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(Der folgende Text war der Abschluss eines Erzählungsbandes, der im Jahr 2000 hier und da unter guten Vorzeichen herumlag und niemals erschien Er schreit nach einem update, aber wer tut das nicht?)

Ein sehr kleines Märchen

Am Anfang trieb eine Menge Kram durch das Nichts, und dieser Kram bestand aus unbelebten Felsbrocken oder Molekülen oder schwarzen Löchern - das ist alles nicht dasselbe, aber damals war noch niemand in der Gegend, dem der Unterschied aufgefallen wäre. Es gab noch keine Groß- und Kleinschreibung und keine Schokoriegel im Kühlregal und auch noch keine Diskussionen über das Binnen - I, wir müssen uns das alles sehr dunkel vorstellen, wirklich dunkel. Und stumm. Und irgendwann begann das dann mit dem Leben, hier sammelten sich ein paar Säuren an, da funkelte es wirr durch die Schwärze, und dort, auf einem großen Klumpen Materie, entstand dann beinahe ein bisschen Leben, und ließ es dann mit grazilem Zittern bleiben. Und auf einem anderen standen die Chancen für Leben dann wirklich ganz ausgezeichnet, aber am Schluss reichte es doch nur für ein paar interessante Steinkrater. Und schließlich, fließend, tastend, blubbernd, sammelte sich irgendwo in der Einöde genug Leben zum Leben, es hüpfte hierhin und dorthin, dämmernd, ohne ein Gespür für sich - und blieb am Ende voll blinder Neugierde und mit behaglichem Schmatzen auf der Erde kleben. Anderswo gab es vielleicht Knapp - vorbei - Leben oder So - in - etwa- Leben, aber das ist jetzt für uns nicht wichtig. Sicher schlummert noch eine Menge unaufgewecktes Leben irgendwo in der Dunkelheit, aber, wichtig ist: auf der Erde gab es dann Leben, wie wir es uns vorstellen, ohne Wenn und Aber, was immer anderswo auch los gewesen sein mag: Auf der Erde gab es Leben.

Aber, was heißt das schon? Auf der Erde gab es auch andere Dinge, wie Gesteinsplatten, die gegeneinander krachten, oder brodelnde Vulkane. Dafür, dass das sogar ohne Leben klappte, war es eine ziemlich gute Show. Der Erdkern spuckte klebriges, heißes Zeug aus, und es gab echt schöne hohe Berge. Es muss ziemlich komplett gewirkt haben, es gab keine Notwendigkeit für das Leben. Und dennoch entstand es.

Das Leben war eine wabernde Masse, ein chaotischer Ausschlag, ein wuselndes, kriechendes, waberndes Ungetüm in tausend Formen und Farben. Es robbte, zuckte und trippelte über den blauen und dann auch noch grünen Planeten, es ballte und verlor sich wieder, wie Luftbläschen, die vom Grund eines Sees taumelnd an die Oberfläche schweben, sich zu Ketten und Klumpen finden und dann wieder auseinander treiben. Es waren unglaubliche Kreaturen, die da auftauchten und nach einem Blinzeln der Ewigkeit meist wieder verschwanden. Glitschige, schuppige und pelzige Geschöpfe, sich schlängelnde, sich windende und trampelnde Wesen, riesige und winzige, schattenhafte und massige Viecher, mit Zehen oder Flügeln. Sie wimmelten durch die Ozeane, wanderten alleine durch die Wüste, flogen torkelnd durch die leeren Lüfte, verbuddelten sich im Schlamm. Sie hatten kein Bewusstsein und waren ziemlich verwundert. In ihrer unruhigen Verblüffung bissen sie sich am Anfang gegenseitig tot. Und wer nicht beißen konnte, der schmiss sich einfach auf eine andere Lebensform, so fest er konnte. Es war kein schöner Anblick, und alles quiekte und schrie und wimmerte. Dann wurde ihnen das zu blöd und sie begannen damit, aneinander herumzuspielen. Sie betatschten sich gegenseitig, lutschten und tatschten aneinander herum, und irgendwie machte das mehr Spaß. Einige bissen sich gegenseitig natürlich auch weiterhin tot, aber das waren die, die sowieso immer das Beste verpassten. Tja, es konnte wohl nicht ausbleiben, dass bei all den unbeholfenen, heißhungrigen, gekonnten und tumben Berührungen, bei all dem Kichern und Stöhnen und Seufzen, auch ein paar Kombinationen ausprobiert wurden, die dafür sorgten, dass sich Arten fortpflanzten. Wir müssen uns das alles sehr fließend vorstellen.

Was da entstand, waren Bastarde, Kreuzungen, Unmöglichkeiten. Sie alle waren das. Unnütze, unförmige, unglaubliche Gestalten mit schlackernden Extremitäten, kombinierten Gangarten, gedrungenen und schlanken Körpern, alles schräge, scheppe Skizzen, in grellen oder matten Farben. Und die Luft war erfüllt von ihrem leisen Wimmern und ihrem tosenden Blöken, von jaulenden Lauten, Zwitschern, Grunzen, Schnattern, Zirpen, Schreien und Bellen. Und aus dieser sinnlos über grüne Wiesen und durch zerklüftete Täler torkelnden Masse, dieser wimmelnden Freakshow, erhob sich der Mensch.

Wir müssen uns das alles sehr fließend vorstellen. Niemand weiß genau, wann der Mensch der Mensch wurde, und die Frage ist weder brisant, noch sonderlich intelligent. Der Umgang mit ihr war im Grunde schon immer pragmatisch: manche Kreaturen bezeichnen wir als unsere Verwandten, andere sperren wir in den Zoo. Dabei sind im Laufe der Geschichte schon so ziemlich alle Möglichkeiten durchgespielt worden. Na gut, Schimpansen haben bisher, außer in Filmen, noch keine Nordamerikaner eingefangen und ausgestellt, aber vielleicht kommt das nächsten Frühling. Aber die Schimpansen, Orang - Utans und Gorillas scheinen doch ziemlich eindeutig nicht mehr zur näheren Familie zu gehören: sie haben so viel Fell und so dumme Gesichter. Einige Horrorfilmproduzenten und Softpornoschreiber sehen das anders, aber das ist deren Problem. Vielleicht könnte man Menschen auch als eine interessante Pflanzenart beschreiben, aber ich glaube nicht, dass ein Manager und eine Efeuranke jemals wirklich glücklich miteinander werden könnten. Die Frage, was jetzt der Mensch ist, fanden in Wahrheit doch immer nur ein paar freundliche alte Männer mit zuviel Zeit und zu wenig Ideen, um beispielsweise eine neue Spaghettisauce zu erfinden, prickelnd. Für alle anderen, war die Behauptung, dass jemand KEIN Mensch sein könnte, immer wesentlich interessanter. Und dass jemand KEIN Mensch war, wurde immer dann bewiesen, wenn ein anderer Jemand Angst bekam, eine bestimmte Lebensform könnte ihm seinen Garten, seine Kartoffeln oder seinen Partner wegschnappen. Falls die andere Lebensform tatsächlich Ambitionen auf Garten, Kartoffeln oder den Partner hegte, hatte sie sich natürlich schon ziemlich eindeutig als Mensch qualifiziert, aber ein panischer Geist hat meistens keine Muse für den Dreisatz und denkt sich lieber ein paar neue Hinrichtungsarten aus. Vielleicht denkt ein Kanari, wenn er von einem verpickelten 12jährigen mit Zahnspange, Mundgeruch und verschwitzten Fingern in einen verbogenen Käfig gesteckt wird: „Das ist ja überhaupt kein richtiger Kanarienvogel.“ Und kommt sich verdammt erhaben dabei vor.

Aus unserer Perspektive ist aber nun mal der Mensch der Dreh - und Angelpunkt, was damit zu tun hat, dass wir alles menschlich nennen, was unsere Perspektive teilt. Das ist ein bisschen unfair, aber bis endlich das Übersetzungsgerät für die Sprache der Delfine erfunden wird, können wir prima damit leben. Nur: Wir dürfen uns das alles nicht zu geplant, nicht zu vernünftig und ordentlich vorstellen. Das Leben war immer ziemlich dumm. Noch heute rennen viele Lebewesen aus purer Idiotie gegeneinander, fallen um und tun sich weh. Das sind die Momente, die in Naturfilmen und in den Nachrichten immer herausgeschnitten werden. Ein paar Streber bemühen sich schon seit einiger Zeit, klarzustellen, dass alle Entwicklungen, Mutationen und verschlungenen Nebenwege des Lebens unfassbar akribisch durchdacht und an einer Art riesigem Reißbrett entwickelt worden sind. Das ist natürlich Humbug. Ganz sicher haben Millionen intelligenter, nützlicher, angepasster, folgerichtiger, flexibler und starker Arten NICHT überlebt, einfach, weil im falschen Moment ein Stein herunterrollte, oder es ein plötzliches Gewitter gab. Erscheinungen wie das Gürteltier oder das Meerschweinchen lassen sich beim besten Willen nicht logisch begründen.

All die Warnfarben, Bauten, Netze und Höhlen sind nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum entstanden. Wenn eine auf den ersten Blick ziemlich schwachsinnige Taktik, die quengelnden Jungen durch den Winter zu bringen, verblüffenderweise Erfolg hatte, wurde es weiterhin so gemacht. Kleine pfiffige Vögel wie die Schwalben bauen sich ihre Nester aus allem, was sie in die Finger kriegen. Dazu gehören auch schmutzige Taschentücher, Orangenpapiere oder Zigarettenhüllen. Weil der Mensch so etwas ein „ready made“ oder eine „Collage“ nennen kann und generell ziemlich clever in dieser Art des Herumbastelns ist, wird er gerne als „Krone der Schöpfung“ beschrieben. Das leuchtet irgendwo ein, aber letztendlich ist das wieder so eine überflüssige Fragestellung, die vor allem dazu taugt, sich schlaflose Nächte noch ein bisschen unerträglicher zu gestalten. Selbst Frischverliebte können sich in richtig schlechte Laune bringen, wenn sie nur häufig genug „Sind wir die Krone der Schöpfung?“ schreien und dabei den Kopf ein paar mal gegen die nächststehende Wand dotzen. Bescheiden wir uns damit: Der Mensch ist auf jeden Fall seltsam.

Wir müssen uns das alles sehr fließend vorstellen. Das menschliche Bewusstsein stand nicht eines Tages im Raum und sagte: „Hallo!“ oder irgendetwas von Descartes. Ein paar alte Affenstämme ließen es versanden, weil es das Leben eher anstrengend machte, ein paar andere spielten damit begeistert herum und entwickelten es weiter. Wie das ganze Leben an sich, ist das menschliche Bewusstsein im Grunde unnütz, widersinnig und völlig daneben. Wie Erdbeereis und romantische Liebe. Das menschliche Bewusstsein lässt sich schlecht wegdiskutieren, weil es konkrete Folgen hat: Riesige Steinklötze mit hässlichen Visagen drauf in abgelegenen Wüsten, New York oder das Waldsterben. Wo immer der Mensch auftaucht, macht er irgendwas anders. Und meistens geht dabei irgendwas hops. Das ist jetzt auch kein Grund, sich mit Lederpeitschen zu geißeln oder Pferden heulend um den Hals zu fallen oder die Wale um Verzeihung zu bitten, aber so sieht es nun einmal aus. Je eher sich der Mensch damit abfindet, dass er einfach permanent stört und ständig Ameisen tottritt, und einfach immer auf dumme Gedanken kommt, um so eher lernt er, daraus etwas zu machen, was die Welt ein bisschen leichter und spannender macht. Ganz sicher ist es schade, dass romantische Liebe meist keine konkreteren Folgen hat, als dass zwei Leute einander in die Augen schauen und dabei höllenglücklich sind, aber das reicht ja eigentlich auch vollkommen aus. Um die menschliche Eigenart, ständig neue Spielzeuge zu erfinden und alte zu zerbrechen, kommen wir trotzdem einfach nicht drum rum.

Wir müssen uns eines klarmachen: Dass der Mensch eine Missgeburt ist. Das ist jetzt kein Anlass zu Selbstekel oder dazu, dem nächsten Fitnessstudio viel Geld in den Rachen zu werfen. Aus der Perspektive eines Marskanals ist alles Leben widernatürlich, das über dezentes Vorsichihinköcheln hinausgeht, und das menschliche Bewusstsein ist sicherlich die verdrehteste Nebenwirkung, die die Evolution bisher hervorgebracht hat. Aber was weiß schon so ein Marskanal. Auch aus der Perspektive eines Kaninchens muss dieses ganze Umgraben, Aufbauen, Niederbrennen, Erfinden, Verwerfen, Wasandereserfinden ziemlich verwirrend aussehen, wenn auch vermutlich ganz unterhaltsam. Wir stehen ja umgekehrt auch ziemlich fassungslos davor, dass diese verrückten Kaninchen einfach die ganze Zeit da hocken, zittern und mit den Kiefern mahlen. Aber, entscheidender: Der Mensch ist auch nach seinen eigenen Maßstäben eine Missgeburt. Es wurde noch nie ein gesunder Mensch geboren. Gut, vermutlich wurde auch noch keine gesunde Termite geboren, aber Termiten haben auch keine Bilder an den Wänden von Klassenräumen oder Singleappartements, auf denen die perfekte Termite dargestellt ist. Menschen wurden schon immer ohne Arme und ohne Beine oder mit nur einem Auge oder mit Hasenscharte geboren. Und wenn ein Mensch tatsächlich mal bis auf, sagen wir Spreizfüsse oder eine zu hohe Stimme, 1a intakt und mustergültig und wie aus dem Eis gepellt auf die Erde geworfen wurde, dann passierte ziemlich bald immer etwas, dass ihn hinken oder Stimmen hören ließ oder ihn dazu brachte, Angst vor Brötchen zu entwickeln. Also, selbst wirklich schöne Frauen, die nie krank und nicht einmal richtig neurotisch sind und sich sogar nur ganz selten soap - operas ansehen, mit einer unglaublichen Aura und einem sonnigen Gemüt, mit Alabasterhaut und einem tollen Lachen, haben merkwürdige Muttermale an intimen Stellen oder die Narbe von einem Hundebiss am Knie. Die Menschheitsgeschichte ist ein Aufmarsch von Krüppeln, Versehrten, Kaputten und Angeschlagenen, die sich mehr oder weniger Mühe geben. Das ist jetzt auch kein Anlass, daraus einen unerträglichen Kitsch zu machen und bei sich auf Teufel komm raus nach Abnormitäten oder unterdrückter Heiligkeit zu suchen, aber trotzdem ist es so. Und natürlich müssen wir uns auch das alles sehr, sehr fließend vorstellen.

Wir haben keine Pflanzengeschichte. In der schönen, stillen, sanften Welt der Blüten und Blätter wird es keine Legenden und Sagen geben. Es ist unwahrscheinlich, dass sich die müden Farne gegenseitig die Heldentaten von Tommy, der Tulpe, die gegen die Blattläuse kämpfte, zuwispern. Das ist schade. Das heißt nicht, dass unsere Sauerstoff spendenden Freunde langweilige Leben führen würden. Die Pflanzen leben in Luft und Licht und Erde und Wasser, wiegen sich, strecken sich nach Musik aus und weichen vor Attacken zurück, wuchern und wachsen. Vielleicht stellen die umherschwirrenden Pollen, die Wurzeln schlagenden Samen viel eher das Leben in seiner eigentlichen Form, wie es durch den Weltraum irrte, dar, als wir. Aber das ist auch kein Anlass, um für ein nächstes Leben als Blume zu beten.

Die Menschheitsgeschichte begann vielleicht damit, dass irgendein schmerbäuchiger Jäger nicht wollte, dass die anderen so einfach vergaßen, dass er bei der irren Urviechjagd am Tag nach dem großen Regen das urigste Urviech mit einem extrem gewitzten Trick um die Ecke gebracht hatte. Und ein anderer Jäger, der den Angeber endlich ruhigstellen wollte, malte die Szene an die nächstbeste Wand. Oder damit, dass ein anderer auf einmal von der netten Frau in der Nachbarhöhle träumte. Er merkte, dass es ihm nicht gefiel, dass sie es nebenan mit den Burschen ihres engeren Stammes trieb und nicht mit ihm, und er begann traurig, vor sich hinzubrummen, und das klang so gut, dass er sich das Brummen merkte. Oder vielleicht auch damit, dass eine Sammlerin beim Anblick eines Sonnenaufgangs eine große Kraft in sich spürte, die überhaupt nichts mit dem Gebalge um das blutigste Fleisch an ihrer Feuerstelle zu tun zu haben schien. Es ist unwahrscheinlich, dass die Leithammel mit den Überlieferungen und der Kunst begonnen haben. Leithammel hatten noch nie ein Interesse daran, an die Zeit vor ihrer glorreichen Leithammelherrschaft oder an deren blinde Flecken zu erinnern. Und eine Lobpreisung von dem, was ist, bei Vermeidung aller schwierigeren Themen oder delikateren Nuancen, ist mit einem zweiminütigem Grunzen, an das sich 10 Minuten später schon niemand mehr erinnert, in der Regel problemlos abzuhandeln. Wichtig ist, dass ein paar Menschen bemerkten, dass sich die Dinge veränderten, und dass sie selber die Dinge mitveränderten. Das verstörte sie erstmal ziemlich. Wir müssen uns die ganze Geschichte als eine endlose Abfolge dummer Gesichter und großer Fragezeichen vorstellen. Wenn wir einer Spinne erklären würden, dass sie die ganze Zeit ziemlich komplizierte Netze entwirft, würde sie auch verdattert aus der Wäsche gucken.

Jeder Abriss der Menschheitsgeschichte wird schnell miefig und nagelt ein paar Türen zu. Entweder wird irgend etwas von Bestien und vertanen Chancen geraunt, oder irgend eine Vervollkommnung wird beschworen. Die Stimmung heben beide Modelle nicht so richtig. Eine besonders zähneknirschende Beschreibung behauptet, dass die ganze Gattung an der richtigen Abzweigung mal falsch abgebogen sei, und jetzt ginge es nur noch holterdipolter gegen eine fette Betonwand. Und kluge Menschen, die sich lieber schlechte als gute Fernsehsendungen ansehen und in Vorstädten wohnen, behaupten, dass alles, was an der menschlichen Kultur toll ist, nach und nach von miesem Müll weggespült würde. Das wäre traurig, aber das ist jetzt auch kein Grund, geifernd Shakespeare und das Weiße Album über dem Kamin festzunageln. Die können für sich selber sorgen, und das ist gut so. Tatsächlich müssen wir uns auch diese Prozesse und Grenzen wirklich sehr, sehr fließend vorstellen. Weder wird alles Gute untergehen, noch wird das Beste dem Zahn der Zeit trotzen. Vieles wird untergehen, vieles wird bleiben, vieles wird neu dazukommen. Und was kaputtgeht, was zerknüllt und weggeschmissen wird, sollte lange und ausgiebig beweint werden. Aber das ist kein Anlass zu trüben Alpträumen. Womit wir zum Kern vorstoßen.

Alpträume. Träume. Sexuelle Phantasien. Komplexe. Neurosen. Ideale. Bastelmodelle. Wahnvorstellungen. Alles wundervolles Zeug - und absolut krank. Vielleicht träumt ja eine Katze von der leckeren, abgekämpften Maus oder von den entsetzlichen Momenten, in denen die laute Frau mit dem Besen sie die Treppe herunterjagt. Wir wissen es nicht. Aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sie die Lieblingsbeschäftigung unserer Spezies begreifen könnte: Mit glasigen Augen ins Leere zu starren und sich etwas Wildes auszudenken. Dieses wunderbare Meer aus zusammengesponnenen Fundstücken aus den verschiedensten Bereichen unseres Hirns, diese gernegefühlte Gabe, Dinge hinter den Dingen zu sehen, sich an andere Dinge zu erinnern, sich ganz andere Dinge zu wünschen und dann alle diese Dinge im Kopf gegeneinander sausen zu lassen, lassen jede Sonnensehnsucht und jedes Mitgefühl in den Eingeweiden zum rotierenden Feuerrad mutieren. Wir müssen nicht darüber nachdenken, in wie weit wir mit unseren verhältnismäßig miesen Sinnesorganen eine äußere Wirklichkeit erfassen können. Das ist wieder einmal die falsche Frage. Offensichtlich kommt eine ganze Menge dabei rum, wenn wir es versuchen. Diese wohlgeordnete Rumpelkammer in unserem Herzen, dieses Feuerwerk an amoklaufendem Bewusstsein, ist unser Alpha und unser Omega. Wir können damit alles, was wir an Tönen, Gerüchen und Bildern spüren, ordnen oder zerstören. Wir können den Treibsand zu Goldstaub veredeln oder darin versinken. Wir müssen uns das alles sehr fließend vorstellen. Die Folgen sind bekannt: ICEs und Fresken, Vernichtungslager und gemeinsames Summen von Kinderliedern, Anrufbeantworter und Gedichte über kleine Meeresschildkröten und abscheuliche Kosenamen für Menschen, denen wir gerne ins Ohr stöhnen. Und solange wir immer wissen, welches unsere Lieblingseissorte ist und welchem Menschen wir im Halbschlaf etwas zumurmeln wollen und dass wir auf niemanden abdrücken wollen, ist das alles kein Anlass, zu verzweifeln oder sich in einem Erdloch im Wald zu verstecken. Dann können wir uns auch dreist und ehrfürchtig, albern und ernst eine Geschichte des Lebens ausdenken, auch wenn wir damit immer falsch liegen müssen.

Ich sitze in einem Café und halte ein Glas in der Hand. Es ist ein schlanker Kelch, er ist sicherlich beinahe so kostbar, wie er aussieht. Ich habe mich draußen durch den dunklen Regen gekämpft, bin ausgehungert und aufgeweicht, und draußen werden zu viele Menschen nass. Hier ist es warm, trotz der gekachelten Wände. In dem Moment, in dem ich mich umständlich auf den quietschenden Stuhl gesetzt habe, hat Musik eingesetzt. Grauenvoller alter italienischer Schlager, komplett mit Frauenchören, tief und wissend brabbelndem italienischem Gesang und einer quäkenden Elektroorgel. Der Regen prasselt gegen das Fenster. Ich trinke meine Limonade und halte den Kelch gegen das weiche Licht, gebrochen schimmert es abwechselnd grün und blau. Die Bedienung sieht auf und mir zu, und lächelt zweifelnd, als würden wir einander wohlmöglich erkennen. Plötzlich ist alles überklar und unwirklich, wie träge an den richtigen Platz gepoltert. Wie in schwerer Trance schreitet sie auf mich zu, und wie benebelt lächele ich sie so geheimnisvoll und weltmännisch an, wie ich es mir niemals zugetraut hätte. Sie schlendert selbstbewusst und verträumt zu mir herüber. Lässig ziehe ich mir den Schal vom Hals und stopfe ihn in die Tasche meines Mantels. Im milchigen Licht kräuseln sich ihre Lippen. Wir werfen einander wissende Blicke zu, nachlässig hebe ich die Hand zum Gruß. Nur wir beide sind hier, weit weg von den anderen, die Geräusche von Tassen und Tellern werden gedämpft, alles ist um die Ecke, vielleicht sogar eine bessere Welt. In Zeitlupe nähern wir uns langsam einander, Schlafwandler mit leuchtenden Augen. Ein Ruck, sie stolpert, krachend knallt Geschirr auf den Boden. Mit schiefem Gesicht greift sie in die Scherben, ein Kind schreit. Ich springe dazu und werfe den Tisch dabei um. Neben mir klirrt der Kelch. Unter piepsenden Flüchen beobachtet die Bedienung fassungslos, wie Limonade, Kakao und Cognac schmatzend zu einer Brühe ineinander fließen. Mein Mantel fällt in die Tunke, als ich ihr aufhelfe. Mit süßsaurem Lächeln sehen wir einander hilflos an. Sie sieht entnervt aus und ich idiotisch, sie stammelt etwas auf Hessisch, und ich stottere, aber ich ziehe ihr tapsig und verlegen einen kleinen Glassplitter aus der Hand.

Die Bedienung sieht zu mir auf, aufgewacht, mit einem süßsauren, entschuldigenden Lächeln und streicht mir kurz über die Hand.

Ich spüre die Blicke der anderen Gäste auf mir, verlegen und hämisch, und bemerke plötzlich die rinnende Limonadenlache auf dem Boden, die sich um demolierte Torten und zerbrochenes Porzellan schlängelt.

Bläschen schimmern in der Flüssigkeit, steigen auf und zerplatzen, finden sich zu Ketten, Trauben und Ringen - wie schlafendes Leben in der endlosen Weite des Alls.