonisten Nick und Amy liegt in ihren verbissenen Versuchen, dies zu überspielen. Doch ihre wahnhafte, unbescheidene Verbissenheit erweist sich als grausige Stärke und ermöglicht ihnen ein hämisches happy – end. Die anklagende, ätzende und dabei bewusst unbequem verführerische Unmoral von „Gone girl“ lässt sich nicht von Flynns „literarischerem“ Ansatz, ihren Details jenseits der voranschreitenden, hier gebrochenen, Plotmaschine trennen, und so lässt „Gone girl“ das maßgeblich von ihm mitbegründete Subgenre weit hinter sich.

Aber trotzdem hat es etwas Befreiendes, wie „Girl on a train“ der geballten Cleverness anderer Paranoia – Thriller eine wackelige Intrige entgegensetzt, die entsetzlich durchschaubar für die Leser ist, aber nicht für die Figuren, den übermenschlichen Fädenspinnern eine Handvoll verblendeter Deppen, und dem Schick Erbrochenes im Hausflur. Die Wunde, die diese Bücher umkreisen, wird, so steht es zu befürchten, bleiben und noch einige Thrills hervorbringen, hoffentlich auch ein paar über Männer, pardon: Jungen, im Zug.  

 

21.07. Krimis, Milieus, "Abpfiff"

Die Berliner Krimibuchhandlung „Hammett“ hat ihr zwanzigjähriges Bestehen gefeiert, und ich habe beim Jubiläums – Gewinnspiel einen (kleinen) Sack voll Bücher gewonnen (soweit ich weiß, entweder mit der Antwort „Stieg Larsson“ oder „Kästner/Trier“, aber ich habe auch „Jules“ und „Poodle Springs“ gewusst). Dieses Blog ist ungesponstert, unbestechlich und (nur in diesem Sinne) blütenfrisch, und die Leute vom „Hammett“ lesen es ohnehin nicht, aber das war eine große Freude und Weihnachten im Juli. Als ich hechelnd meinen Gewinn abholte, fragte eine Kundin nach einem „spannenden Krimi ohne tote Kinder“, und dem diensthabenden Buchhändler (in seiner Geheimidentität der verdiente und formidable Übersetzer und Lektor Robert) entfuhr es lachend: „Ja, das hören wir häufiger!“

Ein paar Häuser weiter oben in der gleichen Straße residiert eine phantastische Programm – Videothek (die anonym bleiben soll, denn jetzt ist auch mal gut mit dem name – dropping), und dort verlangt die einigermaßen handverlesene Kundschaft angeblich gerne nach „intelligenten Komödien“ und wird zu selten fündig.

In Programmkinos (falls das noch der korrekte Ausdruck für die „Arthouse“ – Schuppen ist) wünschen die Zuschauer dagegen vermehrt „kurze Filme“. Und in Spieleläden, in denen sich die ausufernden Zivilisationsaufbau – Simulationen, dreigleisigen Rollenspiele und Knobelbauten bis unter die Decke stapeln erleben das nostalgisch – schnarchige „Spiel des Lebens“ und, da müssen wir durch, „Risiko“ eine unerwartete Renaissance, während „Monopoly“ schon seit Jahren mit immer neuen Sondereditionen das Feld aufrollt.

Unterm Strich wird da ein Muster erkennbar.

Der brüchig gesetzte Teil des verbleibenden Bildungsbürgertums fürchtet sich vor einer Brachialkultur der unsensiblen Ungewaschenen, bei der in Krimis Kinder geschlachtet werden, Komödien aus Furzwitzen bestehen, quälend öde Pseudo - Epen über die Leinwände flimmern und neumodischer greller Kram am Computer gespielt wird. Die Pointe liegt nun nicht darin, dass diese Angst unbegründet wäre, und ich kann sie selber erschreckend gut nachvollziehen, sondern, dass sie nicht mehr den alten Verwerfungslinien zwischen U und E, Massen – und Galerienkultur usw. folgt, die problematisch genug waren. Marvel – Filme sind nicht dümmer als historische Melodramen (beide sind in meinen Augen wesentlich dümmer als ihre jeweiligen Vorläufer aus den bspw. 8oer Jahren, aber das ist wieder ein anderes Thema), „The Hangover“ ist deutlich komplexer erzählt als französische Wohlfühlkomödien. Und die erbittertsten Verteidiger von absurd harten Krimis voller Tabubrüche sind leise sprechende Akademiker mit esoterischem Literaturwissen. Die Unterschiede liegen anderswo, das Leben ist ein anderes.

Wer um seine Existenz kämpft, oder das zumindest so empfindet und an der Welt verzweifelt, sehnt sich offensichtlich nach dem Thriller als Ausdruck seiner schreienden Wunden und findet Trost im Verweigern von Gesundheits – und Schönheitsidealen, das die derberen Komödien so verbissen durchexerzieren. Der möchte das Kino, in dem er sich einmal unsichtbar und souverän fühlt, gar nicht mehr verlassen und verlangt von ihm Welterklärungen. Der vertieft sich in überkomplexe Spiele als Ersatz für reale Handlungsmöglichkeiten und empfindet es als trotzigen Befreiunggschlag, sich nur dem kommerzialisierten Nerd – Kanon in der Kultur zu unterwerfen, dem dafür aber umso bedinungsloser.

In den Haushalten des beinahe arrivierten bildungsaffinen Milieus geht dagegen sie rasch ins Kino, während er mit wonnig schuldhaft – kichernden Freunden oder den Kindern (die ja auch nicht von der Härte des Lebens ferngehalten werden sollen) eine Partie „Risiko“ zockt (die Männer dieses Milieus halten meist nicht mehr viel vom Kino, außer bei besonderen Pflichtfilmen, technische Entwicklung usw., da könnte man ja auch in der Postkutsche reisen). Anschließend liest sie noch einen nicht allzu grausamen Krimi, während er sich in den Schlaf surft, und am nächsten Abend gibt es bei einem Weinchen eine intelligente Komödie (hier fehlen natürlich u.a. die genrelosen Buchläden, der Umgang mit Musik, der Fahrradladen usw., die das Bild abrunden würden). Sie suchen in der Kultur weder nach den letzten Fragen, noch nach banaler Ablenkung oder Eskapismus, denn für all das haben sie ihren konkreten Lebensentwurf, gerade noch so, und für die aufkommenden nagenden Zweifel gibt es dann den Krimi. Das meine ich nicht einmal sonderlich polemisch, denn ich selber (unversöhnt, eklektisch und kein Budget für Wein) lese und schaue nichts mit toten Kindern, ertrage keine Furzwitze mehr und sehne mich nach einer gepflegten Partie „Spiel des Lebens“, auch wenn das ein mehr als mieses Spiel ist.

 

Zurück zum Gewinnspiel: die größte Entdeckung in der Wundertüte war bislang „Winterknochen“ von Daniel Woodrell , doch das ist leider schon zu alt für eine Rezension (bleiben wir mal bei diesem Begriff). „Winterknochen“ ist ein gigantisches schmales Buch und war die Vorlage für den okayen Durchbruchsfilm von Jennifer Lawrence (seitenlang könnte ich mich darüber auslassen, dass wie zwangsläufig aus einem schellen, barocken Buch mit liebevoller Charakterzeichnung ein langsamer, karger Film mit distanzierter Charakterzeichnung wurde, aber das wäre dann eben seitenlang). Als Enttäuschung entpuppte sich dagegen „Abpfiff“ von Dominique Manotti, aktuell Platz 4 der offiziösen „Krimi – Bestenliste“ in der „Zeit“. „Apfiff“ ist eine Neuerscheinung, stammt aber eigentlich aus dem Jahr 1998. Bei einem stümperhaften Auftragsmord wird neben einer scheinbar unbedeutenden Drogensüchtigen auch ein Polizist erschossen. Die Ermittlungen führen in einen Kleinstadtsumpf aus Korruption und Fußball, und überall ist Chinatown. „Abpfiff“ ist ein guter, harter Krimi, der Einiges will und viel kann, aber er wirkt wie ein Relikt aus der Zeit, in der von einem Krimi weniger Psychologie und weniger Epos (und vermutlich eben auch: weniger Bestialitäten) erwartet wurden als mittlerweile. Sein später Erfolg hierzulande weist entweder auf einen Wunsch nach der Rückkehr zu den Wurzeln hin, oder auf die späte Entdeckung des zumindest mir weitgehend unbekannten Kontinents des französischen „roman policier“ (nachdem Skandinavien, die deutschprachigen Regionen und die südeuropäischen Länder weitgehend erschlossen sein müssten, und die meisten Leser die Darstellung einer typischen amerikanischen Kleinstadt mitsprechen können und beim Einschlafen schon leise „Officer down! Ich wiederhole: Officer down!“ murmeln). Der „roman policier“ ist eine ausufernde Welt aus knapp geschriebenen Tragödien, in denen meiner Vorurteile nach quietschende Stühle, dreckige  Tankstellen im gleißenden Sonnenlicht, prügelnde Bullen und verwirrte, Feinripp tragende Kleinkriminelle namens „Jojo“ oder „Dédé“ entscheidende Rollen spielen. Es ist eine eigene, ehrenwerte Form, wie der Blues, und wie der Blues evoziert sie eine eigene Atmosphäre, die sich individuell nur nuancieren lässt. Die Nuancen in „Abpfiff“ bestehen, soweit ich das beurteilen kann, in einem schwulen Ermittler (einer Serienfigur, die nicht unbedingt das emotionale Zentrum des Romans bildet), einer sehr präzisen Handlungsführung (die, soweit ich weiß, für den „roman policier“ eher ungewöhnlich ist), einem klassisch gesellschaftskritischem Ansatz und der abgründigen Darstellung von Regionalfußball. Die elegant in Handlung übersetzten Insiderinformationen über Spieler und Finanznöte kleiner Clubs mögen den Reiz dieses Romans ausmachen (und Fußball ist für das gehobene Krimipublikum ja mittlerweile ein mindestens so wichtiges Thema wie Wein geworden). Es ist ein ehrenwertes Buch beinahe ohne Humor, ohne Abschweifungen oder schimmernde Details, und für mich schlägt in den kurzen Sätzen voller Kleindealer, Whiskeyflaschen und schlafloser Kommissare emotional zu wenig aus. Ich würde mir von einem begeisterten Leser gerne den Kick, den Traum, den Schrei dieses Romans erklären lassen, gerne bei einem guten Wein und bei einer Partie „Spiel des Lebens“.

Aber noch immer bin ich überglücklich über meine Krimitüte und komme hier vielleicht noch einmal darauf zurück (und träume von Gewinnspielen für Gegenwartsliteratur, Kinderbücher, Phantastik und Comics, aber da käme ich vermutlich mit meinen cleveren Antworten „Kästner/Trier“ und „Stieg Larsson“ nicht weit).

(P.S.: Nachtrag zu letzter Woche: der beeindruckendste Filmauftritt der notorischen Erin Fleming bleibt der nicht zufällig so betitelte „Die letzte Nacht des Boris Gruschenko“ („Love and death“, 1974), einer der ungewöhnlichsten und witzigsten Filme von Woody Allen,- der möglicherweise als ältere intelligente Komödie durchgeht (das hat neulich nicht mehr zum Text gepasst, wie auch:

P.P.S. Sind wir nicht irgendwie alle Zeppo Marx und warten vergeblich auf den Auftritt unser wilden Brüder?)) 

 

14. 07. Augen brauen, Leben wetten

(Letzte Woche stand hier nichts Neues, aufgrund von Hitze, Kälte und Griechenland. Blogeinträge zu diesen Themen liegen bis auf Weiteres im Eisschrank.)

 

Doch wieder was mit Film: Rob Zombie möchte die letzten drei Lebensjahre des großen Groucho Marx (1890- 1977, die ersten 55 Jahre davon mit aufgeschminktem Schnurrbart) verfilmen, die unter Fans des Komikers seit jeher kontrovers diskutiert werden. War der Greis Groucho am Ende ein freier Geist oder einfach senil? War sein Schulterschluss mit der Gegenkultur(u.a. „Die einzige Hoffnung für dieses Land wäre Nixons sofortige Ermordung.“) der letzte Triumph oder die Folge von vertuschten Schlaganfällen? Und, vor allem: hat ihn seine letzte Begleiterin Erin Fleming (seltsam unsterblich geworden durch „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten..“) nun gerettet oder umgebracht? In Zombies Quellenmaterial, „Raised eyebrows“, den Erinnerungen von Grouchos Sekretär Steven Stoliar, und in einem spektakulären Gerichtsprozess, der mit Unterbrechungen von 1977 bis 1983 lief und sich zunächst formal um das Sorgerecht für Groucho, dann um sein Testament drehte, wurde Erin Fleming beschuldigt, den fröhlich verbitterten alten Mann mit der Hilfe von Drogen manipuliert, ausgenommen und gesundheitlich geschwächt zu haben. Letzten Endes sollte sie zumindest 400.000 Dollar an die Bank von Amerika zahlen, wozu es aber mangels Geld nie kam. Allgemein wird angenommen, dass die Bank auf Geheiß von Grouchos entfremdeten Kindern agierte, die im Fall einer Testamentsanfechtung automatisch enterbt worden wären. Der Prozess fraß das Erbe auf. Fleming erschoss sich zwanzig Jahre später, geistig verwirrt und obdachlos.  

Rob Zombie hat mit seiner Musik und seinen Filmen vermutlich mehr Seelen verdorren lassen als jeder Shopping – Kanal. Selbst in Horror – Nachschlagewerken, die frühe Cronenberg- Filme als Spaß für Connaisseure werten, werden seine kunterbunten und ausufernd brutalen Geisterbahnen als „misanthropisch“ gerügt. Bei einer Preview seines Debütfilms „Haus der 1000 Leichen“ hatte ich in keiner Sekunde Angst vor dem Film, aber in jeder Angst vor dem Heimweg. Eigenartigerweise scheint sich Zombie bei seinen Grausamkeitsübungen als Erbe von Groucho Marx zu verstehen: in seinem Werk wimmelt es von Anspielungen, und er selber agiert darin unter von Marx entlehnten Rollennamen wie „Captain Spaulding“ oder „Rufus T. Firefly“. Offensichtlich sieht zumindest er seine Filme als Ausdruck von anarchischem Humor, was sie vollends unerträglich macht. Es ist nur zwangsläufig, dass angesichts von Zombies widerstreitenden Steckenpferden von Menschenhass und Marx – Verehrung ein Film über Erin Flemings Kapriolen wie ein Traumprojekt aussehen muss. Die böse Frau triezt aus Macht – Geld- und Geltungsgier den gealterten Superstar und verliert zur Rache alles. Vermutlich wird er selber Groucho spielen.

Das hat Groucho Marx nicht verdient, dessen Werk einen immer noch und immer mehr durch den Sommer bringen kann. Die Filme der Marx – Brothers und die Autobiographien von Groucho und Harpo seien jedem, der über den Nachrichten leidet, einmal mehr ans Herz gelegt (und nein, das geht absolut nicht gegen Griechenland). Schwieriger wird es bei „You bet your life“, Grouchos immens erfolgreicher Fernsehshow der 1950er Jahre, die bei uns immer noch nahezu unbekannt und nie offiziell veröffentlicht oder ausgestrahlt wurde. „You bet your life“ (im Fernsehen: 1949- 1961) ist eine halbstündige Quizshow mit gelegentlichen Musikeinlagen, in der zusammengewürfelte Kandidatenpaare Fragen beantworten und sich vom Moderator, Groucho Marx, beleidigen lassen. Groucho Marx trägt dabei einen echten Schnurrbart, tanzt nie und gibt sich als brüsker „gesunder Menschenverstand“, das heißt: er flirtet uncharmant und behauptet mit den weiblichen Gästen, amüsiert sich über fremdländisch klingende Namen und scherzt über die Fehler der nervösen Kandidaten. Aus Groucho in den Kinofilmen, einem scheinbar strafendem Über –Ich, das sich beim näheren Hingucken als komplexe Melange aus einem entfesselten August, einem hochmoralischen Satiriker und einem gehemmten sentimentalen Clown entpuppt, ist in der Show tatsächlich das strafende Über – Ich der 1950er geworden. Groucho, ein Schulabbrecher aus phänomenal chaotischen Verhältnissen, mokiert sich über fehlende Allgemeinbildung und dubiose Familienbräuche. Mit dem Instinkt des Außenseiters bestraft er die minimalen Normabweichungen seiner braven Kandidaten und bringt sie so auf den neuesten Stand des gesellschaftlich Erlaubten (hinter den Kulissen ließ der große subversive Liberale seinen Bandleader aufgrund drohender schwammiger Anschuldigungen seitens des Mc Carthy – Ausschusses gehen). Ähnlich, wenn auch milder, bekam Deutschland später in den „großen Samstagabendshows“ die Nachkriegsetikette beigebracht. Groucho wirkt zum ersten Mal in seiner Karriere souverän. All das Scheue, Neurotische und Verzückte ist aus seinem Auftritt verschwunden. Warum ist dann die Show (in Amerika Teil des Retro – Pflichtprogramms) trotzdem so faszinierend?

Zum einen sieht man endlich einmal beinahe ungeschminkt die Farmer aus Ohio und Irinnen aus Brooklyn, die unsereins nur aus Büchern kennt (und die bei „Mad Men“ immer weggelassen werden). Mindestens die sich mühsam zusammenraufende amerikanische Nachkriegskultur wird erlebbar, wenn nicht noch mehr. Zum anderen lässt Marx doch beinahe in jeder Sendung seine Maske fallen, bzw. setzt für ein paar kostbare Sekunden eine andere auf. Mit echten Exzentrikern solidarisiert er sich beinahe immer automatisch und wie gegen seinen Willen, bei Militärangehörigen und Filmleuten schießt er meist auf Autopilot über das Ziel der freundlich – derben Witzelei hinaus. Und dann gibt es doch die Momente, in denen es wieder blitzt und funkelt und der befreite, fröhliche Wahnsinn durchbricht. Nicht in Filmkulissen und gegenüber Mrs. Rittenhouse, sondern zwischen der 50- und der 90 Dollar- Frage und darum umso einprägsamer (David Letterman und Harald Schmidt sollten einen ganz ähnlichen Spagat unter ganz anderen Umständen zu ihrem Style machen).

Steven Stoliars Erinnerungen beschreiben einen verlöschenden Mann zwanzig Jahre und einige kulturelle Umbrüche später, der von seiner plötzlichen Rolle als Ikone der Unangepasstheit geschmeichelt und überfordert ist. Und der sich unzufrieden als grimmigen Menschen sieht, der harte Wahrheiten, gute Witze, alte Lieder und Courage schätzt (und auf Stoliars Anregung versucht er schüchtern eine Versöhnung mit dem geschassten Bandleader). Seelenfrieden und ein gelingendes Leben sind dabei an den bewunderten toten Bruder Harpo delegiert. Die möglichen Abgründe seiner Lebensgefährtin hat Groucho Marx laut Stoliar geahnt, aber demütig wie eine Strafe für ein schiefes Leben mit zu vielen vergraulten Ex – Frauen, Kindern und Freunden hingenommen. Und als normalen Teil einer verrückten Welt, deren größte Freude für den alten Marx anscheinend die „You bet your life“ – Wiederholungen waren. Ingmar Bergmann hätte diesen Stoff verfilmen können, wenn man ihn dazu verpflichtet hätte, die häufig sehr witzigen Gespräche nicht heraus zu kürzen. Und ich hätte gerne eine Wes Anderson- Version mit Bill Murray gesehen. Aber Rob Zombie?

In „Animal crackers“ fordert Chico Marx als Musiker Ravelli von Groucho als Captain Spaulding bei einer Feier 10 Dollar fürs Spielen, 15 Dollar fürs Nichtspielen. Denn, wenn Ravelli nicht spielt, probt er. Und wie teuer käme dann das Nichtproben? „Das können Sie sich nicht leisten!“

 

Eben.

01.07. Warum "Game of thrones"? (Warum??)

(Hier nun nichts zu Griechenland. Man kann ja sonst beinahe überall etwas zu Griechenland lesen, darunter außergewöhnlich gute, zum Teil kontroverse Texte und sogar Diskussionen beim „Guardian“)

Wie angekündigt müssen wir noch einmal über „Game of thrones“ sprechen. Diese trübe Fantasy – Serie entwickelt sich mehr und mehr zum allgemeinen Referenzpunkt und zu einer der großen Geschichten unserer kleinen Kultur. Das meint: hier werden jede Menge brisanter Fragen vor jeder Menge Publikum abgehandelt. Da selbst die glühendsten Verteidiger einräumen, dass das Wort „Spaß“ das schockgebeutelte Weggucken der vielen Stunden halbdunkler Schlachtplatte mit ziselierten Handlungsverschränkungen nur ungenau beschreibt, können wir davon ausgehen, dass „GoT“ seinen Fans etwas Wichtiges mitzuteilen hat.

Um es nicht zu spannend zu machen, denke ich, dass die wichtigste und bindendste Botschaft des Spektakels lautet: Der Nerd überlebt die Bestien in einer bestialischen Welt. Trotz der Heerscharen an plusminus Hauptfiguren hält Peter Dinklage als kleinwüchsiger, intriganter, modern amoralischer Anti – Held Tyrion dieses Panorama voller dumpfer Schurken zusammen. Und trotz aller überraschender Tode im fiktiven Westeros würde sein Ableben das komplizierte Ränkespiel zu Fall bringen. Ein happy end bleibt natürlich auch für diese Figur unwahrscheinlich (da wird es eher irgendwann irgendeine neue, junge, unverdorbene Figur geben, die die Zukunft symbolisiert), aber Tyrion wird uns so lange wie möglich erhalten bleiben und heroisch oder tragisch enden,- oder die Massen laufen in Scharen davon. Eine Sicht auf die Welt, nach der wir das einzige annähernd vernunftbegabte und objektiv benachteiligte Wesen in einem Höllenpfuhl sind, kennen wir alle, und die meisten Leitartikel werden in einer solchen Stimmung verfasst (was wieder ein ganz anderes Problem darstellt). Es steht mir fern, mich über eine solche popkulturelle Wunscherfüllung lustig zu machen, ich selber bin immer wieder hin und weg von einsamen Detektiven und dem Phantom der Oper, und (schreibe ich das eigentlich immer wieder?) für solche Phantasien gibt es die Popkultur.

Aber dieses Element erklärt noch nicht, warum „GoT“ so aussieht, wie es aussieht und offenbar aussehen muss. Die Serie ist dabei nicht das erste Beispiel für „dreckige“ mittelalterliche Phantasie: da gab es vorher „Jabberwocky“ von Terry Gililam, „Lancelot du lac“ von Robert Bresson, „Excalibur“ von John Boorman und den „Drachentöter“ von Matthew Robbins. Alles Filme aus den 70ern/frühen 80ern, alles schlimme Flops, wobei speziell „Excalibur“ als direkter Vorläufer gelten kann. Das waren wütende, de- mythologisierende Filme aus einer wütenden, de- mythologisierenden Zeit. In beinahe allen dieser Filme gibt es jedoch, wie in „Game of thrones“, archaisch – magische Drachen und Magie. Wenn wir andere neue amerikanische Serien als Fortführungen von Trends im amerikanischen Film der 70er Jahre sehen („Nashville“ bekommt JETZT eine Fernsehserie verpasst, die diversen Gangster – und Drogendealer – Epen sind voller Echos auf die Filme der 70er Jahre, und die Krimis haben mit den, zugegebenermaßen nicht – amerikanischen, ersten, bösen „Tatort“- Folgen eine Menge gemein), dann verkünden die neuen Serien unter anderem, dass die 80er Jahre vorbei sind. Die waren, in den USA, popkulturell geprägt von Nostalgie, Patriotismus und ironischem Optimismus. Das war die Kehrtwende nach den unsicheren, selbstkritischeren 70ern. Und so wie die zergrübelten 70er unter anderem durch die Beschäftigung mit dem Vietnamkrieg ausgelöst wurden, so sind „GoT“ und „Breaking bad“ nicht denkbar ohne die Auseinandersetzung mit bspw. Guantamo („24“ wirkt bereits wie ein Relikt und kriegt mit seinem Neustart, soweit ich weiß, kein substantielles Bein auf den Boden). Es geht also um einen kritischen Blick auf das Treiben der Menschen, und damit wird von Verehrern auch eine große Qualität von „GoT“ beschrieben: das Hauen und Stechen in Westeros bilde mit bösem Blick „die Realität“ ab.

Populäre Kultur ist ja unter anderem die (hochartifizielle) Unterseite einer Gesellschaft, das Korrelat zu ihren offiziellen und offiziösen Standpunkten. In den USA spricht diese Unterseite in den Zeiten der Selbstkritik hier und da eine deutliche und etwas verstörende Sprache: Wenn der klassische amerikanische Held nicht mehr der Gute sein kann oder verschwindet, dann ist die Welt ein werteloses Rattennest. Die Selbstkritik kippt wie selbstverständlich in die Apokalypse (das war schon bei „Apocalypse now“ so). Bereits die Idee des Anti – Helden scheint die traditionell idealistische US – Erzählweise zu überfordern: die angeblichen Anti – Helden der neueren Serien entwickeln sich meist schnell zu bösen Helden (u.a.„Breaking bad“, „Mad men“, „The Americans“), die nicht viel anders funktionieren als Superhelden (es gab übrigens auch schon mehrere böse Superhelden) und/oder zu selbstgerecht amoralischen Perspektivfiguren, die uns zeigen sollen, dass in dieser schlimmen Welt jeder des anderen Hund ist. Offensichtlich scheint ein gemäßigter oder alternativer Standpunkt da nicht möglich zu sein (und als skeptischer Liebhaber des amerikanischen Erzählens tut mir das in der Seele weh). Ein kalter Blick auf Politik, Pessimismus, nackte Frauen, das Falsifizieren von jeder Mitmenschlichkeit, die den Namen verdient, und bestialische Morde scheinen untrennbar verbunden und in etwa das Gleiche zu sein: die tabuisierte „Wahrheit“ oder zumindest ein kickendes Spiel mit amerikanischen Tabus. George R.R. Martin kommt nicht zufällig aus dem Superheldenfandom und wartet den Wagen aus „Zurück in die Zukunft“.

Game of thrones“, erklären die Apologeten bei solchen Überlegungen schnell, lebt zu einem nicht unbeträchtlichen Teil von seiner aufwändigen Gestaltung und von seinen Schauwerten (bei diesem Wort wird dann gerne gezwinkert). Tatsächlich ist es die bislang teuerste fortlaufende Serie. Ganze Städte werden aufgebaut und bei Bedarf niedergebrannt, es gibt Drachen und Drachenboote, und der klirrend kalte Winter voll kalt klirrender Rüstungen ist ja auch sehr schick. Fackeln flackern, Gewänder sind handgewebt, und jedes zweite Ausstattungsstück ist handgeschnitzt. Das Feuerwerk an CGI – Effekten kann nerven (mich), aber es ist so gut, wie ein CGI – Feuerwerk im Moment sein kann. Nur bleibt die Frage, warum dieses Spektakel nicht reichhaltiger und erfreulicher sein kann, als es ist. Die verschwenderischen Settings dienen vor allem als Schauplätze für endlose theaterhafte Drohgespräche oder eben für Gewalttaten. Die ambitionierte Figurenzeichnung dient  vor allem als Steilvorlage für Schocks, wer wem was überraschend antut. Und die schönen nackten Menschen erzeugen vor allem Angst vor der nächsten Vergewaltigung (vermutlich würde die Serie prima als Aversionstherapie für angehende Klosterschüler funktionieren). Wie jüngst auch in „Vulture“ stand (würde ich verlinken, würde ich verlinken), wird das Mammutwerk schon alleine durch den völligen Verzicht auf Humor, Lyrik und gelingende Kommunikation immer bizarrer, immer „realitäts“ferner. Die auf den ersten Blick herausfordernden Qualitäten der Reihe schleifen sich dumpf zu einem behaglichen Grauen ohne Nuancen und störende Irritationen ab. Das angespannte Verfolgen der verwickelten Erzählstränge führt immer nur zu der gleichen Erkenntnis: alles Monster oder tot (oder beides). Das konzentrierte Mitdenken führt immer wieder zur beruhigenden Versicherung, dass alles egal ist. Uns Zuschauer treibt der Wunsch nach der ungeschminkten „Wahrheit“ über die Welt, und statt dessen kriegen wir immer nur das Äquivalent zu den Kindergesprächen geliefert, ob wir lieber gehäutet oder von Ameisen gefressen werden würden.

Wenn das alles wäre, wäre die Serie lediglich ein ungewöhnlich drastisches Schwelgen in einer großen, schönen, schwarzen Adorno- Verzweiflung mit mittelalterlich raunenden Schauwerten. Sicherlich fragwürdig, aber muss ja auch mal sein, und solche Gefühle brauchen vermutlich ein Ventil. Was die Sache in meinen Augen (noch) problematischer macht, sind die positiv erfahrbaren Seiten der Fabel, die  (spärlichen) Triumphe und Tyrion. Kurze Euphorie vermittelt „GoT“ immer dann, wenn Drachen ein paar Böse plattmachen oder ein Opfer sich fürchterlich rächt. Ohne etwas zu lösen, ohne den Gewaltzirkel zu unterbrechen. Wenn ich die alte psychoanalytische Definition vom „sadistischen Erleben“ (der Störung, nicht von sexuellen Präferenzen) richtig verstanden habe (was ich vermutlich nicht habe), dann ist dieses über den Zirkel von Ohnmachts- und Machtgefühlen definiert, und die zeitweise eingenommene Opfer – Rolle ist kein Widerspruch zur lebensverneinenden Ermächtigung über andere, sondern deren Bedingung, bzw. Teil des Zirkels. Und so wäre „Game of thrones“ eine lange Übung (vor allem für die Zuschauer) in Sadismus, nicht wegen seiner Drastik, sondern wegen seiner zirkulären Erzähllogik. Die wenigen positiven Figuren lernen im Lauf der Handlung unter großen Opfern das Spiel der Throne zu spielen, ein sadistisches Spiel. Und der Überlebenskünstler Tyrion demonstriert, dass dieses Spiel Bedingung zum Überleben in einer fürchterlichen Welt ist, und am Erfolgreichsten gespielt werden kann, wenn man sich höhnisch nicht als Teil dieser Welt fühlt und sich dabei im Geheimen doch noch ein paar Standpunkte und Gefühle erlaubt (die aber bei den Monstern in der Nachbarschaft nur armselig oder gelogen sein können, und dafür müssen sie büßen). Auch wenn wir schlecht sind, sind wir besser als die, und die sind beinahe alle.

Wo bleibt die Fantasy – Serie mit schattigen Gemäuern, komplexen Plots, Härten, Drachen, Kontinenten und schönen nackten Menschen, die uns etwas Besseres zu sagen hat und den ein oder anderen Scheiterhaufen bspw. durch ein Einhorn auf einer Gartenparty ersetzt?

 

23.06. "Die Toten kommen"

Das „Zentrum für politische Schönheit“ durfte am Sonntag nicht, wie geplant, Särge vor das Kanzleramt tragen und dort beerdigen, wobei bis zuletzt unklar war, ob sich in den Särgen tatsächlich, wie angekündigt, die Leichen von im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen auf dem Weg nach Europa befunden hätten. Es durfte auch kein Bagger vorfahren und Gräber ausheben, stattdessen wurden einige mit Schaufeln gegraben. Die Aktion steht im Zusammenhang mit verschiedenen anderen stattgefundenen und geplanten Aktionen unter dem Gesamttitel „Die Toten kommen“.

Der angestrebte Sinn dieser Aktionen liegt auf der Hand.

Im Vorfeld drehten sich die erhitzten Diskussionen allerdings beinahe ausschließlich um die Fragen, ob in den Särgen tatsächlich echte Leichen liegen würden, echte Tote durch die Straßen getragen würden, und wie lange tote Menschen eigentlich unter welchen Bedingungen gekühlt werden müssten. Viele aufregende Fragen überlagerten also die Tatsache, dass Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer ertrinken, egal, was wann in einem Sarg in Schöneberg liegt. Mit dieser Verschiebung hat das „Zentrum für politische Schönheit“ bewusst gespielt, und natürlich lässt sie sich als Ausdruck von wohlfeiler Doppelmoral lesen: in unserem eigenen Wohnzimmer fragen wir, in dieser Sichtweise, nach dem Willen und der Würde des einzelnen Toten, nach der Obszönität des Todes, nach den Grenzen der Zivilisation, aber solange die Toten fern und im Fernsehen bleiben, suhlen wir uns in Ignoranz. So die Theorie, und genügend besinnungsferne Internetkommentare von Gegnern der Aktion scheinen sie zu verifizieren.

Nun ging die Tabuisierung von Leichen im Zentrum des Alltags allerdings immer mit einer Wertschätzung des Lebens Hand in Hand. Die Vorstellung, die Aufklärung hätte alleine aus furchtsamer Bigotterie nach und nach das Sterben auf der Straße und das wilde Beerdigen bekämpft, ist mindestens so zweifelhaft wie die, dass die Konfrontation mit der physischen Realität eines toten anderen Menschen zwangsläufig zu Empathie führen würde. Es gibt genügend Weltregionen, in denen die Körper frisch verstorbener in den Hauseingängen liegen, und sie sind im Moment nicht bekannt für ihre um sich greifende Mitmenschlichkeit. Und wir sehen in den Nachrichten, auch aus dem Mittelmeer, sehr viel grausigere Bilder als geschmackvolle Särge, und die Internetforen unserer„Qualitätsmedien“ quellen trotzdem derzeit nicht unbedingt über vor verstörten Sympathiebekundungen.

Die Ankündigung, echte Tote in einem Protestevent mitten ins gepflegtere und ins offizielle Berlin zu tragen, bleibt dennoch tatsächlich eine Grenzüberschreitung. Aber wieso sollten Abscheu, Faszination und ein wenig atavistisches Grauen Solidarität schaffen? Schon aus Selbstschutz erklären Menschen Tote gerne zu Fremden. „Die Toten kommen“ erinnert nicht zufällig an die nicht zufällig populäre Serie „The walking dead“, und dort verrammelt man bei einem solchen Aufruf die Fenster und lädt nach. Mir scheint, dass das „Zentrum für politische Schönheit“ hier von einer anderen Zeit und von einer anderen Bewegung her blind hochrechnet, nämlich von der Ära des Vietnamkriegs und von der Tierschutzbewegung.

Wie immer wieder beschrieben, krachte der Vietnamkrieg als erstes blutiges Spektakel inklusive vieler Särge über die Nachrichten in die abgeschotteten Wohnzimmer und löste eine Antikriegsbewegung aus, die schließlich mit zum Abbruch der Kämpfe führte. Spätere Kriegsberichterstattung konzentrierte sich lange darauf, vergleichbare Schocks zu vermeiden und im Gegenteil saubere und verdauliche Bilder zu produzieren. Aber diese Zeiten scheinen mir zum einen vorbei zu sein, und zum anderen haben europäische Nachrichten diese Marschrichtung ohnehin so weit wie möglich verweigert. Wir alle kennen alle Arten von Leichen aus der „Tagesschau“, von Särgen ganz zu schweigen. Die Tierschutzbewegung operiert dagegen mit Tabubrüchen, weil zum einen gequälte Tiere nicht annähernd ein so bekannter Topos und Anblick sind wie gequälte Menschen, und sie zum anderen an Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier als schmerzempfindliche Lebeweisen appellieren. Dass Menschen Menschen sind, muss dagegen nicht mehr bewiesen werden. Wenn dennoch Internetforen (ich erwähne sie zum dritten Mal, was auch eine Überschätzung sein mag) von giftigen und eigenartig gekränkten Auslassungen überquellen, wie völlig anders als wir, selbstschuld und nichtunserproblem Flüchtlinge angeblich sind, spricht das von einer mühsamen und misslingenden Distanzierung. Dass diese durch das Kokettieren mit der archaischen Angst vor Leichen unterlaufen wird, darf bezweifelt werden.

 

Jetzt lässt sich natürlich argumentieren, dass es bei solchen Aktionen eben nicht um das Schaffen von Sensibilität der allgemeinen Bevölkerung (und erst recht nicht der notorischen Forenvollschreiber) gehen soll, sondern um ein markantes Zeichen gegen die offizielle Politik. Ein Leichenzug und ein Bagger vor dem Kanzleramt bringen in Erklärungsnot, setzen auch logistisch unter Zugzwang und fordern zu einer Stellungnahme heraus. Da die Protestaktion mit keiner konkreten Forderung verbunden war (sie hat allerdings als konkretes Anliegen formuliert, den Ertrunkenen durch die öffentliche Beerdigung ihre Würde zurückgeben zu wollen, was anderen einleuchten mag), operierte sie aber selbstverständlich unentschlingbar mit der öffentlichen Meinung: ohne sie kein Event, und erst recht kein aufrüttelndes, und diese Regierung achtet bekanntlich stark auf die öffentliche Meinung und äußerst sich ohne deren Aufkochen eher ungern zu den Zielen ihrer Politik. Und vor diesem Hintergrund grätscht „Die Toten kommen zurück“ meiner ordentlich bescheidenen Meinung nach in den Prozess der Bewusstseinsbildung in diesem Moment eher hinein, anstatt ihn voranzutreiben.

 

Dieser Prozess ist dabei in vollem Gange:  die Stammtische im Netz decken eben nicht alle aufgewühlten Gespräche ab. Über 175.000 Menschen haben alleine die Online – Petition „Europa darf nicht wegschauen, wenn Flüchtlinge an seinen Außengrenzen ertrinken“ mit einer Aufforderung zur Wiederaufnahme des „mare nostrum“ – Programms unterzeichnet, wobei diese konkrete Forderung sogar wohl in allen Kreisen umstritten ist (ich bin dafür, aber halte sie nicht für den entscheidenden Graben zwischen Gut und Böse). Erschütterung wird auch ohne Bagger unterfüttert: Die BBC hat das Computerspiel „Syrian Journey“ veröffentlicht, ein Kriminalroman mit Flüchtlingsproblematik, „Havarie“ von Merle Kröger, entwickelt sich zum nachdenklichen Renner, der Liedermacher „Strom & Wasser“ tritt gemeinsam mit Flüchtlingen auf, Theaterabende nehmen sich des Themas an, auch „Zeit“ und „Faz“ stellen Schicksale vor. Und vielleicht setzen selbst diese weniger morbiden Brücken noch zu sehr auf Distanz. Es geht um ein Problem und eine Veränderung der Gesellschaft, die uns noch eine Weile begleiten werden. Es geht nicht um „Schuld“ (eine Diskussion, in die man sich uferlos verrennen kann), sondern um Verantwortung. Um die tausend konkreten Fragen, die Überlegungen zur Rettung von Flüchtlingen konkret mit sich ziehen, angehen zu können, brauchen wir, denke ich, Empathie, kein Spiel mit Ekel oder Ängsten. Vielleicht sollten wir die Überfahrpassagen in Innensicht aus Julian Barnes` „Geschichte der Welt in 8 ½ Kapiteln“ oder aus Mitchells „Wolkenatlas“ noch einmal lesen und an vor sich hinmurrende Bekannte verschicken, nicht als symbolischer Akt, nicht als Flucht vor Ratlosigkeit, nur zur Stärkung des Mitgefühls. Mitgefühl kann meistens mehr als ambivalenter Abscheu.

 

16.06. "The killing lessons"

Ein sensibler Serienmörderthriller. Sensibel im Umgang mit den Opfern, weniger mit den Tätern. Ein dezent philosophischer Serienmörderthriller. Dezent philosophisch im Umgang mit der Frage, was es bedeutet, Opfer zu sein, nicht beim Bekauen der Frage, ob Menschen sich als Monster selbst erschaffen und dabei auf eine nebulöse höhere Bewusstseinsebene klettern. Brauchen wir so etwas? Aber ja.

Nur will das „The killing lessons“ von Saul Black (d.i. Glen Duncan), vor ein paar Wochen auf Deutsch bei Knaur erschienen, in letzter Konsequenz dann doch nicht sein und verbringt seine zweite Hälfte lieber mit der üblichen Hetzjagd plus Rückblenden in die Killerpsyche und dem üblichem leicht geschmacklosen Spektakel (wie weit muss sich die entführte hochintelligente Studienabbrecherin demütigen, um zu überleben? Und: überlebt sie? Durch welchen Zufall kommt die gebeutelte Ermittlerin auf den Namen des Mörders? In welcher Ferse landet in letzter Sekunde eine Axt? Und: stürzt das Flugzeug ab? Natürlich stürzt das Flugzeug ab). Aber die erste Hälfte dieses Romans ist eine ordentliche Wucht.

Den Serienmörder als exemplarische Spezial – oder angebliche Reinform des Menschseins haben schon viele ambitionierte Autoren behandelt, vom eher naiv austestendem Robert Bloch (meines Wissens dem Begründer des Genres in der Literatur) bis hin zur nachdenklichen Joyce Carol Oates. Tatsächlich ist der Serienmörder als gleichzeitig selbst entworfenes Konstrukt und getriebene und geschundene Nicht – Persönlichkeit zur allgegenwärtigen Metapher für den gleichzeitig entfremdeten und gestaltenden Menschen geworden. Dabei fällt natürlich nach und nach unter den Tisch, dass diese Metapher vorne und hinten nicht hinhaut. Die überbordende Intelligenz von Serientätern ist genauso eine Erfindung von Autoren wie die künstlerische Ader. Doch als Gestalt der Phantastik funktioniert der Serienmörder eben auch nicht, dem stehen dann doch zu viele gut dokumentierte schäbige Serienmorde im Weg (übrigens mehr, seit der Serienmörder in der populären Kultur auftaucht, was aber natürlich auch an genauerem Hingucken liegen mag). Reale Serienmorde scheinen eher eine Form des besinnungslosen Vorsichhinbrabbelns zu sein, bei dem auf entsetzliche Art Menschen getötet zu werden als die elaborierten dramatischen Wetten gegen das blinde Schicksal, die Hannibal Lecter und seine unzähligen Nachahmer zelebrieren. Von allen romantischen Außenseiterfiguren der Fiktion bleibt der überhöhte Serienmörder die problematischste. Aber da er so wunderbar in das Niemandsland zwischen Thriller und Horror passt, das heutige Spannungsgeschichten so gerne bewohnen, und vom Subtext zu einem unauffälligen Hin – und Herpendeln zwischen Gesellschaftskritik und radikaler schwarzer Romantik, wie ihn heutige Spannungsgeschichten lieben, bleibt er uns in seiner bedeutungsheischenden Abgründigkeit erhalten. Und hat sich in den letzten 30 Jahren kaum verändert, auch wenn die entsprechende kriminalistische Forschung anscheinend in genau diesem Zeitraum Riesenschritte gemacht hat.

The killing lessons“ dreht das bekannte Spiel nun zunächst radikal um. Eine Ermittlerin mit den erwartbaren Problemen (trinkt zuviel, trauert ihrem Ex hinterher, wird von ihrem Job langsam aufgefressen und ist zu unbeherrscht) klärt zwar eine Mordserie auf (das muss zur Handlung reichen). Doch Black/Duncan nimmt sein Thema ernst. Und das bedeutet, dass ihn die Täter (Gefühskrüppel ohne Brillanz, deren Besonderheit alleine in ihrer sexualisierten Brutalität liegt) anfangs kaum interessieren (sie sind, genauer gesagt, dem bereits ziemlich sprödem „Henry, Portrait of a serial killer“ von John McNaughton nachgebildet, einem Film, der für sich wiederum nahe an einer schäbigen Realität bleiben wollte). Wir verbringen den Großteil der Seite mit Opfern, überlebenden und möglichen Opfern und der alptraumgebeutelten Heldin. Dabei gräbt  der Roman mit erbarmungslos liebevollem Blick auf die Opfer die Gründe aus, warum wir überhaupt nach solchen Geschichten greifen: weil sie uns auf die Fragen werfen, was es heißt Mensch, Opfer oder einfach auf der Welt zu sein. Wie schnell lässt sich ein Leben unumkehrbar verwirren oder entwerten? Wie würden wir auf das Leben und auf uns in Erwartung eines grässlichen Todes schauen? Wie schauen wir darauf, wenn wir Menschen geschildert bekommen, die genau das durchleiden? Was bleibt von einer Person, von einer Liebe, wenn eine rostige Käfigtür zufällt? Black reißt diese Fragen nicht nur an, sondern widmet ihnen lange, elegant aufgewühlte und aufwühlende Passagen ohne Antworten. Unsere ermittelnde Heldin kämpft darum, endlich von ihrer Arbeit abgestumpft sein zu können, doch sie darf sich das nicht erlauben. Sie muss ein ganzer und empfingungsfähiger Mensch bleiben, wenn sie den Fall knacken will. Black gelingt in der ersten Hälfte des Romans der Spagat, mit diesem Schwerpunkt weder zu trostlos oder pathetisch zu werden, noch seine durch die Bank runden Figuren aus den Augen zu verlieren. „The killing lessons“ ist alles andere als ein Essay. Es gibt charmante Einzelbeobachtungen und sogar ein paar gute Witze. Der Roman ist bunt, anstatt auf die bleichen Genrefarben zu setzen. Und mit einem Mal erscheinen selbst die guten Serienmörderthriller vor ihm wie ein ziemlich fragwürdiger Ulk. Dass das Buch, das sich zunächst mit expliziten Gewaltschilderungen sehr zurückhält, durch die glaubwürdigen Kontraste und den menschenfreundlichen Tonfall wesentlich schwerer zu verdauen ist als seine Genregenossen, liegt dabei in der Natur der Sache.

Ab der Mitte schlägt allerdings das Muster zu und voll durch: tickende Uhren, vergebliche scheinbare Showdowns mehr schlüpfriges und mehr blutiges Grauen, das dennoch im erlaubten Rahmen des gehobenen Genres bleibt. Der Killer denkt in den erprobten Stephen-King-Gedenk-Assoziationsschnipseln, und das Finale in Eis und Schnee bettelt mit seinen überelaborierten Actionszenen nach einer Verfilmung (die vermutlich spannender ausfällt).

Und wir sitzen wieder da mit unseren Fragen: sind solche Romane bedeutungsvolle schlechte Scherze oder irrelevantes Kokettieren mit echten Ängsten? Sind sie einfach die Form geworden, in der spannungsgeladene Aufklärungsgeschichten erzählt werden, die zu düster für klassische Detektiv- und Polizeiserien sind? Und wer soll Christopher Lee ersetzen?

07.06. "sense 8" - the united colours of Netflix

 

Die Frage, ob „Netflix“ die letzten verbliebenen Reste der Filmkultur aufrollt, umordnet und mit innovativen Eigenproduktionen wiederbelebt, ist noch nicht beantwortet. Aber „sense8“, die mit richtungsloser Vorfreude erwartete Originalserie von den Wachowskis und J. Michael Straczynski und Tom Tykwer undundund ist eine kaum glaubliche Enttäuschung, und das hat viel mit dem „Netflix“ – Modell zu tun. Erinnern wir uns: „House of cards“ entstand, angeblich, aus der computergenerierten Erkenntnis heraus, dass Fans von David Fincher und Kevin Spacey( lies: „se7en“) auch gerne die britische Originalserie sahen, weswegen ein Remake als sichere Sache erschien. Mir selber war „House of cards“ immer ein wenig zu glatt und wohlfeil, aber das Ausgangsmaterial war anscheinend stark genug, die Gestaltung hochwertig genug, die Zielgruppe gut genug anvisiert, und meinethalben war auch die Serie einfach gut genug, um die Rechnung aufgehen zu lassen.

 

Mit „sense8“ (nebenbei: der wohl schlimmste Film – und Serientitel, der jenseits von wirr umbenannten Videopremieren denkbar ist) sieht die Sache nun komplizierter aus: Kein wasserdichtes Ausgangsmaterial (was Netflix bei seinen Eigenproduktionen zu bevorzugen scheint, mit Ausnahmen,  u.a. „Orange ist he new black“, die großartige „Kimmy Schmidt“), aber trotzdem ein Package: Offensichtlich überschneiden sich (wenig überraschend) positive Bewertungen von „Matrix“, „V for vendetta“ und „Babylon 5“, und der „Cloud Atlas“ wird von diesem Publikum auch gerne gesehen. Die Liebhaber dieser Filme sind recht jung, recht klug und recht hip, wollen die Welt kennenlernen, mit Menschen verschiedener Generationen im Gras sitzen und mögen die herrschenden Machtsysteme nicht (all das zumindest in Gedanken). Als abstraktes Idealpublikum finden sie böse Konzerne beinahe so furchtbar wie falsch ausgewählte Socken. Und entsprechend sieht so die Serie aus. Ich möchte glauben, dass blinde Marktforschung für die Konzeption von „sense8“ verantwortlich ist, nicht, weil das die Welt zu einem schöneren Ort machen würde, im Gegenteil, aber weil das zumindest erklären würde, warum sie so hohl ausfallen konnte. Acht Menschen sind auf geheimnisvolle Weise miteinander verbunden und erscheinen einander in Visionen: ein junger sexy Cop in Chicago, eine junge sexy Djane in London, eine junge sexy Transperson und Aktivistin in San Francisco, ein junger sexy Einbrecher in Berlin, eine junge sexy Vize- Firmenchefin in Seoul, ein junger sexy Schauspieler in Buenos Aires, eine junge sexy Inderin in Mumbai (Apothekerin, aber beinahe ausschließlich definiert über ihre Familie) und ein junger sexy Afrikaner in Nairobi (Busfahrer, aber ebenfalls definiert über seine Familie, denn merke: so ist das halt in diesen Schwellenländern). Alle diese Figuren kennen wir bereits aus anderen Filmen, Büchern oder Stammtischgesprächen, und die meisten ihrer Dialogsätze wissen wir  lange vor ihnen („Es gibt nur ein Problem, ich liebe ihn nicht.“, „Das war das erste Mal, dass sich jemand für mich eingesetzt hat“). Stell dir eine flotte DJane in London vor. Stell dir einen ehrlichen jungen Cop in Chicago vor. Hab keine Angst, dass ein Klischee gebrochen werden könnte. Sie müssen herausfinden, was sie verbindet und dabei aus den Maschen einer Verschwörung entwischen.

Aus diesen Zutaten sind schon viele hervorragende Geschichten gesponnen worden, und es werden noch viele hervorragende Geschichten daraus gesponnen werden. Der Reiz und die Relevanz einer solchen Erzählung liegen auf der Hand: wir sind alle verbunden, wir müssen Grenzen überwinden, voneinander lernen und den zerstörerischen Kräften in dieser Welt Einhalt gebieten. Daran ist nichts banal, und die Möglichkeiten einer solchen Konstellation sind noch lange nicht ausgeschöpft. Allerdings ist „sense8“ banal und schöpft zumindest in seinen ersten Folgen sehr wenig Möglichkeiten aus (und wie viele Stunden muss man sich mit einem Programm beschäftigen, um sich sagen zu dürfen, dass man nicht hineinfindet und nicht noch mehr Arbeit in den Versuch investieren möchte?). Der Appell an Diversität findet sich nicht in der Ästhetik. Mumbai ist gelb, Chicago grau, ansonsten sieht alles so gleich aus, wie die Protagonisten alle vom gleichen Zeitschriftencover stammen könnten (ein graues Mumbai, ein gelbes Chicago, ein bescheidener Schauspieler und eine egoistische Transperson, .- bereits solche kleinen Brücke hätten das Reiseprospekt – Flair des Projektes verhindern können und die Beschäftigung mit verborgenen Wahrheiten als Thema glaubhafter gemacht). Schöne Wachsgesichter in stylishen Tableaus mit irrwitziger Tiefenschärfe. Man muss sich daran erinnern, dass man keine Werbung für ein Computerbetriebssystem schaut. Sondern eine für Netflix. Ich war nie ein echter Fan, aber die Wachowskis besitzen ein phänomenales Gespür für Bilder und Dramaturgie, und J. Michael Straczynski ein schwer überbietbares Händchen für Dialoge mit Tiefgang und Schmackes und glaubwürdigen Figuren. Alle drei besitzen die seltene Gabe, lässig große Themen in gesalzenes Popcorn zu übersetzen. Haben diese unbestreitbaren turmhohen Fähigkeiten während der Produktion ein Nickerchen gehalten? Oder hat der Wunsch nach einem ansprechenden Design sie gefressen? War zu wenig Zeit da? Zu viel Druck? Was stimmt am Modell „Netflix“ nicht, das in Cannes angeblich zur Zukunft des Filmwesens ausgerufen wurde?

Noch einmal: vielleicht würde eine Kritik nach Sichtung der gesamten Staffel anders ausfallen. Aber in diesen rund 10 Stunden lässt sich mindestens ein Roman von David Mitchell lesen, der nicht nur im „Cloud Atlas“ mit ähnlichen Ideen gespielt hat. Oder zumindest ein gutes Stück von Murakamis „IQ 84“, das ein grob vergleichbares Sujet wesentlich schmissiger behandelt (und das trotz eines dezidiert nicht mal dort nach einer Spannungsdramaturgie operierenden Autors). Usw. Und, wenn es um Filme gehen soll, lassen sich auch die guten Filme der Wachowskis in diesen 10 Stunden noch einmal weggucken.

Natürlich, daraus spricht, wie gesagt, Enttäuschung. Und sei es die Enttäuschung darüber, ganz sicher nie in die von „sense8“ präsentierte Utopie der schönen und einfach okayen Menschen zu passen. Aber vielleicht sind die Heilsbringer unserer Welt ja tatsächlich ein weltweiter exklusiver Club, so ähnlich wie die „Netflix“ – Abonnenten-

 

02.06. "Trailer sind das neue Kino" (II)

(Vielleicht verkehre ich in den falschen Kreisen/ komme zu wenig unter Menschen ( das ganz sicher) und vielleicht schnappe ich zu viel Quatsch auf (ganz bestimmt), aber die kulturellen Konsenstabus dieses späten Frühlings scheinen zumindest in Berlin gerade zu sein: 1. „Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte“ von René Pollesch und Dirk von Lowtzow. 2. Fassbinder. 3. „Game of thrones“. Wer das kritisiert, steht entweder da wie ein naiver Eckensteher aus der Sesamstrasse oder umgekehrt wie ein gewissenloser Besserwisser, der lachend einen Lieblingsteddy unterm Weihnachtsbaum verbrennt. Da Pollesch ja niemandem weh tut, und „Game of thrones“ längere Überlegungen wert ist, hier nur kurz etwas zum Gedenken an R. W. Fassbinder.

Fassbinder wird im Moment als ewig verhasster Außenseiter gehandelt, mit dem sich vielleicht heute endlich mal jemand unerschrocken beschäftigen könnte. Im selben Atemzug wird davon geschwärmt, dass er in 16 Jahren 44 staatlich finanzierte TV – und Kinoproduktionen realisiert hat, einen Kult um sich gesammelt hatte und im In – und Ausland als Stimme eines verwegenen deutschen Films bejubelt wurde. Richtig, es wurde ihm nicht mit 35 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen, und es wurde nicht zu Lebzeiten eine Straße nach ihm benannt. Aber meines Wissens wurde kein anderer europäischer Filmemacher ähnlich in Echtzeit gefeiert und hingebungsvoll rezipiert. Das sagt nun nicht, dass sein Werk nicht sperrig und mutig gewesen wäre, und das spricht nicht gegen die Qualität dieses Werks. Es spricht allerdings gegen das Geraune vom unverstandenen und am Besten noch totgeschwiegenen Fassbinder, der in den letzten Jahrzehnten vielleicht unter anderem auch deswegen nicht mehr so ausführlich behandelt wurde, weil die ganzen Texte ja schon in den 1970ern und 1980ern geschrieben worden waren. Mehr Würdigung und Analyse geht und ging einfach nicht (was nicht heißt, dass sie abgeschlossen wäre, und ist sie ja auch nicht). Wenn der Fall von Fassbinder als öffentlicher Figur bohrende Fragen aufwirft, dann sicher nicht die, warum er zu seiner Zeit so wenig Anerkennung gefunden hat. Umgekehrt wird ein Schuh draus: warum wäre eine solche Karriere im heutigen deutschen Film nicht mehr denkbar? Was ist daran schlecht, was kann daran gut sein (es müssen ja viele gut finden, sonst gäbe es ja einen heutigen Fassbinder)? Und: welche seiner Filme sind in heutigen Augen interessant oder gut und warum? Aber Denkmäler sind natürlich auch etwas Schönes und sorgen für Ordnung auf den Straßen.)

 

Die beliebtesten Filme scheinen aber zur Zeit nach wie vor Trailer zu sein.

Man kann Hitchcock ja nicht für alles die Schuld geben, aber manchmal muss man: Trailer als Meta- und Minifilme sind auf seinem Mist gewachsen, und nun versammeln wir (nein, nicht wir, aber: hypothetisch wir) uns in Kinos, um nach langem Schlangestehen und dümmlichem Rahmenprogramm eine Minute  „Star Wars“ – Vorschau anzustaunen. Und anschließend verlinken, verschicken und rezensieren wir (immer noch hypothetisch wir, aber mittlerweile dicht dran) dann millionenfach Trailer und Teaser. Auf humorigen Frotzel – Seiten, auf die ich hier nicht verlinke, werden Trailer schon zu den „neuen Filmen“ ausgerufen, und so lustig ist das gar nicht.

 

Hitchcock begann in den späten 1950ern persönlich durch die Kinovorschau seiner Werke zu laufen, und sie als lustiger anzupreisen, als sie letztendlich waren. In der Vorschau zum ernsten „Falschen Mann“ raunte er getragen aus dem off, für die Werbung der Nachfolgefilme schob er sich selber vor die Kamera, deutete nervenzerrende Szenen und manchmal sogar Plots an und machte dabei sein beliebtes wollüstig – schockiertes Gesicht eines fiesen Märchenerzählers mit ein paar Assen im Ärmel. Hitchcock war da gerade Fernsehstar geworden und moderierte auf eben diese Art schrullige makabre Kurzfilme in seiner wöchentlichen Serie an. Er war noch nicht Hitchcock, er wurde es erst, und nicht zuletzt auf diese Weise. Bei „Psycho“ rettete er sich durch den andeutungsreichen Trailer („In dieser Dusche passiert etwas Schreckliches“ o.s.ä.) zudem darum herum, etwas von der Filmhandlung zu verraten, was sich bei diesem Stoff zu einer Obsession von ihm entwickelte (wobei der zugrundeliegende Roman von Robert Bloch den gleichen Titel trug und theoretisch überall erhältlich war. Aber es gab noch kein Internet, in Amerika nicht einmal einen schnellen Buchbestellservice, und Zeitungen rezensierten damals offensichtlich keine schrilleren Thriller). Tatsächlich sind Hitchcocks Trailer für so verstörend gelungenes Zeug wie „Die Vögel“ und verstörend weniger gelungenes wie „Marnie“ im Rückblick ungemein tröstlich, ordnen sie doch diese fremdartigen Träume mit dickem Augenzwinkern und schundigen Werbesprüchen in übliches Entertainment – Geplapper ein (was natürlich eine der Aufgaben von Hitchcocks Trailern war). Bei aller Sorgfalt, allem Aufwand wollen und sollen diese Werbefilme aber keine Auskoppelungen aus den Filmen, vergleichbar mit den Singles bei damaligen Langspielplatten, sein, keinen Eigenwert besitzen.

Die meisten alten Trailer sind furchtbar, worin heute auch ihr Reiz liegt. Bei vielen fragt man sich, wie viele fühlende Wesen dadurch vom Kinobesuch abgehalten wurden. Lieblos und unrhythmisch werden angebliche Höhepunkte aneinandergeleimt, die für den Film selten eine Rolle spielen, dazu schwadronieren Erzähler von Sensationen, Gelächter oder Oscarnominierungen.

Das war konkurrenzloses Futter für dankbare Parodisten. Bösartige Filmkritik ließ sich kaum besser und ökonomischer betreiben als durch bezeichnende Trailer zu fiktiven Filmen. Vermutlich wurde auch dieser Dreh fern von unseren Nasen in Wahrheit von Spike Milligan, Peter Sellers o. ä. erfunden wurde, aber das mir bekannte früheste Beispiel findet sich in „Monty Python`s Flying Circus“, mit den Ankündigungen eines nebulös handlungs- und aktionsarmen Actionkrachers namens „The Bishop“.

(wird fortgesetzt)

 

 

 

26.05. "Appartement 23"

Appartement 23“ von Sorel ist auf Deutsch schon im letzten Herbst erschienen, scheint aber kaum rezensiert worden zu sein, und gerade bin ich darüber gestolpert. Der große und dicke Band ist das, was in den 80ern „Comic – Roman“ genannt wurde, was wenig mit dem zu tun hat, was aktuell als „graphic novel“ gilt, darum erst einmal ein kurzer Griff ins Begriffchaos:

„ A graphic novel“ nannte in den 1970ern der Zeichner und Autor Will Eisner seine Sammlung lose miteinander verbundener Kurzcomics „A contract with god“ im Untertitel. Das signalisierte mehr einen vage literarischen Anspruch als dass es eine Form definiert hätte – genauso gut hätte man die „Dubliners“ oder den „Illustrierten Mann“ einen Roman nennen können (und genau das würde man heute auch aus Marketinggründen tun, aber das ist ein anderes Thema). Eisner war der Meinung, „A contract mit god“ wäre prima (ist es auch) und etwas anderes als die damals üblichen „Conan trifft Dracula“ – Heftchen (war es auch), also nannte er es flugs einen Roman.

Ein paar Jahre später schufen europäische Comicschaffende extrem unfangreiche in sich abgeschlossene Werke, meist als Serien, die von Umfang, Handlungsfülle und Komplexität her traditionelle Comics hinter sich ließen, und sie wurden gerne als „roman de b.d.“ oder ähnliches bezeichnet, also: als "Comic – Roman". Als Namensgeber galt damals die historische Serie „Reisende im Wind“ von Francois Bourgeon. Fünf Jahre später banden US – Verlage ihre anspruchsvollsten Superhelden – Miniserien unter dem Label „graphic novel“ auf, während Harvey Pekar seine bösen autobiographischen Comics als Heftchenserie textete und Art Spiegelman den ersten Teil von „Maus“ veröffentlichte. In einer heftigen Begriffsverschiebung wurde ausgerechnet Pekar, der sich lange gegen den Begriff „graphic novel“ sträubte und sein Werk von anderen zeichnen ließ, zum geistigen Vater der heutigen „graphic novels:

meist autobiographischer Autorencomics ohne feste Seitenzahl mit einem subjektiv gebrochenen gesellschaftlichem und politischem Thema, in einer reduzierten modernistischen Grafik, die die Ästhetik alter meist belgischer Funny – Comics mit den verfremdeten Einflüssen von Werbedesign und Piktogrammen verbindet. Aus einer amerikanischen Perspektive ergibt das jede Menge Sinn, denn die neuen „graphic novels“ sind vor allem alles, was Superheldencomics einmal nicht waren (und immer noch selten sind): nicht „realistisch“ gezeichnet, nicht einer klassischen Spannungsdramaturgie unterworfen, nicht angeblich unpolitisch, nicht angeblich asexuell, nicht angeblich unpersönlich, nicht in monatlich erscheindende Heftchen aufgeteilt und formal näher an Europa und Japan als an Hollywoodfilmplakaten. Sie sind betont klar gestaltet und geschrieben in einem völlig überhitzten Markt, der ansonsten von permanenten dritten Weltkriegen zwischen Wolverine und Cyborg – Klonen aus einer Paralleldimension erzählt.

Unter den neuen (seit ca. 10 Jahren hier so genannten) „graphic novels“ gibt es großartige und grässliche, und sie lassen sich auch noch im halbgrässlichen Fall in der Regel wunderbar schmerzfrei lesen: große Themen, kleine Beichten, Aha – Erlebnisse nahe an einer guten Glosse, hier und da ein poetischer Moment, - kein verstörendes Nebenreich der Kultur, sondern nur im knietiefen Wasser entspannt durch Kunst und Psychologie und Politik schnorcheln, mit der Hand auf dem Beckenrand des allgemeinen Mediengeplappers (die guten sind besser, wie gesagt. Das frische letzte Buch von Trondheim, z.B.).

In Europa, und in Deutschland sowieso, wird dabei allerdings mehr und mehr vergessen, dass wir seit über 30 Jahren „Comic – Romane“ lesen können, die völlig anders aussehen und funktionieren. Opulent gestaltete Schwelgereien in halbvollen Geschichten und übervollen Zeichnungen. Statt kleiner Erkenntnisse bieten sie kleine Räusche (die Storys sind dabei nie so gehaltvoll verkürzt, wie sie gerne wären) und fordern eine langsame, intensive und gedankenarme Lektüre. Einer meiner persönlichen Lieblinge ist „Auf der Suche nach Peter Pan“ von Cosey aus den späten 80ern, dessen Plot mir immer wieder entfällt, aber es sitzt ein Typ in einer Sinnkrise und in einer Alpenhütte, und wie er Käse isst, ist ein Genuss. Das Immerwiederlesen dieser Comics ähnelt dem Hören von Lieblingsplatten (deren Texte und – manchmal – Storys ja auch eher exakte Assoziationen evozieren als benennbaren Sinn stiften). Ein Lebensgefühl ist getroffen und wird sogar differenziert beleuchtet, aber ob eine Geschichte erzählt wird, bleibt Ansichtssache. Diese Comics zu lieben, hat etwas von Tapas essen oder Tanztheater schauen, und entsprechend haben sie sich in den inhaltswütigen protestantisch geprägten Ländern nie so recht durchgesetzt, bzw. wurden immer als Vergnügen für Snobs gehandelt.

Und das bringt uns endlich zu „Appartement 23“, einer Apotheose dieses Genres, wenn es denn eines ist. Liebevoll gestrichelte und getuschte Seiten in Sepia voll mit leeren Altbauwohungen über den Dächern von (vermutlich) Paris, geheimnisvoll lächelnden Katzen, verpuffenden Anspielungen auf Märchen und Shakespeare und überflüssigen geschmackvollen Sexszenen. Die junge, liebeskranke Emilie tötet sich in der Badewanne und schwebt anschließend als Geist durch ihr villenartiges Mietshaus (der Urform aller prächtigen französischen Mietshäuser aus Film, Fernsehen und Wunschvorstellungen). Sie entdeckt andere Geister im Haus, schöne und schreckliche Geheimnisse und schließlich ihre Liebe zu einem ruppigen, frisch verlassenen Maler und Hallodri, der um sie trauert, ohne sie zu Lebzeiten gekannt zu haben. Es endet mit der Vereinigung von Geist und Künstler, irgendwo zwischen Sartre und Erotikfilm, und auf jeden Fall auf dem Dach (Einiges erinnert an das viel bessere, überambitionierte „Cages“ von Dave Mc Kean, das aber nie diese sehnsüchtige Süffigkeit erreicht). Schöpfer Sorel setzt dem handgezeichneten, halbrealistischen Comic genauso ein vielleicht letztes Denkmal wie dem Traum von Bücherstapeln auf knarrenden Holzdielen. Beinahe jedes neue Bild lotet eine neue Perspektive aus, wenn das gefilmt wäre, würde die Kamera ruhig herumrasen. Alle Marker für gehobene Boheme werden zelebriert, von Zigaretten über Malkreiden bis hin zu zerwühlten Matratzenbetten. Alle üblichen abgehangenen Verdächtigen für die Poesie der vergessenen Winkel im Eck werden zitiert, von „Alice“ über „1001 Nacht“ bis hin zu E.T.A. Hoffmann. Ein alter Lüstling feiert in seiner teppichverhangenen Wohnung Orgien mit den Geistern literarischer Gestalten. Es gibt etwas Grusel (und auch die obligatorischen hinter Spiegeln verschwundenen Kinder, mit denen ich einige Probleme habe) und viel Geseufze über die raue zeitgenössische Welt, in der wir nicht träumen und tanzen können, außer wir träumen oder tanzen.  Das ist natürlich unfassbar geschmäcklerisch und, ganz beiläufig, etwas sexistisch, es ist die pathetische Erinnerung an die vagesten aller vagen Ideale des vergangenen alternativen Bildungsbürgertums, bevor es sich Autos und modische Sneakers angeschafft hat. Aber schön ist es, und auf etwas altmeisterliche Art meisterhaft. In einer besseren Welt sähe so harmloser Eskapismus aus, hier und heute ist es leider Kunst und herausragend. Und wirft die Frage auf, warum vergleichbare Seiten kaum noch in unserer Kultur angeschlagen, bzw. gezeichnet werden. Ach ja, die raue zeitgenössische Welt, ich vergaß (erschienen bei „Splitter“).

 

17.05. Was wurde aus James Ellroy?

 

1995 war Günther Grass noch am Leben und veröffentlichte bekanntlich einen Roman namens „Ein weites Feld“, für das er sich die Biographie und das Werk von Fontane als Spielmaterial ausborgte,  um von der Wiedervereinigung zu erzählen. Das Buch bezog viel grobe öffentliche Prügel für seine Wiedervereinigungsskepsis, abgesehen davon verstaubt es halbgelesen in hunderttausend Schränken (wie dem hinter mir). Nach den ersten Aufschreien, die im Guten wie im Bösen zum großen Teil wenig mit dem Roman als Roman zu tun hatten, verkündete Walter Jens, er würde das „weite Feld“ parallel zu einer Fontane – Gesamtausgabe lesen und die Anspielungen und entliehenen Zitate aufspüren, und so mache die Lektüre richtig Laune (was zwangsläufig die „Titanic“ dazu brachte, verschiedene andere angebliche Vorschläge von Prominenten zu veröffentlichen, wie man das Buch auch und mit noch mehr Genuss lesen könne).

Wie aber lässt sich „Perfidia“ lesen, der jüngste Roman von James Ellroy, der bei auch nur halbwegs kriminteressierten Menschen ähnliche Leseplfichtgefühle auslöst wie weiland Günther Grass?

950 Seiten abgehackte Sätze voller abgehackter Arme und mühseliger Intrigen. Man kann das zur Meta – und Über – Prosa erklären, und das will es auch sein, doch es bleibt über weite Strecken ein gigantisches Exposé für einen Roman, der nicht stattfindet und als eine abgeschmackte Strapaze. „Perfidia“ schildert drei Wochen um den japanischen Angriff auf Pear Harbour. In dieser Zeit entgleisen, laut Ellroy, die Polizei von Los Angeles und die amerikanische Bevölkerung, und ein paar clevere und skrupellose Drahtzieher nutzen die Gunst der Stunde, die aktuelle Kopflosigkeit, Unsicherheit und vor allem den aufbrechenden Rassismus, um sich zu bereichern und ihre Karrieren voranzutreiben. Dabei kommt es überall zu Gewaltausbrüchen. Vier Perspektivfiguren geben sich die Klinke in die Hand: der aus früheren Werken bekannte mythische böse Cop Dudley Smith, der tatsächliche künftige Polizeichef von Los Angeles Bill Parker auf der Seite des ziemlich Bösen. Auf der Seite des annähernd Guten stehen Kay Lake, die femme fatale aus der „schwarzen Dahlie“, und der Gerichtsmediziner Hideo Ashida, der es in diesem Moment der Geschichte als gefährliches Pech empfindet, aus einer japanischen Familie zu stammen und heimlich schwul zu sein. Smith ist süchtig nach Benzedrin und Macht, Parker nach Alkohol und Intrigen, Lake nach erotischer Anerkennung und Ashida nach seiner Arbeit. Alle sind so süchtig wie James Ellroy nach dem Gefühl von Durchblick und geistiger Überlegenheit. Sie durchschauen die aufgeschreckten Gangster und Politiker um sich herum so klar (auch den japanischen Angriff haben unsere vier Anti – Helden alle geahnt, auch den kommenden kalten Krieg antizipieren sie längst), dass weder für sie, noch für uns die verwickelten Verschwörungen und Intrigen viele Geheimnisse bergen. Nominell sorgt die Aufklärung eines Mehrfachmords im Zusammenhang mit dem Aufkauf japanischer Farmen für Spannung, tatsächlich bemerken alle Hauptfiguren, dass diese vier Toten im allgemeinen Gemetzel kaum einen Unterschied machen. Das könnte nun ein faszinierendes Panorama über die Zusammenhänge zwischen A (beispielsweise Verbrechen) und B (beispielsweise Politik und Ökonomie) und C (beispielsweise Psychologie) sein, ein blutiges und erhellendes Kaleidoskop, doch daran ist Ellroy nicht sonderlich interessiert. Seine Figuren, auch die, die in früheren, später spielenden Werken sorgfältig ausgemalt wurden, sind beinahe durch die Bank blasse Stichwortgeber, die durch die Bank in zynischen Halbsätzen und einer Flut von Rassismen denken und sprechen. Und da die Nebenfiguren kurzsichtig egoistisch und selbstzerstörerisch handeln, die Hauptfiguren lediglich mit einer längerfristigen Perspektive, fällt auch wenig Erkenntnisgewinn ab. Ellroys manisches Beharren auf Details (Kapitel beginnen stereotyp mit einer absurd exakten Uhrzeit: „12, 29“, „17.57“, auch wenn die folgende Passage eine halbe Stunde ohne dramatische Vorkommnisse umfasst; die Besonderheiten eines Schwertgriffs werden mehrfach referiert, ohne, dass in der Geschichte andere Schwerter eine Rolle spielen würden) klärt nichts, sondern evoziert im Gegenteil ein Gefühl des Nebulösen. Sein breit ausgetretener Klatsch über historisch verbürgte Figuren changiert zwischen mühevoll recherchierten relevanten Enthüllungen (Bill Parkers Werdegang), dubiosen Witzen (Cary Grants angebliche Homosexualität) und reiner Phantasie (der erfundene Dudley Smith hat eine Affäre mit Bette Davis), ohne, dass der süffisant – aufgeregte Tonfall dazwischen unterscheiden würde. Kurz: in diesem akribisch geplotteten und kunstvoll mit Tausenden von historischen Details unterfüttertem Roman ist auf den ersten Blick alles egal. Kaputt ist diese Welt schon vom ersten Absatz an, ob sie im Verlauf der Fabel kaputter wird, lässt sich kaum bestimmen. Und obwohl die titelgebende Perfidie des Geschehenes die Perspektivfiguren über ihre moralischen Grenzen treibt, sind die von Anfang an nicht sonderlich fest gezogen, -und: was erwarten sie und wir denn anderes in dieser Höllenvision? Woher rührt nun der Rest an Sogwirkung her, die widerwillige Leser (offensichtlich nicht nur ich) davon abhält, das Ding endgültig in den Schrank, das weite Feld, zu räumen? Es gibt doch viele tolle Bücher, sommerliche Abende und immer was zu zun. Und woher stammt dieses Gefühl der Bedeutung, das das Buch hervorruft (klar, die Kritiken waren größtenteils hervorragend, aber das bringt einen ja nicht durch 900 Seiten)?

In Anlehnung an den seligen Walter Jens möchte ich vorschlagen, „Perfidia“ neben „Blutschatten, The big nowhere“ vom gleichen Autor zu lesen, und am Besten noch mit ein paar Informationen über die von Ellroy beschriebene Polizei und Epoche, und seien sie aus dem Internet. „Blutschatten“ von 1988  (und in meinen Augen Ellroys bestes Buch) spielt neun Jahre später in der gleichen Stadt und unter dem gleichen realen und fiktivem Personal. Die Handlungen der beiden Romane weisen auffällige Ähnlichkeiten auf. Beide Male untersucht ein heimlich homosexueller Polizist einen bizarren Mord und wird dabei vom bösesten Polizisten der Literaturgeschichte, Dudley Smith, an – und irregeführt. Beide Male beschreibt eine umfangreiche Nebenhandlung die Unterwanderung einer (der gleichen) fiktiven Gruppe von Kommunisten in Hollywood. Neben dem heißen Eisen der anti – japanischen Ressentiments liegt der größte Unterschied im Tonfall.

Blutschatten“ entpuppt sich beim Wiederlesen als beinahe rührend humaner Roman (bitte keine Proteste dagegen, einen robusten Millionenautor kurz sachte von der Seite zu betrachten). Die darin enthaltenen Bestialitäten schockieren Protagonisten und Leser. Außer dem hier dämonisch und fern bleibendem Dudley Smith sind die Figuren erschrocken, überfordert und mit einer „runden“ Psychologie ausgestattet. Ellroy ist hier noch ganz der ungewaschene Chandler mit Nervenzusammenbruch, Dramaturgiegenie und historischem Wissen, als der er berühmt wurde. Lange, schwelgerische Sätze von lyrischer Qualität, in der ein melancholisch herumwandernder Autorenblick von plötzlichen und aufrüttelnden brutalen Schlaglichtern durchsetzt ist. Statt der unerbittlichen Zahnräder des Schicksals wird die Geschichte noch von Individuen dominiert, die von ihren eigenen Abgründen geblendet werden und darum ins Verderben tappen. Die Welt um sie herum bleibt schemenhaft, hier und blitzt überklar eine verborgene Wahrheit auf und hilft nicht weiter. Dass Ellroys frühe Helden allesamt zwei Meter groß und breit sind und über einen IQ von 180 verfügen, macht die Sache noch tragischer, im klassischen Sinn. Diese Welt ist nichts für Ellroys Helden und nicht für Ellroy. Der hochbegabte Autor weiß um seine Hochbegabung und seine unüberwindbare Distanz zum linksliberalem Bildungsbürgertum und dessen Literatur. Seine Biographie erlaubt es ihm offensichtlich einfach nicht, aufgeräumter auf die Welt zu schauen, weniger fasziniert von Schmutz und Elend und geilen Schlägereien zu sein und weniger anfällig für rechte Meme (Ellroy inszeniert sich gerne als beinharter Rechter, aber seine Werke halten dem zum Glück nie stand. Offensichtlich ist es ihm lieber, als Feindbild seine Kritiker zu provozieren, als gönnerhaft als „problematisch“ abgestempelt zu werden, was die Sache ziemlich gut trifft). „Blutschattens“ Umgang mit seinen unglücklich stalinistischen Hollywood – Linken entspricht in etwa dem Zugang von „Perfidia“, - eine Mischung aus Verachtung, Ehrfurcht und Schadenfreude. Ellroy und seine Figuren kennen nun mal einfach das „wahre Leben“, seine intellektuellen Widerparts sind schwächliche Heuchler, dabei arbeiten sich Autor und Helden an deren (böse vereinfachten) Weltanschauungen durchaus so ab, dass auch Linksintellektuelle hier und da nicken (sofern sie die historische Jagd auf alle Linksintellektuellen im realen Hollywood  der 40er und 50er Jahre in ihrer Gesamtheit ausblenden können).

Im Unterschied zu „Blutschatten“ werden in „Perfidia“ höhnisch ein paar große Namen aus der Welt der Salons gedropped, nun hampeln auch Brecht und Bernstein lächerlich herum. Die Tragik der eigentlichen Ermittlerfigur wird im neueren Buch gedämpft, auf Distanz gehalten und schraubt sich nicht bis zu einem erschütternden Finale, dafür wird die neue Figur deutlicher in ihren Grundsätzen verbogen. Der symptomatische Unterschied zwischen den Büchern besteht in der Behandlung des Anti – Helden Dudley Smith, der in „Blutschatten“ als ferner unbesiegbarer Schurke des Stücks präsentiert wird und den verzweifelten Hass von Lesern und Helden provoziert, in „Perfidia“ aber als Reiseführer durch den ganzen wilden Ritt fungiert und alleine schon durch seine Coolness zum Anti – Helden avanciert. Und hier nun zeichnen sich Probleme und Reiz des neuen Ellroy deutlich ab:

Der brillante und naive Autor wurde zum Star und in der Folge unzählige Male kopiert. Er hätte nun beim Weiterschreiten entweder die  Feinheiten seines Werks herausarbeiten und seinen Blick öffnen können, oder jeden Ballast von bürgerlichem Humanismus über Bord werfen, sich ganz in sein Spezialwissen verbeißen und sich zum Konzeptkünstler und Anti – Literaten stilisieren können. Ellroy ging konsequent den zweiten Weg, und aus seinen Tragödien wurden Verschwörungsschmöker mit einem nun wirklich allwissenden Autor, der sein Allwissen großzügig mit dem Leser teilt. Es ist ein Gefühl der Ermächtigung, dass den späteren Ellroy – Romanen ihren Kick verleiht, die unheimliche Welt wird dadurch besiegt, dass man ihr unter markigen Worten in die dreckigste Fratze schaut und dabei pessimistisch hochrechnet. Und im Unterschied zu seiner vorangegangenen Roman- Trilogie, die en passant u.a. das Kennedy – Attentat erklärte, geht es in „Perfidia“ um Schrecknisse in nostalgischen Sepiatönen,-wer sich hierzulande mit dem Jahr 1941 beschäftigt, zerbricht sich nicht unbedingt den Kopf über Grundstücksspekulationen in Los Angeles und genießt die Verweise auf Glen Miller – Musik vermutlich als Eskapismus (in Amerika ist die Rezeption offensichtlich ambivalenter und dreht sich stärker um die angeschnittenen Skandalthemen). Die Detailverliebtheit entspricht dabei der von Fantasy – Romanen und ermöglicht ein Gefühl der Kontrolle: solange wir wissen, dass ein Oger 102 Kilo wiegt oder dass Dudley Smith genau um 20:27 Uhr in den Dienstwagen stieg, sind wir nicht ohnmächtig. Wir lachen mit Ellroy (und Dudley Smith) Brecht und Kennedy ins Gesicht und kriegen auch noch Bette Davis ins Bett. Als Preis zahlen wir mit unserer Korrumpierung, und darin liegt die Perfidie, aber wie lässig und gut informiert wir korrupt sind! Und so können sich auch die fortschrittlichen Leser offen an „Perfidia“ erfreuen, die „Blutschatten“ noch heimlich unter der Bettdecke weggeputzt haben, denn das ganze Aufdröseln von herrschenden Machenschaften, kann sich beinahe wie Systemkritik lesen lassen, auch wenn es das Gegenteil ist, eben eine nebulöse Allmachtsphantasie. Immer sind wir in Ellroyland, und alles ist angeblich historisch verbürgt, also können wir uns entspannen und andere Maßstäbe anlegen als bei sonstigen Büchern voll von Polizeifolter und rassistischem Slang. Selten kam ein pechschwarzes„guilty pleasure“ seriöser daher, selten war die Lektüre so harte Arbeit.

Das alles ist jedoch leider kein Anlass, Ellroy abzuhaken und „Perfidia“ wegzulegen. Denn unter all dem monotonen Murks ist ja tatsächlich eine Geschichte verborgen, die bisher noch nie erzählt worden ist, auch nicht von Ellroy (womit weniger der historische Skandal der anti – japanischen Internierungen an sich gemeint ist, als Ellroys Art und Weise, damit von großer und kleiner Korruption zu erzählen, wie skizzenhaft, fragwürdig und repetitiv auch immer). Und immer wieder gibt es dann doch Sätze wie diesen zu heben:

„Uralte Klänge. Heidnische Schändung. Blut, Feuer, angekohlte Ratte am Stiel.“

Eben.                                                                                        

 

 

11.05. GDL - der Film

Amerikanische Prominenz kullert derzeit durch unsere Republik: John Irving weiht ein Mausoleum in Lübeck ein, Bruce Willis verstärkt die berliner Sicherheitskräfte, und wir lernen viel von ihnen. Aber trotzdem fehlt uns schmerzlich das amerikanische know – how beim versöhnenden Umgang mit brisanten Themen, genauer: es fehlt John C. Reilly als Weselsky.

 

Wenn wieder einmal Bahnverbindungen pünktlich zu den Feiertagen ausfallen, weil die Strecke zwischen Berlin und Hamburg noch mal zehn Minuten kürzer muss, oder in Hannover noch nicht genug „Nanu Nana“ – Filialen im Hauptbahnhof stecken, dann plakatiert die Bahn süßsaure Witzchen und Bilder von Comic – Maulwürfen, die uns da abholen sollen, wo wir stehen (nämlich am Bahnsteig und kurz vorm Zähnefletschen). Seit Jahren suche ich nach nur einer Charmeoffensive der GDL oder nach wenigstens einem drögen „Tut uns leid, aber…“. Nirgendwo auf der offiziellen Website der GDL findet sich auch nur eine schlichte Erläuterung der Streikziele für Nichtbahner, dafür gibt es rührend vereinsmeierische Artikel über die Geschichte der deutschen Bahngewerkschaft „bis 1900“ und die üblichen markigen Worte an Gegner und Kollegen. Potentielle Streiksympathisanten müssen sich durch jede Menge Mediengedöns kämpfen und sich mit gestressten Zugbegleitern unterhalten, während ihnen die Toilettentür ins Kreuz schlägt, um sich auch nur einen Überblick über die sehr berechtigten Forderungen und ihre Ursachen zu verschaffen. Nur die Botschaft, dass man hilflos am Bahnsteig steht, und dass das niemanden interessiert, die kommt unmissverständlich an. Am gestrigen Sonntag hat sich der unbeirrbare GDL – Chef endlich einmal mehr oder weniger an die Bahnfahrer gewandt, ohne sich reflexartig am Arbeitgeber festzubeißen, und den geschlauchten Kunden eine „Pause“ im Bewältigen von Streiks versprochen, die haben wir uns jetzt offensichtlich verdient. Und mit dieser gönnerhaften Nachricht fiel meine Solidarität zumindest vorübergehend ins Koma. Ich erwarte ja keine flotten Agit – Prop – Liedchen von der Bahn darüber, dass wir ja alle im gleichen Zug sitzen oder sympathieheischendes Puppentheater (auch wenn ich persönlich vermutlich beides schön fände, aber das ist vermutlich wirklich ein individuelles Problem). Aber ich will als heavy user von Zügen auch nicht als reiner Spieleinsatz oder Kollateralschaden fungieren bei einem Arbeitskampf, bei dem die zu verhandelnde Arbeit wenigstens teilweise darin besteht, Menschen wie mich (und mich!) von A nach B zu transportieren. Und ich kann die Weigerung, bei den Kunden um Verständnis zu buhlen, auch nicht mehr zur altmodischen Geradlinigkeit ohne Geschmuse schönreden, wenn dann doch phrasenhafte, flaue und herablassende Krokodilstränen kommen, sobald ich als Kunde plötzlich angesprochen werde.

Die Welt ist für die GDL in guter alter positivistischer Tradition ein Schachspiel, und der kleine Mann und die riesige Frau fallen dabei vom Brett. Da die Welt nichts weniger braucht als noch mehr Führerscheine und noch weniger Sozialfrieden, wird es Zeit für hastige menschelnde PR – Maßnahmen, und mein Vorschlag lautet: John C. Reilly. Klar, Filme brauchen viel Zeit, zum Drehen, Vor – und Nachproduzieren und vor allem für die Finanzierung und den Gang durch die Gremien. Aber bei „Bibi & Tina 2“ wurde doch erst jüngst ein Geschwindigkeitsrekord aufgestellt, und da ging es nicht einmal um eine Notsituation. Über die Frage Buck oder Fincher kam man ja später diskutieren. Also: John C. Reilly als Weselsky, Emma Stone als Reporterin von der FAZ. Sie hassen sich, sie nähern sich einander an, er redet von seinen schlimmen Kindheitserinnerungen (sein bahnbegeisterter Vater war trotz allem gegen den verstiegenen Berufswunsch Lokomotivführer und hätte ihn lieber als Astronaut gesehen) und gemeinsam besiegen sie Anthony Hopkins als Jasper von Altenbockum und erweichen Donald Sutherland als Rüdiger Grube.

Gemeinsam schippern schließlich Weselsky und die nachdenklich gewordene Reporterin durch die blühenden deutschen Landschaften, und er murmelt verträumt: „Mein Vater hat mir erzählt, was es bedeutet, einen Zug an seinen Bestimmungsort zu bringen.“

Licht fließt durch ihr Haar, und sie legt ihm den Arm in den Nacken: „Und was hat dein Vater dir sonst noch erzählt?“

„Er hat gesagt, trau nie einer Frau, die so lächelt wie du.“

Sie küsst ihn gierig. Der Zug fährt in einen Tunnel.

Etc.

05.05. "Trailer sind das neue Kino" (I)

(Man mag es cheesy, bigott oder kleinbürgerlich .- sentimental nennen, aber letzte Woche war mir angesichts des Erdbebens in Nepal nicht nach einem kleinen Blogeintrag über Trailer. Etwas Wesentliches und dann auch noch Kurzes zu sagen hatte ich zu Nepal aber auch nicht, darum: Schweigen. Anstelle dieses Textes:)

Der Wahnsinn hat seinen bisherigen Höhepunkt meines Wissens mit der vielbesungenen Premiere eines neuen Star Wars – Trailers/Teasers vor drei Wochen erreicht, sowie mit der Präsentation eines neuen Kurzfilms von David Lynch letzte Woche. Zu Letzterem zuerst:

David Lynch sollte letzte Woche den „Tribeca Award“ für „disruptive innovation“ erhalten (eine Formulierung, bei dem man mittlerweile reflexartig an digitale start ups denkt, deren Innovation sich darin erschöpft, irgendwie als lahm empfundene Gesetze zu umgehen, aber hier ging es wohl um die „Transzendentale Meditation“), er lieferte statt Auftritt und Dankesrede einen ca. 5 minütigen Film ab, der bald viral wurde. In diesem Film sieht man rund 4 Minuten nichts anderes als den unscharfen Kopf einer Barbie – Puppe, und dazu belehrt Lynch als Lynch übers Telefon die Puppe „Trixie“ (ebenfalls quäkig von Lynch gesprochen) darüber, was Meditation nicht bedeute (nackt in der Sonne liegen, den Freund treffen oder ins Kino gehen) und was sie bedeute (Transzendentale Meditation, die angeblich positiv und angstfrei macht). Dann kündigen beide eine „Überraschung“ an, und vor einem Vorschlaghammer stehen ein paar „Digibirds“, also fiepende digital gesteuerte Spielzeugvögel, und zwitschern „Bella ciao“. Dazu wird mehrfach emphatisch „thankyou“ eingeblendet. Das Verwirrende ist, dass dieses schlichte Bild mit zusammengekauftem Spielzeug wieder mal purer, aufwühlender Lynch ist (der verwackelte Puppenkopf vorher ist für einen Regisseur dieses Kalibers dagegen ziemlich dreist). Das Beruhigende ist, dass der Mann sich, wie immer, ordentlich zu amüsieren scheint (was dann doch wieder für TM spricht).

Der Wahnsinn setzte ein, sobald Fans umgehend begannen, das Kurzwerk zu interpretieren und es als Hinweis darauf zu lesen, dass Lynch nun doch die „Twin Peaks“ – Fortsetzung inszenieren würde. Furchtbarerweise war ich einer von ihnen, bzw., leuchtete mir die Argumentation unmittelbar ein: eine „Überraschung“ deutet auf eine Neuigkeit hin und erinnert an den Satz“Ich habe Neuigkeiten für dich“ aus „Twin Peaks“, die dort lauten „Dein Lieblingskaugummi kehrt bald in großem Stil zurück“ (in der deutschen Synchronfassung sogar: „deine Lieblingsfernsehserie“) und „Wo wir leben, singen Vögel, und die Luft ist voller Musik“. Wozu die anheimelnd furchteinflößenden digibirds passen würden. Und „thankyou“ könnte sich nicht nur auf den Preis für „disruptive innovation“ beziehen (was immer der konkret sein mag), sondern auf die „Save Twin Peaks“ – Kampagne im Netz (die selber bereits eine beachtliche Reihe an kleinen Fankunstwerken hervorgebracht hat).

Mit dieser Exegese des charmant – wirren 5 Minuten- Films haben wir natürlich den Bereich der Interpretation längst verlassen und nähern uns den Grauzonen der manischen Konstruktionen und besessenen Rationalisierungen (was wir beim Durchkauen von bild –, ton- und inhaltsreichen längeren Lynch – Arbeiten meiner Ansicht nach eben gerade nicht tun). Diese abrutschende Exegese ist aber vermutlich gewollt, genauso gewollt wie das Herumrätseln von „Star Wars“ – Fans, was der jüngste, in großen Kinos als eigenes Spektakel aufgeführte „Star Wars“ – Trailer über die Handlung des neuen Films im Dezember verrät. Man könnte meinen, wir würden in Zeiten filmischer Dürre leben, dass ein paar offensichtlich NICHT als selbständiges Werk funktionierende Minuten so ausufernd kommentiert und durchleuchtet werden. Aber umgekehrt wird ein Schuh draus: Gerade weil wir uns alle die Filmminuten in Dauervöllerei um die Ohren hauen, wird der besondere Kurzfilm zur Preziose. Er lässt sich sharen, verlinken und herunterladen, und dabei werden weder die Festplatte noch das Urheberrecht strapaziert. Wir schmecken endlich wieder die einzelnen Sekunden. Und wir sind endlich wieder einmal als hellwaches und aufgeregt durcheinander plapperndes Publikum gefragt, nicht als Abnicker Hunderter von Filmminuten.

Nach dieser Logik könnten wir uns jetzt natürlich auch alle auf bspw. die Filme von Man Ray oder auf experimentelle Animationen aus Südamerika stürzen, aber das wäre im Rahmen des großen, angeblich verbindenden Netzgebrumms vermutlich zu speziell, zu wenig kommunikativ und zu unvertraut. Der Trailer und seine öffentliche Auswertung sind vielleicht nicht das „neue Kino“ (wie hier und da schon zu lesen), aber möglicherweise für (gerade noch) jüngere Menschen die Entsprechung zur großen Samstagabendshow, immer noch nostalgisch, diesmal interaktiv und mit weniger Musik. Und da gibt es für die Abermillionen eben ein paar Bilder vom neuen „Star Wars“, für die Untermillionen eben die bizarren Dankesworte von David Lynch (auch wenn wir insgeheim vermutlich ganz genau die prosaischen Wahrheiten erahnen: die alten Darsteller werden zumindest im ersten neuen „Star Wars“ – Film kaum auftauchen, Lynch weiß noch nicht, ob er je wieder einen Film oder eine Serie inszenieren wird, und wir sitzen in jedem Fall immer noch auf unseren Schreibtischstühlen und haben kein neues Werk und noch nicht einmal gelungene Werbung gesehen). Wobei das Festklammern an Geschichten, die subjektiv bereits einmal Bedeutung gestiftet haben, für die Minifilmbegeisterung nicht obligatorisch ist (sondern lediglich zu besonders hitziger Aufregung führt): Auch Trailer für von niemandem als relevant empfundene Filme werden immer häufiger als Event, Kostbarkeit, Werk und Rohrschachtest gehandelt. Bald mehr dazu.

20.04. "Batman Eternal" und die Meta - Serie

Ob heimlich oder unheimlich, US – Fernsehserien haben sich zum kleinsten gemeinsamen Nenner unter gebildeten Menschen mindestens unter 50 gemausert, zum wetterfesten Gesprächsthema. Da kommen TTIP, ertrunkene Flüchtlinge und Günther Grass schon lange nicht mehr mit, und sei es aus Angst vor überraschenden Kontroversen (hier fehlen jetzt drei herausgekürzte Absätze, denn wir haben ja alle keine Zeit, und ich probiere das jetzt mal aus mit der Beschränkung auf Rezensionen). Obwohl „Daredevil“ und „Constantine“ durch die Streamingportale kobolzen, „Gotham“, „The Flash“ und „Agents of SHIELD“ durchs Fernsehen; obwohl „Preacher“ gerade prominent produziert wird, und unter uns, die ganze trübe neue Serienherrlichkeit ohne Vorreiter im Comic undenkbar gewesen wäre, bleiben Comicserien immer noch Subkulturlektüre. Jüngst wurde in den USA die Mammut – Serie „Batman Eternal“ mit der 52. wöchentlichen Ausgabe beendet (die deutsche Übersetzung ist, soweit ich weiß, mit ihren Doppelausgaben mittlerweile bei Heft 14, bzw. 7 angelangt),die einmal mehr zeigen sollte, wo der Hammer hängt.

Kurzer Rückblick: In den 1980ern durchlitten die USA unter anderem eine Superheldenkrise, die Postmoderne und ein sich mühsam entzähmendes Fernsehprogramm. X – Men - Hefte mauserten sich zur tonangebenden Seifenoper für entfremdete Teenager, und die Autoren Frank Miller (Sin city) und Alan Moore (V for vendetta, Watchmen) nahmen sich Batman vor und peppten die Figur und ihre Welt in prestigeträchtigen Miniserien und Einzelausgaben durch makabre Abgründigkeit, politische Kommentare, verschachtelte Erzählungen und literarisierende Monologe auf. Innerhalb weniger Jahre waren Dutzende selbstbewusster Künstler an Bord, von Moebius über Kevin Smith bis zu Harlan Ellison haben sich mehr große und einander ausschließende kreative Namen mit US - Bezug an „Batman“ versucht als an jeder anderen Comicfigur. Nur ein paar angeekelte Underground – Vertreter (darunter Crumb, Bagge, Sim und Daniel Clowes) zogen nicht mit, respektive wurden gar nicht um einen Beitrag gebeten. Beinahe alle erdenklichen Experimente, von Paralleldimensionen über alternative Geschichtsschreibungen und verschiedenste psychedelische Traumwelten, von gerasterten Bildern über Strichmännchen bis zu Ölgemälden und Computerpixeln wurden an Batman durchexerziert. Batman wurde zu Dracula und zum Phantom der Oper und traf Houdini. Batman – Comics behandelten Polizeigewalt, anarchistische Theorien und alten Jazz. Ob Ökologie, Waffenhandel oder Kindesmissbrauch – beinahe jedes heiße Topic wurde in den diversen „Bat – Serien“ (so der offizielle Ausdruck) ähnlich umfassend und konsequent aufbereitet wie im „Tatort“, dafür aber eben greller und mit interessanteren Bildern. Nur als der gealterte und weit nach rechts gerückte Frank Miller Batman in den „Krieg gegen Terror“ schicken wollte, schritt DC dankenswerterweise ein. Ansonsten verbat es sich Erotik und ein Verlassen des düsteren Settings zwischen grimmigem Superheldenepos, schwarzer Romantik und „hard boiled“ Detektiverzählung. Batman verbrachte 1999 ein (sehr unerfreuliches) Jahr in einer rechtlosen, von der USA abgesonderten Stadt (was in „The dark night rises“  genauso wieder aufgegriffen wurde wie im „Simpsons“ Kinofilm und „Under the dome“), zeugte diverse Nebenserien über Nebenfiguren und wurde schließlich von dem schottischen Autor Grant Morrison getötet, durch die Zeit geschickt und durch metatextuelle Abenteuer gejagt, in denen er mit seiner eigenen wechselhaften Comicgeschichte und verschiedenen Konzepten von Magie konfrontiert wurde. Immer wieder hieß es dabei schon seit Mitte der 1990er Jahre, nun sei die Figur aber tatsächlich auserzählt. Doch der nächste hungrige Autor rückte nach, Filme und Computerspiele schlugen ein, und der Verlag DC reagierte auf jeden erfolgsversprechenden Impuls mit Tonnen an bedrucktem Papier.

Im Fahrwasser des „Batman“ – Rummels ließ DC vor allem englische Autoren vergleichsweise wilde und persönliche Serien jenseits der Superhelden entwickeln, die das serielle Erzählen um einige neue Modelle und Strategien erweiterten, deren Fortschreibung wir derzeit in beinahe allen akutellen dramatischen amerikanischen Fernsehepisoden erleben können. Es ging und geht dabei um milde narratologische Sperenzchien und unaufgelöste tiefe Subtexte in Verbindung mit einer formalen und vor allem inhaltlichen Erkennbarkeit als Serie für eine verlässlich belieferte Zielgruppe. Denn genau das Serienformat sollte nicht in Frage gestellt, sondern wiederbelebt werden (und sei es in einer Anthologie – oder Miniserie).

(Nachtrag: Inhaltlich und ästhetisch leiten sich die neuen Serien zum Teil deutlich nicht von Comics ab,- wenn auch weit häufiger, als man zunächst denken könnte,- da spielen sicherlich "Twin Peaks", bestimmte Filme und Romane eine entscheidendere Rolle. Ich rede hier von der Anordnung und Präsentation des Materials auf Serien - oder Mehrteilertauglichkeit hin)  

Die Batman- Redaktion, die sich ihrer eigenen Rolle beim Serienrummel mehr als bewusst ist, greift bei „Batman Eternal“ nun die jüngsten Fernsehentwicklungen auf und will sie überbieten: Ein Hauptautor (der von Stephen King eifrig gelobte Scott Snyder) fungiert wie ein „Showrunner“, vier untergeordnete Autoren sind unter seinem Diktat allgemein für unterschiedliche Facetten und Figuren der  Erzählung verantwortlich und sind Hauptgestalter einzelner Episoden, die parallel entstehen. Zeichner (vergleichbar mit Regisseuren) spielen dabei eine untergeordnete Rolle, aber dürfen ihren jeweiligen Stil vorführen, was eine gebremste ästhetische Vielfalt ermöglicht.

Zur Feier des 75. Geburtstags der Batman – Figur sollte „Batman Eternal“ alle beliebten, sonst eher getrennt voneinander behandelten Aspekte dieses synthetischen Mythos präsentieren: es ist gleichzeitig eine Detektiv- , Gangster- , Polizei – und Horrorserie, eine ausgiebig menschelnde Superheldenseifenoper und das Papieräquivalent zu einem apokalyptischen Sommer – Blockbuster. Wenigen neuen Figuren steht eine Hundertschaft bereits eingeführter Charaktere gegenüber, die zum Teil wie frisch geschlüpft neu vorgestellt, zum Teil radikal verändert werden. Theoretisch sollte das alles wohl ohne Vorwissen genießbar sein, praktisch werden sich Neuleser ob dieses selbstverständlichen (aber wohlgeplanten) Durcheinanders und ständiger kleiner Anspielungen wohl am Kopf kratzen (die deutsche Ausgabe bei Panini ist redaktionell begleitet, doch die zur Verfügung stehenden Seiten reichen nicht annähernd aus, um Hintergründe und Vorgeschichten aller Nebencharaktere aufzudröseln). Vermutlich sollte dieses Mammutprojekt allgemeines Pressecho auslösen (was ausblieb) und einen harten, zahlungskräftigen Kern von Fans von cleveren Fernsehserien zurücklocken (für Kinder oder schreckhaftere und spaßsuchende Jugendlichen ist das alles, wie schon länger bei „Batman“, nichts mehr).

 

Es beginnt auf der ersten Seite in der nahen Zukunft: ein demaskierter, angeketteter Batman wird gezwungen, sich seine brennende Stadt anzuschauen. Dann springt die Geschichte zurück, bis sie in Ausgabe 50 nach gut 1000 Seiten wieder die Eingangsszene erreicht. Dazwischen liegt ein elaboriertes Garn über Serienmörder, Unterweltkriege, Geister in der Nervenklinik für Verbrecher und, vor allem, über zwei unterschiedliche Teenager- Mädchen, die zu maskierten Vigilantinnen werden. Es gibt Cliffhanger und Actionszenen, abgetrennte Arme und schnippische Dialoge, und ganz offensichtlich soll das nun alles auf einmal sein, „Buffy“ und „True detective“, „Orphan black“ und „Boardwalk Empire“ und „Amercian horror story“. Und dazu Batman, Catwoman und alle farbenfrohen Schurken (nur der Joker wurde für eine sich anschließende Miniserie aufgespart). Irgendein kohärenter Subtext lässt sich dabei nicht mehr ausmachen: die Story beginnt beispielsweise mit dem guten Polizist Gordon, der aufgrund eines fiesen Hypnosetricks, denn so läuft das ja, auf einen Unbewaffneten schießt, aber direkt im Anschluss wird eine korrupte und vorurteilsbeladene Polizei gezeigt. Und an die mittlerweile obligatorische Problematisierung des Superhelden als das größte Problem der Superheldenwelt schließt natürlich eine Batman – Kampfszene mit allem Krach und Wumm und irren Perspektivwechseln an. Unerlöst rotiert der Comic um seine Themen, ohne noch irgendetwas anderes zu wollen als immer neue Nuancen in immer neuen byzantinischen Nebenhandlungen anzureißen. Die Ideen bleiben dabei erzählerisch und visuell sowieso weit hinter den besten Batman – Comics zurück (von anderen Comics ganz zu schweigen), aber alleine durch den Umfang des Projekts wird das serielle Erzählungen mit all seinen Haken und Überraschungen so durchexerziert wie noch niemals vorher und selber zum eigentlichen Thema. Hinter jedem enttarnten Superschurken versteckt sich ein weiterer Superschurke. Jedes Panel ist ein Hinweis, jede Sprechblase Teil eines Charakterbogens.

 

Während „Batman Eternal“ erschien, brachte DC unbeirrt weiter seine regulären „Batman“, Bat- dies und Bat – das- Reihen heraus, dazu Sonderprojekte, „graphic novels“ und Nachdrucke. Hier sollten keine neuen Leser gewonnen, höchstens umgeschichtet, hier sollte ein Exempel statuiert werden. Wer sich eine ausufernde Superheldenstory in direkter Konkurrenz zu fortlaufenden Reihen mit der gleichen Besetzung ein Jahr lang jede Woche 3 Dollar kosten lässt wie ein kostbares Dessert, der schaut sowieso auch Fernsehserien für Geld und soll hier mit der nouvelle cuisine der Cliffhanger und running gags beliefert werden. Da ich es selber nun keine 150 Euro für „Batman Eternal“ über habe und mich daher an diverse Einzelhefte und die peniblen Zusammenfassungen und Kommentare im Netz halten muss, bin ich wohl, wie wir alle, doch nicht Zielgruppe genug und nicht wirklich in der Lage, zu beurteilen, wie relevant dieses Monsterprojekt für die Zukunft dessen ist, worüber wir reden, wenn wir nicht von TTIP, Flüchtlingen oder Günther Grass reden wollen (und was unsere Gespräche darüber heimlich prägt).

Aber: ist es.

13.04. "Concept"

Von Zeit zu Zeit stolpert man über kulturelle Artefakte, die wie Fundstücke aus einer herrlich naiven fortschrittlichen Zukunft anmuten. Mit einem Mal kann man sich vorstellen, neben einem plappernden Delfin in einem solarbetriebenen Luftschiff über wild begrünte High Tech – Städte ohne Armut zu schweben. Das kleine, energieeffiziente Schlumpfhaus in Metz, in dem das neue Centre Pompidou untergebracht ist, hat, eher von außen, auf mich einen solchen Effekt (das Mutterhaus in Paris hatte ihn sicherlich auf frühere Generationen), und manche Lernsoftware(das utopische Glimmen in weniger repräsentativen, alternativeren Produkten für eine bessere Welt hat noch eine andere Färbung, ist krümeliger und voller Blut, Schweiß und Tränen). Und das französische Brettspiel „Concept“, das nun auch bald seit einem Jahr in Deutschland erhältlich ist, aber dieses Blog hatte ja Sendepause. „Concept“ von Alain Rivollet und Gaetan Beujannot stand auf der Auswahlliste zum „Spiel des Jahres 2014“, aber verlor gegen eines dieser Strategiespiele mit gemäßigter Runenoptik. „Concept“ ist eine majestätisch schlichte, quadratische Schachtel in cremigem Weiß und kleinteiligem Bunt. Darin liegen ein Spielplan mit vielen Bildern, voller  farbiger Ausrufungszeichen (und ein Fragezeichen) aus Plastik, kleine Plastikquadrate, Glühbirnen aus Pappe. Aufgabenkärtchen und Erläuterungen. Es handelt sich um eine „Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst“ – Variante, bei der einmal mehr vorgegebene Begriffe geraten werden sollen. Eine/r zieht eine Karte voller Begriffe und Redewendungen, pickt sich eine Vorgabe davon heraus und legt los. Er/sie verteilt das Plastikfragezeichen, die Ausrufungszeichen und die kleinen Klötze auf dem Spielfeld. Das Spielfeld besteht aus piktogrammartigen, bunten Zeichnungen, die in Zweierreihen zumeist Gegensatzpaare darstellen: Mann/Frau, Tier/Pflanze, klein/groß, Beruf/Freizeit, usw. Es sieht aus wie die schwer moderne Version eines Glasfensters in der Kathedrale, durch das die Erinnerung an hundert Jahre verspielte französische Gebrauchsgrafik spuken. Das Fragezeichen kommt neben die subjektiv wichtigste und allgemeinste Kategorie, die Ausrufungszeichen neben Unteraspekte, die kleinen Klötze dienen zur näheren Beschreibung (steht bspw. ein rotes Ausrufungszeichen neben einer Nase, beziehen sich mit roten Klötzchen markierte Felder auf diese Nase). Bei einem ersten Versuch, suchen beinahe alle nach einem objektiven Code im Spiel, den es natürlich nicht gibt. Der gesuchte Begriff oder Satz lässt sich auf unendlich viele unterschiedliche Arten zergliedern, und die auf den ersten Blick so streng unterscheidenden Felder entpuppen sich als vieldeutig: ein gezeichneter Totenkopf kann alleine laut Anleitung „Tod, böse, Krankheit“ bedeuten, im konkreten Spiel kommen rasch noch „Skelett“, „giftig“ und „Pirat“ dazu, ein Smiley kannn sowohl „lieb“ als auch „vegnügt böse“ oder „zahm“ umschreiben, usw. Verschiedene, eindeutig wertende Begriffe wie klug/dumm oder schön/hässlich fehlen auffällig, dafür gibt es so hilfreiche Kategorien wie „imaginär“, „religiös“, „politisch“ oder „aus Holz“. Nun orientiert sich A vor allem an Formen und Farben (und ein Opernhaus ist in erster Linie groß und rund, was die anderen Spieler verzweifeln lässt), B an theoretischen Unterscheidungen (dann muss der Delfin vor allem ein Säugetier sein, was sich nur unter Mühen darstellen lässt) , C will vor allem ethisch gewichten (und beschreibt Onkel Dagobert erst einmal als böse, was die Raterunde auf die falsche Spur bringt) und D orientiert sich in erster Linie an gemeinsamen Erinnerungen mit A (wobei dann der Eiffelturm zuvorderst durch „Urlaub“ definiert ist). Das scheinbar so digitale Spiel entpuppt sich als hemmungslos analog, wir sehen anderen beim Denken zu und kommunizieren mit ihnen darüber (ich selber neige zu wenigen Unterkategorien, aber gebe mir bei der Reihenfolge der gesetzten Steine große Mühe, was mich häufig unter Rechtfertigungsdruck bringt). Das mag vielleicht alles jetzt klug und blutleer an eine Teerunde auf dem Zauberberg erinnern, aber die Entdeckerfreude an diesem Nicht – Rebus und die ständige fröhliche Panik, nicht – nachvollziehbaren Murks zu legen, sorgt für schrill erhitzte kurze Runden. Und währenddessen evolvieren unsere Hirne wie die der Aliens aus der alten „Star Trek“ – Doppelfolge. Gewinnen lässt sich „Concept“ theoretisch auch, dafür gibt es komplexe Punkteregeln und die Glühbirnen aus Pappe, aber laut eigener Aussage sehen die Macher das als Konzession an die „deutschen Spieler“, die bei einem Spiel Sieg oder Niederlange bräuchten. Die Glühbirnen wandern am Besten sofort in den Giftschrank, wie, nach einer Aufwärmphase, auch die Karten, denn schließlich lassen sich die Grenzen des Spielbretts und des Nach - Denkens mit eigenen Begriffen sehr viel wilder austesten. Vermutlich würden sich auch Beziehungsstreits über „Concept“ luftiger austragen lassen, aber dann sucht man sich vielleicht doch besser eine Paartherapie. Nach etwa einer halben Stunde rauchen bei „Concept“ allerdings die Köpfe und rückt der reichlich nackte und vorsichtig – didaktische Kern des Spiels unübersehbar in den Vordergrund. Also: nichts für lange Spieleabende, besser aufhören, solange der unbegrenzt wiederholbare irre Rausch am De- und Rekonstruieren noch bunt und golden in einer Atmosphäre des gegenseitigen Verständnisses leuchtet. Die neue Welt zieht sich währenddessen hinter dem Vorhang die Schuhe an und scheint für einen Moment ganz nahe. 

Ich selber scheitere, bei den Karten aus dem Giftschrank, allerdings regelmäßig an der unmittelbar verständlichen Umsetzung von „Morgenstund hat Gold im Mund“ (ja, Uhr, Sonne, Geld, Mund, schon klar, hilft nichts), doch das ist ja ohnehin gelogen.

 

 

07.04. "The Babadook" und der allein erziehende Horror

Doch wieder was mit Film: „The Babadook“ (Buch und Regie: Jennifer Kent, mit Essie Davis und Noah Wiseman), ein kleines australisches Horrorstück, kassiert hymnische und perplexe Kritiken und kriecht langsam auch nach Deutschland. Ich wollte ihn mir schon vor dem prasselnden Lob bei der bisher einzigen (!) Aufführung in Berlin anschauen, weil ich durch Titel, Plot und Plakat völlig irreführend angefüttert war, aber kann nicht mit Kalendern umgehen und schmorte darum die letzten Monate in hilfloser Vorfreude. Nun ist zumindest sehr rasch die englische DVD erschienen und in der Videothek aufgetaucht, und es wird synchronisiert. Wenn der Film es auch hierzulande bis zu den seriösen Kritikern schafft, könnte er auch hierzulande ein kleines Phänomen werden. „The Babadook“ handelt theoretisch von einem bösen, makabren Bilderbuch, das ein Eigenleben annimmt und verspricht märchenhaften jungianischen Grusel für die Fan – Meuten von Tim Burton und Neil Gaiman. Tatsächlich ist es eine brillante, freudlose und freudianische Strapaze ohne jedes postmoderne Gewaber. Eine verwitwete alleinerziehende Mutter und ihr schwer verstörter beinahe siebenjähriger Sohn entfremden sich mehr und mehr von ihrer mitleidlosen Umwelt und machen einander das Leben zur Hölle. Dass sie tatsächlich über ein morbides Pop up – Kinderbuch in Edward Gorey – Optik stolpern, das einen lauernden schwarzen Mann freisetzt, macht den Film erträglich. Streng genommen reichlich kindische Schockeffekte mit anonymen Anrufen, Schlägen gegen die Haustür und einem Monster in den Ecken sorgen für ein wenig Entspannung bei dem quälend langsamen Abstieg der Mutter in allumfassende Paranoia. Der ist messerscharf gestaltet: alle Schnitte sind zu schnell, alle Gesichter zu aufgewühlt, alle Töne zu schrill (das Rollen von Bingokugeln in einer Seniorenklinik zerrt an den Nerven wie anderswo nur kratzende Geigen). Amalia, die selbstgerecht gepeinigte Mutter, und Sam, ihr aggressiv verängstigter Sohn, sind hochgradig unangenehme Figuren, wie sie vor uns mit ihren Ticks und Erbärmlichkeiten seziert werden. Jedes Lachen von ihnen ist ein verzerrtes Weinen, in jedem Weinen liegt ein schiefer neurotischer Triumph. Sie fühlen sich unwohl in ihrer Haut und verrenken sich wund vor den Blicken von Lehrern und Nachbarn (fahle und gnadenlose lichtdurchflutetete Gespenster) und uns. Wir wollen nicht, dass Sam seine Cousine aus dem Baumhaus schubst, wenn sie spöttisch über seinen toten Vater redet, aber er tut es. Wir wollen nicht, dass Amalia Sam in Kleidern zu sich in die Badewanne zwingt, um nicht alleine zu sein, und sie tut es natürlich, und Schlimmeres. Optisch spielt „The Babadook“ drinnen in einem heruntergekommenen Ikea – Katalog, zwischen schimmelnden Möbeln im Landhaus – Stil, draußen in einer abweisend hellen Welt ohne Ruhepunkte. Amalia und Sam bannen den „Babadook“ schließlich dadurch in den Keller, dass sie die Erinnerung an Sams toten Vater endlich zulassen. Ohne dieses karge und glaubwürdige Happy end wäre der Film eine reine Tortur (und ein prima Prequel zu „Requiem for a dream“, an den auch Schnitt und Ton erinnern). Da der Genre – Aspekt reichlich uninspiriert und inkonsequent behandelt wird, könnte man fragen, warum „The Babadook“ ein Horrorfilm sein muss. Meine Antwort wäre: weil er einer ist.

 

Einen kleinen Teil der Ostertage verbrachte ich mit Diskussionen über die Definition dieses Genres (der Rest der Feiertage war seltsamer). Eine Bekannte, eine Bühnenbildnerin (nein, keine bekannte Bühnenbildnerin, auch wenn das gerecht wäre), war entgeistert, dass ich „Rosemarys Baby“ und „The shining“ zu den Horrorfilmen zählte, ich war entgeistert, dass sie das nicht tat. Anwesende Freunde versuchten, zu vermitteln, aber wir blieben beide unbelehrbar (ja, so kann man seine Zeit auch verbringen). Die Nachschlagewerke auf meinem E- Reader überzeugten die Bühnenbildnerin achtbarerweise überhaupt nicht: technisch möge man die Filme zum Genre zählen, aber Rezeption, Zielgruppe und Aussage seien nicht die des Horrors. Bei aller Sympathie geht es natürlich dabei einfach auch um Vorurteile: Horrorfilme sind für viele babbisch, dreggisch un`bäh, wie wir Hessen sagen, ein guter Genrefilm kann quasi nicht zum Genre gehören, weswegen u.a. der klassische Grusel mittlerweile auch unter dem Tarnnamen „Mystery“ läuft. Tatsächlich loten viele hervorragende Filme die Grenzen des Genres aus, aber „Rosemarys Baby“ und „The Shining“ mit ihrer sauberen Horrordramaturgie und ihrer unbeirrbaren Horrorthematik gehören nicht dazu. Es bleiben hervorragende Horrorfilme. Das Genre der Komödie reicht z.B. von „Am goldenen See“ (zwei Stunden lang schmunzelt der alte Henry Fonda in sich hinein) bis hin zur „Nackten Kanone